Ich vergab ihm gern seine Unwissenheit und Gleichgültigkeit, verriet

er doch zum ersten Male, daß die Schönheit eines Gegenstandes (außer

Kleidern) auf ihn wirkte. Es war auch großartig, was wir sahen. Vorüber

ging die Fahrt an herrlichen Bergseen, in denen sich der Schnee der

Berggipfel klar spiegelte, an Abhängen, über die Schwebebrücken

führten, an Aushöhlungen vorbei, die majestätisch in ihrer

Großartigkeit wirkten; Abgründe erblickten wir, die uns den Atem benahmen

und in denen wir Gießbäche wild rauschen hörten; bald führte die Bahn

durch einen künstlich gebildeten Unterbau dahin, bald bahnte sie sich

den Weg durch einen endlosen Tunnel, immer wechselnd, immer Bewunderung

erregend. Zwischen Zlatoust, »dem goldenen Mund«, und Urshumka erreicht

sie endlich ihren Höhepunkt. Mächtige Kurven, wilde Wasserfälle und

schroffe Felswände verleihen auch weiterhin der Strecke großen Reiz.

Jenny hatte einen großen Bewunderer gefunden, der ihr auf Tod und Leben

den Hof machte und uns alle interessanten Punkte erklärte, nicht nur

während wir sprachlos vor Staunen und Entzücken den Ural kreuzten,

sondern auch später, als er uns auf die Aushöhlung des Dergatsch,

ein wahres Meisterwerk, aufmerksam machte. Er belehrte uns, daß nur

einundzwanzig Werst vom malerischen Orte Ssuleja, an dem wir wie der Wind

vorbeisausten, das berühmte Bakalsche Grubenwerk liegt, welches überreich

an Eisenerz -- vielleicht das reichste Sibiriens -- ist, und erzählte,

daß in dem Museum von Zlatoust ein Nagel aufbewahrt werde, den Kaiser

Alexander I. eigenhändig geschmiedet haben soll. Kurz, der Russe war ein

sehr angenehmer Gesellschafter für Jenny und Mama. Ich durfte

freilich nicht viel mit ihm sprechen, sonst sah Li Bai drein wie ein

vierzehntägiges Regenwetter mit gelegentlichem Schauer und Donnerwetter.

Trotzdem der Russe gewiß nicht zehn Worte mit mir gewechselt und sein

ganzes Herz -- so schien es wenigstens -- Jenny zu Füßen gelegt hatte,

sah Li Bai ihn doch mit Vergnügen bei Tschelabinsk den Zug verlassen, um

mit der Zweigbahn nach Jekaterinenburg zu fahren, wo er Geschäfte hatte.

Es war der Vorabend meines Geburtstages, und als mir Ming Tse zum Abschied

die Hand reichte, zog er mich plötzlich etwas von Mama und Jenny weg und

flüsterte mir geheimnisvoll zu:

»Ich habe etwas sehr Hübsches für dich, Käthe, für morgen,« und er

hielt einen Augenblick inne, »und morgen werde ich dich -- küssen!«

Sprach's, drückte meine Hand noch einmal und verschwand in sein

Schlafabteil.

Ein Europäer hätte wahrscheinlich gefunden, daß er der gewinnende Teil

bei diesem Vorgang wäre, aber Li Bai sagte es mit dem Tone und der Miene

eines Menschen, der sich vollauf bewußt ist, welche unendliche Großmut

er dem Gegner zeigt und welch unschätzbare Gnade damit verliehen wird. Ich

war unglaublich gespannt, wie er sich dabei ausnehmen werde und wie mich

diese seine Zärtlichkeit berühren würde. Ich war sogar ängstlich, da

ich gegen jedwede Berührung außergewöhnlich empfindlich bin und ich mich

fürchtete, mir könnte ekeln. Allerdings war er so rein und nett, jung

und bartlos, daß ich mich einigermaßen beruhigt fühlte, aber mit großer

Spannung sah ich nichtsdestoweniger dem kommenden Tage entgegen.

Als daher Jenny früh an mein Abteil klopfte und mir eine hübsche

Handarbeit als Geschenk überreichte, bat ich sie, mit Mama voraus in den

Speisesaal zu gehen, da ich natürlich Ming Tse allein treffen wollte.

