präsent sind, irgendwo unbewußt lauern, bis sie wieder ins Bewußtsein
treten können. Nimmt man von der Vorstellung das Bewußtsein weg, dann hebt
man sie selbst auf, denn sie ist nur eine besondere Form, eine Modifikation
des Bewußtseins (im weitesten Sinne), welches nicht neben den Erlebnissen
einhergeht, zu ihnen hinzukommt, sondern ein Ausdruck für das Gemeinsame
aller Erlebnisse, eben das Erleben (Erlebtwerden) ist. Es gibt also keine
absolut unbewußten Vorstellungen und die Reproduktion, mit der die
Assoziation verbunden ist, ist keine Hervorholung der Vorstellungen aus dem
Unbewußten ins Licht des Bewußtseins. Jede »reproduzierte« Vorstellung ist
vielmehr ein +neues+, besonderes Erlebnis, das inhaltlich zwar einem
früheren Erlebnis sehr ähnlich ist, trotzdem aber, abgesehen von mehr oder
weniger erheblichen Abweichungen, funktionell nicht mit dem alten Erlebnis
zusammenfällt. Freilich muß die Reproduktion der Vorstellungen
+Bedingungen+ haben, durch die sie ermöglicht wird. Diese Bedingungen sind,
objektiv-physisch betrachtet, »Spuren«, potentielle Energien bzw.
molekulare Umlagerungen im Zentralnervensystem, im Gehirn. Und bei der
Assoziation dürften infolge von »Bahnungen« u. dgl. zusammengehörige,
früher irgendwie verbunden gewesene Partien oder Funktionsanlagen in
Tätigkeit treten, indem die Erregung der einen Partie oder der einen
Funktionsanlage eine Erregung bestimmter anderer Bestandteile nach sich
zieht. Psychologisch aber kann natürlich nicht von Molekularumlagerungen u.
dgl. gesprochen werden. Gleichwohl ist man berechtigt, von funktionellen
+Dispositionen+ zur Reproduktion von Vorstellungen u. dgl. zu reden. Es
sind das nicht bestimmte, unbewußt existierende, bereitliegende Inhalte,
sondern Nachwirkungen früherer Erlebnisse in der psychischen
Organisationseinheit, +Tendenzen+ der Psyche zur Erneuerung von Erlebnissen
unter bestimmten Anregungen, Antrieben, welche von gewissen anderen
Erlebnissen (gefühlsbetonten Wahrnehmungen oder Vorstellungen) ausgehen. So
zeigt sich auch die +Erinnerung+ und die Fähigkeit dazu, das +Gedächtnis+,
als ein nicht rein intellektuelles, sondern +volitionelles Phänomen+,
dessen physiologisches Korrelat wohl in der Aufspeicherung potentieller
Energie im Gehirn und deren Übergehen in aktuelle Energie besteht.
Psychische »Dispositionen« sind also nicht selbst Vorstellungen, sondern
nur »Bereitschaften« zu solchen, es sind psychische Potenzen als das
Innensein der Gehirndispositionen. So verhält es sich auch mit den sog.
+Anlagen+, die nichts anderes sind als ursprüngliche, ererbte, angeborene
psycho-physische Dispositionen, im Unterschiede von den individuell
erworbenen Dispositionen und Fertigkeiten. Alle Dispositionen, ererbte und
erworbene, sind Resultate der +Übung+, als solche stehen sie zur Richtung
des +geringsten Widerstandes, der kleinsten Kraftaufwendung+ in Beziehung,
haben also eine +ökonomische+ Bedeutung, aus der sich auch die ihnen eigene
Tendenz oder Strebung begreift. Sind die Dispositionen einerseits
Nachwirkungen von Willens- und Triebhandlungen, inneren und äußeren, so
üben sie anderseits einen außerordentlichen Einfluß auf die
Weiterentwicklung des Seelenlebens aus, sie werden zur Grundlage neuer und
höherer, reicherer geistiger Prozesse und zugleich mitbestimmend für die
+Richtung+, welche diese nehmen.
