bitterlich weinte, denn immer sah ich einen gelben Mann vor mir, der seinen
dünnen schwarzen Zopf um Deinen zarten Hals wickelte und würgte und
würgte; und je mehr er Dich würgte, um so gelber wurde er im Gesicht. Da
siehst Du, wie kindisch ich bin, Schwesterchen!
Eine schwache Stunde später war unsere Türglocke in unausgesetzter
Bewegung. Tante Hermine mit ihren Töchtern, Onkel Sebastian mit seiner
langen Pfeife, Tante Elly mit Lotta und ihrem Mann, der selbst an einen
Chinesen erinnert, da er so gelb im Gesicht ist -- nur zum Zopf wäre
nicht Vorrat genug da --, Onkel Paul, der zum Trost für sein auferlegtes
Schweigen eine echte Havanna zwischen den Lippen drehen durfte, Onkel
Mossi, lieb und lustig wie immer, mit seinen beiden Dackeln, Tante Emma
mit einem Strumpf und Tante Paula mit dem anderen, beide frisch vom
Morgengottesdienst, kamen angelaufen. Als alle feierlich Platz genommen
hatten, wischte Mama erst sorgfältig ein paar Tränen ab und teilte ihnen
hierauf mit, daß Du Dich mit dem Sohne eines Mandarins, Herrn Li Bai Ming
Tse, verlobt hast und daß -- weiter kam die arme Mama nicht, denn alle
hatten die Hände in die Luft gestreckt und stießen unartikulierte Laute
aus. Die Onkel klammerten sich an die Sessellehnen fest und die Tanten und
Kusinen fielen alle in Ohnmacht. Ich hatte dies vorausgesehen, und daher
standen schon mehrere Riechfläschchen bereit, die ich nun den Tanten als
gehorsame Nichte unter die Nasen hielt, aber Onkel Mossi, der bemerkte,
daß Lotta die Augen geschlossen hatte, um besser über eine kommende
Bissigkeit nachdenken zu können, stellte sich, als ob er auch sie
bewußtlos glaubte, und hielt ihr eine Flasche Salmiak unter die Nase. Du
hättest die Wirkung sehen sollen! Onkel Mossi stand vorsichtig seitlich
von ihrem Stuhle, und als sie die Flasche entrüstet von sich stieß, flog
ein Teil des Inhalts nicht auf den Lieblingsonkel, sondern geradeswegs
in den offenen Mund Tante Emmas, die vor Erstaunen über Deine Verlobung
denselben weit aufgerissen hatte. Du hättest sie alle schreien hören
sollen! Die arme Tante schrie wie am Spieß und führte einen wahren
Indianerkriegstanz aus, weil die Zunge so sehr brannte. Wie ich wünschte,
daß Lotta den Inhalt geschickt auf die Zunge verteilt erhalten hätte!
Onkel Mossi sah so unschuldig aus, wie irgendein angemalter Heiliger an der
Wand in der Domkirche.
Als sich die Gemüter so weit beruhigt hatten, daß die Zungen sich wieder
im alten Geleise bewegten, ertönte es von allen Seiten:
»Ein Chinese!!!«
Und da die Onkel wußten, daß ein Refrain immer willkommen war,
wiederholten sie in ihrer Baßstimme:
»Ein Chinese!«
»Ein Heide!« rief Tante Emma und schüttelte mißbilligend ihr
jungfräuliches Haupt.
»Sie verdirbt uns die Rasse!« erklärte Tante Hermine erbittert.
»Mit ihrer Unkenntnis der Hauswirtschaft hätte sie für einen Deutschen
nicht gepaßt,« versicherte Base Rita.
»Sie hat wohl keinen Europäer finden können, nachdem sie mit einem
Chinesen vorlieb genommen hat,« warf Base Gusti bitter ein.
»Ein armes, irregeleitetes Menschenkind! Was für andere Folgen konnten
Natalies mißglückte Erziehungsversuche erzielen,« kam es von Tante Ellys
Lippen.
»Ein Trotzkopf und ein Unverstand war die Käthe immer, und ich habe immer
gesagt, daß sie ihrem Verderben entgegengeht. Wer die Ratschläge seiner
Angehörigen verwirft, dem ist der Untergang sicher,« zischte Lotta.
Ich schlängelte mich an Onkel Mossi heran.
