»Noch eine Frage, Käthe,« bat sie schmeichelnd, »eigentlich kam ich nur

deshalb zu dir. Wie werden deine Kinder sein? Weiß oder gelb?«

Ich schob sie sanft zur Tür hinaus und sagte lachend und geheimnisvoll:

»Gesprenkelt!«

Ich hörte, wie Jenny vor der Tür vor lauter Entsetzen und Ueberraschung

nach Atem rang, öffnete daher die Tür noch einmal eine Spanne weit und

flüsterte ernst:

»Sei doch kein Gänschen, Jenny -- hoffentlich werde ich keine Kinder

haben -- gesprenkelt sicher nicht,« damit schloß ich die Tür endgültig.

Um halb zehn Uhr vormittags waren wir alle pünktlich auf dem Bahnhof --

Victoria Station -- versammelt. Meine europäischen Freunde hatten schon

gestern von mir Abschied genommen, und da die allermeisten gegen diese

Heirat waren (Engländer sind noch mehr gegen Mischung der Rassen als

andere Europäer), so stand ich unbegleitet auf der grauen Plattform der

düsteren Halle. Um so zahlreicher vertreten war die chinesische Kolonie.

Einige konnten kein Wort außer Chinesisch, und wir nickten uns gegenseitig

nur zu, andere sprachen etwas Englisch. Sie alle umringten Ming Tse, der

seiner Schenkungsseligkeit wegen sehr beliebt war, wenn er ihnen auch oft

unangenehme Wahrheiten mit verblüffender Aufrichtigkeit sagte. Mehrere

von ihnen brachten Körbchen voll herrlichen Obstes -- Trauben die einen,

Pfirsiche die andern, und ein Chinese brachte eine Tüte rotbackiger

Aepfel, mit denen Jenny schon jetzt liebäugelte.

Um zehn Uhr wurde das Abfahrtssignal gegeben, und der lange Zug setzte sich

in Bewegung. Am Korridorfenster stand Li Bai und winkte seinen Freunden zu,

solange man noch ein Viertel eines einzigen Chinesen in der Ferne erkennen

konnte, und war noch einige Zeit nachher etwas einsilbig. Lange jedoch,

bevor wir nach Queenborough kamen, plauderten wir alle höchst vergnügt

miteinander.

Ming Tse, der ein reizender Reisekamerad war, breitete sein lichtblaues

Seidentaschentuch über meinen und Jennys Schoß aus und verteilte

Früchte. Mama wollte an der Fütterung vorläufig nicht teilnehmen, aber

Jennys weiße Zähne bissen mit sichtlichem Behagen in die appetitlichen

Aepfel. Ihr war die Reise ein großer Spaß, Mama ein wichtiges Ereignis,

das feierlich behandelt und durchgeführt werden mußte, Ming Tse eine

Genugtuung sondergleichen, da er endlich in die geliebte Heimat zurück

durfte, und mir -- eine Frage an das Schicksal, die Entscheidung

über meine ganze Zukunft. -- Und dennoch hatte nicht einer der drei

Mitreisenden, die mir doch am allernächsten auf der Welt standen oder

bald stehen würden, die blasseste Ahnung von dem, was in mir vorging, und

infolgedessen das allergeringste Mitleid. Nicht einer von ihnen hätte mich

verstanden, wenn ich gesprochen hätte, und so betrug ich mich als guter

Gefährte, lachte und scherzte mit ihnen und fühlte mehr denn je, was für

eine elende Komödie das Leben war, wo man immer und vor allen Leuten eine

Maske tragen mußte und doch noch froh war, daß man das Recht hatte,

eine Maske zu tragen, die einen vor dem Hohn der Mitmenschen, die anders

dachten, schützen konnte.

In Queenborough verließen wir den Zug, um uns auf das Schiff zu begeben.