Der Begriff der +Richtung+ (dessen Bedeutung von +R. Goldscheid+[30]
betont wurde) ist überhaupt für die Psychologie wichtig. Er ist hier wie
in der Naturwissenschaft unentbehrlich, weil der Qualitäts- und der
Intensitätsbegriff nicht ausreichen, um gewisse Unterschiede in den
psychischen Vorgängen festzulegen. In erster Linie und primär ist die
»Richtung« im Seelischen ein Modus des Willens, dessen Wirksamkeit
verschieden ist, je nach dem Ziele, auf das der Wille gerichtet,
eingestellt ist. Mit gutem Sinne können wir z. B. von einer Richtung des
Vorstellungsverlaufes sprechen, die entweder von momentanen,
triebartigen Impulsen oder aber vom zweckbewußten Willen (Denkwillen)
abhängig ist. Der Wille beeinflußt die Richtung der Erlebnisse, die Art
des Ablaufes, des zeitlichen Zusammenhanges, des (relativen) Abschlusses
derselben, abgesehen davon, daß der Aufmerksamkeitswille verschieden
gerichtet sein kann, indem er bald auf das eigene subjektive Erleben,
bald auf die objektiven Inhalte desselben sich lenkt. Der Wille als
solcher ist, in Beziehung auf seinen Zielpunkt, ein (dynamisches)
»Gerichtetsein«, dessen direkte oder indirekte, totale oder partielle
Objektivierung die Richtung der psychischen Energie der Gehirn- und
Nervenprozesse ist. Für den Unterschied zwischen Trieb und Willkür
(Wahl) mechanisierter (automatischer) und aktiver Geistesfunktion ist
die Unterscheidung eindeutig und mehrdeutig bestimmter Richtung von
Wichtigkeit, z. B. für das Problem der Willensfreiheit. --
Es würde den Rahmen dieser Arbeit weit übersteigen, sollte der Anteil
des Willens an den seelischen Geschehnissen im einzelnen aufgezeigt
werden. Es genügt, wenn wir dartun konnten, daß sowohl im niederen,
einfachen, wie im höheren, komplizierten Seelen- und Geistesleben der
Wille in verschiedener Form und Richtung das +zentral Wirksame+, die
innerste Energie des Bewußtseins ist, und daß der +vollständige+,
unabgekürzte, ungehemmte psychische Vorgang eine +Willenshandlung+ ist.
Erst durch +Abschwächung+, +Abstumpfung+ des Strebens und Fühlens, des
Appetitiven und Affektiven kommt das verhältnismäßige »rein«
Intellektuelle, das neutrale Wahrnehmen, Vorstellen und Denken zustande,
+teilweise aber selbst wieder unter dem Einfluß des Willens+, nämlich
des Kulturwillens, der eine möglichste Beherrschung, Zurückdrängung des
Triebhaften, Affektiven mit sich bringt.
IV. Der Zweck im Seelischen.
Während in früheren Perioden der wissenschaftlichen Forschung die Idee
des Zweckes und der Zweckmäßigkeit, kurz, die +Teleologie+ meist in der
Form eines Gegensatzes zum Kausalitätsbegriff oder aber so auftrat, daß
in der Natur zwei Arten von Ursächlichkeiten, die kausale und die
finale, nebeneinander, ohne innere Verbindung walten sollten, ist es ein
Postulat unserer Zeit -- das aber schon bei älteren Denkern, besonders
bei +Leibniz+ sich geltend machte -- die Teleologie so zu fassen, +daß
sie zu der kausalen Betrachtungsweise in keinen Widerspruch gerät+,
vielmehr mit ihr aufs beste harmoniert. Von einer »transzendenten«
Teleologie, wonach Gott oder die Natur den Dingen bestimmte Zwecke
gesetzt hat, denen diese unbewußt oder bewußt nachgehen, will man mit
Recht, wenigstens innerhalb der empirischen Wissenschaft, nichts wissen.
Anderseits ist den noch immer in großer Zahl vorhandenen Gegnern aller
Teleologie entgegenzuhalten, daß man in der Biologie und in den
Geisteswissenschaften ohne Teleologie nicht auskommt. Nur muß das eine
+immanente+, eine »Auto-Teleologie« (+Pauly+) sein, welche Ziele und
Zwecke nicht als Wesenheiten außerhalb der lebenden, handelnden Wesen,
sondern als etwas diesen +Innerliches, Immanentes, von ihnen selbst
Gesetztes, Erstrebtes, Verwirklichtes+ bestimmt und den Einfluß
+äußerer+, nicht-teleologischer, rein kausaler Faktoren gebührend
würdigt. Finalität und Kausalität schließen einander nicht aus, sondern
sind, wie wir gleich sehen werden, nur +zwei Betrachtungsweisen bzw.
Phasen einer und derselben Reihe des Geschehens+, ohne daß deshalb, wie
manche meinen, etwa die Finalität nur subjektiv, nur ein »Regulativ« für
unser Erkennen sein muß.
