sehen wir, wie sie zu denken ist. Da wir die metaphysische Hypothese
einer an sich unbewußten Seelensubstanz ablehnen müssen, so entfallen
für uns die »Seelenvermögen«, kraft deren der Geist im Bewußtsein wirkt.
Diejenigen, welche erklären, von einer Tätigkeit, Aktivität der Seele
+neben+ den Bewußtseinsvorgängen, den Vorstellungen, Gefühlen usw. sei
nichts zu finden, haben nicht unrecht. Aber die Folgerung, es gebe
überhaupt keine psychische Aktivität, ist falsch. Diese +Aktivität+
besteht, zwar nicht hinter und neben den Einzelerlebnissen, wohl aber in
einem +Zusammenhange+ der Erlebnisse und ist durch besondere Gefühle
charakterisiert, so daß das Ich unmittelbar davon Kunde hat, daß und
wann es tätig ist. Aus der bloßen Summe von Empfindungen, die sich
passiv miteinander verbinden, besteht die Bewußtseinsaktivität nicht,
wenn sie auch nur +in+ und +an+ dem Verlaufe des Erlebens zu
konstatieren ist. Der eigenartige +Zusammenhang+ und +Ablauf+ von
Erlebnissen, der als psychische Tätigkeit und Wirksamkeit sich abhebt,
ist +ebenso real+ wie die einzelnen Momente und Elemente des Erlebens,
+ebenso primär+, ja in gewissem Sinne ursprünglicher. Denn erst die
psychische +Analyse+, die durch die bestimmt gerichtete +Aufmerksamkeit+
an dem einheitlichen Bewußtseinszusammenhange willkürlich oder
unwillkürlich bewerkstelligt wird, hebt aus demselben Momente und
Elemente heraus, die in Wahrheit niemals isoliert und selbständig
vorkommen, sondern Glieder des Zusammenhanges bilden, von ihm
untrennbar sind. +Die psychische Tätigkeit entfaltet und manifestiert
sich in einer Mannigfaltigkeit von Momenten, existiert nicht ohne diese
und neben diesen Momenten; aber umgekehrt haben diese Momente auch keine
Existenz außerhalb des Tätigkeitszusammenhanges, aus dem sie sich
herausheben und für sich fixieren lassen.+
Die Existenz einer psychischen Kausalität, das wollen wir hier betonen,
unterliegt keinem berechtigten Zweifel. Ist doch das Wirken des Ichs,
die psychische Kausalität geradezu das +Ur- und Vorbild aller
Kausalität+. Tätigkeit, Kausalität, Kraft wird von uns nicht als
Bestandteil der Außenwelt erlebt, wahrgenommen, sondern das Objektive,
der Wahrnehmungsinhalt wird kausal +gedeutet+, d. h. es wird auf ihn die
Kategorie des Wirkens angewendet, die durch den raum-zeitlichen
Zusammenhang des Objektiven nur ausgelöst wird, im übrigen aber der
Funktion und Gesetzlichkeit des Denkens entspringt, die am
unmittelbarsten im und am eigenen Erleben, am eigenen Ich sich betätigt.
In und mit der Kategorie des Wirkens »introjizieren« wir in die Objekte
der Sinneswahrnehmung ein Analogon der Eigentätigkeit des Ichs, d. h.
wir fassen gewisse äußere Zusammenhänge als +Manifestationen innerer
Verknüpfungen+ auf, jenen analog, welche wir in unserem Wollen und Tun
unmittelbar setzen und erleben. So wie in uns alles Tun +motiviert+ ist,
in einem andern, vorangehenden Tun, Erleben seinen +Grund+ hat, so ist
auch das objektive, physische Geschehen für uns begründet, +verursacht+,
und so wie wir innerlich +aktiv+ und +reaktiv+ sind, so erscheinen uns
auch die Außendinge als mit +Kräften+ begabt, vermöge deren sie wirken,
einander beeinflussen; kurz, sie sind uns insofern tätige »Subjekte«,
bei denen wir nur später, auf höherer Kulturstufe und in der exakten,
quantitativen Wissenschaft, von aller inneren Qualität, von allem
»Für-sich-Sein« absehen[16]. Weit entfernt also, daß die psychische
Kausalität nicht existiert oder nur die Erscheinung, das Epiphänomen der
physiologischen Kausalität ist, erweist sich gerade die physische
Kausalität erkenntniskritisch als schon abhängig von der Gesetzlichkeit
des Subjekts und dessen ureigenem Wirken.
