Ich nahm das Heft auf, bevor seine kleine Hand es erreichen konnte. Die

Schrift war klar und deutlich, und ich hielt ihm das Blatt lächelnd

entgegen.

»Mister Ming Tse, jetzt würde ich wirklich gespannt sein, die Wahrheit

zu hören, aber bemühen Sie sich nicht, wenn das vielleicht ein zu großes

Opfer ist,« sagte ich ohne irgendwelchen Unwillen zu verraten. Chinesen

lieben es, der Wahrheit so viel als möglich aus dem Wege zu gehen,

sie haben gegen diese Dame eine unüberwindliche Abneigung, und einem

Nationalcharakterzug muß man Rechnung tragen.

Meist gestand Ming Tse sodann auch lachend ein, daß er einfach mit den

Indiern, die im Hause wohnten, die kostbare Zeit verschwätzt hatte,

was ihn aber trotz aller meiner Vorstellungen nicht veranlassen konnte,

größeren Eifer an den Tag zu legen.

»Ich mag nicht studieren,« erklärte er offenherzig.

Seine französische Aussprache hätte jeden Franzosen kopfstehen vor

Entsetzen gemacht und sein Deutsch war gleichfalls unter jeder Kritik,

dafür besaß er in letzterer Sprache einen Wortreichtum, den ich unter

sehr merkwürdigen Umständen entdeckte.

Eines Tages kam ein kleiner Chinese -- ein 15jähriges Bürschlein -- ihn

besuchen, gerade als ich dort war, und da legte Ming Tse einen Eifer an

den Tag, der mich besonders amüsierte. Er stellte selbst Fragen an seinen

Freund und gab allerlei, meist falsche Aufklärungen, aber ich wollte

ihm die Genugtuung, ein wenig protzen zu dürfen, nicht verleiden, da ich

hoffte, daß dies ihn mit einem gewissen Ehrgeiz erfüllen werde in Zukunft

mehr zu leisten. Auf einmal lehnte er sich gravitätisch zurück, sah

herablassend auf seinen Landsmann und teilte ihm mit, daß er nun deutsch

mit ihm reden werde, -- wovon der andere selbstredend keine blasse Ahnung

hatte.

»Wo bist du, mein lieber Esel?« eröffnete er die merkwürdige

Unterhaltung und fuhr unbeirrt fort: »Du Schafskopf, Rindvieh,« und so

weiter, während der kleine Freund ihn voll Bewunderung anschaute und

ihm ein Kompliment nach dem anderen machte. Zusammen wirkte dies so

unwiderstehlich, daß ich aus dem Lachen nicht herauskam, aber als der

Besucher verschwunden war, fragte ich doch etwas streng:

»Um Gottes willen, Herr Ming Tse, wo haben Sie diese Kenntnisse

gesammelt?«

»In der Schule hier in England, von meinem deutschen Professor, er hat das

jeden Tag wiederholt.«

Und das war auch alles, was er trotz aller meiner Anstrengungen jemals gut

in meiner Muttersprache sagen konnte.

Schon nach den allerersten Stunden hatte er es eingeführt, mir mit

Früchten oder sonst irgend etwas, einem Glas Limonade oder Fruchtsaft

aufzuwarten. Sobald die Stunde vorüber war -- und wann sie zu Ende sein

sollte, bestimmte immer er, indem er einfach das Buch schloß und eine

Zigarette entzündete; nichts hätte ihn da vermocht, auch nur fünf

Minuten weiterzuarbeiten, so daß ich mich notgedrungen fügen mußte --,

zog er einen Stuhl ans Feuer, setzte einige Bananen auf einen Teller und

befahl kurz und bündig:

»Jetzt müssen Sie essen.«

Die Aufmerksamkeit rührte mich jedesmal. Wie wenige Schüler denken daran,

wie anstrengend es für den Lehrer ist, zwei Stunden hintereinander zu

sprechen und die ganze Spannkraft des Geistes auf einen einzigen Punkt zu

lenken, damit der Schüler so viel Nutzen als möglich vom Unterricht hat?

Ich nahm also eine Banane und aß.

»Sie müssen auch die zweite essen,« erklärte er in einem Tone, der

mich riesig unterhielt, da er so gebieterisch war und jeden Widerspruch

meinerseits von vornherein abschnitt -- jetzt war er der Herr, und dieser

Austausch der Rollen verursachte mir stets Heiterkeit.

