»Oh, Käthe!« rief meine Schwester voll Entsetzen und machte so runde

Augen, die sich überdies noch mit Tränen zu füllen begannen, daß ich

sie augenblicklich in die Arme schließen und ihr sagen mußte, daß der

Doktor ein Muster der Treue und Tugend war, der nur an sie dachte und nur

für sie lebte, und daß auch sie ihm, trotz der unfreiwilligen Umarmung

Chung-Fus (wie angenehm so eine Umarmung auch an und für sich sein mochte)

seiner ganz würdig geblieben -- vollkommen würdig, diesen Halbgott nach

ihrer Heimkehr auf ewig glücklich zu machen.

»Oh, süßeste Käthe, glaubst du das wirklich?« fragte sie und sprang

jubelnd auf. »Von allen Schwestern auf Gottes Erdboden bist du die

weiseste und netteste und beste!«

Und daraus kann der Leser ersehen, wie leicht es ist, Beifall zu gewinnen,

wenn man nur das sagt, was der andere hören will.

Bei der Festmahlzeit war die Tischordnung in gewissen Punkten europäisiert

worden. Wohl saßen die Herren alle am unteren Ende der großen Tafel und

die Frauen, wenn auch nicht in einem anderen Gemache, so doch abgesondert

am oberen Tafelende, aber in der Mitte war es doch so eingeteilt worden,

daß Mama den Mandarin, Jenny Chung-Fu und ich Li Bai an meiner Seite

hatte. Mama und der Mandarin sprachen von europäischen Sitten und

Gebräuchen, und Mama sprach lebhaft und unbefangen, als ob sie ihr ganzes

Leben nur mit Chinesen zusammen gesessen, Jenny dagegen hatte ihr liebes

Kreuz mit ihrem Tischnachbar, der nur sehr wenig Englisch, gar kein Deutsch

und daher nur mit Gebärden sprach, die, vereint mit chinesischen Brocken,

einigen englischen Wörtern und der Augensprache, zu der Chung-Fu als

letztes verzweifeltes Mittel griff, eine Art primitiver Konversation zur

Not zuließen. Verstand Jenny auch nur schlecht Englisch und gar kein

Chinesisch und war die Gebärdensprache oft nicht ausdrucksvoll genug --

auf die Augensprache verstand Jenny sich wie selten jemand und damit ging

es endlich auch geläufig, nur hatte meine Schwester augenscheinlich keine

Lust, mit einem Chinesen zu flirten.

Wir hatten Vogelnestersuppe, die Mama ungemein interessierte, deren Name

aber nur eine falsche Uebersetzung eines Seegewächses ist, ferner

frische Bambusblätter als Gemüse, die wirklich schmackhaft waren,

Schinkenscheiben, die ganz an unseren Westfäler Schinken erinnerten,

saftiges und schön serviertes Zuckerrohr, chinesische Kuchen, die wie

umgestülpte Pfannen aussahen und die mit allerlei Schriftzeichen und

Arabesken reich verziert waren, parfümierten Tee und andere Seltenheiten.

Li Bai war, wie immer, sehr aufmerksam und warf mir mit seinen Stäbchen

allerlei Leckerbissen in den Napf -- Jenny dagegen, die immer auf und

nieder sah und nie acht gab, was sie tat, war den unausgesetzten und ihren

europäischen Begriffen sehr ungewohnten Angriffen ihres jüngsten Anbeters

und Tischnachbars ausgesetzt und mir eine unerschöpfliche Quelle der

Belustigung.

Schon als Kind hatte Jenny die Gewohnheit, den Mund offen zu halten, sooft

sie über etwas erstaunt war. Hier, an einer chinesischen Tafel, wo alles

auf merkwürdigen Schüsseln serviert wurde, wo die Gerichte selber so

interessant und neu waren, wo man eigentümliche Laute vernahm, die in

Europa -- wenigstens in der guten Gesellschaft -- nicht gang und gäbe

waren, wo die Frauen mit ihren gemalten Augenbrauen, die Männer mit ihren

glattrasierten Vorderköpfen und ihren Zöpfen (glücklicherweise hatten

noch einige die Zöpfe nicht abgeschnitten), so fremdartig wirkten und

ununterbrochenes Staunen erregten, kam es selbstredend oft vor, daß Jenny

ihren hübschen Mund weit offen hielt und das Essen ganz vergaß.

