Die angenehmen, heiteren Stunden waren zurückgekehrt. Mußte ich jetzt

auch stillsitzen, so tat doch Li Bai viel, um mich zu unterhalten und

fügte sich sehr oft meinen Wünschen da, wo er es vorher nie getan hätte.

Leider dauerte dies nur etwa einen Monat, dann trat ein alter chinesischer

Brauch trennend zwischen uns.

Eines Tages merkte ich, daß Li Bais Bett entfernt wurde. Ich war

unbeschreiblich erstaunt und öffnete meine Augen so weit es ging, indem

ich vergeblich versuchte, den Grund dieses Gebarens zu erfahren.

Meine Schwiegermutter legte ihren Arm um mich -- wohl um mich zu beruhigen,

aber nervös, wie ich war, begann ich laut zu weinen, und endlich kam Li

Bai und versicherte mir, daß wir nach chinesischem Brauche nicht länger

zusammen wohnen dürften, da es dem Sprößling schaden könnte.

Wie ich mich wehrte, so mutterseelenallein gelassen zu werden, wie oftmal

ich unter Tränen Li Bai bat, meine europäische Abstammung in Betracht zu

ziehen, wie zärtlich forderte ich ihn auf, meinen Bitten nachzugeben und

einen eigenen Haushalt zu gründen, wo ich nicht unausgesetzt von seiner

Familie verfolgt werden würde. -- Umsonst! Li Bai küßte mich, versprach

alles mögliche und -- verließ noch am selben Tage Tientsin, um in

Geschäftsreisen oder angeblichen Geschäftsreisen einige Wochen fern zu

bleiben.

Gerade um diese Zeit verträgt eine Frau am wenigsten das Alleinsein. Was

Wunder, daß ich Tag und Nacht weinte, da ich immer stärker unter dem

Heimweh litt, und als der Mandarin mich eine Woche nach Li Bais Abreise

sah, war ich so mager geworden und sah so schlecht aus, daß er den

Sohn sofort zurückkehren ließ -- vielleicht weniger um meine Pein zu

vermindern, als aus Furcht, es könnte dem künftigen Träger des Namens

Ming Tse schaden oder seine Ankunft gar vereiteln. Genug! Eine Woche

später wohnte Li Bai trotz aller chinesischen Sitten wieder mit mir unter

einem Dache.

Der Frühling war ins Land gezogen und alle die Zwergbäumchen in dem

großen Garten waren in Blüte, die Brücken leuchteten in ihrem zarten

Weiß und die Sonne spiegelte sich funkelnd in den zahllosen kleinen

Bassins, die sehr geschmackvoll angelegt waren. Schlanke orientalische

Bäume standen im Hintergrund der Parkanlagen und warfen ihren Schatten

über einen Weiher, über den auch eine zartgeschwungene Holzbogenbrücke

führte, und der, wie gering auch sein Durchmesser war, doch eine

beträchtliche Tiefe besaß und den Kindern im Sommer als Schwimmplatz

diente.

Unter diesen hohen Bäumen verträumte ich manche Stunde mit einem Buche

oder mit einer der kleinen Nichtchen an meiner Seite, die in eintönigen

Reimen, halb singend, halb sprechend, ihre Schulaufgaben aufsagte. In der

Familie des Mandarins studierten auch die Mädchen, wenngleich die Knaben

nicht damit einverstanden waren.

Alles was die Kinder können und wissen mußten, wurde auswendig gelernt

und gesungen. Nichts Geisttötenderes als so ein chinesischer Unterricht,

wo die Kinder von acht Uhr früh bis zum Sonnenuntergang in der Schule

weilen mußten, wo man sie zuerst das Zeichen ordentlich zu schreiben

lehrte, dann dessen Aussprache, hierauf die Bedeutung des Wortes und

endlich seinen Wert im Satze. So wurde langsam der ganze Konfuzius

auswendig gelernt, der allerdings die wichtigsten sittlichen Gesetze

enthält, über Rechtswissenschaft und die Pflicht von Königen spricht,

die genauen Zeremonien für jeden wichtigen Moment im Leben vorschreibt,

über chinesische Geschichte teilweise Aufklärung gibt, aber über die

augenblicklich notwendig gewordenen Kenntnisse, wie allgemeine Geographie,

Physik, Geometrie usw. gar keine Aufschlüsse erteilt, den Schüler nie zum

Denken anregt. So stellt dieser Unterricht eigentlich nur ein mechanisches

Auswendiglernen dar. Dennoch wird an diesem Plane auch für die großen

literarischen Wettprüfungen festgehalten.

