»Jennychen,« sagte ich weich, »das Glück ist ein individueller Begriff,

und vielleicht habe ich es nicht in mir, so himmelanstürmend glücklich

zu sein. Ich prüfe immer, ich ahne immer mehr hinter den Worten, als sie

wirklich ausdrücken, möglicherweise auszudrücken bestimmt sind, aber ich

habe ja selbst diese Ehe gewollt und --«, ich zwang mich, meiner Stimme

einen heiteren Klang zu geben, »du weißt, daß des Menschen Wille sein

Himmelreich ist.«

Eine Weile saßen wir schweigend da und hielten uns fest umschlungen. Ach,

wenn ich meine Schwester immer, immer so nahe gehabt hätte!

»Möchtest du nicht einige Monate bei mir bleiben?« fragte ich. »Im

Februar geht der Gesandte nach Europa zurück, und er versprach mir, dich

mitzunehmen, falls Mama nun allein reisen würde. Nein, nicht allein,«

fügte ich hinzu, als ich Jennys Zögern sah, »sondern mit Herrn Frise,

der in fünf Wochen wieder nach Europa in geschäftlicher Angelegenheit

reist.«

»Würde mein Bleiben dir ein Trost sein, Käthe? Du bist ja jung

verheiratet dann und in den Flitterwochen.«

»Ja,« erwiderte ich gepreßt. »Weißt du, Jenny, chinesische

Flitterwochen dürften nicht so -- süß sein, daß -- -- daß deine

Gegenwart störend wirken würde -- -- aber Jenny, zieht dich vielleicht

der Doktor? Wenn, so will ich dich nicht halten, dein Glück geht allem

voran.«

»Jenny wird bei dir bleiben,« sagte sie und sprach von sich wie ein

kleines Kind in der dritten Person, indem sie ihr blondes Köpfchen an

meine Schulter legte. »Der Doktor,« fuhr sie zögernd fort, »hat meine

Haarlocke.«

Wir lachten beide, da wir beide uns augenblicklich bewußt waren, daß der

arme Doktor nur wenig Trost aus einer Locke, und sei sie noch so schön,

ziehen würde. Ich aber sehnte mich so sehr, wenigstens während der ersten

Zeit jemanden aus meiner Heimat bei mir zu haben, daß ich Jenny nicht gern

hätte reisen lassen. Auch dachte ich mir, daß es dem Kinde nicht schaden

würde, etwas mehr von der Welt zu sehen, bevor sie sich für immer an

den Doktor band, zu dem sie wie eine niedrige Sklavin zu ihrem Herrn und

Gebieter aufschaute, was mir, die ich die Männer kannte, nicht gefiel. Die

besten von ihnen sind herzlose Egoisten, die schlechtesten -- =least said,

soonest mended=!

Endlich hielt der Zug in Tientsin, dem Hafen Pekings, der berühmten

Manufakturstadt, die wie ein Marmeladefleck auf einem riesigen Pfannkuchen

dalag. Li Bai war da, um uns zu begrüßen und uns in das Haus eines

Chinesen zu bringen, wo wir wohnen sollten, bis wir in das Haus des

Mandarins übersiedelten, der stets über eine Anzahl Fremdenzimmer

verfügte. Bis zur Trauung sollten wir indessen in dem genannten Hause

bleiben.

Kaum hatten wir uns gewaschen und uns von der zweistündigen Fahrt etwas

erholt, so kleideten wir uns in unsere besten europäischen Toiletten und

bereiteten uns vor, dem gefürchteten Mandarin in seinem Bankkontor

unsere Aufwartung zu machen. Li Bai, ebenfalls in tadelloser europäischer

Kleidung, begleitete uns durch die Straßen Tientsins, das so gar nicht den

Eindruck einer chinesischen Stadt machte. Da fuhren elektrische Wagen auf

und ab, Telegraphendrähte spannten sich von einen Stange zur andern, die

Häuser, in diesem Teile wenigstens, waren nach europäischem Muster

gebaut und wiesen alle mehrere Stockwerke auf. Wir passierten den

großen deutschen Klub, den wir am folgenden Tage besuchten, und wo man

ausgezeichnetes Bier und unsere Würstel, die geliebten Würstel erhalten

kann. Große Gärten, die jetzt allerdings öde dalagen, erstreckten sich

vor vielen Bauten und alles machte einen freundlichen Eindruck, ganz anders

als das schmutzige Peking, wenn auch hier die Reinlichkeit noch nicht ihren

Höhepunkt erreicht hatte.