Wo wir innerhalb der empirischen Wissenschaft kein Seelisches annehmen
dürfen oder, besser, nicht anzunehmen brauchen, beim Anorganischen, und
überall da, wo wir nicht in der Lage sind, mit Sicherheit bestimmte
psychische Handlungen einfühlend zu erkennen, da sind wir berechtigt,
bloß von einer »regulativen« und heuristischen Anwendung des
Zweckbegriffes zu sprechen, d. h. die Dinge so anzusehen, +als ob+ sie
einem Zwecke dienten, um leichter zu kausalen Reihen zu kommen und diese
besser zu verstehen. Aber das ist nicht der einzige zulässige Gebrauch,
den man von der Teleologie machen darf, und zwar nicht erst in der
Metaphysik, sondern schon in der Biologie, Psychologie und in den
Geisteswissenschaften. Hier ist es vielfach oft die Idee des Zweckes,
die erst +Einheit in die Erfahrung+ bringt, diese erst »konstituiert«
und das Geschehen erst sinnvoll, bedeutsam macht. Aber auch hier ist die
»Finalität« nur eine Seite oder Phase desselben Geschehens, das zugleich
sich kausal beschreiben läßt. »Konstitutiv« ist der Zweckbegriff hier
aber schon deshalb, weil wir, während Zwecksamkeit, Finalität in das
Physische zunächst nur +hineingelegt+ wird, sie +an uns selbst, in
unserem seelischen Verhalten unmittelbar erleben+ oder setzen und sie
ebenso als ein allem Seelischen unmittelbar Anhaftendes ansehen müssen,
als ein +Charakteristikon des Psychischen selbst+[31].
In der Tat, der +Zweckbegriff+, der formal unserem beziehenden Denken
entspringt, hat sein Ur- und Vorbild im eigenen Erleben des +Subjekts+.
Dieses ist selbst durch und durch ein Zwecke-setzendes, »zielstrebiges«
Wesen und es ist tätig, um diesen seinen Zwecken zu genügen, um sie zu
verwirklichen, aus der Potenz in die Aktivität überzuführen. +Das
Subjekt ist ein Zwecke-objektivierendes Wesen.+ Sein ganzes Tun ist ein
+Inbegriff von Mitteln zur Realisation von Zwecken+, zur Erreichung von
Zielen. Zunächst ist aber zu zeigen, wie das möglich ist, ohne daß das
Kausalitätsgesetz durchbrochen, außer Geltung gesetzt wird.
Ein einfaches Beispiel für eine Zwecktätigkeit ist die Handlung, bei der
ich den Arm ausstrecke, um ein Buch zu ergreifen. Psychologisch geht
folgendes vor: ich habe ein Ziel in Gestalt einer Vorstellung vor Augen,
die »Lust« dazu und das Streben nach dessen Erreichung, welches sich in
Bewegungsempfindungen u. dgl. umsetzt und schließlich zu jenem
psychischen Zustande führt, welcher mit dem Besitze des Buches verbunden
ist. Dieselbe Reihe ist nun auch rein kausal beschreibbar. Zuerst war
meine Armbewegung »Mittel« zur Besitzergreifung des Buches, diese aber
»Zweck« meiner Handlung; jetzt ist die Handlung (das Ausstrecken des
Armes) »Ursache« des Ergreifens und Festhaltens des Buches und zwar
sowohl psychisch (als unmittelbares Erlebnis von Empfindungen und
Vorstellungen) wie physisch (als objektiv-physikalisch aufgefaßte
Bewegung). Was bei der einen Betrachtungsweise Mittel und Zweck ist, ist
für die andere Ursache und Wirkung. Der Zweck ist nichts als die im
Erleben antizipierte, die +vorstellend erstrebte Wirkung+, die reale
Wirkung ist der +aktualisierte Zweck+, ohne daß sie stets genau mit
diesem übereinstimmt. Die oft gestellte Frage: wie kann etwas, was noch
nicht da ist, was der Zukunft angehört, Ursache eines Geschehens sein,
beantwortet sich dahin, daß +nicht die reale Wirkung selbst+ Ursache des
Handelns ist, sondern die +Vorstellung der Wirkung+, des Resultates und
zwar als +Inhalt oder Motiv des Willens+. Zweck ist soviel wie
Willensziel, Willensinhalt, nicht etwas selbständig Existierendes und