In solchen Momenten teilte er mir seine Beobachtungen mit, und ich mußte

mir eingestehen, daß er ein scharfer Kritiker und ein feiner Beobachter

war, wenn er auch als Schüler nur als Null vor der Ziffer glänzte. Zudem

hatte er eine unwiderstehlich komische Art, seine Ansichten in trockener

Weise und mit großer Entschiedenheit kundzutun. Dazu setzte er ein Gesicht

auf, das einen zum Tode Verurteilten zum Lachen gereizt hätte. Auch in

den Stunden selbst konnte er durch seine Gewohnheit, den Federstiel in

den linken Mundwinkel zu stecken und die Feder gegen die Decke zeigen

zu lassen, wobei er die Augen zusammenkniff und den Kopf zurückwarf, so

lächerlich phantastisch aussehen, daß ich vor Lachen kaum zu sprechen

vermochte.

»Wie lange rauchen Sie schon?« fragte ich meinen kleinen Chinesen in so

einer Plauderstunde.

»Seit meinem siebenten Jahre,« versetzte er und fügte mit sichtlicher

Zufriedenheit hinzu, indem er mit der Hand über seine Brust fuhr: »Es ist

alles ganz schwarz da drinnen, und daher bin ich auch so klein geblieben.

Wenn mein Vater das wüßte, würde er mich zu Tode prügeln -- aber nur

die Mutter weiß es.«

»Ja, ja, die Mütter,« dachte ich, »die sind überall dieselben.«

»Deshalb sind Sie auch wenig zum Studium aufgelegt,« sagte ich zu ihm;

»könnten Sie nicht etwas weniger rauchen?«

»Ich werde versuchen,« entgegnete er mit jener Betonung, die beweist,

daß der Versuch mißglücken wird, aber geradeaus »nein« zu sagen, davon

hielt ihn seine chinesische Höflichkeit ab.

Ein anderes Mal fand ich einen silbernen Bleistift auf meinem Platze, und

Ming Tse sagte in gebieterischem Tone: »Für Sie!«

»Aber Herr Ming Tse --« begann ich, als er mir in die Rede fiel.

»Wenn Sie ihn nicht annehmen, so studiere ich nicht,« und seine zarten

Kinderhände hatten das Aufgabenheft erfaßt, bereit, es zu zerreißen.

Seine schwarzen Augen blitzten hinter den Augengläsern hervor, und die

ganze Gestalt verriet die Sehnsucht, mich zwingen zu wollen. Ein Blick auf

den schlanken, mir unentwickelt scheinenden Körper ließ mich das Komische

in der gegenwärtigen Lage sehen, und lächelnd sagte ich zu ihm:

»Ich danke Ihnen, Herr Ming Tse, Sie hätten dies aber nicht tun sollen.«

»Gegen seine Professoren muß man immer höflich sein,« erwiderte der

Chinese; »in China darf man einen Lehrer nie wegschicken, falls er, alt

und schwach, um Hilfe zu bitten kommt, und ein Lehrer hat auch das Recht,

uns zu schlagen, und er darf uns bei unserem Taufnamen nennen, was nur die

Eltern außer ihm tun dürfen.«

Ich wußte, daß die Frau nicht das Recht hatte, diesen Namen

auszusprechen, und daher überkam mich eine unbezwingliche Lust, zu hören,

wie der heilige Name lautete. Ich fragte ihn also mutig.

»Li Bai,« war die Antwort, »und Sie können mich so nennen,« fügte er

großmütig hinzu.

»Das wäre eine allzu große Freiheit meinerseits,« erwiderte ich, »aber

der Name ist sehr hübsch, und ich danke Ihnen, ihn mir genannt zu haben.«

Meine Antwort schien nicht seine volle Zufriedenheit zu erwecken, er

murmelte etwas vor sich hin, ließ indessen nichts laut werden und

begleitete mich gerade so höflich zur Türe wie immer.

Obschon es Mitte Februar war, litten wir noch immer unter einem wahren

Hundewetter. Es hatte wochenlang geregnet, und heute lag wieder ein

unbehaglicher Nebel über der Stadt, wenn auch nicht so dicht, als es oft

der Fall war.

