Nach der einen Seite hat sich der Trieb zum +Reflexvorgang+, nach der

andern, durch Komplikation der Motive, zum Willkürlichen entwickelt[21].

Dies hat in vortrefflicher Weise +Wundt+ ausgeführt, dem wir uns hierin

nur anschließen können. Mit ihm müssen wir es ablehnen, aus dem

seelenlosen Reflex das Willensleben genetisch abzuleiten, da so etwas

wie »Tendenz«, Erstreben schon von Anfang an den Lebewesen eigen gewesen

sein muß, sollten jemals wollende Wesen im höheren Sinne aus ihnen

werden. Ein absolut willenloser Zustand ist weder psychologisch noch

auch +biologisch+ denkbar. Letzteres deshalb nicht, weil ohne einen

wirklichen Trieb zur Selbsterhaltung, zum Selbstschutze, zur Abwehr

feindlicher An- und Eingriffe, zur Aufsuchung, Festhaltung und

Verarbeitung günstiger Lebensbedingungen und Erhaltungsfaktoren, ein

Bestehen und Fortschreiten des Lebens, der Lebewesen kaum möglich

gewesen wäre. Ein indifferentes, bloß empfindendes Lebewesen würde nicht

auf Reize so +reagiert+ haben, wie es unverkennbar schon die niedrigsten

Organismen tun. Ohne Bedürfnis und triebmäßige Befriedigung desselben,

ohne Impulse zur Nahrung, Bewegung usw. sind die Tatsachen der Biologie

nicht wahrhaft verständlich; denn nicht bloß die äußeren

physikalisch-chemisch beschreibbaren Lebenserscheinungen,

Lebensäußerungen wollen wir in der Biologie und organischen

Naturphilosophie erkennen, auch ihren inneren Grund, ihre innere

Dynamik, ihr Triebwerk suchen wir zu erforschen. Will man nun die

Unklarheiten und metaphysischen oder sonstigen überflüssigen Annahmen

des »Vitalismus« vermeiden, auf unbekannte, ad hoc erdachte und

konstruierte »Lebenskräfte« (Entelechien, Dominanten u. dgl.) Verzicht

leisten, will man ferner die Geschlossenheit der Naturkausalität auch

auf dem Gebiete des Organischen festhalten, dann bleibt nichts übrig,

als die Biophysik und Biochemie durch eine +Biopsychik+ zu ergänzen

(nicht zu verdrängen) und einzusehen, daß psychische Regungen niederer

und höherer Art, Strebungen eindeutiger und komplizierter Form,

Tendenzen zur +Erhaltung der organischen Einheit+ und Triebe und

+Wollungen+, die daraus als Konsequenzen fließen, Mittel zum obersten

Zweck sind -- direkt und indirekt die Lebensvorgänge regieren und

modifizieren, so aber, daß diese an sich psychischen Gestaltungen und

Regulierungen objektiv als ein +System physischer Prozesse+ erscheinen,

die bei den niedersten Lebewesen noch an die gesamte Plasmamasse, bei

höheren aber an ein besonderes Organ, das Nervensystem und schließlich

das Gehirn gebunden sind. Mit voller Berücksichtigung des Anteils

äußerer Faktoren und der ungewollten Neben- und Nachwirkungen des

Wollens (»Heterogonie der Zwecke«) müssen wir doch mit +Wundt+ den

Willen (Trieb usw.) als +innerstes teleologisches Agens des Lebens, als

Schöpfer biotischer Zweckmäßigkeit+ ansprechen. Von diesem Standpunkte

läßt sich der Mechanismus des Lebens +als Werkzeug und zugleich als

Niederschlag des Lebenswillens+ und dessen Funktionen ansehen, als

äußere »Hülle«, deren Inneres den Willen als Motor, als sich selbst

verwirklichende und entfaltende Kraft birgt.