Mama gab mir eine lange Goldkette, an die ich mein Firmungsgeschenk, eine

Golduhr, hängte, und nachdem wir beide geweint hatten -- ganz wie's sich

schickt, wenn man vierundzwanzig Lenze hinter sich hat --, blieb ich

allein in meinem Abteil.

Etwa fünf Minuten später klopfte es verstohlen an die Pforte, und auf

mein »Herein!« erschien zögernder als gewöhnlich mein kleiner Chinese

auf der Schwelle.

»Möge sich dieser Tag noch oft wiederholen!« sagte er, indem er ein

sehr schönes Kettchen mit einem Anhänger um meinen Hals legte, und dabei

berührten seine Lippen fast unmerklich meine Wange, gerade als fürchtete

der Besitzer dieser Lippen sie an mir zu verbrennen. Er war auch gewiß

dreimal so verlegen wie ich, blickte mich gar nicht mehr an, und obschon

ich ihm warm dankte, wandte er sich mir nicht wieder zu, sondern faßte

mich energisch bei den Schultern und schob mich vor sich dem Speisewagen

zu.

Als wir vor der Türe des Wagens standen, hielt der kleine Chinese einen

Augenblick inne und fragte mich:

»Bist du zufrieden, Käthe, daß ich dich geküßt habe?«

Und ich, die ich mich der Hoffnung hingab, daß hier wie in allen Dingen

Uebung den Meister machen würde, entgegnete lächelnd:

»Sehr zufrieden und sehr froh, Li Bai!«

Damit betraten wir den Speisewagen, der eben mit voller Fahrt durch das

wichtige Gouvernement von Orenburg dahinbrauste und in dem am appetitlich

gedeckten Frühstückstisch Mama und Jenny saßen und ein Butterbrot nach

dem anderen in den inneren Kräftebehälter hinabspazieren ließen.

Am Nebentische saßen zwei hagere Engländer, aber Jennys Augen und

Mamas Beredsamkeit (Mama spricht auch mit Leuten, deren Sprache sie nicht

mächtig ist, und macht aus drei Worten ausländischer Wortkenntnis mehr,

als ich aus einem reichen Wortschatz von vielen tausend Wörtern) hatten

das ihrige getan -- man sprach herüber und hinüber, und die beiden Herren

machten uns aufmerksam, daß wir eben an Mischkino vorbeifuhren, das die

Waren von ganz Sibirien für die berühmte Irbitsche Messe erhält. Als

wir später im Salonwagen saßen und an Kurgan vorbeisausten, wußten

die Engländer zu erzählen, daß dieser Ort seinen Namen dem

Umstande verdankt, daß in unmittelbarer Nähe der Stadt künstliche

Erdaufschüttungen in Gestalt von Kurganen oder Hünengräbern liegen,

die mit Wald und Gräben umgeben sind und um die sich viele Sagen spinnen,

besonders um den einen, in welchem einst eine wunderschöne Königstochter

gelegen haben soll und die, als die Tataren immer wieder ihren Grabhügel

der unermeßlichen, darin vergrabenen Schätze willen plünderten, eines

Nachts auf silbergeschmücktem Wagen, der von zwei milchweißen,

feurigen Rossen gezogen wurde, aus dem Hügel herausfuhr und sich in

den unergründlichen Tschuklomsee stürzte. Natürlich blickten wir

alle interessiert auf die eigentümliche Stadt mit ihrer breiten, öden

Hauptstraße, ihren kleinen, fast durchschnittlich ebenerdigen Häusern

und den im Hintergrunde auftauchenden Hünengräbern. Ueberall lag schon

Schnee, obschon wir kaum Mitte Oktober hatten, und die Aussicht auf all

die öden Strecken vor uns bot wenig Fesselndes, bis wir auf der breiten

Eisenbrücke den mächtigen Tobol überschritten, an dem so viele

Nomadenstämme sich niederließen und der eine so wichtige Rolle für diese

Leute spielte.

Ich fühlte eine Hand auf meinem Arm. Li Bai stand neben mir und sagte

gelangweilt:

»Komm mit mir, Käthe, wir gehen durch den Zug.«

Kaum waren wir in Bewegung, als er mir sagte:

»Diese Fremden sind ganz überflüssig, sie sollen mit Mama und Jenny

sprechen. Für dich haben sie kein Interesse, nicht wahr?« fragte er mich

und kniff die Augen gewaltig zusammen.