Wir durchkreuzten einige kleine Gassen, die sogleich das chinesische

Gepräge trugen, sowohl was Reinlichkeit als auch Bauart und Geruch

anbelangt. Aus manchen ebenerdigen Fenstern hingen Kinder. Man hatte

ihnen eine Art Gängelband unter die Arme befestigt, so daß sie nun frei

heraushingen, vieles sehen und sich nicht wehtun konnten. Nach unseren

Ideen muß so ein aus dem Fensterhängen nicht sehr angenehm sein, aber Li

Bai versicherte mir, daß alle ärmeren Chinesinnen ihre Kinder so vor

dem Ueberfahrenwerden bewahrten, da sie nicht Zeit hatten, auf die Kleinen

unausgesetzt achtzugeben. Das erinnerte mich an Japan, wo man den Kindern,

wie bei uns den Hunden, ein Halsband mit Namen und Adresse umgibt, so daß

das verlorene Kind früher oder später, tot oder lebendig, an den Besitzer

zurückgelangt.

Wieder in eine breitere Gasse einbiegend und uns, so gut es ging, vor dem

schaurigen Nordostwind schützend, indem wir uns immer fester in unsere

Mäntel und Pelze hüllten, standen wir endlich vor einem Gebäude, auf

dem auf englisch: »=United Oriental and Tientsin Bank=« mit großen

Buchstaben geschrieben stand. Li Bai öffnete die Tür und ließ uns

eintreten. Die Schwelle zum gefürchteten Mandarin, dem Bankdirektor und

zukünftigen Schwiegervater, war überschritten.

[Illustration:

A. F. Seebacher]

=Jeg har drevet omkring uden Maal, uden Med,

Livets Guldkorn jeg spredte som Sand,

Jeg har tilsat min Tro, jeg har mistet min Fred,

Og nu staar jeg ved Afgrundens Rand.=

=Vilhelm Bergsöe.=

XII.

Ein chinesischer Schreiber machte eine tiefe Verbeugung vor Mama und eine

weniger tiefe vor Jenny und mir, öffnete eine kleine Tür im Hintergrund,

meldete uns auf chinesisch und trat dann zurück, um uns in das

Allerheiligste eintreten zu lassen. Ich merkte, daß Jenny ganz blaß wurde

und ich muß einräumen, daß mein Herz mir gleichfalls in die Schuhe

sank -- auch aus meinem Gesicht schien alle Farbe gewichen zu sein und am

liebsten wäre ich auf den Boden gesunken.

Uns entgegen trat ein hoher, breitschulteriger Chinese in kaftanähnlicher

Kleidung und mit allen äußeren Abzeichen eines hochstehenden Mandarins

-- die gestickte Seidenkleidung, die breite Schärpe, die funkelnden blauen

Knöpfe -- und bot Mama auf europäische Weise die Hand, indem er sie

gleichzeitig aufforderte, Platz zu nehmen. Jenny verbeugte sich tief und

trat augenblicklich zurück, um mich vorzulassen.

Li Bai legte seine zarte Hand auf meinen Arm und sagte seinem Vater

in seiner Sprache, wer und was die kleine Mädchengestalt vor ihm war,

während ich wie ein altes Taschenmesser zusammenknickte und bei

meiner Verbeugung, teils aus Ehrfurcht, teils aus Furcht, mit meinem

Gesichtsvorsprung beinahe die Erde abwischte.

Als ich wieder auftauchte, das heißt, nach der tiefen Verbeugung meine

verwunderten Augen zum erstenmal zum großen Mandarin aufschlug, von dem

ich die unbestimmte Meinung hatte, daß er mir sofort den Kopf abschneiden

lassen könnte, wenn er es nur wollte, bemerkte ich, daß der Schatten

eines Lächelns über sein Gesicht huschte.