Weit entfernt, daß der Wille ein Entwicklungsprodukt von mechanischen

Reflexen ist, lassen sich umgekehrt die +Reflexe+ und automatischen

Vorgänge am besten als +Residuen ursprünglicher Willensprozesse+

betrachten. Wir sehen ja täglich, wie durch Übung Tätigkeiten, die erst

vollbewußt und willkürlich waren, mit der Zeit immer triebmäßiger

werden, bis sie schließlich (Klavierspielen, Gehen, manuelle

Fertigkeiten u. dgl.) »mechanisiert«, automatisch geworden sind, d. h.

mit einem Minimum von Bewußtsein und Willensimpuls leicht und eindeutig

bestimmt ablaufen[22]. Und so finden wir auch phylogenetisch, durch

Vergleichung verschiedener Entwicklungsstufen miteinander, ein

Hervorgehen von Reflexen und Automatismen aus Trieb- und

Willkürhandlungen, die durch Übung (und Mitübung) abgekürzt, eindeutig,

minderbewußt wurden und schließlich auf dem Wege der Vererbung als

Reflexdispositionen auftreten. Eine Art +Entseelung+ findet so statt,

durch die Arbeit erspart wird und die auch durch die größere

Bestimmtheit und Leichtigkeit der Handlung vielfach außerordentlich

zweckmäßig, erhaltungsgemäß wirkt. Freilich darf man sich auch die

Reflexe nicht als absolut »apsychisch« vorstellen; sind auch ihre

Antriebe vielfach nur unterbewußt oder für sich überhaupt nicht bewußt,

nicht apperzipierbar, so weist doch vieles darauf hin, daß sie nicht

fehlen, wenigstens nicht als Bestandteil des organischen

Gesamttriebsystems, ganz abgesehen davon, daß Reflexe nun auch in den

Dienst eigentlicher Willensakte gestellt, vom Willen beherrscht werden

können. Jedenfalls reihen sich auch die Reflexe in den Zusammenhang von

Willenstendenzen des Lebewesens ein, sie werden von ihm eingeschlossen

und gehören zu ihm als Wirkungen, Nachwirkungen des Willens.

Der Wille ist also nicht ein Aggregat willenloser Zustände, sondern eine

ursprüngliche und spezifische +Richtung+ des Bewußtseins, die sich in

Momente und Elemente gliedern läßt[23]. Nicht nur für die beobachtende

Analyse tritt der Wille als konkrete Wollung in solche Elemente

auseinander, er hat sich auch im Laufe der Entwicklung +differenziert+

und +kompliziert+. Im ursprünglichen, primitiven Trieb sondern sich

Empfindung, Gefühl und Streben noch keineswegs scharf voneinander ab,

sondern sie sind, wie wir noch jetzt an vielen unserer Triebhandlungen

ersehen können, vielmehr zur Einheit verschmolzen. Die +Empfindung+, die

unlust- oder lustbetont ist und in eine Tendenz zur Entfernung des

Unangenehmen oder zur Festhaltung des Angenehmen mündet, ist mit allen

ihren Konsequenzen nur ein undeutliches +Glied des einheitlichen

Triebvorganges+, während auf höheren Stufen der Entwicklung Empfindung,

Vorstellung, Gefühl deutlicher hervortreten und größere Selbständigkeit,

wenn auch keine isolierte Existenz haben. Aber auch der komplizierteste

Willkürwille ist von dem primitiven Willen, dem Trieb, nur graduell

unterschieden, indem er, statt eindeutig, durch einen oder wenige Reize

bestimmt, ausgelöst zu sein, einen »Kampf der Motive«, einen Konflikt

verschiedener Willensrichtungen (Wahl), Überlegung, Reflexion u. dgl.