Ganz vertieft in das eben Erlebte, ging ich so schnell als möglich die

Gasse hinauf und bog bei dem großen Briefkasten wie ein Pfeil um die Ecke,

während von der entgegengesetzten Seite jemand genau wie ich mit den Augen

auf den Boden und den Sinn auf andere Welten geheftet, daherkam, was zur

Folge hatte, daß wir mit voller Dampfkraft ineinanderfuhren -- meine

Tasche und Bücher flogen in einige Pfützen, und auch mein Angreifer

schien übel hergenommen zu sein, wenigstens lag seine Brille zerbrochen

auf der Erde. Ich rieb meine Nase, die mit einem ungalanten Westenknopf

unsanft in Berührung gekommen war, und mein Partner im Unglück fischte

im Kotmeer herum und führte merkwürdige Schwimmbewegungen aus, die mich

verstehen ließen, daß er -- oh, vergebliche Hoffnung -- seine verlorene

Brille wiederzugewinnen trachtete. Als ich näher auf ihn sah, erkannte ich

ihn.

»Mister Hoang-Zo!« rief ich überrascht und versicherte ihm gleichzeitig,

daß seine Brille das Zeitliche gesegnet hätte, worauf ich mich erbot, ihn

bis zur Türe seines Hauses zu begleiten. Er wohnte nur wenige Häuser von

Ming Tse entfernt.

»Was für Fortschritte macht Ming Tse?« fragte mich unterwegs mein

ehemaliger Lehrer.

Ich gab meinem kleinen Chinesen ein besseres Zeugnis als er es verdiente,

da ich wußte, daß ihm Hoang-Zo immer Vorwürfe machte, seine Prüfungen

nicht schneller zu vollenden, und sagte auch, daß ich Ming Tses große

Höflichkeit reizend fände.

Er lächelte, und ohne daß ich recht wußte warum, war mir das Lächeln

unangenehm. Es schien etwas auszudrücken, was ich nicht fassen konnte.

Er enthielt sich jeder Bemerkung mit Bezug auf meinen Schüler, dankte

mir für die Begleitung, entschuldigte sich wegen des Zusammenstoßes

und tastete seinen Weg in das Haus. Armer Mensch, ohne Gläser war er

vollkommen hilflos -- dieser Gedanke vertrieb sofort jede Neigung, auf ihn

wegen des unerklärlichen Lächelns böse zu sein.

* * * * *

Und Wochen kamen und gingen.

[Illustration:

A. F. Seebacher]

=Non ti lagnar de' mali,

Non creder soli i tuoi;

Ognuno dei mortali

Ha da soffrire i suoi.=

=Bertola.=

VI.

Als ich eines Abends wieder zur Stunde eintraf, lief mir Ming Tse erregt

entgegen, faßte mich an der Hand und zog mich, so schnell er konnte, in

das Zimmer.

»Fräulein Schulze,« rief er, »springen Sie auf diesen Stuhl, und sehen

Sie sich das Bild meines Vaters an. Ich habe es heute erhalten.«

Als ob das Haus in Flammen stünde und ich bei dem Feuerlöschen helfen

sollte, so hurtig warf ich meinen Mantel ab und zog die Handschuhe aus,

dann näherte ich mich dem Stuhle, den Ming Tse schon erwartungsvoll an der

Lehne hielt. Es war eines jener zarten Sesselchen, auf die sich keine

gute deutsche Hausfrau und noch weniger eine Oesterreicherin hätte setzen

dürfen, ohne daß eine Katastrophe zu befürchten gewesen wäre, und

selbst ich vertraute meine Seele (und meinen Körper) den höheren Mächten

an und hoffte nur, daß der Möbelfabrikant so vorsorglich gewesen wäre,

das zierliche Dingelchen mit einer unsichtbaren Haltbarkeit auszustatten.

