Mit zitternden Händen griff ich begierig nach dem Bündel, das meinen

Schatz enthielt, und nun fielen meine Augen zum erstenmal auf das Wesen, um

dessentwillen ich so viel leiden mußte, das mir im fernen Land ein Trost

und eine Stütze werden sollte, ein Band vielleicht, das mir helfen würde,

wo alles andere mißlang, die Seele und das Herz meines chinesischen Gatten

zu finden oder zu erwecken.

Vor mir lag ein kleines Geschöpfchen mit weißer Gesichtsfarbe aber

ganz chinesischen Zügen. Die scharf geschlitzten Augen, die starken

Backenknochen und die flache Nase ohne richtige Nasenwurzel, Li Bais etwas

breite Lippen und sein straffes schwarzes Haar -- ja, Klein-Sing war ganz

und gar Chinese, trotz der Hautfarbe -- das einzige, was er von seiner

Mutter hatte. Würde seine Seele mir ähneln oder kalt und gefühllos wie

die Herzen der Chinesen sein? Jetzt hoben sich langsam die wimpernlosen

Lider und ein Paar nachtschwarze Aeuglein sahen mich verwundert an, dann

verzog sich das kleine Schnäuzchen meines Sohnes und Erben, und ein lautes

»Ä-ä« wurde hörbar. Ich hatte meine Mitmenschen, mein Vaterland, Li

Bai und alles vergessen. Ich dachte nur an das kleine Wesen, das hier

in meinen Armen lag und das so wunderschön -- oder so schien es mir --

»A-ä« sagte.

Die Schwiegermutter streckte ihre knochigen Hände nach der süßen Last

aus, aber ich preßte Sing fester an mich. Er war mein, ganz mein eigen und

niemand sollte ihn berühren.

Li Bai neigte sich über mich.

»Du wirst müde sein, Käthe, laß' Sing meiner Mutter. Sie hat ihn so

lieb.«

»Ich habe ihn auch lieb,« erwiderte ich und meine Augen funkelten, »und

Sing ist _mein_ Kind!«

»Gewiß,« sagte er finster, »aber auch das meine.« Damit ergriff er das

Bündel, das mir so viel Freude bereitete, wenn es mir auch nicht wie

mein Kind vorkam, dieser kleine, komische Chinese, den ich doch so innig

liebhaben wollte und so gern zu behalten wünschte, ergriff es und reichte

es seiner Mutter, die damit verschwand.

Ich legte mein Haupt müde auf die Kissen und fühlte, wie eine Träne nach

der anderen über meine eingefallenen Wangen rann. Die Nurse neigte sich

tröstend über mich. Li Bai war verschwunden.

»Ich hole es später wieder,« sagte sie leise, trocknete meine Tränen

ab und gab mir etwas zu trinken, woraufhin ich einschlief und die Gegenwart

vergaß.

Mama hatte sehr beglückt geschrieben -- Li Bai hatte ihr die Geburt meines

Sohnes telegraphisch mitgeteilt -- und Jenny bat mich, ihr den gelben

Neffen recht bald nach Europa zur Beschauung zu bringen. Sie war sehr

glücklich in ihrer Ehe und lebte mit dem Doktor von allen Tanten fern in

Mainz am schönen Rhein. Auch sie erwartete einen Erben und freute sich auf

das kommende Glück. Ach ja, sie würde ihr Kind auch für sich behalten

dürfen!

In der Nacht durfte ich Sing bei mir haben, und das Kind weinte nie. Früh

am Morgen kam die gefürchtete Schwiegermutter und trug es davon, und

den Rest des Tages verbrachten wir damit, das Kind uns gegenseitig

wegzustehlen. War Li Bai daheim, so war seine gleichförmige Bemerkung:

»Sie ist die Mutter -- wir sind nicht aus der Erde gekrochen, sondern eine

Mutter hat uns geboren; wir schulden ihr Achtung und Gehorsam, wenn sie

also Sing haben will, mußt du ihr das Kind lassen.«

Manchmal lehnte ich mich dagegen auf, manchmal ließ ich meinen Schatz

klaglos davontragen und die Mutter, die gewiß sah, daß ich unter der

Trennung mit Sing litt, tat was sie konnte, um ihn mir oft wegzunehmen.

