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Das
Wirken der Seele
Ideen zu einer organischen Psychologie
Von
DR. RUDOLF EISLER
[Illustration: Dekoration]
LEIPZIG
Alfred Kröner Verlag
1909
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
Vorwort.
Die vorliegende Arbeit[A] enthält die Grundzüge einer
+organisch-teleologischen Psychologie+, deren systematischen Ausbau sich
der Verfasser für eine spätere Zeit vorbehält. Es wird hier versucht, zu
zeigen, wie sich eine konsequente Durchführung des psychologischen
»Voluntarismus«, für den das Streben und Wollen, die zielsetzende
Tätigkeit der Psyche (als des »Innenseins« des Organismus) das
+Dynamische+, das innerste Triebwerk des Seelenlebens ist, gestalten
muß, wenn dieser Voluntarismus im guten Sinne des Wortes +monistisch+
und +evolutionistisch+ gefärbt ist, d. h. wenn er bei vollster
Anerkennung der Eigenkraft des Psychischen einer Durchbrechung des
geschlossenen Naturzusammenhanges nirgends Raum gewährt, und wenn er die
innere, durch äußere Faktoren mitbedingte Entwicklungsarbeit der Psyche
gebührend berücksichtigt. Wenn auch naturgemäß so manches schon Bekannte
gebracht werden mußte, so hofft der Verfasser doch, durch seine Schrift
nicht bloß weiteren Kreisen, sondern auch dem Psychologen, Biologen und
Philosophen manche Anregungen bieten zu können[B].
+Wien+, April 1909.
Dr. +Rudolf Eisler+.
[A] Unter Zugrundelegung der gleichnamigen Abhandlung in der
»Zeitschrift für den Ausbau der Entwicklungslehre«, II. Jahrgang.
1908.
[B] Vgl. +Eisler+, Krit. Einführ. in die Philos., Berlin 1905;
+Leib und Seele+, Leipzig 1908; +Grundlagen der Philos. des
Geisteslebens+, Leipzig 1908; Wörterbuch der philos. Begriffe,
Berlin, 3. Aufl., 1909, sowie die in Vorbereitung befindliche im
gleichen Verlage (im Herbste) erscheinende »Geschichte des
Monismus«.
Inhalt.
Seite
I. Die Psyche und ihr Verhältnis zum Physischen 5
II. Die psychische Kausalität 19
III. Der Wille als psychischer Motor 28
IV. Der Zweck im Seelischen 43
V. Psychische Entwicklung 58
Anmerkungen 70
I. Die Psyche und ihr Verhältnis zum Physischen.
Die Zeiten, da man unter der Seele eine immaterielle, einfache,
unzerstörbare Substanz hinter dem Bewußtsein und dessen Modifikationen
verstand, scheinen nun doch vorüber zu sein. Zwar fehlt es gerade in
jüngster Zeit nicht an einer +dualistischen Reaktion+ nicht bloß gegen
den Materialismus, sondern auch gegen die »Identitätstheorie« und jeden
sonstwie gearteten »Monismus«, aber erstens ist diese Reaktion nur ein
neuer Vorstoß des alten Seelenglaubens, und zweitens weist sie vielfach
+Konzessionen+ gegenüber der monistischen Ansicht auf, welche bezeugen,
daß es mit der metaphysischen Hypothese der absolut einfachen, dem Leibe
völlig selbständig gegenüberstehenden und von ihm trennbaren
Seelensubstanz rapid zu Ende geht.
Die psychologische »Aktualitätstheorie« mag sich mancher Einseitigkeiten
und Übertreibungen schuldig gemacht haben, wie wir weiter unten zeigen
werden. Aber das nimmt ihr keinesfalls das außerordentliche Verdienst,
an Stelle der »transzendenten«, aller Erfahrung sich entziehenden
Seelensubstanz mit besonderen »Vermögen« und Tätigkeiten das +konkrete
Bewußtsein+ als Inbegriff und Zusammenhang von Erlebnissen selbst
gesetzt zu haben. Mit vollem Recht betont diese Aktualitätstheorie[1]
zweierlei. Erstens, daß die +psychischen Vorgänge+, die
Bewußtseinserlebnisse als solche +weder Schein noch bloße Erscheinung+
sind, sondern volle Wirklichkeit und Wirksamkeit haben, so daß also das
Psychische nicht aus unerfahrbaren, hinter und unter den
Bewußtseinserlebnissen stehenden Prozessen besteht. Zweitens, daß das
Psychische +nichts starr Substantielles, Ruhendes+, sondern »aktuell«
ist, daß es nicht Zustand einer absolut beharrenden, unveränderlichen
Substanz ist, sondern in einem Zusammenhang von Vorgängen, von
lebendigen Prozessen besteht, in welchen nichts sich absolut
gleichbleibt. Die psychischen Gebilde sind nicht Dinge, sondern
+fließende Resultate beständiger Aktionen und Reaktionen+, sie sind in
einem +unaufhörlichen Flusse+ begriffen und bilden die +Momente einer
fortlaufenden Entwicklung und Entfaltung+, deren Konstanz in erster
Linie +formaler+ Art ist. Die Seele ist hiernach keine »Substanz« im
Sinne des naturwissenschaftlichen Substanzbegriffs. Dieser ist durch die
Beschaffenheit des Inhalts der »äußeren«, sinnlich vermittelten
Erfahrung gefordert; er dient zu deren objektiven Vereinheitlichung, zur
Setzung fester Ansatzpunkte für die Anschauung und das Denken der
Objekte. Für die Psychologie aber ist der abstrakte Substanzbegriff ohne
Nutzen, er ist hier überflüssig, weil das Zentrum, um das sich die
psychischen Erlebnisse gruppieren, unmittelbar im +Subjektmoment+
gegeben ist, und er ist sogar schädlich, weil er den konkreten
Tatbestand des Erlebens leicht zugunsten eines unbekannten, mit
hypothetischen oder fiktiven Kräften und Eigenschaften ausgestatteten
Seelendinges verfälscht, dem Reichtum der Bewußtseinsmannigfaltigkeit
nicht genügt, der im Widerspruche zu der vorgeblichen »Einfachheit« der
Seelensubstanz steht, und endlich die Wechselbeziehungen zwischen
Psychischem und Physischem zu einem Rätsel macht. Denn alle Versuche,
die »Wechselwirkung« zwischen der einfachen Seelensubstanz und dem
Körper verständlich zu machen, scheitern teils an der Heterogenität
beider Wirklichkeitsglieder, teils an der Durchbrechung, welche hier das
Prinzip der geschlossenen Naturkausalität und das Prinzip der Erhaltung
der physischen Energie erleiden[2].
