[Sidenote: Knabenspiele]
Indessen kümmerte mich alle dies kein Haar. Auch wußt' ich eigentlich
nichts davon, und war überhaupt ein leichtsinniger Bube, wie es je
einen gab. Alle Tag dacht' ich dreimal ans Essen, und damit aus. Wenn
mich der Vater nur mit langanhaltender oder strenger Arbeit verschonte,
oder ich eine Weile davonlaufen konnte, war mir alles recht. Im Sommer
sprang ich in der Wiese und an den Bächen herum, riß Kräuter und Blumen
ab, und machte Sträuße wie Besen; dann durch alles Gebüsch, den Vögeln
nach, kletterte auf die Bäume und suchte Nester. Oder ich las ganze
Haufen Schneckenhäuslein oder hübsche Steine zusammen. War ich müd',
so setzt' ich mich an die Sonne und schnitzte zuerst Hagstecken,[14]
dann Vögel, und zuletzt gar Kühe; denen gab ich Namen, zäunt' ihnen
eine Weid ein, baut' ihnen Ställe, und fütterte sie, verhandelte dann
bald dies bald jenes Stück, und machte immer wieder schönere. Ein
andermal richtete ich Öfen und Feuerherd auf und kochte aus Sand und
Lett[15] einen saubern Brei. Im Winter wälzt ich mich im Schnee herum,
und rutschte bald in einer Scherbe von einem zerbrochenen Napf, bald
auf dem bloßen Hintern, die Gähen hinunter. Das trieb ich alles so,
wie's die Jahreszeit mitbrachte, bis mir der Vater durch den Finger
pfiff, oder ich sonst merkte, daß es Zeit über Zeit war. Noch hatt' ich
keine Kameraden; doch wurd' ich in der Schule mit einem Buben bekannt,
der oft zu mir kam, und mir allerhand Lappereien um Geld anbot, weil
er wußte, daß ich von Zeit zu Zeit einen halben Batzen zu Trinkgeld
erhielt. Einst gab er mir ein Vogelnest in einem Mausloch zu kaufen.
Ich sah täglich darnach. Aber eines Tages waren die Jungen fort; das
verdroß mich mehr, als wenn man dem Vater alle Küh' gestohlen hätte.
Ein andermal, an einem Sonntag, bracht' er Pulver mit -- bisher kannt'
ich diesen Höllensamen nicht -- und lehrte mich Feuerteufel machen.
Eines Abends hatt' ich den Einfall: Wenn ich auch schießen könnte! Zu
dem End' nahm ich eine alte, eiserne Brunnröhre, verklebte sie hinten
mit Lehm, und machte eine Zündpfanne, auch von Lehm; in diese tat ich
das Pulver, und legte brennenden Zunder daran. Da's nicht losgehen
wollte, blies ich ... Puh! mir Feuer und Lehm alles ins Gesicht. Dies
geschah hinterm Haus; ich merkte wohl, daß ich was Unrechtes tat.
Inzwischen kam meine Mutter, die den Klapf gehört hatte, herunter. Ich
war elend blessiert. Sie jammerte und half mir hinauf. Auch der Vater
hatte oben in der Weide die Flamm gesehen, weil's fast Nacht war. Als
er heimkam, mich im Bett antraf, und die Ursache vernahm, ward er
grimmig böse. Aber sein Zorn stillte sich bald, als er mein verbranntes
Gesicht erblickte. Ich litt große Schmerzen. Aber ich verbiß sie, weil
ich sonst fürchtete, noch Schläge obendrein zu bekommen, und wußte, daß
ich solche verdient hätte. Doch mein Vater empfand, daß ich Schläge
genug habe. Vierzehn Tage sah ich keinen Stich; an den Augen hatt' ich
kein Härlein mehr. Man hatte große Sorgen wegen dem Gesicht. Endlich
ward's allmählig und von Tag zu Tag wieder besser. Jetzt, sobald ich
vollkommen hergestellt war, machte es der Vater mit mir, wie Pharao mit
den Israeliten, ließ mich tüchtig arbeiten und dachte: So würden mir
die Possen am besten vergehen. Er hatte recht. Aber damals konnt' ich's
nicht einsehen, und hielt ihn für einen Tyrann, wenn er mich so des
Morgens früh aus dem Schlaf nahm, und an das Werk musterte. Ich meinte,
das wär' eben nicht nötig; die Kühe gäben ja die Milch von sich selber.
