daran lag, sich selbst als ersten gelten zu machen, wie wenig er es
wünschte, andere Menschen bewundert zu sehen.
Er wußte, daß ich Indier sehr intelligent und sehr interessant fand.
In der Villa, in der er wohnte, lebten auch Indier und es verging keine
Plauderstunde, in der er mir nicht etwas Nachteiliges von ihnen erzählte.
»Herr Kashdartha ist ein schlechter Mensch,« sagte er eines Tages. »Er
wird bald ein Kind haben.«
»_Er_ wird bald ein Kind haben?« fragte ich ungläubig.
»Ja. Erinnern Sie sich, ein hübsches, kaum sechzehnjähriges Mädchen
manchmal im Hause gegenüber gesehen zu haben?«
»Eine kleine Blondine mit blauen Augen und immer lachendem Munde?« fragte
ich.
»Stimmt. Die wird ein Kind jetzt haben.«
»Wie schrecklich!« rief ich aus. »Und wird er sie heiraten?«
»Hat schon eine Frau in Indien,« erklärte er lakonisch. Nach einigen
Minuten fügte er hinzu:
»Die Indier geben auch Pulver, Fräulein, sehr schlechte Menschen, Sie
dürfen nichts mit ihnen zu tun haben. Schlechte Menschen!« wiederholte
er.
Ich war sprachlos. Meine Indier, die jungen Hindus, die ich gekannt hatte,
waren lauter hochintelligente Männer gewesen, die sich viel reiner und
besser als wir armen Frauenzimmer vorkamen, so daß manche uns gar nicht
die Hand zum Gruße reichen wollten. Eins war sicher: Dieser kleine Chinese
schien das Schlechte in Mitmenschen und Rassen geradeso zu entdecken, wie
manche alte Zauberer Schätze mittels eines Zauberstäbchens fanden. Ich
dachte nicht schlechter darum von den Indiern, die ich kannte, aber eine
gewisse Enttäuschung, ein unabschüttelbares Mißtrauen blieb zurück.
Es geschah nun öfter, daß er mich nach der Stunde zur Elektrischen
hinabbegleitete. Bald gingen wir den kleinen Umweg über die Heide -- es
war in England im Winter an regen- und nebelfreien Tagen nicht viel kälter
als im Sommer -- bald den Berg hinab auf der breiten Alleestraße bis zu
Hampstead Hill. Ich zog den Weg durch die Straßen schon deshalb vor, weil
wir auf der Heide nicht nur durch das nasse Gras gehen mußten, sondern
hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil wir dort immer Liebespaare auf
dem Grase oder den Bänken fanden, ohne Unterschied der Jahreszeit oder der
Tagesstunde.
Da wandte sich Ming Tse immer mit einem überlegenen Lächeln an mich und
sagte:
»So sind die Mädchen in Europa.« Das ärgerte mich immer grenzenlos.
»Es sind nur die Schlechten von ihnen,« verteidigte ich.
»Die allermeisten,« erwiderte er lakonisch. »Viele aus guten Häusern,
viele verlobt mit anderen Männern,« fügte er hinzu.
Ich wußte, daß er recht hatte und es tat mir leid, daß wir den fernen
Asiaten ein so entsetzliches Vorbild gaben, wir, die wir auf unsere höhere
Moral so stolz und von ihr so überzeugt sind.
Sobald ich auf die Elektrische gesprungen war, blieb Ming Tse regungslos
stehen und winkte mit seiner kleinen, zierlichen, braunen Hand noch einmal
zu mir herauf, während ich ein gleiches tat, bevor ich hineinging und der
Wagen sich in Bewegung setzte.
Noch jetzt steht klar das Bild des kleinen Chinesen vor mir, wie er
unbeweglich stand und mit der Hand herübergrüßte zur Elektrischen, zu
mir.
Schade, daß uns das Schicksal damals nicht getrennt hat.
=Oh la povera barchetta
sola sola in alto mare!
Alto mare anche la sponda,
se nessuno e ad aspettare.=
=C. R. Vani.=
VII.
Nirgends auf der weiten, weiten Welt ist es schön, wenn man allein ist.