Erst Mama mit einem Träger an ihrer Seite, dem sie ununterbrochen

wiederholte, so schnell wie möglich zu gehen. Das erbitterte ihn so,

daß er ihr mitteilte, die Sturmflagge wehe schon vom Mast -- während in

Wirklichkeit nicht ein Lüftchen sich regte, und ein so glänzend blauer

Himmel, wie er nur selten über Großbritannien lacht, sich über unsern

Häuptern wölbte --, hinter ihr Jenny mit den Fruchtkörbchen und einer

Hutschachtel, dann ich, ebenfalls mit mehreren Schachteln beladen, und

endlich Ming Tse, der zwei Träger beaufsichtigte. Die großen Koffer

waren alle vorausgeschickt worden, was wir mitführten, war lediglich

Handgepäck, und trotzdem wälzten wir uns wie eine Karawane heran. Sobald

wir das Schiff betreten hatten, ging Mama zum Kapitän und erkundigte sich,

ob wir in der Tat untergehen würden, was er verneinte und Mama gelobte,

sein Möglichstes zu tun, eine so furchtbare Katastrophe abzuwenden.

Er sprach mit großer Ernsthaftigkeit, aber um die Mundwinkel zuckte es

verräterisch, und seine grauen Augen blinzelten mir, sooft ich näherkam,

vielsagend zu. Die arme Mama, die das Fahren auf dem Meere nicht verträgt,

verschwand in eine Kajüte und blieb trotz des herrlichen Wetters und der

spiegelklaren See verschwunden, so lange wir nicht festen Boden unter

uns hatten, Ming Tse schob uns Mädchen in eine Ecke und setzte sich

als Haremswächter davor. Seine Augen schossen Blitze, sooft sich ein

männliches Wesen uns näherte, und Jenny sah sich daher gezwungen, jeden

Flirt zu unterlassen. Dagegen fütterte er uns die ganze Zeit mit den

herrlichen, riesengroßen Pfirsichen, an die ich noch jetzt mit Genuß

zurückdenke -- gewiß die schönsten, die ich gesehen oder gegessen hatte.

Nach einer Weile begann die alte Baracke -- denn diese holländischen

Schiffe sind klein und armselig ausgestattet -- trotz des klaren Himmels

und der ruhigen See ein wenig zu wackeln, was Ming Tse veranlaßte, sich

tiefer in den Reiseplaid zu wickeln und steinunglücklich dreinzuschauen.

Jenny benützte die Schwäche des Wächters dazu, auf das Hinterdeck zu

entfliehen, wo sie ihre Blicke über die Fluten, über den Himmel und --

über die Mitreisenden, über letztere nicht am wenigsten, gleiten ließ.

»Gott sei Dank, daß du nicht wie deine Schwester bist,« brummte mein

Verlobter. »So ein Mädchen ist die reine Pest.«

Wir unterhielten uns besonders über einen alten Juden, der uns nahe saß

und aus einem schmutzigen Papier heraus ein Stück Fleisch wickelte, was

ich als Ueberreste eines Huhns, er als die eines Kaninchens betrachtete.

Der Vorfall erinnerte mich an eine merkwürdige Episode in Ming Tses

Londoner Existenz. Er erhielt einst, ohne es zu wissen, ein Kaninchen

vorgesetzt und war so böse, als er erfuhr, was er gegessen hatte, daß

er sofort ausziehen wollte. Kein Wunder! Da sein Vater nie Kaninchen

verspeisen durfte, war es dem Sohne auch nicht erlaubt, und ich erinnerte

mich, daß der arme Chinese eine ganze Menge Brechpulver einnehmen mußte,

damit das widerspenstige Kaninchen wieder herauswanderte, denn drinnen

bleiben durfte es nicht -- das wäre ein himmelschreiendes Verbrechen gegen

alle seine Vorfahren gewesen. Folglich quälte ihn der Anblick des Juden

und des Kaninchens in einem solchen Grade, daß er überall herumging, nur

um diesen zwei Schreckgestalten auszuweichen. Mich wickelte er vorsichtig

in einen großen, warmen Plaid und schob den Deckstuhl so nahe an das

Schiffsende heran, daß ich nichts als die Fluten übersehen konnte. Er

selbst suchte und fand Jenny.