»Onkelchen, warum sind sie alle so bösartig?«
»Weil sie neidisch sind, Jenny, weil sie selber noch ungekaufte Ware auf
dem Lager haben. Mach dir nichts daraus, mein Kind!« tröstete er mich und
strich mir mit seiner kühlen Hand über das Haar.
»Und du, Natalie,« fragten jetzt die Tanten im Chor, »du wirst einen so
wahnsinnigen, einen so haarsträubenden Schritt billigen?«
»Was kann ich tun?« fragte Mama, die sich so leicht beeinflussen läßt.
»Käthe ist großjährig.«
»Ueberlasse sie ihrem Schicksal,« rief Lotta mit Grabesstimme.
»Laß sie durch die Polizei gewaltsam nach der Heimat zurückbringen,«
schlug eine der Tanten vor.
»Drohe ihr mit Enterbung!« bat Tante Elly und ihre Augen sprühten vor
Vergnügen.
»Zum Kuckuck auch,« donnerte Onkel Mossi, »die Käthe entscheidet und
nicht Ihr.«
Die anderen Onkel dienten als Wandschmuck, wie immer im Familienrat.
Ich glaube, daß nur die Angst vor der Salmiakflasche, die Onkel Mossi so
unternehmungslustig schwang, die Tanten abhielt, noch einmal in Ohnmacht
zu fallen, als Mama ihnen erklärte, daß wir schon morgen nach D. abreisen
würden, um alle nötigen Einkäufe für die Reise nach China zu machen,
und daß wir in einem Monat schon durch Sibirien sausen würden. Ich
merkte, wie sich alle an den Hals griffen, als ob der Kragen nicht weit
genug gewesen wäre.
»Natalie,« kreischte Tante Paula auf, »man wird dir dort den Kopf
abschneiden. Man haßt Europäer, und dein Kopf ist in Gefahr.«
»Kusine,« flüsterte Tante Emma, »du erreichst China gar nicht. Man wird
dich auf der Bahn ausrauben und deinen nackten Leib aus dem Waggonfenster
werfen.«
»Du wirst doch nicht auch noch deine _zweite_ Tochter dem Untergange
weihen?« erkundigte sich Tante Hermine mit scheinbarer Besorgnis um mich.
»Bist du in der Tat imstande, so gewissenlos zu sein, Natalie,« predigte
Tante Hermine, »dieses unschuldige Wesen (ich wußte nicht, daß ich
ein so unschuldiges Wesen war) in diesen orientalischen Sündenpfuhl
mitzuschleppen?«
»Willst du Jenny wirklich in diese Pestatmosphäre geleiten, wo die
Blattern sie lebenslänglich entstellen können?« fragte Lotta spitz. Ich
bin überzeugt, daß es ihr gleichgültig war, wie ich aussah.
»Natalie,« erklärte Tante Elly feierlich, »ich kann dich von
dieser verrückten Idee nicht abhalten. Ich habe für Käthe mit ihrer
entschiedenen Natur und ihrem eigentümlichen Wesen nie Sympathie gehabt
und wünsche ihrem vermeintlichen Glücke kein Hindernis in den Weg zu
legen, aber Jenny soll daheim bleiben. Ich selbst werde dein Kind zu mir
nehmen.«
»Lieber die Pest und die Blattern,« flüsterte ich Onkel Mossi zu, indem
ich mich an ihn klammerte.
»Kann mein Nichtchen nicht unter meinem Schutze zurückbleiben?« fragte
der herzensgute Onkel.
Wenn Blicke vernichten könnten, so wäre der arme Onkel nicht mehr unter
den Lebenden.
»Da wäre ein junges, unschuldiges Ding in die rechten Hände,«
sprach Lotta für sie alle die Meinung aus. Ich konnte Onkel Mossi gut
nachfühlen, als er zwischen den Zähnen etwas murmelte, was sehr nach »so
eine verdammte Schlange und Giftmorchel« klang.