Nach chinesischer Sitte darf der Gastgeber so etwas nicht zulassen. Daher

formte Chung-Fu jedesmal in seiner eigenen Schüssel einen Knödel aus den

besten Leckerbissen und war nicht so genau damit, ob er die Finger auch

noch dazu zu Hilfe nahm oder nicht, und schob ihn, sobald das Meisterwerk

transportfähig war, in Jennys einladend offengehaltenen Mund, die sofort

anfing, Erstickungsversuche zu machen oder den Knödel herauszuwerfen.

Vergebliche Mühe! Chung-Fu hatte so etwas vorausgesehen und hielt daher

vorsorglich seine Hand dicht vor ihre Lippen. Der Knödel mußte hinunter

-- heraus konnte er nicht.

Sooft meine Schwester mit dem Stäbchen umsonst Fischversuche in ihrem

Trögchen unternahm und ihre Augen vor Verwunderung weit aufriß, wenn die

Ladung im letzten Moment zurückrollte, benützte der aufmerksame Chung-Fu,

dem eine solche Danaidenarbeit jedenfalls Mitleid abpreßte, auch die

Gelegenheit und schob ihr etwas in den Mund -- mit seinen Stäbchen, seinen

Fingern oder auf andere Weise, das war ganz Nebensache --, Jenny wurde

gefüttert, wie sehr sie sich auch wehrte.

Diese Fütterungsprozesse unterhielten nicht nur mich, sondern die ganze

Tischgesellschaft -- besonders die weibliche. --

Am dritten Tage hatte ich ein lichtes, gold- und silbergesticktes

Seidenkleid an, das auch irgendeine symbolische Bedeutung hatte, die ich

indessen vergessen. Heute erst wurden wir endgültig verbunden, denn man

führte uns zu den Stammtafeln der Vorfahren, in anderen Worten an den

Hausaltar, wo wir drei tiefe Kotaus machen mußten. Zu beiden Seiten des

Altars standen schön geschmückte Tische, auf welchen Eß- und Trinksachen

aller Art aufgestellt waren, die den Ahnen geopfert wurden. In der Mitte

der Halle befand sich eine Art Podium und dieses bestieg nun der Mandarin,

gleichfalls in seiner Festtoilette, und teilte unter zahllosen Kotaus den

Vorfahren mit, daß Li Bai und ich nach allen Regeln der chinesischen Sitte

und nach Befragung des Zauberers Mann und Frau geworden waren und daß er,

der Mandarin, nun um den Segen der Vorfahren für uns bitte. Er verließ

nach weiteren Kotaus den erhöhten Sitz und wir traten näher, um den von

diesem wichtigen Akte verständigten Ahnen unsere Aufwartung zu machen,

die in der dreimaligen Wiederholung eines tadellosen Kotaus bestand. Damit

waren die eigentlichen Hochzeitszeremonien zu Ende und wir in den Augen der

ganzen Familie erst wirklich Mann und Frau, deren erste Aufgabe es nun sein

mußte, so schnell wie möglich einen Sohn und Erben zu bringen.

Würde ich eine echte Chinesin gewesen sein, so hätte ich an diesem Tage

meinen Eltern eine Gans oder doch den Teil einer gebratenen Gans nach

Hause getragen haben, als Zeichen, daß mein Gatte mit mir zufrieden und an

meiner Unschuld nichts auszusetzen war.

Mama und Jenny sollten noch etwa drei Wochen bleiben, Jenny vielleicht

sogar drei Monate, und vorläufig wohnten beide in den Gastzimmern, über

die jeder Mandarin reich verfügt. Jeden Abend wurden alle Tore sorgfältig

geschlossen und von da ab machte der Nachtwächter seine Runde -- niemand

konnte heraus, niemand mehr hinein, ohne von ihm gesehen zu werden.