Wirksames. Der Zweck wirkt nur +im und durch den Willen+, dieser ist als
psychischer Vorgang die Ursache von Handlungen, durch welche das
Gewollte, der Zweck, verwirklicht wird. Das Eigenartige der
Zwecksamkeit, das »Wozu« ist kein besonderes Geschehen, dem physisch
etwas parallel geht, sondern liegt schon im +Zusammenhange des Wollens+,
der allein sein physiologisches Gegenstück hat. Das Subjekt will etwas,
und zwar weil es ein anderes will usf. Dies führt zu einem ganzen
+System von Wollungen+, deren jede auf die andere so bezogen ist, daß
eine aus der andern mit +innerer Notwendigkeit+ erfolgt, einer
Notwendigkeit, die final und kausal +zugleich+ ist, je nachdem wir in
der Ordnung der Reihen vorgehen. Dieses System von Zwecksetzungen, in
welchem jeder Zweck wieder Mittel für einen anderen Zweck sein kann, ist
nicht bloß formal zur Einheit verknüpfbar, sondern erweist sich bei
gehöriger Selbstbesinnung und vergleichender Betrachtung fremden
Seelenlebens als +einheitlich gerichtet+, indem es dem obersten
subjektiven Zweck, der +Erhaltung und Betätigung der Einheit des
Subjekts+, also dem +Einheitswillen+ sich unterordnet. Dieser
Einheitswille, der +Wille zur Bewahrung der Ich-Einheit in aller
Mannigfaltigkeit der Erlebnisse+, ist der oberste Grund, dem das
seelische Handeln entfließt, das Motiv der Motive. Indem nun die Psyche
in ein solches System von Wollungen oder Zielsetzungen sich
auseinanderlegt, ist sie so recht eine »Entelechie« (im Sinne noch mehr
des Leibniz als des Aristoteles), +eine sich von innen aus aktiv-reaktiv
entfaltende, entwickelnde Subjektivität+, ein »Organismus«, dessen
Objektivation oder Ausdruck der leibliche Organismus ist[32].
Wenn der +Neo-Lamarckismus+ so sehr die Wirksamkeit psychischer Faktoren
und die Geltung einer »Auto-Teleologie« betont, so ist er durchaus im
Rechte, vorausgesetzt, daß er nicht die Bedeutung äußerer Faktoren (Milieu,
Auslese usw.) vernachlässigt. In der Tat: wollen wir das Leben nicht bloß
äußerlich in dessen Erscheinungen beschreiben, sondern es in seinem inneren
Wirken verstehen, wollen wir die Zweckmäßigkeit der Lebensprozesse und
deren Produkte begreifen, so können wir nicht umhin, auf die +Bedürfnisse+
zurückzugreifen, die durch Anregung des Strebens zu lebensnützlichen
Reaktionen verschiedenster Art führen. Es gibt zweifellos eine +aktive
Anpassung+, bei welcher der Organismus, seinen durch den Wechsel der
äußeren Bedingungen erregten +Bedürfnissen+ folgend, so tätig ist, daß
diesen Bedürfnissen Genüge getan wird, bis, durch +Übung+ und +Vererbung+
festgewordener Übungsresultate, eine größere Harmonie des Baues und der
Funktionen des Organismus mit dem Naturmilieu erreicht ist. Die erreichte
Zweckmäßigkeit ist also ein Resultat der psychischen, zielstrebigen
Einwirkung des Organismus auf sich selbst, die, wir wissen bereits warum --
ihr physisches, physiologisches Korrelat hat. Die Zielstrebigkeit ist aber
nur zum geringeren Teil direkt auf Realisierung von bestimmten
Vorstellungsinhalten gerichtet, vielfach und primär ist sie nur triebhafte
Reaktion zur Abstellung von Unlust oder Gewinnung von Lust nach einer
bestimmten Richtung, Tendenz zur Herstellung des gestörten Gleichgewichts,
zur Entfernung störender Reize u. dgl. Das objektiv Zweckmäßige ist zwar
durch das zielstrebige Verhalten des Organismus bedingt, aber keineswegs
ein direktes Resultat desselben, sondern das Produkt einer +Komplikation
von Faktoren+ und einer ganzen Reihe von Zielstrebigkeiten und Handlungen.