Nur wenn man die primäre Wirksamkeit der einheitlichen Psyche, des
aktiven und reagierenden Bewußtseinssubjekts verkennt, verfällt man dem
Irrtum, aus den psychischen Elementen selbständige Kräfte zu machen.
Alle Momente, Faktoren, Elemente des Bewußtseins können wirken, Kraft
entfalten nur insofern, als sie eben +Glieder des Ich-Zusammenhanges+
sind; sie sind +nicht die primären, vollen Ursachen+ des psychischen
Geschehens, sondern Teilursachen, Anlässe u. dgl., während die
+einheitliche Psyche+ das primär und eigentlich in ihnen Wirksame, der
tiefste Untergrund und oberste Grund der psychischen Verbindungen ist.
Natürlich nicht als unbeschränkte, selbstherrliche Macht, sondern in
Abhängigkeit von der +Umwelt+ und deren Reizen und in verschiedenem Maße
der Bezogenheit auf die Einflüsse dieser. Die Psyche wirkt aktiv und
reaktiv, aber nicht allein und isoliert, sondern im Verein mit äußeren
Faktoren, durch die der Ablauf der Bewußtseinsvorgänge mannigfach
bestimmt, modifiziert wird. So wenig die Psyche absolut »passiv« ist, so
wenig ist ihre »Spontaneität« absoluter Art; gleichwohl sind in ihr Tun
und Erleiden, aktiver und passiver Bewußtseinsverlauf wohl
unterschieden. Von den psychischen Zuständen, in denen wir von
momentanen Reizen und Einflüssen außer und in uns direkt abhängig sind
und triebartig auf sie reagieren, sondern sich mehr oder weniger scharf
die geistigen Akte ab, in welchen die +Totalität+, die ganze Wucht des
Ichs, der charakterisierte, in die fernste Vergangenheit zurückreichende
Zusammenhang der Erlebnisse energisch zum Ausdruck gelangt, so daß der
momentane Reiz zurücktritt oder unwirksam wird.
Die +Geschlossenheit+ der psychischen Kausalität, auf die wir hier
gleich zu sprechen kommen, darf nicht mißverstanden werden[17]. Sie ist,
methodologisch, eine Forderung des um Konsequenz des einmal
eingenommenen Betrachtungsstandpunktes besorgten Denkens und das
Gegenstück zur Lückenlosigkeit des physischen Kausalzusammenhanges.
Psychische Vorgänge gehen ureigentlich immer wieder nur aus psychischen
Vorgängen hervor und haben, direkt und genau genommen, immer wieder nur
psychische Vorgänge (die objektiv als Bewegungen oder Energien sich
darstellen) zur Folge; physische Ursachen oder Wirkungen als solche
gehören nicht in die Reihe psychischer Zusammenhänge. Aber das bedeutet
nicht etwa, daß die Seele alle ihre Erlebnisse aus sich allein heraus
entwickelt, und daß die Umwelt nicht in den Ablauf des psychischen
Geschehens eingreift. Vielmehr ist ein +beständiger Wechsel aktiver und
reaktiver (passiver), bewußter und unterbewußter (relativ unbewußter)
Vorgänge+ vorhanden, so daß das Wirken der »äußeren« Faktoren und des
»Leibes« fortwährend das spontane, aktive Wirken der Psyche durchkreuzt
und durchzieht, und erst dieser +Gesamtzusammenhang+ psychischer
Erlebnisse ist absolut »geschlossen«. Die Umwelt wirkt aber auf die
Psyche nicht als Komplex von Bewegungen oder Energien ein, sondern als
das »An sich« dieser Vorgänge, das vielleicht selbst ein Psychisches
niederster Stufe, jedenfalls aber nicht selbst physisch ist. Hält man
daran fest, dann kann man keinen Widerspruch zwischen der
Geschlossenheit der psychischen Kausalität und dem unleugbaren Einflusse
der »Naturkausalität« auf die Psyche, auf das Bewußtsein finden. Auch
ist hier von keinem »Dualismus« die Rede. Denn die psychische
Kausalität, die in verschiedenen Formen, je nach ihrer Richtung,
auftritt -- als sinnliche und geistige, logische, ethische usw.
Kausalität, ist das unmittelbar erfaßte Wirken derselben Organisation,
die objektiv als der Leib eines Lebewesens, des Menschen erscheint. Die
Wirksamkeit des leiblichen Organismus bzw. des Nervensystems ist nur die
Sichtbarwerdung, die »Objektivation« des Wirkens der Seele in allen
ihren »Provinzen« und »Phasen«.