[Sidenote: Beschreibung von Dreyschlatt]
Dreyschlatt ist ein wilder, einöder Ort, zuhinderst an den Alpen
Schwämle, Kreutzegg und Aueralp; vorzeiten war's eine Sennweid. Hier
gibt's immer kurzen Sommer und langen Winter, während letzterm meist
ungeheuern Schnee, der oft noch im Mai ein paar Klafter tief liegt.
Einst mußten wir noch am heiligen Pfingstabend einer neuangelangten
Kuh mit der Schaufel zum Haus pfaden. In den kürzesten Tagen hatten
wir die Sonn' nur fünf Viertelstunden. Dort entsteht unser Rotenbach,
der dem Fäsi in seiner Erdbeschreibung und dem Walser in seiner
Kart entwischte, ungeachtet er zweimal größer als der Schwendi-
oder Lederbach ist, der viele Mühlen, Sägen, Walken, Stampfen und
Pulvermühlen treibt. Doch beim Dreyschlatt hat es das herrlichste
Quellwasser; und wir in unserm Haus und Scheuer aneinander hatten
einen Brunnen, der nie gefror, unterm Dach, so daß das Vieh den ganzen
Winter über nie den Himmel sah. -- Wenn's im Dreyschlatt stürmt, so
stürmt's recht. Wir hatten eine gute, nicht gähe Wiese von vierzig bis
fünfzig Klafter Heu und eine grasreiche Weide. Auf der Sommerseite im
Altischwil ist's schon früher, aber auch gäher und rauher. Holz und
Stroh gibt's genug. Hinterm Haus ist ein Sonnenrain, wo's den Schnee
wegbläst, der hingegen an einem Schattenrain vor dem Haus im Frühjahr
oft noch liegen bleibt, wenn's an jenem schon Gras und Schmalzblumen
hat. Am frühesten und am spätesten Ort auf dem Gut trifft's wohl vier
Wochen an.
Ja! ja! sagte jetzt eines Tags mein Vater, der Bub wächst, wenn er nur
nicht so ein Narr wäre, ein verzweifelter Lappi; auch gar kein Hirn.
Sobald er an die Arbeit muß, weiß er nicht mehr, was er tut. Aber von
nun an muß er mir die Geißen hüten, so kann ich den Geißbub abschaffen.
Ach! sagte meine Mutter, so kommst du um Geißen und Bub. Nein! Nein! Er
ist noch zu jung. Was, jung? sagte der Vater, ich will es drauf wagen,
er lernt's nie jünger, die Geißen werden ihn schon lehren, sie sind oft
witziger als die Buben, ich weiß sonst nichts mit ihm anzufangen.
[Sidenote: Der Geißbube]
~Mutter~: Ach! was wird mir das für Sorg' und Kummer machen.
Sinn' ihm auch nach! Einen so jungen Bub mit einem Fasel Geißen in den
wilden, einöden Kohlwald schicken, wo ihm weder Steg noch Weg bekannt
sind, und es so gräßliche Töbler hat. Und wer weiß, was für Tier sich
dort aufhalten, und was für schreckliches Wetter einfallen kann? Denk'
doch, eine ganze Stund' weit! und bei Donner und Hagel, oder wenn die
Nacht einfällt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und du mußt's
verantworten.