Der arme Chung-Fu, der Jenny immer noch nicht vergessen und mir ebensowenig

verziehen hatte, kam im April zur Prüfung und erzählte bei seiner

Heimkehr von den mitgemachten Leiden.

Die Prüfungsgebäude in Peking umfassen eine ganze eigene Stadt und jedem

Kandidaten wird eine eigene Zelle angewiesen, in der ein Brett an der

linken Wand das Bett und den Stuhl vorstellt und ein Brett, etwas höher

an der rechten Wand befestigt, den Tisch ersetzen muß. Jeder Kandidat muß

Kerzen und Lebensmittel mitbringen, aber weder Bücher noch Papier dürfen

mitgenommen werden. Jeder Kandidat wird bei seinen Namen aufgerufen,

erhält eine Nummer, muß sich von Kopf bis zu den Füßen genau

untersuchen lassen, damit auch nicht ein Stück Papier unerlaubterweise

eingeschwärzt wird, bekommt hierauf Papier, Tusche und einen Pinsel

und darf an dem Kanzler und dem Vizekanzler vorbei in das Reich der

Prüfungsräumlichkeiten wandern.

Sind erst alle Kandidaten aufgerufen worden und in ihre Zellen

verschwunden, so wird die Pforte feierlich versiegelt, einige

Räucherstäbchen verbrannt, damit die bösen Geister draußen bleiben

müssen, und sobald dies geschehen, kann niemand mehr hinein und niemand

mehr heraus. Drei Fragen werden gestellt und drei Tage und drei Nächte

arbeiten die Kandidaten ununterbrochen, dann muß die Arbeit abgegeben

werden; ein Ruhetag entsteht und dann kommen wieder drei Fragen und drei

Tage Beantwortungszeit und wieder ein Ruhetag und sodann wiederholt sich

dieser Vorgang zum dritten und letztem Male.

Da sollen Männer bis über achtzig Jahre und schwache Jünglinge von

zwanzig Jahren zu sehen sein, und bei dieser furchtbaren Anstrengung ist

es kein Wunder, daß viele junge Leute irrsinnig werden oder sterben. Aber

auch dann wird die Tür nicht geöffnet, sondern man wirft die Leichen

einfach über die Mauer zu der vor ihr harrenden Menge.

Chung-Fu, der über seinen Erfolg sehr stolz war, erklärte den Tod der

unglücklichen Kandidaten indessen auf ganz andere und abergläubische

Weise. Die Geister, d. h. die uns stetig umgebenden bösen Geister dürfen

nicht zulassen, daß eine böse Handlung ungestraft dahingeht und ein

Bösewicht ein Mandarin wird. Hat ein Kandidat daher einen Mord auf dem

Gewissen, so schleicht der Geist des ruhelosen Ermordeten im letzten

Augenblick vor der Torschließung in die Prüfungsstadt hinein und sucht in

den Zellen nach seinem Mörder. Trifft er ihn endlich, so verwandelt sich

das gelbe Licht der Kerze langsam in ein grünes Licht und der Kandidat

weiß, daß der Geist gekommen ist, um ihn zu erwürgen. Kein Schreien,

keine Flucht kann ihn retten. Der Geist erwürgt ihn auf der Stelle und der

Tote wird über die Mauer geworfen.

* * * * *

An einem herrlichen Maiabende sah ich meine älteste Nichte, ein Mädchen

von etwa vierzehn Jahren, unter den Bäumen liegen und schlafen und

wunderte mich, als ich sah, daß Li Bais Mutter auf sie zueilte und sie mit

sich fort in das Haus zog, scheinbar böse, die arme Kleine dort gefunden

zu haben.