Psychische Vorgänge und Zustände sind also Ursachen anderer nur insoweit,
als sie +Modifikationen der einheitlichen Psyche+ sind. Weil die Seele im
Moment 1 so beschaffen ist, so agiert oder reagiert, ist sie im Moment 2, 3
... so beschaffen, so agierend oder reagierend. Die Einheit der Psyche --
nicht einer unbekannten Seelensubstanz, sondern des »primären Ichs« -- ist
der rote Faden, der durch den gesamten Bewußtseinsverlauf sich zieht, ohne
von ihm real abtrennbar zu sein[18]. Nicht die psychischen Elemente sind
das Agierende, sie kommen nicht von selbst zusammen, erzeugen nicht das
Denken usw., sondern die Psyche, das Ich, das Subjekt ist der tätige
Faktor, der spontan oder triebhaft synthetisch wirkt, psychische Gebilde
erzeugt, Bewußtseinszusammenhänge bestimmter Art erstellt. Und die
+Gesetze+, welche die Psychologie zu erkunden sucht, sind nicht fremde
Mächte, welche das seelische Geschehen äußerlich determinieren, sondern nur
+Formeln für das konstante, permanente Auswirken der Psyche, der
Subjekt-Aktionen+. Aus diesen Aktionen (bzw. Reaktionen) die bunte
Mannigfaltigkeit des Seelenlebens nicht aprioristisch zu deduzieren, was
unmöglich ist, wohl aber begreiflich zu machen, ist die Aufgabe einer sich
selbst und ihr Ziel verstehenden Psychologie, die von Metaphysik
freizuhalten ist, wenn sie auch schließlich in eine solche mündet und
außerdem erkenntnistheoretischer Voraussetzungen nicht entraten kann.
Eine solche Psychologie wird den psychischen »Mechanismus«, soweit er
besteht, anerkennen. Aber sie wird erstens den Versuch unternehmen, die
+lebendige Triebkraft+ dieses Mechanismus zur Erklärung desselben
heranzuziehen und zweitens wird sie nicht dem vergeblichen Bemühen sich
unterziehen, aus dem bloßen und fertigen Mechanismus, aus dem mehr oder
weniger automatisch gewordenen »Spiel der Vorstellungen« das +gesamte+
Seelenleben abzuleiten, wie es die +Assoziationspsychologie+ oft
unternimmt. Der Mangel dieser ist es, daß sie nicht bis zur psychischen
Kraft, zur psychischen +Dynamik+ vordringt, daß sie nicht das +wahre+
Agens der psychischen Zusammenhänge erfaßt, sondern statt dessen bald
das Gehirn, bald die Empfindungen heranzieht, und daß sie die
+mechanisierten+ nicht von den +primären, aktiv-reaktiven+
Bewußtseinsprozessen scharf genug unterscheidet. Sie +verdinglicht+
Elemente, die nur als +Glieder des einen Bewußtseinszusammenhanges+
bestehen, macht sie zu selbständigen Kräften und unternimmt schließlich
auch oft den vergeblichen Versuch, die +nicht-intellektuellen+
Funktionen des Bewußtseins, besonders den Willen, aus bloßen
Empfindungen u. dgl. zu konstruieren. So ist sie im schlechten Sinne des
Wortes psychologischer +Intellektualismus+, während diejenige
Psychologie, welche dem vollen Tatbestand des Seelenlebens möglichst
gerecht zu werden sucht, +voluntaristisch+ ist.
Der Betrachtung der Rolle des Willens im Seelenleben uns zuwendend,
verweisen wir bezüglich weiterer mit der psychischen Kausalität
zusammenhängender Fragen (Erhaltung bzw. Wachstum psychischer Energie
u. dgl.) auf den letzten Abschnitt.