Die chinesische Zeitrechnung weicht von der unsrigen bedeutend ab. Die

Jahre rechnet man entweder nach einem Zeitabschnitt von 60 Jahren oder

nach der Regierung eines Herrschers, der bei seiner Thronbesteigung immer

auch eine Art Regierungstitel annimmt. Letztere Art ist die verwickeltere.

Die Monate selbst richten sich genau nach dem Monde und zählen bald 29,

bald 30 Tage, aber um den dadurch entstandenen Unterschied auszugleichen,

hat man alle drei Jahre einen Extramonat und rechnet in Zeitabschnitten von

19 Jahren, während welcher Zeit sieben Extramonde eingeschoben werden.

Für die ersten zehn Tage jedes Monats hat man einen besonderen Namen.

Der Tag wird in zwölf Stunden eingeteilt und jede chinesische Stunde

entspricht zwei europäischen Stunden.

Die Tage flossen ruhig dahin. Mama und Jenny wanderten in Tientsin

herum, besahen alles, was sehenswert war und ließen sich selbst durch

angebrochene Kälte nicht abhalten. Ich brauchte mich um den Haushalt nicht

zu kümmern -- die chinesischen Diener und Dienerinnen besorgten alles und

man hat ihrer viele, da ein Monatslohn sich auf ein bis zwei Mark beläuft.

Kost und Wohnung muß man allerdings dazurechnen, aber wie wenig ist das,

wenn man unsere Löhne in Europa betrachtet! Die Kost erhielten wir, wie

alle Hausgenossen, aus der gemeinsamen Küche des Mandarins. Wenn irgendwo

noch ein Staubwölkchen blieb, so war Li Bai schon hier, um es mit wahrem

Genuß abzuwischen. Er fand kein größeres Vergnügen, als so recht eifrig

überall Ordnung zu machen, alles nett aufzustellen, und alle seine Sachen

durchzusehen. Meine Hauptaufgabe bestand daher darin, Li Bai zu überreden,

mit mir auf deutsch, englisch oder französisch zu lesen und sich die

englische Literatur und Geschichte etwas öfter und näher anzuschauen als

bisher. Umsonst! Wohl lasen wir häufig zusammen und ich konnte auch kleine

Fortschritte bemerken, die besonders den Mandarin beglückten, wenn er

gegen Abend auf eine Stunde zu uns kam, aber dauerndes Interesse oder

wirklichen Fleiß konnte ich bei ihm nie zutage fördern. War er nicht in

Stimmung, so sagte er, daß er sich »miserable« fühlte und da war mit

ihm nichts anzufangen. Schon in London hatte ich bemerkt, daß eigenartige

Stimmungen ihn überkamen, jetzt aber gestand er mir offenherzig ein, daß

er in solchen Augenblicken und an solchen Tagen (mir fiel es später auf,

daß sie sich etwa alle vierzehn Tage wiederholten und immer am ärgsten zu

Beginn jedes Monats waren) die Lust in sich fühle, jemand zu töten oder

doch recht weh zu tun. Körperlich tat er mir nicht weh, aber moralisch

folterte er mich an solchen Tagen bis zur Unerträglichkeit. Er konnte die

grausamsten Sachen äußern, die ihm durch den Kopf fuhren, und konnte ein

geradezu teuflisches Vergnügen daran finden, mich weinen zu machen. Sah er

erst Tränen in meinen Augen, so quälte er mich auf die entsetzlichste Art

stundenlang weiter und nur als ich gelernt hatte, gleichgültig auszusehen,

ließ er schneller von dieser Quälerei ab. Wenn er diese Anfälle hatte,

so leuchteten seine Augen finster und bösartig unter den geschlossenen

Lidern hervor, und sein Gesicht verzerrte sich von Zeit zu Zeit zu einem

höhnischen Lächeln. Es war umsonst, in solchen Augenblicken ein besseres

Empfinden in ihm wachzurufen -- er war gegen alles Gute und Edle taub. War

der Anfall vorüber -- er war oft von Kopfschmerzen begleitet und dauerte

von sechs Stunden bis über zwei Tage --, so war er wieder der nette

kleine Chinese von ehedem. Wenn ich ihm dann leise vorhielt, daß er so

wenig nett gegen mich gewesen, versuchte er alles gut zu machen, indem er

mich küßte, was er als Universalmittel gegen alle meine Leiden ansah,

da ich, in deren Herzen die Hoffnung auf bessere Zeiten immer wieder bei

dieser Zärtlichkeit zu erwachen begann, stets lächelte, wenn er mich

küßte.