»Warum wollte deine Mutter nicht, daß Pe-Niu unter den Bäumen schlafen

soll? Es ist ja so schön dort draußen und hier ist es schwül und

drückend!« fragte ich.

»Pe-Niu ist ein Mädchen und ein junges Mädchen darf nicht im Freien

unter Bäumen einschlafen,« belehrte mich Li Bai. »Tut sie es, so kommt

ein Vampir, und dann hat sie ein Kind, das weder ein Mensch noch ein Tier

ist,« fügte er ganz ernsthaft hinzu.

»Li Bai, das glaubst du doch nicht?« rief ich verwundert, aber mein

kleiner Chinese schüttelte nur den Kopf und meinte, daß ich nicht lachen

sollte über Sachen, die ich nicht verstünde.

An Dämone und Vampire glauben Chinesen, wie die Katholiken an die

Heiligen.

=Barnets smil og glaede söd

er som livet uten død.

Barnesmil og barnetro

bygger over døden bro.=

=Norwegisches Lied.=

XVI.

Langsam verstrichen die Wochen, sie glitten fast unbemerkt an mir vorbei,

die ich leidend auf den Kissen meines Lagers lag und die Zeit herbeisehnte,

wo ein kleines süßes Wesen die gefürchtete Einsamkeit auf immer von mir

nehmen würde. Li Bai war aufmerksam gegen mich, aber wie verschieden

von den Männern des fernen Okzidents! Wie unempfindlich gegen die

körperlichen Leiden seiner Mitmenschen, wie verständnislos gegen jedes

tiefere seelische Weh. Er konnte kindlich heiter oder männlich brutal sein

-- Mann in des Wortes schönster Bedeutung war er nie.

Jenny schrieb mir oft. Sie war mit dem Doktor verheiratet und im zehnten

Himmel oder so klang es wenigstens aus ihren Zeilen heraus. Ich gönnte

dem Kinde sein reines Glück, aber ich vermochte nicht ganz die Frage zu

unterdrücken, warum Jennys Geschick so viel, viel lichter als das

meinige sein durfte, warum ich immer nur Pech, sie immer nur Glück hatte?

Hunderterlei philosophische Betrachtungen ließen sich daran knüpfen und

doch wollte mich keine Antwort befriedigen. Wieviel glücklicher als wir

Menschen waren die elenden Raupen, auf die wir doch nur mit Verachtung

herabsahen! Jede hatte dieselben Lebensberechtigungen und genoß dieselben

Freuden wie ihre Nachbarin, kein weniger vorteilhaftes Aeußere

schnitt ihre Glückschancen jäh ab, keine Gewissensbisse konnten eine

Raupenexistenz trüben, keine leidenschaftlichen Wünsche ein Raupeninneres

erzittern machen, es sei denn der Wunsch, ein saftiges Blatt zu verspeisen.

Hatte eine Raupe einen Baum voll solcher Blätter gefunden, konnten die

anderen gewiß sein, auch auf denselben Baum klettern zu dürfen. Mein

ewig forschender Geist versuchte und versuchte immer vergeblich das Rätsel

unseres Seins zu lösen. Li Bai litt nie unter dieserlei Gedanken, ihm war

alles gleich, wenn er nur hübsche Kleider, Geld, genug Speise und Trank

und -- Mädchen hatte, alles andere hatte keine Bedeutung für ihn.

Nur ein Ereignis aus dieser Zeit steht klar vor meinen Blicken. Unser

Nachbar, Herr Liang Tse, wurde plötzlich zu seinen Vorfahren einberufen,

und da er nicht nur ein alter Nachbar, sondern auch ein guter Freund des

Mandarins war, nahm unsere ganze Familie regen Anteil an dem Unglücksfall.

Unter reger Teilnahme darf man nun freilich nicht unser europäisches

Mitleid verstehen -- so etwas kennt ein Chinese nicht --, wohl aber ein

Sichwichtigmachen und ununterbrochenes Hin- und Herlaufen zwischen unserem

Hause und dem Sterbehause der Liang Tses.

