Ich setzte meinen Hut auf und zog den Mantel fester um mich. Ich wollte

durch die triefenden Gassen wandern, um meine Glieder in eine andere

Stellung zu bringen. Der frühe Abend war angebrochen, die Gaslaternen

warfen ihren Schein über das nasse Pflaster, und ich dachte, als ich

langsam in dieser Einsamkeit dahinstolperte, darüber nach, wie man die

gegenwärtige Lage verbessern könnte. Heimkehren wollte ich nicht, ich

brauchte bloß an alle Vorwürfe bezüglich meiner »Verschiedenheit« von

den anderen Mädchen zu denken, um diese Idee zu verwerfen, weiterleben so

konnte und wollte ich noch weniger. Da reifte langsam der Entschluß, den

ich bis jetzt verworfen hatte: Ich wollte sterben. Aber wie? Ich ging der

Reihe nach alle Gifte und ihre Wirkungen durch und wünschte, ich wäre

Chemiker. Aus den Bars drang Musik, aus einigen Häusern ertönte Lachen.

An den Mauern entlang huschten Schatten -- Unglückliche, die kein

Heim, kein Obdach hatten. -- Ich betrat Tottenham Court Road mit seinen

glänzenden Ankündeschildern, hellerleuchteten Cafés und vielen

Straßenlaternen. Gleichgültig gegen alles schritt ich dahin und blieb

unwillkürlich, eher geistig als körperlich müde, vor einem Bilderladen

stehen, als ich mir plötzlich bewußt wurde, daß jemand an meiner

Seite stand und ein Gespräch anknüpfen wollte. So etwas war mir früher

hundertmal passiert und hatte mir immer schnell über die belebteste

Straße geholfen, heute jedoch war ich so müde, daß ich mich nur langsam

weiterschleppte. Der Schatten an meiner Seite blieb, und ich hütete mich,

in seine Richtung zu schauen. Ich glitt vom Bürgersteig herab und ging auf

die andere Seite der Straße, worauf ich in eine Seitengasse einbog, die

mich nach Guildford Street zurückführen sollte.

Auf einmal sagte jemand dicht neben mir:

»Gu Habend!«

An meiner Seite stand der »Schatten« von früher. Ein koketter

Schnurrbart und große dunkle Augen waren das Auffallendste an ihm. In den

Augen vieler Mädchen hätte er gewiß als schön oder wenigstens hübsch

gegolten, mich stieß der siegesgewisse Ausdruck in seinem Gesicht ab.

Nachdem ich ihn von oben bis unten schweigend betrachtet hatte, ging ich

weiter. Er folgte unverdrossen, was man sonst in London nie tut, wenn keine

Ermutigung erfolgt. Was sollte ich tun? Der Kerl sah wie ein Italiener aus,

ich bat ihn daher in dieser Sprache, mich in Ruhe zu lassen.

»Ick bin Kritsch,« sagte er.

O du Himmel, von der Sprache habe ich noch nie etwas gehört. Konnte er ein

Orientale sein oder irgendein Südamerikaner? Er sah doch wie ein Europäer

aus. Ich versuchte es mit Französisch, mit Spanisch und Deutsch. Umsonst!

Alles, was ich erreichte, war:

»Ick sein Kritsch, Sie nette Mäk--ken!«

»Ick Tabak zuzuzuzuzuzu!« erklärte er nach einer Pause. Dieses Wort war

der gewünschte Blitz im Dunkel. Fast alle Tabakverkäufer in London sind

Türken oder Griechen. Der »Kritsch« war ein Grieche.

Vor einem schmutzigen Hause blieb er stehen.

»Hier bin ick!« erklärte er mir.

»Freut mich!« entgegnete ich und ging weiter.

»Nick gehn -- nick gehn --« rief er gereizt, lief mir nach und faßte

mich am Arm. Nirgends war eine Menschenseele zu sehen, die mir zu Hilfe

hätte kommen können, aber dessen bedurfte es auch nicht. Ich wußte,

daß ich eine Stimme produzieren konnte, die sich über mehrere Gassen

erstrecken würde -- wenn notwendig. Vorläufig versuchte ich im

einfachsten Englisch, jedes Wort so klar und deutlich wie möglich

aussprechend, dem »Kritsch« begreiflich zu machen, daß er an die

gefehlte Adresse gekommen sei.