Ausgehen durfte ich nicht -- war er übellaunig, d. h. »miserable«,

wie er es nannte, so quälte er mich halb zu Tode dafür, und war er gut

gelaunt, so neckte er mich und warf mich scherzweise herum und brummte

wohl stundenlang, indem er kühn behauptete, daß ich das Wiederkommen ganz

vergessen hätte. Daher schloß ich mich Mama und Jenny beim Ausgehen

kaum an. Fragten die beiden Li Bai, ob ich denn nicht mitgehen dürfte, so

entgegnete er: »Gewiß, gewiß,« aber nachher war es ebenso gewiß, daß

er mich dafür ordentlich quälte.

Blieb ich indessen bei ihm zu Hause und waren seine Anfälle vorbei, so

hatten wir eine unerhört schöne Zeit. Da spielte Li Bai mit mir

Fangen, Verstecken und andere Spiele, küßte mich oft und zärtlich und

verwandelte sich ganz in eine kleine nette Spielkatze. Ich hatte eine

ungewöhnlich ernste Kindheit gehabt -- Jenny, die ein Muster des Gehorsams

war, blieb gern bei den vielen Mädchen in der Pension. Aber für mich,

den Aufwiegler, den Freigeist und Ausbund des Ungehorsams und der

Widersetzlichkeit, bedankte man sich sofort und schickte mich zurück,

dahin von wo ich gekommen. Ich hatte deshalb nur wenig Spielgenossen

gehabt, lieber gelesen, gelernt und gegrübelt, wie frühreife Kinder es

tun, und fühlte mich nun wirklich glücklich darüber, daß ich einen so

heiteren Spielkameraden in meinem Gatten gefunden hatte. Zum Ideenaustausch

und moralischen Halt konnte er mir nicht dienen, als Gatte entsprach er

zu wenig unseren europäischen Anschauungen, aber als Spielgenosse war er

unübertrefflich und noch heute denke ich mit ungetrübter Freude an

unser Spiel zurück -- wie wir aufeinander warteten, wie eines das andere

aussperrte, wie ich mit seinem Tagebuch davonlief und er meine Briefe zu

erhaschen und zu untersuchen versuchte und wie das einzige Mittel, das

ich erfolgreich gegen seine kräftigen Hände (denn er war sehr stark)

verwenden konnte, der große Badeschwamm war, den ich ihm vollgetränkt

entgegenhielt und vor dem er große Hochachtung hatte, so daß ich den

Schwamm als meinen sichersten Schild betrachtete und bei unseren Neckereien

immer zuerst auf den Waschtisch zuflog.

Li Bai hatte seit dem Hochzeitstage, wo er ganz wie ich in rotseidene

und goldgestickte Roben gehüllt gewesen war, seinen europäischen Anzug

abgelegt und trug nun ausschließlich sein kaftanartiges chinesisches

Gewand aus weicher Seide, das zur Winterszeit warm wattiert war. Er fragte

mich oft, ob ich nicht auch lieber die Trachten der chinesischen Frauen

tragen würde, doch dagegen wehrte ich mich, nicht etwa aus lächerlicher

Eitelkeit, sondern nur weil ich damit allzusehr jede Spur der Europäerin

verwischt hätte, und dies wünschte ich um meiner Schwiegermutter willen

nicht. Sie haßte mich, das fühlte ich ganz genau, wenn sie auch nie

irgend etwas offen Feindliches gegen mich unternahm. Sie wußte Li Bais

Stimmung auszunützen, wenn er »miserable« war, um mich durch ihn

quälen zu können, und ich verdankte es auch ihr, daß Li Bai sich so sehr

sträubte, mich mit meinen Verwandten ausgehen zu lassen.