»Gar kein Interesse, aber sie kennen die Gegend gut. Hörst du nicht gern

alles über ein Land, das man durchfährt?«

»Ja -- a!« entgegnete er gedehnt. »Ist doch immer die alte Geschichte,«

fügte er wegwerfend hinzu. Hierauf lehnte er sich ruhig zurück und

erzählte mir allerlei Geschichten von China -- von Vampiren, die ihren

Feinden in der Nacht das Blut aussaugen, während sie am Tage meist die

Gestalt eines schönen Mädchens haben; von Räubern, die sich in ein

reiches Haus einschlichen und die Tochter des Hauses überfielen, worauf

sie verschwanden, aber ihren Namen -- oft einen sehr gefürchteten --

zurückließen; von Dämonen, die sich in die Häuser einschlichen und

allerlei Unheil stifteten und Aehnliches. Er schien, obschon er unseren

Aberglauben, unsere Märchen, ja selbst unseren Glauben verspottete und

verlachte, von dem, was er erzählte, ganz durchdrungen zu sein. Daß er

auch nicht ohne Aberglauben mit Bezug auf die alltäglichen Vorkommnisse

war, zeigte sich am folgenden Tage.

Wir hatten Irkutsk passiert, wo wir den Zug endlich einmal verlassen

und auf dem mit Buräten, Jakuten, Tungusen, Japanern, Chinesen und den

gefürchteten Kosaken mit ihren feurigen Augen und ihren hohen Pelzmützen

übervoll besetzten Bahnsteig auf und ab gehen konnten, und saßen gerade

vor einigen russischen Nationalspeisen, als eine tote Fliege in der Suppe

Li Bais sichtbar wurde. So etwas ist immer unangenehm und abscheuerregend

-- wer zweifelt daran? -- aber mein Verlobter nahm es doch noch viel

tragischer, als man dies erwarten konnte.

»Eine Fliege! Eine Fliege in der Suppe!« sagte er mit Grabesstimme. »Das

bedeutet einen Todesfall in der Familie!«

All unsere Versicherungen, all unsere Bemühungen, ihm begreiflich zu

machen, daß dies nur ein Aberglaube sei, war vergeblich, und für den Rest

des Tages war Li Bai äußerst schlechter Laune und sehr niedergedrückt.

Der nächste Tag war etwas freundlicher. Es schneite nicht mehr, und Li Bai

sah auch fröhlicher aus, obschon er ganz in Trauer gekleidet erschien --

selbst mit schwarzer Krawatte und matten Manschettenknöpfen.

»Was ist geschehen?« fragte Mama, die sogleich an die Fliegenprophezeiung

dachte.

»Vor sieben Jahren starb mein Großvater an diesem Tage, und daher ist es

notwendig, daß ich für heute Trauer anlege.«

Der chinesischen Sitte gemäß legt man an den Sterbetagen der Mutter und

der männlichen Verwandten stets Trauer an (für die übrigen Frauen wird

jedoch nicht Trauer getragen), selbst wenn schon über zwanzig Jahre seit

dem Tode des Betreffenden verstrichen sind. Mama fand dies rührend, aber

ich konnte nicht umhin zu denken, daß es doch unangenehm sein dürfte,

falls man sehr viele Verwandte zu betrauern hat, da man in diesem Falle aus

dem Trauertragen kaum herauskommen kann.