»Gute Kaffee -- sehr gute Kaffee oben,« wiederholte er. »Süße Frückt,

viel süß auck,« zählte er seine Lockmittel auf.

Ich schüttelte den Kopf, daß mir das Genick weh davon tat. Dieses Zeichen

mußte denn doch international sein, aber die Hand des Griechen hielt mich

so fest wie im Anfange.

Endlich zog er ein Goldstück aus der Tasche und reichte es mir. Nun begann

der Spaß mir zu viel zu werden, und zum Glück erschien am Ende der Gasse

in diesem Augenblick die Säule der Gerechtigkeit. Das Geldstück gewaltsam

in die Hand des Griechen zurückdrückend und mit der freien Hand auf

die kommende Gestalt zeigend, stieß ich ihn von mir. Ein Blick auf die

uniformierte Persönlichkeit, das Sinnbild von Ordnung und Sittlichkeit,

war auch genug gewesen. Der »Kritsch« verschwand in dem Hause, als ob

der Böse hinter ihm wäre, und ich konnte ruhig meinen Weg fortsetzen. Die

Episode hatte mich aus der Melancholie aufgerüttelt und meinen Gedanken

eine andere Wendung gegeben.

Wenn nun so ein armes Mädchen, das vielleicht nicht genug Geld hat, um

für sein elendes Zimmer zu zahlen, an meiner Stelle gewesen wäre? Wenn

man so jemand das Goldstück angeboten hätte in einer kalten, trostlosen

Nacht? -- Wie leicht wird es den reichen Mädchen, die immer begleitet,

immer beschützt herumgehen, die nie etwas entbehren, gut zu bleiben, und

mit welcher herzlosen Verachtung und mit welchem Dünkel sehen sie auf ihre

unglücklichen Schwestern herab, die eine ganze Kette ungünstiger Zufälle

nach schwerem Kampfe aus reiner Ermüdung zu Fall gebracht. Diese

reichen Mädchen sollten bedenken, daß sie nur gut sind, weil sie keine

Möglichkeit haben, etwas anderes zu sein. Urteilen können sie erst, wenn

sie selbst im Kampfe gestanden und gesiegt haben, -- verurteilen nie. --

Ich schritt nachdenklich heimwärts. In den belebteren Gassen strömten

die Gläubigen aus allen Kirchen und sonstigen Gebäuden, wo religiöse

Uebungen abgehalten wurden, heraus, übermäßig elegant gekleidete Frauen

schritten mit gemalten Gesichtern und frechem Ausdruck um den Mund auf und

ab, im Rinnsal spielten einstige Künstler, die in der Welt herabgekommen

waren, Violine, und Sängerinnen, deren Stimme versagt hatte, sangen

Opernarien, vom Lärm der auf und nieder flutenden Fuhrwerke übertönt.

Vergrämt aussehende Italienerinnen mit schwarzem Tuche malerisch um das

noch immer anziehende Gesicht geschlungen, standen in den Pfützen

und drehten die Drehorgel, auf der mit großen Buchstaben ihre

Leidensgeschichte geschrieben war, Blumenmädchen boten schüchtern die

Parmaveilchensträuße an, und zwischen ihnen hindurch, an ihnen vorüber

schritt ich ernst und dachte darüber nach, wie ich wohl am besten sterben

könnte. Tränen des Himmels -- die kühlenden Regentropfen -- benetzten

mein blasses Gesicht, und der Wind fuhr wie leise liebkosend darüber hin.

Und so erreichte ich mein Heim -- besser das Loch, wo ich das erkaufte

Recht hatte, mich niederzuwerfen -- wieder.

Kein Licht -- trotz allen Gebets kein Licht -- zeigte sich am fernen

Horizont. Und die Tage kamen und schwanden.

=Voghiam, voghiamo, o disperate scorte,

Al nubiloso porto de l'obblio,

A la scogliera bianca de la morte= --

=Carducci.=

VIII.

