Die erste Liebe

Wenn einer in sein zwanzigstes Jahr geht, darf er schon ahnden, es

gebe zweierlei Leute in der Welt. Der Weibel hatte ein bluthübsches

Töchterchen, aber scheu wie ein Hase. Es war mir eine Freud', wenn ich

sie sah, ohne zu wissen warum? Nach etlichen Jahren heiratete sie einen

Schlingel, der ihr ein Häufchen Jungens auflud, und sich endlich als

ein Schelm aus dem Land machte. Das gute Kind!

[Sidenote: Ännchen]

[Sidenote: Auf dem Pfingstmarkt]

Dann hatte unser Nachbar Uli eine Stieftochter, Ännchen; die konnt'

ich alle Sonntage sehen. Allemal winselt es mir ein wenig ums

Herzgrübchen. Ich wußte wieder nicht warum, denk' aber wohl, weil's

mich so hübsch dünkte; einmal etwas anderes kam mir gewiß nicht in

den Sinn. An den gedachten Sonntagen zu Abend machten wir jungen

Leute miteinander Buntreihen, Kettenschleuffen, Habersieden, Schühle

verbergen und dergleichen. Ich war wie in einer neuen Welt, nicht

mehr ein Eremit wie im Dreyschlatt. Nun merkt' ich zwar, daß mich

Ännchen wohl leiden mocht', dacht' indessen, sie würd' sonst schon ihre

Liebsten haben. Einst aber hatte meine Mutter die Schwachheit, mir, und

zwar als wenn sie stolz drauf wäre, zu sagen: »Ännchen sehe mich gern.«

Dieser Bericht rannte mir wie ein Feuer durch alle Glieder. Bisher

hielt ich dafür, meine Eltern würden's nicht zugeben, daß ich, noch so

jung, nur die geringste Bekanntschaft mit einem fremden Mädchen hätte.

Jetzt aber -- so wichtig ist es, die Menschen in nützlichen Meinungen

durch kein unvorsichtiges Wort irrezumachen -- merkt ich's meiner

Mutter deutlich an, daß ich so etwas schon wagen dürfte. Indessen tat

ich nicht dergleichen, aber meine innre Freud' war nur desto größer,

daß man mir jetzt selbst die Tür aufgetan, unter das junge lustige

Volk zu wandeln. Von dieser Zeit an, versteht sich's, schnitt' ich

bei allen Anlässen Ännchen ein entschieden freundlich Gesichtchen;

aber daß ich ihr mit Worten etwas von Liebe sagen durfte, oh, um

aller Welt Gut willen hätt' ich dazu nicht Herz gehabt. Einst erhielt

ich Erlaubnis, auf den Pfingst-Jahrmarkt zu gehn. Da sann ich lang

hin und her, ob ich sie aufs Rathaus zum Wein führen dürfe? Aber das

schien mir schon zuviel gewagt. Dort sah ich sie eins herumschlängeln.

Herodes mag das Herz nicht so gepocht haben, als er Herodias Tochter

tänzeln sah. Ach! so ein schönes, schlankes, nettes Kind, in der

allerliebsten Zürchbietler-Tracht! Wie ihm die goldfarbnen Zöpf' so

fein herunterhingen! Ich stellte mich in einen Winkel, um meine Augen

im Verborgenen an ihr weiden zu können. Da sagt' ich zu mir selbst: Ah!

in deinem Leben wirst du Lümmel nie das Glück haben, ein solch Kind

zu bekommen, sie ist viel, viel zu gut für dich! Hundert andre weit

bessre Kerls werden sie lang vor dir erhaschen. So dacht' ich, als

Ännchen, die mich und meine Schüchternheit schon geraume Zeit mochte

bemerkt haben, auf mich zukam, mich freundlich bei der Hand nahm und

sagte: »Uli! führ' du mich auch eins herum!« Ich feuerrot erwiderte:

»Ich kann's nicht, Ännchen! gewiß ich kann's nicht!« -- »So zahl' mir

eine halbe,« versetzte sie, ich wußt' nicht ob im Schimpf oder Ernst.

»Es ist dir nicht Ernst, Schleppsack,« erwidert' ich darum. Und sie:

»Mi See,[30] 's ist mir ernst!« Ich todblaß: »Mi See, Ännchen, ich

darf heut' nicht!« Ein andermal. »Gwüß ich möcht' gern, aber ich darf

nicht!« Das mocht ihr ein wenig in den Kopf steigen, sie ließ sich's

aber nicht merken, trat, mir nix dir nix rückwärts und machte ihre

Sachen wie zuvor. So auch ich, stolperte noch eine Weile aus einer

Ecke in die andre, und machte mich endlich, wie alle übrigen, auf den

Heimweg. Ohne Zweifel, daß Ännchen auf mich acht gegeben. Nahe beim

Dorf kam sie hinter mir drein: »Uli! Uli! Jetzt sind wir allein. Komm'

noch mit mir zu des Seppen, und zahl mir eine Halbe!« »Wo du willst,«

sagt' ich, und damit setzten wir ein paar Minuten stillschweigend unsre

Straße fort. »Ännchen! Ännchen!« hob ich dann wieder an, »ich muß dir's

nur grad sagen, ich hab' kein Geld. Der Ätti gibt mir keins in Sack,

als etwa zu einem Schöppli, und das hab' ich schon im Städtli verputzt.

Glaub' mir's, ich wollt' herzlich gern -- und dich dann heim geleiten!