Der Mandarin hatte noch außer Li Bais Mutter, seiner rechtmäßigen Frau,

drei Konkubinen, die der armen Frau das Leben oft schwer machten und Li

Bai, der seine Mutter innig liebte -- sie war gewiß die einzige, der

dieses seltsame Herz ganz gehörte --, war oft streng und unfreundlich

gegen diese drei Sklavinnen, wie er sie nannte. Ich sprach nur wenig mit

meiner Schwiegermutter, da meine Kenntnis des Chinesischen eine allzu

geringe war, und wenn ich auch manchmal mit Li Bai in die seltsame alte

Küche gehen durfte, um sie dort ihre Befehle erteilen zu sehen, wichen

wir uns gefühlsgemäß doch so oft als möglich aus; ich hütete mich aber

ebensosehr, die drei Sklavinnen irgendwie zu beleidigen und grüßte

sie immer, sooft wir uns trafen, was, wenngleich Li Bai unangenehm, dem

Mandarin sehr angenehm war.

So war es mir gelungen, ohne Feindlichkeiten im Hause meines

Schwiegervaters zu leben, bis ein Ereignis eintrat, das sehr nachhaltige

Folgen nach sich zog. Seit mehreren Wochen -- Mama hatte ihren Aufenthalt

ausgedehnt und war nun schon fünf Wochen länger als ursprünglich

festgesetzt, in Tientsin -- war ich täglich, mit Li Bais »ungnädiger«

Erlaubnis (er fügte sich nur den Befehlen seines Vaters), zur Bank

gezogen, wo ich zuerst nur vereinzelte Briefe, später aber eine ganz

beträchtliche Zahl, schrieb, besonders als der Mandarin sich überreden

ließ, eine Schreibmaschine zu kaufen, mit der ich allein umgehen konnte.

Wir sprachen fast nie mehr als das Allernotwendigste miteinander, und ich

unterließ es nie, so höflich als möglich gegen meinen Schwiegervater zu

sein, dessen immer gleiches ruhiges und unergründliches Wesen mir Achtung

und Interesse einflößten, zu denen sich auch etwas heilsame Furcht

mischte. Er legte meist die Arbeiten vor mich auf den kleinen Tisch und

sagte in kurzen Worten, was er auszudrücken wünschte. Er rechnete nie

seine Zahlen im Kopfe oder selbst auf dem Papier aus, sondern bediente sich

wie alle Chinesen und Japaner der Rechentafel, die sieben Kolonnen umfaßte

und auf der man sicherer und schneller als nach unserem europäischen

System bis in die Millionen rechnen konnte. Hatte er die Summe bestimmt,

so schrieb er sie in chinesischen Ziffern nieder, die ich sehr gut lesen

konnte, da ich mich schon in Europa daraufhin geübt hatte, und zur

Vorsicht übersetzte ich sie stets in unsere Ziffern, auf die er zur

Prüfung immer noch einen Blick warf. War alles erledigt, so setzte ich

mich an die Maschine und schrieb voller Seligkeit einen Brief nach dem

anderen. In London, wo ich oft die fesselndsten Uebersetzungen zu machen

hatte, wäre mir diese Bankarbeit entsetzlich einförmig erschienen, aber

hier war es mir, als ob ich wieder einmal freigelassen worden wäre, um

mich in meinem gewohnten Element zu tummeln. Da fiel das Fremdartige und

Gedrückte meines Wesens ab, da wurde ich wieder fest und bestimmt in allen

meinen Ansprüchen und fühlte neuerdings, daß ich ein vollberechtigter

Mensch war.

Mein Schwiegervater lobte mich nie -- weder wenn ein Funken von erhöhtem

Wissen sich bei Li Bai zeigte, der gern ein wenig vor seinem Vater seine

Kenntnisse lüftete, noch wenn in der Bank ein Brief nach dem anderen in

verschiedenen europäischen Sprachen verfaßt rein und nett kopiert vor ihm

lag --, aber ich merkte eins: er wies alle Bitten Li Bais, mich nicht zur

Bank kommen zu lassen, energisch ab, und auch bei den Studien wußte er Li

Bai unter mein Regiment zu stellen. Und dann kam der erste ernste Auftritt.