»Ihre Schwester braucht Sie,« sagte er kurz. Dann fügte er hinzu: »Sie

haben genug herumgeschaut, die armen Männer müssen endlich Ruhe haben,«

-- sprach's und schob sie, die ihn um Kopfeslänge überragte, gebieterisch

in meine Richtung.

»Jenny,« fragte ich sie, sobald Li Bai außer Hörweite war, »hast du

nur diese Blusen mit kurzen Aermeln und ausgeschnittenem Halse?«

»Gewiß,« lautete die Antwort. »Mama sagt, ich habe so schöne Arme und

einen hübsch geformten Hals -- warum soll ich ihn da zudecken, wie du den

deinen?«

»Schwester, sei nicht so maßlos eitel und sprich nicht immer von deinen

Vorzügen, du wirst dich Fremden gegenüber lächerlich machen. Dies ist

jedoch nur nebenbei bemerkt,« sagte ich, als ich sah, daß Jenny beleidigt

die Lippen aufwarf, »ich wollte dich nur bitten, immer lange Aermel zu

tragen und auch einen hohen Kragen zu wählen, so lange du im Orient bist.

Die Orientalen finden es im höchsten Grade abstoßend und unmoralisch,

so gekleidet zu gehen. Tust du es, wirst du dir viele Unannehmlichkeiten

zuziehen.«

»Oh, Unsinn,« erklärte meine Schwester, legte aber in Zukunft doch

Blusen, wie ich sie vorgeschlagen hatte, an.

Ming Tse kam zu uns zurück. »Wollt ihr nicht Kaffee trinken, Kinder?«

fragte er.

Ich, die ich ahnte, wie der Kaffee auf dem Schiff sein würde, lehnte

sofort ab und riet den andern, mir nachzutun. Jenny tat es, Li Bai aber

ging mutig in die Tiefen. Als eine Viertelstunde nach der andern verging

und er nicht zurückkehrte, ging ich auf die Suche nach ihm aus. Er

taumelte mir bei der Treppe entgegen, wankte auf die Brüstung zu und sah

wie ein Geist aus.

»Was ist dir geschehen, Li Bai?« fragte ich besorgt.

»Kaffee!« war die einzige Antwort. Gleich darauf verlangte der Meergott

seinen Tribut und -- erhielt ihn.

Erst als ich nach einer Weile den armen Chinesen in einen Deckstuhl

verpackt und mit einem Reiseplaid umwickelt hatte, erzählte er, daß er

nach langem Warten einen teuren Kaffee bekommen hatte, der keinen Geschmack

und wenig Farbe besaß, ganz lauwarm war und ihn sofort seekrank machte. Er

schimpfte auf die Holländer, als ob die ganze Nation nur schlechten Kaffee

kochen würde, und hat noch heute eine sehr unschmeichelhafte Meinung von

Holland und seinen Bewohnern.

In Vlissingen kehrte Mama zur Oberfläche als handelndes Menschenkind

zurück, und auch Ming Tse stand wieder sicher auf seinen zarten Beinen.

Der Kapitän nickte Mama wie einer alten Bekannten zu und war stolz darauf

-- wie er ihr versicherte --, sie so gut an allen Gefahren vorüber in

den Hafen geführt zu haben, doch Mama sah gar nicht so dankbar aus als man

Ursache hatte zu vermuten, und Li Bai sah den Kapitän, das Schiff und die

Besatzung so wütend an, als wollte er ihnen allen einen Paß zum Reiche

der Seejungfrauen ausstellen.

Kaum war die Zollrevision vorüber, wollte Ming Tse etwas essen und

weigerte sich, den Berliner Expreß zu betreten, bevor er wußte, und aus

guter Quelle wußte, daß der Speisewagen mitfolgte. Erst als wir uns

im Wagen gegenübersaßen und uns die überstandene Fahrt nur ein Traum

schien, tauten Mama und der kleine Chinese, die beide bei den Göttern und

Heiligen ihres Landes schworen, nie wieder die Planken eines Schiffes zu

betreten, ein wenig auf.

