mit den Chinesinnen, die mich in eine ihrer Landsmänninnen verwandeln
sollten. Sie kämmten mein langes blondes Haar flach zurück, so daß meine
Stirn doppelt hoch erschien, und gossen eine Menge wohlriechenden Oels
darauf. Nachdem dies geschehen war, wollten sie mein Gesicht in die Arbeit
nehmen, die Lippen mit Rot vergrößern und die Augenbrauen in eine schmale
hochgeschwungene Linie verwandeln, während sie den Rest des Gesichts weiß
zu färben wünschten. Aber gegen diesen Punkt des Programms wehrte ich
mich entschieden. Wie ein Zirkusklown zweiter Güte wollte ich denn doch
nicht aussehen. Mein Gesicht verblieb wie es war -- und endlich mußten
meine gelben Schwestern sich in das Unabänderliche fügen. Sie setzten mir
den Brautschmuck auf das geölte Haar, das ich, fetttriefend wie es war,
nicht berühren wollte, befestigten die aus Gold- und Silbermünzen und
Ketten zusammengestellte kostbare Haube so gut es ging auf meinem vor
Furcht und Angst ganz verwirrten Kopf und fanden, daß mir das unförmige
Scheusal gut stünde. Hierauf steckten sie mich in seidene Unterwäsche,
die wie die Oberkleider aus roter Seide war, warfen das rote Brautkleid
über mich, das hoch am Halse geschlossen wird und zu den Schultern jäh
abfällt, denn je greller diese Linie ist, desto schöner dünkt sie
den Chinesen. Die Schultern dürfen um keinen Preis gerade sein, sondern
müssen gegen den Arm zu abfallen. Das Kleid, das jede Biegung der Gestalt
verdeckt und wie ein Kaftan bis zu den Knöcheln fällt, wird auf der
linken Seite geknöpft, unter dieser Robe aber hatte ich weite Hosen,
ähnlich denen der türkischen Damen, die lose über das Knie hinabfielen.
Ueber mein Brautkleid gab man mir noch ein rotes Seidenkleidungsstück,
einer Jacke ähnelnd, das mir bis etwas tiefer als die Mitte reichte und
reich mit Gold gestickt war. Es hatte sehr weite Aermel, ebenfalls
reich mit Goldstickereien verziert, aus denen meine Hände weiß
hervorleuchteten. Trotz aller Bitten ließ ich mir nicht die Nägel
färben und wollte auch nie sie mir wachsen lassen wie viele der reichen
Chinesinnen es tun, bis sie nichts mehr in die Hand nehmen konnten, aus
Furcht, die Nägel zu zerbrechen. Meine Füße, die von Natur schon klein
ausgefallen waren (ich bin ja selbst so klein), wurden noch in zu enge
Seidenpantöffelchen mit Goldstickerei gequetscht, was mich, vereint mit
den ungewöhnlich hohen Absätzen, vom sichern Stehen abhielt. Ich wankte
wie eine echte Chinesin unsicher im schwankenden Gleichgewicht hin und her.
Die Chinesinnen fanden mich sehr »gelungen« und betrachteten ihr Werk mit
sichtlicher Genugtuung, als aber Mama und Jenny hereinkamen, fielen sie bei
meinem Anblick beinahe um. Ich stand, besser, ich wackelte in der Mitte des
Zimmers, fühlte mich nicht nur ängstlich bezüglich des Bevorstehenden,
sondern auch rein physisch unbehaglich in den ungewöhnlichen Kleidern, dem
geölten Haar, dem schweren Kopfputz und den schrecklichen Pantoffeln. Das
konnte man mir auf den ersten Blick ansehen, und ich glaube, ich machte
dazu das denkbar dümmste Gesicht.
Mama setzte sich auf einen Stuhl und starrte mich entgeistert an. Ihr
europäischer Schönheitssinn empörte sich gegen eine solche Verwandlung
meines äußeren Ichs, Jenny aber lachte zum erstenmal an diesem Tage und
rief:
»Käthe, du siehst wie ein wunderschön geputzter Kartoffelsack aus!« Sie
warf sich auf eines der niedrigen Sofas und krümmte sich vor Lachen.