Trotz verzweifelten Widerstandes aller Tanten und Basen -- die männlichen
Vertreter unseres Stammes glänzten wie immer durch ehrfurchtsvolles
Schweigen und dichte Rauchwolken -- wurde beschlossen, daß Mama reisen und
ich sie begleiten würde, und daher küßten mich alle Tanten beim Abschied
und ließen dicke Krokodilstränen auf mich niederfallen. Sie versicherten
mir, daß ich wahrscheinlich meine Gesundheit und jedenfalls meine Unschuld
und Tugend auf dieser Reise einbüßen würde, und ich war so gerührt zu
hören, daß ich so viel Unschuld und Tugend besaß, daß ich jeder Tante
eine extratiefe Verbeugung machte, als Lotta an mich herantrat und
hörte, daß ich Tante Hermine versprach, so viel als möglich von den
mitgenommenen Tugenden wieder zurückzubringen.
»Du?« herrschte sie mich mit ihrer kreischenden Stimme an, »du wirst
irgendwelche Tugenden bewahren? In dir schlummern die Samenkörner der
Verderbtheit wie in deiner entarteten Schwester!« sprach's, stieß mich
rauh von sich und verschwand mit erhobenem Haupte durch die Tür.
Kaum waren sie draußen, so flog ich Mama um den Hals.
»Gestorben sind sie beinahe vor Neid und Galle,« rief ich entzückt und
Mama sah überglücklich aus. Ich glaube, sie hätte Dich auch an den Stamm
eines Kaffernstammes abgetreten, wenn es die Tanten hätte ärgern können.
Den Rest des Tages ging ich zu allen meinen Bekannten und sagte:
»Meine Schwester heiratet sehr reich -- einen Chinesen -- und wir, Mama
und ich, fahren zur Hochzeit nach China.« So etwas kann nicht jeder.
Ich war selig, die erstaunten Gesichter zu sehen und bin Dir so dankbar,
Käthe, einen so interessanten Mann gewählt zu haben. Ein wenig, ein ganz
klein wenig ängstlich bin ich doch auch.
Mama weinte zwar den ganzen Tag ein wenig -- das schickt sich so, aber ich
wußte, daß sie sehr froh ist, denn der Aerger der Verwandten ist ihr eine
unsägliche Beruhigung. Ich fragte, ob es sich für mich auch schickte,
den ganzen Tag zu weinen, doch beruhigte sie mich und sagte, daß nur eine
Mutter dies zu tun brauche.
Am Abend ging ich in den Garten. Mir war indessen jetzt doch etwas
ungemütlich zumute. China ist weit weg und ich bin hübsch, nicht wahr,
Käthe, und Blattern sind nicht angenehm, aber ich freue mich so auf die
Reise, die Abwechslung, die schöne chinesische Seide, den fremdartigen
Schmuck -- und auf Dich auch, natürlich.
Wie ich gehofft hatte, sah ich Doktor Wurmbrandt am Zaune stehen. Ich ging
schnell auf ihn zu, reichte ihm meine Hand und sagte:
»Meine Schwester heiratet einen leibhaftigen Chinesen und ich fahre morgen
nach China.«
Im nächsten Augenblick war er über den Zaun gesprungen.
»Fräulein Jenny, ich habe in der Stadt schon davon gehört -- es kann
nicht sein, daß Ihr Fräulein Schwester eine solche Partie eingeht?« rief
er leidenschaftlich.
»Er ist sehr reich!« entschuldigte ich Dich.
Er ließ meine Hand fallen. »Also ist Geld alles im Leben, Fräulein
Jenny?« fragte er ernst.
Mir wurde so heiß. »O nein, Herr Doktor,« sagte ich, indem ich auf den
Rasen niedersah, »aber ich weiß keinen anderen Grund zu nennen, warum
Jenny einen Chinesen heiratet.«
»Gefühle scheinen bei Ihnen keinen Rolle zu spielen!« sagte er hart.
»Oh, Herr Doktor, die Käthe hat schon einmal geliebt und -- und -- ich
glaube nicht, sie tut es ein zweites Mal. Sie hat ihn zu lieb gehabt,«
sagte ich und fühlte, wie meine Stimme zitterte.
»Da haben Sie recht!« entgegnete er viel freundlicher. »Armes Fräulein
Käthe!« Wir waren eine Weile ganz still.
»Leben Sie wohl, Herr Doktor,« flüsterte ich endlich, »und wenn ich an
der Pest oder den schwarzen Blattern sterbe, so vergessen Sie mich nicht
ganz!« bat ich schüchtern.