Es mochten seit des Kleinen Geburt zehn Wochen vergangen sein, als der

Mandarin, der seinen Enkel auch manchmal auf die Arme nahm (denn Kinder

liebt man überall in China), zu mir kam, um mir einige wichtige Briefe

zur Beantwortung zu überreichen. Er fand mich nicht wie sonst lesend oder

studierend -- mein einziger Trost in meiner Verlassenheit --, sondern auf

dem Lager ausgestreckt, bitterlich weinend vor. Obschon er nicht danach

aussah, als ob er zu den Personen gehören würde, die Herzensergüsse mit

Verständnis entgegennehmen, vertraute ich ihm auf seine Frage nach meinem

Kummer doch an, daß wir in Europa gewöhnt sind, unsere Kinder selbst zu

haben, und daß ich mich so unendlich verlassen fühlte, da Li Bai immer

bei seiner Mutter, bei seinen Brüdern oder bei Freunden in Tientsin

weilte, ich meinerseits durch meine Ehe abgeschnitten von den Gefährten

meiner Rasse sei und so nicht mehr wisse, wie ich dieses Leben in tiefster

Einsamkeit aushalten solle.

Ich hatte erwartet, den Mandarin böse zu sehen, hatte selbst gedacht, daß

er mir geradeswegs sagen würde, ich könnte ja zu dem Mittel greifen,

zu dem so viele unglückliche Chinesinnen greifen mußten -- nämlich dem

Wasser, durch das der Rauch der langen chinesischen Pfeifen gezogen ist und

das, wie bitter es auch schmecken soll, doch unfehlbar zu einer Reisekarte

in die Ewigkeit verhilft.

Nichts Derartiges geschah. Ernst und nachdenklich ruhten seine Augen

auf mir, und nach einer kleinen Weile sagte er, wenn auch scheinbar ohne

Mitgefühl in seiner Stimme:

»Li Bai ist zu sehr Chinese, als daß er einer Europäerin einen guten

Gatten machen könnte!« meinte er kopfschüttelnd.

»Glauben Sie,« fragte er nach einer Pause, »daß Li Bai je das Doktorat

machen wird?«

»Nein!« sagte ich aufrichtig. »Er hat keinen Ehrgeiz, keinen Fleiß,

kein Interesse. Alle meine Bemühungen waren erfolglos!« gestand ich

geknickt.

»Dies war nicht Ihre Schuld!« entgegnete er. »Sie sollen nicht mehr so

lange allein sein!« sagte er sodann und ging.

Von da an durfte ich Sing den ganzen Vormittag behalten und am Abend

brachte man ihn mir schon früh, aber ich beobachtete, daß der Blick

meiner Schwiegermutter unendlich feindselig auf mir ruhte, wenn sie auch

nicht mehr wagte, Sing so lange wie früher von mir fernzuhalten. Ein

leises Grauen beschlich mich oft, wenn ich sie so lautlos herbeischleichen

sah und ihre ölige Stimme vernahm, die immer einige höfliche Erwiderungen

auf meinen tiefen Kotau hatte. Aeußerlich sprach nichts -- es sei denn das

unmerkliche Zucken um die Augen und Mundwinkel -- von ihrer Abneigung gegen

mich, aber eine Art sechster Sinn ließen mich diese ihre Gefühle wissen,

als ob sie es mir offen gesagt hätte.

Mit Hilfe Li Bais gelang es ihr noch an manchen Tagen, den Kleinen

fortzutragen, aber sie wagte nicht mehr sich zu weigern, ihn auszuliefern,

wenn ich nach einiger Zeit mit Kotau und höflicher Bitte meinen

Sprößling abholte. Sie reichte ihn mir mit den öligsten Worten und dem

verbindlichsten Lächeln, aber die wimperlosen Lider senkten sich über die

Augen, und die kleinen knochigen Hände ballten sich, als wollten sie einen

unsichtbaren Feind erwürgen.

Und Wochen kamen und gingen. Sie brachten mich immer näher dem Ereignis,

das für meine Zukunft entscheidend werden sollte.

[Illustration:

A. F. Seebacher]

=E vo' senza ba taglia e senza gloria

E più non mi sorride il Dio d'un giorno.