»Wirst du als rote Vogelscheuche wirklich zu deinem Gatten gehen?« fragte
mich Mama. »Wäre es nicht viel besser gewesen, dich ganz in Weiß mit
Schleier und Kranz zu kleiden? Aber du willst einmal immer nach deinem
Kopfe handeln,« setzte sie geärgert hinzu.
»Du vergißt,« warf ich ein, »daß es nicht mein Wunsch gewesen,
so gekleidet zu gehen, sondern Li Bais. Soll ich ihm eine Bitte am
Hochzeitstage abschlagen?«
»Gewiß hätten dich alle sehr schön als weiße Braut gefunden und nun
siehst du so schrecklich aus,« ereiferte sie sich.
»Ach, Mama,« bat ich, »laß die Einwendungen. Die Chinesen finden ein
weißes Kleid (ihre Trauerfarbe) nicht passend für einen Freudenakt wie
eine Hochzeit und ich bin nicht länger Europäerin,« fügte ich langsam
hinzu, während ich fühlte, wie mich etwas im Halse gewaltig würgte,
»sondern Chinesin seit -- seit -- heute früh.«
»Leider!« entfuhr es der Mama. Es war ihr zum erstenmal wirklich
leid, daß ich einen Chinesen geheiratet hatte, weil -- weil ich dadurch
verlustig ging, ein schönes europäisches Brautkleid zu tragen. Bei der
zivilen Eheschließung hatte ich nur ein lichtbraunes Kostüm angehabt.
Jenny verstand trotz ihrer Jugend die Tragik des Augenblicks besser.
Vielleicht dachte sie, wie anders ihre Trauung in Europa mit dem Doktor
sein würde, wie ganz anders sie fühlen würde und wie froh ihre
Altersgenossinnen sie umkreisen würden. Sie begriff, zum erstenmal
vielleicht, was ich in dieser Stunde litt, wo weder eine Klage noch eine
Träne mir entschlüpfte.
»Laß die Käthe,« rief sie fast gereizt und wollte mir um den Hals
fliegen, aber dagegen wehrten sich die Chinesinnen. Das hätte ihre
sorgsame Arbeit zerstören können. Ich lächelte meiner Schwester daher
nur dankbar zu.
Mama fügte sich in das Unabänderliche. Wenn ihre Tochter schon
Vogelscheuche sein mußte, so wollte sie daraus Vorteil ziehen. Sie
betrachtete mich sorgfältig von allen Seiten, damit sie daheim in Europa
allen Bekannten und den Verwandten davon erzählen konnte, sah sich den
sonderbaren Brautschmuck genauer an und fand endlich, daß mein Ensemble
noch ärger hätte sein können. Daß ihr Kind heute über Leben und Tod
(denn bei einer chinesischen Heirat setzt man noch viel leichter als bei
einer europäischen das Leben aufs Spiel) entscheidet, das hatte sie für
den Augenblick vergessen.
Plötzlich verkündete ohrenbetäubendes Geschrei und nervenerschütternder
Lärm, daß meine Stunde geschlagen hatte, und der Bote kam, um mich in das
Haus meines Gatten zu überbringen. Ich fühlte eine innere Leere und ein
Gefühl physischen Uebelbefindens, als ich mir vorstellte, daß ich nun mit
allem abbrechen sollte, was ich bisher gekannt hatte, um an der Hand meines
kleinen Chinesen einen neuen Lebenspfad einzuschlagen. War die kleine Hand
hinreichend, mich zu stützen? War seine Liebe stark genug, mir Trost zu
geben, wenn physische und moralische Leiden an mich herantreten würden?
Eine grenzenlose Mutlosigkeit überkam mich, und ich nannte mich einen
elenden Feigling, gezögert zu haben, als ich schon so nahe am Styx
gestanden. Oh, wenn doch schon alle Qualen, alle Zweifel ein Ende hätten!
Wie ich mich nach der Zärtlichkeit Li Bais sehnte! Würde er auch als
Gatte mir so fremd bleiben? Wie schrecklich, wie schrecklich! Warum, warum
hatte ich »ja« gesagt? Aber da stieg wieder jene schreckliche Leidenszeit
in London vor mir auf und die Frage starb dahin im Herzen, bevor sie sich
noch recht geformt hatte.