Umgeben von schneegekrönten Bergen mit oft sichtbarem Alpenglühen, von
Nadelwäldern, wo man hundert eigenartige Baumformen vor sich sieht,
oder am Meeresstrand, wo sich die Wellen an den scharfen Klippen donnernd
brechen, in lieblichem Tale, wo Blumen aller Arten das Auge erfreuen, wo
Getreidefelder wie Meeresfluten vom Winde bewegt auf und nieder wogen, da
kann man die Einsamkeit fühlen. Aber dennoch mag das aufrührerische Herz
dann nach jemand rufen, der es ganz versteht. Gleichgültige Menschen oder
die Menschen, die uns nicht begreifen, für die wir ein Rätsel sind und
die uns »verändern« wollen, weil ihre Eigenart der unsrigen wie ein
Positiv und Negativ gegenübersteht, die mildern nicht die Einsamkeit --
sie vergrößern sie unter Umständen.
Aber um wieviel schrecklicher ist die Einsamkeit, wenn die Natur
geschwunden, wenn hohe, düstere Häuser, ernste Menschen, lärmende
Fuhrwerke und häßliche Ankündeschilder uns umgeben? Persönlich bin ich
der Ansicht, daß man nirgends auf Erden besser studiert als in London,
weil alle Zerstreuungen fehlen und man nur an sein Wissen denkt, und auch,
daß niemand die Einsamkeit vollkommen kennengelernt hat, wer nicht einen
Winter ganz allein in der Siebenmillionenstadt geweilt hat. Wer diesen
Ernst, die ewige Ruhe inmitten des ohrenbetäubenden Lärms, den Nebel und
immer bedeckten Himmel ein Jahr lang ausgehalten hat, der kann mit Recht
von sich sagen, daß er »den lieben Herrgott kennengelernt« hat, und das
in keineswegs erfreulicher Weise.
Die Bauten sind meist aus rotem Ziegelstein, vom Nebel und Regen mit
einer schwarzbraunen Kruste überzogen. Auch in Häusern, wo man
verhältnismäßig viel für ein möbliertes Zimmer bezahlt, ist die Treppe
nach zehn Uhr abends, in anderen auch früher ein schwarzer Schlund, in
dem man sich auf gut Glück und oft auf allen Vieren begeben muß, wenn man
nicht ein vorzeitiges Ende nehmen will oder es wünscht, einen Teil seiner
Knochen gebrochen zu haben. Aber was sind alle diese Uebelstände gegen
die Einsamkeit, die einen nicht bigotten Ausländer an einem englischen
Sonntage überkommt, wo jeder Engländer wenigstens zweimal des Tages in
die Kirche geht und zwei Stunden jedesmal drinnen sitzt.
Wenn man die ganze Woche angestrengt gearbeitet hat, geht man nur ungern
am einzigen Ruhetag in ein Museum, wo der Geist wieder angestrengt wird,
schlafen kann man doch auch nicht von Samstag abend bis Montag früh, und
mit seinen trüben Gedanken als einziger Gesellschaft die alten Kleider
verbessern oder Handschuhe waschen, ist, wie nützlich und sogar notwendig
dies auch sei, keine Erholung für die Werkeltagsmühe. Im Winter regnet
es, und im Sommer, wo man die Parke besuchen kann, sind diese kein
Eldorado. Fliegt einem nicht der Ball eines Kindes an den Kopf und saust
nicht der Reif eines anderen gegen die Füße, so stolpert man gewiß
über ein paar Liebende, die im Grase liegen und über so eine
Rücksichtslosigkeit natürlich entrüstet sind. Bleibt das Daheimbleiben
in einem zweifelhaft reinen Zimmer, das, selbst wenn es gassenseitig ist,
keinerlei Abwechslung bietet, da in den Hauptstraßen nur Aemter in
den oberen und Geschäfte in den unteren Stockwerken sind und in den
Seitengassen, wo Leute wohnen, nichts zu sehen ist, da nur diejenigen oder
doch fast nur diejenigen die Gasse betreten, die eben in ihr wohnen. Dafür
hat man andere Besucher von etwas zweifelhaft angenehmer Art. Allerlei
Leierkastenmänner kommen angezogen, die um der Feier des Tages willen
ausschließlich Hymnen spielen und mit gebrochener Stimme manchmal den
Text dazu singen; ferner kommt im Winter der Butterkrapfenmann mit seiner
melancholisch klingenden Glocke, der mir fast immer Tränen entlockte.
