hinzu, er sprach den Satz nicht lauter als alle anderen Sätze aus, aus
seinen ruhigen Gesichtszügen sprach keine Drohung -- nicht einmal die
geringste Unzufriedenheit -- und doch wußte ich, daß kein Verbrecher
so bitter bestraft werden würde für sein Vergehen, als die kleine
Schwiegertochter, die seine Pläne so jäh über den Haufen gestoßen.
»Um Jennys willen,« sagte ich mir, als ich mit tiefer Verbeugung von Ming
Tse senior Abschied nahm.
Kaum war ich glücklich seiner angsteinflößenden Persönlichkeit
entgangen, als ich Jenny suchte und sie endlich mit Chung-Fus Söhnchen auf
dem Schoße fand, mit dem sie eifrigst spielte und den sie küßte. Dieser
Anblick erschreckte mich so, daß ich alles andere darüber vergaß.
»Um Himmels willen, Jenny,« rief ich, »küsse den Kleinen nicht. Du
weißt, wie furchtbar unsittlich man das Küssen hier findet, und daß
meine Schwiegermutter es mir nie verzeihen würde, so etwas geduldet zu
haben?«
Jenny ließ den kleinen siebenjährigen Chinesen von ihrem Schoße auf den
Boden gleiten. Da flog auch schon meine Schwägerin herbei und riß das
Kind zeternd mit sich fort. Ein haßerfüllter Blick traf meine Schwester
und dann auch mich.
Kaum waren wir allein, als ich Jenny von meinem Gespräch mit dem Mandarin
erzählte.
»Aber Käthe, der Doktor will mich am Ende gar nicht, er hat nie --«
warf sie ein.
»Du mußt Mama sagen, daß er um dich in aller Form gefreit hat!«
erklärte ich mit Bestimmtheit. »Ich werde dir einen Brief mitgeben, den
du sofort aufgibst, wie du frei hier herauskommst. Wahrscheinlich wird der
Doktor dich heiraten, denn er scheint dich zu lieben, dafür spricht die
Locke -- und anderes, aber wenn auch nicht --, so lange dich der Arm
chinesischer Gerechtigkeit erreichen kann, mußt du Mama und alle anderen
Leute in dem Glauben lassen, daß du mit deinem Doktor verlobt bist.
Jenny,« fuhr ich tiefernst fort, »wenn du einen Fehler machst, kommst du
nie mehr nach Europa zurück.«
Meine Schwester sah den Ernst der Lage ein und spielte ihre Rolle
vortrefflich. Ich selbst schrieb einen langen Brief an den Doktor, den
Jenny in ihrer Bluse versteckt herumtrug, bis es ihr gelang, ihn unbemerkt
in einen Briefkasten zu werfen. In dem Briefe aber hatte ich dem Doktor die
ganze Sachlage erklärt und ihm gesagt, daß er sich nicht für gebunden zu
halten brauche, da ich Mama sofort von dem wahren Sachverhalt verständigen
würde, sobald China mit seinen Schrecken hinter den mir teuren Reisenden
liegen werde.
Zwei Tage später reisten Jenny und Mama ab. So sehr zitterte ich um das
Glück meiner Schwester, daß ich fast gar nicht weinte, als sie schieden,
und erst als ein Telegramm von Nagodan mir sagte, daß sie das Himmlische
Reich wieder verlassen hatten, überkam mich das Bewußtsein meiner
grenzenlosen Einsamkeit. Seit dem Gespräch mit meinem Schwiegervater wurde
ich nicht mehr in die Bank gerufen, und mit der Abreise Mamas und Jennys
war das letzte Band zerrissen, das mich an die Außenwelt knüpfte.
Ich war wieder allein -- wieder der Einsamkeit preisgegeben -- und besaß
noch weniger als früher. Ich hatte eines Trugbildes wegen das letzte Gut
geopfert, das ich besessen hatte -- die Freiheit!
Erst jetzt war ich wirklich allein!
* * * * *
Und wieder vergingen Tage und Wochen.
Von keinem Leid, so schwer es sei,
Laß stimmen deine Seele trüber.
Geht auch dein Leiden nicht vorbei,
So gehst du doch vorüber.