Dentro è gelo e infinita ombra intorno

E sopita dei cieli è la memoria.=

=Ada Negri.=

XVII.

Es war in den ersten Septembertagen. Die große Hitze war vorüber, aber

noch immer waren die Tage schwül, und es war angenehm, im Schatten der

Bäume am fernen Weiher zu liegen. Sing war seit ein paar Stunden bei

seiner Großmutter, da ich seit mehreren Tagen nicht wohl war. Ich konnte

keine Krankheitsanzeichen angeben, nur Müdigkeit, Unlust zu jeder Arbeit

und selbst zum Essen und Trinken. Li Bai war auf ein paar Tage verreist,

die Geschäftsbriefe hatte ich trotz meiner Ermattung schon am Morgen

vollendet, daher entschloß ich mich, in den Park zu gehen.

Als ich schon auf der Schwelle stand, kam die Dienerin meiner

Schwiegermutter und fragte mit ihrem ergebensten Lächeln und mit vielen

Demutsbezeugungen, ob ich nicht unter den schlanken Bambusrohren und den

Teakbäumen ein wenig ruhen wollte, und ich nickte zustimmend. Wohl war es

nicht mehr zu heiß in den Häusern selbst, aber etwas drückend war die

Atmosphäre noch immer, deshalb schritt ich trotz meiner unerklärlichen

Müdigkeit, die sich sogar auf mein Denkvermögen zu erstrecken begann,

rüstig auf den Weiher zu, wo mir der Schatten der fremdartigen

Sträucher in Herbstpracht entgegenschimmerte. Plötzlich fühlte ich eine

unüberwindliche Sehnsucht nach meinem Kinde in mir erwachen. Wenn ich den

kleinen weißen Chinesen -- dieses seltsame Gemisch des Ostens und Westens

-- in meinen Armen hielt, schien es mir oft, als ob dies nicht ein Teil

meines Selbst sein konnte. Da kam mir dieses fremdartige Wesen als etwas

nicht zu mir Gehöriges vor, aber wenn ich die Augen schloß und nur

sein weiches Gesichtchen an das meine preßte, da fühlte ich, wie ein

unbeschreiblicher Strom von ihm auf mich überging und eine tiefe Liebe

zu diesem Geschöpfchen in mir entbrannte. Vielleicht hatte er mein Wesen

geerbt -- oh, wie wunderschön wollte ich da seine Seele gestalten, voll

Poesie, voll Verständnis für alles Schöne, alles Edle, alles Hohe! Wie

wollte ich alles aufbieten, mir die Liebe meines Kindes zu sichern und ihm

alle meine Gedanken zu weihen. Bis jetzt hatte ich es nicht verstanden,

daß ein Weib Trost für alle Leiden in einem Kinde finden konnte, nun

dämmerte das Begreifen dieser Tatsache langsam in mir. Müde wie ich

war, schleppte ich mich, wie von einer inneren Macht gezogen, bis zu den

Gemächern meiner Schwiegermutter. Das Zimmer war wider Erwarten ganz leer

und nur auf der weichen Seidendecke lag etwas, was »ä-ä« sagte und

seine winzigen Fingerchen zu zählen schien.

»Sing!« rief ich und umschlang leidenschaftlich den gefundenen Schatz.

Niemand war anwesend, um ihn mir streitig zu machen, und ihn auf und ab

schaukelnd und Zukunftspläne entwerfend, gingen wir, besser ging ich

auf den Weiher zu. Die Sonne stand schon tief im Westen und ihre letzten

Strahlen vergoldeten mit magischen Farbenspiegelungen das bunte Laub der

Bäume. War es der Sonnenschein, war es meine Stimme, die immer wieder mit

steigender Zärtlichkeit seinen Namen rief, war es die Ahnung von etwas,

was außerhalb unseres alltäglichen Bewußtseins liegt -- Sing lächelte

mir zum erstenmal zu und streckte seine kleinen Aermchen mir entgegen. Ich

blieb stehen, hob ihn hoch zu mir empor und preßte sein Gesichtchen gegen

meine Lippen.

»Sing, Sing, mein Liebling!« flüsterte ich.