Übrigens gilt das meiste des hier Gesagten auch für jene Annahme, wonach
das Psychische zwar nicht Zustand einer unbekannten Seelensubstanz, aber
doch ein vom Physischen absolut verschiedenes, trennbares und
eigenartiges +Geschehen+ ist, das mit jenem in Wechselwirkung steht.
Erstens läßt sich nicht, wie dies von mancher Seite geschieht, das
Psychische in genau demselben Sinne wie das Physische als eine »Energie«
auffassen; denn es ist unräumlich[3], unmassenhaft und entbehrt auch
sonst der Eigenschaften, welche eine physikalisch-chemische
Arbeitsleistung ermöglichen. Ist es aber keine Energie im physikalischen
Sinne, läßt es sich seiner Natur nach weder aus physischer Energie
gewinnen noch in solche umsetzen, schon weil es keinen Bestandteil des
Inhalts der äußeren Erfahrung bildet, ist ferner nicht einzusehen, wie
ein immaterielles Geschehen Bewegung erzeugen oder auch nur der Richtung
nach abändern und wie Bewegung, Druck und Stoß, kurz mechanische Kraft,
auf ein Immaterielles, Unräumliches einwirken kann, dann ist die Annahme
eines solchen, dem Physischen als selbständiges Geschehen
gegenüberstehenden Psychischen, auch abgesehen von anderen
Schwierigkeiten, schon suspekt. Ein Psychisches kann auf ein Physisches
nicht wahrhaft einwirken, ohne daß die Menge der physikalisch-chemischen
Energie einen +Zuwachs+ erhält, und umgekehrt kann das Physische,
Materielle nicht auf das Seelische eine Wirkung ausüben, ohne daß
physische Energie +verloren+ geht. Es müßte denn neben der normalen Art
physischer Wirksamkeit noch eine zweite geben, welche das Energieprinzip
intakt läßt -- eine undurchführbare und vor allem ganz unnötige Annahme.
Nun könnte man glauben, es bleibe nur noch der materialistische Ausweg,
das Psychische mit dem Physischen zu identifizieren oder es als
»Funktion« desselben zu bestimmen. Dem ist aber nicht so. Der
+Materialismus+ ist als Dogma eine unhaltbare Theorie und was er
Richtiges enthält, die +strenge Koordination+ zwischen psychischen und
physiologischen Vorgängen, bietet auch der nicht materialistische
Monismus, von dem gleich die Rede sein wird. In keiner seiner Abarten
ist der Materialismus haltbar, aus Gründen, die hier nur angedeutet
werden können. Das »Psychische«, d. h. irgendein beliebiges »Erleben«,
wie die Empfindung eines Tones, die Vorstellung einer Gestalt, das
Gefühl einer Lust oder Unlust, eine Begierde oder ein Abscheu, ein
Willensentschluß, ein Urteilsakt u. dgl., +ist ein subjektiver+, auf ein
Subjekt, ein Ich unmittelbar sich beziehender, in physikalischen
Ausdrücken nicht beschreibbarer Vorgang, der etwas anderes ist als der
Inhalt oder Gegenstand des Erlebens, das objektive Raumgebilde, an
welchem Bewegung und Energie auftritt. Es ist einfach absurd, zu
behaupten, ein Schmerz etwa »sei nichts als Bewegung«; denn wir meinen
ja mit Schmerz, Lust, Wille u. dgl. qualitativ etwas ganz Bestimmtes,
Erlebbares, was sich ohne weiteres von einer Bewegung, von einem
räumlichen Geschehen unterscheidet. +Psychische Erlebnisse+ sind weder
stoffliche Substanzen, die von anderen gleichsam ausgeschieden werden
könnten, noch physische Vorgänge, sie sind +nicht Objekte+ des Erlebens,
sondern das +subjektive Erleben selbst in dessen unmittelbarem
Auftreten+. Das Psychische ist kein wäg- oder räumlich meßbares,
mechanische Arbeit verrichtendes Etwas, keine »Nervenschwingung« u.
dgl., mag es auch mit einer solchen untrennbar verknüpft sein. Es hat
mit Massen und Massenbewegungen nichts zu tun, es kann nicht eine
»Eigenschaft« unter materiellen Eigenschaften bilden, es geht nicht in
die mathematischen Formeln für physikalisch-chemische Vorgänge ein. Aber
auch nicht eine kausale Funktion, eine Wirkung physiologischer Prozesse
kann das Psychische, das subjektive Erleben sein. Erkenntnistheoretisch
nicht, weil das Physische als solches schon durch ein Subjekt und dessen
psychisches Erleben (Empfinden, Vorstellen, Wollen) +bedingt+ und im
besten Falle nur die von einem Bewußtsein qualitativ abhängige
»Erscheinung« eines »An sich« ist, das nicht selbst physisch ist, wenn
es auch den objektiven »Grund« für das Auftreten physischer Phänomene
abgibt. Aber auch aus methodologischen Gründen kann das Psychische nicht
die Wirkung des Physischen, Physiologischen sein, ganz abgesehen von
seiner Ungleichartigkeit gegenüber dem letzteren. Physiologische
Prozesse sind physikalisch-chemischer Art, soweit sie vom Standpunkte
der »äußeren« Erfahrung betrachtet werden. Die +methodische Konsequenz+
erfordert es, den einmal eingenommenen Standpunkt bis zum Ende und
+ausnahmslos festzuhalten+. Es ergibt sich daraus die +Geschlossenheit+
der physischen Kausalität, wonach jeder physische Vorgang, auch im
Organismus, immer wieder nur einen physischen Vorgang zur Wirkung und
zur Ursache haben kann, sollen nicht, was die +Einheit und
Vollständigkeit+ der Erfahrung und Erkenntnis beeinträchtigt, die
Standpunkte fortwährend miteinander vermengt und vertauscht werden. Der
Materialismus leidet also an +demselben Fehler+ wie der Dualismus, wenn
er ein Bewirktwerden des Psychischen durch Physisches, etwa durch
Gehirnprozesse annimmt, ganz abgesehen davon, daß ganz und gar nicht
abzusehen ist, wie aus rein Objektivem und Materiellem etwas
»Subjektives«, »Immaterielles« (im guten Sinne des Wortes) entstehen
oder hervorgehen kann. Auch ist hier, wie beim Dualismus, das Gesetz der
Konstanz der Energie, welches die Anwendung des apriorischen
Kausalprinzips auf die äußere Erfahrung ist, ein festes Bollwerk gegen
alle Auffassung des Psychischen, des Bewußtseins als kausaler Funktion
physiologischer Prozesse.