An der deutschen Grenze war wieder Zollrevision, und hierauf durften wir

schlafen. In Berlin blieben wir nur einen halben Tag, und mir tat es wohl,

nach langer Zeit wieder in einem Lande zu weilen, wo man meine Sprache

sprach. Jenny war selig, »Unter den Linden« einige Einkäufe machen zu

können, und Ming Tse war ebenso unermüdlich wie sie im Wählen allerlei

Kleinigkeiten, die man nach China mitführen sollte. Am Abend verließen

wir Berlin, und Jenny drückte ihr Näschen an die Scheiben, um acht Uhr

abends das Nachtleben Berlins vom Zuge aus beobachtend. Natürlich neckten

wir sie hinterher und fragten, was ihr vom »Nachtleben« am besten

gefallen habe. Ich freute mich innig, daß meine Schwester noch so

beglückend naiv war, und bedauerte, Mama zugeredet zu haben, sie nach

China mitzunehmen. Jetzt war eine Aenderung nicht mehr zulässig.

An der russischen Grenze leerte man unsere Koffer einfach auf den

schmutzigen Bahnsteig aus, und die Zollbeamten -- oder wie mein Vetter sie

zu betiteln pflegte, -- die Kofferspione -- fuhren mit ihren zweifelhaft

reinen Händen schauerlich unter den Sachen herum. Li Bai, der seinen

Koffer mit der ihm eigenen Pedanterie gepackt hatte, sprach chinesisch

-- kaum Kosenamen, denke ich mir --, und ich hatte große Mühe, den

übervollen Koffer wieder zu schließen. Ich bat daher Jenny, sich darauf

zu setzen, damit ihr Gewicht den störrigen Gesellen eines Besseren

belehren möge, aber da kam ich schön an. Li Bai entließ uns mit einem

Blicke und einer Handbewegung, die keine Feder hinreichend wiedergeben

könnte und packte meinen Koffer selbst. Jenny fiel beinahe in Ohnmacht,

als sie bemerkte, was für Kleidungsstücke dabei notwendigerweise durch

seine kleinen Hände wandern mußten, aber ich habe in der Hinsicht

stärkere Nerven. Der fertige Koffer war ein Meisterwerk, und wohl oder

übel mußte sich Jenny demselben Schicksal unterwerfen, denn Ming Tse

sagte mit mehr Wahrheit als Höflichkeit:

»Ihr könnt beide nicht einen Koffer packen.«

Bei der Paßrevision und auch im Speisewagen half mir meine Kenntnis des

Russischen, was meinen Reisegefährten sehr imponierte, weil sie mit der

Sprache des Zarenreiches gar nicht vertraut waren. Sie half mir auch sehr

in Moskau, wohin wir am folgenden Tag spät abends gelangten und im Hotel

l'Europe abstiegen, wo man die Sprachen der ganzen gebildeten Welt hören

konnte. Herrlich schönes Moskau! Früh am nächsten Morgen stand ich auf

dem kleinen Balkon und sah hinweg über die unzähligen Kuppeln und Türme,

die malerischen Gebäude dieser echt russischen Stadt, mit dem Kreml im

Hintergrund und dem flutenden Verkehr zu meinen Füßen. Wir waren im

Oktober und die Blätter der Bäume wiesen alle Farbennuancen vom hellsten

Gelb bis zum tiefsten Braun auf, rote Blätter funkelten dazwischen hervor

und der tiefblaue Herbsthimmel, auf dem die aufgehende Sonne eben einige

Wölkchen rosig färbte, bevor sie die Kuppeln und Baumspitzen küßte,

rief in meinem Herzen allerlei Gefühle wach, von denen das stärkste

jedoch der Wunsch war, das, was ich jetzt in mir widerklingen hörte, durch

den Pinsel oder die Feder verewigen zu können. Die Größe und reine,

erhabene Schönheit der Natur verglichen mit unserem armseligen Haschen

und Jagen -- wonach? Die ewig wiederkehrende Frage des »Seins oder

Nichtseins«, das beseligende Bewußtsein, daß alles Kleinliche in solchen

Augenblicken von uns abfällt wie ein altes Kleid, dessen wir länger nicht

bedürfen, ein Verlassen des eigenen Ichs, um sich über die Erde hinaus

in unbekannte Welten zu schwingen -- alles dies bewegt die Seele bei dem

Anblick reiner Schönheit, und muß man auch bald in die graue Wirklichkeit

zurückkehren, bleibt doch der Eindruck des Gesehenen zurück und zittert

als schöne Erinnerung noch lange in uns nach.

