Freilich kann hier nicht von Gesetzen im Sinne der Physik, sondern eben
nur von +Entwicklungsgesetzen+, die hier den Charakter +typischer
Sukzessionen+ haben, denen die kausal-teleologische Wirksamkeit des
Psychischen zugrunde liegt, die Rede sein. Differenzierung und
Integrierung, Auseinandertreten des relativ homogenen Erlebens in eine
Mannigfaltigkeit gesonderter Bewußtseinsvorgänge und darauf folgende
Zusammenfassung zu einheitlichem Zusammenhange -- das ist etwas, was die
psychische mit der biologischen Entwicklung gemein hat. Ebenso finden
wir das Prinzip der »Heterogonie der Zwecke« schon in der biologischen
Sphäre, wo es freilich schon mit psychischen Faktoren zusammenhängt.
Charakteristisch für das Psychische ist vor allem die +Entwicklung in
Gegensätzen+, welche vom +Kontrastprinzip+ beherrscht wird und mit der
Natur des Gefühls- und Willenlebens zusammenhängt. Dadurch nämlich, daß
sich Gefühle und Strebungen zu höchster Stärke und Wirkung ausleben,
findet eine Übersättigung und Abstumpfung der Psyche statt, die nun, des
Alten überdrüssig, nach Neuem, nach Veränderung ihres Zustandes strebt.
Da nun das Bewußtsein des Neuen vorzüglich durch die gegensätzlichen
Strebungen, die infolge des Nachlassens der älteren an Kraft gewinnen,
konstituiert wird, so ist der Umschlag der Tendenzen ins gerade
Gegenteil, der Übergang von einem +Extrem+ zum andern leicht
verständlich[50]. Besonders zeigt sich eine solche Entwicklung im
+geschichtlichen+ Geistesleben, im Wechsel z. B. von Moden, von
künstlerischen Richtungen, von politischen oder religiösen Strömungen.
Die Gegensätze folgen einander nicht bloß in der Zeit, sondern auch in
einer und derselben Periode ruft das eine Extrem leicht das andere,
gegensätzliche hervor, so daß z. B. nüchternste Wirklichkeitsbetrachtung
auf der einen Seite mit Mystik und Aberglauben auf der andern in
derselben Zeit zusammengehen können. Indem zur Thesis sich sogleich die
Antithesis gesellt, fehlt es freilich auch fast nie an einer »mittleren
Linie« der Geistesstimmung, an der Synthese von Extremen, bald in
eklektischer Weise, bald aber auch in organischer, schöpferischer Form,
die sich dann weiter entwickelt und, wenigstens als Tendenz, den
Extremen Konkurrenz macht, wie dies besonders das Beispiel
philosophischer Systeme oder Theorien lehrt. Da die Synthese nie
absolut, nie vollendet ist, da in den synthetischen Versuchen immer
wieder neue Einseitigkeiten vorkommen, kommt das Geistesleben nie zur
Ruhe, sondern mit einer gewissen +Periodizität+ kommen die
gleichartigen Tendenzen immer wieder, um freilich immer neue
Modifikationen psychischer Gebilde zu erzeugen. Selbsterhaltung im
Wechsel hier wie überall! Jene Tendenzen, welche zu ihrer Zeit durch
andere verdrängt wurden, kommen wieder auf, wenn die Verhältnisse
günstiger geworden, und dies wiederholt sich so lange, +bis alle
Potenzen der Psyche zur Entfaltung gekommen+, bis alles in ihr
Angelegte sich verwirklicht hat, bis alle Willensrichtungen und Ideen
sich »ausgelebt« haben. Beharrungs- und Veränderungstendenz wirken
hierbei stets zusammen, indem bald mehr die eine, bald mehr die
andere überwiegt.
Anmerkungen.
Zu I.