Meint man nun, gewiß sei das Psychische im Bewußtsein vom
Physiologischen verschieden, aber das sei nur Schein oder Erscheinung,
in Wirklichkeit oder »an sich« sei das Erleben doch nur physischer Art,
so ist darauf zu erwidern, daß hier +das richtige Verhältnis geradezu
umgedreht+ wird. Das Physische kann zwar kein Schein, wohl aber
»objektive Erscheinung« sein, denn es ist durch das erkennende Subjekt,
durch ein Psychisches also, qualitativ bedingt. Aber das Psychische
(Geistige) als solches, das Bewußtsein im weitesten Sinne, kann +nicht
bloße Erscheinung+ sein. Denn damit etwas »erscheint«, ist schon ein
psychisches Erleben (Erkennen) notwendig, +durch das+, und ein Subjekt,
+für welches+ es erscheint. Ein Physisches, das nicht schon zugleich
psychisch ist, kann sich also gar nicht »erscheinen«, nicht irgendwie
»erfassen«. Kann es sich aber erleben, erkennen, dann ist es eben nicht
mehr rein physisch und hat eigenartige Erlebnisse, eben das Psychische:
Empfindung, Vorstellung usw., das unmittelbar und sicher da ist. An der
Existenz psychischer Erlebnisse in uns können wir nicht im geringsten
zweifeln; daß wir fühlen wollen, denken usw., muß auch für den größten
Skeptiker, der das Dasein der Körper in Frage stellt, evident sein.
Es gibt kein unmittelbareres und gewisseres Sein als das Bewußtsein;
es ist nicht bloße Erscheinung, sondern die +Urbedingung aller
Erscheinungsmöglichkeit+; es setzt sich selbst logisch voraus,
ist völlig unableitbar[4].
Mit der Wendung: »eigentlich« ist das Psychische nur eine
Nervenschwingung, ist es also nichts. So wie der Dualist geht auch der
Materialist hinter die Erfahrung zurück, indem er das unmittelbare
Erlebnis, das wir als unbefangene Beurteiler selbst das Psychische
nennen, transzendiert. Das gleiche tut natürlich der Vertreter der
»Philosophie des Unbewußten«, wenn er das psychische Wirken in das
absolut Unbewußte verlegt. Ein Unbewußtes absoluter Art, das zugleich
psychisch sein soll, ist ein Unding, ein »unbewußter Geist«, ist eine
contradictio in adjecto, denn »Bewußtsein« und »psychisch« sind ja zwei
Bezeichnungen für ein Geschehen, von dem man gar nichts wissen könnte,
wäre es nicht im Erleben gegeben. In der Tat sind die »unbewußte
Vorstellung« und der »unbewußte Wille« nur Entlehnungen aus dem
Bewußtsein, das »Unbewußte« hat in diesem sein Vorbild, ist nur eine
metaphysische Kopie und Verdoppelung desselben.
Zwischen Materialismus und Dualismus schwankt jene Lehre, nach welcher
das Psychische, das Bewußtsein nur ein »Epiphänomen« des Physiologischen
ist[5]. Das Seelische ist hiernach nicht selbst physisch, es ist auch
nicht eine Wirkung des Physischen, sondern eine Art Schatten, welcher
das physiologische Geschehen im Zentralnervensystem begleitet, in steter
»Abhängigkeit« von diesem, aber ohne eigene Wirksamkeit. Im Menschen,
der einen lebenden Automaten darstellt, vollzöge sich alles ganz genau
so, wie es sich vollzieht, auch wenn es kein Bewußtsein gäbe. Dieses
kommt nur auf einer bestimmten Stufe der organischen Entwicklung zum
Physiologischen hinzu (als ein »surajoutée«), man weiß nicht wie und
woher und wozu. Denn einen Einfluß auf das organische Getriebe soll es
ja nicht haben, und aus dem Physischen soll es ja nicht entstehen, da es
diesem nur parallel geht. Es schwebt durchaus in der Luft und erscheint
als biologisch nutzlos und schon vom Standpunkte des Darwinismus wegen
dieser Zwecklosigkeit als genetisch unbegreiflich[6]. Daß man sich gegen
eine solche Form des »psycho-physischen Parallelismus« energisch gewandt
hat, ist durchaus in der Ordnung. Ebensowenig wie das Prinzip der
Stetigkeit und die Kausalität es zuläßt, daß aus Bewegungen durch bloße
Komplikation etwas ganz Neues, das Bewußtsein, entsteht, ebensowenig
kann dieses plötzlich, bei den Organismen, aus dem Nichts zum Physischen
hinzukommen. Es müßte denn das Erzeugnis eines Schöpfers sein, eine
Annahme, die kaum als eine wissenschaftliche gelten kann, ganz einerlei,
ob man für sich nun an einen Gott glaubt oder nicht.
Ein neben dem physischen einhergehendes, ohne innere Verbindung mit
demselben ablaufendes psychisches Geschehen, das gleichwohl in steter
Korrelation zu ihm steht, obzwar es selbst »inkausal« ist und auch vom
Physischen keine Wirkungen empfängt, ist nicht das, was die Psychologie
und die Biologie von dem Begriffe des Seelischen mit Recht fordern
können. Dieser Begriff muß den Tatsachen der Erfahrung möglichst gerecht
werden und sie möglichst umfassend erklären können. Und er muß deshalb
auch in rationeller Beziehung zum Begriff des Physischen, bzw.
Physiologischen stehen.
Ist nun das Psychische nicht der Zustand oder die Tätigkeit eines
transzendenten Seelenwesens, auch nicht die bloße Funktion oder
Erscheinung des Physischen, des Nervensystems, ist es weder selbst ein
physischer Prozeß, noch ein neben diesem einhergehender Vorgang, was ist
es denn, was kann es denn noch sein?
Jedenfalls ist das Psychische, da es nicht das Erzeugnis eines rein
Materiellen sein kann, ein +Prinzip+ des Seins, ein »Urgeschehen«. Es
ist mindestens +ebenso primär+, ursprünglich wie das Physische. Wie
Subjekt und Objekt Korrelate sind, die getrennt nicht bestehen, sondern
zu +einer und derselben Erfahrung+ als deren beide Seiten, Glieder,
Beziehungspunkte gehören, ohne daß das eine ein Produkt des andern ist,
so erweisen sich auch Psychisches und Physisches als untrennbare, nur in
der Abstraktion unterscheidbare und voneinander abzulösende »Seiten« der
+Gesamterfahrung+. Diese ist die ursprüngliche Einheit, die »Identität«
des Psychischen und Physischen. Die Verschiedenheit beider »Seiten«
bedingt einen, vom metaphysischen durchaus zu sondernden +empirischen+
(phänomenalen) Dualismus auf Grundlage eines ebenso empirischen
Monismus. In der Abstraktion und zwecks begrifflicher Verarbeitung des
Erfahrungsinhalts müssen wir von zwei »Seiten« des Geschehens sprechen.