Es mußte dies betont werden, weil es auch für die Psychologie als
solche, nicht bloß für die Biologie gilt. Auch hier müssen wir von den
+primären+ Zielstrebigkeiten und Zwecksetzungen jene +Folgen+ und
+Nebenwirkungen+ unterscheiden, die, indem sie irgendwie in die Richtung
der individuellen Zielstrebigkeit hineinpassen, später selbst finalen
Charakter erlangen, ohne daß vorher auch nur im geringsten an sie
gedacht worden wäre. Für die individuelle, wie für die soziale,
kulturelle Entwicklung ist dieses Prinzip der »Heterogonie der Zwecke«
(+Wundt+) von nicht geringer Bedeutung, es erklärt uns die beständige
Steigerung, das Wachstum geistiger Werte, und es zeigt uns, wie es das
Wesen des Geistes ist, +Kausalität in Finalität+ zu verwandeln, bzw.
in deren Dienst zu nehmen.
Das Umgekehrte ist nun die +Verwandlung von Finalität in Kausalität+.
Wir meinen damit freilich nicht, als ob je im Seelenleben die Finalität
verloren ginge und an ihre Stelle reine, mechanische Kausalität träte.
Wir wissen bereits, daß die »Mechanisierung«, von der in der Psychologie
die Rede ist, nur eine Abkürzung und ein Eindeutig-Werden von
Willenshandlungen ist, keine absolute Entseelung. Aber Tatsache ist es,
daß Handlungen, welche ursprünglich mit mehr oder weniger
Bewußtseinsklarheit auf ein bestimmtes Ziel gerichtet waren, später
durch das, was wir »Gewöhnung« nennen, rein triebmäßig und schließlich
+ganz automatisch+, ohne Richtung auf ein bewußtes Ziel verlaufen
können, so daß sie uns als bloße Wirkungen psycho-physischer
Antezedentien erscheinen. Nur insofern diese Handlungen Glieder des
teleologischen Zusammenhanges der Gesamtpsyche sind, haben sie jetzt
finalen Charakter, nicht aber für sich genommen. Oder wenn man will,
läßt sich diese Art psychischer Kausalität als Grenzfall psychischer
Finalität ansehen, als +stabilisierte Zielstrebigkeit+. Der psychische
»Mechanismus« ist, weit entfernt die Quelle der geistigen Finalität
zu sein, schon nur ein +Spezialfall, eine Phase und ein Niederschlag
der Finalität+, die nach zwei Richtungen sich entfaltet: einerseits
zur vollbewußten +aktiven+ Zwecktätigkeit im Denken, Wollen und
Gestalten, anderseits zum seelischen +Automatismus+. Zugleich bleibt
der Satz bestehen, daß die psychische Kausalität im allgemeinen Sinne
durch eine Betrachtungsweise desselben Zusammenhanges gegeben ist, der
sonst als finaler Zusammenhang sich darstellt, und zwar am
+unmittelbarsten+ sich darstellt.
Daß die Psychologie nicht umhin kann, die +Teleologie des Seelenlebens+
zu berücksichtigen, ist bisher hauptsächlich von jenen Psychologen
betont worden, welche biologische Gesichtspunkte in ihre Wissenschaft
hineintragen. In der Tat: so wichtig und notwendig es ist, die
biologischen Prozesse schließlich auch psychologisch zu interpretieren,
psychische Faktoren zum Verständnis von Lebensvorgängen verschiedener
Art heranzuziehen, so unumgänglich ist auch die Erklärung fundamentaler
psychischer Funktionen durch Rekurrierung auf +biotische+ Momente. Es
ist dies ganz natürlich, denn das Seelenleben ist auch ein Ausschnitt,
bzw. eine Seite des Lebens schlechthin, und das Leben ist qualitativ
eine Manifestation seelischer Faktoren. Wir übertragen also nicht
etwa in äußerlicher Form, durch künstliche Analogien, biologische
Gesichtspunkte auf das Seelische, sondern dieses hat an sich selbst,
vermöge seiner Identität mit dem Leben die Eigenschaften desselben.
Daher gelten die von der Entwicklungstheorie verwandten Momente:
Anpassung, Kampf ums Dasein, Auslese, Übung, Korrelation, Vererbung
usw. auch für die Psychologie. Freilich muß man sich hier vor
+Einseitigkeiten+ hüten, wie sie etwa die +extreme Selektionstheorie+
aufweist, und man muß der spezifischen Beschaffenheit des Psychischen
als solchen gebührend Rechnung tragen.