Hier sollte nur gegenüber allen Versuchen, die Existenz einer
psychischen Kausalität zu leugnen, gezeigt werden, wie es nicht möglich
ist, durch bloße außerpsychische, physiologische Zusammenhänge die
simultanen und sukzessiven Verbindungen psychischer Vorgänge zu
erklären. Diese Verbindungen sind qualitativ von ihren Elementen und
Momenten verschieden, sie sind auf bloße Abhängigkeiten in der Zeit
nicht zurückzuführen, und durch den Nachweis der ihnen entsprechenden
Verbindungen von Nervenprozessen keineswegs schon erklärt. Im Denken,
Wollen und Handeln erleben wir »unmittelbar«, »anschaulich«, d. h. nicht
erst durch abstrakte Konstruktion und Projektion, Zusammenhänge kausaler
Art, ein stetiges Hervorgehen der Folgen aus ihren Gründen, eine innere
Motivierung und Determination zu bestimmten Aktionen und Reaktionen. Und
wo uns die Zwischenglieder solcher Kausalzusammenhänge im klaren
Bewußtsein nicht vorliegen, da suchen wir mit Recht methodisch nach
solchen; und wie die Physik es vermeidet, physische Vorgänge aus
nicht-physischen abzuleiten, so muß die im guten Sinne positivistische,
nicht-metaphysische Psychologie die gesuchten Zwischenglieder als
+psychische+ Faktoren annehmen, als welche sie sich in der Tat oft auch
empirisch erweisen. Wissen wir auch nicht immer, +wie+ wir es vermögen,
kausal zu sein, wodurch unser Wollen und Handeln Wirkungen hervorbringt,
so wissen wir doch wenigstens, +daß+ wir wirken und Wirkungen erleiden,
daß unsere Erlebnisse miteinander zusammenhängen und einander
hervorrufen, wobei natürlich der Einfluß der Faktoren der Umwelt nicht
zu übersehen ist. So kompliziert die Verhältnisse des Seelenlebens sind,
so ist es doch sehr möglich, aus der Mannigfaltigkeit individueller
Modifikationen +typische, regelmäßige+, sowohl innerhalb einer
Individualpsyche als auch bei einer Vielheit von Individuen +konstant
wiederkehrende Abfolgen und Verbindungen+ herauszuheben. Wir können eben
die Individualseelen gleichsam als Vertreter eines gemeinsamen Typus,
des »Psychischen überhaupt«, ansehen und die Kausalzusammenhänge, welche
wir bei allen Individuen konstatieren, gehören zum Wesen des allgemein
Psychischen. So gibt es typische Zusammenhänge in den Gemütsbewegungen,
den Willenshandlungen, den Denkprozessen, in der Reproduktion und
Assoziation von Vorstellungen usw. Und auch die +Abweichungen+ von dem
Allgemeinen sind solcher Art, daß sie sich vielfach wieder zu
+speziellen Typen+ vereinigen lassen. Die Existenz einer psychischen
Kausalität, eines psychischen Wirkens und Gewirktwerdens, ist aber
keineswegs an das Auftreten allgemeingültiger Zusammenhänge gebunden.
Auch da, wo es solche vielleicht nicht gibt (-- man denke etwa an die
historische Kausalität --) sind die betreffenden psychischen Vorgänge
Modifikationen des Subjekts, die durcheinander bedingt sind und
auseinander in bestimmter Abfolge hervorgehen. Um die psychische
Kausalität, den +Kausalnexus der psychischen Aktionen und Reaktionen+,
der sich von der +Kausalität der objektivierten Erfahrungsinhalte+ durch
den Standpunkt der Betrachtung und Erkenntnis unterscheidet, kommt man
nicht herum.
III. Der Wille als psychischer Motor.
Das Wesen des psychologischen +Intellektualismus+ ist es, in den
intellektuellen Prozessen und deren Elementen, also im Denken,
Vorstellen oder in den Empfindungen den Ausgangspunkt, die Grundlage,
den Kern alles Seelenlebens zu erblicken. Gefühl und Wille sind hiernach
sekundär, abgeleitet, sie sind Produkte, Seiten, Reflexe, Abhängige des
Intellektuellen oder bloße Komplexe von Empfindungen. Einen spezifischen
Willen gibt es hiernach nicht; was wir so nennen, ist eine Summe von
Vorstellungen, Empfindungen, ev. auch Gefühlen, verbunden mit
ausgeführten oder ideell antizipierten Bewegungen; entwickelt hat sich
der Wille, nach dieser »heterogenetischen« Theorie, aus Reflexen, die
später kompliziert, bewußter wurden. Eine eigentliche Willenskraft, die
mehr ist als »ideomotorische« oder Bewegungsvorstellung plus
Spannungsempfindungen u. dgl., haben wir nicht anzunehmen. Während die
ältere Psychologie intellektualistischer Richtung aus Akten des Denkens,
des Urteilens, Schließens, kurz aus der Reflexion psychische Vorgänge
ableitete, die entweder viel zu einfach oder primitiv sind, als daß sie
mit bewußter Überlegung u. dgl. etwas zu tun haben können (z. B.