Klingt doch sein »Bim-bim« genau wie das Schellengeläute und mahnte mich
der Ton deutlich an die Heimat mit ihrem hohen Schnee, dem warmen Ofen, den
zischenden Bratäpfeln und dem blauen Himmel, der auch im Winter so klar
sein konnte, sobald es zu schneien aufgehört. Ihm folgen die Bettler, die
je nach ihrem Temperament eine schreckliche Mordgeschichte, ihren eigenen
Lebensbericht in Versen verfaßt, oder eine Hymne singen, glücklicherweise
aber mit solchem Gekrächze, daß man der Worte verlustig geht und sich
der Kunstgenuß auf die lieblichen Töne beschränkt. Der Apfel- und
Orangenmann bleibt auch nicht aus. Auf seinem zweirädrigen Wagen, besser
seiner Schubkarre, fährt er durch alle Gassen, sein »=two pence a
pound=« ausrufend und seine schmutzigen Finger dabei über die Früchte
gleiten lassend -- wahrscheinlich um den Genuß zu erhöhen. Endlich
erscheinen die Zeitungsausträger, die ihr gellendes »Evening News«
oder »Sunday Times« mit den betreffenden in den Blättern befindlichen
Neuigkeiten ausschreien, als ob sie die Toten zum Leben erwecken wollten
oder einen Wettbewerb mit den Posaunen von Jericho eingegangen wären.
Gewiß ist wenigstens einer -- meist jedoch zwei oder drei Leute -- in der
Gasse der glückliche Besitzer eines Grammophons, und da es bekanntlich
sehr sündhaft wäre, sich am Tage des Herrn weltlichen Vergnügungen
hinzugeben, so ein ehrsamer Ladenbesitzer aber andererseits nur am Sonntag
Zeit genug hat, sich den musikalischen Genüssen zu widmen, so besänftigt
er sein Gewissen und befriedigt gleichzeitig seine Sehnsucht, indem er
ausschließlich Hymnen spielen läßt.
Langsam aber sicher wirken diese äußeren Umstände auf den inneren
Menschen -- den Charakter, das Gemüt -- zurück. Das Leben ist nicht
länger Leben, sondern ein trauriges Dahinschleichen in erdrückender
Atmosphäre. Rom ist die Stätte der Kunst, Paris die der Unterhaltung, des
wilden Genießens, London aber die des Studiums, des Handelns und -- des
Vergessens, denn ein Schleier senkt sich dort wohltuend auf Geist und
Körper, man vergißt, vergißt alles, mit der Zeit selbst, daß man noch
am Leben ist. Daher sagt man mit vollem Recht, daß alle die Leute, die
getäuschte Hoffnungen zu begraben haben, nach England kommen, nicht nur,
weil es das Land der Freiheit ist, sondern hauptsächlich weil sein Klima,
die Lebensverhältnisse, der große Unterschied in allem zwischen dem
Inselreiche und dem Kontinent das Vergessen so sehr erleichtern. Die
goldene leuchtende Sonne Roms scheint eine Ironie zu sein, wenn im Innern
eine so grauenvolle Finsternis herrscht; die Heiterkeit in Paris erweckt
Aerger, Neid, Unwillen in den Herzen derer, die mit den Freuden des Daseins
abgeschlossen zu haben meinen, aber der graue Himmel Großbritanniens,
die abweisende Haltung der Engländer, die nicht in die Geheimnisse
einzudringen trachten, die uns neben sich leben lassen, ohne sich um uns
zu kümmern -- alles dies erleichtert uns das Vergessen. Alle entthronten
Herrscher gehen dorthin ins Exil. Staatsmänner, deren Staatsstreich
mißlang, Nihilisten, die dort von Freiheit träumen, Verbannte, die nie
zurückkehren dürfen, Politiker, die von ihrer Höhe gestürzt, Liebende,
die ihr Glück auf immer begraben haben, sie alle ziehen nach London. Wer
mit dem Leben -- dem erträumten, dem erhofften Leben -- abgeschlossen hat,
begibt sich auf die Insel, und dort verwandelt sich der Schmerz, auch der
heißeste, der wildeste, in Melancholie. Wer zuviel von ihr abbekommt,
versinkt entweder im Schlamm des Lasters oder begeht Selbstmord.