Endlich gelangten wir zum See Baikal, von den einheimischen Russen das

»Heilige Meer« genannt, der einer der größten Süßwasserseen der Welt

und entschieden der gewaltigste der Alten Welt ist. Die Chinesen nennen

diesen See »Pei-ho« oder »Nordmeer«, die Mongolen geben ihm den Namen

»Dalai-Nor«, was »Heiliges Meer« bedeutet, oder auch »Baikul« oder

»gesegnetes Meer«. Die den See umgebenden Höhenzüge verleihen ihm einen

besonders malerischen und großartigen Charakter. Die Randgebirge bilden

verschiedene Gestalten, um die die lebhafte Phantasie der Eingeborenen

viele Sagen gesponnen hat. Jede der zahlreichen Landzungen hat einen

eigenen Namen und die Inseln werden von den lamaïtischen Priestern und

auch von den burjatischen Schamanen als die Aufenthaltsorte des Gottes der

Unterwelt Begdosi angesehen. Rund um den riesigen See gibt es eine Anzahl

geweihter Stätten, an denen bald dem Gotte der Weisheit, bald dem Seegotte

Dianda, bald anderen Göttern geopfert wird, damit diese Götter keine

Menschenopfer verlangen sollen, wohl aber geneigt werden, den Fischern

viele Fische an den Strand und in die Netze zu treiben. Die Farbe des Sees

ist hell und die Fluten leuchten dem Beschauer auffallend durchsichtig

entgegen. Als wir ihn passierten, war er schon teilweise zugefroren, im

Juni und Juli aber soll an den sonst so stürmischen Gestaden eine

so wunderbare Windstille herrschen, daß das Wachsen einer Anzahl

merkwürdiger Wasserpflanzen sehr begünstigt wird und die die Fluten bald

grünlich, bald rötlich erscheinen lassen, weshalb man diese Zeit »die

Blütezeit des Baikals« nennt.

Li Bai war schon in höchster Aufregung, denn wir näherten uns der

chinesischen Grenze. Nur noch wenige Tage und ich hatte meine neue Heimat

erreicht. Jenny war sehr gespannt auf die neuen Eindrücke und Mama sah dem

himmlischen Reiche mit einigem Mißtrauen entgegen. Ich glaube, sie wäre

am liebsten gleich wieder zurückgefahren.

Seit jenem Kusse an meinem Geburtstage, der mich mehr an die Liebkosung

einer Freundin als an den ersten Kuß eines Verlobten erinnerte, waren wir

in unser früheres freundschaftliches Verhältnis zurückgefallen, und ich

fragte mich, ob er auch als Gatte so fremd und kalt bleiben würde.

Kosenamen gebrauchte er nie, und nur das englische »=dear=«, was seiner

Kürze wegen sehr gut einen Namen ersetzen konnte, schlich sich in

unsere Rede ein. Er war sehr höflich, erriet unsere Wünsche bezüglich

allgemeiner Bequemlichkeiten, machte Jenny einen zuvorkommenden Schwager

und Mama einen höflichen aber unverständlichen Schwiegersohn, der zu

allem »ja« sagte und alles »nein« tat, was ein gewisses diplomatisches

Talent verriet. Die Abwechslung der Reise hatte wohltuend auf mein aus

dem Gleichgewicht gebrachtes Gemüt und auf meine erschütterten Nerven

gewirkt, und ich war infolgedessen heiterer geworden, wozu die komischen,

oft treffenden Bemerkungen meines kleinen Chinesen sehr beitrugen.

Eigentlich sagte mir Jenny oft, daß ich kein Recht hätte, ihn »den

kleinen Chinesen« zu nennen, da ich nicht um ein Haar größer und

schwerlich mehr wie zwei Zentimeter breiter als er war. Aber er erschien

mir nicht nur körperlich, sondern auch seelisch -- weniger klein,

als vielmehr jung -- und doch war er es nicht, wie ich mich später

überzeugte. Ich konnte deshalb nicht umhin, ihn immer als »meinen kleinen

Chinesen« zu betrachten, wie wenig Recht mir meine eigene Größe oder der

Mangel einer solchen auch dazu gaben. Daß er so klein war, so zart aussah,

war mir ein Trost!