Die großen schwarzen Augen waren weit geöffnet und leuchteten seltsam,

die kleinen Händchen griffen nach meinen Haaren, meiner Nase und glitten

wie liebkosend über meine Wangen herab. Das kleine Mündchen lächelte,

und Laute, die unzweifelhaft etwas Liebes bedeuten sollten, kamen von den

dicken Lippen. Noch einmal küßte ich allen gelben Schwiegermüttern zum

Trotz das zarte Antlitz meines Sohnes, und dann schritt ich auf die kleine

gewölbte Brücke zu, die über den Weiher zu dem lauschigen Plätzchen

führte. Hinter mir hörte ich die Dienerin schreien, die immer

wiederholte:

»Sie hat das Kind! Sie hat das Kind!« was mich mit geheimer Genugtuung

erfüllte.

Nun hörte ich auch die Stimme meiner Schwiegermutter, die mir lebhaft

etwas zurief, aber ich nahm keine Notiz davon. Sie hatte mir selbst sagen

lassen, ich möge mich unter die Teakbäume legen und ausruhen, und es

konnte sie doch wahrlich nicht wundernehmen, wenn ich meinen Sohn mitnahm.

Warum schrie sie plötzlich so wild, ich solle umkehren?

»Ka, Ka,« hörte ich sie rufen (das war ihr Name für mich, der in der

Tat sehr chinesisch klang, wenn man ihn so veränderte), »bringe Sing

zurück. Bleib' stehen!« rief sie wieder auf Chinesisch.

»Sie denkt, sie kann mir mein Kind wegnehmen, weil der Mandarin abwesend

ist und Li Bai auch, aber darin soll sie sich irren. Ich behalte mein Kind

-- jetzt und in Zukunft!«

Hinter mir klang das eilige Laufen zweier Paare Füße, die mir mein

höchstes Gut entreißen wollten, oder so dachte ich, da mein Herz voll

Bitterkeit und Mißtrauen gegen meine Schwiegermutter war. Ohne mich

umzusehen und nur Sing liebend gegen mich drückend, betrat ich den

kleinen Steg. Mir deuchte, als hätte jemand hinter mir einen Schreckensruf

ausgestoßen, aber ich war meiner Sache nicht sicher und dachte, daß es

sich um einen Wutausbruch der Chinesin handelte. Doch als ich mich der

Mitte des Weihers näherte, fühlte ich, wie die Brücke langsam nachgab

und unter mir zusammensank.

Ein leichter Krach, ein gellender Aufschrei von meinen Lippen, der aus

zwei anderen Lippen ein Echo fand, und ich glitt hinunter in die Tiefe.

Verzweifelnde Anstrengungen machend, um die Oberfläche zu erreichen oder

doch das Kind über den Wasserspiegel zu heben, klammerte ich mich mit

der einen freien Hand fest an die Reste der eingebrochenen Brücke und

versuchte mich emporzuschwingen, doch vergeblich. Ein wahnsinniger

Schmerz im Fuß verhinderte mich daran. Ich hatte ihn zwischen ein Brett

hineingeklemmt und verstand plötzlich, daß ich nicht an die Oberfläche

gelangen konnte, daß man den Steg eigens hatte durchsägen lassen, um mich

durch einen »Unfall«, wie man am Konsulat melden würde, aus dem Leben

zu schaffen. Li Bai hatte einen Träger seines Namens -- die Mutter des

Kindes, die verhaßte Europäerin, sollte sterben.

Oh, die grausigen Sekunden, bevor ich ganz das Bewußtsein verlor, das

entsetzliche Verstehen, daß das zarte Kind in meinen Armen steif wurde,

daß dies Seelchen dahin zurückkehrte, woher es gekommen, eins wurde

mit Tao. Wenn Tao alles war, dieses langsame Hingleiten von heftigem

Todeskampfe in ruhigeres Hinsterben, das Rauschen in den Ohren, das dem

Sterbenden das Brausen der Todesschwingen zu sein scheint, und dann die

Nacht, die endlich Vergessen bringt. -- -- --

Als ich wieder zum Bewußtsein erwachte, lag ich auf dem Rasen am Rande des

Weihers, über mich neigte sich scheinbar gelassen und ruhig wie immer der

gestrenge Mandarin, und in den Armen hielt ich, noch immer leidenschaftlich

fest an mich gepreßt, Sing, mein totes Kind! Langsam fielen meine Arme

nieder, langsam schlossen sich die Lider aufs neue, die zu viel Elend

gesehen hatten, um mehr schauen zu wollen, und nur wie im Traume hörte

ich, wie der Mandarin zum englischen Arzte sagte:

»Sie hat das Bein gebrochen und soll in das Hospital gebracht werden!«

»Wäre sie nicht besser daheim aufgehoben als unter Fremden?« fragte der

Doktor sichtlich verwundert.

»Sie ist am besten bei Ihnen untergebracht!« entgegnete im selben

gelassenen Tone der Mandarin, aber ich hörte heraus, daß er den

teuflischen Plan durchschaut hatte und mich in Sicherheit zu bringen

wünschte.

Ich fühlte, wie man mich auf eine Tragbahre legte, dann schwanden mir die

Sinne. -- -- --

Sechs Wochen waren ins Land gezogen, die kalten Oktobertage senkten ihre

Nebelschleier auf Tientsin herab und ein feiner Regen schlug gegen die

Fenster des Saales, in welchem ich auf einem großen Bette lag und auf

meinen Fuß sah, der heute zum erstenmal aus dem Gipsverband genommen

worden war.

Ueber fünf Wochen hatte ich in heftigen Fieberphantasien gelegen und

nichts von dem gewußt, was draußen in der Welt vorgefallen war. Li Bai

war gestern zu mir gekommen, kalt und höflich wie immer vor allen Fremden,

und hatte sein Bedauern über mein »Mißgeschick«, wie er es nannte,

ausgedrückt. Ich hatte die Nurse gebeten, uns allein zu lassen, und ihm

dann alles so erzählt, wie es sich zugetragen hatte.

»Wir müssen eine eigene Wohnung haben, Li Bai!« sagte ich energisch.

»Der Arzt hat Vergiftungserscheinungen in mir entdeckt und ich weigere

mich, in das Haus deiner Mutter zurückzukehren!«

»Sie wird dir vergeben, wenn du sie um Verzeihung bittest!« sagte er.

»Sie ist gut.«

»Soll ich sie um Vergebung bitten, weil sie mich umbringen wollte?«

fragte ich und meine Augen blickten finster forschend in die meines Gatten.

Er schwieg und wandte sich ab.

»Soll ich mich entschuldigen, weil sie mein Kind getötet?« fragte ich

noch einmal, und selbst diese elende kleine Gestalt fuhr bei dem Tone

zusammen.

»Warum hast du ihr das Kind nicht gegeben, als sie es verlangt hat?«

fragte er mich, und einen böseren Blick habe ich nie in menschlichen Augen

gesehen.

Eine Pause entstand.

»Ich werde nie nach Europa zurückkehren,« warf er bitter hin, »und wenn

mein Vater mich noch so sehr zwingen wollte. Lieber --« er vollendete

nicht.

Der Arzt erschien mit der Wärterin, und da die Unterredung wieder

Fieberanzeichen hervorgerufen hatte, verbot der Doktor Li Bai weitere

Besuche während der nächsten Tage.

Ich starrte eben auf meinen ausgewickelten Fuß, auf dem wieder Strumpf und

Schuh saßen, als sich die Saaltür öffnete und der Mandarin erschien.

»Besser, Ka?« fragte er.

»Ja, danke, leider!« erwiderte ich bitter.

Seine Augen sahen mich forschend an. »War Li Bai hier?«

»Gestern.« Ich schwieg einige Sekunden lang, nicht wissend, was oder

vielmehr wie ich sagen sollte, was gesagt werden mußte.

»Er will nicht nach Europa zurück -- er will auch seine Mutter nicht

verlassen -- und --« ich sank müde auf das Krankenlager zurück.

»Ka,« sagte er, »Sie sind ein tapferes Mädchen, das heißt, eine

tapfere Frau!« verbesserte er sich. »Sie haben Jenny gegen meinen Willen

vor -- vielem -- gerettet.«

Er berührte zum Abschied flüchtig meine Hand, eine seltene

Gunstbezeugung, und sagte dann mit etwas wie Mitleid in der Stimme:

»Wenn Sie das Hospital verlassen können, so kommen Sie zu mir zur Bank

und da -- da werden wir sprechen.« Damit ging er.