»Fräulein Jenny,« sagte er so ernst, wie er noch nie zu mir gesprochen,
»versprechen Sie mir eins: Heiraten Sie keinen Chinesen, wie anziehend er
auch sein möge!«
Ich gelobte dies feierlich. Ich hätte ihm weder diese noch irgendeine
andere Bitte abschlagen können. Wenn Männer diesen Ton anschlagen, sind
wir Frauen das reinste Wachs in ihren Händen.
Er zog eine kleine Schere aus der Tasche. Indem er wieder in den alten
neckenden Ton verfiel, bat er mich, eine Locke meines Haares abschneiden zu
dürfen, »der Blatterngefahr halber!« wie er sich ausdrückte. Er schnitt
die Locken im Genick ab und brauchte meiner Ansicht nach eine schrecklich
lange Zeit dazu. Ich fühlte, wie sein Atem dicht über meinen Hals
dahinstrich -- er mußte wohl so nahe schauen, weil es schon beinahe
finster war --, und mir wurde ganz eigentümlich dabei. Warum wohl? Als er
mit der Operation fertig war, küßte er meine Hände -- Käthe, alle beide
-- und wünschte mir eine glückliche Reise.
Mir wurde so schwer ums Herz, so unsäglich schwer, und ehe ich es
verhindern konnte, fiel eine Träne auf die Hand des Doktors. Da schämte
ich mich unsinnig, riß mich los und flog auf das Haus zu.
Ich warf mich angezogen auf das Bett und weinte. So schlief ich ein und
träumte plötzlich, daß ein Chinese mit furchtbar geschlitzten Augen
einen Zopf -- so einen weichen, weichen Zopf! -- um meinen Hals schlang,
und ich schrie wie besessen. Mama und die Köchin schüttelten mich wach.
Auf dem Bette saß Murr, der Kater! Seinen Schwanz hatte ich für den Zopf
eines Chinesen angesehen.
Mama sagte mir, daß eine so dumme Gans wie ich nicht wieder zu finden sei,
und daß ich mich schnell anziehen möge, um Punkt acht auf der Bahn zu
sein. Du kennst ja Mamas Bahnfieber, die immer eine geschlagene Stunde auf
den Zug warten muß. Ich wusch meine entzündeten Augen mit Rosenwasser,
um auf der Fahrt hübsch und frisch auszusehen, und kleidete mich in mein
neues Reisekleid, das mir ausgezeichnet sitzt, Du wirst schon sehen.
Als wir schon in den Zug eingestiegen waren, kam noch jemand hurtig
über den Bahnsteig gelaufen. Es war Dr. Wurmbrandt, der mir einen
wunderschönen Strauß roter Rosen brachte und mich so merkwürdig ansah,
daß ich fast ebenso rot wurde wie die Blumen. Ich konnte gerade noch
danken und ihm die Hand reichen, bevor sich der Zug in Bewegung setzte.
Die Tanten waren alle da und hatten noch viele warnende Worte gesprochen.
Als der Doktor mir den Rosenstrauß übergab, merkte ich, daß die
Gesichter der Tanten und Kusinen gelbgrün wurden, und Mama fragte im Tone
eines Untersuchungsrichters:
»Interessiert sich der Doktor für dich?«
»Ich -- ich weiß es nicht,« antwortete ich und wurde wieder rot wie eine
Klatschrose.
»Keine schlechte Partie,« sagte Mama mehr zu sich selbst als zu mir.
»Jenny, schicke ihm von Zeit zu Zeit eine Ansichtskarte,« befahl sie.
»Man muß sich den Männern immer wieder ins Gedächtnis bringen.«
Und jetzt, Käthe, sind wir in D., wo wir allerlei Einkäufe machen.
An unserem Tische speist ein alter Rittmeister und macht mir sehr den Hof
-- ein Baron X. oder U., ich kann mir seinen Namen nicht merken.
Mama ist sehr liebenswürdig und sagte mir vor dem Schlafengehen:
»Sei zuvorkommend gegen den Rittmeister, Jenny, ein Soldat ist besser als
ein Doktor.«
Da wurde ich aber böse. »Der Doktor ist jünger und hübscher,«
protestierte ich, aber Mama schickte mich zu Bett und versicherte mir,
daß ein Mädchen in meinem Alter nicht weiß, was gut für sie ist. So ein
Unsinn! Ich bin achtzehn Jahre!
In zwei Wochen sind wir in London. Leb' wohl, Käthe!