Hierauf schwang ich mich darauf, während Ming Tse seine kleinen Pfötchen

auf die Lehne legte und zu mir aufsah. Während ich mir im stillen

ausmalte, wie es wohl wäre, wenn der Stuhl unter mir schnöde

zusammenbrechen und wer wohl zuerst auf der Bildfläche erscheinen und

meine Knochen zusammenlesen würde, hielt ich meine Augen gehorsamst auf

das große Bild des Vaters gerichtet. Es stellte einen großen Mann in der

Tracht eines Mandarins dar, mit einem langen Seidenkaftan und einer großen

Schärpe um die Hüften. Das Gesicht war bartlos und rundlich und hätte

bei flüchtiger Beobachtung als wohlwollend und gütig bezeichnet werden

können, aber wer sich die Mühe gab, näher hinzusehen, dem entging nicht

ein gewisser grausamer Zug um den Mund und eine unangenehme Falte nahe den

Augen. Die Haltung verriet Selbstbewußtsein und festen Willen. Als Freund

mochte er gerecht sein -- als Feind aber --?

»Wie gefällt er Ihnen?« erkundigte sich Ming Tse, indem er der schwanken

Basis, auf der ich stand, einen nicht mißzuverstehenden Puff gab, was ich

mir so auslegte, als »höre nun gefälligst mit den inneren Betrachtungen

auf!« Daher beeilte ich mich, meinen unsicheren Standpunkt so schnell als

tunlich zu verlassen.

»Sehr gut,« sagte ich, sobald ich wieder festen Boden unter mir hatte.

Was hätte ich sonst auch sagen dürfen?

»Sie freuen sich gewiß sehr, sein Bild erhalten zu haben?« fragte ich.

»Ja, sehr, und hier habe ich schon Seidenschleifen zur Fahne gekauft, die

ich herumwickeln will.«

Er entfaltete eine ganze Menge Seidenschleifen, die, einst irgendwie

miteinander verbunden, die chinesische Flagge darstellen würden. Er

reichte mir die Enden aller Bänder und hielt sie in der richtigen Ordnung,

indem er mich bat, eine Schleife daraus zu machen.

Er hätte mich ebensogut bitten können, auf dem Kopfe zu stehen und

ein Champagnerglas mit meiner großen Zehe zu präsentieren. Was

anderen Mädchen ein Kinderspiel war, das war für mich ein Ding der

Unmöglichkeit. Ming Tse bemerkte dies auch bald und nahm mir die Bänder

stumm aus der Hand.

»Sie passen besser zum Studium,« tröstete er mich lächelnd nach einer

kleinen Pause, in der ich mir gewaltig dumm vorkam. -- --

In den nächsten Wochen lernte ich Ming Tse, erleichtert durch folgenden

Umstand, immer besser kennen.

Kaum eine Woche nach dem Eintreffen des Bildes fand ich ihn eines Tages

sehr erregt vor, und seine ersten Worte überzeugten mich, daß etwas

Außergewöhnliches vorgefallen sein müsse.

»Setzen Sie sich zum Feuer, Fräulein,« kommandierte er, »wir müssen

etwas besprechen, bevor wir zu studieren anfangen.«

Ich gehorchte mit der gewünschten Eile und versicherte ihm, daß ich ganz

Aug' und Ohr wäre.

»Ich habe meinen Geschichts- und Mathematikprofessor davongejagt,« teilte

er mir kurz und bündig mit.

»Herrn L.?« fragte ich. »Warum doch nur?«

»Er wollte immer, daß ich zu ihm kommen sollte, und neulich war ich

wirklich zum Tee bei ihm und seiner Mutter. Beide versuchten mich zu

überreden, daß ich zu ihnen übersiedeln sollte, und seine Schwester

war -- sehr zuvorkommend gegen mich. Ich glaube, er wollte mich mit seiner

Schwester verheiraten,« fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.

Mir erschien plötzlich der Mathematikprofessor ein Ausbund irdischer

Verderbtheit, und ich lobte Ming Tse sehr, sich von ihm losgesagt zu haben.

»Außerdem,« fuhr der Chinese fort, »habe ich fast nichts von ihm

gelernt -- Geschichtsdaten wußte er selber nicht, und er trug immer so

undeutlich vor. Anstatt Mathematik erzählte er mir allerlei Geschichten

von Mädchen und --«

»Sie haben sehr, sehr recht getan, diesen unverschämten Menschen vor die

Tür zu setzen,« rief ich eifrig, und mir schien es, als sei es einfach

unverantwortlich, daß ein Europäer einen so unschuldigen Jüngling so

verderben wollte. Ob es aber wirklich nur aufrichtige sittliche

Entrüstung war, was mich so sprechen ließ und was mir den unbekannten

Mathematikprofessor als ein Ungeheuer vorschweben machte?