Früh am folgenden Morgen kamen wir zum Dorfe Nagodan -- der chinesischen

Grenze. Die Kosaken verschwanden und eine Anzahl Chinesen mit

kaftanähnlichen Kleidern und großen, in der Mitte spitz zulaufenden

Hüten nahmen ihre Plätze ein. Hier war Zollinspektion, und ein

verzweiflungsvolles Anklammern an sein Hab und Gut. Li Bai hatte uns

gewarnt, die Träger auch nur einen einzigen Augenblick aus den Augen zu

verlieren, da sie gleich mit den Koffern auf Nimmerwiederkehr verschwinden

würden. Li Bai sprach, erklärte, schimpfte und bewachte, und es gelang

uns mit vereinten Kräften einen Diebstahl zu verhindern, obschon es keine

Kleinigkeit war, allen den zudringlichen, schmutzigen Chinesen zu wehren,

die um jeden Preis ihre gelben Pfoten in die Tiefen unserer Koffer stecken

wollten, und die mit affenartiger Geschwindigkeit bald einen Gegenstand,

bald den andern ergriffen, um ihn in die weichen Falten ihres wallenden

Gewandes verschwinden zu machen. Dazu schrien sie ununterbrochen und

gestikulierten mit Händen und Füßen, daß mir ganz schwindlig im Kopf

wurde und ich froh war, als die schreckliche Inspektion vorüber und wir

wieder im Zuge waren.

Hier begann die chinesische Küche. Wir speisten zum erstenmal auf

chinesische Art und Weise in Mukden, wo man uns zuerst grünen Tee ohne

Zucker oder Milch in den kleinen, mit allerlei Zeichen und chinesischen

Figuren überstreuten, henkellosen Tassen servierte. Ihm folgte eine

Riesenschüssel Reis, der blendend weiß und ganz trocken war -- er ersetzt

in China unser Brot --, und kleingeschnittenes Fleisch mit einer Art

Seegras, das mir gut schmeckte und mich unterhielt, da es beim Essen ein

Heidengeräusch machte. Man hätte glauben können, daß ich zum

mindesten die allerstärksten Hühnerknochen mit einem wahren Löwengebiß

zerdrückte, so riesig war der Lärm, den die Zerkleinerung dieses Gemüses

hervorrief. Wir mußten uns zum erstenmal der chinesischen Eßstäbchen

bedienen. Das war eine schwere Aufgabe. Li Bai hielt die feinen Stäbchen

geschickt zwischen Zeige- und Mittelfinger und fischte aus dem Schälchen

(denn wir aßen nicht von Tellern) sehr gewandt die Fleischstückchen, die

er in die kleine Saucenschüssel, die bei jedem Besteck lag, tauchte und

zum Munde führte. Mama, Jenny und ich aber, wir waren verloren. Li

Bai warf in jede unserer Schalen mit dem entgegengesetzten Ende seiner

Stäbchen alle erhaschbaren Leckerbissen, aber umsonst. Wenn wir sie

endlich aufgefaßt hatten, ließ gewiß eine unvorsichtige Handbewegung die

mühsam aufgeladene Beute ins Wanken kommen und manchmal flog sie mit der

Sicherheit eines wohlgezielten Pfeils in das Gesicht oder auf die Bluse

eines Mitspeisenden, und als endlich ein reichlich in die pikante schwarze

Sauce getauchtes Stück Huhn auf diese ungewollte Weise Li Bai »platsch«

gegen die tadellose Krawatte geflogen war, warf er einen Blick gegen

den Himmel, als ob er die unsichtbaren Mächte einladen wollte, solche

Ungeschicklichkeit näher in Augenschein zu nehmen, schüttelte das Haupt,

als ob so etwas noch nie vorgekommen wäre, und öffnete dann seinen

Koffer, dem er schweigend drei Löffel entnahm, die er uns mit

unbeschreiblichen Gesichtsausdruck überreichte. Dann knüpfte er sich eine

frische Krawatte um und setzte seine Mahlzeit fort, durchdrungen von dem

erhebenden Bewußtsein, daß er unserer Schießlust Einhalt geboten hatte,

indem er uns die gefährlichen Stäbchen gegen Löffel ausgetauscht.

Den Schluß der merkwürdigen Mahlzeit bildete ein Litschikompott, das

ausgezeichnet schmeckte. Die Früchte erinnern an unsere Pfirsiche, nur

sind sie glatthäutig und viel kleiner. Der Geschmack ist sehr fein und

die Frucht erquickt ganz unbeschreiblich. Tschau-tschau dagegen war mir zu

süß, -- er war noch süßer als unsere kandierten Früchte, übermäßig

verzuckert und klebrig.