Oh! Aber da müßt' ich wieder meinen Vater fürchten. Gwüß, Ännchen! 's

wär das erstemal. Noch nie hätt' ich mich unterstanden, ein Mädle zum

Wein zu führen, und jetzt, wie gern ich's möcht', und auf Gottes Welt

keine lieber als dich, bitte, bitte, glaub mir's, kann und darf ich's

nicht. Gwüß ein andermal, wenn du mir nur wart'st, bis ich darf und

Geld hab'.« -- »Ei, Possen, Närrlin!« versetzte Ännchen, »dein Vater

sagt nichts, und bei der Mutter will ich's verantworten -- weiß schon,

wo der Has lauft. Geld? Mit samt dem Geld! 's ist mir nicht ums Trinken

und nicht ums Geld -- und damit griff sie ins Säcklin -- hier hast du,

glaub' ich, genug, zu zahlen, wie's der Brauch ist. Mir wär's Ein Ding,

ich wollt' lieber für dich zahlen, wenn's so Mode wär'.« Paf! Jetzt

stand ich da, wie die Butter an der Sonne. Ich gab endlich Ännchen mit

Zittern und Beben die Hand, und so ging's vollends ins Dorf hinein, zum

Engel. Mir ward's blau und schwarz vor den Augen, als ich mit ihr in

die Stube trat, und da alles von Tischen voll Leute wimmelte, die einen

Augenblick wenigstens auf uns ihre Blicke richteten. Indessen deucht'

es mich auch wieder, Himmel und Erde müss' einem gut sein, der ein so

holdes Mädchen zur Seite hat. Wir tranken unsre Maß, weder zu langsam

noch zu geschwind; zu schwatzen gab's, ich denk' durch meine Schuld,

eben nicht viel. Entzückt, und ganz durchglüht von Wein und Liebe, aber

immer voll Furcht, führt' ich nun das herrliche Kind nach Haus, bis an

die Türe. Keinen Kuß? Keinen Fuß über ihre Schwelle? Ich schwöre es:

Nein! Auch ich lief nun schnurstracks heim, ging mausstill zu Bett',

und dachte: Heut wirst du bald und süßer entschlummern, als sonst noch

nie in deinem Leben! Aber wie ich mich betrog! Da war von Schlaf keine

Rede. Tausend wunderbare Grillen gingen mir im Kopf herum und wälzten

mich auf meinem Lager hin und her. Hauptsächlich verwünscht' ich jetzt

meine kindische Blödigkeit und Furcht: Oh, das himmlische süße Mädchen!

dacht' ich, konnt' es wohl mehr tun, und ich weniger? Ach! es weiß

nicht, wie's in meinem Busen brennt, und nur durch meine Schuld. Oh,

ich Hasenherz! Solch ein Liebchen nicht küssen, nicht halb zerdrücken!

Kann Ännchen so einen Narren, so einen Lümmel lieben? Nein! Nein! Warum

spring' ich nicht auf und davon, zu ihrem Haus, klopf an ihrer Tür' und

rufe: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Steh' auf, ich will abbitten!

Ich war ein Ochs, ein Esel! verzeih mir's doch! O, ich will's künftig

besser machen, und dir gewiß zeigen, wie lieb mir bist! Herziger

Schatz! ich bitt' dich drum, sei mir doch weiter gut und gib mich nicht

auf. Ich will mich bekehren, bin noch jung und was ich nicht kann, will

ich lernen. -- So machte mich, gleich vielen andern, die erste Liebe

zum Narren.

Des Morgens in aller Frühe flog ich nach Ännchens Haus. -- Ja, das

hätt' ich tun sollen, tat's aber eben nicht. Ich schämt' mich vor ihr,

daß mir's Herz davon weh tat, in die Seel' hinein schämt ich mich, vor

den Wänden, vor Sonn' und Mond, vor allen Stauden schämt' ich mich,

daß ich gestern so erzalbern tat. Meine einzige Entschuldigung vor

mir selber war, daß ich dachte, es hätte so seine eigne studierte Art

mit den Mädels umzugehn, und ich wüßte diese Art nicht, niemand sage

mir's, und ich hätt' nicht das Herz, jemand zu fragen. Aber so (roch's

mir dann wieder auf) darfst du Ännchen nie, nie mehr unter die Augen

treten, fliehen mußt du vielmehr das holde Kind, oder kannst wenigstens

nur im Verborgenen mit ihr deine Freud' haben, nur verstohlen nach ihr

blicken. Inzwischen macht' ich eine neue Bekanntschaft mit ein paar

Nachbarsbuben, die auch ihre Schätz' hatten, um heimlich von ihnen

zu erfahren, wie man mit diesen schönen Dingen umgehen und es machen

müsse, ihnen zu gefallen. Einmal nahm ich gar das Herz in beide Händ'

und fragte sie darum, aber sie lachten mich aus, und sagten mir so

närrisches und unglaubliches Zeug, daß ich gar nicht mehr wußte, wo ich

zu Haus war.

Inzwischen ward diese Liebesgeschichte, die ich gern vor mir selber

verborgen hätte, bald überall laut. Die ganze Nachbarschaft, und

besonders die Weiber, gafften mir, wo ich stund und ging, ins Gesicht,

als ob ich ein Eisländer wäre: »Ha, ha, Uli!« hieß es dann, »du hast

die Kinderschuh auch verheyt.«[31] Meine Eltern wurden's ebenfalls

inne. Die Mutter lächelte dazu, denn Ännchen war ihr lieb, aber

der Vater blickte mich desto trüber an, doch ließ er kein Wörtchen

verlauten, als ob er in meinem Busen Unrat lese. Das war nun desto

peinigender für mich. Ich ging überall umher wie der Schatten an der

Wand und wünschte oft, daß ich Ännchen nie mit einem Aug' gesehen

hätte. Auch meine Bauersleute rochen bald den Braten und spotteten

meiner.

[Sidenote: Nachtbesuch]

[Sidenote: Eifersucht]

Eines Abends kam mir Ännchen so in den Wurf, daß ich nicht entwischen

konnte. Ich stund wie versteinert. »Uli!« sagte sie, »komm heut z'Nacht

ein bißli zu mir, ich hab' mit dir z'reden. Willst kommen, sag'?« --

»Ich weiß nicht,« stotterte ich. »Eh, komm! Ich muß notwendig mit

dir reden, sag, versprich mir's!« »Ja, ja gewiß, wenn ich kann!« Wir

mußten scheiden. Ich rannte eilends nach Haus. Himmel! dacht' ich, was

mag das sein? Kann das liebe Ännchen mir noch so freundlich begegnen?