Der prachtvoll gekleidete Bote überreichte unterdessen im Nebengemache
meiner Mama eine chinesische Rolle, auf der mit kunstvollen Zeichen
geschrieben war, was ich Mama schon früher erzählte, das darauf stehen
würde, nämlich, daß der dumme Vater seines noch dümmeren Sohnes nicht
selbst um die Braut kommen, um sie von meiner Mama hohen und ehrenvollen
Palast in seine niedrige Hütte zu führen, sondern lieber einen Boten
schicken wolle, der melden soll, daß alles zum Empfange der Braut bereit
sei. Der Brief, der auf rotem Papier geschrieben war, endete mit dem
Wunsche, daß Mama ein Alter von hundert Jahren erreichen und ihr
Geschlecht bis ins fünfte Glied gesegnet werden möge. Damit empfahl sich
von der großen Mama der dumme jüngere Bruder. Chinesische Höflichkeit!
Jetzt begannen sowohl Mama als Jenny, trotz aller meiner Bitten, sich
zu beherrschen, fürchterlich zu weinen und wollten mich immer und immer
wieder in die Arme schließen, wogegen sich die fünf Chinesinnen, meine
Ehrenjungfrauen, entschieden wehrten, so daß ich beständig hin und
her gerissen wurde. Zum Schlusse schob mich eine ehrwürdige chinesische
Matrone, die selbst schon viele Söhne ins Leben gesetzt hatte (denn nur
eine solche darf es tun), zur Tür hinaus und warf mir, bevor ich die
Schwelle überschritt, ein seidenes Tuch -- natürlich auch rot -- vor
das Gesicht und über den halben Kopf, auf daß niemand meine Züge sehen
sollte. Hierauf hob man mich in den engen Brautsessel, der auch ganz rot
verkleidet und reichlich mit Seide austapeziert war, schob die rotseidenen
Vorhänge zurück, versiegelte die Oeffnung mit einem kleinen roten
beschriebenen Papierstreifen, und erst als nirgends mehr ein neugieriger
Blick oder auch nur ein Lufthauch eindringen konnten, setzte sich der Zug
wieder in Bewegung. Ich im engen Stuhle, wo ich nur zusammengekauert sitzen
konnte, sah nichts und atmete schwer, ich vernahm nur das wilde Pochen
meines eigenen Herzens und fühlte nur eins: Das immer wiederkehrende
Flehen, daß Li Bai lieb gegen mich sein würde. Wie ich mich vor all dem
neuen fürchtete! Nicht nur vor der fernen Zukunft, sondern auch vor der
nahen, der ganz nahen! Ob Männer ahnen, wie unser Herz vor Angst klopft,
wenn wir unser Geschick auf ewig in ihre Hand legen? Ob sie wissen,
wie schrecklich die Furcht vor jedweder Brutalität uns die Kehle
zusammenschnürt? Ob sie rücksichtsvoller wären, wenn sie es wüßten?
Es gibt wohl einige, die es sind, doch ach, ihre Zahl ist so verschwindend
klein!