Chung-Fu, der zwar schon verheiratet war und auch ein Söhnchen besaß, mit

dem Jenny sich lebhaft angefreundet und das von ihr sogar etwas Deutsch zu

sprechen erlernt hatte, fand an meiner Schwester größeren Gefallen als

es mir ratsam schien. Er folgte ihr überallhin, war immer sehr aufmerksam

gegen sie und machte ihr allerlei kleine Geschenke, wenn gerade niemand in

der Nähe war -- Streifen mit chinesischer Schrift, Fächer, kleine Vasen

usw. Jenny war leichtsinnig und wohl auch arglos, sie nahm alles an und

lachte Chung-Fu aus, aber ich wurde immer besorgter und endlich bat

ich Mama, wie schwer mir der Abschied auch wurde, um Jennys willen

heimzureisen. Ich gab Mama keinen näheren Grund an und sagte nur, daß

Jenny heiratsfähig sei und es ungerecht wäre, sie länger als nötig in

China zurückzuhalten. Mama, die von den Herrlichkeiten des Himmlischen

Reiches genug hatte, entschloß sich leicht zur Abreise, obschon sie

mich ein »gefühlloses« Wesen nannte, da ich sie selbst darum bat.

Ich quittierte den Vorwurf, so ungerecht er war, schweigend und atmete

erleichtert auf -- doch ich frohlockte zu früh.

Am Morgen des folgenden Tages sprach Mama zum Mandarin darüber und sagte,

daß ihre Geschäfte es nötig machten, nach Europa zurückzureisen, wenn

sie auch nur mit blutendem Herzen von ihrer lieben Tochter Käthe schied;

doch sie wisse sie ja in guten Händen usw. usw., was Mütter eben unter

solchen Umständen zu sagen pflegen, ob es nun wahr oder nicht.

Der Mandarin äußerte eine Reihe höflicher Klagen und stimmte ihrem

Entschluß hierauf vollkommen bei, nur sagte er, daß sie sehr gut ihre

Geschäfte allein besorgen könne, und daß Jenny noch einige Monate bei

mir bleiben müsse.

»Aber Mandarin,« rief meine Mama, »Jenny ist ein heiratsfähiges

Mädchen und nun ist die Zeit, sie daheim auf Bälle zu führen und ihr

einen passenden Mann zu suchen.«

»Und wenn,« fragte der Mandarin langsam, »und wenn Jenny nun hier einen

Mann finden würde, der reich ist und ihr eine glänzende Versorgung bieten

könnte?«

Mein Herzschlag stockte. Sollte der Mandarin ernstlich daran denken, Jenny

seinem zweiten Sohne Chung-Fu als Konkubine zu geben, oder wollte dieser

unter irgendeinem oberflächlichen Vorwand sich von seiner chinesischen

Gattin scheiden lassen, um Jenny an sich zu knüpfen? »Ach, das ist wohl

ausgeschlossen,« dachte ich.

»Chinesen heiraten gewiß nicht gern Europäerinnen und --«

»Und wenn sich nun so eine Partie doch fände?« unterbrach der Mandarin

meine Mutter.

»So wäre dies auch ganz umsonst, selbst wenn er der reichste und

beste Mann wäre!« sagte ich, indem ich mich erhob und auf die beiden

Sprechenden zutrat.

Die Augen des Mandarins öffneten sich nicht, nur die Lider zuckten,

und ich hatte das Empfinden, als ziehe sich eine tiefe Linie von jedem

Augenwinkel gegen die Schläfen zu. Er war ganz, ganz ruhig, und seine

Stimme klang sehr gelassen, aber mit eisiger Kälte durchzittert, als er

sein Haupt leicht mir zuwandte und fragte:

»Und warum?«

»Ja, warum, Käthe? Wäre es nicht ein Glück für Jenny --?«

Ich bebte innerlich vor Entrüstung. Wäre Mama wirklich imstande, Jenny

um schnöden Geldes willen an einen Chinesen zu verkaufen und allein

nach Europa zurückzureisen? Ich betrachtete sie. Sie war noch heute eine

hübsche und vor allem eine elegante Frau -- sie würde sich wahrscheinlich

wieder verheiraten, sobald ihre Töchter erfolgreich verschachert worden

waren. Aber nein, Jenny sollte ihr Glück nicht verscherzen, sollte es

nicht verlieren um selbstsüchtiger Pläne anderer willen, daher sagte ich

ruhig und entschlossen, wie ich es wohl sonst nie gewagt haben würde, dem

Mandarin zu antworten:

»Weil meine Schwester schon heimlich verlobt ist!« sagte ich und blickte

Mama unverwandt an.