Soll ich, darf ich? Ja, ich muß, ich will gehn. Nun geriet ich, ob aus

Ehrlichkeit oder List weiß ich selbst nicht, auf den guten Einfall,

das Ding der Mutter zu sagen. »Ja ja, geh' nur,« sprach diese, »ich

will dir nach dem Essen schon forthelfen, daß kein Hahn darnach krähen

soll.« Das war mir recht gekocht. Alles gesagt, getan. Ich ging hin

und traf Ännchen, ihre Mutter und ihren Stiefätti, sie hielten sonst

eine Schenke, ganz allein an. Ich ließ ein Glas Branz[32] holen, um

doch etwas zu tun, bis die Alten im Bett' wären, weil ich nichts

zu reden wußte. Aus lauter Furcht saß ich weit von Ännchen weg.

Aber darum mocht' ich's doch kaum erwarten, bis die Eltern zur Ruh'

gingen. Endlich geriet's. Da fing mein Liebchen an, in einem fort zu

schnättern, daß es lieblich und doch betrübt zu hören war, als sie mir

über mein kaltes Bezeigen Vorwürf' über Vorwürf' machte, und alles,

was sie die Zeit her über mich schwatzen gehört, mir unter die Nase

rieb. Ich faßte Mut, verantwortete mich so gut ich konnte, und sagt'

ihr auch gerad' allen Kram heraus, was die Leut' von ihr redeten und

wofür man sie hielt, von meinen Gesinnungen hingegen kein Wort: »So!«

sagte sie, »was schiert mich der Leute Reden! Ich weiß schon, wer

ich bin, und hinter dir hätt' ich ein wenig mehr als soviel gesucht.

Macht aber nichts, schadet gar nichts!« Nachdem dieser Wortwechsel

noch ein Weilchen fortgedauert hatte, und mir das Brenz ein wenig in

den Kopf stieg, wagt' ich's ihr ein bißchen näher zu rücken, denn

das zwar bösscheinende, aber verzweifelt artige Räsonnieren gefiel

mir in der Seele wohl. Ich erkühnte mich sogar, ihr einige läppische

Lehrstücke von erznärrischen Liebkosungen zu machen. Sie wies mich

aber frostig zurück und sagte: »Kannst mir warten! Wer hat dich das

gelehrt?« Dann schwieg sie eine Weile still, guckte steif ins Licht,

und ich ein gut' Klafter von ihr entfernt, ihr ins Gesicht. Oh, ihre

zwei blauen Äuglin, die gelben Haarlocken, das nette Näschen, das

lose Mäulchen, die sanft roten Bäcklin, das feine Ohrläpplin, das

geründelte Kinn, das glänzend weiße Hälschen, o, in meinem Leben hab'

ich so nichts gesehn. Kein Maler vom Himmel könnt's schöner malen.

»Dürft' ich doch,« dacht' ich, »nur ein einziges Mal einen Kuß auf

ihr holdes Mündlein tun! Aber nun hab' ich's schon wieder, und ach!

wohl auf ewig verdorben.« Ich nahm also kurz und gut Abschied. Ganz

frostig sagte sie: »Adieu!« Ich noch einmal: »Leb' wohl, Anne!« und im

Herzen: Leb' ewig wohl, herzallerliebstes Schätzchen! Aber vergessen

konnt' ich sie nun einmal nicht. In der Kirch' sah ich sie mehr als

den Pfarrer, und wo ich sie erblickte, war mir wohl ums Herz. Eines

Sonntagabends sah ich einen Schneiderbursch Ännchen heimführen. Wie

da urplötzlich mein Blut sich empörte, und alle Säfte mir in allen

Gliedern rebellierten! Halb sinnlos sprang ich ihnen auf dem Fuß nach,

ich hätte den Schneider erwürgen können, aber ein gebietender Blick von

Ännchen hielt mich zurück. Inzwischen macht' ich ihr nachwärts bittere

Vorwürf' drüber, und eine ganze Litanei von räudigen Schneidern und

Schneidereigenschaften. Dacht' halt: Verloren ist verloren! -- Aber

Anne blieb mir nichts schuldig, wie ihr's leicht denken könnt.

[Sidenote: Die Eltern]

Ännchens Stiefätti war ein leichtsinniger Brenzwirt; ihm galt's

gleichviel, wer kam und ihm sein Brenz absoff. Ich war nun in kurzem

bei seinem Töchterchen wieder wohl am Brett, und genoß dann und wann

ein herrliches Viertelstündchen bei ihr. Das lag meinem Vater gar

nicht recht. Er sprach mir ernstlich zu, es half aber alles nichts,

Ännchen war mir viel zu lieb. Fürchterlich schimpft' er bisweilen

auf das verdammte Brenznest, wie er es nannte; und Anne sah' er für

eine liederliche Dirn' an. Aber Gott weiß es! das war sie nicht; das

redlichste bravste Mädchen, fast meiner Länge, so schlank und hübsch

geformt, daß es eine Lust war. Aber ja, schwätzen konnt' sie wie eine

Dohle. Ihre Stimme klang wie ein Orgelpfeifchen. Sie war immer munter

und allert;[33] um und um lauter Leben; und das macht es eben, daß

mancher Sauertopf so schlimm von ihr dachte. Wenn meine Mutter meinen

Vater nicht bisweilen eines Besseren belehrt, er hätt' mit Stock und

Stein dreingeschlagen.