Hartmann.
XV.
Es mochten drei Wochen nach Mamas Abreise verstrichen sein, als Li Bai
eines Abends mit ganz entstellten Zügen zu mir gestürmt kam. Der
arme Kerl konnte nicht sitzen, so furchtbar hatte sein Vater auf ihn
losgeprügelt. Li Bai hatte sich gegen eine der Konkubinen vermessen und
sich erlaubt, sie zu schlagen, als sie sich ihm widersetzte, wofür der
Mandarin von seinen väterlichen Rechten ausgiebigen Gebrauch gemacht und
seinen jüngsten Sohn mit dem Stocke bearbeitet hatte. So etwas klingt uns
Europäern ganz unglaublich, ist es jedoch in Wirklichkeit nicht. Auch wenn
der Sohn schon vierzig Jahre alt ist, darf der Vater ihn durchprügeln, und
das so kräftig und so oft er nur will -- ausgenommen, wenn der Sohn selbst
Vater ist. Im Augenblick, wo er diese Würde erreicht hat, darf der Vater
ihn nicht mehr körperlich züchtigen, denn da ist er endlich, ob er nun
fünfzehn oder fünfzig Jahre zählt, »Respektsperson« geworden.
Ein Mann, der keine Kinder hat, ist in China eine wertlose Person --
wahrscheinlich strafen ihn die Götter, indem sie ihm für seine Vergehen
keinen Erben schenken wollen.
Erbittert über seinen Vater, war Li Bai lange Zeit in einer solchen Wut,
daß man mit ihm gar nicht sprechen konnte, und als er endlich wieder
gefasster war, beschwor er mich, schnell ein Kind zu haben, damit er seine
Freiheit wiedererlangen könne. In solchen Augenblicken sehnte er sich,
glaube ich, nach dem freien Europa zurück.
Ich kann kaum sagen, daß in unserem Verhältnis eine große Veränderung
eintrat, nur wurde Li Bai immer kälter, blieb immer länger abwesend von
daheim und wurde immer reizbarer. Seine Anfälle wurden immer heftiger und
wiederholten sich häufiger als zuvor, was mich aber am meisten verwunderte
und mit Angst erfüllte, das war zweifellos der Umstand, daß die leichte
Tünche europäischer Kultur langsam aber sicher von ihm abglitt, etwa wie
eine Schlange langsam aber ununterbrochen ihre alte Haut abstreift. Er
war reinlich -- das war ihm angeboren --, aber dies war auch die einzige
Tugend, die nicht ins Wanken geriet. Alle die kleinen Aufmerksamkeiten,
die er mir in Europa so oft gezeigt und im Beginn unserer Ehe noch geübt
hatte, verschwanden nach und nach. Er ging nun nie mehr hinter, sondern
nach chinesischer Sitte vor mir, er öffnete nicht länger die Tür für
mich, um mich durchzulassen, sondern nahm von meiner Gegenwart keine Notiz.
Beim Essen bediente er mich nicht wie einst, sondern warf einige Speisen
auf meinen Teller oder in meine Schüssel, oft auch erst, nachdem er sich
selbst bedient hatte. Er tadelte -- und dies mit Recht -- meine Abneigung
gegen häusliche Beschäftigungen und meine Unordnung, und wenn er mit mir
studieren sollte, war er so bissig in seinen Bemerkungen, so unhöflich
und oft so grausam, daß ich nur mit Zittern daran zurückdenke. Dazwischen
konnte er Anfälle seiner Wildheit haben und mich jäh am Halse zu würgen
beginnen, was ihm stets leid tat, sobald er wieder sein eigenes Ich war.
Wenn er manchmal wieder lieb wurde, war es nur in höchst gleichgültiger
Weise, und seine stereotype Entschuldigung für alle seine Eigenarten war,
daß alle Weiber gleich seien. -- So lange sie den niedrigsten Zwecken
dienten, war es einerlei, wie sie aussahen oder wer sie waren. Jede
Europäerin wird mir nachfühlen können, wie ich darunter litt, selbst
wenn ich um des lieben Friedens willen schwieg.