Die eine ist das Physische, die andere das Psychische. Sehen wir nämlich
davon ab, daß die Inhalte der Sinneswahrnehmung und des diese
verarbeitenden Denkens in konkreter Wirklichkeit zu einem Subjekt, einem
»Bewußtsein überhaupt«, einem Erleben gehören, behandeln wir diese
Inhalte, die Objekte der Erfahrung, als von aller Individualität
(Subjektivität) unabhängige, selbständige, gesetzlich miteinander
verknüpfte, in raum-zeitlich-kausalen Relationen zueinander stehende
Dinge und Eigenschaften, die wir in mathematischen Formeln quantitativ
festlegen, dann ergibt sich jene Auffassungsweise, die wir »äußere«
Erfahrung und »mittelbare« Erkenntnis nennen, deren Gegenstand das
Physische, Körperliche, Materielle ist. Dieses besteht also, ungeachtet
des »Idealismus«, den die Erkenntniskritik für die Objekte der Erfahrung
als solche statuiert, nicht aus psychischen Erlebnissen, sondern wird
von diesen +methodisch unterschieden+. Das Psychische hingegen ergibt
sich aus einer anderen »Auffassungsweise« der Erfahrung, nämlich sofern
diese +in voller Unmittelbarkeit und Konkretheit+, ohne jede Abstraktion
und Hypostasierung, ohne »Objektivierung« hingenommen und gedacht wird.
Das Erfahren, Erleben selbst in allen seinen Momenten und Elementen
(Empfindung, Vorstellung, Wollen, Denken usw.), als +unmittelbarer
subjektiver Prozeß+, als Bewußtsein, für ein Ich-Gegeben-Sein, als
unmittelbarste Aktion und Reaktion eines Subjekts ist das Psychische.
Ein und derselbe Tatbestand also, ein Erlebnisganzes bildet den
Ausgangspunkt für zwei verschiedene +Betrachtungsweisen+, für den
»empirischen Dualismus«, der, philosophisch gedeutet, zu irgendeiner Art
des +Monismus+, wenn auch nicht zum Materialismus führt, wofern man sich
nur der Korrelation beider Seiten der Gesamterfahrung bewußt bleibt[7].
Gehen wir vom menschlichen Organismus als einem Teil unserer Erfahrung,
oder, noch besser, geradezu von unserem eigenen Ich aus. Erfasse ich mich
mittels der Sinne und denke ich mich als ein +Objekt+ unter Objekten,
abstrahiere ich von dem Umstand, daß das, was ich sinnlich an mir vorfinde,
zu meinem Ich, Subjekt, Bewußtsein zugehört, denke ich es methodisch als
System von Bewegungen oder Energien selbständiger, miteinander in
Wechselwirkung stehender Elemente um, dann bin ich für mein eigenes wie für
das fremde Erkennen ein +Physisches+, ein Körper (Leib) mit körperlichen
Vorgängen, ein Raumding unter gleichartigen Dingen. Ich finde dann an mir
nichts als ausgedehnte Masse, Bewegungen der Glieder, der Muskeln,
Nervenschwingungen, kurz, physikalisch-chemische Prozesse, die miteinander
in durchgängigem Zusammenhang stehen, ohne daß irgendwo die kausale
Verkettung eine Lücke zeigt. Vom Standpunkt der »äußeren« Erfahrung,
welcher der der Naturwissenschaft ist, bin ich, wie jeder andere
Organismus, nichts als bewegte Materie, ein Komplex physikalisch-chemischer
Energien, kurz, ganz so, wie der Materialismus es lehrt. Aber dieser
Materialismus ist völlig +einseitig+. Denn sobald ich den Standpunkt der
äußeren mit dem der »inneren« (unmittelbaren) Erfahrung vertausche, ändert
sich das Bild. Jetzt bin ich nicht mehr bewegte Materie oder
Energiekomplex, sondern ein lebendiges, empfindendes, fühlendes, wollendes,
denkendes +Subjekt+, ein +einheitlicher Zusammenhang von Erlebnissen+, die
als solche -- mögen sie auch Körper und Bewegungen zum Inhalt oder
Gegenstand haben -- weder Körper noch Bewegungen sind. Ich habe Erlebnisse
von Farben, Tönen, Ausdehnung usw., aber das subjektive Erleben als
solches, das Auftreten oder Erzeugen von Vorstellungen, Gefühlen usw. ist
nicht selbst farbig, tönend, ausgedehnt, schwer u. dgl., sondern intensiv,
klar, lebhaft, deutlich usw., es muß +anders beschrieben und bestimmt+
werden als das Physische, als +der objektivierte und hypostasierte
Erfahrungsinhalt+. Ebendasselbe also, was von dem einen Gesichtspunkt als
Körper sich darstellt, erscheint, ist in seinem unmittelbaren
»Für-sich-Sein«, als erlebendes Subjekt, eine »Seele«, ein psychischer
Zusammenhang. Insofern das Physische als solches ein +Abstraktionsprodukt+
ist und von den Formen der Anschauung und des Denkens abhängig ist, kann es
als »Erscheinung« bestimmt werden. Das Psychische (Geistige) hingegen, das
die Bedingung der Erkenntnisformen, ja der Zusammenhang von
Erkenntnisfunktionen (neben anderen) selbst ist, das ferner niemals
direktes Objekt eines fremden Erkennens sein kann, ist nicht bloße
Erscheinung (im Kantischen Sinne), sondern (mindestens +relativ+) ein »An
sich« des Organismus, jedenfalls aber das mehr unmittelbare, mehr konkrete,
vollere Sein oder Geschehen.
Die »Identitätstheorie«, wonach Psychisches und Physisches zwei
»Seiten«, »Attribute«, »Erscheinungen«, »Aspekte« eines und desselben
Wesens bilden, kann in realistischer oder auch in mehr oder weniger
idealistischer Weise formuliert werden. Wir glauben nun, daß die
realistische Identitätstheorie mit ihrer Annahme eines an sich
unbekannten Wesens, dessen Äußerungen oder Seiten das Psychische und
Physische darstellen, immerhin durchführbar ist, halten sie aber doch
entweder für einen »agnostischen« Verzicht auf eine weitere
Vereinheitlichung der Erkenntnis oder aber, wenn sie als der Weisheit
letzter Ausspruch gilt, für +halb-dualistisch+ und in manche
Schwierigkeiten verwickelnd. Wir ziehen es daher vor, den Monismus
+idealistisch+ (oder besser »ideal-realistisch«) zu fassen, indem wir
sagen: +Was an sich, für sich, unmittelbar erfaßt psychisch ist, das ist
der objektiven Erscheinung nach, mittelbar erkannt, methodisch
verarbeitet physisch.+ Der äußeren, körperlichen Organisation
»entspricht« die innere, seelische Organisation; erstere ist die
»Erscheinung«, der »Ausdruck«, die »Objektivation« der letzteren, diese
das »An sich«, das »Innensein« jener, so aber, daß beide nur aus der
+einheitlichen Gesamterfahrung+, in der sie untrennbar sind,
herausgehoben sind. Diese und das beiden Betrachtungsweisen Gemeinsame
(Entwicklung, Differenzierung, Intensität und andere Eigenschaften) ist
das »Identische« der beiden Daseinsweisen[8]. Seele und Leib sind
demnach +nicht zwei trennbare Dinge+, nicht zwei Substanzen, aber es ist
auch nicht die Seele mit dem Körper, dieser mit der Seele identisch.