Wir stiegen spät am Abend in Peking aus. Li Bai führte uns in das

europäische Hotel unweit der deutschen Gesandtschaft und nahm dann

Abschied von uns. Wir sollten noch zwei Tage in der Hauptstadt Chinas

bleiben, er aber fuhr voraus nach Tientsin, um seine Eltern zu begrüßen

und den chinesischen Zauberer noch einmal zu befragen, wann der

günstigste Trauungstag für uns sein würde. Daher nahm er auch alle meine

Geburtsdaten mit, denn nach chinesischem Glauben spielt das Horoskop eines

Menschen eine sehr wichtige Rolle. Viele Chinesen, die lange in Europa

gewesen sind, haben mit diesem Humbug lange gebrochen, aber Li Bai war in

seinem ganzen Wesen Chinese -- unveränderlich Chinese -- und ich viel zu

nachsichtig in meinem Denken, als daß ich mich diesen seinen Wünschen

irgendwie widersetzt hätte. Er konnte soviel es ihm beliebte an

chinesischen Sitten und Gebräuchen festhalten, wenn er mich nur recht

liebhaben wollte und mich stets höflich und gut behandelte.

Als wir uns zum Abschied die Hand reichten, flüsterte ich ihm zu:

»Li Bai, ich fürchte mich ein wenig vor deinem Vater!«

»Unsinn!« entgegnete er. »Mein Vater wird dir nicht den Kopf abreißen,

er hat Europäerinnen gern und ist froh, daß du so viele Sprachen

sprichst.«

Diese Versicherung beruhigte mich ein wenig, doch nicht ganz. Wie würde

ich mich je in diese Verhältnisse finden? Ein heißes, drückendes

Angstgefühl stieg bei diesem Gedanken in mir auf, aber mit Aufgebot meiner

ganzen Willenskraft drängte ich es zurück. Warum jetzt zittern, wo alles

entschieden ist? Alle Menschen sind gleich, und gewiß kann es viele gute

Menschen unter gelbem Aeußern geben, ebenso viele vielleicht als unter

weißem oder braunem.

Ich hatte einem alten Herrn geschrieben, den ich einmal in Paris

kennengelernt hatte und der nun, wie ich wußte, schon seit vielen Jahren

zwischen Europa und Asien hin und her reiste, seinen eigentlichen Stammsitz

geschäftshalber jedoch in Peking hatte. Früh am folgenden Morgen kam Herr

Frise, um uns die Stadt mit allen ihren Sehenswürdigkeiten zu zeigen.

Er geleitete uns zuerst in die echt chinesische Stadt, wo wir in alte

Porzellanfabriken und Geschäfte gingen, wo wir die herrlichen Schüsseln,

Kannen, Vasen und Tassen bewundern konnten, die alle als Merkzeichen ihrer

chinesischen Erzeugung den Drachen aufwiesen. Die Chinesen lieben

es, solche echte Vasen oder Schüsseln zu sammeln und als Familiengut

aufzubewahren, denn dieses Porzellan bedeutet ein ganzes Vermögen, etwa

wie unsere Bücher vor der Erfindung der Buchdruckerkunst.

Die Straßen von »Shung-tien-fu«, oder wie die Chinesen die Stadt noch

öfter nennen, nämlich »Peh-Djing«, d. h. nördliche Hauptstadt, sind

entsetzlich. Sie sind weder geschottert noch gepflastert und der durch

viele Hunderte von Jahren unablässig über sie hinwegrollende Verkehr

hat den schrecklichen Sandboden in einen Hohlweg verwandelt, in dem man

im Sommer vor Staub fast ersticken soll und in welchem man jetzt zur

Winterszeit im Kot fast stecken blieb. Die kleinen echt chinesischen

Wagen, die nach Aussage unseres Begleiters heute noch ebenso wie vor vielen

hundert Jahren aussahen und die dem alten Weisen Konfuzius gewiß nicht um

ein Haar verändert erscheinen würden, falls er plötzlich auferstehen und

in den Gassen auf und ab gehen würde, halten sich noch heutzutage streng

an die Achsenlänge, die wahrscheinlich unter Lao Tse in Kraft getreten

war. Die Beförderung in einem solchen Vehikel läßt Herz, Lunge und

Leber dergestalt gegeneinander fliegen, daß nur ein Orientale mit seiner

Unempfindlichkeit gegen physische und moralische Schmerzen so eine Fahrt

auf die Dauer aushalten kann. Daher tritt die japanische Jinriksha immer

mehr in Kraft, aber auch da gehört eine gewisse Geschicklichkeit dazu, in

diesen zweirädrigen Wägelchen nicht das Gleichgewicht zu verlieren und

unsanft in den Straßenschlamm geschleudert zu werden. Trotzdem wird dieses

fremdartige Verkehrsmittel besonders in Shanghai und Hongkong sehr viel

verwendet.