»Käthe,« rief in diesem Augenblick Mama, »ich wünschte, du würdest

nicht eine halbe Stunde lang mit der Nase auf die Wolken gerichtet stehen,

sondern lieber auf deine Toilette schauen. Deine Krawatte sitzt schief.«

»So richte sie bitte,« erwiderte ich müde. Was war eine Krawatte gegen

das Universum?

»Aber Käthe,« entfuhr es Jenny, »hast du wirklich Lust auf dem Balkon

zu stehen, wenn alle Gäste noch schlafen? Jetzt ist ja niemand zu sehen.«

»Jenny,« erwiderte ich ernst, »ich schaue nicht die Leute an -- die

interessieren mich nicht. Ich blickte,« setzte ich träumerisch hinzu,

»auf die Schattierungen der Blätter und die Farbenabstufung am Himmel.«

In diesem Augenblick trat Ming Tse ein.

»Käthe studiert Farbenabtönungen am Himmelsbogen und darunter,« rief

meine Schwester ihm entgegen.

Ich zog Li Bai auf den Balkon. »Ist es nicht wunder-, wunderschön?«

fragte ich ihn und legte unwillkürlich meine Hand auf seinen Arm, als

wollte ich etwas von dem, was mich so stark bewegte, durch Magnetismus auf

ihn übergehen lassen.

»Nichts zu sehen,« bemerkte er gelassen. »Komm zum Frühstück!«

Damit schüttelte er meine Hand ab und folgte den anderen hinab in den

Speisesaal. Ich kam mir wieder einmal vor wie ein Schiffbrüchiger

auf einer einsamen Insel, der in der Ferne ein Schiff sieht, dessen

Aufmerksamkeit er aber nicht erregen kann. So ging auch ich hinunter und --

frühstückte.

Ueber die Sehenswürdigkeiten Moskaus will ich hier nicht sprechen --

eine Reisebeschreibung soll dieses Werk nicht werden -- genug, wir besahen

alles, was dort von Interesse war und verweilten zwei Tage in dieser Stadt.

Ming Tse war zuvorkommend wie immer, unser Verkehr rein freundschaftlich

und wohl niemand, der uns Seite an Seite durch die Straßen der alten

Stadt wandern sah, hätte glauben können, daß hier zwei Verlobte

dahinmarschierten, so weit entfernt voneinander gingen wir, und so ruhig

und leidenschaftslos waren unsere Züge. Mama fand unsere Haltung

äußerst =comme il faut=, Jenny lächerlich und ich? Ich dachte an jene

längstentschwundene Zeit zurück, wo selbst ich davon geträumt hatte,

daß man als Braut im irdischen Paradiese schwebe, daß eine unbekannte,

früher ungeahnte Seligkeit das Herz schneller schlagen, das Blut schneller

kreisen lasse. Die Glückseligkeit war entschieden nicht europäisch --

aber die Ruhe, die gleichmäßige Heiterkeit, die ich im Verkehr mit Li Bai

fand, war nicht zu verachten -- es war der orientalische Abglanz, =voilà

tout=!

* * * * *

Sonnabend! Jennys Wangen glühen vor Aufregung, Mama empfiehlt ihre Seele

und besonders den Körper dem großen Geist, betend, daß sie mit dem Kopf

auf dem Rumpfe wohlerhalten wieder nach Moskau zurückkommen möge, Ming

Tse freut sich wahnsinnig auf das endliche Wiedersehen mit seiner Mutter,

und ich wünsche aus ganzer Seele, daß die Zukunft lichter als die

Vergangenheit werden würde; so stehen wir alle gegen Mitternacht auf dem

großen und belebten Kursk-Nishninowgoroder Bahnhof und warten auf den

sibirischen Zug, der uns in das Reich des fernen Ostens tragen soll.