Jenny erzählte mir später, daß der Zug mit Musikanten begann, die auf
einer Art Trompeten die ohrenzerreißendsten Laute hervorbliesen, während
andere allerlei merkwürdige Instrumente bearbeiteten, die ganz gut
imstande waren, auch das widerstandsfähigste europäische Trommelfell
zu zersprengen; ihnen folgte eine lange Reihe von Fahnenträgern, die
auf Stöckchen rote Bänder mit allerlei glückverheißenden Aufschriften
trugen, welche sie erregt hin und her schwenkten und nicht wenig Lärm mit
ihren Zungen dazu machten. Hinter diesen kamen andere Chinesen, die farbige
Lampions trugen, was nach Jennys Angabe sehr hübsch aussah, fast wie unser
Fackelzug daheim. Die Lampions waren vorwiegend rot, doch fand man auch
andere Farben vor und alle hatten Sprüche darauf geschrieben, was die
Wirkung vom chinesischen Standpunkt aus sehr erhöhte. Eine Anzahl Chinesen
trugen große rotgemalte Schilder, auf denen in goldenen Buchstaben
allerlei Zitate von Konfuzius und anderen großen Denkern standen, oft auch
nur von Gelegenheitsdichtern geschrieben, die mit ihren Lobsprüchen den
Ehestand verherrlichten. Hie und da sah man auch einen Chinesen mit einer
Gans unter dem Arm -- das Symbol ehelicher Treue -- das sehr hochgehalten
wird. Es gibt also, wie man sieht, Länder, wo selbst eine Gans zu Ehren
kommt. --
Im Hause eines Mandarinen sind Gefängnisse, Gerichtssäle,
Gästeräumlichkeiten und schließlich die Privatwohnung beisammen
untergebracht und geschickt verteilt. Als wir endlich dieses Haus erreicht
hatten -- das sich schon von außen durch die Stufen, die zum Tore
hinaufführten, von den Häusern eines gewöhnlichen Sterblichen
unterscheidet und das auch drinnen, wenn man einmal die verschiedenen Höfe
und Pforten durchschritten hat und innerhalb der Mauer, die um so ein Haus
oder besser einen Häuserkomplex führt, sich großer Ausdehnung erfreut --
trug man mich samt meines Marterstuhles, in dem ich mehr tot als lebendig
hockte, durch eine Doppelreihe von Musikanten. Sie brachten nicht nur mich
zum Leben zurück, sondern sie hätten mit ihrem Lärm selbst die Toten aus
den Gräbern hervorzaubern können -- die Posaunen von Jericho mußten die
reinsten Aeolsharfen gegen die chinesischen Musikleistungen gewesen sein.
In der Vorhalle nahm Li Bai in Gegenwart aller Gäste feierlich die Siegel
ab, klopfte an den Brautstuhl und schlug die Seidenvorhänge zurück. Eine
chinesische Dienerin hob mich, noch immer mit dem »roten Fetzen«, wie ich
das Seidentuch, das mir jede Aussicht benahm, innerlich betitelte, vor dem
Gesicht, aus der Sänfte, lud mich geschickt, wie einen Lumpensack, auf den
breiten Rücken und humpelte mit mir so durch mehrere Räume, sprang sogar
über ein eigens zu diesem Zwecke entflammtes Holzkohlenfeuer, während
eine zweite Dienerin einen Napf Reis, einige Speisestäbchen und
Betelnüsse über mein sündiges Haupt hielt, was alles zusammen
Dauerhaftigkeit und Ueberfluß bedeuten soll.
Im nächsten Raume angekommen, durfte ich mein Tuch bis über die Lippen
heben um die »Vereinigungsbecher« roten Weines, die mit roten Bändern
verbunden und bis zu unserer Ankunft mit einem roten Tuch geheimnisvoll
umwunden waren, zu leeren. Kaum war dies geschehen, als man mich wieder
auflud -- Jennys Vergleich mit einem Kartoffelsack paßte auch in dieser
Hinsicht vortrefflich -- und mich in der großen Halle oder dem Haustempel
vor der Ahnentafel wieder ablud, damit Li Bai und ich einen tadellosen
Kotau vor den Vorfahren der berühmten Ming-Tse-Familie machen konnten.
Li Bai opferte ihnen Wein. Sobald dies geschehen war, war der eigentliche
Trauungsakt vorüber. Ich wurde wieder hochgenommen und durch eine Anzahl
Zimmer und über den breiten Garten -- so viel konnte ich trotz des
Tuches bemerken -- in unser künftiges Heim getragen. Hier setzte mich die
Chinesin auf das Bett, die Hochzeitsgäste und andere Besucher -- denn an
solchen Tagen ist ein chinesisches Haus von allen Leuten überlaufen, ja
selbst Bettler dringen ein, wenn man sich nicht früher mit einer großen
Summe abkauft -- stellten sich um mich, und Li Bai, der sich auf das zweite
Bett geschwungen hatte, nahm mir langsam das eklige Tuch vom Gesicht. Schon
nach einigen Augenblicken wünschte ich mir das Tuch lebhaft zurück, denn
nichts zu sehen war noch immer besser, als in alle diese neugierigen Augen
zu blicken, die mich feindselig betrachteten. Meine zukünftige -- nein,
jetzt schon meine wahre und unabschüttelbare Schwiegermutter -- besah mich
mit kritischen Blicken, denn in der Regel kennt sie die Schwiegertochter
schon vor der Ehe, prüft sie mit Rücksicht auf ihre Kenntnisse in feinen
Handarbeiten und im Gitarrespiel, wenn es sich um reiche Familien handelt.