Der Frühling mit seinen scharfen Ostwinden war vorüber, der Sommer

war jäh ins Land gezogen. Nicht länger legte sich der Nebel über die

Siebenmillionenstadt, aber der bekannte Großstadtdunst hatte zur Folge,

daß man den Himmel trotzdem nie klar zu sehen bekam, so daß ich mich oft

fragte, ob bei uns daheim der Himmel wirklich so blau gewesen, wie meine

Phantasie ihn mir nun vorspiegelte.

Ich hatte heimgeschrieben und Mama gebeten, mir Jenny auf einige Wochen zu

überlassen. Ich verdiente genug, um mir diesen Luxus leisten zu dürfen,

und ich verging vor Sehnsucht nach irgendeinem Wesen, mit dem ich hätte

sprechen können. Jenny verstand mich nicht, aber es war doch meine

Schwester, zu der ich sprach, um die ich sorgen durfte. Wie gefürchtet,

gab Mama nicht ihre Zustimmung. Die Tanten hatten ihr so lange abgeredet,

da es Jenny so selbständig machen würde, und ein Mädchen müsse

vorsichtig sein, wenn es eine gute Partie machen wolle usw. -- So war meine

letzte Hoffnung geschwunden. Mein alter Freund und Kollege war erkrankt,

viele Bekannten hatten London verlassen, die Verhältnisse im Amt waren

bedeutend unangenehmer geworden, eine kleine Französin, der ich lange

geholfen hatte, und für die ich monatelang allerlei Opfer brachte, zeigte

sich als Feindin und als vollständig undankbar -- ich war des ewigen

Einerleis satt, ich glaubte an nichts mehr, da Rettung von keiner Seite

kam, ich konnte das innere Gleichgewicht nicht finden, und was ich

vor wenigen Wochen noch als Möglichkeit betrachtet hatte, war nun zum

Entschluß geworden. Gifte waren schwer erhältlich, ich wollte daher ein

langsames Mittel anwenden, von dessen Unfehlbarkeit ich oft gehört hatte.

Ich kaufte Weinessig und trank ein Glas davon jeden Morgen. Oh, die Qualen,

die ich ausstand! Der Ekel, der mich jedesmal überkam, wenn ich das

Glas an meine Lippen führen sollte, die entsetzlichen Schmerzen, die dem

Genusse des Getränks folgten! Manchmal taumelte ich vor Schmerzen und

Unwohlsein gegen eine Straßenecke, oft saß ich Stunden nachher fast

regungslos auf meinem Stuhl im Amte, die Arbeit nur mechanisch ausführend,

während große Schweißperlen auf meiner Stirn standen. An manchem Tag

erbrach ich, was ich getrunken, und der Brechreiz und Ekel waren oft so

heftig, daß ich nahe daran war, das Glas auf den Boden zu schleudern und

aufzuhören, aber da sah ich mich in meiner Bude um, dachte, daß ich eine

lieb- und freudenlose Existenz möglicherweise noch sechzig Jahre würde

ertragen müssen, und wie sauer der Essig, wie furchtbar der Widerwille

auch war, ich setzte an und trank aus. Es war schwer, oh, so schwer zu

sterben, aber es war noch grauenvoller zu leben, vielleicht gar lange leben

zu müssen. Nur das nicht! Und ich trank -- ich trank -- und wieder kamen

die Tage und schwanden. --

In dem Dunkel, das mich umgab, war der einzige Lichtpunkt der kleine

Chinese. Seit über sechs Monaten war er nun mein Schüler, und jede Stunde

brachte uns näher zueinander. Er hatte Tee aus China erhalten und machte

nun jedesmal Tee, sooft ich ihm eine Stunde gab. Er hatte einen kleinen

Schnellsieder, einen Teetopf und zwei hübsche Tassen und war so geschickt

bei der Teefabrikation wie das allerhausmütterlichst erzogene deutsche

Mädchen. Er hielt mir immer das Wasser und die Kanne hin, damit ich mich

überzeugen konnte, daß kein »Pulver« verwendet wurde, obschon ich ihm

oft sagte, daß ich keinerlei Zweifel hegte.

Er hatte der großen Hitze wegen -- die ich zwar, sei es Schwäche oder

Unempfindlichkeit, nicht fühlte -- einen kleinen Fächer und fächelte

sich unaufhörlich; auch klagte er wieder, daß man hier so »dumm«

gekleidet gehe. Sein Heimweh war größer denn je.