Ich saß in meinen vier Pfählen und hatte eben in der oben aufgezählten
Ordnung den Butterkrapfenmann, die Bettler, den Orangenverkäufer, die
Zeitungsausschreier und einige Leierkastenspieler vorüberziehen gehört,
hatte meine Handschuhe und andere Kleinigkeiten gewaschen, denn der warme
Dunst des siedenden Wassers erwärmte gleichzeitig das Zimmer, in dem es
Ende März noch immer sehr kalt und unfreundlich war, hatte einige Minuten
lang die fallenden Regentropfen beobachtet und vernahm eben, daß zwei
Grammophone »losgelassen« worden waren. Ich hatte die größte Lust,
mich, wie schon oft, auf das Bett zu werfen und bitterlich zu weinen, aber
da ich wußte, daß es nicht dabei blieb und ich mich im Uebermaß der
Verzweiflung wieder gegen die kahlen Wände werfen und mir tagelang das
Lächeln physisch wehtun würde, bezwang ich mich. Ich zog meine Jacke
an, um wenigstens nicht zu frieren, und mich auf das Bett, den einzigen
bequemen Platz, setzend, zog ich einen Brief Jennys aus der wurmstichigen
Tischlade, den ich am vorhergegangenen Abend bekommen hatte. Wenn doch
meine Schwester mir ähnlicher gewesen wäre! Nein, sie war Mamas Ebenbild,
ich konnte nicht hoffen, bei ihr Verständnis zu finden. Sie war -- dem
Himmel sei Dank -- wie andere Mädchen!
»Käthelchen!« begann der Brief.
»Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr mich Dein Brief und besonders das
schöne Armband gefreut hat. Weißt Du, eigentlich fürchtete ich schon,
daß Du so gelehrt geworden seist, daß Dir nur ein Buch eine passende Gabe
für mich erschienen wäre, -- mir, die ich es dem Gutenberg nie verzeihen
kann, die dumme Buchdruckerkunst erfunden zu haben. Wenn Mönche noch
heutzutage Bücher kopieren müßten, brauchte ich weder so viel zu
studieren, noch so viel langweilige Klassiker durchzulesen, gerade
damit ich »gebildet« bin. Ich gehe viel lieber auf das Eis und fahre
Schlittschuhe oder tanze -- ach Käthe, wieviel ich heuer im Winter getanzt
habe! -- oder gehe ins Theater, aber Mama hat mir diesmal nicht so viel
hübsche Blusen gekauft, was mich oft ganz unglücklich gemacht hat.
Käthe, denkst Du nie an das Heimkehren? Jetzt läufst Du schon drei Jahre
in der Welt herum und Mama sagt immer, daß es kein gutes Licht auf uns
werfe. Ich mache mir nichts aus dem ›guten Licht‹, aber ich möchte
Dich so gern hier haben, damit ich öfter ausgehen könnte. Du weißt, Mama
findet, es schickt sich nicht, daß ein junges Mädchen allein ausgeht, und
wenn ich sage, ja, aber die Käthe, so sagen alle: ›Ja die Käthe!!!‹
und Tante Elly fügte hinzu: ›Die hat doch alles nach ihrem Kopfe
getan‹.
Glaube nicht, daß ich nie ohne Sehnsucht an Dich denke. Mir sagte die alte
Köchin, daß Du jemanden einst sehr, sehr lieb gehabt hast und deshalb
fortgezogen bist, und daß Du ihn nie, nie vergessen wirst, obschon er
schon lange tot ist. Seit der Zeit lege ich jedesmal Blumen auch auf sein
Grab, wenn ich Papas letzte Ruhestätte besuche und flüstere leise: ›Von
der Käthe!‹ Bist Du mir böse, weil ich dessen erwähne? --
Wie ich meinen achtzehnten Geburtstag feierte, fragst Du, lieber Kather?