»Wenn dies deine Anschauungen sind, Li Bai,« sagte ich eines Tages,
»warum hast du dann gerade mich gewählt?«
»Weil du eben am nächsten warst!« erwiderte er mit mehr Aufrichtigkeit
als Zartgefühl.
Auch an anderen entmutigenden Einflüssen fehlte es nicht. Nach langer
Zeit hatte der Mandarin mich wieder einmal in die Bank rufen lassen, wo zu
meiner Freude ein großer Haufen Korrespondenz zur schleunigen Erledigung
auf mich wartete. Ich arbeitete mit fieberhaftem Eifer und vergaß für die
Zeit alles Bittere in meiner Existenz, als sich die Tür öffnete und zwei
Europäerinnen und ein Europäer eintraten. Ich mußte eine Weile lang
allerlei Bankangelegenheiten besprechen, da mein Schwiegervater ausgegangen
war und die anderen Beamten der europäischen Sprachen nicht mächtig
waren, und bald entspann sich das lebhafteste Gespräch.
Der Herr war schon zwei Jahre ansässig in Tientsin, die Damen waren ihn
soeben besuchen gekommen, und nun erzählte er uns allen seine humorvollen
Erfahrungen mit den chinesischen Dienstboten.
»Da ist zuerst mein »Boy« mit seinem Pidgin Englisch, der mir vielen
Verdruß macht!« erzählte er lachend. »Man möchte meinen, daß er einen
Harem voll Frauen und ein Dutzend Mütter hat, denn alle Augenblicke
wird entweder die Frau oder die Mutter krank und stirbt, und da muß er
heimreisen -- natürlich reisen immer einige meiner Sachen mit ihm, aber es
wäre ganz nutzlos, sich dagegen irgendwie aufzulehnen. Jeder Boy stiehlt,
und zwar so viel er kann, aber er sieht glücklicherweise darauf, daß ihm
dabei niemand ins Handwerk pfuscht. Auch nimmt er selten Geld, da könnte
der Herr vielleicht doch grausam genug sein, ihn den Obrigkeiten zu
übergeben, und ein Dieb wird in China furchtbar streng bestraft.«
Daran erinnerte ich mich, denn oft mußte der Mandarin sein Urteil
sprechen. Manchmal wirft man ihn ins Gefängnis, wo er langsam zugrunde
geht, oft macht man ihn um einen Kopf kürzer, oder man gibt ihm
fünfundzwanzig oder mehr Stockstreiche auf die Fußsohlen, was auch nicht
angenehm sein soll.
»Aber was ist der Boy gegen den Koch!« jammerte der lustige Herr. »Wohl
kann er im letzten Augenblick und ohne vorherige Benachrichtigung ein
vorzügliches Mahl auf den Tisch stellen, indem er die Fleischspeise bei
Koch im Hause links und die Mehlspeise bei Koch im Hause rechts, und die
Suppe bei Koch im Hause gegenüber und vielleicht das Gemüse bei Koch im
Hause an der Ecke ausborgt, aber in die Küche durfte man nicht gehen, wenn
man nicht vor Ekel vergehen wollte. Nicht genug, daß der Boden an und für
sich an einen Stall weit eher als an einen Küchenboden erinnert,« sagte
unser Erzähler, »und die Bänke und Tische vor Schmutz geradezu kleben,
sind auch die Töpfe, Schüsseln, Teller und Pfannen oft mit einer dicken
Rinde von angebranntem Fett, Gemüseüberresten oder dergleichen bedeckt,
ohne daß es den Koch im geringsten stören würde. Wenn man ihm aber die
Schüssel hinhält und sagt, daß dieselbe nicht rein sei, so dreht er sie
erst ein paarmal gründlich in den eigenen schmutzigen Fingern hin und
her und stellt sie dann ruhig mit dem Bemerken nieder, daß sie noch lange
nicht schmutzig genug sei, um gewaschen werden zu müssen.«
Wie ich dabei an meine Mama dachte, sie, die über unsere alte und oft
nicht allzu saubere Köchin die Hände über dem Kopf zusammenschlug -- was
würde sie wohl sagen, wenn sie einen chinesischen Koch im Hause hätte?