Sooft er neue Kleider erhielt, zog er immer die Schachtel sorgsam auf

das Sofa und zeigte mir alles -- rühmte den Schnitt der Beinkleider, die

Weichheit des Stoffes, die Farbe der Weste usw. und führte auch seine

schönen chinesischen Seidenhemden vor, die mir wirklich gefielen. Sie

waren so dicht, so weiß und so weich. Sonst mußte ich über seine

Eitelkeit lachen. Er kaufte wenigstens vier Krawatten wöchentlich und war

auch in anderen Luxusartikeln geradezu verschwenderisch. Er war sehr eitel

und fand an Kleidern denselben Gefallen, hatte für die Mode dasselbe

Interesse wie Jenny daheim, stäubte seinen Salon täglich noch einmal

selbst ab, ordnete und kaufte Blumen und hatte sehr viel Sinn, ein Zimmer

behaglich zu machen. Er drückte allem, mit dem er in Berührung kam,

seinen Stempel auf, während ich immer, selbst daheim in meinem eigenen

Zimmer, ein Gast, stets ein Fremdling blieb. Mein einziger Stempel, wenn

ich überhaupt einen aufdrückte, war -- ich muß es mit Schande gestehen

-- die Unordnung.

Es geschah oft, daß Ming Tse nach der Stunde ein kleines Sträußchen

aus der Vase zog und es mir mit der Bemerkung gab, ich müsse etwas im

Knopfloch tragen. Als Schüler war er faul -- maßlos faul --, aber er

brachte mich mit seinen Grimassen, seinen treffenden Kritiken, seinen

komischen Stellungen und der Eigenartigkeit seines Wesens trotz meines

Trübsinns noch immer zum Lachen -- kurz, von allen Freunden und Bekannten

war er der einzige, der mir geblieben, daher sagte ich mir oft -- oft sogar

mit innerem Zittern -- »noch eine schwache Säule zeugt von entschwund'ner

Pracht --«

Der Kleine tyrannisierte mich indessen, als ob er Professor und ich der

Schüler wäre. Ich mußte tun, was er nun einmal wünschte -- und ich tat

es. Eines Tages sagte er mir:

»Herr Hian-Sho-Dschin, dem ich von Ihnen erzählt habe, möchte gern von

Ihnen Stunden nehmen. Sie werden gehen, nicht wahr?« fragte er mich in

dem Tone und mit dem Gesichtsausdrucke, der sagen wollte: »Du mußt!«

und daher erklärte ich mich bereit. Ob ich mich zu Tode arbeitete oder

sonstwie ins Grab sank, war ja einerlei, wenn ich nur diese Erde los wurde.

Am folgenden Tage erwartete er mich bei der Haltestelle der Elektrischen,

um mich zu seinem Freunde zu führen. Wir wanderten Seite an Seite den

kleinen Hügel hinauf, der zu der Wohnung Hian-Sho-Dschins führte, und

anstatt wie sonst weit von mir entfernt dahinzugehen, kam er diesmal näher

und legte sogar einige Sekunden lang seine kleine Hand auf meine Schulter.

Ich war so verwundert, daß es mir nie eingefallen wäre, die Hand

abzuschütteln. Im Gegenteil, ich ging vorsichtig weiter und tat nichts

dergleichen. Er mußte jedenfalls von seinem Lehrer eine gute Meinung

haben, so erklärte ich mir diese neue Vertraulichkeit.

Als wir ankamen, war der junge Seekadett Hian-Sho-Dschin noch nicht daheim.

Ming Tse führte mich daher in seinen Salon und tat, als ob das ganze Haus

sein eigen wäre. Ich setzte mich in einen Lehnstuhl ans Fenster, Ming Tse

dagegen ging überall herum, untersuchte alle Bücher, alle herumliegenden

oder -stehenden Gegenstände und zog, als er damit fertig war, zu meiner

überaus großen Verwunderung einen Schlüsselbund aus der Tasche, mit

welchem er sofort daran ging, zu versuchen, alle Schlösser aufzubrechen.

Einige gaben nach, und Ming Tse untersuchte sorgfältig den Inhalt der

verschiedenen Laden und Kasten.