Er reichte mir ebenfalls die Hand zum Gruße, was ich eigentlich gar nicht

erwartet hatte, und während ich zum zweitenmal eine mißglückte Art von

Kotau oder chinesischer Festverbeugung machte, sagte der Mandarin in

einer über Erwarten angenehmen Stimme, wenn er auch nur sehr langsam und

vorsichtig englisch sprach (denn deutsch sprach er gar nicht):

»Das also ist die Braut meines Sohnes Li Bai, seine vorherige Lehrerin?«

Ich bejahte und verbeugte mich heldenmütig zum drittenmal, worauf

der Mandarin mich selbst zu einem Stuhl geleitete und mich mit einer

Handbewegung einlud, mich zu setzen, was ich mit meinen zitternden Beinen

nur allzu gern tat.

»Wollen Sie meinem Sohn auch weiter helfen, damit er nach, sagen wir

Jahresfrist, nach Europa zurückkehren und die höheren Prüfungen machen

kann?«

»Ich werde stets mein Bestes tun,« versicherte ich, und dann nahm ich

meinen gesamten Mut in beide Hände, denn ich sagte mir mit Recht, daß ich

mir meine Stellung jetzt sichern mußte, wenn dies überhaupt je geschehen

sollte, und sagte mit der weichsten Stimme und im bescheidensten Tone,

den ich hervorbringen konnte, aber nichtsdestoweniger mit einer gewissen

Festigkeit in beiden:

»Ich spreche und schreibe viele europäische Sprachen, Herr Ming Tse, und

ich würde sehr glücklich sein, wenn ich während einiger Tagesstunden in

der Bank als Korrespondent arbeiten dürfte. In London schon hatte ich

viel Uebung in dieser Art Arbeit und ich hoffe mit der Zeit auch Sie, Herr

Bankdirektor, zufriedenzustellen.«

Die strengen Augen in dem regungs- und ausdruckslosen Gesichte waren scharf

und unbewegt auf mich gerichtet, wenn sie auch, ganz wie beim Sohne, von

den Lidern halb verborgen waren.

»Schon der Unterricht Li Bais wird viel Zeit in Anspruch nehmen,«

erwiderte der Mandarin, aber da ich ihn unverwandt bittend ansah, fügte er

hinzu:

»Ich freue mich, zu sehen, daß Sie über ein so reiches Wissen verfügen

und werde mich dessen erinnern, sooft ich Ihrer freundlichen Hilfe

bedürfen werde.«

Es war nicht viel, was ich erreicht hatte, aber etwas war doch geschehen.

Li Bai war sehr unzufrieden, und schon als sein Vater von einer möglichen

Rückkehr nach Europa, mehr noch, als er von den Studien sprach (er wollte

um jeden Preis, daß Li Bai das Doktorat in moderner Philologie abgelegt

hätte), war meines Verlobten Gesicht so lang wie eine Essiggurke und so

sauer, wie eine solche geworden, und als ich nun geendigt hatte, begann er

dem Vater auf chinesisch etwas vorzureden, jedenfalls eine Weigerung, mich

ausgehen zu lassen. Aber der Mandarin war nicht umsonst Mandarin und Vater

mit unumschränkter Macht -- er befahl ihm, so schloß ich nämlich aus den

strengen Mienen des einen und den unzufriedenen des anderen -- energisch

still zu sein und setzte sich sodann Mama gegenüber, mit der er die

Uebergabe der Dokumente und andere Formalitäten besprach, was lange Zeit

dauerte.