[1] Den Aktualitätsstandpunkt nehmen ein: +Spinoza+, +Hume+, +Fichte+,
+Schopenhauer+, +Fechner+, +Paulsen+, +Wundt+, +Joël+, +J. St. Mill+,
+Spencer+, +Höffding+, +Jodl+, +Jerusalem+, +Mach+, +Fouillée+,
+Bergson+, +Luquet+ u. a. Nach +Wundt+ ist das geistige Leben »nicht
eine Verbindung unveränderter Objekte und wechselnder Zustände, sondern
in allen seinen Bestandteilen Ereignis, nicht ruhendes Sein, sondern
Tätigkeit, nicht Stillstand, sondern Entwicklung« (Vorlesungen über die
Menschen- und Tierseele {2}[C], S. 495). Die innere Erfahrung ist »ein
Zusammenhang von Vorgängen« (Grundriß der Psychol.).
[C] Diese Ziffern bedeuten die Auflage des angeführten Werkes.
[2] Vgl. meine Schrift »Leib und Seele«, Leipzig 1906.
[3] Die reine Zeitlichkeit des psychischen Geschehens, die Stetigkeit
desselben, das wir erst zu einer Summe von Elementen veräußerlichen,
betont neuerdings +H. Bergson+.
[4] Vgl. +Lachelier+, Psychologie und Metaphysik; +Busse+, Geist und
Körper, u. a.
[5] So +Huxley+, +Ribot+ u. a.
[6] Vgl. die Kritik der Epiphänomen-Theorie bei +Fouillée+, Der
Evolutionismus der Kraft-Ideen, Leipzig 1907; +Busse+, Geist und Körper.
[7] Vgl. +Wundt+, Grundriß der Psychol. {5}, S. 3ff.
[8] Vgl. +L. W. Stern+, Person und Sache I.
[9] Eine parallelistische Identitätslehre vertreten in verschiedener
Weise: +Schopenhauer+, Welt als Wille und Vorstellung 1, § 18ff.;
+Fechner+, Zend-Avesta II, 164f.; I, 252f.; Über die Seelenfrage, S.
9ff., 110ff., 220f.; +Paulsen+, Einleit. in die Philosophie, S. 115;
+Ebbinghaus+, Grundz. der Psychologie I, 42f.; +Heymans+, Einführung in
die Metaphysik, S. 227ff.; +Ziehen+, Über die allgem. Beziehungen
zwischen Gehirn und Seelenleben, 1902; +Wundt+, Grundriß der
Psychol. {5}, S. 2ff.; Grundzüge der physiolog. Psychologie, II {4}, 648;
+B. Kern+, Das Wesen des menschlichen Seelen- und Geisteslebens, 2;
+Höffding+, Psychologie 2, C. 2; +Riehl+, Der philos. Kritizismus II 1,
63; +Grot+, Archiv f. systemat. Philos. IV; +Spencer+, Princ. of
Psychol. I {3}, p. 107ff., 627; +Fouillée+, Der Evolutionismus der
Kraft-Ideen, S. 37 u. a.; +Koenig+, Zeitschr. f. Philosophie und philos.
Kritik, Bd. 115; +Paulsen+, Zeitschr. f. Philosophie, Bd. 115;
+Heymans+, Zeitschr. für Psychol. und Physiol. der Sinnesorgane, 18. Bd.
1898; +Münsterberg+, Grundzüge der Psychologie I, 435, 492; +Riehl+, Zur
Einführung in die Philos. S. 156ff.; +Jodl+, Lehrb. d. Psychol. C. 2,
§ 24; +Eisler+, Leib und Seele, 1906; +B. Erdmann+, Wissensch. Hypothesen
über Leib und Seele, 1908; Experimentelle Arbeiten zur Bestätigung des
Energieprinzips im Organismus; +Rubner+, Die Quelle der tierischen
Wärme, Zeitschrift für Biologie, Bd. 30, 1894; +Atwater+, Neue Versuche
über Stoff- und Kraftwechsel im menschlichen Körper, Ergebnisse der
Physiologie, Bd. III, 1, 1904. +Gegen+ den Parallel. vgl. +Busse+,
+Höfler+, +Wentscher+, +Erhardt+, +Bergson+ u. a.
[10] Vgl. meine Schrift »Leib und Seele«, sowie meine Abhandlung »Die
Theorie des Panpsychismus«, in: Zeitschr. f. d. Ausbau der
Entwicklungswissenschaft I, H. 8.