Deine Jenny.«
So haben meine nächsten Angehörigen meine Verlobung mit einem Chinesen
aufgenommen.
=Tud tukaj solnce gre okrog,
Doline vidim, hrib in log;
Pa solnce naše bolj blišči,
In hrib naš lepše zeleni.=
=J. Strel.=
XI.
Es war der Vorabend unserer Abreise von London. Seit zwei Wochen waren Mama
und Jenny bei mir, beide entzückt von meinem künftigen Gatten. Er war
geradezu rührend aufmerksam gegen sie. Den ganzen Tag führte er sie
herum, zeigte ihnen alle Sehenswürdigkeiten Londons, kaufte Jenny allerlei
Schmucksachen, die sie in den siebenten Himmel versetzten, und versprach
ihr eine Masse chinesischer Seide, sobald wir nach China kamen. Gegen Mama
war er ausgesucht höflich und in jeder Weise zuvorkommend und war ihr,
da er gern plauderte und Mama eher mit ihrem Schatten sprechen würde, als
nicht den Mund zu öffnen, ein sehr angenehmer Begleiter. Ich selbst genoß
nur wenig von ihrer Gesellschaft, da ich die letzte Woche im Amt weilte,
wo man nicht sofort eine Stellvertreterin für mich finden konnte. Den
Rest meiner Zeit mußte ich den Schneiderinnen und sonstigen praktischen
Vorbereitungen widmen. Ich legte eine gewisse fieberische Hast an den
Tag und tat alles überstürzt -- mir halb unbewußt, wollte ich vor mir
selbst, meinen eigenen Gedanken davonlaufen. Mit Mama hatten wir kein
längeres Gespräch gehabt -- am ersten Tage sagte sie mir, daß mein
kleiner Chinese an einen Affen erinnere, am zweiten, daß er ausgesucht
gute Umgangsformen habe, und am dritten, daß ich einen besseren Mann weder
im Osten noch im Westen hätte finden können, wenn ich mit der Laterne
am hellichten Tage nach ihm gesucht hätte -- selbst nahm ich alle drei
Erklärungen ruhig und mit etwas Unglauben auf -- besonders die dritte,
aber wozu widersprechen? Es war entschieden, ich ging nach China, und
Europa mit seinen Licht- und Schattenseiten lag bald, ach, allzu bald
hinter mir. Die Reue ist ein hinkender Bote -- und ich wollte nicht
bereuen. Sterben, sagte ich mir bitter, kann ich immer noch.
Jenny, die den ganzen Tag vor den großen Auslagen in Regent Street stand,
auf der Themse bis Richmond und Hampton Court fuhr, die Albert Hall zu den
großartigen Nachmittagskonzerten besuchte und nur die gleißende Seite
Londons sah, konnte nicht begreifen, daß ich dieses vermeintliche
Eldorado, ohne größeres Bedauern an den Tag zu legen, verließ. Mama
und meine Schwester fanden wieder einmal, daß die Käthe kein normales
Mädchen sei, und schüttelten mit sichtlicher Teilnahme die Köpfe.
Ich stand lange am offenen Fenster und ließ die kühle Herbstluft um meine
brennende Stirn wehen. War ich vom Regen unter die Traufe gekommen, war
ich feig gewesen, nicht ein Ende zu machen, als ich schon an der Pforte des
Todes stand? Bedeutete mein Entschluß eine Biegung zum Besseren auf dem
dornenvollen Lebenspfade, war es jener Schwung im Glücksrade, der mich
nach aufwärts tragen würde, und würde ich im Osten finden, was der
Westen mir verneint? Oder war es eine jener unglückseligen Stufen, auf die
man unsicher tritt, und von welchen man jäh in unerwartete schreckliche
Tiefen gleitet? Wer konnte es sagen? Meine Augen klammerten sich an mein
Lieblingsgestirn, den großen Bären oder, wie ich vorzog es zu nennen,
den Himmelswagen, und schienen um Antwort zu bitten, doch vergeblich. Die
Sterne, sie funkelten am nachtschwarzen Himmel in ihrer einsamen Majestät,
und was sie mir zu sagen schienen, war dies: »Auch wir sind allein,
obschon wir einander so nahe zu sein scheinen. Millionen Meilen trennen oft
ein Gestirn vom andern, das, von der Erde gesehen, so nahe am andern liegt,
und einsam sind auch die Menschen, denn ihre Körper sind einander nahe,
aber die Seelen sind weit, weit entfernt! Wenn du Frieden, wenn du Glück,
wenn du vor allem _Kraft_ finden willst, so lerne auf dich selbst vertrauen
und dir selbst genügen.« Damals dachte ich, daß die Sterne unrecht
hätten -- heute weiß ich, daß nur der Mensch leben kann, ohne an innerem
Leid zugrunde zu gehen, der gelernt hat, sich selbst zu genügen. Weder
um Hilfe, noch um Liebe, noch um Gesellschaft, noch um Anteilnahme zum
Nächsten zu schauen. Wer in sich alles findet, -- und bis der Mensch in
sich alles findet, so daß er in der Welt und doch getrennt und unabhängig
-- innerlich unabhängig, denn äußerlich bleibt er natürlich stets etwas
abhängig von seinen Mitmenschen -- lebt, hat Schutz vor dem Leid gefunden.