Sieben Tage lang darf nämlich daheim nichts gekocht werden, und daher

bringen alle Nachbarn die nötigen Lebensmittel in das Sterbehaus, die

aber nicht mit den Speisestäbchen, sondern nur mit den Fingern in den

Mund befördert werden. Wenn man bedenkt, daß die Vorschrift ebenfalls

befiehlt, daß man sich in der Zeit weder waschen noch die Haare schneiden,

noch die Nägel verkürzen soll, so wird man leicht begreifen, wie

unendlich appetitlich so eine Hand am siebenten Tag aussieht -- für

europäische Begriffe natürlich, denn ein Chinese sieht nicht den Schmutz,

sondern lediglich die große Trauer der Hinterbliebenen in einer solchen

Handlung.

Die weiblichen Familienmitglieder müssen Tag und Nacht bei der Leiche

bleiben, und alle müssen so laut als möglich ihre Klagen gegen den Himmel

(oder die Zimmerdecke) schreien. Wer das Sterbezimmer betritt, muß auf

Händen und Füßen herankriechen, um den Toten die gebührende Ehre zu

zeigen. Parte werden auf braunem Papier geschrieben und durch die Neffen

oder Enkel des Dahingeschiedenen in die Häuser aller Bekannten geschickt,

aber man erwartet auch eine gewisse Belohnung für solche Aufmerksamkeit.

Die so mit Parte bedachten Personen geben meist den Kindern einige

Geldstücke, die beitragen, die hohen Begräbniskosten zu decken, denn so

eine Beerdigung eines Hausvaters ist eine sehr kostspielige Sache in einem

Lande, wo man den Toten viel mehr Ehren zollt als den Lebendigen.

Der Sarg allein, der mindestens so groß wie ein kleines Zimmer ist und

aus dem dicksten Mahagoniholz sein muß, kostet sehr viel Geld und wird oft

schon viele Jahre vor seinem Ableben von dem Manne selbst gekauft und nach

und nach abgezahlt. In der Mitte dieser großen Kiste ist eine Oeffnung,

groß genug, den Toten bequem ruhen zu lassen, rund um diese

Vertiefung aber befinden sich allerlei Fächer, in die alle Kleider,

Schmuckgegenstände usw. des Verstorbenen gelegt werden und die ihn in das

Grab hinabbegleiten. Damit ist aber lange nicht genügt. Täglich müssen

eine große Anzahl Räucherkerzen und wohlriechendes Holz verbrannt werden

und der Tote darf nicht früher der Erde übergeben werden, bevor der

Zauberer nicht den richtigen Platz gefunden hat, was oft recht viele Tage

in Anspruch nimmt; ferner muß die Familie weiße Trauerkleider haben,

die sie jedoch schon nach der Beerdigung gegen dunkelblaue (Halbtrauer)

umtauschen können. Alle roten Papierstreifen im Hause müssen entfernt

und diese durch weiße ersetzt werden, was alles viel Geld kostet; aber am

meisten kostet wohl der lange Trauerzug.

Die Leiche wird mit einer Schicht Baumwolle umgeben und sodann der Sarg

sorgfältig verklebt, damit auch nicht die allergeringste Spalte bleibt.

Ist dies geschehen, so trägt man den Sarg, den zwanzig Männer kaum heben

können, über die Schwelle und der Trauerzug setzt sich in Bewegung.

Voran tragen Chinesen allerlei Nachahmungen von Dienern und Dienerinnen auf

Papier, wie auch von Tieren, Hausgeräten aller Art, von Kleidungsstücken

und ähnlichen Sachen, die alle auf dem Grabe feierlich verbrannt werden

und mit denen sich der Geist in der nächsten Welt seinen neuen Haushalt

gründet. Papierene Gold- und Silbermünzen werden auf den Weg gestreut,

damit die Dämone über sie herfallen und den Toten unbeachtet lassen.