~Ich~: Nein, nein, Mutter! Ich will schon Sorge haben, und kann
ja dreinschlagen, wenn ein Tier kommt, und vorm Wetter untern Felsen
kreuchen, und wenn's nachtet, heimfahren, und die Geißen will ich, was
gilt's, schon paschgen.[16]
~Vater~: Hörst jetzt! Eine Woche mußt' mir erst mit dem Geißbub
gehen. Dann gib Achtung, wie er's macht, wie er die Geißen alle heißt
und ihnen lockt und pfeift, wo er durchfahrt, und wo sie die beste Weid
finden.
[Sidenote: Der Beckle]
Ja, ja! sagt' ich, sprang hochauf und dacht': Im Kohlwald bist du frei;
da wird dir der Vater nicht immer pfeifen und dich von einer Arbeit
zur andern jagen. Ich ging also etliche Tage mit unserm Beckle hin, so
hieß der Bub, ein rauher, wilder, aber ehrlicher Bursche. Denkt doch!
Er stund eines Tags wegen einer Mordtat im Verdacht, da man eine
alte Frau, welche wahrscheinlich über einen Felsen hinunterstürzte,
auf der Kreutzegg tot gefunden. Der Amtsdiener holte ihn aus dem Bett
nach Lichtensteig. Man merkte aber bald, daß er ganz unschuldig war,
und er kam zu meiner großen Freud noch denselben Abend wieder heim.
-- Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Der Vater wollte zwar den
Beckle als Knecht behalten; aber die Arbeit war ihm zu streng, und
er nahm im Frieden seinen Abschied. Anfangs wollten mir die Geißen,
deren ich bis dreißig Stück hatte, kein gut tun; das machte mich wild,
und ich versucht' es, ihnen mit Steinen und Prügeln den Meister zu
zeigen, aber sie zeigten ihn mir, ich mußte also die glatten Wort'
und das Streicheln und Schmeicheln zur Hand nehmen. Da taten sie, was
ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheucht' ich sie so, daß
ich oft nicht mehr wußte, was anfangen, wenn sie alle ins Holz und
Gesträuch liefen, und ich meist rundum keine einzige mehr erblicken
konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen und johlen, sie an den Galgen
verwünschen, brüllen und lamentieren mußte, bis ich sie wieder
beieinander hatte.
[Sidenote: Hirtenstand]
Drei Jahre hatte ich so meine Herde gehütet; sie ward immer größer,
zuletzt über hundert Köpf; mir immer lieber, und ich ihnen. Im Herbst
und Frühling fuhren wir auf die benachbarten Berge, oft bis zwei
Stunden weit. Im Sommer hingegen durft' ich nirgends hüten als im
Kohlwald, eine mehr als Stund weite Wüstenei, wo kein recht Stück Vieh
weiden kann. Dann ging's zur Aueralp, zum Kloster St. Maria gehörig,
lauter Wald, oder Kohlplätz und Gesträuch, manches dunkle Tobel und
steile Felswand, an denen noch die beste Geißweid zu finden war. Von
unserm Dreyschlatt weg hatt' ich alle Morgen eine Stunde Wegs zu
fahren, eh' ich nur ein Tier durfte anbeißen lassen; erst durch unsre
Viehweid, dann durch einen großen Wald, in die Kreuz und Quer, bald
durch diese, bald durch jene Abteilung der Gegend, deren ich jede
mit einem eigenen Namen taufte. Da hieß es im vordern Boden; dort,
zwischen den Felsen; hier, in der Weißlauwe; dort im Köllermelch, auf
der Platten, im Kessel. Alle Tag hütete ich an einem andern Ort, bald
sonnen-, bald schattenhalb.[17] Zu Mittag aß ich mein Brötlein, und
was mir sonst die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt' ich meine eigne
Geiß, an der ich sog. Die Geißaugen waren meine Uhr. Gegen Abend fuhr
ich immer wieder den nämlichen Weg nach Haus, auf dem ich gekommen war.