[Sidenote: Ännchen zum Besuch]

So verstrich der Sommer. Noch in keinem hatten mir die Vögel, die ich

alle Morgen mit Entzücken behorchte, so lieblich gesungen. Gegen den

Herbst zogen wir in die Pulverstampfe, wo um diese Zeit mein Vater zum

Pulvermacher angenommen worden war. Der Meister, C. Gasser, wurde von

Bern verschrieben, und lehrt' uns das Handwerk aus dem Fundament, so

daß wir auch das Schwerste in wenig Wochen begreifen konnten. Unter

andern war mein Ätti froh, mich jetzt ein Stück weit von Ännchen

weg zu haben. Auch überwand ich mich ziemlich lang -- als das liebe

Kind einst unversehens zu uns zu Stubeten[34] kam. Ich erschrak

sehr, und dacht' da würd' ein Wetter losgehen. So lang' sie da war,

hingen des Vaters Augenbraunen tief herunter, er schnaubte vor Grimm,

redte kein Wort, horchte aber, wie man leicht merken mochte, auf alle

Scheltwort'. Oh, wie dauerte mich das herrliche Schätzchen! Würd's

doch mein Vater wie ich kennen, wie ganz anders wär's da empfangen

worden. Des Abends geleitete ich sie nach Haus. Noch war ich immer

der alte blöde Junge. Sie neckte mich artlicher als sonst, aber doch

mußt's geneckt sein. Morgens drauf erst ging des Ättis Predigt an:

was er an Ännchen Ungereimtes bemerkt, oder vielmehr bemerkt haben

wollte, was er gehört und nicht gehört, sondern nur vermutet, das

alles kam in die Nutzanwendung seines Sermons. Allerhand Spottnamen,

und kurz, alles was Ännchen in meinen Augen verächtlich machen sollte,

blieb +per se+ nicht aus. Und wirklich, so lieb mir das Mädchen

war, nahm ich mir jetzund doch vor, von ihr abzustehn, weil mir der

Vater sie schwerlich jemals lassen würde, und inzwischen noch mancher

Ehrenpfennig ihretwegen spazieren müßte. Gleichwohl darf ich zu ihrem

Preis auch nicht verschweigen, daß sie mich nie um Geld bringen wollte,

ja, daß sie sogar, wenn ich für sie ein Brenzlin zahlte, nicht selten

die Ürte[35] mir heimlich wieder zusteckte. Eines Tags nun sagt' ich

zum Ätti: »Ich will nicht mehr zur Anne gehn', ich versprech dir's.«

»Das wird mich freuen,« sprach er, »und dich nicht gereuen, Uli! Ich

mein's gewiß gut mit dir. Sei doch nicht so wohlfeil. Du bist noch

jung, und kommst alleweil früh genug zum Schick. Unterdessen geht's dir

sicher mehr auf als ab. So eine gibt's noch, wann der Markt vorbei ist.

Führ' dich brav auf, bet' und arbeite, und bleib fein bei Haus. Dann

gibst einen rechten Kerl, einen Mann ins Feld, und, ich wette, bekommst

mit der Zeit ein braves Bauernmädle. Indessen will ich immer für dich

sorgen.«

So ging der Winter vorbei. Aber mein Wort hielt ich wenig, und sah

Ännchen, so oft es insgeheim geschehen konnte.

[Sidenote: Immer noch Liebesgeschichten]

Von Gallitag bis in März konnten wir kein Pulver machen. Ich verdient'

also mein Brot mit Baumwollenkämmen; die andern mit Spinnen. Der Vater

machte die Hausgeschäfte, las uns an den Abenden aus David Hollatz,

Böhm und Meads »Beinahe-Christ« die erbaulichsten Stellen vor, und

erklärte uns, was er für unverständlich hielt, eben nicht allemal am

verständlichsten. Ich las auch für mich. Aber mein Sinn stund meist

nicht im Buch, sondern in der weiten Welt.

Im folgenden Frühling (1755) hieß es: Wohin nun mit so viel

Buben? Jakob und Jörg wurden zum Pulvermachen bestimmt, ich zum

Salpetersieden. Bei diesem Geschäft gab mir mein Vater den Uli

M., einen groben, aber geraden, ehrlichen Menschen zum Gehilfen,

der ehemals Soldat gewesen, und das Handwerk von seinem Vater her

verstand, der in seinem Beruf, aber auch elend genug, verstorben, da

er in einen siedenden Salpeterkessel fiel. Wir beiden Ulis fingen

also miteinander im März 1755 in der Schamatten unsern Gewerb an. Da

gab's unter der Arbeit allerlei Gespräche, die mein Kamerad wohl durch

einen Umweg, und wie ich nachwärts erfuhr, geflissen, vielleicht gar

auf Anstiften meines Vaters auf Heiratsmaterien zu lenken wußte. Er

empfahl mir endlich eine schon ziemlich ältliche Tochter zur Frau,

die auch meinen Eltern, dem Ätti besonders, ihres bestandenen Alters

und stillen Wandels wegen, wohl gefiel. Ihnen zu Gefallen, führt' ich

diese Ursel ein paar Mal zum Wein. Mein Uli machte viel Rühmens von

diesem Esaugesicht, das er, nach seiner eignen Sag', schon vor zehn

Jahren karessiert hätte. Daß ich eben wenig Reizendes an ihr entdeckte,

versteht sich schon. Eine Stunde bei ihr dünkte mich eine halbe Nacht,

so gut sie mir immer begegnete, ja, je besser, desto schlimmer für

mich. Übrigens trug sie eine ordentliche Bauerntracht. Aber mit Ännchen

verglichen war's halt wie Tag und Nacht. Als mich daher letztre eines

Tags an der Straß' auffing, sprach sie mit bitterm Spott: »Pfui, Uli!

So ein Haargesicht, so eine Iltishaut, so ein Tanzbär! Mir sollt'

keiner mehr auf einen Büchsenschuß nahe kommen, der sich an einer

solchen Dreckpatsche beschmiert hätte! Uhi! wie stinkst!« Das ging mir

durch Mark und Bein. Ich fühlte, daß Ännchen recht hatte; aber dennoch

verdroß es mich. Ich verbiß meinen Unmut, schlug ein erzwungenes

Gelächter auf, und sagte: »Gut, gut, Ännchen! Nächstens will ich dir

alles erklären!« und damit gingen wir voneinander. Es währte kaum

vierundzwanzig Stunden, so gab ich meiner grauen Ursel förmlichen

Abschied. Sie sah mir wehmütig nach und rief immer hintendrein: »Ist

denn nichts mehr zu machen? Bin ich dir zu alt oder nicht hübsch gnug?