Sondern je nach der Betrachtungsweise ist dasselbe Wirkliche, der
»Organismus«, durchweg »Seele« oder durchweg »Körper«. Und weil dem so
ist, weil Psychisches und Physisches +Korrelate+ sind, die sich auf
+dasselbe Wesen+ beziehen, besteht zwischen ihnen vollkommene
+Harmonie+, »entspricht« jedem psychischen ein physisches
(physiologisches) Geschehen und umgekehrt, ohne daß eine wahre
Wechselwirkung zwischen ihnen zu bestehen braucht. So genommen, verliert
der »psychophysische Parallelismus« alles Mystische und Unbegreifliche,
denn jetzt handelt es sich nicht mehr um zwei fremd einander
gegenüberstehende und doch in genauer Übereinstimmung befindliche,
selbständige Seins-Reihen, sondern +nur um eine Wirklichkeit, die von
zwei Gesichtspunkten aus betrachtet und denkend verarbeitet wird+[9].
Jedem psychischen Vorgang entspricht ein physiologischer Prozeß, und
umgekehrt hat jeder physiologische Vorgang in einem psychischen
Geschehen mehr oder weniger bewußter Art sein Korrelat. Es besteht also
eine wechselseitige +Abhängigkeit beider Daseinsweisen voneinander+, die
aber nicht direkt kausal ist, sondern »funktionell« im Sinne der
Mathematik, wiewohl man sich populär und im einzelnen auch der kausalen
Ausdrucksweise bedienen kann, wenn man sich nur der +Laxheit+ derselben
bewußt bleibt. Die Fälle scheinbar echter Wechselwirkung zwischen Leib
und Seele erklären sich wie folgt. Es gibt außer den vollbewußten,
apperzipierten psychischen Vorgängen »unterbewußte« und für sich allein,
gesondert überhaupt nicht gewußte, nicht bemerkte, nicht »apperzipierte«
(keineswegs aber absolut unbewußte, apsychische) Prozesse und Elemente
von solchen, die sich zum Teil zu dem vereinigen und in dem aufgehen,
was wir das dunkle »Lebensgefühl« nennen. An diesem partizipieren jene
psychischen Teilvorgänge, die den +vegetativen+ Lebensprozessen parallel
gehen, ohne ins Licht des eigentlichen, des klaren Selbstbewußtseins zu
fallen. Die Abhängigkeit des geistigen Lebens, des Denkens z. B., vom
»leiblichen« bedeutet nun, streng genommen, nicht eine kausale
Beeinflussung des Geistigen durch das Körperliche als solches, sondern
durch jene »Innenseite« desselben, die in Form mehr oder weniger
dunkler Empfindungen, dumpfer Gefühle und Strebungen u. dgl. auftritt.
Das »Leibliche« wirkt also, wenn man will, auf das Seelische ein, aber
schon als Bestandteil des Psychischen, als ein +Seelisches niederer
Ordnung+, als eine +Provinz der psychischen Organisation+[10]. In diesem
Sinne ist es wahr, daß z. B. Verdauungsbeschwerden einen Einfluß auf die
Denktätigkeit, die Stimmung usw. ausüben; aber nicht die
physikalisch-chemischen Vorgänge im Magen sind die Ursachen der
psychischen Depression, sondern die diesen Vorgängen entsprechenden
»Innenzustände«, bzw. diese Vorgänge vom Standpunkt der inneren
Erfahrung aufgefaßt. Ebenso sind Störungen des Gehirns, die durch Läsion
desselben bedingt sind, nur insofern die Ursachen geistiger Erkrankung,
als sie zugleich, an sich, Störungen unbewußter psychischer Prozesse,
Dispositionen und Verbindungsmöglichkeiten sind, an die sich die
eigentliche Geistesstörung knüpft. So wie der Leib nur als Psychisches
auf den Geist einwirkt, mit dem zusammen er einen Teil der seelischen
Gesamtorganisation bildet, so wirkt die Seele auf den Leib wahrhaft nur,
sofern dieser ein »Innensein« hat, d. h. als unmittelbares Erlebnis,
nicht wie er als Komplex von Atomen und Energien abstrakt aufgefaßt und
bestimmt wird. Nur die unmethodische willkürliche +Vertauschung der
Standpunkte+, die ja gewiß bequem ist, verführt zu dem Glauben, es könne
etwa der Wille eine Bewegung kausal beeinflussen. In Wahrheit geschieht
folgendes: ein von Empfindungen oder Vorstellungen ausgehender
Willensimpuls hat zur Folge eine Veränderung in Muskelempfindungen u.
dgl., kurz, eine Art Umlagerung von Bewegungsvorstellungen. Die
Willenshandlung beginnt psychisch mit dem Antrieb und endet in
Muskel- und ähnlichen Empfindungen, und dem geht parallel eine physische
Reihe, welche mit Gehirnprozessen beginnt und in einer Bewegung etwa des
Armes endigt. Auf diese Weise geht der Willensimpuls tatsächlich der
angeführten Bewegung zeitlich voran; aber gleichwohl fallen innere
Willenshandlung und äußere Gesamtbewegung zeitlich zusammen, indem je
einem Moment der ersteren ein Moment der letzteren zugeordnet ist[11].