Kein strahlendes Glück kann je wieder die Seele des so von der Menschheit
Getrennten durchbeben, weil sein Interesse in dem Nächsten aufgehört hat,
aber die Höllenpein zwischen Hoffen und Verzagen erfaßt ihn nie wieder.
Er steigt nie mehr in himmelanjauchzender Glückseligkeit zu den Wolken
empor, aber er erspart es sich gleichzeitig, aus dem siebenten Himmel auf
die Erde zu fallen, und ist süß das Emporfliegen, so ist vernichtend
bitter der Sturz, der in uns alles zerbricht, was das Leben wertvoll macht
-- Hoffnung, Glaube, Liebe, Vertrauen auf andere, den Trieb zur Besserung,
zur Vervollkommnung, das Mitleid mit den Unglücklichen und die warme
Mitfreude mit den Glücklichen -- alles schwindet, und zurück bleibt jene
Ruhe, die kein Glücksfall und kein neues Unglück bedeutend erschüttern
kann. Wohl dem, den ein gnädiges Geschick davor bewahrt hat, den
Gipfelpunkt irdischer Zufriedenheit in dieser Unempfindsamkeit zu suchen
-- und zu finden! An jenem Abende habe ich die Lektion noch nicht erlernt
gehabt, die Sehnsucht nach der Liebe meiner Mitmenschen, nach Glück, war
noch nicht erloschen, daher führte das unerbittliche Geschick mich nach
China, um dort den Unterricht fortzusetzen, und was vom Schicksal selbst
gelehrt wird, o Leser! -- das erlernt man. -- --
Es klopfte. Ich wandte mich verwundert um, denn Mitternacht hatte es
längst geschlagen, und alle Leute im Hause waren zur Ruhe gegangen. In
einem langen wallenden Nachtgewande, mit einer brennenden Kerze in der
Hand, die schönen braunen Augen weit geöffnet, stand Jenny vor mir.
»Schwesterchen,« fragte ich, indem ich ihr die Kerze aus der Hand nahm
und sie neben mich auf mein Sofa, das Bett, zog, »warum wanderst du noch
durch Gänge und über Treppen nach der grausigen Mitternacht, wie einst
der Geist von Hamlets Vater?«
»Käthe,« flüsterte sie, indem sie ihre weichen Arme um meinen Hals
schlang, »ich bin vielleicht nicht immer eine gute Schwester gewesen und
habe dich schrecklich vernachlässigt. Verzeih mir!«
»Du bist eine ebenso gute Schwester gewesen wie ich es verdient habe,«
entgegnete ich und liebkoste Jenny.
»Ich fürchte mich um dich, Käthe,« sagte sie weich.
»Das brauchst du nicht, Jenny,« beruhigte ich sie, »mir droht nicht
Gefahr, und -- ich habe meine Zukunft selbst gewählt.«
»Schwester,« begann Jenny nach einer kurzen Pause von neuem, »ihr küßt
euch nie.«
»Küssen ist im Orient nicht Sitte, man findet, daß es sehr unhygienisch
sei, und daher gibt man sich im fernen Osten nicht einmal die Hand,
wenn man sich begegnet, sondern schüttelt seine eigene Hand an Stelle
derjenigen des Bekannten -- eine weise Vorsichtsmaßregel in einem
Lande, wo so viele ansteckende Krankheiten epidemisch und die sanitären
Einrichtungen keineswegs auf der Höhe sind,« gab ich zur Antwort.