Instinkte), oder aber überhaupt nicht intellektueller Art sind (z. B.
Affekte), spricht der neuere Intellektualismus oft von angeborenen
(ererbten) Vorstellungen, die unbewußt oder bewußt das Handeln leiten,
von Urteilen u. dgl. schon auf niedriger Bewußtseinsstufe, von
Empfindungen der Muskeln, Sehnen usw. als Willensgrundlagen. Der
psychologische Intellektualismus verkennt die Ursprünglichkeit und
Wirksamkeit des Gefühls- und Willenlebens, er übersieht dessen
fundamentale Rolle, dessen Einfluß nicht bloß auf das äußere Handeln,
sondern auf den Intellekt und das Vorstellen selbst. Und da sich einer
genaueren Erforschung des Seelenlebens der Wille geradezu als das
+zentrale Agens+ des psychischen Geschehens enthüllt, so gibt uns die
intellektualistische Psychologie ein einseitiges und verzerrtes Bild vom
seelischen Erleben und dessen innerem Zusammenhang. Wie ein bloßes
Vorstellen, Empfinden oder Denken sich in ein Wollen verwandeln oder
ein solches erzeugen kann, ohne daß schon von Anfang an ein
willensartiger +Impuls+, ein Streben bestand, ist unerfindlich, ebenso
wie aus bloßen mechanischen Reflexen ein Willensentscheid sich
entwickeln konnte. So wenig das Psychische aus dem Physischen, das
Subjektive aus dem Objektiven, das Ich aus dem Nicht-Ich abzuleiten ist,
so wenig ist es einzusehen, daß und wie aus absolut Willenlosem jemals
so etwas wie Streben, Trieb, Willensimpuls hervorgehen konnte. Und so
wenig ein psychischer Vorgang einem physischen, einer Bewegung
gleichgesetzt werden kann, so unmöglich ist es für jeden Unbefangenen,
fast möchten wir sagen, Unverdorbenen, den lebendigen Prozeß des Wollens
bloßem Empfinden, Vorstellen u. dgl. gleichzusetzen. Ist doch das Wollen
geradezu das +Sicherste+, was das Ich in sich selbst finden kann, so daß
man mit Recht sagen kann: volo, ergo sum. Im Wollen erfaßt sich das Ich
am +unmittelbarsten+, es setzt sich selbst wollend und unterscheidet von
sich, von seinem Eigenwillen die fremden Willen, die ihm als Objekte
seines Wahrnehmens erscheinen und seinen Willen kreuzen und hemmen. Der
Wille ist das +Konstanteste+ im Ich, er ist der +Einheitspunkt+, um den
sich das Erleben bewegt, von dem es ausgeht und zu dem es gravitiert.
Wollen, Ziele setzen und anstreben, ist ein so prononzierter Akt des
Subjekts, daß man eher zweifeln kann, ob es Empfindungen oder
Vorstellungen im Sinne des psychologischen Atomismus gibt als an der
Existenz dieses Wollens[19].
Damit ist schon angedeutet, daß der Wille +keine metaphysische,
transzendente Potenz hinter dem Bewußtsein+ ist. Von einem solchen
Willen können wir absolut nichts wissen, was wir vom Willen aussagen,
ist unserem bewußten Erleben entnommen. Der Wille ist +keine
geheimnisvolle Kraft+, die wir erst erschließen müssen, sondern das
Konstante, Allgemeine im konkreten Wollen, das sich denkend und
praktisch betätigt, das um sich und seine Ziele deutlich weiß oder sie
dumpf fühlt, das jedenfalls durch unmittelbares Erleben und psychische
Analyse in uns zu finden ist. Ein Voluntarismus im Sinne +Schopenhauers+
oder +Ed. v. Hartmanns+ ist also für die Psychologie unbrauchbar. Und
zwar auch aus folgendem Grunde.