voraussetzt, im übrigen aber geradeso Tendenz zur Verwirklichung eines

Zieles ist. Der Trieb ist +reaktiver+, der Willkürwille aber +aktiver+

Wille, indem der letztere, von der Umwelt relativ unabhängig, aus dem

selbstbewußten, formal permanenten Ich entspringt und eine Grundrichtung

des Lebens zum Ausdruck bringt, die für das individuelle Ich

charakteristisch, der Umwelt gegenüber etwas Selbständiges,

Initiatorisches ist. Natürlich ist auch die Willkürhandlung nicht

gesetzlos, sondern ebenso kausal bestimmt wie alles Geschehen. Aber die

Kausalität und Gesetzlichkeit, die hier in Frage steht, ist psychischer

Art, sie ist keine äußere Macht über den Willen und das Ich, sondern nur

die Konstanz und Regelmäßigkeit, die Identität und Einheit des wollend

sich betätigenden Subjekts. Daher ist die +Notwendigkeit+ der

Willenskausalität, wie sie im Handeln, Denken, kurz in allen psychischen

Akten sich darstellt, durchaus mit einer +Freiheit+ des Willens, des

Subjekts vereinbar, die nichts anderes ist, als Autonomie,

Eigengesetzlichkeit, +Eigenrichtung+ des Willens. Der wohlverstandene

Indeterminismus und der wohlverstandene Determinismus sind demnach nur

Seiten des »Autodeterminismus«[24].

Wenn nun der Voluntarismus im Willen das +Dynamische+, das innerste

Triebwerk des Seelenlebens erblickt, wenn ihm der Wille Ausgangspunkt

aller seelischen Entwicklung ist und er in allen psychischen Erlebnissen

den direkten oder indirekten, lebendigen oder mechanisierten,

selbstbewußt-planmäßigen oder minderbewußt-triebhaften Einfluß des

Willens findet, wenn er endlich das Empfinden, Vorstellen, Denken, kurz,

die Intelligenz als untrennbar und abhängig vom Willenszusammenhange

ansieht, so wird dies nicht mehr dahin mißverstanden werden, als ob es

einen gleichsam nackten Willen als einfache Qualität und Kraft hinter

den Erlebnissen gebe. Sondern der Satz: der Wille ist das dynamische

Prinzip des Bewußtseins, bedeutet nur, daß das Bewußtsein insofern

Aktivität und Reaktivität aufweist, als es selbst willensartig,

willensdurchzogen, selbst wollend, strebend ist, als in ihm +Impulse+

walten, welche dem Erlebnisverlauf die +Direktive+ geben, Impulse, die

teilweise in muskuläre Vorgänge münden, die also objektiv sich als

Bewegungen darstellen, so daß das Motorische die objektivierte Äußerung

des Willens ist. Daß +bloße+ Muskelempfindungen, Bewegungsvorstellungen

u. dgl. noch nicht Wille sind, sehen wir leicht, wenn wir den Zustand,

in dem wir uns einfach eine Bewegung unseres Leibes vorstellen, mit

demjenigen vergleichen, in welchem wir die vorgestellte Bewegung auch

anstreben, wollen; auch die Gefühlsbetonung der Bewegungsvorstellung ist

noch nicht das Willensphänomen, sondern dazu gehört noch eine besondere

»Stellungnahme« seitens des Subjekts, die in der Besonderheit des

Bewußtseinsverlaufes zum Ausdruck kommt[25]. Es muß wiederholt betont

werden, daß »Wollen« zwar kein einfacher, elementarer Zustand hinter und

neben dem übrigen Erleben, aber auch keine bloße Summation von

willenlosen Vorgängen ist.

Der Voluntarismus, mag er nun in extremer oder gemäßigterer Form

auftreten, bestreitet wesentlich zweierlei: 1. die Möglichkeit, aus

bloßen intellektuellen Prozessen das Seelenleben befriedigend zu

erklären, 2. den Aufbau der geistigen Gebilde durch bloße »Assoziation«;

die Aktivität des Bewußtseins wird von der Assoziationspsychologie oft

verkannt oder ungenügend zur Geltung gebracht.

Was das Verhältnis des +Intellekts+ zum Willen anbelangt, so ist folgendes

zu sagen. Eine reine, willenlose Intelligenz, ein teilnahmsloses Vorstellen

und Denken ist uns nirgends gegeben. Mag das Willensmoment noch so

+abgeschwächt+ sein, mag es sich dem klaren Bewußtsein entziehen, weil es

während des Funktionierens nicht selbst zur Apperzeption gelangt, gänzlich

fehlt es nie. Schon die primitiven +Sinneswahrnehmungen+ sind gefühlsbetont

und mit irgendeinem Grade des Strebens behaftet, das in gewissen Fällen (z.