Nur noch einmal.« Aber ein Wort, ein Mann.

Am nächsten Huheijatag,[36] wo Ännchen auch gegenwärtig war, sah sie,

daß ich allein trank. Sie kam freundlich zu mir und lud mich auf den

Abend ein. Voll Entzücken flog ich zu ihr hin, und merkte bald, daß ich

wieder recht willkomm war, obschon mir das schlaue Mädle über meine

Bekanntschaft mit Urseln aufs neue die bittersten Vorwürfe machte. Ich

erzählte ihr haarklein, wie das Ding zugegangen. Sie schien sich zu

beruhigen. Das machte mich herzhafter; ich wagte zum erstenmal, es zu

versuchen, sie an meine Brust zu drücken, und einen Kuß anzubringen.

Aber, potz Welt! da hieß es: »So! Wer hat dich das gelehrt? G'wiß die

alte Hudlerin. Geh, geh, scher' dich, und sitz erst ins Bad, dir den

Unrat abzuwaschen.« -- Ich: »Ha! Ich bitt' dich, Schätzle! sei mir

nicht kurios. Hab' dich ja alleweil geliebt, und lieb dich je länger

je stärker. Laß mich doch -- nur eins!« -- Sie: »Abslut nicht! Um alles

Geld und Gut nicht! Fort, fort, nimm deine Trallwatsch, die dir das

Ding gewiesen!« -- Ich: »Ach! Ännchen! Schätzchen! Laß mich! Hätt'

dich schon lang für mein Leben gern -- ach, mein Gott!« -- Sie: »Laß

mich gehn -- ich bitt' dich! -- Gewiß nicht. -- Einmal jetzt nicht.«

-- Endlich sagte sie freundlich lächelnd: »Wenn du wiederkommst!« Aber

dreimal, wenn ich wiederkam, fing das verschmitzte Mädchen immer das

nämliche Spiel an. So können diese schlauen Dinger die dummen Buben

lehren. Endlich schlug die erwünschte Stunde: »Ännchen, Ännchen!

liebstes Ännchen! Kannst's auch übers Herz bringen? Bist mir doch so

herzinniglich lieb! Und ich sollt' kein einzig Mal dein holdes Mündchen

küssen? Gelt, du erlaubst's mir? Ich kann's länger nicht aushalten.

Lieber will ich dich ganz und gar meiden.« Jetzt drückte sie mir

freundlich die Hand, sagte aber wieder: »Nun gewiß, das nächstemal,

wenn du wiederkommst!« Hier fing mir an, die Geduld auszugehn. Ich ward

wild und schnippisch. Sie hinwieder befürchtete, glaub' ich, Unrat;

foppte mich zwar, wie es scheinen sollte, noch immerfort, daß es eine

Lust war; aber mit eins kam ihr ein Tränchen ins Aug', und sie wurde

zahm wie ein Täubchen: »Nun ja!« sagte sie: »'s ist wahr, du hast die

Prob' ausgehalten. Du solltest mir für deine Sünd' büßen. Aber die

Straf' hat mich mehr gekostet, als dich, liebes, herziges Üchelin!«

Dies sagte sie mit einem so süßen Ton, der mir jetzt noch wie ein

fernes Silberglöcklin ins Ohr läutet: Ha! dacht' ich einen Augenblick,

jetzt könnt' ich dich wieder strafen, loses Kind! Aber ich bedacht'

mich bald eines Bessern, riß mein Liebchen in meine Arme, gab ihr wohl

tausend Schmätzchen auf ihr zartes Gesichtlin, überall herum, von einem

Ohr bis zum andern, und Ännchen blieb mir kein einziges schuldig;

nur daß ich schwören wollte, daß die ihrigen noch feuriger als die

meinigen waren. So ging's ohne Unterlaß fort mit Herzen und Schäkern

und Plaudern bis zur Morgendämmerung. Jetzt kehrt' ich jauchzend nach

Haus und glaubte der erste und glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden

zu sein. Aber bei alldem fühlt' ich's lebhaft, noch fehle mir, ich

wußte doch nicht was? Meist kam's, glaub ich, darauf hinaus: Oh, könnt'

ich mein Ännchen, könnt' ich dies holde, holde Kind ganz besitzen,

völlig mein heißen, und ich sein, sein Schätzchen, sein Liebchen! Wo

ich darum stund und ging, waren meine Gedanken bei ihr. Alle Wochen

durft' ich eine Nacht zu ihr wandeln; die schien mir eine Minute, die

Zwischenzeit sechs Jahre zu sein. Oh, der seligen Stunden! Da setzte es

tausend und hunderterlei verliebte Gespräche, da eiferten wir in die

Wette, einander in Honigwörtchen zu übertreffen, und jeder neue oder

alte Ausdruck galt einen neuen Kuß. Ich mag nicht schwören und schwöre

nicht, aber das waren gewiß nicht nur die seligsten, sondern auch

die schuldlosesten Nächte meines Lebens! Und doch, ich darf's einmal

nicht verbergen, war Ännchens Ruf nicht der beste. Dies hatte sie ohne

Zweifel ihrem freien, geschwätzigen Mäulchen zu verdanken. Ich habe

stets und immer mehr das redlichste, beste, züchtigste Mädchen an ihr

gefunden. Freilich, von jenen eigentlichen Verführerkünsten braucht'

ich und kannt' ich wirklich keine, doch bin ich überzeugt, daß sie auch

dergleichen siegreich widerstanden wäre.

So ging der mir unvergeßliche Sommer des Jahres 1755 wie eine Woche

vorbei, und täglich gewann ich mein Ännchen lieber. Vor allen andern

Mädels ekelte mir's, obgleich ich von Zeit zu Zeit Gelegenheit hatte,

mit den artlichsten Töchtern des Lands bekannt zu werden. Inzwischen

war ich ein muntrer Salpetersieder, bald allein, bald in Gesellschaft

mit jenem andern Uli, der sich noch immer große Mühe gab, mir die

wunderbarsten Dinger anzukuppeln. Aber, puh! davon war keine Rede mehr,

nebendem daß ich noch überall an kein Heiraten denken durfte.