Wir hatten das reinste Familienkonklave. Zuerst kam Tante Emma mit der
spitzen Nase und dem langen Strickstrumpf.
»Ist mein kleines Mädelchen noch nicht bei der Arbeit?« fragte sie mich,
denn sie will, ich soll jeden Tag wenigstens einen halben Strumpf für die
Armen stricken.
»Aber Tante, an Festtagen arbeitet man nicht, das steht im Katechismus,«
erwiderte ich.
»Müßiggang ist aller Laster Anfang,« entgegnete Tante Emma streng,
»aber für heute muß man dich wohl entschuldigen.«
Als Geschenk gab mir das Scheusal ein Nähkörbchen.
Ihr folgte Tante Paula, die mich ermahnte, nicht wieder die heilige Messe
zu versäumen. »In den Park gehen, das kann die kleine Madame Eitelkeit,«
sagte sie streng, »aber in das Gotteshaus gehen, dazu sind die Beine zu
schwach. Hier hast du ein neues Gebetbüchlein, mein Täubchen!«
»Alte, geizige Krähe,« dachte ich mir, »du siehst mich schon nicht so
bald in der Kirche. Ich kann daheim auch beten, und Mama tut es auch nicht
anders.« (Jenny war nicht ungläubig -- nicht an allem zweifelnd und
verzweifelnd wie ich selber, aber oberflächlich, vollkommen gleichgültig.
Ich beneidete und ich beklagte sie. Wer nicht tief empfindet, leidet, aber
genießt auch weniger.)
Ach, Käthe, Du wirst nie erraten, was mir meine Mama gab. Denke Dir, eine
Bettgarnitur! Ich bin so ein dummes Mädel, aber kaum war Mama bei der
Türe draußen, so hielt ich es nicht länger aus. Ich warf mich auf die
neuen Schätze und weinte, weinte Fluten von Tränen, und doch hätte
ich keinen richtigen Grund anzuführen gewußt. Ich hatte nur so ein
unbestimmtes Gefühl -- bitte, Käthe, lach' mich nicht aus! --, daß mir
eine Bettgarnitur nur Freude bereitet hätte, wenn sie für zwei gewesen
wäre, so ein dummes, dummes Ding ist Deine Schwester. Und ich kenne ja
nicht einmal einen passenden »Zweiten«.
Um 11 Uhr kam Tante Hermine, Onkel Paul und meine Basen, die mir Blumen
und Tante Stoff zu Hemden gaben. Zu Hemden! Hemden muß mir Mama in jedem
Falle kaufen, wenn ich nicht hemdenlos durch die Welt gehen soll, aber eine
Tante, die sich 364 Tage jede abfällige Bemerkung und jede
verletzende Kritik erlauben kann, hat die moralische Verpflichtung, am
dreihundertfünfundsechzigsten Tage ihrer Nichte als Ersatz dafür ein
wunderschönes Geschenk zu machen, so eine Art Schmerzensgeld zu zahlen,
aber Hemden, das ist die Pein noch erhöhen. Ich hatte so fest auf eine
mattblaue Seidenbluse mit zwei Falten auf jeder Seite und -- aber ich
weiß, daß Dich Kleiderfragen nicht interessieren -- gerechnet, und nun
diese Enttäuschung.
Berta puffte mich, als ich an ihr vorbeiging.
»Wie ich achtzehn Jahre alt war, hatte ich schon einen Bräutigam,« sagte
mir die Natter. Ich hätte ihr gerne geantwortet, daß sie ihn nicht selber
und ehrlich erworben habe, sondern daß große Fleischköder in Gestalt
unzähliger Bewirtungen ausgeworfen worden waren, und daß ein Mann immer
anbeißt, wo es etwas zum Essen gibt; aber Mama warf mir einen warnenden
Blick zu, und ich strafte sie einfach mit geringschätzigem Lächeln.