[11] Vgl. +B. Kern+, Das Wesen des menschlichen Seelen- und
Geisteslebens, 1907.
[12] Über den Begriff der Seele vgl. +Fechner+, Über die Seelenfrage, S.
9, 210ff.; Zend-Avesta I, S. XIX; II, 148; +Wundt+, Logik II 2, 2, S.
245ff.; Grundriß der Psychol. {5}, S. 386; Grundzüge der physiol.
Psychol. II {4}, 633ff.; System d. Philos. {2}, S. 372ff., 606; +Jodl+,
Lehrbuch d. Psychol. S. 31; +Paulsen+, Einleitung in die Philos. {2}, S.
136, +Höffding+, Psychol. {2}, S. 16ff.; +Ebbinghaus+, Grundzüge der
Psychologie I, 17f.; +Fouillée+, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen;
+P. Carus+, Soul of Man, S. 419, u. a. Die Seele als Subjekt-Einheit;
+Sigwart+, Logik II 2, 207f.; +A. Vannérus+, Archiv f. systemat. Philos.
I, 1895, S. 363ff. Die Seele als Substanz: +L. Busse+, Geist und Körper,
S. 324ff. Vgl. +W. James+, Princ. of Psychol. I, 160ff., 342ff., u. a.
Zu II.
[13] Nach +Münsterberg+ ist das Psychische als der Gegenstand der
Psychologie nichts Reales, sondern ein Abstraktionsprodukt, das Produkt
einer Objektivierung, während die Geisteswissenschaften es mit dem
konkreten, stellungnehmenden, zwecksetzenden Subjekt und dessen Akten zu
tun haben, also »subjektivierend« verfahren (Grundzüge der Psychol. I,
57f., 62, 202). »Die Einheit des geistigen Lebens ist gar nicht ein
Zusammenhang psychologischer Objekte, sondern ein Zusammenhang von
Tatsachen, aus denen psychologische Objekte abgeleitet werden können«
(a. a. O. S. 382; vgl. Psychology and Life 1899). Vgl. dagegen
+Höffding+, Philos. Probleme, S. 13; +G. Villa+, Monist, 1902; +Eisler+,
Zeitschrift für Philosophie und philos. Kritik, Bd. 122, S 80ff.; +J.
Cohn+, Vierteljahrsschr. für wissensch. Philos. Bd. 26.
[14] Vgl. auch +R. Wahle+, Über den Mechanismus des geistigen
Lebens, 1906.
[15] Die psychische Kausalität ist uns als innerer Zusammenhang unserer
Erlebnisse unmittelbar, d. h. ohne daß es erst einer Deutung,
Projektion, begrifflich-hypothetischen Ergänzung bedarf, gegeben (vgl.
+Wundt+, Logik I {2}, 625ff., System der Philos. {2}, S. 291, 593f.).
»So erleben wir beständig Verbindungen, Zusammenhänge in uns, während
wir den Sinneserregungen Verbindung und Zusammenhang unterlegen müssen.«
»In dem Erlebnis wirken die Vorgänge des ganzen Gemüts zusammen. In ihm
ist Zusammenhang gegeben, während die Sinne nur ein Mannigfaltiges von
Einzelheiten darbieten. Der einzelne Vorgang ist von der ganzen
Totalität des Seelenlebens im Erlebnis getragen, und der Zusammenhang,
in welchem er in sich und mit dem Ganzen des Seelenlebens steht, gehört
der unmittelbaren Erfahrung an.« »Alles psychologische Denken behält
diesen Grundzug, daß das Auffassen des Ganzen die Interpretation des
Einzelnen ermöglicht und bestimmt.... Der erfahrene Zusammenhang des
Seelenlebens muß die feste, erlebte und unmittelbar sichere Grundlage
der Psychologie bleiben.« (+Dilthey.+)
[16] Vgl. meine »Einführung in die Erkenntnistheorie«, Leipzig, 1907.
[17] Zu dieser Kausalität gehört auch das psychische Innensein der
Faktoren, welche auf das erlebende Subjekt einwirken. Insofern hat
+Simmel+ mit seiner Bemerkung (Einleit. in die Moralwissenschaft II,
297) nicht unrecht. Vgl. +Kreibig+, Die Aufmerksamkeit, S. 51.