Welche Lust, bei angenehmen Sommertagen über die Hügel fahren, durch
Schattenwälder streichen, durchs Gebüsch Eichhörnchen jagen und
Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten
meine Geißen zwei bis drei Stunden aus, wann es heiß war noch mehr. Ich
aß mein Mittagsbrot, sog mein Geißchen, badete im spiegelhellen Wasser
und spielte mit den jungen Gitzen. Immer hatt' ich einen Gertel[18]
oder eine kleine Axt bei mir und fällte junge Tännchen, Weiden oder
Ilmen. Dann kamen meine Geißen haufenweis und kafelten[19] das Laub
ab. Wenn ich ihnen Leck, Leck rufte, ging's gar im Galopp, und wurd'
ich von ihnen wie eingemauert. Alles Laub und Kräuter, die sie fraßen,
kostete auch ich; und einige schmeckten mir sehr gut. Solang der Sommer
währte, florierten die Erd-, Im-, Heidel- und Brombeeren; deren hatt'
ich immer vollauf, und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug
nach Haus bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst
daran zum Ekel überfraß. Und welch' Vergnügen machte mir jeder Tag,
jeder neue Morgen! wenn jetzt die Sonne die Hügel vergoldete, denen ich
mit meiner Herde entgegenstieg, dann jenen haldigen Buchenwald, und
endlich die Wiesen und Weidplätze beschien. Tausendmal denk' ich dran,
und oft dünkt's mich, die Sonne scheine jetzt nicht mehr so schön. Wenn
dann alle anliegenden Gebüsche von jubilierenden Vögeln ertönten, und
dieselben um mich her hüpften, oh! was fühlt' ich da! Ha, ich weiß es
nicht! Halt süße, süße Lust! Da sang' und trillerte ich mit, bis ich
heiser ward. Ein andermal spürte ich den muntern Waldbürgern durch alle
Stauden nach, ergötzte mich an ihrem hübschen Gefieder, und wünschte,
daß sie nur halb so zahm wären wie meine Geißen, beguckte ihre Jungen
und ihre Eier, und erstaunte über den wundervollen Bau ihrer Nester.
Oft fand ich deren in der Erde, im Moos, im Farrn, unter alten Stöcken,
in den dicksten Dörnern, in Felsritzen, in hohlen Tannen oder Buchen;
oft hoch im Gipfel, in der Mitte, zu äußerst auf einem Ast. Meist wußt'
ich ihrer etliche. Das war mir eine Wonne, und fast mein einziges
Sinnen und Denken, alle Tag gewiß einmal nach allen zu sehn, wie die
Jungen wuchsen, wie das Gefieder zunahm, wie die Alten sie fütterten.
Anfangs trug ich einige mit mir nach Haus, oder brachte sie sonst
an einen bequemeren Ort. Aber dann waren sie dahin. Nun ließ ich's
bleiben und sie lieber groß werden. Da flogen sie mir aus. Ebensoviel
Freuden brachten mir meist meine Geißen. Ich hatte von allen Farben,
große und kleine, kurz- und langhaarige, bös- und gutgeartete. Alle
Tage ruft' ich sie zwei- bis dreimal zusammen und überzählte sie, ob
ich's voll habe? Ich hatte sie gewöhnt, daß sie auf mein Zub, Zub!
Leck, Leck! aus allen Büschen hergesprungen kamen. Einige liebten mich
sonderbar, und gingen den ganzen Tag nie einen Büchsenschuß weit von
mir; wenn ich mich verbarg, fingen sie alle ein Zetergeschrei an. Von
meinem Duglöörle, so hieß ich meine Mittagsgeiß, konnt' ich mich nur
mit List entfernen. Das war ganz mein eigen. Wo ich mich setzte oder
legte, stellte es sich über mich hin, und war gleich parat zum Saugen
oder Melken; und doch mußt' ich's in der besten Sommerszeit oft noch
ganz voll heimführen. Andremal melkt' ich es einem Köhler, bei dem ich
manche liebe Stund zubrachte, wenn er Holz schrotete oder Kohlhaufen
brannte.