»Sie können sich denken, meine Damen,« fuhr Herr Leghorn fort, »daß
so ein Koch auch mit der gleichen Reinlichkeit gekleidet ist, und daß
er seine Hände nur dann wäscht, wenn er sie vor Schmutz nicht mehr
frei bewegen kann. Gegen Messer, Gabeln und Löffel hat der Koch eine
unüberwindliche Abneigung, denn wozu hat ihn eine weise Vorsehung mit zehn
Fingern ausgestattet, wenn er sie nicht gebrauchen soll? Seine Pfote ist
das einzig geltende Thermometer, seine Zunge der Löffel, mit dem er die
Suppe herausschöpft und kostet. Er verdient sein Marktgeld ebensogut wie
die drallen Köchinnen in Europas Großstädten, indem er das billigste
einkauft und die höchsten Preise anrechnet, oder indem er vom Gewicht
zurückbehält oder es sammelt, bis wieder ein Päckchen zusammengekommen
ist, das er dem Herrn dann als neueingekauft überreichen und anrechnen
kann.«
Die Damen und ich beklagten den armen Herrn Leghorn sehr, aber er lachte
nur und meinte, daß er ja bald aus dem ver....... Loch fortkommen werde
und ihm dieser Gedanke ein Trost sei.
»Und mein Wäschermann oder Waschmann, wie ich den Menschen wohl
nennen muß,« ergänzte Herr Leghorn seinen Bericht, »das ist der
fürchterlichste von ihnen allen. Er leiht meine Hemden und meine übrige
Unterwäsche minderbemittelten Menschenkindern und bringt sie mir dann
sehr schön zusammengefaltet wieder, so daß man die Löcher auf den ersten
Blick gar nicht wahrnimmt. Wirft man ihm aber so einen gemachten Schaden
auch vor, so sagt er nur: »Nichti ichi, seini Waschi dem haben so
gemachi.«
Wir lachten alle -- der gute Chinese redete sich auf das Präparat aus, das
er verwendete, um die Wäsche rein zu bekommen.
Noch eine geraume Weile dauerte das Gespräch fort, und erst beim Abschied
fragten mich die drei, wie ich selbst nach China gekommen wäre. Einige
Sekunden lang zögerte ich -- ich wußte, was mein Geständnis bedeuten
würde --, aber dann sagte ich mit Entschlossenheit:
»Ich bin die Frau Ming Tses, des Sohnes des hiesigen Bankdirektors!«
Jedes Lächeln, jedes Wohlwollen verschwand aus den Gesichtern der drei
Besucher, die über eine Stunde lang so vertraulich mit mir geplaudert
hatten. Man muß im Orient gelebt haben, um zu verstehen, was es bedeutet,
sich mit einem Eingeborenen vermählt zu haben. Man ist Paria, »=one
has lost caste=«, wie die Engländer sagen, und kann nicht mehr in seine
eigene Gesellschaft zurückkehren. Der Mann wird von seinen Angehörigen
angefeindet, die Europäerin aber, die es gewagt hat, einen Bund fürs
Leben mit einem Asiaten zu schließen, ist für immer aus dem Kreise
ihresgleichen ausgestoßen. Sie hat das Heiligste -- ihre eigene Rasse --
verraten, und unversöhnlich stellt sich ihr Geschlecht ihr gegenüber.
Mit einem leichten Kopfnicken verschwanden die drei Gäste und ich blieb
zurück, vermieden und geächtet wie ein Aussatzkranker.