Tante Hermine bemerkte plötzlich, daß ich mein Sonntagskleid an- und
keine Schürze umhatte.
»Natalie,« sagte sie zu Mama, »deine Tochter wird nie einen Mann finden.
Wenn ein junges Mädchen nicht häuslich erzogen ist und auf den Mann nicht
gleich den Eindruck eines fleißigen Hausmütterchens macht, da ist alle
Hoffnung, sie zu versorgen, vergebens.«
»Aber Hermine, das Kind --« entschuldigte sich Mama.
»Jenny ist kein Kind mehr, Jenny ist heute eine ganz erwachsene junge
Dame,« widersprach die Tante. In meiner Achtung stieg sie dadurch
ungemein, und ich begann ihr sogar das Hemdengeschenk zu verzeihen.
Kaum waren diese Besucher gegangen, als Tante Elly mit Kusine Lotta
anmarschiert kam. Beide wünschten mir viel Glück und mischten, wie immer,
gehörig Pfeffer der Bissigkeit bei.
Tante Elly betrachtete mich eine Weile mit demselben Gesichtsausdruck, den
ich bei ihr wahrgenommen habe, sooft sie in einer Fleischwarenhandlung
die Schinken und Hammelkeulen einer Prüfung unterwirft oder am Markte die
Melonen und Gurken auf ihre Reife prüft, dann wandte sie sich an Mama und
sagte:
»Jenny kleidet sich, als ob sie schon erwachsen wäre, und wie immer gibst
du, Natalie, bei deinen Kindern nach. So ein Backfischlein soll noch kurze
Kleider tragen und in jedem Fall sich nicht die Locken drehen.«
»Jenny sollte lieber noch die Naturwissenschaften studieren, sie ist
noch ein furchtbarer Ignorasmus und müßte wenigstens drei Jahre
täglich Unterricht von guten Professoren erhalten, um sich in gebildeter
Gesellschaft sehen lassen zu können,« fügte Lotta bei, und ihre
Nasenspitze fuhr in die Luft.
»Meine Liebe,« dachte ich mir, »so viel von der Naturgeschichte weiß
ich wahrlich, um bestimmen zu können, daß du eine auf zwei Beinen gehende
Klapperschlange bist,« aber laut wagte ich nichts zu sagen. Du, Käthe,
hättest ihnen gleich eins über den Schnabel gegeben. (Und mit Vergnügen,
dachte ich. Arme Schwester!)
Lotta gab mir eine kleine Bronzefigur, einen Tänzer vorstellend, und
fügte der Gabe noch einige gute Lehren bei. Tante Elly gab mir eine Tüte
Backwerk -- zur Versüßung der Pille wahrscheinlich. Sodann versicherte
sie Mama, daß sie bei uns beiden den Erziehungswagen total verfahren habe,
daraufhin gingen sie. -- --
Als ich nach dem Abmarsch sämtlicher Verwandten durch den Garten lief,
um mich moralisch auszulüften und gerade über ein paar Rasenflächen
gesprungen war, hörte ich über den Zaun herüber den jungen Doktor mit
verstellter Demut fragen:
»Wohin sehen meine Augen die achtzehnjährige Majestät in voller Würde
schreiten?«
Ich ärgerte mich wahnsinnig, nicht würdevoller den Garten
herabgeschritten zu sein, denn weißt Du, Kather, dieser junge Mann ist der
Sohn des Oberstabsarztes, der soeben sein Doktorexamen überstanden hat und
nun darauf ausgeht, die Mitmenschen so schnell als möglich in die nächste
Welt zu schicken, wie Großmama sagt, was aber nur Verleumdung ist,
verstehst Du? Er ist so hübsch und hat einen so zierlichen schwarzen
Schnurrbart und so schöne schwarze Augen und ein interessantes blasses
Gesicht, daß ich mich ihm gleich anvertrauen würde -- wie dumm ich mich
ausdrücke --, jetzt wirst Du glauben, seiner Schönheit willen geschieht
es. Nein, nein.