Für die »autogenetische« Willenstheorie, wie sie vorzüglich +Wundt+
vertritt, ist der Wille zwar etwas +Primäres+ und +Spezifisches+, aber
+nicht ein einfaches Bewußtseinselement+ analog den Empfindungen. Weder
ist daher, wie manche Psychologen glauben, das Bewußtsein eine
Verbindung dreier Vermögen, Funktionen usw.: Vorstellung (Empfindung),
Gefühl und Wille, noch gibt es einen absolut einfachen, »blinden«,
intelligenzlosen Willen +neben+ und +vor+ dem übrigen Bewußtsein, eine
Willenstätigkeit neben und gesondert von dem übrigen Erleben. So wenig
aus einer reinen Empfindung oder Vorstellung ein Wollen hervorgehen
kann, so wenig kann aus einem absolut einfachen, blinden Willen der
Intellekt entstehen. Vor einem solchen extremen (»alogischen«)
Voluntarismus müssen wir uns nicht minder hüten wie vor dem, die
Eigenart des Willens verkennenden Intellektualismus. Die Psychologie hat
den Willen so zu nehmen, wie er sich im Erleben wirklich darstellt und
wie er demgemäß auch begrifflich zu bestimmen ist.
Hierbei muß sie sich aber hüten, sich das Wollen gleichsam
+hinwegzuanalysieren+. So wie die Einheit des Ichs leicht dem Beobachter
sich entzieht, der durch die analytisch gewonnenen Elemente des Erlebens
gefesselt wird, so kann die analytische Betrachtung des Wollens leicht
die +Täuschung+ erzeugen, als ob der Wille nur aus Empfindungen,
Vorstellungen, höchstens auch noch Gefühlen bestände, obzwar es auf der
Hand liegt, daß aus der Zusammensetzung solcher Elemente noch nicht das
Wollen herauskommt, das zwar nichts Einfaches, aber doch kein
»Summationsphänomen« ist. Bei der Analyse des Willensaktes darf nicht
vergessen werden, neben den Momenten desselben auch wieder das Ganze,
den eigenartigen +Gesamtverlauf+ zu apperzipieren; erst dann
rekonstruieren wir psychologisch das wirkliche Erlebnis, ohne es zu
verfälschen. Es zeigt sich dann klipp und klar, daß »Wollen« +ein
Prozeß, ein Bewußtseinsverlauf+ ist, der als solcher ganz eigenartig,
spezifisch, unvergleichbar ist, sich aber in +Momente+ sondert, sondern
läßt, welche wir als Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle ... bezeichnen
und für sich untersuchen können. Das »Ich will« ist der Ausdruck für ein
Verhalten des Ichs, welches nicht neben dem Vorstellen usw. herläuft,
sondern in sich Momente, Elemente, Faktoren enthält, sich in solche
zerlegen läßt, die in Vorgängen, deren Willenscharakter abgeschwächt
oder zurückgedrängt ist, als spezifisches Vorstellen, Fühlen usw.
auftreten. Es gibt verschiedene Formen und Entwicklungsstufen des
Willens, vom dumpfen Trieb und Streben angefangen bis zum komplizierten
Wahlakt, aber nirgends findet sich konkret-empirisch ein »reiner« Wille,
der absolut empfindungs- und gefühlsfrei wäre. Mit dem Fühlen hängt der
Wille am innigsten zusammen, ohne daß er aber nur eine Summe von
(selbständigen) Gefühlen ist. Vielmehr ist das Gefühl ursprünglich stets
schon ein +Willensmoment+, die Einleitung, Begleitung, Endigung einer
Willensfunktion. Der vollständige, primäre Vorgang ist der
Willensvorgang mit seinen Momenten und Seiten; das Gefühl ist
entweder ein solches Moment oder aber abgeschwächte, gehemmte
Wollung, die auf einen eigentlichen, vollen Willen wirken und von
ihm Wirkungen empfangen kann.
Der volle, ungebrochene psychische Vorgang ist ein +Willensvorgang+, mit
den Momenten des Empfindens, Vorstellens, Fühlens, Strebens, kurz, das,
was +Fouillée+[20] treffend als »processus appétitif« bezeichnet hat. Zu
unterscheiden sind zwei Stufen des Willens: Triebwille (Trieb) und
Willkür; ersterer ist der einfache, eindeutig bestimmte, letzterer der
kompliziertere, aktivere, bewußtere Wille. Der Triebwille ist als
+Ausgangspunkt der gesamten Seelenentwicklung+ sowohl onto- als
phylogenetisch aufzufassen. Alle äußeren Anzeichen sprechen dafür, und
seine Natur ist eine solche, daß sich sowohl die progressive als die
regressive Entwicklung des Bewußtseins aus ihr verstehen läßt. Im
Vereine mit dem »Willkürwillen« durchzieht der Triebwille das +gesamte
Seelenleben+ des Menschen, in den verschiedensten Formen und Richtungen
findet er sich hier und seine Herrschaft ist eine um so größere, je mehr
wir uns dem Tierischen nähern.