»Mathematik kann ich selbst weiterstudieren,« erklärte Ming Tse, »und

den Geschichts- und Geographieunterricht, den müssen Sie übernehmen,«

setzte er hinzu.

»Aber Herr Ming Tse, ich habe keine Zeit, ich --«

»Sie müssen, und wenn Sie nicht wollen, dann reise ich nach China

zurück, dann mache ich keine Prüfungen, dann ist alles umsonst -- Sie

müssen!« wiederholte er gebieterisch, und in seinem Gesichtchen las ich

zum erstenmal etwas wie weiche Bitte.

Mein kleiner Chinese! Er war ja trotz seiner maßlosen Faulheit mein

Lieblingsschüler, und ich hätte lieber auf den Schlaf verzichtet, als ihm

die Bitte abgeschlagen. Daher erklärte ich mich bereit. Glücklicherweise

hatte ich zu eigener Unterhaltung und Belehrung bei meiner Ankunft in

London viele Bücher über englische Geschichte gelesen und konnte daher

sehr zufrieden sein über die Grundlage. Natürlich würde ich mich für

jede Stunde besonders vorbereiten und auch einen Plan bezüglich des

Geographieunterrichts entwerfen müssen. Aber warum nicht? Es würde eine

ausgezeichnete Wiederholung für mich sein, eine Notwendigkeit sogar, kurz,

ich fand mich sehr leicht -- auffallend leicht -- in mein Geschick.

Ming Tse bestimmte zwei Tage zu je zwei Stunden, so daß wir uns nun

viermal die Woche sahen. Ich war froh, daß ich der Einsamkeit so

leicht entgehen konnte und segnete meine Beharrlichkeit in allerlei

Forschungsaufgaben. Mein Schüler machte gleichfalls den Eindruck,

zufrieden zu sein -- und, was konnte ich mehr wünschen?

Nachdem der junge Mann schon in Paris und London studiert und in China

zwölf Jahre lang Weisheit eingepaukt erhalten hatte, mußte er wohl

schöne Vorkenntnisse besitzen. Indessen war es doch immerhin der Mühe

wert, einige Sprungfragen, allgemeines Wissen betreffend, zu unternehmen.

Gleich bei meinem Kommen bat er mich, ihn nicht über englische Geschichte

zu fragen, sondern noch einmal von Jakob I. an den ganzen vorgeschriebenen

Lehrstoff vorzutragen. Dies tat ich also, ließ alles Ueberflüssige weg,

machte den Vortrag so einfach und so leicht faßlich als möglich und

diktierte ihm einige Stellen -- ich bestand nämlich darauf, daß er

Notizen nahm, damit meine Rede nicht ganz umsonst bleibe.

Nach dem eigentlichen Studium stellte ich einige Fragen an ihn, die mir

als zum unerläßlichen Wissen eines Menschen beider Hemisphären notwendig

schienen.

»Wer war Napoleon?«

Pause.

»Was wissen Sie von ihm? Etwas haben Sie gewiß von ihm gelesen oder

gehört?«

»Er war ein großer Kämpfer oder so etwas!« war die gleichmütig

gegebene Antwort. Mehr von dem Eroberer wußte er nicht.

»Wer war Christoph Columbus?«

»Nie von ihm gehört!«

»Herr Ming Tse!!! Christoph Columbus?« wiederholte ich, wie um ein Licht

im dunklen Gehirnkasten meines Schülers zu entzünden.

»War das nicht so ein Kerl, der einmal Bücher über Amerika schrieb?«

erkundigte sich mein kleiner Chinese, als ob ihn die Sache nichts weiter

angehen würde.

»Bücher hat er wahrscheinlich nicht so übermäßig viele geschrieben,«

konnte ich mich nicht enthalten etwas sarkastisch zu bemerken, »aber

entdeckt hat er das Land -- eine ganz unbedeutende Sache.«

Ming Tse lachte, er hatte den Spott herausgefühlt, der jedoch wirkungslos

an seiner asiatischen Ruhe abprallte.