B. bei hohen Intensitäten) stark hervortreten kann; außerdem bringen wir

vielfach den Sinnesreizen Tendenzen zur Perzeption entgegen, wir suchen

Empfindungen (Licht, Töne usw.) auf, haben ein Bedürfnis nach Betätigung

unserer Sinnesorgane, ein »funktionelles Bedürfnis« bestimmter Art[26]. Das

neutrale, »indifferente« Wahrnehmen ist schon ein Grenzfall, ein

Entwicklungsprodukt, keineswegs das Primäre, wo Empfinden oder Wahrnehmen

und Streben viel inniger vereint sind, wo also die Wahrnehmung durchaus

»appetitiv«, triebhaft ist, was auch biologisch wohl begründet ist. Denn

die Sinneswahrnehmung steht zunächst völlig im Dienste des

Selbsterhaltungswillens, der die Sinnesreize teils aufsucht, teils

vermeidet und der also eine +Auswahl+ unter ihnen trifft.

Diese auswählende, auslesende Tätigkeit der Psyche ist nun überhaupt von

fundamentaler Bedeutung. Wir zeigen dies zunächst an der Tatsache der

+Apperzeption+[27] im allgemeinen, die besonders durch +Wundt+ in ihrer

Wichtigkeit erkannt wurde, so daß fortan der Assoziationspsychologie

eine »Apperzeptionspsychologie« entgegentreten konnte. Unter der

»Apperzeption« ist nun nichts anderes zu verstehen als eine Leistung des

Willens, des Willens zur Bewußtheit insbesondere. Je nachdem der Wille

Trieb- oder Willkürwille ist, haben wir +passive+ (reaktive) oder

+aktive+ Apperzeption vor uns, ohne daß beide voneinander schroff

geschieden sind. Die Apperzeption ist also nicht, wie man zuweilen

gemeint hat, ein mystisches, metaphysisches Vermögen, ein Akt hinter

und vor dem Bewußtsein, sondern eine Leistung im und am Bewußtsein,

an den Erlebnissen. Apperzeption ist +Fixierung von Erlebnisinhalten

durch den Willen+, Festhaltung, Bevorzugung, Auswahl eines

Bewußtseinsbestandteiles, der dadurch vor anderen momentan ausgezeichnet

wird, indem er klarer, deutlicher, selbständiger, bewußter wird. Das

Apperzipierte ist gleichsam im »Blickpunkt« des Erlebens. Durch diese

Klarwerdung eines Erlebnisses tritt dasselbe aus dem Gesamtzustande des

Subjekts schärfer hervor, das übrige tritt entsprechend zurück, ist

minder bewußt oder unterbewußt. Diese Bevorzugung kann ein Erlebnis

zunächst +triebhaft erzwingen+, indem es aus irgendeinem Grunde

(Intensität, Gefühlston usw.) die Aufmerksamkeit, d. h. den

Erlebniswillen auf sich zieht und das übrige verdrängt. Geht aber ein

bestimmter +Erlebniswille+, eine Erwartung, ein Suchen u. dgl. voraus,

ist die Aufmerksamkeit schon im vornherein auf einen zu gewärtigenden

Inhalt eingestellt, dann findet eine +aktive+ Apperzeption statt, hinter

der die konzentrierte aktive Energie des Ichs steckt. In jedem Falle

wird aber ein Inhalt dadurch apperzipiert, nicht bloß perzipiert, daß er

in möglichst günstige, zweckmäßige Beziehung zum auffassenden oder

verarbeitenden psychisch-physischen Organ gebracht wird, indem alles

Störende, Beeinträchtigende durch den Willen abgewiesen, gehemmt,

zurückgedrängt wird. In verschiedenen Gefühlen und Empfindungen (der

Muskeln usw.) kommt dieser Zustand der »Spannung« zum Ausdruck, ohne mit

ihnen identisch zu sein; denn wir verspüren unweigerlich das Triebhafte

bzw. das Willkürliche im Aufmerken und Apperzipieren -- Vorgänge,

die nur Momente und Seiten eines einheitlichen Geschehens bilden.

Das +physiologische+ Korrelat der Apperzeption kann entweder die

Funktion bestimmter Gehirnpartien sein oder in einer erhöhten

Energie, in einem besonderen Grade eines bestimmten Zusammenwirkens

von Gehirnprozessen bestehen.