Bei chinesischen Heiraten werden alle Einzelheiten immer durch einen

Zwischenträger ausgemacht, die nötigen Geschenke werden bestimmt und

eine bessere Art Kaufvertrag wird aufgesetzt, während der Zauberer den

passenden Tag bestimmt. Ist dieser Vertrag einmal abgeschlossen, so ist

eine Lösung der Verlobung nicht mehr möglich -- es muß erst geheiratet

werden, bevor eine Scheidung in Kraft treten kann, daher bricht man einen

solchen Kontrakt nie. Hier lagen die Verhältnisse allerdings anders, aber

nach den neuen Gesetzen mußte ein genauer Vertrag aufgesetzt werden, den

beide Elternpaare unterschreiben mußten und in dem nicht nur das Vermögen

beider Teile festgesetzt wurde, sondern auch bestimmt, was für Strafen

für dieses oder jenes Vergehen des einen oder des anderen Teils bestimmt

werden sollen -- auch Bestimmungen mit Bezug auf das Vermögen im Falle

einer Scheidung, Teilung der Kinder usw. und auch, wie oft mein künftiger

Gatte mir gestatten mußte, heim nach Europa zu reisen und die Fahrt zu

zahlen und auch, auf wie lange Zeit ich ihn verlassen durfte, ob und wie

viele Kinder ich mitnehmen sollte und vieles andere. Alle drei Jahre sollte

ich drei Monate lang bei meiner Mutter oder Schwester in Europa weilen

dürfen, das wurde bestimmt. Die anderen Punkte überließ ich ganz Mama zu

bestimmen, da wir alles schon vorher gründlich erörtert hatten.

Als der Tag zur Ueberreichung und Unterschreibung des Dokuments vor

dem chinesischen Magistrat (auch eigentlich eines Mandarins) und der

Eheschließung am gleichen Tage vor dem deutschen Konsulat bestimmt worden

war, trat der Mandarin noch einmal vor mich hin und sagte langsam und

feierlich:

»Mein Sohn ist Chinese und seine Mutter wie auch er selbst würde gerne,

daß die Trauung, wenngleich mit einer Europäerin, doch nach chinesischer

Sitte gefeiert werden möge. Wollen Sie sich darin den Sitten unseres

Landes fügen?« Die Frage war leidenschaftslos gestellt, aber schien mehr

einen Befehl als eine Bitte zu enthalten.

Ich stimmte sofort zu. Warum sollte ich mich weigern, Li Bai und meiner

zukünftigen Schwiegermutter diesen Gefallen zu tun? Mein Herz klopfte

nicht wonnig beglückt, wie das einer europäischen Braut, die im weißen

Gewande und mit Myrthenkranz und Schleier in eine frohe Zukunft blickt

-- ich hoffte nur Friede, nur ein wenig Freude und Rettung vor der

schreckvollen, graueneinflößenden Einsamkeit. Ich würde mein Bestes tun,

mich ganz wie eine Chinesin an diesem Tage zu benehmen, ob ich mich wohl

dabei fühlte oder nicht. Dies würde Li Bai gewiß mild stimmen und ihn

vielleicht zärtlich gegen mich machen, und danach fühlte ich plötzlich

einen brennenden Wunsch. Wenn mich in allen diesen Zweifeln und Bangen doch

jemand, der mich selbstlos oder meinetwegen selbst selbstsüchtig liebte,

in die Arme genommen hätte! Ich kam mir so furchtbar verlassen und

schutzbedürftig vor.

Es war zuerst -- als ich noch in Europa war -- festgesetzt worden, daß Li

Bai und ich einen Haushalt nach europäischem Muster haben und nicht

mit der ganzen Familie zusammen wohnen würden, aber nun sagte mir der

Mandarin, daß es so furchtbar schwer gewesen sei, eine passende Wohnung zu

finden, daß er es für ratsam halte, mich zu bitten, auch eines der für

die verheirateten Söhne bestimmten Häuschen zu beziehen, da ich mich

weder um die Küche noch um sonst etwas zu kümmern haben würde -- alles

würde für mich gemacht werden.

Ich war betroffen, da ich mich immer geweigert hatte, unter demselben Dache

-- und sei es noch so groß -- wie meine gelbe Schwiegermutter zu wohnen,

aber nachdem mich Li Bai mit Bitten bestürmte und mir versicherte, daß

wir ganz abgesondert leben würden, ganz genau wie draußen, und daß er

so gern bei seiner Mutter bliebe, daß es sich ja nur um die Wintermonate

handle und wir im Sommer gewiß eine eigene Wohnung haben würden und bald

wieder nach Europa gingen usw., wie eben ein Mann, der etwas erreichen

will, reden und überreden kann, so sagte ich endlich, wenn auch gegen

meinen Willen und gegen meine innere Ueberzeugung »ja und Amen«, das

Einzige, was mir zu sagen übrig blieb.