Der teleologische Charakter des Seelenlebens hängt aufs innigste damit
zusammen, daß dasselbe etwas +Organisches+, kein Aggregat selbständiger
Elemente, kein äußerlich verbundenes Ganzes, sondern eine +innerlich
zusammenhängende Einheit+[33] ist, die in lebendiger Wechselwirkung mit
ihren Gliedern steht. Diese Glieder sind ebenso durch das Ganze
bedingt, wie das Ganze durch die Teile; es sind ja beide nur
Abstraktionen aus dem +konkreten Zusammenhang, der zugleich Einheit und
Mannigfaltigkeit ist+. Die Seele ist, das muß aller mechanistischen
Psychologie gegenüber entschieden betont werden, eine sich in der
Mannigfaltigkeit ihrer Modifikationen entfaltende und entwickelnde
+aktuale Organisation+ und hat alle Eigenschaften einer solchen. Was
+Herbart+ von der metaphysischen, einfachen Seelensubstanz lehrte, die
sich wie alle »Realen« gegenüber Störungen ständig zu erhalten strebt,
gilt auch, nur noch viel plausibler, von der gegliederten Seeleneinheit,
die +im+ Erlebniszusammenhange, +nicht hinter+ diesem besteht und tätig
ist. Die Zielstrebigkeit, die das Psychische charakterisiert, äußert
sich in verschiedener Weise, so aber, daß das Streben nach Erhaltung und
Durchsetzung, sowie nach Steigerung, Bereicherung, Potenzierung der
Subjekt-Einheit +sowohl das Primärste als auch das Letzte und Höchste+
ist, was die Psyche als solche, als Individuum unter anderen, im
Reagieren und Agieren bestimmt. Die Psyche ist von Natur aus so geartet,
daß sie Störungen, die sie erleidet, zu beseitigen, daß sie alles Neue
sich, dem Grundbestande ihrer Modifikationen einzuordnen strebt,
Widersprüche, soweit ihr diese zum mehr oder minder klaren Bewußtsein
kommen, nicht duldet. Und wie sie sich selbst als Ganzes im Konflikte
mit der physischen und psychischen Umwelt zu erhalten strebt, so hat die
Psyche auch die Tendenz, alles für sie und ihre Einheit und Entwicklung
Förderliche möglichst festzuhalten, zu erhalten. Nicht die Vorstellungen
für sich allein haben einen Selbsterhaltungstrieb, sondern die Psyche,
das erlebende Subjekt ist es, welches Teile seiner Erlebnisse gegenüber
andern triebmäßig oder willkürlich +begünstigt+ und sie so anderen
gegenüber sich behaupten läßt, wobei natürlich die Möglichkeit der
+Konkurrenz verschiedener Tendenzen+ nicht zu übersehen ist, die sich
aber schließlich irgendwie der Einheitstendenz des Ganzen einordnen
müssen, soll das Seelenleben »normal«, intakt oder wenigstens im
relativen Gleichgewicht bleiben. Daß Vorstellungen usw. im Bewußtsein
herrschend werden u. dgl., ist gewiß kausal bedingt, wir können häufig
die Faktoren aufzeigen, welche die Erhaltung, Fixierung, Begünstigung
von Erlebnissen zur notwendigen Folge haben, aber zugleich liegt hier
eine Finalität vor, da diese Erhaltung im Dienste der psychischen
Zielstrebigkeit steht, so daß der psychische Zusammenhang durch einen
Zweck bestimmt ist; die kausale Notwendigkeit ist hier also auch
teleologische Notwendigkeit. Das ganze +logische Denken+ z. B. läßt dies
deutlich erkennen, denn der »reine Denkzweck« ist zugleich der Grund,
aus dem die Bildung bestimmter Urteile und Schlüsse erfolgt, und im
Erkenntnisprozesse wieder sind die +Kategorien+ Mittel zur Herstellung
eines +objektiv-einheitlichen Zusammenhanges+, zur Konstituierung von
objektiver Erfahrung und von Erfahrungsobjekten[34]. Die Gesetze des
Denkens und Erkennens fließen gewiß aus dem Wesen der »Sachen«, sind
+nicht bloß individuell-subjektiv+, nicht relativ, aber sie sind auch
nicht in der Luft schwebende Wesenheiten, existieren nicht an sich,
sondern gehören zum »Bewußtsein überhaupt«, sind +Forderungen des auf
reine Erkenntnis gerichteten Willens+, der nur durch sie seinen Zweck:
die Erkenntnis, die Erfassung der Wahrheit und Wirklichkeit, erreichen
kann und daher +sich selbst bindet+, um so bewußter und entschiedener,
je mehr er die +Tauglichkeit+ der einzelnen Denk- und Erkenntnismittel
im Fortschritte der wissenschaftlichen Entwicklung und als +an der
Erfahrung sich bewährend+ einsieht....