Endlich wird das Abfahrtszeichen gegeben, wir betreten unsere Abteile, die

wie kleine Zimmer sind, die man nach Belieben sperren kann, sooft man sie

verläßt und wo alles sehr bequem und elegant ist. Noch ein Blick über

Moskau mit seinen Hunderten von Lichtern, den dunklen, kaum sichtbaren

Kuppeln und Türmen, und wir sausen durch die mondhelle Nacht über die

große Ebene rund um die Wolga, auf der die unzähligen Schiffe auf- und

niederfahren, von denen in den warmen Sommermonaten ununterbrochen Gesang

ertönen soll -- die melancholischen Lieder erklingen da aus den Kehlen der

Schiffer, die damit die Unbehaglichkeiten der Reise zu mildern suchen.

Nun war alles still, nur das fahle Mondlicht beleuchtete das nächtliche

Rundbild. Die drei Mitreisenden verfügten sich in ihre Zellen, ich aber

lag, überkommen von dem Gedanken, Europa vielleicht auf Jahre, vielleicht

auf immer, Lebewohl gesagt zu haben, die Nacht hindurch wach und blickte,

als sich endlich die schweren Morgennebel hoben, auf das in der Ferne

auftauchende Hügelland.

Li Bai klopfte schon früh an meine Türe, und da die beiden Damen noch

schliefen, gingen wir allein in den Speisesaal, wo ein dicker Mann uns

gegenüber Platz nahm. Ich mochte kaum einen Schluck getan haben, als er

trotz meiner abwehrenden Haltung ein Gespräch anfing, und da ich russisch

konnte und Li Bai nicht, fiel die Bürde der Unterhaltung auf mich. Es

stellte sich heraus, daß mein Gegenüber ein wohlhabender Pferdehändler

war, der bis Samara mitfuhren wollte, und da ich mich interessierte,

wann wir dahin kommen würden, ging er gleich daran, im Fahrplan die

Ankunftszeit zu finden.

Mein kleiner Chinese sah wie eine dräuende Gewitterwolke aus, obschon

ich immer wieder das Gespräch mit dem Fremden unterbrach, um ihm alles zu

übersetzen, und als er nun merkte, daß der Händler mir galant allerlei

Ankunftszeiten auf ein Stück Papier schrieb, war er so böse, daß er mich

fragte:

»Wozu braucht der Mensch da höflich gegen dich zu sein? Und wozu braucht

er dir Ankunfts- und Abfahrtszeiten herauszuschreiben, dieser dicke Idiot!?

Haben wir nicht selbst einen Mund unter der Nase und zwei Augen oberhalb

derselben, so daß wir selbst fragen und herausfinden können, was wir

wollen?«

Damit faßte er mich am Arm und zog mich hinter sich durch den ganzen Zug,

bis wir vor Mamas Zelle standen, an die er klopfte.

»Mama,« rief er, sobald er sie begrüßt hatte, »hier bringe ich dir

die Käthe. Wenn ich nicht auf sie achtgegeben hätte, wäre sie mit einem

Pferdehändler, der nach Samara fährt, durchgebrannt!«

Seine geschlitzten Augen sahen in diesem Augenblicke keineswegs

übermäßig hübsch oder angenehm aus.

Mama dankte ihm aus voller Seele, wenn auch mit einem Lächeln um die

Lippen, Jenny aber warf sich auf das Bett, strampelte vor Vergnügen mit

den Beinen und lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Für

den Rest des Tages wich Li Bai nicht von meiner Seite, und ich fragte mich,

wie es werden würde, wenn ich einmal in China sei. Seinem Versprechen

gemäß sollte ich das Recht behalten, auszugehen, sooft ich dies

wünschte, wenn er auch gänzlich abgeschlagen hatte, mich meinen Beruf

dort weiter ausüben zu lassen. Wie nur alles enden würde? Vorläufig

unterhielt mich sein Betragen nur.