Ein paar Tage humpelte ich mühselig zwischen den Betten auf und ab, um

meinen Fuß wieder in Ordnung zu bringen, dann ging es besser, und eine

Woche nach meiner Unterredung mit dem Mandarin durfte ich das Hospital

verlassen.

Um zehn Uhr stand ich, schwach und vor Kälte trotz meiner Pelze heftig

zitternd, vor der Bank meines Schwiegervaters. Vielleicht war es auch

Aufregung, was meine Zähne so unheimlich gegeneinander klappern ließ.

Derselbe Diener, der uns vor einem Jahre die Tür geöffnet hatte, schlug

nun dieselbe für mich allein zurück, und ich stand vor dem Mandarin, der

mich mit einer höflichen Handbewegung aufforderte, Platz zu nehmen.

Eine Weile saßen wir uns stumm und regungslos gegenüber, dann sagte

der Bankdirektor mit einer Festigkeit und Unumwundenheit, die gegen alle

chinesischen Grundsätze und alle Ueberlieferungen des Himmlischen Reiches

verstieß:

»Li Bai, mein jüngster Sohn, ist ein Esel.«

Ich widersprach nicht, denn, wenn eine Tatsache so einleuchtend ist, wie

diese, ist selbst chinesische Höflichkeit nicht mehr vonnöten.

»Ka,« fuhr er fort, »Sie sind eine sehr nette, kluge und

immer gefällige Schwiegertochter gewesen. Ich möchte nur ungern

Unannehmlichkeiten mit dem deutschen Konsul haben. Wollen Sie nach Europa

zurückkehren? Wollen Sie, daß wir eine Scheidung einleiten und als Grund

-- als Grund --«

»Böse Zunge der Gattin angeben!« sagte ich. »Das ist ein

Scheidungsgrund in China und das genügt.«

»Aber dies gilt nicht vor Ihrem Konsul!« sagte er.

»Mangel an Uebereinstimmungsvermögen, Untreue, was Sie wollen, nur lassen

Sie mich nach Europa zurück!« versetzte ich müde.

»Wir werden Li Bai die Schuld geben,« sagte der Mandarin entschieden,

»und ich werde nicht nur das von Ihrer Mama in meiner Bank niedergelegte

Vermögen sofort auf eine europäische Bank überschreiben lassen, sondern

Ihnen, wie vereinbart gewesen, einen jährlichen Betrag von --«

Ich lehnte ab. Ich wollte von den Chinesen nichts haben, aber was immer die

Bewohner der Mitte auch sein mögen, redliche Geschäftsleute sind sie. Die

Heirat war eine mißglückte Unternehmung, und er bezahlte ohne Murren das

Defizit.

Eine Viertelstunde später war alles besprochen und ich kehrte in das

Hospital zurück, um im Rekonvaleszentenheim noch so lange zu bleiben, bis

die Scheidung vor dem chinesischen Magistrat und dem deutschen Konsulat

vollzogen war, was in der nächsten Woche schon vorüber sein sollte.

Heimkehren unter sein Dach wollte ich nicht, und darin gab mir der Mandarin

vollkommen recht.

Die Scheidung sollte am 1. November vollzogen werden. Meine Koffer waren

alle von Li Bai gepackt und nach Hongkong geschickt worden, da ich die

Seereise zurück machen wollte; Mama hatte ich schriftlich von meiner

veränderten Lage mit Bedauern (ich wußte, wie sehr sie auf die

öffentliche Meinung hielt) Nachricht gegeben und zugleich mitgeteilt, daß

ich erst einige Monate später reisen würde und auch bei meiner Heimkehr

Jenny besuchen, aber nicht in meine Vaterstadt kommen wollte, um ihr alle

Unannehmlichkeiten zu ersparen. Folglich war alles angeordnet und ich

wieder frei -- ach frei! Nur ein Gang blieb noch, ein schwerer. Ich hatte

meinen Schwiegervater gebeten, Sings Grab besuchen zu dürfen, und heute

kam er, mich am Vorabend meiner Scheidung noch einmal durch den Garten zu

begleiten, wo so unendlich viel Bitteres mir begegnet war.