»Was für ein nutzloses Geschrei die Europäer wegen einer solchen

Kleinigkeit machen,« sagte er verächtlich. »Wir haben Amerika schon viel

länger gekannt -- und ohne Columbus,« versetzte er und sah dabei aus, als

ob dieser Umstand einzig und allein ihm selber zu danken wäre. Aber da die

Chinesen Amerika wirklich ohne Columbus gefunden, wagte ich keine weiteren

Bemerkungen. Ich ging zur Geographie über, und da wurde alles verlangt --

die physische, politische und besonders die europäische Geographie.

Mit der physischen nahm ich den Anfang und hatte zum erstenmal die

Genugtuung zu sehen, daß der Schatten eines Interesses bei ihm erwachte,

als ich die verschiedenen Naturereignisse, so gut es ging, erklärte und

überall noch Zeichnungen hinzufügte. Dies lernte er in der Tat gut.

Hierauf wollte ich ihm ein wenig auf den Zahn fühlen bezüglich der

allgemeinen Geographie und bat ihn daher, mir die hauptsächlichsten

Länder Europas aufzuzählen und die Hauptstädte zu nennen.

Er fand nur drei Länder -- England, Deutschland und Frankreich. Ich half

ihm aus.

»Die Hauptstadt von Belgien?«

»Budapest.«

»Bedaure, was soll denn Ungarn ohne Hauptstadt anfangen?«

»Kopenhagen!«

»Aber Herr Ming Tse, Kopenhagen ist die Hauptstadt von Dänemark,« sagte

ich etwas geärgert.

»Mir auch recht,« erwiderte er gelassen.

Ich sagte ihm nun mindestens zehnmal alle Länder und Städte vor

und zeigte sie alle auf der Landkarte. Er sah sie alle an, als ob sie

Kieselsteine gewesen wären, und wiederholte, was ich sagte, wie ein

Kind, das schlaftrunken sein Vaterunser herableiert. Sofort bat ich ihn

aufzuhören -- welchen Nutzen hätte er von der Fortsetzung einer solchen

Stunde gehabt?

Im Herzen aber begann ich mich zu fragen, ob dieser Schüler trotz aller

meiner Mühe je eine Prüfung erfolgreich ablegen würde.

Nach den Geographiestunden plauderten wir wie nach all den übrigen

Stunden, und dabei fielen einige Streiflichter auf seinen Charakter.

Ob ich vielleicht, mir unbewußt, Hoang-Zo als Muster der Tugend

hingestellt, oder besser sein Talent und seinen Fleiß allzu häufig

rühmend erwähnt hatte, ich weiß es nicht -- jedenfalls kam Ming Tse zu

der Ueberzeugung, daß ich eine ungewöhnlich gute Meinung vom Philosophen

hatte, möglicherweise sogar eine bessere als von ihm selbst, und in seinem

Kopf erwachte sofort der Gedanke, diesen Nimbus zu zerstören, langsam und

vorsichtig, ganz langsam, aber sicher.

Als daher der Name Hoang-Zos wieder genannt wurde, schüttelte der kleine

Chinese sein rabenschwarzes Haupt, seufzte und sagte:

»Herr Hoang-Zo hat kein gutes Herz.« Pause. Er sah mich mit den Ecken

seiner Augen -- denn diese schwarzen Punkte im Nasenwinkel konnte man kaum

als etwas anderes bezeichnen -- forschend an und fügte hinzu:

»Aber sehr, sehr begabt.«

»Und sehr fleißig,« warf ich ein. »Er studiert den ganzen Tag im

Britischen Museum.«

»Oh, ja, Britisches Museum!« lachte er höhnisch. -- »Mädchen!«

»Herr Hoang-Zo??? Unmöglich!« rief ich voll Entrüstung. »Er kann die

Mädchen nicht leiden -- er denkt nicht an sie,« erklärte ich mit Eifer.

»Er hat schöne Mädchen sehr gern -- sehr gern -- und er ist ein

schlechter Mensch, aber dafür so begabt, so begabt, nicht wahr?« fragte

er mich.

Der Sarkasmus war unverkennbar. »Ich kenne Herrn Hoang-Zo nicht näher,«

erwiderte ich. »Gegen mich war er immer sehr lieb, ich bin aber auch nicht

schön und das erklärt ja vieles,« sagte ich und warf unwillkürlich den

Kopf in den Nacken. »Ich dachte indessen, Sie wären sein Freund.« Diese

Anspielungen mißfielen mir.