Eigentlich behandelt er mich gar nicht als »erwachsen«, er hat mich vor
ganz kurzer Zeit noch am Zopfe gezogen und fragt mich auch, sooft er mich
sieht, wie viele Speise ich kürzlich bei meinen Kochversuchen verdorben
habe, aber ich antworte immer höflich -- man muß gegen Nachbarn höflich
sein, sagt Mama, und so entgegnete ich auch diesmal ohne scheinbaren
Aerger:
»Ich hole einige Blumen für den Mittagstisch.« Ein wenig warf ich
trotzdem die Lippen auf. Einer erwachsenen Dame gegenüber -- -- --
Aber im nächsten Augenblick war jeder Mißmut verschwunden. Er reichte
mir einen Strauß der herrlichsten La France über den Zaun und rief
fröhlich:
»Gratuliere, Geburtstagskind!«
O Käthe, Männer können doch entzückend sein, wenn sie wollen -- aber
leider wollen sie nur so selten, so äußerst selten!
Ich habe mir die Rosen aufgehoben, als sie trocken geworden. Man hat nur
einmal im Leben einen achtzehnten Geburtstag, gelt, Käthe? Ich wünschte,
ich wäre so mutig wie Du und könnte in die weite Welt ziehen. Der Doktor
-- ich habe Dir gar nicht seinen Namen gesagt, er heißt Emil Wurmbrandt --
hat mir neulich gesagt:
»Fräulein, um Ihret und um Ihrer Freunde willen wünschte ich, daß Sie
Ihrem Fräulein Schwester ähnlicher wären!« Käthe, wie soll ich das nur
anfangen? Willst Du mir helfen?
Jetzt muß ich schließen -- wir gehen auf ein Tanzkränzchen, und ich habe
ein hinreißend schönes Kleid mit rosa Schleifen auf der rechten -- aber
das interessiert Dich nicht.
Schicke nur recht oft ein Modeheft!
Deine Schwester Jenny.«
Ich legte den Brief neben mich auf das Bett, dessen Matratze in mir das
Empfinden wachrief, als läge ich auf einem Kartoffelsack, denn sie bestand
aus Hebungen und Senkungen, mit gelegentlichen Vorgebirgen und Tiefebenen,
lehnte mich müde zurück und dachte über die Zeit meines freiwilligen
Exils nach. Drei Jahre, seit ich von der Heimat fort war! Der Mann, den
ich einst geliebt hatte, war tot -- und mehr. -- Oft später hatte ich
Heiratsanträge von Männern der verschiedensten Nationen gehabt, ohne daß
ich mich zu einer Ehe hätte entschließen können. Sie sprachen dieselben
Worte, gebrauchten dieselben Beteuerungen, würden dieselben Kosenamen
anwenden, die _er_ einst gebraucht, und dies verletzte mich jedesmal im
Herzen. Ich hätte es nicht ertragen können, nein, nie! Jennys
biegsamer Charakter, ihr flatterhafter Sinn paßten sich den heimischen
Verhältnissen viel besser an als der meinige. Sie würde heiraten, weil
man ihrer und Mamas Ansicht nach heiraten mußte, weil es »hübsch«
war, »gnädige Frau« zu sein, und weil man sich doch nicht um eine
Hochzeitsreise beschwindeln lassen durfte, nicht weil sie den Mann, den sie
erwählte, besser als alles auf Erden liebte. Sentimental war Jenny nicht,
sie genoß das Leben, ohne sich über das Warum und Woher den Kopf zu
zerbrechen.
Drei Jahre! Mir schienen es zwanzig Jahre, so reich an Erfahrungen war
die Zeit gewesen. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde, sagt man, um
so besser vernimmt der Unglückliche nicht nur den Stunden- sondern
den Sekundenschlag. Dem Frohen dünkt das Jahr eine angenehme Folge von
Frühling, Sommer, Herbst und Winter, der Traurige teilt das Jahr in
365 Tage ein, von denen jeder Tag 24 Stunden hat, von denen er gewiß
16 Stunden sich seiner Lage voll bewußt ist und die 60 Minuten jeder
einzelnen Stunde auf bleiernen Schwingen vorüberziehen fühlt.