Bei armen Familien kommt meist ihre Körperkraft in Betracht, da sie als
Lasttier dem künftigen Gatten und seiner ganzen Familie dienen soll, daher
wählt man oft eine Frau, die um einige Jahre älter als der Mann ist,
damit sie in jeder Weise den gestellten Ansprüchen entsprechen kann.
Hier war es nun ganz anders. Der Mandarin hatte alles erledigt und auch
erzählt, daß ich keine der chinesischen Tugenden, wohl aber nützliche
europäische Eigenschaften besäße, die ihrem Sohne zugute kommen
dürften, über die seine Gattin aber weder ein Urteil formen, noch
irgendwie Aufsicht halten konnte. Sie war eine kleine magere Frau mit
straff zurückgestrichenem Haar, das nur im Genick einen Knoten bildete,
und ich konnte nun leicht begreifen, warum Li Bai so klein und so zart war,
trotzdem sein Vater sich einer für einen Chinesen ungewöhnlichen Größe
erfreute. Li Bai war eben das Ebenbild seiner Mutter.
Alle Hochzeitsgäste besahen mich vom Scheitel bis zur Zehe, bis mir ganz
unwohl wurde und nur eins mir zur Beruhigung war -- nämlich, daß meine
geringen Kenntnisse des Chinesischen mich nicht in den Stand setzten, alles
zu verstehen, was um mich herum gesagt wurde, denn an diesem Tage hat jeder
Gast das Recht und selbst die Pflicht, seine Meinung so unumwunden als
möglich über die Braut auszusprechen und so viele anstößige Witze
über sie zu machen, als es überhaupt denkbar ist. Die Braut aber muß
unbeweglich sitzen, darf weder lachen noch weinen, noch sich vom Bette
wegrühren oder eine Miene verziehen. Sie sitzt unbeweglich auf dem Lager,
während alle sie betrachten wie etwa ein ausgestelltes Pferd, ein zu
verkaufender Hund, oder ähnliches. Vom Kopfende des Bettes flattern rote
Papierstreifen in Masse nieder. Auf einigen steht, so übersetzte mir Li
Bai später, »Von diesem Bette aus möge sich euer Stammbaum gründen«,
oder »Möget ihr mit Kindern reich gesegnet sein«, oder »Mögen Söhne
in reicher Zahl euch erfreuen« und andere, mit ähnlichen Worten und
gleicher Bedeutung, Sprüche, die mir gar keine Freude machten und deren
Nichterfüllung ich innig erhoffte und sehr wünschte.
Ein spanisches Sprichwort sagt: »Sei der Tag lang oder sei er kurz --
endlich erklingt dennoch das Aveläuten.« War der Tag mir auch länger als
alle erschienen, die ich bis jetzt durchleben mußte, so brach doch auch
der Abend an und damit nahm das Festessen seinen Anfang. Mama und
Jenny nahmen nicht teil -- das wäre wieder gegen die Sitten des Landes
gewesen --, und ich war wirklich froh darüber. Es war mir stets leichter,
eine unangenehme Lage, die sich nicht ändern ließ, allein zu überleben,
als andere zu Zuschauern zu haben, die es mir wahrscheinlich nur erschweren
würden die mühsam erkämpfte Fassung zu bewahren. Die Männer saßen in
einem Zimmer an einem Tische, die Frauen alle in einem anderen Raume auch
an einem Tische, und alle bedienten sich der gebenedeiten Stäbchen, mit
denen ich noch immer nicht ordentlich umgehen konnte. Die niederen Sitze,
die merkwürdigen Gefäße und merkwürdigeren Speisen, die meiner
Ansicht nach aus zusammengeschnittenen Katzen, Hunden und Ratten bestanden
(natürlich nur Einbildung, denn wir hatten Hühner und ähnliches
Geflügel klein zerschnitten), die komischen Eßwerkzeuge und das
ununterbrochene Geschnatter in einer mir fast ganz fremden Sprache -- alles
machte mich glauben, daß ich mich unter wilden Menschen befand. Appetit
hatte ich keinen -- und aus guten Gründen -- und daher störte mich der
Gebrauch der Stäbchen nicht. Ich mischte und mischte in der Schale herum
und schien von allem zu essen, in Wirklichkeit kamen nur ein paar Bissen
über meine Lippen und nur dem Tee huldigte ich, da er mich erfrischte.