Am zweiten Tage gegen Mittag kamen wir nach Samara, und von da an begann

eigentlich erst so recht die Reise. Russen aller Arten standen in

ihren etwas schmutzigen Kleidern auf dem Bahnhof und warteten auf den

gewöhnlichen sibirischen Zug, der mit russischer Gleichgültigkeit gegen

das Sprichwort »Zeit ist Geld« innerhalb der nächsten zwei bis

drei Stunden eintreffen sollte. Auf allen Stationen hält der einfache

sibirische Zug; die armen Auswanderer, denen es beinahe ebenso schlecht

wie den Gefangenen geht, können aussteigen und sich heißes Wasser holen,

womit sie ihre Teevorräte erneuern, und die Eisenbahnbeamten behandeln sie

nicht viel besser als Tiere. Man erzählt sich, daß ein Zugführer einst

einigen armen Russen, die auch auf einer solchen Station ausgestiegen

waren, höflich sagte: »Meine Herren, es ist Zeit zum Einsteigen!« aber

niemand nahm irgendwelche Notiz davon. Nach dem zweiten Glockenzeichen

sagte er: »Einsteigen, bitte!« doch ganz ohne Erfolg. Diese

Unglücklichen glaubten nicht, daß die Aufforderung an sie gerichtet war,

und erst als er hinzutrat und sie anschrie: »Verdammtes Pack, seht zu,

daß ihr augenblicklich in den Zug kommt,« verstanden sie, wer gemeint

war, und eilten auf ihre Plätze.

Der Zug flog über die weite Ebene von Batraki, die mit ihrer

Abwechslungslosigkeit ununterbrochen bis Kinel fortdauert und erst bei

ihrer Kreuzung mit der Hügelkette unweit des Padowaflusses ein Ende nimmt,

während wir in dem bequemen Zuge saßen, wo wir einen Lesesaal mit guter

Bibliothek und vielen Zeitungen hatten, in dem man Schach spielen konnte

und wo man so viele Briefe an kleinen Tischchen schreiben konnte, als man

nur wollte. Da waren Badezimmer und Küche, der schöne Speisewagen und

der elegant möblierte, mit vielen weichen Sitzgelegenheiten ausgestattete

Salon, die netten Schlafzimmerchen und die langen Korridore, durch die

man von einem Ende des Zuges zum andern gehen konnte. Da es schon ziemlich

kühl war, wurde der Zug geheizt, was den Aufenthalt überall sehr angenehm

gestaltete. Ming Tse und Jenny wanderten wie Kinder durch alle Räume,

untersuchten alles, freuten sich über jede Entdeckung und waren ganz

gleichgültig gegen die Gegenden und die Orte, die wir passierten. Der Zug

fing in voller Fahrt das nötige Wasser aus der der Strecke angrenzenden

Wasserleitung auf und brauste mit unverminderter Fahrt durch die Stationen,

auf denen wir nur wie im Fluge Soldaten und Gefangene stehen sahen. Lange

lagen am Morgen die Nebel über der Landschaft, und früh schon sank am

Abend die Dunkelheit herab.

Am folgenden Tage erspähten meine Augen endlich den erwarteten schlichten

Grenzobelisk, auf dem mit russischen Buchstaben »Europa -- Asia« stand

und an dem wohl manch' ein armer Verbannter mit Schaudern vorbeigegangen.

Hier mußte man Abschied nehmen von der Zivilisation, nun waren wir in

Asien, dem gefürchteten Sibirien. Ach, auch ich hatte Europa jetzt hinter

mir gelassen -- wie, wie würde ich Asien finden?

Li Bai kam gelaufen. »Mutter, Käthe, kommt, jetzt kommen die hängenden

Brücken, die großen Schluchten!«

»Der Ural?« fragte ich lebhaft und war augenblicklich am Fenster, Mama

gleichfalls.

»Es ist ja gleichgültig, wie der Berg heißt,« meinte Li Bai, »hübsch

ist die Gegend.«

Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman · 第 7 / 15 段