»Seit wann bestimmen Kinder selbst über ihr Geschick und seit wann

ist der Wille der Tochter maßgebender als der der Mutter?« fragte der

Mandarin und seine Augen ruhten vernichtend kalt und streng auf mir. Wenn

er böse gewesen wäre, wenn er mit blitzenden Augen auf mich zugetreten

sein würde, da hätte ich mich lange nicht so unheimlich berührt

gefühlt, als von der kalten, vollkommen ruhig gestellten Frage und dem

ausdruckslosen Gesicht, auf dem sich nicht eine Miene verzogen hatte.

»In Europa bestimmen wir selbst über unsere Zukunft!« erwiderte ich mit

äußerster Gelassenheit.

»Mit wem ist Jenny verlobt?« fragte Mama.

Jetzt hieß es =va banque= spielen.

»Mit Doktor Emil Wurmbrandt!« sagte ich.

Jenny war glücklicherweise abwesend -- ihre Verlegenheit, ihr Zögern

hätte alles verderben können. Ich blickte Mama fest an und sagte mit

Nachdruck:

»Der Doktor wird in wenig Jahren eine schöne gesellschaftliche Stellung

haben -- seine Eltern sind wohlhabend und einflußreich -- Jenny paßt nur

zu einem Europäer!« sprach's und wandte mich ab.

»Sind die Wünsche Ihrer Töchter für Sie maßgebend?« fragte mit

unverkennbarem Spott der gefürchtete Mandarin.

»Ich will meine Kinder glücklich sehen!« entgegnete Mama, die nur an den

Doktor, an die Verbindungen seiner Eltern, an den Glanz einer Trauung, den

Neid der Tanten und so weiter dachte, und an der jeder Pfeil des Spotts

wirkungslos abprallte.

»Ich kenne den Doktor sehr gut und wünsche lebhaft eine solche

Verbindung!« sagte Mama rasch. »Das süße Dingelchen hat wohl aus lauter

Scheu über den Antrag nicht gesprochen, bis wir wieder auf der Heimreise

wären!« fügte sie mit sichtlicher Befriedigung hinzu. Sie dankte meinem

Schwiegervater warm für die Gastfreundschaft, die er ihr und Jenny gezeigt

hatte, und drückte ihr Bedauern aus, daß sie seine Bitte, Jenny noch

einige Monate in China zu lassen, nicht erfüllen könne, damit neigte sie

grüßend das Haupt und eilte auf ihre Zimmer zu.

Ich fühlte, wie etwas mir kalt und unbehaglich den Rücken hinablief, als

ich die verschleierten Blicke des Mandarins auf mich gerichtet sah. Wir

standen uns wohl eine geschlagene Minute regungslos gegenüber, dann sagte

er kalt:

»Sie sind sehr bemüht, Ihrer Schwester Glück zu gründen -- ist es so

schlimm, mit einem Chinesen verheiratet zu sein?«

»Nein,« antwortete ich tonlos, »aber man muß auf vieles verzichten, was

man in Europa in einer Ehe finden kann. Wenn ich mit Li Bai glücklich bin,

folgt daraus noch nicht, daß meine anspruchsvolle Schwester es auch sein

würde.«

»Und was muß man in einer chinesischen Ehe entbehren?« fragte er

finster.

Ich dachte an Li Bais wechselndes Verhalten, seine oft ausbrechende

Grausamkeit, seine Gleichgültigkeit gegen mein Unwohlbefinden, seinen

Mangel an Nachsicht und seine immer seltener werdenden Liebkosungen.

»Zärtlichkeit und Freiheit!« erklärte ich daher unerschrocken.

Er schien meine Entgegnung absichtlich zu überhören. Er verweilte einige

Sekunden lang in derselben Stellung wie früher, dann sagte er:

Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman · 第 11 / 15 段