»Aber Herr Ming Tse!« rief ich entsetzt, »was wird Ihr Freund sagen?«

»Gar nichts; ich bin ja sein Freund,« meinte er lakonisch.

»Das ist bei -- Chinesen -- so Sitte,« dachte ich mir und wußte nicht,

ob ich lachen oder mich ärgern sollte.

Inzwischen hatte Ming Tse mit Hilfe seiner Schlüssel alles geöffnet und

durchgesehen, was noch geöffnet werden konnte, mit Ausnahme einer Lade,

die allen Anstrengungen widerstand. Mein kleiner Chinese ließ sich nicht

einschüchtern. Ruhig zog er sein Taschenmesser heraus und begann das

Schloß zu erbrechen.

»Das geht wirklich nicht,« protestierte ich. »Was wird Ihr Freund von

mir denken?«

»Oh,« entgegnete er lachend. »Sie brauchen es ja nicht mir

nachzumachen.«

Inzwischen war das Schloß erbrochen, und Ming Tse las die Briefe, die

in der Lade waren, alle mit der größten Seelenruhe durch, kein Protest

meinerseits konnte ihn davon abhalten.

»Ich muß wissen, wieviel Mädchen er hat,« gab er als Entschuldigung

für seine Handlungsweise an.

»Lieber Herr Ming Tse,« warf ich lachend ein, »kümmern Sie sich,

bitte, mehr um den armen Jakob I., von dem Sie nach fünf Monaten

noch ebensowenig wissen wie vor diesem Zeitraum, und lassen Sie Herrn

Hian-Sho-Dschins Briefe in Ruhe. Sie sind noch zu klein, um an Mädchen zu

denken,« neckte ich ihn.

»Meinen Sie?« Ein eigenartiger Ausdruck kam in sein Gesicht, die

Augenlider senkten sich fast ganz über die schwarzen Punkte, und nur zwei

Schlitze leuchteten mir aus dem gelben Gesichtchen entgegen.

»Größer werde ich nie werden,« sagte er mit Nachdruck, »und

Hian-Sho-Dschin ist nicht einen Tag älter als ich,« fügte er hinzu.

In diesem Augenblick kam mein Schüler, und das Gespräch wurde

abgebrochen. Der neue Chinese war bedeutend größer als Ming Tse, hatte

aber ein kugelrundes Gesicht, wirres schwarzes Haar, das wie Borsten

abstand, runde, ausdruckslose Augen und dicke Lippen, die unregelmäßige

Zähne verdeckten, von denen der eine ganz ausgebrochen war. In seinem

ganzen Auftreten lag etwas Unsicheres, Verschlafenes, was mich fürchten

ließ, kein besonderes Kirchenlicht erfangen zu haben. Ming Tse wohnte der

ersten Stunde als Kritiker bei. Er machte Grimassen, sobald Hian-Sho-Dschin

einen Fehler machte und unterhielt sich und mich, indem er nachäffte,

wie zögernd und unbeholfen der Seekadett ein Diktat schrieb. Er ließ die

Feder immer ein paarmal in der Luft herumfahren, bevor er ansetzte, und

auch da sah es aus, als ob er ein Greis wäre, dessen Hand die Feder nicht

mehr ruhig führen könne.

Sein Ideal war das Lesen politischer Artikel, von denen er gewiß nichts

verstand, aber da seine Begeisterung für diese Art Literatur so groß war,

tat ich nichts dagegen.

Mit wahrer Gönnermiene führte er mich nach der Stunde von Hian-Sho-Dschin

weg und sagte mir in dem Tone eines weisen Vormundes, indem er mich von der

Seite ansah:

»Sie dürfen aber nie -- nie etwas annehmen von Hian-Sho-Dschin, er ist

noch viel schlimmer als Hoang-Zo.«

Ich gelobte feierlich, seiner Warnung zu gehorchen, konnte mich jedoch

nicht enthalten, innerlich zwischen Europa und Asien einen Vergleich zu

ziehen. Auf seine Art und Weise hatte der kleine Chinese mich gewiß gern

-- er war sogar um mich besorgt --, aber dies hinderte ihn nicht, mich mit

gefährlichen Personen bekannt zu machen, nein, mich geradezu zu bitten,

hinzugehen. Warum?