Viele Räucherkerzen und Papiere werden unterwegs und auf dem Grabe

verbrannt, und die Leidtragenden stimmen die ohrenzerreißendsten

Klagegesänge an. Die Söhne des Dahingeschiedenen müssen immer von zwei

Chinesen unter den Armen gehalten werden, weil man annimmt, daß sie vor

lauter Gram und Kummer nicht gehen können, aber in Wirklichkeit ist ihr

Schmerz keineswegs allzu groß. Wirft sich gar ein Sohn in den Staub,

um darin herumzurollen und Jammerlaute auszustoßen, so muß der Zug

stehenbleiben, bis der Mustersohn sich wieder gefaßt hat, und so eine

öffentliche Kummerbezeugung wird ihm sehr hoch angerechnet. Bei den

Chinesen mehr als bei allen anderen Völkern gilt überall und vor allem

der Schein.

Am Grabe angekommen, das fast durchwegs die Form eines Hufeisens hat und

das immer bewacht ist, da die großen mitversenkten Schätze die Banditen

sehr anlocken, werden alle nachgeahmten Tiere, Diener, Hausgeräte usw.

verbrannt, Räucherkerzen ebenfalls, das Jammergeschrei der Leidtragenden

muß meilenweit hörbar sein und dann erst darf man an den Rückmarsch

denken. Fahren darf niemand und da oft ein Beerdigungsplatz viele Stunden

weit entfernt liegt, kommen die Leidtragenden mehr tot als lebendig heim.

Aber was tut's? Sie haben ihre Pflicht erfüllt und ein schönes Beispiel

kindlicher Liebe und Hingebung gegeben.

Hundert Tage nach dem Sterbetag des Vaters wird seine Namenstafel dem

Hausaltare eingefügt, vor dem der jetzige Hausherr täglich seinen Kotau

machen muß, und damit ist die Geschichte erledigt. Nein, nicht ganz! Denn

drei Jahre lang sollen die Kinder Trauer tragen und in der Zeit dürfen

sie keine Ehen schließen. Man beschränkt die Trauerzeit jedoch heutzutage

meist auf zweieinviertel Jahr, was noch immerhin sehr lange für unsere

Begriffe ist.

Li Bai, der sich vor dem Tode sehr fürchtete und mir oft sagte, daß er

lieber ein blinder lahmer Krüppel sein würde als sterben zu wollen, war

durch dieses Ereignis sehr niedergedrückt und bekam einen bösen Anfall

nach dem anderen, was natürlich in Grausamkeiten, wenn nicht in Werken,

so doch in Worten, mir gegenüber sein Ende nahm. Auch war er von

beispiellosem Aberglauben.

»Wenn eine Katze auf dem Dache oberhalb des Sterbezimmers ist und ein

Hund unter das Bett des Toten kriecht, so kann der Tote aufstehen und dann

tötet er alle, die er erreichen kann,« sagte er ganz überzeugt. »Und

daher muß immer ein Wächter das Dach bewachen und die Leute unten das

Eindringen eines Hundes verhüten,« er rückte mir ganz ängstlich näher,

»wenn es aber doch geschehen sollte, daß der Tote aufstehen kann, so muß

man ihm einen Stock in die Hand geben, da faßt er ihn gleich mit beiden

Armen und fällt um und dann kann man sich ihm ruhig nähern und ihn

zurück auf das Bett legen.«

Auch wußte er von Toten zu erzählen, die im Sarge laut geschrien hätten,

von Dämonen, die allerlei Unfug getrieben, weil man nicht Räucherkerzen

genug abgebrannt hatte, von Vampiren, die sich auf den Körper ihres

vorigen Feindes stürzten und sein Blut langsam aussaugten und vieles

dieser Art.

Grausame Geschichten gefallen dem chinesischen Temperament, grausame

Strafen zu ersinnen ist ihnen ein seelischer Hochgenuß. Li Bai konnte

ein wahres Vergnügen daran finden, mir trotz meines Zustandes von

Enthauptungen chinesischer Verbrecher zu erzählen und die furchtbare

Methode des langsamen Verbrennens einer Gattenmörderin zu beschreiben, der

man ein chemisches Präparat in Gestalt einer Stange in den Magen stößt,

das sie langsam innerlich verbrennt. Drei Tage und drei Nächte leidet das

Opfer die furchtbarsten Schmerzen, bevor endlich die Erlösung eintritt.