Sprechen konnte ich mit keinem Menschen und das erwartete scheinbar auch
niemand von mir. So saß ich an der Tafel, eine traurige, kleine rote
Seidenfigur, auf die alle Augen unablässig neugierig gerichtet waren,
und hoffte, daß die Mahlzeit doch endlich aufhören würde. Ich dachte an
Mama, an Jenny, an mein Vaterland, an meine Vergangenheit und wohl meist
an Li Bai, aber Tröstliches leuchtete mir nicht aus allen diesen Gedanken
entgegen. Jede Minute machte mich nervöser, je mehr der Abend vorrückte,
um so weniger wünschte ich Li Bai zu sehen. Schließlich bedeutete sein
Kommen meinen Fall vom Regen unter die Traufe oder von der Pfanne in das
Feuer. Ich fühlte nur ein brennendes Verlangen, mich flach auf den Boden
zu werfen und zu weinen -- zu weinen -- wie ich es seit London nicht mehr
getan hatte.
Als die Suppe eingenommen worden war -- damit hört eine chinesische
Mahlzeit ebenso sicher auf, als eine europäische damit beginnt, und
nachdem große Bowlen Reis und unzählige Schüsseln voll Herrlichkeiten
in die Mägen der Anwesenden hinabgewandert waren --, wurde ich wieder
zurück in das Brautgemach geführt, wo Li Bai mich begrüßte. Ich hätte
ohnmächtig werden können, wenn ich überhaupt imstande gewesen wäre
noch etwas zu tun, aber ich fühlte mich nicht mehr -- ich war wie eine
Wachspuppe, die sich bewegt, in der aber kein Leben ist.
Li Bai schickte alle Gäste fort -- eigentlich sollen die jungen Gatten
erst in der dritten Nacht allein gelassen werden, aber dagegen hielt
sich Li Bai auf --, kam auf mich, die ich wie ein Häufchen Unglück am
äußersten Bettrand zusammengekauert und stumm saß, zu und küßte mich
zum erstenmal auf die Lippen.
»War es sehr schlimm, Käthe, so zu sitzen?« fragte er freundlich. »Du
bist sehr brav und tapfer gewesen!«
»Nein, nicht so sehr,« erwiderte ich und fühlte, daß etwas in mir zu
tauen begann, denn seine Zärtlichkeit tat mir in diesem Augenblicke wohler
als meine Feder es je beschreiben könnte.
Er nahm mir langsam den schweren Brautschmuck ab, strich liebkosend mit der
Hand über meine Wange und küßte mich mehrmals, was mich bald die Leiden
der vergangenen Stunden und all die bitteren Zweifel vergessen ließ.
Vielleicht würde ich dennoch glücklich werden. Ich faßte den festen
Entschluß, meinem Gatten in jeder Weise entgegenzukommen und obschon ich
auch in diesem Augenblick keineswegs seine Wünsche teilte, ließ ich es
doch ruhig geschehen, daß er mir half, aus den unbequemen chinesischen
Kleidern zu schlüpfen, wenngleich sie mir plötzlich gar nicht mehr
unbequem schienen. So ändern sich je nach den Umständen unsere
Anschauungen.
Von der Decke hingen unzählige Lampions nieder, die über das ganze Gemach
ein rötliches Licht ergossen. Eines nach dem anderen wurde von Li Bai
vorsichtig ausgelöscht, bis nur ein kleines Lämpchen in der östlichen
Zimmerecke brannte.