In der Bewegung kommt der Wille zum sichtbaren und meßbaren +Ausdruck+,
er ist der innere +Grund+ der Bewegung, aber nicht die phänomenale
»Ursache« derselben, welche in einem Nervenprozesse zu suchen ist, gemäß
dem Prinzip der geschlossenen Naturkausalität und dem der Konstanz der
Energie. Der Willensvorgang ist der Grund, daß die objektive Erscheinung
einer Körperbewegung für ein Subjekt auftritt, und insofern kann man
sagen, die Körperbewegung ist durch das Psychische »bedingt«, sie würde
ohne dieses nicht auftreten, da sie ja nur die »Außenseite« desselben
ist. +In Wahrheit wirkt die Seele immer nur auf ein Glied oder Element
ihrer Organisation und dies erscheint objektiv als Wechselwirkung
zwischen Bestandteilen der körperlichen Organisation.+ Alles
physiologische Geschehen läßt sich insofern als ein +Zeichen+ für einen
psychischen Vorgang auffassen; ja der gesamte körperliche Organismus
bildet geradezu ein +System der Ausdrucksbewegungen+, in welchen sich
mehr oder weniger bewußte oder unterbewußte, höhere oder niedere
psychische Zustände und Vorgänge verraten, manifestieren.
Wir verstehen nun, warum und inwiefern das Psychische an ein
Nervensystem und dessen Funktionen, bzw. an organische Substanz, an
Substanz überhaupt »gebunden« ist. Nicht weil es ein Produkt dieser
Substanz ist, sondern weil es das »Innensein« derselben bildet, weil das
Subjektive als materielles Sein und Geschehen erscheint oder unter
entsprechenden Bedingungen (Anwesenheit eines wahrnehmenden Subjekts
usw.) erscheinen kann und muß. Da höheres Geistesleben nur auf der Basis
eines niederen, sinnlichen, teilweise schon »mechanisierten«
Seelenlebens erwächst, so ist es begreiflich, daß dieses höhere,
entwickeltere, +differenzierte Geistesleben+ auch in Form einer
+differenzierteren Materie+ erscheint und demnach an ein Nervensystem,
beim Menschen sogar an ein Großhirn gebunden ist, während das Seelische
in niederer Form auch nur niedere, weniger organisierte Substanz zum
Korrelat hat. Diese substantiellen »Träger« des Seelischen sind
erkenntnistheoretisch und naturphilosophisch als »Objektivationen« einer
Organisation, einer »Struktur«, eines Seins zu betrachten, das aus der
+Wirksamkeit des Seelenlebens auf sich selbst+, in aktiver und reaktiver
Anpassung auf die Umwelt, durch Übung und Vererbung und andere Faktoren
hervorgegangen ist. Die Seele »baut« sich ihren Leib selbst, nicht durch
mystische Formung des Körpers, sondern durch +Selbstorganisation+, die
den Ausgangspunkt und die Basis für höhere Entwicklungen bildet und
objektiv als mehr oder weniger differenzierte Materie mit
entsprechenden, physischen, physiologischen Funktionen erscheint. In
diesem Sinne ist der +Leib+ in Wahrheit die +verkörperte und teilweise
mechanisierte Seele+, diese die +lebendige, aktive »Form«, die
»Entelechie« des Leibes+, in dem sie sich objektiviert und stabilisiert.
Jedes psychische Geschehen ist also insofern zugleich physisch, als es
in einer physischen Erscheinung zum »Ausdruck« kommt und es hat
Physisches zur Folge, insofern es der +innere Grund+ einer Veränderung
in den physischen Phänomenen, die den Organismus betreffen, ist.
Direkte, +phänomenale+, exakt-meßbare, naturwissenschaftliche +Ursache+
einer organisch-physischen Veränderung ist stets wieder ein +physischer+
Vorgang im Organismus als Reaktion auf einen äußeren Reiz. Indem dieser
den Organismus erregt, +bedeutet+ diese »Erregung« zweierlei: vom
Standpunkt der äußeren Erfahrung eine Auslösung physischer Energie, vom
Standpunkt der inneren Erfahrung ein inneres »Verspüren« und einen
»Antrieb« zur Tätigkeit. Die äußere Handlung, die daraus resultieren
kann, ist +der objektive Ausdruck der inneren, psychischen Aktion oder
Reaktion+, die an sich nichts Physisches, Materielles bewirken kann. Es
muß dies wiederholt betont werden, damit die zuweilen schwer zu
vermeidende laxere Ausdrucksweise eines Bewirktwerdens physischer
Vorgänge durch psychische nicht mißverstanden, +nicht im
metaphysisch-ontologischen Sinne+ genommen und dann etwa gar der Vorwurf
des Selbstwiderspruches erhoben wird. --
Wir sind nun so weit, daß wir auch der Einseitigkeit der +extremen
Aktualitätstheorie+ begegnen können. Wenn diese die Seele (das Ich) für ein
bloßes »Bündel« von Vorstellungen, für einen bloßen »Komplex« von
elementaren Zuständen und Vorgängen, für ein bloßes »Summationsphänomen«
erklärt (+Hume+, +Mill+, +Mach+ u. a.), so besteht die Einseitigkeit hier
darin, daß nur auf die Vielheit und Mannigfaltigkeit der seelischen
Teilinhalte +geachtet+ wird. Wenn wir nämlich auf diese Vielheit achten, d.