* * * * *
Neujahr, welches in China einen Monat später als in Europa anbricht, war
nun vor der Tür. Die Amtssiegel und alles Amtspapier war versiegelt worden
und durfte erst nach den Neujahrsfeierlichkeiten wieder gebraucht werden,
alle Wohnungen wurden gründlich gereinigt, und selbst in der elendesten
Kulihütte, wo nur ein schmutziges Loch mit einigen Decken und Kisten das
ganze Hausgerät bildete, wurde mit Wasser gewüstet wie nie sonst. Haus
und Menschen mußten rein sein, wenn die Jahreswende mit ihrem Segen sich
näherte. Von allen Haustüren hingen rote Papierstreifen mit »Fu«
in großen Zeichen, was »Glück« bedeutet. Um diese Zeit müssen alle
Schulden bezahlt werden, und wehe dem Unglücklichen, der nicht imstande
ist, es zu tun. Da kommen die Gläubiger und legen Beschlag auf sein Haus
und lassen, was dem Chinesen schrecklicher dünkt, in der Neujahrsnacht
die Haustür offen stehen, durch die alle bösen Geister und Dämone in das
Haus eindringen und sich dort niederlassen, den Bewohnern allerlei Unglück
mitbringend. Am Neujahrsmorgen erhält jedes Kind zwei neue Winter- und
zwei neue Sommerkleider, und jeder ältere Bruder muß dem jüngeren
ebenfalls ein Geschenk machen, während dieser wieder an die noch jüngeren
Familienmitglieder, wie z. B. an seine Neffen, ein Geschenk weitergehen
lassen muß. Alle Bekannten gehen in ihren besten Kleidern zu allen
Verwandten und allen Bekannten, so daß alle Menschen vom ärmsten bis zum
reichsten auf der Gasse anzutreffen sind.
Dies ist auch die beste Zeit zum Drachenfliegen, und Li Bai war ganz selig,
weil wir zwei wunderschöne Seidendrachen hatten -- der eine davon stellte
ein Haus, der andere eine riesige Schlange vor --, die am Abend und an den
folgenden Tagen steigen sollten.
Es ist mir oft aufgefallen, wie sehr die Chinesen und auch die Japaner an
den allereinfachsten, ja an geradezu kindlichen Vergnügungen und Spielen
ihre allergrößte Freude finden. Selbst der ehrwürdige Mandarin, der
täglich viele hunderttausend Mark durch seine Hände gleiten ließ und
dessen Lippen oft ein strenges Urteil über einen Verbrecher aussprachen,
selbst er freute sich über den Anblick des Drachen, als dieser stolz in
die Lüfte flog, und Li Bai war so eifrig, daß er sich kaum Zeit zum Essen
gab. Wirklich alte Chinesen, die ihre Urgroßenkel bei sich hatten, sahen
zu den Drachen auf und freuten sich über den Fall des einen und den
Flug des anderen wie muntere Schuljungen und erinnerten mich auch an die
erregten Zuschauer bei einem europäischen Pferderennen oder einer Regatta.
Selbst die chinesische Bühne, die wirklich für unsere Begriffe sehr
langweilig und unschön ist, und bei der die Phantasie des Zuschauers
fast alles Fehlende ersetzen muß, erfreut mit ihren fast kindlichen
Darstellungen die Chinesen. Frauen als Schauspielerinnen gibt es nicht, und
die jungen bartlosen Chinesen ersetzen ganz gut das fehlende Geschlecht,
aber die lärmenden Musikanten und die übereinfache Bühnenausstattung
macht jeden Theatergang uns Europäern eher zu einer Folter als zu einem
Vergnügen.
Unserer Musik und unserer Bühne sind dagegen die Orientalen ebenso
feindlich gestimmt. Ihnen erscheint unsere Musik ebenso tonlos und unschön
wie uns die ihrige, und unser Theater interessiert sie nicht. In Berlin hat
mich ein junger Japaner in die Oper begleitet, mich aber schon vor Beginn
der Vorstellung gebeten, freundlichst zu entschuldigen, wenn er gleich
einschlafen würde, und das tat er auch, bevor die göttlichsten Arien
zwei Minuten lang das Haus erfüllt hatten. Er schlief still und diskret --
nicht etwa mit tiefem Schnarchen, wie es eine charakteristische Eigenschaft
der meisten Europäer ist --, aber er schlief fest und ruhig, bis der
Vorhang fiel und das erste Stück ausgespielt war. Im zweiten Stücke
wechselte die Szene ununterbrochen, da ein frecher Räuber verfolgt wurde,
und das gefiel meinem orientalischen Freunde so gut, daß er gar nicht mehr
an das Einschlafen dachte, sondern lebhaft mitlachte, sobald die Polizei
dem Flüchtling nahekam oder er ihnen entwich. Das Mittelmäßigere vom
künstlerischen Standpunkt, aber das dem kindlichen Gemüte Näherliegende
erfreut sich des vollen Beifalls des fernen Asiaten. Indier dagegen lieben
das Mystische, das Erhabene.