[18] Von diesem +primären Subjektmoment+ ist das +entwickelte
Selbstbewußtsein+ wohl zu unterscheiden, welches die Psychologie nicht
wie jenes hinnehmen kann, sondern genetisch erklären muß, soweit es mehr
ist als einfache, nicht ableitbare Subjektivität.
Zu III.
[19] Über den psychologischen Voluntarismus vgl. +Schopenhauer+, Welt
als Wille und Vorstellung; +J. H. Fichte+, Psychol. I; +Fortlage+,
System der Psychol. I; +Ed. v. Hartmann+, Philosophie des Unbewußten,
Moderne Psychologie; +Bilharz+, Metaphys.; +Paulsen+, Einleit. in die
Philos.; +Wundt+, Logik II {2} 2; Grundriß der Psychol. {5}; System der
Philos. {2}; +Höffding+, Psychol. {2}; +Tönnies+, Gemeinsch. u.
Gesellsch.; +Rümelin+, Reden und Aufsätze I; +Losskij+, Zeitschr. f.
Psychol. d. Sinnesorgane, Bd. 30, 1902; +Hughes+, Mimik d. Menschen;
+Goldscheid+, Ethik des Gesamtwillens I; +J. Ward+, Encycl. Brit. XX;
+L. F. Ward+, Pure Sociology; +Fouillée+, Psychol. des idées-forces I
und II; Der Evolutionismus der Kraft-Ideen, S. 10 u. 11; +Münsterberg+,
Grundzüge der Psychologie I; +Sigwart+, Logik II {2}; +W. James+, Princ.
of Psychology; +G. Villa+, Einleit. in d. Psychologie; +W. Jerusalem+,
Lehrbuch der Psychologie {3}; +Schellwien+, Wille u. Erkenntnis;
+Nietzsche+, Werke, u. a. Auch +Dilthey+ ist hier anzuführen, ferner
+Joël+, +Bergson+ u. a. Vgl. +Eisler+, Krit. Einführung in die
Philosophie, Berlin 1905; Wörterbuch der philos. Begriffe, 3. Aufl., Bd.
III; Grundl. d. Philos. d. Geistesleb., 1908.
[20] Vgl. L'évolutionisme des idées-forces, deutsch (Der Evolutionismus
der Kraft-Ideen). Philosoph.-soziologische Bücherei III. Leipzig 1908,
Dr. Werner Klinkhardt.
[21] Über Reflexe vgl. +Wundt+, Grundzüge der physiologischen
Psychologie, II {4}, 582ff.; Grundriß der Psychologie {5}, S. 230f.;
+Th. Ziegler+, Das Gefühl {2}, S. 215f., 308; +Fouillée+, Evolutionismus
der Kraft-Ideen, S. 40, 325ff., u. a.
[22] Über »Mechanisierung« des Bewußtseins vgl. +Wundt+, Grundriß der
Psychologie {5}, S. 229ff.; System der Philosophie {2}, S. 571ff.;
+Höffding+, Psychol. {2}, S. 67; +Jodl+, Lehrbuch der Psychol. S. 427f.,
432; +Fouillée+, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen, S. 10, u. a.
[23] Vgl. +Höffding+, +Natorp+, +Goldscheid+.
[24] Vgl. +Joël+, Der freie Wille, 1909.
[25] Gegen +Bain+, +Spencer+, +Ribot+, +Sergi+ u. a.
[26] Über funktionelle Bedürfnisse vgl. +Döring+ (Philos. Güterlehre,
1888), +Jerusalem+ u. a.
[27] Über Apperzeption und geistige Verarbeitung von Erlebnissen vgl.
+Wundt+, Grundriß der Psychologie {5}, S. 249ff.; Grundzüge der
physiolog. Psychol. II 4, 266ff.; +Külpe+, Grundr. d. Psychol., S. 441;
+James+, Princ. of Psychol.; +Stout+, Analyt. Psychol. II, 112;
+Jerusalem+, Lehrb. d. Psychol. {3}, S. 87; +Lipps+, Leitfaden d.