h. +Teile apperzeptiv aus dem Zusammenhang des Erlebens herausheben+, dann
entgeht uns leicht der +Einheitscharakter+ des Erlebens, oder wir werden
wenigstens geneigt, ihn zu unterschätzen. Wir verfallen dann geradeso in
Einseitigkeit wie die Dualisten, welche die Einheit des Ich
+hypostasieren+, vom Erleben abtrennen und zu einer vom Leibe gesonderten
Seelensubstanz machen. Die +Einheit+ des Erlebens ist also weder Schein
noch ein selbständiges Wesen, sie ist weder ein bloßes Summationsphänomen,
noch eine transzendente Wesenheit, sondern sie ist +so real wie das
Bewußtsein überhaupt+ es ist, sie ist +eine im Bewußtsein, in der Fülle der
Erlebnisse sich entfaltende und erhaltende Einheit, eine aktive
Einheitsfunktion+, kurz das, was wir ein »Subjekt« nennen. Das Subjekt hat
mit der Substanz die +Konstanz+ und +Identität+ gemein, ohne die Starrheit
jener zu teilen, ohne einen dinghaften Charakter zu besitzen. Das Subjekt
ist +kein einzelner Bewußtseinsinhalt+, sondern die +aktive Form und das
lebendig Formende des Bewußtseins+, es besteht +nicht neben+ der
Mannigfaltigkeit der Erlebnisse, sondern +in ihnen+, in ihrem inneren
Zusammenhange, der mehr als eine Summe oder ein Aggregat ist. Und die
Erlebnisse, die Bewußtseinszustände, sind +nicht vor und ohne das Subjekt+
da, sondern immer schon +Abhängige, Aktionen und Reaktionen eines wenn auch
noch so primitiven Subjektmoments+, eines »primären Ichs« (+Jodl+), um das
als Zentrum, als Ausgangs- und Quellpunkt sie sich gruppieren. Die +Seele+
ist also +das in der Mannigfaltigkeit der Bewußtseins-Erlebnisse sich
identisch setzende, erhaltende und entwickelnde Subjekt, eine gegliederte,
organisierte Einheit in der Vielheit, ein aktiv-reaktives Einheitsprinzip+
-- nicht transzendenter, wohl aber, als Bedingung alles Erlebens,
»transzendentaler« Art (im Kantischen Sinne). Die Seele ist also dem
Bewußtsein immanent, sie ist das aktive und reagierende +Bewußtsein
selbst+, das sich +inhaltlich+ stets nur in einem Zusammenhang von
Erlebnissen (»empirisches Ich«) findet, stets aber über jeden Bestandteil,
jedes Moment dieses Zusammenhanges hinausragt als ein formales,
+synthetisches+ Prinzip, nicht als ein Wesen mit unbekannten
Eigenschaften[12]. Das Wesen der Seele ergibt sich vielmehr aus den
+Grundtätigkeiten+, in denen sie ihre Natur bekundet. Diese
Grundtätigkeiten sind es, worauf die Mannigfaltigkeit psychischer Prozesse
zurückführt, und aus den +Gesetzen+ jener, aus der +konstanten
Wirkungsweise, Funktion derselben+ sind die typischen Zusammenhänge,
Verbindungen und Gebilde des Bewußtseins wenigstens formal zu erklären. Man
muß also von der Oberfläche der Bewußtseinsvorgänge auf das +innerste
Getriebe+ derselben zurückgehen, wobei man teilweise zu relativ
»Unbewußtem«, d. h. Ungewußtem gelangt, nicht aber zu einem absolut und
wahrhaft Unbewußtem, prinzipiell Nicht-Erlebbaren. Eine absolut
»subjektlose« Psychologie, die alles aus der bloßen Verbindung absolut
selbständiger Elemente erklären will, spottet ihrer selbst und weiß nicht
wie. Sie führt zur Verdinglichung jener »Elemente«, die nur +als Glieder
eines einheitlichen Zusammenhanges+ Existenz und Wirksamkeit haben, aus
denen also das »Subjektmoment« nie herauszudestillieren ist. +Einheit und
Vielheit, Subjekt und Inhalt des Bewußtseins sind untrennbare, schon
ursprünglich, wenn auch noch undifferenziert bestehende Seiten des
Erlebens, des Bewußtseins, die auseinander nicht oder nur scheinbar
abzuleiten sind.+ Schon im primitivsten Seelenleben muß eine
»Subjektivität«, wenn auch noch ohne Abhebung von einer Objektenwelt,
bestehen, welche in ihren Erlebnissen sich findet, sich bejaht, sich setzt
und erhält, als einfache »Trieb-Seele« mit wenig veränderlichem Inhalt,
meist mit äußerst geringen Entwicklungsmöglichkeiten. Aus solchen
primitiven »Seelen« haben sich, durch das Zusammenwirken innerer und
äußerer Faktoren, nicht zum wenigsten aber durch aktive Anpassung, die
hochorganisierten Seelen der Menschen gebildet, als +Subjekte höherer
Ordnung+, aber wesensverwandt mit den der untermenschlichen Seelen.
II. Die psychische Kausalität.
Wir hörten bisher, daß die Seele nicht im metaphysischen Sinne auf den
Leib (als Materie oder Energiekomplex) einwirkt, sondern daß sie in
Wahrheit, genau gesprochen, +stets nur auf sich selbst wirkt und von
sich selbst Wirkungen empfängt+, so aber, daß alle Wirkungen +körperlich
irgendwie zum Ausdruck+ kommen, wobei eine Wechselwirkung zwischen dem
Nervensystem (und dessen Funktionen) und dem übrigen Organismus besteht.
Jedes psychische Geschehen hat sein physiologisches Gegenstück, seine
physische »Seite«. Infolge des Zurückwirkens der seelischen Organisation
auf sich selbst, das seinen physiologischen Ausdruck hat, ist es
verständlich, warum an den Veränderungen, an der Entwicklung des
Organismus +psychische Faktoren+ beteiligt sind, ohne daß sie den
physischen Zusammenhang durchbrechen, also ohne daß irgend einmal an
Stelle physikalisch-chemischer Ursachen von leiblichen Prozessen rein
psychische Ursachen treten.
Gibt es aber überhaupt eine +psychische Kausalität+, wird man fragen,
oder haben am Ende jene recht, welche das Psychische als »inkausal«, als
ohne wirksame Eigenschaft bestimmen und behaupten, nur das Physische
bzw. Physiologische könne wirken bzw. als wirkend gedacht werden? Die
Vertreter des »psychophysischen Materialismus« sind der Meinung, das
Psychische, das Bewußtsein -- wenigstens soweit es objektiviert, aus dem
unmittelbaren, konkreten Erleben methodisch herausgehoben werde
(+Münsterberg+[13]) -- sei ein »Epiphänomen«, eine schattenhafte
»Begleiterscheinung«, ein »Nebenerfolg« der Nervenprozesse, es habe
keine Aktivität und Kraft, keinen ureigenen, inneren Zusammenhang, keine
Eigenkausalität, sondern es bestehe aus Verbindungen, deren Ursache oder
Grundlage einzig und allein der raum-zeitliche Zusammenhang der
Gehirnprozesse sei. Es gibt hiernach keine wahre psychische Tätigkeit,
was wir so nennen ist nichts als die Summe von »Spannungsempfindungen«
u. dgl. Empfindungen und Vorstellungen verbinden sich dann miteinander,
wenn auch die entsprechenden Gehirnprozesse sich miteinander verbinden,
und alle Veränderungen und Störungen im Ablauf des Bewußtseins sind nur
Spiegelungen zerebraler Modifikationen.