Daraufhin bat ich den gestrengen Schwiegervater noch einmal höflich, meine

Sprachkenntnisse nicht zu vergessen und über mich zu verfügen, tauchte

noch einmal ehrfurchtsvoll unter, um nicht europäisch unhöflich zu

erscheinen, und als dies geschehen, gingen wir. Ohne es zu wissen, hatte

ich mir den schwer einzunehmenden Mandarin zum Freunde gemacht. Es sollte

eine Zeit kommen, wo ich dies sehr, sehr angenehm empfinden würde.

Meine Schwiegermutter sollte ich erst am Tage der Eheschließung

kennenlernen, nur mein Bild und die Beschreibung des Mandarins gaben ihr

einen schwachen Begriff von dem Geschöpf, das nun ihren Sohn beeinflussen

würde, denn fürchtete ich den Einfluß der Schwiegermama -- des

gefürchtetsten aller Tiger -- so war auch sie nicht ohne Furcht vor der

verhaßten Europäerin.

Wie die nächsten zwei Wochen vergingen, kann ich kaum sagen. Mir schien

es, als sei alles nur ein böser Traum, aus dem ich erwachen mußte, sei

es, um mich in liebenden Armen weich beschützt zu finden, sei es, um mich

von schlitzäugigen Furien verfolgt zu sehen -- eins nur fühlte ich, daß

ich vor der Pforte stand, die in ein neues Reich führte, und daß die

Pforte merkwürdig verschnörkelt und sehr fremdartig war.

Wir wanderten die ganze Zeit in den Gassen von Tientsin umher. Mama und

Jenny machten allerlei Einkäufe, wobei uns erfahrene Europäer sehr

liebenswürdig an die Hand gingen. Wir besuchten den großen Park, der nun

öde im Winterkleid vor uns lag, besuchten die großen Warenhäuser, zu

denen riesige Fahrzeuge während acht Monaten des Jahres Waren von

ganz China und von vielen anderen Erdteilen brachten, studierten die

orientalische Kunst in Tempeln mit schrecklichen Götzenbildern (es ist

eigentümlich, welche Vorliebe die Asiaten für graueneinflößende

Gebilde haben, denen man überall begegnet), in Kunstgeschäften und in

den Häusern solcher Europäer, die wir kannten und die große Sammlungen

solcher Bilder hatten. Eigentümlich ist bei allen Bildern der Mangel

jedweden Schattens und jedweder Perspektive. Ein Mann ist größer als das

unmittelbar danebenstehende Haus, ein Baum ist kleiner als ein Pferd, und

alle Personen, Tiere und Sachen haben, wie einst Peter Schlehmil, ihren

Schatten verkauft -- oder so scheint es. Einzig in ihrer Art sind die

Porzellanmalereien, bei denen man diesen Mangel nicht fühlt. Die Farben

sind großartig gewählt und die Feinheit der Arbeit unnachahmlich,

besonders schön aber sind alle Elfenbeinschnitzereien und Papierrollen mit

chinesischen Zeichen.

Wir gingen auch in eine Seidenspinnerei. Die chinesischen Seidenraupen

sind viel größer als die europäischen und werden auch in vielen

Privathäusern gehalten und gezüchtet. Man spannt ein großes Stück

Papier von der Form eines Tischtuches auf ein Brett und setzt sodann die

Seidenraupen an beide Enden, die nun über das Papier hinkriechen und ihre

dicken leuchtenden Fäden ziehen. Die chinesische Seide ist viel dicker,

widerstandsfähiger und schöner als die europäische und wird dort, so

wie bei uns Wollstoffe, für alle Kleider verwendet. Mama und Jenny waren

entzückt davon und kauften eine ganze Menge Seidenstoffe ein, obschon ich

ihnen sagte, daß sie furchtbar hohen Zoll dafür bezahlen würden.