Trotz der starken Kälte standen wir den größten Teil des Tages auf der
Straße, um die unzähligen Drachen steigen zu sehen, von denen einige
wie ein Haus, andere wie Tiere, andere wie große Blumen aussahen, und die
ebenso, wie in Nizza die blumenbekränzten Wagen beim Blumenkorso, Anlaß
zu Prahlerei gaben; denn so ein Seidendrachen kann oft sehr kostspielig
sein.
Am lebhaftesten ging es gegen Abend zu. Da erschütterten Knallerbsen das
Trommelfell, Stimmen schwirrten durcheinander, Raketen flogen in die Luft,
rote Bänder und Papierstreifen wurden geschwenkt, Musikanten schlugen mit
bewundernswerter Ausdauer und Unerschrockenheit auf die Trommeln, andere
Berufsgenossen stießen in die schrillen Trompeten, Kinder rannten einem
zwischen die Beine und schrien aus vollen Lungen, Feuerwerke wurden
abgebrannt und überall wohlriechende Holzarten in Brand gesetzt. Das
einzig Hübsche an dem Ganzen schienen mir die unzähligen Lampions, die
um alle Häuser befestigt waren und dem Beschauer auch aus jedem Hause
entgegenleuchteten. Sie hatten verschiedene Farben, doch wurde hellrot
bevorzugt, und die meisten hatten »Glück« darauf geschrieben.
Auch für den Magen war gut gesorgt worden. Berge von Kuchen aller Art
standen bereit, und meine kleinen gelben Nichtchen und Neffen leisteten
in der Unterbringung dieser Ware Unglaubliches, indessen bemerkte ich mit
Bedauern, daß sich die Nichten erst dem »Kuchentroge« nähern durften,
nachdem die gnädigen großen Brüder abgespeist hatten. --
Es mochte etwa Mitte Februar sein. Li Bai war vierzehn Tage abwesend
gewesen, und wenn ich auch in der furchtbaren Kälte nicht zur Bank gehen
durfte, fühlte ich mich doch nicht so verlassen, als ich gefürchtet
hatte, denn der Mandarin schickte mir die Maschine in meine Wohnung, und
so konnte ich den ganzen Tag lang auf ihr herumklappern -- zuerst um
Geschäftsbriefe zu verfassen und sodann um Briefe an Jenny zu schreiben
und dem Doktor für seinen Brief zu danken.
Er hatte von einer Auflösung der Verlobung nichts hören wollen und dankte
mir in warmen Worten, mich seiner und Jennys so freundlich angenommen zu
haben, bat mich, sein Heim immer als das meine anzusehen und teilte mir
mit, daß Jenny schon Ende Januar seine Gattin werden würde.
Den Brief erhielt ich verspätet, da man mir in der Abwesenheit meines
Gatten nie Briefe aushändigte und mir auch nicht gestattete, irgendwelche
abzusenden, so lange Li Bai nicht in Tientsin war. Trotzdem gelang es mir
hie und da ihre Wachsamkeit zu täuschen und es schien mir fast, als ob der
Mandarin mir selbst dazu verhelfen wollte, wenigstens war er es, der mich
immer gegen die Ränke seiner rechtmäßigen Frau zu schützen verstand.
Sie ließ mich wenigstens einmal die Woche durch ihre Schwiegertochter
fragen -- oder fragte wohl manchmal auch selbst --, ob ich von den
Göttern verlassen wäre oder ob ich auf etwas Herrliches Aussicht zu
hoffen hätte.
Nun hatte ich gegen meine Ueberzeugung schon mehrmals gesagt, daß mich
die Götter nicht mochten und ich nichts zu hoffen hatte, nun aber war ein
solches Schweigen nicht länger möglich. Wie weit ich meine Kleider auch
sein ließ, sie verschwiegen meinen Zustand nicht länger, und als daher Li
Bai heimkehrte, teilte ich ihm mit, daß er in wenigen Monaten Vater sein
würde.