Auf die passive oder reaktive Apperzeption kommen wir noch weiter unten

zu sprechen. Zunächst haben wir von der +aktiven+ Apperzeption zu

sprechen, um das Verhältnis des Willens zum Intellekt klarzulegen und

der Einseitigkeit des Assoziationismus entgegenzutreten.

Betrachten wir das +Denken+ (den aktiven Intellekt) näher seiner

subjektiven psychischen Seite nach, so sehen wir, daß es sich vom bloßen

Vorstellen, von bloß assoziativen Verbindungen unmittelbar in der Art

des Erlebens unterscheidet. Das Denken erweist sich, kurz gesagt,

subjektiv als eine +Willenstätigkeit+[28]. Ein willenloses Denken, ein

willensfreier Intellekt existiert nicht, oder nur in der Abstraktion.

Denken als Prozeß ist +innere Handlung+ im Unterschiede von der

»Praxis«, lebendige Aktion, +aktive Ich-Leistung+. Ohne +Antriebe+,

+Motive zum Denken+, ohne ein zu erreichendes +Denkziel+, dem ein

+Interesse+ uns nachgehen läßt, käme es zu keinem wirklichen Denken und

Erkennen. Der Wille ist dem Denken »immanent«, aber nicht, wie oft

erklärt wird, weil Wille nur eine Eigenschaft, eine Richtung des Denkens

ist, sondern weil das Wollen ein primäres Moment der Denkhandlung, die

subjektive Bedingung und Grundlage, die innerste Triebkraft des Denkens,

dieses also eine Betätigung, eine Richtung des Willens, des

»Denkwillens« ist. Denken ist eine +geistige Arbeit+ an einem Materiale

(Vorstellungen, Begriffe, Urteile), +aktive Formung und Gliederung+, die

zu oberst dem +Willen+ zur +Einheit+ Genüge tut, ihm entspringt. Ich

denke nur, weil ich Inhalte geistig beherrschen, durchdringen,

zusammenhängend-einheitlich erfassen will, abgesehen von anderen

Motiven, etwa praktischen. Der Wille setzt das Denken in Bewegung, gibt

ihm Anstoß und Richtung. Durch die aktive Apperzeption wird nur das im

Bewußtsein fixiert und mit anderem ebenso Fixierten zusammengehalten,

vereinigt, was in der Richtung des Denkwillens liegt oder zu liegen

scheint; alles andere wird zurückgedrängt, vernachlässigt. Indem ich

denke, +wähle+ ich unter meinen zur Disposition stehenden Vorstellungen

und Vorstellungsdispositionen jene, welche meinem so und so bestimmten

Denkwillen entsprechen oder wenigstens zu entsprechen scheinen.

Natürlich muß mir ein Material von Inhalten zur Verfügung stehen,

welches nicht selbst erst durch mein Denken geschaffen wird, und von

diesem Material gehen Anregungen aus, welche mich -- teilweise triebhaft

-- in meinem konkreten, speziellen Denken bestimmen; ich »richte« mich

nach dem +Inhalte+ meiner Erlebnisse, auch wenn ich noch so aktive

(»freie«) Geistesarbeit verrichte, ich verfahre nicht willkürlich im

Sinne ungebundener, gesetzloser, absoluter Freiheit. Der Denkwille hat

seine +eigene feste Gesetzlichkeit+, die er anerkennt, anerkennen muß,

will er sein Ziel erreichen, so daß die +Denkgesetze+ zwar nicht

mechanische, aber +teleologische Notwendigkeit+ besitzen, indem sie der

»Autonomie des Denkwillens« entspringen. -- Intellekt und Wille sind

nicht zwei gesonderte Vermögen oder Kräfte, sondern was wir Intellekt,

Verstand, bzw. Vernunft nennen, ist der rein geistig sich betätigende

Wille selbst; das Denken, die sich betätigende Vernunft ist

Willenshandlung. Die +Wechselwirkung zwischen Intellekt und Wille+

besteht darin, daß einerseits das Erstreben, Wollen bestimmter Inhalte

einen Einfluß auf das Denken ausübt und daß dieses von der Energie und

Richtung des Willens abhängig ist, und daß anderseits das Denken und

dessen Produkte (Urteile, Begriffe) den Willen, der insofern

»Vernunftwille« ist, zu motivieren, zu leiten vermag; der Vernunftwille

wiederum kann einen (hemmenden, mäßigenden) Einfluß auf Triebe,

Leidenschaften u. dgl. ausüben. So lassen sich also Wille und Intellekt

als wechselseitige Abhängige, als einander bestimmende Momente und

Faktoren anerkennen, ohne daß auf der einen Seite ein intelligenzloser

Wille, auf der andern ein willensfreier Intellekt zu stehen braucht.