Auch auf mich machte all das Neue und Schöne einen angenehmen Eindruck,

aber ich war zu geschwächt, um mich wirklich dem Genuß alles dessen

hingeben zu können. Auch hatte ich meine vorige Genußfähigkeit in hohem

Grade eingebüßt -- ich konnte nicht mehr so froh sein, als mir dies

früher möglich gewesen. Wer einmal die Tore des Todes sich hat öffnen

sehen -- noch dazu aus eigenem Antriebe -- wer sich ihnen bewußt

Schritt auf Schritt genähert hat, wem sie dunkel und schaurig wochenlang

entgegensahen, dem scheint der Rest des Lebens ein Geschenk, er lebt

nicht mehr als Schauspieler auf der Bühne des Lebens, wo alles entweder

Tragödie oder Komödie, doch in den meisten Fällen Tragikomödie ist,

sondern nur mehr als Zuschauer, für den das Leben noch Interesse, aber

nicht mehr das tätige Interesse hat. Er bleibt -- weil er nicht gehen

kann, aber im Innern ist eine Saite jäh zerrissen.

Ich hatte einsehen gelernt, daß der Begriff »Zeit« eine Illusion ist,

daß eine Qual nur deshalb so unerträglich scheint, weil wir in unserer

Beschränktheit nicht ihr Ende sehen können, weil sie uns »ewig« dünkt

und wir glauben, daß wir »nie« über sie hinwegkommen werden. Aber wenn

wir gelernt haben, daß es nur gilt, dem »Heute« aus dem Wege zu gehen,

gut oder schlecht durch die Gegenwart zu gleiten, so sind Zukunft und

Vergangenheit besiegt. Wenn es uns nur gelingt, die augenblickliche Pein zu

dämpfen oder ihr aus dem Wege zu gehen, so ist alles gewonnen. Morgen ist

nicht mehr heute und was heute unabwendbar und unveränderlich erscheint,

hat morgen schon eine Wendung der Umstände uns aus dem Wege geräumt. Die

Schwierigkeit des Lebens liegt im Erträglichmachen und Umgehen des

Heute. In diesen zwei Wochen lebte ich nicht -- ich ließ das Leben an mir

vorübergleiten und daher brachte es keine neuen Aufregungen mit sich.

Mama war sehr zufrieden -- Chinese oder nicht Chinese -- so war Li Bai

doch ein reicher Mann, eine »Partie« wie man bei uns sagt, sein Vater

Mandarin, Bankdirektor und einflußreich in Tientsin und über diese große

Stadt hinaus. Was wäre da noch weiter zu bedenken? Ob ich glücklich sein

werde? I, du Himmel, das hängt von mir ab, nicht von den Müttern. Daß

ich so weit entfernt sein werde? Was tut's? Die Verwandten werden sich

dennoch über meine Verheiratung ärgern und das genügt Mama. Jenny war

zu jung, zu leichtsinnig, zu unerfahren, um sich über mein künftiges

Schicksal den Kopf zu zerbrechen. Ich war mit dreizehn Jahren fühlendes,

urteilendes Weib gewesen, meine Schwester würde mit vierundzwanzig

möglicherweise auch noch »Kind« sein. Daher lachte Jenny den ganzen

Tag und Mama sah überaus glücklich aus. Ich war ruhig -- weder froh noch

traurig -- ich schwieg und ich -- lebte.

Es ist beklagenswert, daß Mütter auch in Europa geradeso unempfindlich

gegen das Geschick ihrer Kinder in einer Ehe sind, wie die phlegmatischen

Asiaten, die auf ein Mädchen als unnütze Last herabsehen. Europäerinnen,

die in den eleganten Salons und beim =five o'clock=-Tee die Hartherzigkeit

der gelben »Barbaren« so streng verurteilen, gehen oft heim und tun

desgleichen. Sie verhandeln ihr Kind an reiche Männer oder solche, die

Titel und Würden aufweisen können und die sonst den Eindruck machen, als

habe sie der Tod vergessen -- alt, häßlich, lasterhaft, brummig und krank

-- und reden dem ahnungslosen jungen Dinge vor, daß es sich »die Hände

oder wenigstens die Finger ablecken muß« eine so gute Partie gemacht zu

haben. Sie zwingen mit Drohungen und Versprechen das junge Mädchen in eine

solche Ehe und tun dann hocherstaunt, wenn dasselbe sich tief unglücklich

fühlt. Sie sprechen unter Umständen noch von »schreiendem Undank«,

wenn die junge Frau, die zu spät die volle Bedeutung des Begriffs »Ehe«

kennengelernt hat, fühlt, daß die ihr auferzwungene Pflicht über

ihre Kräfte geht, und das einzige Mittel ergreift, das ihr in der Regel

offensteht, mit einem jüngeren Manne zu fliehen oder sich mindestens

mit ihm neben dem reichen Gatten zu trösten, was die Mütter viel milder

beurteilen als die Flucht. Bleibt das Geld auf diese Weise doch erhalten!