Welch' Vergnügen dann am Abend, meiner Herde auf meinem Horn zur
Heimreise zu blasen! Zuzuschauen, wie sie alle mit runden Bäuchen und
vollen Eutern dastunden, und zu hören, wie munter sie sich heimblökten.
Wie stolz war ich, wann mich der Vater lobte, daß ich gut gehütet habe!
Run ging's an ein Melken, bei gutem Wetter unter freiem Himmel. Da
wollte jede zuerst über dem Eimer von der drückenden Last ihrer Milch
los sein und beleckte dankbar ihren Befreier.
Nicht daß lauter Lust beim Hirtenleben wäre! Potz Tausend, nein! Da
gibt's Beschwerden genug. Für mich war's lang die empfindlichste, des
Morgens so früh mein warmes Bettlin zu verlassen, und bloß und barfuß
ins kalte Feld zu marschieren, wenn's zumal einen baumstarken Reif
hatte, oder ein dicker Nebel über die Berge herabging. Wenn dann dieser
gar so hoch ging, daß ich ihm mit meiner bergansteigenden Herde das
Feld nicht abgewinnen und keine Sonn' erreichen konnte, verwünscht'
ich ihn in Ägypten hinein, und eilte, was ich eilen konnte, aus der
Finsternis wieder in ein Tälchen hinab. Erhielt ich hingegen den Sieg,
und gewann die Sonne und den hellen Himmel über mir, das große Weltmeer
von Nebeln, und hie und da einen hervorragenden Berg, wie eine Insel
unter meine Füße, was das dann für ein Stolz und eine Lust war! Da
verließ ich den ganzen Tag die Berge nicht, und mein Aug' konnt' sich
nie satt schauen, wie die Sonnenstrahlen auf diesem Ozean spielten, und
Wogen von Dünsten in den seltsamsten Figuren sich drauf herumtaumelten,
bis sie gegen Abend mich wieder zu übersteigen drohten. Dann wünscht'
ich mir Jakobs Leiter; aber umsonst, ich mußte fort. Ich ward traurig,
und alles stimmte in meine Trauer ein. Einsame Vögel flatterten matt
und mißmütig über mir her, und die großen Herbstfliegen summsten mir so
melancholisch um die Ohren, daß ich weinen mußte. Dann fror ich fast
noch mehr als am frühen Morgen, und empfand Schmerzen an den Füßen,
obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt' ich die meiste
Zeit Wunden oder Beulen an ein paar Gliedern, und wenn eine Blessur
heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre, sprang entweder
auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stück Haut
an einem Zehen, oder hieb mir mit meinen Instrumenten eins in die
Finger. Ans Verbinden war selten zu gedenken; und doch ging's meist
bald vorüber. Die Geißen hiernächst machten mir, wie schon gesagt,
anfangs großen Verdruß, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil
ich ihnen nicht recht zu befehlen verstund. Ferner prügelte mich der
Vater nicht selten, wenn ich nicht hütete, wo er mir befohlen hatte,
und nur hinfuhr, wo ich gerne sein mochte, und die Geißen nicht das
rechte Bauchmaß heimbrachten, oder er sonst ein loses Stücklein von
mir erfuhr. Dann hat ein Geißbub überhaupt viel von andern Leuten zu
leiden. Wer will einen Fasel Geißen immer so in Schranken halten,
daß sie nicht einem Nachbar in die Wiesen oder Weid gucken? Wer mit
soviel lüsternen Tieren zwischen Korn- und Haberbrachen, Räb- und
Kabisäckern[20] durchfahren, daß keins ein Maul voll versuchte? Da
ging's an ein Fluchen und Lamentieren: Bärenhäuter! Galgenvogel! waren
meine gewöhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Äxten, Prügeln und
Hagstecken, einst gar einer mit einer Sense nach, der schwur, mir ein
Bein vom Leibe wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Füßen,
und nie hat mich einer erwischen mögen. Die schuldigen Geißen wohl
haben sie mir oft ertappt und mit Arrest belegt; dann mußte mein Vater
hin und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab's Schläge. Etliche
unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwärtig und richteten
mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich freilich: Wartet
nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh' recht sind, so will ich euch
auch die Buckel salben. Aber man vergißt's, und das ist gut. Und
dann hat das Sprichwort doch auch seinen wahren Sinn: »Wer will ein
Biedermann sein und heißen, der hüt' sich vor Tauben und Geißen.« --
So gibt es freilich dieser und anderer Widerwärtigkeiten genug in
dem Hirtenstand. Aber die bösen Tage werden reichlich von den guten
ersetzt, wo es gewiß keinem König so wohl ist.