Während wir über die Heide gingen, fragte ich ihn:

»Herr Ming Tse, würde es Ihnen leid tun, wenn ich sterben würde?« Ich

fühlte, daß ein Wort des Bedauerns mir wohltun könnte.

Er sah mich verwundert an. »Ja, gewiß.« Nach einer kleinen Pause fuhr

er fort: »Ich würde einen Brief schreiben, einen sehr langen und lieben

Brief und ihn auf Ihrem Grabe verbrennen.«

Nach chinesischen Anschauungen kann nämlich der Tote auf diese Weise

erfahren, was der Lebende ihm sagen wollte. Unwillkürlich erwachte die

Neugierde in mir, zu erfahren, was in dem langen und lieben Briefe stehen

würde, aber ich sagte nur:

»Das wäre in der Tat sehr lieb von Ihnen, Herr Ming Tse.«

»Sie sind mein liebster Professor,« entgegnete Ming Tse, und ich fühlte,

daß mir vor Rührung die Tränen in die Augen stiegen, kam ich mir doch so

verlassen und unverstanden vor, und tat mir dieser einfache Ausspruch, der

am Ende ja nur »chinesische Höflichkeit« war, doch so wohl! Ich wandte

indessen mein Gesicht ab, um meinen kleinen Chinesen nichts von dem, was in

mir vorging, merken zu lassen. --

Es mochte mehr als eine Woche verstrichen sein. Seit etwa vier Wochen hatte

ich mit Aufbietung aller meiner Willenskraft jeden Morgen ein Glas Essig

getrunken, aber zu meiner Verzweiflung merkte ich noch gar keine Wirkung.

Wohl war ich blasser geworden und hatte dunkle Ringe unter den Augen, wohl

aß ich wenig und ging mit Anstrengung, trotzdem flüsterte mir eine innere

Stimme zu, daß ich nicht, wie ich ausgerechnet hatte, in sechs Monaten

tot sein würde. Ich fühlte mit Mutlosigkeit, daß ich diese Marter nicht

sechs Monate aushalten könnte -- ich mußte ein anderes, ein schnelleres

Mittel finden, aber welches?

Da erinnerte ich mich an »Der Blumen Rache« von Freiligrath. Ich wollte

Lilien, Tuberrosen und andere stark duftende Blumen kaufen, Tür und

Fenster sorgfältig verhängen, einen langen, langen Spaziergang machen,

von dem ich todmüde nach Hause kommen würde, wollte mich auf das Bett

werfen, wo ich so oft bitterlich weinend gelegen hatte, und wollte die

Blumen in allerlei Gefäßen um dasselbe gruppieren, die am stärksten

dufteten aber auf mich legen und dann -- Hoffentlich gab es kein Erwachen!

Ich hatte die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag gewählt. Dieser Tag war

immer so viel entsetzlicher als die sechs anderen zusammengenommen, daß

ich mir eine wahre Freude daraus machte, einen Sonntag zum Abfahrtstag

zu ernennen. Ob Hölle, ob nichts auf der anderen Seite -- es war mir

gleichgültig. Ich hatte die Hölle hier, und das Nichts hat mich nie

erschreckt. Wie schön, wie überwältigend schön es sein mußte, zu

vergessen, daß man je gelebt hat! Dann waren alle Leidenschaften tot, alle

Wünsche begraben. Ich verbrannte meine Briefe, verschenkte meine alten

Kleider, gab meinen Kolleginnen kleine Geschenke und rechnete meine

Hinterlassenschaft zusammen. Sie würde klein sein, da mich die Blumen so

viel Geld kosten würden. Sooft ich an einem Blumengeschäft vorbeiging und

mein Auge auf die großen, glänzenden, stark duftenden Lilien fiel, fuhr

ein leiser Schmerz durch mein Inneres. Sterben war ja schön -- es war das

einzige, was mir Trost bringen konnte, was erfolgreich die Sehnsucht nach

Glück in mir vernichten würde, aber es war traurig, zu sterben, bevor man

gelebt hatte. Ich hatte treu geliebt und lange -- so lange, daß ich nie

vergessen konnte, und doch hatte ich das oft damit verbundene Glück nie

gekannt, kaum geahnt. Ich schüttelte heftig diese unnützen Betrachtungen

ab und sagte mir leise: »Uebermorgen!«

Und mir schien es, als hörte ich die Schwingen des Todes mich umrauschen.