Die Folter wird noch allgemein angewendet und die verschiedenen Todesarten

sind allzu grausam, als daß ich sie hier beschreiben wollte. Sie scheinen

den Chinesen keineswegs zu hart und eins ist gewiß: Sie empfinden

körperlichen Schmerz nicht wie wir. Sie ertragen Foltern, die kein weißer

Mann aushalten könnte und sie verstümmeln absichtlich ihre Glieder,

brennen ohne Klagen ihre eigenen Augen aus oder schlagen sich mit einem

Stein Beulen auf den Kopf, um sich zum Bettlerfache auszubilden. Sie gehen

an menschlichem Elend mitleidslos vorüber, vielleicht weil oftmalige

Hungersnot, Seuchen und Ueberschwemmungen sie unempfindlicher gemacht

haben, sie sind heldenmütig im Ertragen ihrer Leiden und Krankheiten,

welche sie meist dem Einflusse böser Geister zuschreiben, und sie sind

kaltblütiger als wir. Ihre Moral ist nicht unsere Moral, ihre Neigungen

stimmen nicht mit den unsrigen überein. Sie sind fesselnde Bekanntschaften

und schlechte Verwandte; als Diener sind sie schweigsam, fleißig,

genügsam und ausdauernd, sehr schmutzig, unredlich und verlogen. In ihrer

Heimat sind sie ebenso gut, wie wir in der unsrigen, aber wie wir nicht zu

ihnen passen, passen auch sie nicht zu uns. Der Mond hat gewisse Vorzüge,

seine Schönheit und seinen Wert, aber er muß am Nachthimmel sich

zeigen. Vereint am Himmel können Sonne und Mond nicht stehen, ohne sich

gegenseitig allzusehr zu benachteiligen. Westen ist Westen und Osten ist

Osten, sagt Kipling, aber die beiden können sich nie treffen. -- Nein,

nie treffen in gleichen Anschauungen, gleichen Grundsätzen, gleichem Ziele

zusteuernd. --

Täglich trat bei Li Bai mehr und mehr der materialistische Zug seines

Wesens hervor, die Kopfschmerzen, die, wie wir endlich entdeckten, von dem

unsinnigen Brauch herrührten, sich eine schlanke Mitte zu schaffen und

zu erhalten, indem er einen breiten Ledergürtel straff über den Magen

spannte, nahmen immer zu und seine Wutausbrüche wurden nicht geringer.

Er sollte immer studieren, um im Herbst nach Europa zurückzukehren -- der

einzige Hoffnungsstrahl, der das grausige Dunkel meines Lebens erhellte

-- und dies wollte er nicht. Er liebte das tatenlose Dahinleben, das

Zeitvergeuden und die oberflächlichen Gespräche, die er mit seinen

Freunden pflegen konnte, und wollte auch, zu seiner Ehre sei es gesagt,

seiner Mutter gern als Schutz gegen die Konkubinen seines Vaters

zurückbleiben, aber der Mandarin übte seine ganze Strenge aus und ich

tat, was ich vermochte, um ihm den Uebergang vom Nichtstun zur Arbeit so

leicht als möglich zu gestalten.

Ein heißer, wolkenloser Junitag. Li Bai stand vor dem großen Spiegel in

der Ecke unseres Schlafgemachs und rasierte sich -- etwas, das er nie zu

tun versäumte, da er sich glühend einen Bart wünschte, der aber bei den

Chinesen selten vor dem Alter von vierzig Jahren sichtbar wird und daher,

weil ein Zeichen weiseren Alters, immer Ehrfurcht einflößt; aber obschon

er mir oft beteuerte, daß sich schon eine Unzahl Haare zeigten, muß

ich gestehen, daß ich nie den Schatten auch nur eines einzigen kleinen

Härleins entdecken konnte und sein Gesicht so glatt wie die reinste Haut

eines jungen Mädchens war.

Ich fühlte mich elend -- elend -- und doch hatte der Zauberer mir den

Storchbesuch erst für Anfang August angekündigt, aber jedenfalls

hatten die ununterbrochenen kleineren und größeren Aufregungen das ihre

beigetragen. Ich schrie auf und sank bewußtlos zurück.