[Sidenote: Es geht auf Reisen]

Es war im Herbst, als ich eines Tages meinem Vater eine hübsche Buche

im Wald fällen half. Ein gewisser Laurenz Aller von Schwellbrunn,

ein Rechen- und Gabelmacher, war uns dabei behilflich und kaufte uns

nachwärts das schönste davon ab. Unter allerhand Gesprächen kam's auch

auf mich: »Ei, ei, Hans!« sagte Laurenz, »du hast da einen ganzen

Haufen Buben. Was willst mit allen anfangen? Hast doch kein Gut, und

kann keiner ein Handwerk. Schad', daß du nicht die größten in die Welt

'nausschickst. Da könnten sie ihr Glück machen. Siehst's ja an des

Hans Joggelis seinen: Die haben im Welsch-Berngebiet gleich Dienst

gefunden, sind noch kaum ein Jahr fort, und kommen schon wie ganze

Herren neumontiert, mit goldbordierten Hüten heim, sich zu zeigen. Sie

würden um kein Geld mehr hiezuland bleiben.« »Ha!« sagte mein Vater:

»Aber meine Buben sind dazu zu läppisch und ungeschickt, des Hans

Joggelis hingegen witzig und wohlgeschult; können lesen, schreiben,

singen und geigen. Meine sind nur lauter Narren in Vergleichung; sie

stehen, wo man's stellt, und tun's Maul auf.« »Behüte Gott!« versetzte

Laurenz, »mußt das nicht sagen, Hans! Sie wären gewiß zu brauchen;

sonderlich der große da ist wohl gewachsen, kann auch lesen und

schreiben, und ist sicher kein Stockfisch -- seh's ihm wohl an. Potz

Wetter! wenn der recht getummelt wird, das gäb' einen Kerl. Würd'st die

Augen aufsperren! Hans, ich will dir Mann dafür sein, daß er nach Jahr

und Tag heimkommt gestiefelt und gespornt, und Geld hat wie Hünd,[37]

daß es dir ein' Ehr' und Freud' sein soll.« Während diesem Gespräch

sperrt' ich Maul und Augen auf und guckte dem Vater ins Gesicht. Er

mir dergleichen und sprach: »Was meinst, Uli?« Aber eh' ich antworten

konnte, fuhr Laurenz fort: »Potz Hagel! wenn ich noch so jung wär',

und 's Maul voll hübsche Zähn' hätte, wie du, das ganze Tockenburg mit

allen seinen Stricken und Seilern sollten mich nicht im Land behalten.

Ich bin auch in der Welt 'rumkommen. Ha! da gibt's G'lobte Länder, und

Geld z' verdienen wie Dreck. Weiß, was ich da gesehen hab'. Aber ich

war halt ein liederlicher Narr, und nun ist's zu spät, wenn man dem

Alter zuruckt, und gar ein Weib hat. Oh, ich möchte noch brieggen[38]

darob. Aber, was ist zu machen?« »Alles gut,« fiel mein Vater ein;

»aber da müßt' er Empfehlungsschreiben oder sonst jemand haben, der ihm

in den Teich hülfe. Ich wollte freilich gern all meine Kinder versorgt

wissen, und keinem vor dem Glück stehn. Aber« -- »Aber, was aber?«

unterbrach ihn Laurenz. »Dafür laß mich sorgen, es soll dich nicht

einen Heller kosten, Hans! und Bürg will ich dir sein, dein Bub soll

versorgt werden, daß er einen Mann, daß er einen Herrn gibt. Ich kenne

weit und breit angesehene Leut' genug, die solche Bursch' glücklich

machen können; und da will ich dem Uli g'wiß den besten aussuchen, daß

er mir's sein Lebtag danken soll.« -- Mein Vater traute gegen seine

Gewohnheit diesmal geschwind; denn er war dem Laurenz gut. Und von

mir kam's, einige Liebesskrupel ausgenommen, von denen wir bald reden

werden, gar nicht in Frage. Sobald es einmal von des Ätti Seite hieß:

»Wie, Uli, hätt'st Lust?« hieß es von meiner: »Ja!« Mein Vater mochte

um so viel zufriedener sein, da er mich dergestalt vollends von Ännchen

entfernen konnte. Der Mutter hingegen lag's gar nicht recht. Aber, man

weiß es schon, wenn der Näbishans einmal einen Entschluß gefaßt, hätten

ihn Himmel und Erde nicht mehr davon abwendig gemacht. Es ward also Tag

und Stund' abgeredt, wo ich mit Laurenz verreisen sollte, ohne weiter

einem Menschen ein Wort davon zu sagen: denn es mache nur unnötigen

Lärm, sagte mein Führer.

Gute Nacht, Welt! Ich geh' ins Tirol. So hieß es bei mir. Denn

einesteils wenigstens war ich lauter Freude, meinte, der Himmel hange

voll Geigen und Hackbrettlin, und hätt' Siegel und Brief in der Tasche,

daß mein Glück gemacht sei. Andersteils ging mir's freilich entsetzlich

nahe, nicht eben das Vaterland, aber das Land zu meiden, wo mein

Liebstes wohnte. Ach! könnt' ich mein Ännchen nur mitnehmen, dacht' ich

wohl hunderttausendmal. Aber dann wieder: Fünf, höchstens sechs Jahr'

sind doch bald vorbei. Und wie wird's dann mein Schätzchen freuen, wenn

ich mit Ehr' und Gut beladen, wie ein Herr nach Haus kehren, oder es zu

mir in ein Gelobt Land abholen kann.