Und das nennt man »europäische Kultur«. --

Die Vorbereitungen hatten etwas über zwei Wochen Zeit in Anspruch genommen

-- das allermeiste war schon vorher schriftlich erledigt worden, und nun

hatten Mama und der Mandarin täglich Konferenzen über die Ausstattung des

künftigen Heims, das halb chinesisch, halb europäisch eingerichtet

werden sollte, über die Mitgift und ihre Verwaltung, über die

Hochzeitsfeierlichkeiten usw.

Der Zauberer hatte den dritten November als den passendsten Tag für unsere

Verbindung festgesetzt, und alle hatten sich damit einverstanden erklärt.

Morgen sollte ich von chinesischen Mädchen in chinesische Roben gesteckt

und in den Brautsessel gehoben werden, der mich in feierlichem Umzug zum

Hause meiner Schwiegereltern zu bringen bestimmt war. Die europäische

Eheschließung sollte jedoch schon in den Vormittagsstunden in

europäischer Tracht auf dem Konsulate vollzogen werden.

Ich sah Li Bai nur auf Augenblicke in allen diesen Tagen, da er bis über

den Kopf in Hochzeitsvorbereitungen steckte. Trafen wir uns endlich, war er

so höflich und so -- zurückhaltend wie immer.

Und die Stunden verflossen und das gefürchtete »morgen« wurde »heute«.

[Illustration:

A. F. Seebacher]

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,

Ob sich das Herz zum Herzen findet.

Schiller.

XIII.

Seit Mitternacht schon pfiff der Nordwind um das Haus und fuhr heulend

und klagend um die Ecken, der anbrechende Tag brachte Regen und endlich

Schneegestöber mit sich, und wie warm wir uns auch in unsere Mäntel auf

der Fahrt zum Konsulat hüllten, zitterte ich doch, teils vor Aufregung,

teils vor Kälte so sehr, daß ich nicht ein Wort der Begrüßung an Li

Bai richten konnte, der bitterböse aussah und scheinbar auch nur bei einem

Ofen zu sitzen wünschte.

Die kalte Begrüßung, der dunkle Himmel, der heulende Sturm und unsere

triefenden Gewänder wirkten vereint dergestalt auf mich ein, daß ich

ohnmächtig wurde, was den einen Vorteil mit sich führte, daß alle, auch

Li Bai, sehr lieb gegen mich waren, als ich endlich die Besinnung wieder

gewann.

»Du wirst sehen, wie schön es ist, verheiratet zu sein,« flüsterte Li

Bai mir zu, als Jenny und auch Mama mit dem Konsul sprachen.

Ich hatte zwar gerade in dem Augenblick die allergrößten Zweifel

bezüglich der Schönheiten oder Annehmlichkeiten einer Ehe, aber ich war

froh, daß er froh war -- eine Fröhlichkeit deckte die andere -- und

so lächelte ich ihm beruhigend zu und versicherte, mich wohl genug zu

fühlen, um den Kontrakt zu unterschreiben.

»Nachmittags darfst du nicht ohnmächtig werden,« sagte er noch, als er

mir aufhalf, »das ist gegen die chinesische Sitte.«

Ich versprach ihm, alles aufzubieten, um nicht gegen die chinesische Sitte

zu verstoßen und dadurch beruhigt, geleitete er mich an den Tisch, und die

Trauung oder wenigstens die Eheschließung, da jeglicher kirchliche Segen

fehlte, wurde vollzogen.

Li Bai half uns freundlich in den Wagen, bat mich, nicht aufgeregt zu sein

und kehrte hierauf in sein Heim zurück, um mich daselbst zu erwarten und

feierlich zu empfangen. Nach unseren Gesetzen war ich nun Käthe Ming Tse.

Mir deuchte fast, als wäre ich selbst eine andere geworden.

Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman · 第 9 / 15 段