Psychol., S. 63ff., +B. Erdmann+, Vierteljahrsschrift für wissensch.
Philosophie X, 307ff., 340ff., 391ff.; +Baldwin+, Handbook of Psychol.
I, 65; +Ed. v. Hartmann+, Moderne Psychologie, S. 172, 425, u. a. --
Zwischen Apperzeptions- und Assoziationspsychologie soll nach
+Münsterberg+ die »Aktionstheorie« vermitteln, welche fordert, »daß
jeder Bewußtseinsinhalt Begleiterscheinung eines nicht nur sensorischen,
sondern sensorisch-motorischen Vorganges ist, und somit von den
vorhandenen Dispositionen zur Handlung ebensosehr abhängt wie von
peripheren und assoziativen Zuführungen« (Grundzüge der Psychologie I,
549). Vgl. dazu +Fouillée+, Der Evolutionismus der Kraft-Ideen.
[28] Über das Denken als Willenshandlung vgl. +Wundt+, Grundriß der
Psychologie {5}, S. 301ff.; +Külpe+, Grundriß der Psychologie, S. 464
(»antizipierende Apperzeption«); +Tönnies+, Gemeinsch. u. Gesellsch.,
S. 139f., +Jerusalem+, Lehrbuch der Psychol. {3}, S. 103; +Kreibig+,
Die Aufmerksamkeit, S. 3; ferner +Nietzsche+, +Höffding+, +Paulsen+,
+Fouillée+, +Sully+, +Jodl+, +Baldwin+, +James+, +Sigwart+
(»Denkwille«) u. a.
[29] Über die Rolle von Gefühl und Streben bei der Assoziation vgl.
+Horwicz+, Psychol. Analysen I, 168f.; +Windelband+, Präludien, S.
190ff.; +Höffding+, Psychol. {2}, S. 445ff.; +Ed. v. Hartmann+,
Philosophie des Unbewußten I 10, 246f.; +Wundt+, Vorles. über d.
Menschen- u. Tierseele {2}, S. 338; System der Philos. {2}, S. 583,
+Fouillée+ u. a.
[30] Der Richtungsbegriff und seine Bedeutung für die Philosophie.
Annalen der Naturphilosophie VI, 58ff.
Zu IV.
[31] Den teleologischen Gesichtspunkt hat in programmatischer Weise +W.
Dilthey+ dargetan (Ideen über eine beschreibende und zergliedernde
Psychologie, Sitzungsber. der Kgl. Preuß. Akadem. der Wissenschaften zu
Berlin, 1894; Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften,
Sitzungsbericht der Kgl. Akadem. der Wissenschaften 1905, XIV, S.
332ff.). Er ist (wie +James+ u. a.) Gegner der »atomistischen«
Psychologie und will, daß von den inneren Zusammenhängen der Seele in
beschreibend-analytischer, konstruktiver Hypothesen sich entschlagender
Weise vorgegangen wird, damit die volle Wirklichkeit des Seelenlebens
zur Vorstellung gelange. Die Psychologie ist »Beschreibung und Analysis
eines Zusammenhangs, welcher ursprünglich und immer als das Leben selbst
gegeben ist«. Sie hat »die Regelmäßigkeiten im Zusammenhange des
entwickelten Seelenlebens zum Gegenstand«. Sie muß »vom entwickelten
Seelenleben ausgehen, nicht aus elementaren Vorgängen dasselbe
ableiten«. Nur durch Abstraktion heben wir eine Funktion, eine
Verbindungsweise aus einem konkreten Zusammenhang heraus. »Der einzelne
Vorgang ist von der ganzen Totalität des Seelenlebens im Erlebnis
getragen«. Der erworbene Zusammenhang ist wirksam in jedem psychischen
Vorgang. -- Der psychische Strukturzusammenhang hat einen
»teleologischen Charakter«. »Wo in Lust und Leid die seelische Einheit
das ihr Wertvolle erfährt, reagiert sie in Aufmerksamkeit, Auswahl der
Eindrücke und Verarbeitung derselben, in Streben, Willenshandlung, Wahl
unter ihren Zielen, Aufsuchen der Mittel für ihre Zwecke« (Das Wesen der
Philosophie, in: Die Kultur der Gegenwart I, 6, S. 32ff.). Diese
seelische Teleologie hat +Dilthey+ geistesphilosophisch zum Teil
ausgeführt. -- Zur Teleologie des Seelischen vgl. +Spencer+, +Romanes+,
+James+, +Baldwin+, +Dewey+, +Höffding+, +Ribot+, +Fouillée+, +Bergson+,
+Luquet+, +Ebbinghaus+, +Wundt+, +Jodl+, +Mach+, +Jerusalem+, +Simmel+,
+Groos+, +L. W. Stern+, ferner +A. Pauly+, +Francé+, +Kohnstamm+ u. a.