Li Bai legte seine Arme zärtlich um mich, küßte mich (er hatte wirklich
diese Kunst, wenn man die kurze Uebungszeit in Betracht zieht, ganz
unglaublich gut erlernt) und sagte lächelnd:
»Ein Licht muß im Schlafgemach zweier Gatten immer brennen, das ist
chinesische Sitte. Es stört dich doch nicht?« fragte er.
»O nein,« erwiderte ich, mich an ihn schmiegend, »aber warum verlangt
die Sitte es so?«
»Damit die Kinder alle sehend auf die Welt kommen -- wenn kein Licht
brennt, werden sie blind geboren.«
Obschon wir in Europa dies nicht glauben, fügte ich mich willig. Von jetzt
an war ich wirklich eine -- Chinesin.
[Illustration:
A. F. Seebacher]
Wie heilt sich ein verlassen Herz,
Der dunkeln Schwermut Beute?
Mit Becher-Rundgeläute?
Mit bittrem Spott? Mit frevlem Scherz?
Nein, mit ein bißchen Freude.
C. F. Meyer.
XIV.
Am nächsten Morgen mußte ich mich wieder in chinesische Kleider kleiden,
diesmal in dunkelblau, wenn ich mich recht erinnere, die wieder reich mit
Gold gestickt waren, und deren Farbe, glaube ich, ein Sinnbild ehelicher
Tugend sein sollte.
Jenny hatte rotgeweinte Augen und nicht nur ihre Guckerchen und ihr
Gesicht, nein, ihre ganze graziöse Gestalt war ein verkörpertes
Fragezeichen an mich. Ich lächelte ihr beruhigend zu -- es mag wohl auch
nicht sonderlich angenehm sein, einen Europäer zu heiraten und Li Bai
war recht nett gegen mich gewesen, eine Klage wäre daher unbegründet
erschienen.
Die Festlichkeiten nahmen ihren Fortgang. Masken betraten das Haus, um die
Braut mit ihrem schrecklichen Aussehen erfolgreich durch das ganze große
Haus zu jagen, hier, wo man fünfundsechzig Zimmer hatte, die alle zur
Feier des Tages offen standen, wahrlich keine Kleinigkeit, um so mehr,
als ich mich wahrlich nicht zum Laufen aufgelegt fühlte. Aber irgendwie
entging ich ihnen doch und da ich unter Diwanen verschwand und mich gegen
Kasten aller Arten drückte, fanden sie es amüsanter, die europäisch
gekleidete Jenny zu verfolgen, die wie ein Wiesel vor ihnen herflog und
schrie -- schrie --, daß selbst chinesische Ohren davon befriedigt werden
mußten, wie sehr sie sich auch nach Lärm sehnen. Der Mandarin erschien
zufällig auf der Schwelle und lachte wirklich herzlich, als er Jenny so
wild schreiend durch den Garten galoppieren sah. Endlich kam ihr Chung-Fu,
mein Schwager, zu Hilfe, in dessen Arme sie plötzlich lief -- was, wie sie
mir nachher anvertraute, noch viel schlimmer war, als vor den schrecklichen
Masken laufen zu müssen.
»Glaubst du, Käthe,« fragte sie, indem sie sich an mich schmiegte,
»daß -- der Doktor -- dies -- dies -- als unpassend betrachten würde?«
»Meine liebe Jenny,« erwiderte ich und setzte eine unergründliche Miene
auf, »kommt es dir nicht selbst treulos vor gegen den armen Doktor, der
deine blonde Locke immer in der Brieftasche nahe an seinem nur für dich
schlagenden Herzen trägt, daß du dich so mir nichts dir nichts einem
Chinesen an den Hals wirfst?«
In Jennys Gesichtchen wetterleuchtete es bedenklich.
»Aber Käthe -- ich -- ich -- bin ihm ja nicht -- gar nicht -- absichtlich
in die Arme gelaufen -- und -- und es war so -- so schrecklich!« sagte sie
ganz verzagt und stotternd.
»Mach' dir nichts daraus, Jenny,« entgegnete ich munter und sah sie
schelmisch von der Seite an. »Der Doktor wird es mit der Treue wohl auch
nicht so genau nehmen und trotz der blonden Locke noch andere Mädchen an
sein Herz drücken.«