Eine solche Auffassung ist aber unhaltbar. So wenig ein einzelner
physischer Vorgang einen psychischen bewirken oder auf ihn einwirken kann,
ebensowenig kann eine Verbindung physischer Vorgänge eine psychische
Verbindung bewirken. Und ebensowenig als ein Bewußtseinsvorgang die bloße
»Erscheinung« eines physischen Geschehens sein kann, ist es denkbar, daß
der Zusammenhang eines seelischen Geschehens nur der Widerschein eines
physischen Kausalnexus ist. Alles was gegen diese Art Abhängigkeit des
Psychischen vom Physischen spricht, spricht auch gegen diesen Spezialfall,
vor allem der Umstand, daß das Seelische nicht bloße Erscheinung eines
Geschehens sein kann, das des Seelischen ganz ermangelt, dem also die
+Bedingung des Sich-erscheinen-könnens+ durchaus abgeht. Auch läßt sich der
psychische Zusammenhang nicht aus der bloßen Verbindung der Nervenprozesse
erklären, ableiten. Ich mag noch so eifrig und genau in das Getriebe der
Hirnprozesse hineinschauen können, so werde ich, wenn ich nicht die schon
damit verknüpften Bewußtseinsvorgänge erlebt habe und kenne, diese und
deren Beschaffenheit nicht zu erkennen vermögen; denn die Qualität, die das
Psychische als solches konstituiert, das eigenartige Erleben eines Tones,
einer Farbe, einer Lust, eines Zornes usw. liegt keineswegs im
Nervenvorgang, ist aus ihm nimmer herauszulesen, zu erraten. Und ebenso
werden wir zwar aus raum-zeitlichen Verbindungen von Gehirnprozessen
Schlüsse auf psychische Zusammenhänge ziehen, manches an diesen aus jenen
begreiflich machen können, aber den Schlüssel zum +Verständnis+ des
seelischen Zusammenhanges, der spezifischen psychischen Verbindungen und
Gebilde, geben die physiologischen Zusammenhänge nicht. Das Physiologische
dient zur Erklärung des Psychischen in der Regel nur da, wo eine
+Gemeinsamkeit+ von Modifikationen beider statthat, wie
Ausfallserscheinungen, Hemmungen, Störungen verschiedener Art,
Simultaneität oder Sukzession u. dgl. Das Qualitative, Spezifische der
psychischen Verbindung ist +nur psychologisch+, nicht physiologisch zu
verstehen, wofern man nicht, was oft der Fall ist, unbewußt schon das
Psychische +voraussetzt+ oder psychische Zustände und Zusammenhänge in das
Physiologische +hineinträgt+.
Die Auffassung des Psychischen als »inkausal« ist nur dann begreiflich,
wenn man sich die unberechtigte Verdinglichung der Empfindungen und
Vorstellungen seitens der »Assoziationspsychologie« und die
Einseitigkeit des psychologischen »Atomismus« (oder der »atomistischen
Psychologie«) vor Augen hält.
Schon +Herbart+ hat den folgenschweren Fehler begangen, die psychischen
Elemente -- bei ihm die Vorstellungen -- als selbständige Wesenheiten
aufzufassen, die miteinander konkurrieren, um die Vorherrschaft im
Bewußtsein kämpfen, einander hemmen und verdrängen; in ihrem Zusammen-
und Gegeneinanderwirken werden sie zu Kräften, ja zu einer Art
lebendiger Dinge, die mit Tendenzen ausgestattet sind. Ähnlich sind für
die +Assoziationspsychologen+ die Empfindungen oft selbständige
Elemente, die primär nebeneinander bestehen, miteinander in Verbindung
treten usw., kurz, kausale Faktoren, aus deren Wirken das seelische
Leben abgeleitet wird.
Diese Auffassung ist die Reaktion gegen die ältere
»Vermögenspsychologie«. Diese stattet die substantielle (bzw.
dynamische) Seele mit spezifischen Kräften, Vermögen, Tätigkeiten aus,
welche das Bewußtsein erzeugen und Bewußtseinsverbindungen herstellen.
Ähnlich wirkt das »Unbewußte« +Ed. v. Hartmanns+ als Agens hinter dem
Bewußtsein und ist das eigentlich und einzig Aktive, Kausale im Ablauf
des Seelischen.
Wenn man nun, mit Recht, sich nicht zu einer solchen
Vermögenspsychologie bekennen will, zugleich aber einsieht, daß »reine
Empfindungen« nicht primäre, selbständige, absolute Wirklichkeiten,
sondern in gewissem Sinne +Abstraktions- und Zerlegungsprodukte+ sind,
Glieder eines einheitlichen Zusammenhanges, dann kann man leicht dazu
gelangen, diesen psychischen Elementen alles Wirken, alle Kausalität
abzusprechen und sie bloß dem Physiologischen zuzuerkennen, wie es
+Münsterberg+ tut[14].
Aber hier vermischt sich Wahrheit mit Irrtum. Richtig ist: 1. Es gibt keine
psychische Kausalität und Aktivität +hinter+ und +neben+ den
Bewußtseinsvorgängen, keine transzendenten Vermögen oder Kräfte, wenigstens
kommen sie für die Psychologie nicht in Betracht; 2. Empfindungen als
+isolierte+, aus der Einheit des Seelenlebens herausgehobene Elemente, als
Abstraktionsgebilde sind ohne Wirksamkeit, weil ohne absolute, konkrete
Wirklichkeit. Verfehlt ist aber unseres Erachtens die Abtrennung der
Psychologie als einer »objektivierenden« Wissenschaft, welche es mit
inkausalen, physiologisch zu erklärenden Abstraktionsgebilden zu tun hat,
von den »subjektivierenden« Geisteswissenschaften, welche das konkrete,
wirkliche, »stellungnehmende« Subjekt und dessen Aktionen zum Gegenstande
haben. Die Psychologie will entschieden das Psychische, d. h. das
+wirkliche Erleben des Subjekts in dessen Zusammenhange+ erforschen, nicht
Abstrakta, nicht Objektivierungen, mit denen es die Physik und Physiologie
zu tun hat[15]. Die abstrakten Empfindungen sind nicht das Psychische,
nicht der Gegenstand der Psychologie, sondern höchstens +Hilfsmittel+ zur
Erkenntnis des Psychischen. Die völlige Abstrahierung und
Verselbständigung der Empfindungen verfälscht und tötet das Seelenleben,
sie wird dem Tatbestande der inneren, unmittelbaren Erfahrung nicht
gerecht. Nicht erst in den einzelnen Geisteswissenschaften und in der
Philosophie brauchen wir die geistige, psychische Kausalität, schon in der
Psychologie müssen wir sie berücksichtigen, sonst erreichen wir den +Zweck+
dieser Wissenschaft: das Verständnis des Seelenlebens in seiner
Gesetzlichkeit, nicht. Mag auch -- und das ist der haltbare Kern der
+Münsterberg+schen Ausführungen -- die Psychologie wie jede
Gesetzeswissenschaft nicht das unmittelbare Erlebnis in seiner vollen
individuellen Bestimmtheit erfassen, sondern es mehr oder weniger
begrifflich umschreiben und logisch verarbeiten, so entfällt hier doch, im
Unterschiede von den Naturwissenschaften, die Notwendigkeit einer
Abstraktion vom erlebenden Subjekt und dessen Zuständen und Akten. Gerade
die +Beziehung der Erlebnisse zum Subjekt+ ist es, was sie zu psychischen
Vorgängen macht, ohne diese Beziehung haben wir nur fiktive Wesenheiten
oder aber, bei konsequenter Objektivierung, physische Inhalte vor uns.