Vgl. +Kohnstamm+, Intelligenz und Anpassung, Annalen der
Naturphilosophie 1903; Grundlinien einer biologischen Psychologie,
Versamml. deutscher Naturforscher und Ärzte, 1903; Die biologische
Sonderstellung der Ausdrucksbewegungen, Journal für Psychologie und
Neurologie, 7. Bd. (Unterscheidung von »Teleoklise«, d. h.
Zwecktätigkeit und »Expressivität«, Ausdruckstätigkeit als der beiden
spezifischen Formen des Lebens). Dazu sei bemerkt, daß auch die
+Ausdrucksbewegungen+ auf Zielstrebigkeiten beruhen, indem sie
phylogenetisch aus Willens-(Trieb-)Vorgängen (bzw. deren physiologischen
Korrelaten) hervorgegangen sind.
[32] Die organische Auffassung der Seele wird konsequent von
+Ebbinghaus+ durchgeführt. Nach ihm ist die Seele »derselben Art wie das
Nervensystem und damit wie der ganze Körper, nämlich ein seine eigene
Erhaltung erstrebendes System innerlich erlebter Bildungen und
Funktionen.... Diese Selbsterhaltung aber verwirklicht sie in zweifacher
Weise. Einmal durch Kampf mit dem, was uns in äußerer Erscheinung als
Außenwelt gegeben ist.... Und zweitens durch Betätigung ihrer bestimmten
Eigenart, durch das Ausleben und Sichauswirken der ihr nun einmal
verliehenen Kräfte und Anlagen« (Psychologie, in: Die Kultur der
Gegenwart I, 6, S. 195). Den biologischen Standpunkt in der Psychologie
vertreten ferner +James+, +Baldwin+, +Spencer+, +Romanes+, +Ribot+,
+G. H. Schneider+, +Jodl+, +Jerusalem+, +Kreibig+, +Groos+, +Mach+ u. a.
[33] Wie dies besonders +Dilthey+, +James+ und neuerdings in
geistvoller Weise +H. Bergson+ (Matière et Mémoire; L'évolution créatrice)
betont haben.
[34] Über den »voluntaristischen Kritizismus« vgl. meine »Einführung in
die Erkenntnistheorie« 1907.
[35] Vgl. +Döring+, +Jerusalem+ u. a.
[36] Vgl. +Groos+, Spiele der Tiere, und Spiele der Menschen.
[37] Vgl. +Münsterberg+, Philos. der Werte, Leipzig 1908.
[38] +Goldscheid+, Entwicklungswerttheorie, Leipzig 1908, ferner
Schriften von +Höffding+, +R. Richter+ u. a.
[39] Teleologische Bedeutung haben die Gefühle nach +Spencer+, +Bain+,
+Ribot+, +Ebbinghaus+, +Jerusalem+, +Jodl+, +Z. Oppenheimer+ u. a. --
Zum Willen bringen die Gefühle als Symptome (Reaktionen) oder Momente
desselben +Schopenhauer+, +Ed. v. Hartmann+, +Nietzsche+, +Hamerling+,
+Paulsen+, +Windelband+, +Wundt+ u. a. Nach +Wundt+ sind Gefühle teils
Anfangs-, teils Begleitzustände des Wollens.
Zu V.
[40] Über psychische Vererbung vgl. +Darwin+, Ausdr. d.