[Sidenote: Abschied vom Vaterland]

Also, auf den siebenundzwanzigsten des Herbstmonats (1755), Samstag

abends, ward's abgeredt, den Weg in Gottes Namen unter die Füße zu

nehmen. »Wir wollen bei Nacht und Nebel fort,« sagte Laurenz; »es gibt

sonst ein gar zu wunderfitzig Gelüg, und an einem Werktag hab' ich

nicht Zeit. Mach' dich also reis'fertig. Einen guten Rock, damit ist's

getan.« Samstag morgens macht' ich alles zurecht. Nun ging's an den

Abschied. Mutter und Schwestern vergossen häufige Tränen, und fingen

schon um Mittag an, mir tausendmal: Gott behüt', Gott geleit' dich!

zu sagen. Mein Vater, ebenfalls voll Wehmut, gab mir nebst etlichen

Batzen folgendes auf den Weg: »Uli!« sprach er, »du gehst fort, Uli!

Ich weiß nicht wohin, und du weißt's ebensowenig. Aber Laurenz ist ein

gereister Mann, und ich trau' ihm die Redlichkeit zu, er werd' irgendwo

ein gutes Nest kennen, wo er dich absetzen kann. Du von deiner Seite

halt' dich nur redlich und brav, so wird's, will's Gott! nicht übel

fehlen. Jetzt bist du noch wie ein ungebacknes Brötlin. Gib Achtung und

laß dich weisen, du bist gelehrig. Übrigens weißt du, ich hab' dir das

Ding nie mit einem Wort weder geraten noch mißraten. Es war Laurenzens

Einfall und dein Wille; denen fügt' ich mich, und zwar noch mit

ziemlich schwerem Herzen. Denn am End' konnt' ich dir noch wie bisher

Brot geben, wenn du dich weiter willig zu saurer und nicht saurer

Arbeit, wie sie kommt, bequemt hättest. Aber darum werd' ich mich nicht

minder freuen, wenn du jetzt Speis' und Lohn dazu auf eine leichtere

Art verdienen oder gar dein Glück machen kannst. Was mir am meisten

Mühe macht, Uli! ist deine Jugend und dein Leichtsinn. Glaub mir's, du

gehst in eine verführerische Welt hinaus, wo's Halunken und Schurken

genug gibt, die auf die Unschuld solcher Buben lauern. Ich bitt' dich,

trau' keinem Gesicht, bis du's kennst, und laß dich zu nichts bereden,

was dich nicht recht dünkt. Bete fleißig, wie Daniel zu Babel, und

vergiß nie, daß, wenn ich dich schon nicht mehr sehe und höre, dein

bessrer Vater im Himmel in alle Winkel der Welt sieht und hört, was du

denkest und tust. Du weißt ja die Bibel, das heißt Gottes Wort, in- und

auswendig. Sinn' ihm nach, und vergiß es nie, wie wohl's den frommen

Leuten, die Gott liebten, gegangen ist. Denk! Ein Abraham, Joseph,

David. Und wie hingegen jenen nichtsnutzen, gottlosen Buben, wie

unglücklich sie worden sind. Um deiner Seelen willen, Uli! um deiner

zeitlichen und ewigen Wohlfahrt willen, vergiß deines Gottes nicht.

Wo der Himmel über dir steht, ist er stets bei dir. Ich kann weiter

nichts, als dich seinem allmächtigen Schutz anbefehlen, und das will

ich tun, unablässig.« -- -- So ging's noch eine kurze Weile fort. Mein

Herz ward weich wie Wachs. Vor Schluchzen konnt' ich nichts sagen, als:

»Ja, Vater, ja!« und in meinem Inwendigen hallt' es wieder: »Ja, Vater,

ja!« Endlich, nach einer kurzen Stille, sprach er: »Nun, in Gottes

Namen, geh!« und ich: »Ja, ich will gehen!« und: »Liebe, liebe Mutter!

tu doch nicht so, es wird mir nicht gänzlich fehlen. Behüt' euch Gott!

lieber Vater, liebe Mutter! Behüt' euch Gott alle, liebe Geschwisterte!

Folgt doch dem Vater und der Mutter! Ich will ihren guten Ermahnungen

auch folgen in der weit'sten weiten Ferne.« Dann gab mir jedes die

Hand. Die Zähren rollten ihnen über die feuerroten Backen. Ich mußte

fast ersticken. Drauf gab mir die Mutter den Reisebündel und ging

beiseite. Mein Vater geleitete mich noch ein Stück Wegs. Es war schon

Abenddämmerung. In der Schamatten begegnete mir Kaspar Müller. Der gab

mir ein artiges Reis'geldlin und Gottes Geleit auf die Straße.

[Sidenote: Abschied vom Schätzle]

Nun flog ich noch zu meinem Ännchen hin, welcher ich erst ein paar

Nächte vorher mein Vorhaben entdeckt hatte. Sie ward darüber gewaltig

verdrießlich, wollt' sich's aber anfangs nicht merken lassen.

»Meinethalben,« sagte sie mit ihrem unnachahmlichen Bitterlächeln,

»kannst gehen, hab' gemeint, wer nur so liebt, mag sich packen, wohin

er will.« »Ach! Liebchen,« sprach ich, »du weißt wahrlich nicht, wie

weh 's mir tut; aber du siehst wohl, mit Ehren könnten wir's so nicht

mehr lang aushalten. Und ans Heiraten darf ich jetzt nicht denken. Bin

noch zu jung; du bist noch jünger, und beide haben wir keines Kreuzers

Wert. Unsre Eltern vermöchten nicht uns ein Nestlin zu schaffen, wir

gäben ein ausgemachtes Bettelvölklin. Und wer weiß, das Glück ist

kugelrund. Einmal, ich lebe der guten Hoffnung.« »Nun, wenn's so ist,

was liegt mir dran?« fiel Ännchen ein. »Aber, gelt! du kommst noch

einmal zu mir, eh' du gehst?« »Ja, freilich, warum nicht?« versetzt

ich: »Das hätt' ich sonst getan!« Jetzt ging ich, wie gesagt, wirklich,

meinem Herzchen das letzte Lebewohl zu sagen. Sie stund an der Tür,

sah meine Reisepäckchen, hüllte ihr hold gesenktes Köpfchen in ihre

Schürze und schluchzte, ohne ein Wort zu sagen. Das Herz brach mir

schier. Es machte mich wirklich schon wankend in meinem Vorhaben, bis

ich mich wieder ein wenig erholt hatte. Da dacht' ich: In Gottes Namen!