Die reichen Chinesinnen wanken nicht auf ihren verkrüppelten Füßen (was

Gott sei Lob ein Ende nimmt) durch die elenden Gassen, sondern werden in

Sänften getragen, und nur die armen Chinesinnen müssen versuchen, ihr

Gleichgewicht zu erhalten. Wie man uns sagte, soll der liebende Gatte seine

Frau nie auf den Mund, sondern immer nur auf diese »goldenen Lilien«

küssen, die aber nie ganz bloßgelassen werden, da der Fuß nur eine

formlose, abstoßende Masse ist.

Von allen Häusern und besonders den Auslagefenstern hingen allerlei bunte

Papierstreifen mit chinesischen Zeichen versehen herab, überall sah man

heftig sprechende Chinesen in eifrigem Handel begriffen. Trafen sich zwei

Bekannte, so reichten sie sich nie die Hand. Es schüttelte nur jeder seine

eigene Hand und legte, wenn er besonders liebenswürdig sein wollte, beide

Hände gekreuzt über die Brust, in dem er den Körper leicht nach vorn

beugte.

Wir gingen auch zum Gesandten, um alle Einzelheiten der Eheschließung zu

bestimmen, und ich muß sagen, daß der alte Herr sehr liebenswürdig war

und nichts unversucht ließ, um eine Verbindung zu vereiteln. Wäre meine

Existenz nicht so traurig gewesen, so hätte ich möglicherweise seinen

Vorstellungen nachgegeben. So aber war ich bereit, mich in die unbekannten

Gefahren zu stürzen, in der Hoffnung, dort der Einsamkeit zu entgehen, in

der trügerischen Voraussetzung wohl auch, daß es mir gelingen werde, die

Liebe meines Gatten zu erringen oder seine chinesischen Gefühle für mich

in irgendeine europäische Münze gleich hohen Wertes zu verwandeln. Noch

zweifelte ich nicht ernstlich daran, daß mein unausgesetzter Einfluß

günstige Folgen haben und mir den endlichen Sieg sichern würde. Er mußte

doch wie andere Leute eine Seele haben -- die Frage war nur, wie konnte ich

die Perlen, die am Grunde seines Seins schlummerten, auf die Oberfläche

fördern. Mama, die über die Warnungen des Gesandten nicht entzückt war,

fürchtete sich ihrerseits viel zu sehr vor dem Gerede der Leute, als daß

sie gewünscht hätte, mich vor der Ehe zu retten, und nur Jenny schlang

weinend ihre Arme um meinen Hals und sagte, daß sie selber nie einen

Chinesen heiraten könnte, auch nicht, wenn er so höflich wie Li Bai

wäre, und damit war die Angelegenheit erledigt.

Wir wanderten auf der Stadtmauer umher, besuchten einige Tempel, die

berühmten Tore der Stadt usw., und nach Ablauf von zwei Tagen saßen wir

wieder im Zug, der uns nach Tientsin, der bedeutendsten Stadt des Nordens,

bringen sollte.

Mama war von all den neuen Eindrücken in einen unruhigen Schlummer

verfallen. Jenny und ich blickten auf die uninteressante Ebene hinaus,

durch die sich der Pe-ho-Fluß träge schlängelt, und die er oft, wenn

seine Wasser durch jähe Regengüsse anschwellen, furchtbar überschwemmt.

Plötzlich sah ich über Jennys blasses Gesichtchen zwei Tränen rollen.

Ich zog mein Schwesterchen an mich und fragte sie, was ihr diese Tränen

entlockt habe.

»Ni--chts!« entgegnete sie langsam und schmiegte sich eng an mich. »Ich

-- ich möchte nur so gern wissen, ob -- ob -- du glücklich sein wirst?«

schluchzte sie sodann.

Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman · 第 8 / 15 段