»Bist du auch schon so hygienisch geworden, Käthe?« fragte sie und sah
mich groß an.
»Ich füge mich den Sitten des Orients,« entgegnete ich ausweichend.
Ich wollte meiner Schwester nicht eingestehen, daß ich noch nicht so sehr
»hygienisch« in meinem Empfinden geworden war.
»Hat er dich nie -- nie geküßt?« fragte Jenny, die so etwas ganz und
gar nicht fassen konnte.
»Nein, nie,« versetzte ich lachend. Denn Jennys Augen waren so rund vor
Verwunderung wie die eines Kindes. »Einmal hat er allerdings gesagt,
daß er es versuchen würde, wenn ich eines Tages nicht einen Hut aufhaben
würde, aber bisher,« ich blickte sie schelmisch an, »habe ich immer
einen Hut aufgehabt.«
»Himmel!« rief Jenny entsetzt, »und es ist ihm nie eingefallen, den Hut
abzunehmen?«
»Wenn wir verheiratet sind, werde ich keinen Hut auf dem Kopfe haben,
und darauf wartet er wahrscheinlich,« versuchte ich als Erklärung
anzuführen.
»Glaubst du,« fragte sie mit einer urkomischen Ueberlegenheit, »daß
Doktor Wurmbrandt sich hätte -- natürlich wenn er mich liebhaben würde
-- abhalten lassen durch einen Hut und selbst, wenn dieser so groß wie ein
Wagenrad gewesen wäre?«
»Liebste Jenny,« erwiderte ich lachend, »nicht, wenn dein Hut den Umfang
einer Moschee gehabt haben würde, aber du vergißt, daß der Doktor eben
-- Europäer ist.«
»Ein Mann, der nicht küssen kann, der -- der ist nicht heiratsfähig.«
Jennys Entrüstung war so groß, daß sie meine ernsten Gedanken
verscheuchte und ich über die unschuldigen Ansichten des Kindes herzlich
lachen konnte.
»Jenny,« neckte ich meine Schwester, »wie oftmal denkst du an den
Doktor?«
»Oh -- nicht -- nicht so sehr, sehr oft, Kather,« sagte Jenny
nachdenklich.
»So etwa sechzigmal die Minute?« fragte ich gelassen.
»Aber Kather, wie kannst du --?« wehrte Jenny, erglühte aber wie eine
Pfingstrose.
»Jenny,« bat ich sie, »hab' ihn recht lieb, und spiele nicht mit allen
Männern, die du triffst. Glaube mir, Kind, Huldigungen sind angenehm, aber
ein treues Herz, auf das man wirklich bauen kann, ist tausendmal schöner
und kostbarer.«
Jenny küßte mich und gelobte mir, so wenig kokett wie möglich zu sein.
»Ueber sein Können ist niemand verpflichtet,« sagt ja selbst Goethe,
und ich verlange auch nur, daß Jenny ihr Bestes in dieser Hinsicht leisten
würde. Blicke mit Vorübergehenden und Mitreisenden würden trotzdem noch
zur Genüge -- und darüber hinaus -- gewechselt werden.
Ein ernstes Gespräch ließ ich nicht aufkommen. Meine Schwester war zu
jung, zu unerfahren, um mich zu verstehen, und um nichts in der Welt hätte
ich mich verleiten lassen, ihre schönen Jugendillusionen zu zerstören,
ihr die Erde -- das Leben auf derselben eigentlich -- so zu zeigen, wie
es wirklich war oder wie ich wenigstens es gefunden hatte. Mein bitterer
Pessimismus sollte nicht einen Augenblick die frohe Zuversicht meiner
Schwester trüben. Als es zwei Uhr schlug, hüllte ich Jenny in ein
langes Tuch ein, zündete ihr Kerzenstümpfchen wieder an und schob sie
gebieterisch zur Tür hinaus.
»Du mußt schlafen, Jenny,« ermahnte ich sie, »du weißt, daß Mama
mit ihrem Bahnfieber dich um sechs Uhr wecken wird, damit wir um zehn Uhr
pünktlich auf der Station sind, und auch du, Fräulein Eitelkeit, wirst
diese Zeit gut verwenden können, um dich so hübsch wie möglich zu
machen. Jenny, Schwesterchen, ich kenne dich! Gute Nacht!«