[Sidenote: Neue Lebensgefahren]
Im Kohlwald war eine Buche gerad über einem mehr als turmhohen Fels
herausgewachsen, so daß ich über ihren Stamm wie über einen Steg
spazieren und in eine gräßlich finstre Tiefe hinabgucken konnte; wo
die Äste angingen, stund sie wieder geradeauf. In dieses seltsame Nest
bin ich oft gestiegen und hatte meine größte Lust daran, so in den
fürchterlichen Abgrund zu schauen, um zu sehen, wie ein Bächlein neben
mir herunterstürzte und sich in Staub zermalmte. Einst schwebte mir
diese Gegend im Traume so schauderhaft vor, daß ich von da an nicht
mehr hinging. Ein andermal befand ich mich mit meinen Geißen jenseits
der Aueralp, auf der Dürrwälder Seite gegen den Rotenstein. Ein Junges
hatte sich zwischen zween Felsen verstiegen und ließ eine jämmerliche
Melodie von sich hören. Ich kletterte nach, um ihm zu helfen. Es
ging so eng und gäh, und zickzack zwischen Klippen durch, daß ich
weder obsich noch niedsich[21] sehen konnte und oft auf allen Vieren
kriechen mußte. Endlich verstieg ich mich gänzlich. Über mir stund ein
unerklimmbarer Fels; unter mir schien's fast senkrecht, ich weiß selbst
nicht wie weit hinab. Ich fing an zu rufen und zu beten, so laut ich
konnte. In einer kleinen Entfernung sah ich zwei Menschen durch eine
Wiese marschieren. Ich gewahrt' es gar wohl, sie hörten mich; aber sie
spotteten meiner und gingen ihre Straße. Endlich entschloß ich mich,
das Äußerste zu wagen und lieber mit eins des Todes zu sein, als noch
weiter in dieser peinlichen Lage zu verharren, und doch nicht lange
mehr ausharren zu können. Ich schrie zu Gott in Angst und Not, ließ
mich auf den Bauch nieder, meine Händ' obsich verspreitet, daß ich mich
an den kahlen Fels so gut als möglich anklammern könne. Aber ich war
todmüd, fuhr wie ein Pfeil hinunter, zum Glück war's nicht so hoch, als
ich im Schrecken geglaubt hatte, und blieb ebenrecht in einem Schlund
stecken, wo ich mich wieder halten konnte. Freilich hatt' ich Haut und
Kleider zerrissen und blutete an Händen und Füßen. Aber wie glücklich
schätzt' ich mich nicht, daß ich nur mit dem Leben und unzerbrochnen
Gliedern davonkam! Mein Geißchen mag sich auch durch einen Sprung
gerettet haben; einmal, ich fand's schon wieder bei den übrigen.