Wie groß die Liebe der Chinesen für Kinder ist! Wir waren uns schon
ganz fremd geworden, Li Bai und ich, und ich wußte, daß er es mit der
ehelichen Treue gar nicht so genau nahm, wie streng die Strafen für so ein
Vergehen auch seien. Der Ehebruch wird eigentlich immer nur bei der
Frau gestraft, der ihr Gatte, falls er sie bei der Tat ertappt, den
Kopf abschneiden darf, um ihn zusammen mit dem Kopfe des Liebhabers
zum Magistrat zu bringen, wo er für diese tugendhafte Tat nicht nur
freigesprochen, sondern noch belobt wird. Jetzt flammte in ihm plötzlich
etwas von alter Zuneigung auf, und er wurde wieder genau so aufmerksam wie
vorher -- in mancher Hinsicht zärtlicher, als er es je gewesen.
Auch meine gelbe Schwiegermama setzte ein bedeutend freundlicheres
Gesicht auf, schickte besondere Speisen zu mir, sorgte doppelt für meine
Bequemlichkeit und erteilte Li Bai allerlei gute Ratschläge. Der Zauberer
wurde geholt um auszurechnen, an welchem Tage der neue Weltbürger seinen
Einzug halten würde, und aller denkbarer Hokuspokus wurde getrieben, was
ich ruhig geschehen ließ, nur eins verlangte ich: Ich wollte rechtzeitig
in das englische Spital gebracht werden, um dort nach unserer Art gepflegt
zu werden, da mir der Gedanke, dann von Chinesinnen umgeben zu sein, ganz
unerträglich war. Da ich Li Bais Versprechen kaum traute, wandte ich mich
direkt an den Mandarin, der gegen eine Uebersiedlung in das Krankenhaus
war, mir aber gelobte, eine »Nurse« oder Pflegerin von dort aufzunehmen
und den europäischen Arzt zu verständigen, und mehr konnte ich nicht
erwarten.
So weit weg von der Heimat, unter so ganz veränderten Verhältnissen
sollte ich einem Wesen das Leben geben? Ich würde nun auf immer an Li Bai
gebunden sein -- auf immer, denn ist in China die Scheidung leicht, wenn
man keine Kinder hat, so wird sie geradezu unmöglich, wenn Nachkommen da
sind. Wohl könnte ich in einem anderen Hause wohnen, mich aber nie von
China entfernen, da die Regierung nur höchst ungern gestattet, daß
irgendein Untertan das Reich verläßt. Nun war ich auf immer verdammt, in
diesem lieblosen Lande zu verweilen, aber Li Bais neuerwachte Zärtlichkeit
und jenes Glücksgefühl, das jede Mutter auch unter den traurigsten
Umständen durchströmt, brachte Freude auch in meine freudlose Existenz im
Reiche der himmlischen Mitte.
Die Silberkette wurde schon gekauft, die man dem kleinen Weltbürger
(wenn es ein Sohn sein sollte) umgeben würde, die er sein Leben lang
in Erinnerung an seine Mutter trägt und die am Hochzeitstage mit einer
goldenen vertauscht wird. Für Mädchen trifft man keine Vorbereitungen
-- Mädchen zählen nicht --, und während ein Sohn mit einem Edelsteine
verglichen wird, beschreibt man ein Mädchen als wertlosen Ziegelstein. Die
guten Chinesen vergessen, daß ohne Ziegelsteine keine Edelsteine in China
wären.
Jeden Abend zauberte Li Bai zu meiner Unterhaltung herum und setzte
geheimnisvolle Mienen auf, sooft er sich mir näherte oder um mich
herumging.
»Was tust du, Li Bai?« fragte ich lachend.
»Ich zaubere, damit du einen Knaben bekommst und nicht etwa ein
Mädchen,« erwiderte er ganz überzeugt.
»Wie er wohl aussehen wird?« meinte ich nachdenklich. »Am Ende ist es
ein Ausbund der Häßlichkeit.«
»_Mein_ Sohn?« fragte Li Bai hocherstaunt. »Ich habe ihn gemacht,«
setzte er stolz hinzu, und damit hatte er jede Zumutung über sekundären
Erfolg zurückgewiesen. Sein Sohn konnte nur ein Prachtwerk sein. Wie ich
lachte. --