»Sein Freund?? -- Ja, wenn er Geld borgen will,« sagte Ming Tse.

Das war eine neue Entdeckung. »Braucht er so viel Geld? Er studiert auf

Kosten seiner Regierung, nicht wahr, und erhält 15 Pfund monatlich?« Das

hatte der kleine Chinese mir früher einmal mitgeteilt.

»Gewiß, aber 15 Pfund sind nicht genug, wenn man schöne Mädchen gern

hat,« fügte er schelmisch lächelnd hinzu.

»Ein Mädchen gern zu haben ist ja kein Verbrechen,« entschuldigte ich

meinen früheren Professor.

»Nein,« ohne mich anzusehen. Plötzlich funkelten die halbgeschlossenen

Augen zu mir herüber. »Aber er gibt ihnen Pulver.«

»Er gibt ihnen Pulver?« fragte ich verständnislos.

Der Kleine grinste wie der leibhaftige Gottseibeiuns.

»Pulver, daß sie einschlafen -- zwei Stunden einschlafen -- verstehen

Sie?« fragte er mich.

Und ob ich verstand! War eine so maßlose Schlechtigkeit in einem so

hochentwickelten Menschen möglich!! Konnte die grinsende kleine Figur vor

mir die Wahrheit sprechen?

»Man gibt jemand das Pulver doch nicht auf der Gasse und gegen den Willen

ein?« sagte ich, diese Anklage gegen meinen bewunderten Philosophen und

Professor abwehrend.

»Auch nicht nötig,« lachte Ming Tse. »Man lädt sie einfach zum Tee

ein.«

Ich fühlte, daß der Stuhl unter mir nicht Stütze genug war. Wie der

Reiter auf dem Bodensee, der starb, als er hörte, welchen Gefahren er

entgangen war, so schien es mir, daß ich zum mindesten ohnmächtig

werden könnte, wenn ich mir vorstellte, wie ich gedankenlos am Rande des

Verderbens herumgetänzelt war. Zum erstenmal in meinem Leben freute

ich mich, daß ich nicht so schön wie Jenny, daß ich das Gegenteil von

hübsch war.

Ming Tse mochte mein Entsetzen meinen weitaufgesperrten Augen ablesen, denn

er beruhigte mich, indem er sagte:

»Herr Hoang-Zo denkt auch sehr gut von Ihnen, er hat mir schon damals

von Ihnen erzählt und gesagt, daß er mit Ihnen eine Ausnahme macht, Sie

denken nur ans Studium.«

Ob mein Wissen oder meine Häßlichkeit ausschlaggebend war --

wahrscheinlich die beiden Dinge vereint --, war ich Mr. Hoang-Zo doch

über die Maßen dankbar, besagte »Ausnahme« gemacht zu haben, was immer

auch seine Gründe gewesen. Und ich, die ich den Tee mit so viel Vergnügen

getrunken hatte! Dieser Gedanke kam peinigend oft zurück und jagte mir

jedesmal die Gänsehaut über den Rücken.

»Himmel, wenn ich geahnt hätte, daß man so schlecht sein könnte!« rief

ich aus.

Ming Tse krümmte sich vor Vergnügen, ich mußte aber auch das

verkörperte Entsetzen ausdrücken.

»Nicht so sehr, sehr gut, nicht wahr, Fräulein, aber sehr begabt?«

fragte er mich.

»_Zu_ begabt!« rief ich ärgerlich.

»Mir liegt nichts an Mädchen,« versicherte mein kleiner Chinese mit

überlegener Miene. »Nur Mädchen, die älter sind als ich und die

viel wissen, die gefallen mir.« Pause, -- während welcher ich mich

einigermaßen zu fassen versuchte. »Und ich schaue nicht auf Schönheit

wie Hoang-Zo,« erklärte er.

Er stellte Früchte auf den Tisch. »Kein Pulver,« versicherte er

lächelnd.

»Gott sei Dank, daß dieser nette kleine Chinese kaum 22 und noch ein

ganzes Kind ist,« dachte ich. Wie wenig ich doch Chinesen verstand!

Mein ehrwürdiges Alter war damals 23, also hätte ich mir auf meine

Greisenhaftigkeit noch nicht allzuviel einzubilden brauchen.

Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman · 第 2 / 15 段