Als ich die Augen wieder aufschlug, stand Li Bai über mich gebeugt da und

fragte, ob ich mich nicht ganz wohl fühlte.

»Li Bai,« sagte ich bittend, indem ich meine letzten Kräfte aufraffte,

»sende jemand in das englische Hospital.«

Einen Augenblick schien es, als wollte er Einwendungen machen, dann aber

mußte mein Aussehen wohl jeden Zweifel getilgt haben, denn er machte sich

daran auszugehen. Bevor er das Zimmer verließ, trat er noch einmal an mein

Lager, wo ich schweißbedeckt und stöhnend lag.

»Mutter wird bald kommen und die ›Nurse‹ auch,« sagte er, »und mach'

dir nichts daraus, wenn du ein paar Stunden große Schmerzen hast. Das ist

immer so.« Damit nahm er seinen Fächer und verschwand. --

Alles, was später geschah, schwebt mir eher als schrecklicher Traum vor,

nicht als Wirklichkeit. Ich litt furchtbar und, wie es mir deuchte, eine

Ewigkeit, aber es wird, wie Li Bai so anteilnehmend sagte, nur einige

Stunden gewesen sein. Man gab mir Chloroform und so oft ich meine Augen

öffnete, neigte eine freundliche blonde Krankenpflegerin sich über mich,

die mir zulächelte und mir meine Lage nach Kräften erleichterte und

ein dicker Doktor sprach ermutigende Worte -- dann -- dann -- sank ich in

langes, langes Vergessen zurück, aus dem ich nach Fieber und Leiden erst

drei Wochen später erwachte.

Die Sonne warf durch eine Spalte einen einzelnen Sonnenstrahl über

den dunklen Teppich, als ich wieder zu vollem Bewußtsein erwachte. Mir

gegenüber saß die Nurse und arbeitete an einer Stickerei. Sie stand

sofort auf und trat an das Lager.

»Wieder wohl und frisch?« lächelte sie.

»Nein,« entgegnete ich matt, »nur noch nicht tot.« Das Wort »frisch«

erschien mir der schrecklichste Hohn, war ich doch so schwach, daß es mich

Ueberwindung kostete, den Arm zu heben.

»Jetzt wird es schnell gehen und Sie werden zu Kräften gelangen,« sagte

sie liebenswürdig.

»Was ist mit mir geschehen?« fragte ich und erst dann kam volles

Verständnis für alles Vorgefallene zurück.

Die Nurse lächelte geheimnisvoll und eine Flut von neuem Empfinden

erwachte mit diesem Lächeln in mir.

»Mein Baby?« sagte ich und fühlte, wie jeder Blutstropfen mir zum Herzen

strömte.

»Ein Knabe!« sagte die Krankenpflegerin. »Er ist bei seiner Großmama.«

Gerade da kam Li Bai. Er neigte sich über mich mit derselben

gleichmütigen Höflichkeit, die ich so gut an ihm kannte -- ohne ein Wort

des Bedauerns, daß ich so sehr gelitten -- um seinetwillen gelitten --

hatte, ohne Zärtlichkeit dafür, daß er nun den erwünschten Erben

hatte. Ich hatte meine Schuldigkeit als Weibchen getan -- damit war alles

erledigt. --

»Siehst du,« sagte er stolz und triumphierend, »daß ich recht hatte!

Ich habe dir einen reizenden Sohn gegeben mit meinen Zaubereien, und du

kannst mir dankbar sein.«

Also die Dankesschuld war meinerseits??! -- Das beweist, daß jedes Ding

auf Erden von zwei Gesichtspunkten aus gesehen werden kann und man nur zu

wählen braucht, bis man den passenden findet.

Frau Ming Tse kam nun auch und in viele Seidentücher gehüllt, brachte

sie meinen kleinen Sohn, der ohne mein Wissen »Sing« genannt worden war,

dessen Horoskop aufgestellt wurde und der schon die Silberkette um den

Körper gewickelt trug, die ich allein ihm hätte geben sollen. In der Tat,

ich war Mutter nur in zweiter Linie in den Augen aller dieser Menschen.

Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman · 第 13 / 15 段