es muß denn doch sein, so weh' es tut. Sie führt mich in ihr Kämmerlin,

setzt sich aufs Bett, zieht mich wild an ihren Busen, und -- ach! ich

muß einen Vorhang über diese Szene ziehn, so rein sie übrigens war, und

so honigsüß mir noch heute ihre Vergegenwärtigung ist. Wer nie geliebt,

kann's und soll's nicht wissen, und wer geliebt hat, kann sich's

vorstellen. G'nug, wir ließen nicht ab, bis wir beide matt von Drücken,

geschwollen von Küssen, naß von Tränen waren, und die andächtige Nonne

in der Nachbarschaft Mitternacht läutete. Dann riß ich mich endlich

aus Ännchens weichen, holden Armen los. »Muß es denn sein?« sagte sie:

»Ist auf Himmel und Erde nichts dafür? Nein! Ich lass' dich nicht,

geh' mit dir, so weit der Himmel blau ist. Nein, in Ewigkeit lass' ich

dich nicht, mein alles, alles auf der Welt!« Und ich: »Sei doch ruhig,

liebes, liebes Herzchen! Denk einmal ein wenig hinaus, was für Freude,

wenn wir uns wiedersehen und ich glücklich bin!« Und sie: »Ach! ach!

dann laßst du mich sitzen!« Und ich: »Ha! in alle Ewigkeit nicht, und

sollt' ich der größte Herr werden und bei Tausenden gewinnen, in alle

Ewigkeit lass' ich dich nicht aus meinem Herzen. Und wenn ich fünf,

sechs, zehn Jahre wandern müßte, werd' ich dir immer, immer getreu

sein. Ich schwör' dir's«! (wir waren jetzt auf der Straße nach dem

Dorf, wo Laurenz mich erwartete, fest umschlungen, und gaben uns Kuß

und Kuß --) »Der blaue Himmel da ob uns mit allen seinen funkelnden

Sternen, diese stille Mitternacht -- diese Straße da sollen Zeugen

sein!« Und sie: »Ja! ja! Hier meine Hand und mein Herz, fühl' meinen

klopfenden Busen, Himmel und Erde seien Zeugen, daß du mein bist, daß

ich dein bin; daß ich, dir unveränderlich getreu, still und einsam

deiner harren will, und wenn's zehn und zwanzig Jahre dauern, wenn

unsre Haare drüber grau werden sollten; daß mich kein männlicher Finger

berühren, mein Herz immer bei dir sein, mein Mund dich im Schlaf küssen

soll, bis« -- -- hier erstickten ihr die Tränen alle Worte. Endlich

kamen wir zu Laurenzes Haus. Ich klopfte an. Wir setzten uns vors Haus

aufs Bänkchen, bis er herunterkam. Wir achteten seiner kaum. Wirklich

fing Ännchen jetzt wieder aufs neue an; die Scheu vor einem lebendigen

Zeugen gab uns selber den Mut, uns besser zu fassen. Wir waren beide so

beredt wie Landvögte. Aber freilich übertraf mich mein Schätzchen in

der Redekunst, in Liebkosungen und Schwüren himmelweit. Bald ging's ein

wenig bergauf. Nun wollte Laurenz Ännchen nicht weiterlassen. »Genug

ist genug, ihr Bürschlin!« sagte er. »Uchel! so kämen wir ewig nicht

fort. Ihr klebt da aneinander wie Harz. Was hilft jetzt das Brieggen?

Mädel, es ist Zeit, mit dir ins Dorf zurück. Es gibt noch der Knaben

mehr als genug!« Endlich, freilich währt' es lange genug, mußt' ich

Ännchen selber bitten, umzukehren: »Es muß, es muß doch sein!« Dann

noch einen einzigen Kuß, aber einen, wie's in meinem Leben der erste

und der letzte war, und ein paar Dutzend Händedrück', und: Leb', leb'

wohl! Vergiß mein nicht! Nein, gewiß nicht, nie, in Ewigkeit nicht! Wir

gingen; sie stand still, verhüllte ihr Gesicht und weinte überlaut, ich

nicht viel minder. Soweit wir uns noch sehen konnten, schweiten[39] wir

die Schnupftücher und warfen einander Küsse zu. Jetzt war's vorbei.

Wir kamen ihr aus dem Gesicht. Oh, wie's mir da zumute war! Laurenz

wollte mir Mut einsprechen und fing eine ganze Predigt an: wie's in

der Fremde auch schöne Engel gebe, gegen welche mein Ännchen nur ein

Rotznäschen sei und dergleichen. Ich ward böse auf ihn, sagte aber kein

Wort, ging immer stumm hinter ihm her, sah wehmütig ans Siebengestirn

hinauf. Zwei kleine Sterne gegen Mittag sah ich, wie mir's deuchte,

so nahe beisammen, als wenn sie sich küssen wollten, und der ganze

Himmel schien mir voll liebender Wehmut zu sein. So ging's fort,

ohne meinerseits zu wissen wohin, und ohne den mindesten Gedanken an

Gutes oder Böses, das mir etwa bevorstehen könnte. Laurenz plauderte

beständig; ich hörte wenig und betete in meinem Inwendigen fast

unaufhörlich: Gott behüte meine liebe Anne! Gott segne meine lieben

Eltern! Gegen Tagesanbruch kamen wir nach Herisau. Ich seufzte noch

immer meinem Schätzchen nach: Ännchen, Ännchen, liebstes Ännchen! Und

nun, vielleicht für lange das letztemal, schreib' ich's noch mit großen

Buchstaben: ÄNNCHEN!

Das Leben und die Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg · 第 5 / 10 题