Oede und feucht lag er vor mir, als ich an der Seite des Mandarins auf den

Weiher zuschritt, die wieder hergestellte Brücke überschritt und unter

den Teakbäumen vor dem Grabe meines Söhnchens stand. Keine geweihte Erde

umhüllte seinen kleinen Sarg, kein Grabstein zeigte die Stelle, wo er

begraben lag, nur einige kleine Steinchen zeigten den Ort, wo man die

Kinderleiche der Erde anvertraut hatte.

»Schlaf' in Frieden, du mein lieber, kleiner Chinese!« flüsterte ich

zärtlich. »Du hast nun abgestreift den Körper, den dein Vater dir

gegeben hat, doch das Stücklein Seele, das du von mir erhalten, von deiner

europäischen Mutter, die fühlen und leiden und entsagen konnte, das

hast du hinübergerettet, wo es kein Leid mehr gibt. Mit deinem

Scheiden, süßer kleiner Engel, hast du das Band zerschnitten, das deine

unglückliche Mutter an Chinesen knüpfte, das sie in fremden Landen bei

grausamen Menschen zurückhielt. Hab' Dank und schlaf' in Frieden hier in

fremder Erde! Deinen zarten Körper muß ich zurücklassen, dein Seelchen

aber bleibt mit mir verbunden, bis der Engel Gottes einst die Toten

weckt!«

Ich brach einen kleinen Zweig von einem Teakbaum, dann ging ich wieder,

begleitet von dem immer gelassenen Mandarin, durch den Hof und die vielen

Pforten zurück. Weder Li Bai noch sonst irgend jemand kam mir nahe, aber

als ich an dem Hause meiner gelben Schwiegermutter vorbeiging, schien es

mir, als ob ein Vorhang bewegt worden wäre -- vielleicht täuschte ich

mich auch.

»Auf morgen!« sagte der Mandarin.

»Auf morgen -- und Dank!« entgegnete ich leise.

Und fried- und heimlos wie einst, wanderte ich zum englischen Hospital

zurück.

=Y prosigo mi senda, hacia, adelante,

Viendo lo que más ansio más distante

Y mi ventura yá desvanecida.=

=Cúanto me vuelvo más á lo pasado,

Hallo la vida un sueño mal sonado,

De quien ni sueña que es soñar la vida.=

=Mucio Teixeira.=

XVIII.

Die Scheidung war ohne Schwierigkeiten durchgeführt worden. Beim

Konsul hatten die Berichte des Doktors sehr den Weg geebnet, und bei

den chinesischen Behörden tat sowohl das Ansehen als auch die weislich

verteilten Bestechungen (im Orient noch mehr als im Okzident gilt das

Sprichwort: »Wer schmiert, der fährt«) des Mandarins das ihrige. Die

Vermögensbestimmungen waren schon vorher besprochen worden, so daß ein

kurzgefaßter Bericht alles erklärte, und da keine Kinder da waren, fiel

auch diese stets so schwer zu entscheidende Frage gänzlich weg. Noch ehe

am 1. November die Mittagsmahlzeit die Angestellten den Berufspflichten

entzog, war ich wieder frei, konnte gehen und tun, wie es mir gefiel.

Schweigend fuhren wir zur Bahn, und als das Zeichen zur Abfahrt gegeben

worden war, reichte mir der Mandarin noch einmal die Hand, mit der gleichen

unerschütterlichen Ruhe und den unbeweglichen Zügen, die ich so oft an

ihm gefürchtet und bewundert hatte, wünschte mir eine angenehme Heimreise

und wies meinen Dank für seine freundliche Hilfe und den Schutz, den er

mir hatte angedeihen lassen, ruhig zurück.

Ich reichte Li Bai die Hand, aber er wies sie zurück und sprang auf den

sich eben in Bewegung setzenden Zug, während der Mandarin noch einmal eine

grüßende Handbewegung machte und dann unseren Blicken entschwand.

»Ich begleite dich bis Hongkong!« sagte er entschieden.

Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman · 第 14 / 15 段