Unter dem Einflusse der aktiven Apperzeption entstehen nun u. a. die

+Denkgebilde+, als eine Form der »apperzeptiven Verbindungen«

(+Wundt+). Ein +Begriff+ z. B. ist nicht eine bloße Assoziation von

Vorstellungen, sondern ein Denkgebilde, bei dem die Apperzeption nur

bestimmte, logisch zweckmäßige Elemente von Erlebnissen festhält,

heraushebt und einheitlich zusammenfaßt. Begriffe entstehen nie passiv,

ganz von selbst, auch die empirisch fundierten Begriffe sind, subjektiv

angesehen, Denkgebilde, Produkte aktiver Geistesbetätigung. So verhält

es sich auch mit dem +Urteil+. Dieses ist keine assoziative Abfolge von

Vorstellungen, sondern eine aktive Synthese auf Grundlage einer Analyse

des Erlebnisses, ein Akt der In-Beziehung-Setzung, die niemals von

selbst dem Subjekt gegeben ist. Beziehen, Vergleichen, Zerlegen,

Verbinden usw. sind nicht fertige Bewußtseinsinhalte, sondern

Ich-Betätigungen, die an einem Materiale stattfinden, ohne in diesem

schon vorzuliegen. Die Tätigkeit des denkenden Subjekts schwebt aber

nicht in absolut freier Willkür über diesem Material, sondern gehört zu

eben demselben Bewußtsein, dessen Inhalt jenes bildet; sie ist eine

»Form« des Bewußtseins, eine Art des Zusammenhanges, die sich

unmittelbar als »aktiv« charakterisiert und von anderen Arten abhebt.

Die apperzeptive Tätigkeit läßt sich zwar von dem apperzipierten Inhalt

unterscheiden und begrifflich fixieren, bildet aber in Wirklichkeit ein

mit diesem Inhalt zur Einheit verbundenes Ganzes.

+Gedanken+ sind also Gebilde aktiver Geistestätigkeit, welche den Willen

zum Motor hat. Das Denken benutzt das durch Assoziation gelieferte

Vorstellungsmaterial, es ist aber nicht selbst bloße Assoziation.