Gemütsbewegungen; +Lloyd Morgan+, Animal Life and Intelligence, 1890;
+Galton+, Hereditary Genius, 1869; +Ribot+, L'hérédité, 2. éd. 1882;
+Wundt+, Grundriß der Psychol. {5}, S. 342; +Sully+, Handbuch der
Psychologie, S. 55f.; +Spencer+, Psychologie; +Romanes+, Die geistige
Entwicklung; +Lewes+, Probl. of Life; +L. Wilser+, Die Vererbung
geistiger Eigenschaften; +Baldwin+, Handbook of Psychol. 1890f.; Die
Entwicklung des Geistes beim Kinde und in der Rasse, 1895; +Semon+,
Mneme {2}, 1908, u. a.
[41] Grundriß der Psychologie {5}, S. 396; System der Philosophie {2},
S. 304, 307.
[42] Vgl. +L. W. Stern+, Person und Sache I.
[43] Ein Gesetz der Erhaltung psychischer Energie stellt +Fouillée+ auf:
»Das Lebewesen ist bemüht, gegenüber den äußeren Hindernissen eine
ziemlich konstante Energiemenge zu bewahren; es ersetzt seine Verluste
durch seine Erwerbungen und strebt unaufhörlich nach dem Gleichgewicht.
Auf seelischem Gebiete zeigt sich diese Tendenz zum Gleichgewicht, zur
Selbsterhaltung und zur Erhaltung der durchschnittlichen Energiemenge
ebenfalls. Es besteht für das geistige Wachstum wie für die
Gehirnzunahme eine Grenze; eine zu stark entfaltete Fähigkeit zieht die
Schwächung anderer nach sich« (Evolutionism. d. Kraft-Ideen, S. 208f.).
Es besteht ferner eine quantitative Korrelation, eine Wechselfolge und
ein Rhythmus zwischen den verschiedenen Arten der psychischen Energie
(ibid.). Vgl. +Münsterberg+, Grundzüge der Psychol. I; +Jodl+, Lehrbuch
d. Psychologie, S. 88, +Grot+ u. a.
[44] Gegner eines absolut Unbewußten sind auch +Fechner+, +Paulsen+,
+Rehmke+, +Brentano+, +Sigwart+, +Höffding+, +Ziehen+, +Wundt+, +Jodl+,
+Fouillée+ u. a.
[45] Das betont u. a. +Jodl+.
[46] Vgl. +B. Erdmann+, Wiss. Hyp. über Leib und Seele, S. 88ff.,
+Offner+, D. Gedächtnis, Berlin 1909, S. 23ff. Daß infolge des
organischen Charakters der Psyche eine gewisse +Periodizität+ in ihr
besteht, daß Zeiten der Hochspannung und Produktivität mit solchen der
Depression und Erschöpfung in gewisser Gesetzmäßigkeit abwechseln,
erscheint plausibel, mag es auch um die nähere Bestimmung dieser
Perioden, wie sie +H. Swoboda+ versucht, noch mißlich bestellt sein.
Vgl. +Swoboda+, Die Perioden des menschlichen Organismus in ihrer
psychologischen und biologischen Bedeutung, 1904; Studien zur
Grundlegung der Psychologie, 1905. Vgl. +Fließ+, Der Ablauf des Lebens.
[47] Vgl. meine »Einführung in die Erkenntnistheorie«, Leipzig 1907.
[48] Über das Gesamtbewußtsein und sein Verhältnis zum Einzelbewußtsein
vgl. +Lazarus+, Das Leben der Seele I {2}, 333ff.; +Wundt+, Ethik {2},
S. 449, 453, 458ff.; Völkerpsychologie I 1, S. 9ff.; +Schäffle+, Bau und
Leben des sozialen Körpers {2}; +Baldwin+, Das soziale und sittliche
Leben; +Tarde+, Les lois de l'imitation; +Le Bon+, Psychologie der
Massen, deutsch, Leipzig 1907, Klinkhardt.
[49] Vgl. meine »Grundlagen der Philos. des Geisteslebens«, 1908.
[50] Über die Entwicklung in Gegensätzen vgl. +Wundt+, Grundriß der
Psychologie {5}, S. 401f.; Logik II {2}, S. 282ff.
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