[Illustration:

A. F. Seebacher]

Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,

Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.

Goethe.

IX.

Es war Freitag abends -- noch vierundzwanzig Stunden, und die Frist war

abgelaufen. Heute sah ich Ming Tse -- den letzten Lichtpunkt in

meiner traurigen Existenz -- zum letztenmal. Noch einmal würde

das fremdländische Parfüm des chinesischen Tees den kleinen Raum

durchstreifen und mich schmeichelnd umkosen, noch einmal würde die

komische, kleine Gestalt den Federstiel in den Mundwinkel versetzen und

nachdenklich aufwärts blicken, noch einmal würde ich sein ansteckendes

Lachen hören, noch einmal von ihm zur Elektrischen begleitet werden, und

dann -- dann war alles vorüber. Montag früh würde man hoffentlich in

den Blättern lesen, daß -- aber wozu daran denken? Nicht mehr sechzig

trostlose Jahre vor mir, Friede, Ruhe! Wie schön mir die bestaubten

Blüten am Wegrand schienen, wie weich ins Rosa der Farbenton der fernen

Wolken ging! Wie die einfachen Sperlinge mir zart geformt vorkamen und die

Klänge einer Mundharmonika Erinnerungen an längstvergangene Kindertage

wachriefen. In diesem Augenblicke fühlte ich, daß ich die Welt liebte,

nicht weil ich zu bleiben wünschte, sondern weil ich wußte, daß ich von

ihr schied, gerade deshalb liebkoste ich alles, was ich sah, in Gedanken

und nahm Abschied von all dem Schönen, das sich mir zeigte.

Ming Tse kam mir wie immer freundlich entgegen und gab mir eine rote Rose,

indem er sagte, daß diese auf der weißen Bluse sich gut ausnehmen würde,

hierauf schritten wir an die Arbeit. Ich machte nur wenige Ausstellungen,

und nur, als das Ende der Stunde nahte und er den Tee in der kleinen rosa

Tasse vor mich hinstellte, fragte ich ihn, ob er nicht einige deutsche

Gedichte lesen wollte. Ich hatte ihm vor einigen Tagen ein Buch deutscher

Gedichte der hervorragendsten Dichter gegeben -- es sollte ihm eine Art

Erinnerung sein, wenn -- Er erklärte sich zu meiner inneren Verwunderung

gleich bereit, meinen Wunsch zu erfüllen. Was sollte dieser mir so

unbekannte Eifer bedeuten? Wollte er mir in das Grab die Ueberzeugung

mitgeben, die ich bisher nicht von ihm gehabt, daß er sich für etwas

nicht rein Materielles interessieren könne?

»Was soll ich lesen?« erkundigte er sich, indem er das Buch vom Regal

nahm und es aufschlug.

Ich weiß nicht mehr, was wir zuerst gelesen, das zweite Gedicht aber,

das ich wählte, war der »Erlkönig«, weil es mir leicht verständlich

erschien.

Ming Tse las und übersetzte weit besser als gewöhnlich, doch als wir

zur vorletzten Strophe kamen, ging mein Erstaunen geradezu in Bewunderung

über, denn er las diesen Vers zweimal, und zum erstenmal, seit ich ihn

lesen hörte (und das geschah nun fünfmal wöchentlich seit nahezu

acht Monaten), lag ein gewisses Gefühl, etwas wie Pathos in Stimme und

Ausdruck.

»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,« sagte er und

sah absolut überzeugt aus von dem, was er las. »Was war nur in ihn

gefahren?« überlegte ich.

»-- und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!« Eigentlich schien

mir dieser Teil noch besser zu gefallen, wenigstens legte er den größten

Nachdruck auf »so brauch ich Gewalt«. Ich muß ihm unrecht getan haben,

sagte ich mir. Er hat Gefühl und Verständnis für Kunstgenüsse, er

hat möglicherweise sogar eine Seele (was ich bis dahin sehr angezweifelt

hatte) und ist besseren, erhabeneren Regungen zugänglich, nur hat niemand

es verstanden, sie in ihm zu entwickeln.

Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman · 第 4 / 15 段