Während bei dieser Vorstellung auf Vorstellung folgt, in bunter Reihe,

durch Ähnlichkeit, Berührung in Raum und Zeit usw. hervorgetrieben,

erweist sich das Denken als ein den Verlauf der Vorstellungen

+hemmender+, +regulierender+ Prozeß, der zu bestimmten Zusammenhängen

führt, durch welche dem Ablauf des Vorstellens ein gewisser Abschluß

zuteil wird. Die Gesetzlichkeit des Denkens ist aus bloßen

»Assoziationsgesetzen« nicht abzuleiten, nicht zu begreifen, sie ist

anderer Art als die des »Spieles der Einbildungskraft«, das um so

leichter und besser von statten geht, je unbeherrschter das Vorstellen

ist. Das Denken hingegen, besonders das streng logische Denken bedeutet

+Disziplin+, +Planmäßigkeit+, +Zwecksamkeit im Geistesleben+. Nicht bloß

das Denken, auch die aktiv gestaltende, Normen befolgende, beachtende

+Phantasie+ ist mehr als bloße Assoziation. Durch eine Art

»schöpferischer Synthese« entstehen im Denken und in der aktiven

Phantasie seelische Gebilde, die sich zwar in Elemente zerlegen

lassen, welche zum Aufbau der Gebilde beitragen, die aber diesen

Elementen und ihrer bloßen Summe gegenüber qualitativ etwas Neues,

Spezifisches darstellen. --

Was nun die +Assoziation+ selbst betrifft, so hat die

Assoziationspsychologie meistens nicht nur den Fehler begangen, aus

jener alles ableiten zu wollen, sondern auch noch den, daß sie die

Assoziation nicht richtig aufgefaßt hat. Wir sprachen schon von der

unzulässigen Verdinglichung der Vorstellungen und Empfindungen und von

der Ausstattung dieser mit Kräften gegenseitiger Anziehung. Es gibt aber

im konkreten Erleben keine selbständigen, reinen Empfindungen und

Vorstellungen, die sich von selbst, ganz unabhängig von einem erlebenden

Subjekt, miteinander verbinden. Eine Vorstellung ist kein beseeltes

Wesen, welches von einem andern, einer zweiten Vorstellung einen Anstoß

zum Wiederauftreten im Bewußtsein empfangen kann. Sondern alle

Assoziation ist nur dadurch möglich, daß Vorstellungen usw. +Abhängige

eines erlebenden Subjekts+, Momente und Glieder bzw. Seiten eines

einheitlichen Zusammenhanges sind, durch den sie ebenso bedingt sind,

wie sie ihn selbst mit konstituieren. Die Assoziationen schweben nicht

in der Luft, sind nicht Beziehungen zwischen Objekten, sondern +Formen

des Zusammenhanges von Erlebnissen im Subjekt und durch den jeweiligen

Zustand desselben bedingt+. Sowohl die allgemeine, als die besondere,

individuelle Natur des erlebenden Subjekts kommt in den Assoziationen,

in anderer Weise als in den (aktiven) Apperzeptionsverbindungen, zum

Ausdruck, so daß die Assoziationen zwar gesetzlich, aber keineswegs

eindeutig bestimmt sind.

Nun ist das Subjekt in zentralster Selbstunterscheidung von den Objekten

Wille, zunächst als triebhaft, dann aber vorzugsweise als aktiv wollend.

Daher ist die Assoziation durch den Willen, durch das Streben

bedingt[29]. Es »assoziieren« sich also nicht reine Vorstellungen

miteinander, sondern +willensbehaftete Erlebnisse des einheitlichen

Subjekts+. In der Einheit des erlebenden Subjekts bzw. des Strebens sind

die Assoziationen letzten Endes gegründet, aus ihr fließen sie. Die

Assoziation besteht darin, daß durch »triebhafte« Einwirkung auf die

Apperzeption Erlebnisse einander ins Bewußtsein rufen (»reproduzieren«)

und mit ihnen Zusammenhänge bilden, die bald durch innere, bald durch

mehr äußerliche Beziehungen bedingt sind, so aber, daß das

Willenselement nie fehlt. Die Assoziation ist, wie dies +Wundt+ erkannt

hat, ein +Triebvorgang+, wenn auch ein solcher, wo das Moment des

Strebens vielfach in den Hintergrund des Bewußtseins tritt. Dies ist

wohl begreiflich, wenn man an die durch Übung erzielte »Mechanisierung«

des Bewußtseins, der Willens- und Triebhandlung denkt. Assoziation ist

in der Tat relativ +mechanisierte Geistesarbeit+, und das um so mehr, je

weniger das Triebmoment, das manchmal ziemlich stark hervortreten kann,

zurücktritt, ohne aber je ganz zu fehlen (vgl. +Fouillée+ a. a. O.).

Erlebnisse, die irgendwie zur +Einheit im Ich+ zusammengehen können --

bei verschiedenen Individuen in verschiedener Weise -- haben die

Tendenz, sich zu »assoziieren«, d. h. sie assoziieren sich, sofern nicht

äußere oder innere störende, hemmende, ablenkende Faktoren (z. B. der

Denkwille) ins Spiel treten. Die Vorstellungen assoziieren sich aber

nicht direkt und von selbst, sondern nur so, daß sie +auf das Streben

einwirken, (als Momente desselben) und dieses zur Reproduktion

(Erneuerung) anderer Vorstellungen anregen, reizen, aus dessen Natur

heraus, die auf Einheit geht+.

Das Wirken der Seele: Ideen zu einer organischen Psychologie · 第 3 / 8 段