Ein andermal, da ich an einem schönen Sommertag mit meiner Herde
herumgetrillert, überzog sich der Himmel gegen Abend mit schwarzen
Wolken; es fing gewaltig an zu blitzen und zu donnern. Ich eilte nach
einer Felshöhle, diese oder eine große Wettertann waren in solchen
Fällen immer mein Zufluchtsort, und rief meine Geißen zusammen. Die,
weil's sonst bald Zeit war, meinten, es gelte zur Heimfahrt und
sprangen über Kopf und Hals mir vor, daß ich bald keinen Schwanz mehr
sah. Ich eilte ihnen nach. Es fing entsetzlich an zu hageln, daß mir
Kopf und Rücken von den Püffen sausten. Der Boden war dicht mit Steinen
bedeckt; ich rannte in vollem Galopp drüber fort, fiel aber oft auf den
Hintern und fuhr große Stück weit wie auf einem Schlitten. Endlich, in
einem Wald, wo's gäh zwischen Felsen hinunterging, konnt' ich vollends
nicht anhalten und glitschte bis zu äußerst auf einen Rand, von dem
ich, wenn mich nicht Gott und seine guten Engel behütet hätten, viele
Klafter tief herabgestürzt und zermürst worden wäre. Jetzt ließ das
Wetter allmählig nach, und als ich nach Haus kam, waren meine Geißen
schon eine halbe Stunde daheim. Etliche Tage lang fühlt' ich von dieser
Partie keinerlei Ungemach; aber mit eins fingen meine Füß zu sieden
an, als wenn man sie in einem Kessel kochte. Dann kamen die Schmerzen.
Mein Vater sah nach und fand mitten in der einen Fußsohle ein groß
Loch, und Moos und Gras darin. Nun erinnert' ich mich erst, daß ich
an einem spitzen Weißtannast aufgesprungen war: Moos und Gras war
mit hineingegangen. Der Ätti grub mir's mit einem Messer heraus und
verband mir den Fuß. Nun mußt' ich freilich ein paar Tage meinen Geißen
langsam nachhinken, dann verlor ich die Binde, Kot und Dreck füllten
das Loch, und es war bald wieder besser. Viel andre Mal, wenn's durch
die Felsen ging, liefen die Tiere ob mir weg und rollten große Steine
herab, die mir hart an den Ohren vorbeipfiffen. Oft stieg ich einem
Wälschtraubenknöpfli, Frauenschühlin oder andern Blümchen über Klippen
nach, daß es eine halsbrechende Arbeit war. Wieder zündete ich große,
halbverdorrte Tannen von unten an, die bisweilen acht bis zehn Tage
aneinander fortbrannten, bis sie fielen. Alle Morgen und Abend sah ich
nach, wie's mit ihnen stund. Einst hätte mich eine maustot schlagen
können: denn indem ich meine Geißen forttrieb, daß sie nicht getroffen
würden, krachte sie hart an mir in Stücken zusammen. So viele Gefahren
drohten mir während meinem Hirtenstand mehrmal, Leibs und Lebens
verlustig zu werden, ohne daß ich's viel achtete, oder doch alles bald
wieder vergaß, und leider damals nie daran dachte, daß du allein es
warst, mein himmlischer Vater und Erhalter! der in den Winkeln einöder
Wüste die Raben nährt, und auch Sorge für mein junges Leben trug.
[Sidenote: Kameradschaft]
Mein Vater hatte bisweilen aus der Geißmilch Käse gemacht, bisweilen
Kälber gesäugt und seine Wiesen mit dem Mist geäufnet.[22] Dies reizte
unsere Nachbarn, daß ihrer vier auch Geißen anschafften und beim
Kloster um Erlaubnis baten, ebenfalls im Kohlwald hüten zu dürfen. Da
gab's nun Kameradschaft. Unser drei oder vier Geißbuben kamen alle
Tag zusammen. Ich will nicht sagen, ob ich der beste oder schlimmste
unter ihnen gewesen, aber gewiß ein purer Narr gegen die andern, bis
auf einen, der ein gutes Bürschchen war. Einmal, die übrigen alle
gaben uns leider kein gutes Exempel. Ich wurde ein Bißlein witziger,
aber desto schlimmer. Auch sah's mein Vater gar nicht gern, daß ich
mit ihnen laichte,[23] und sagte mir, ich sollte lieber allein hüten
und alle Tage auf eine andere Gegend treiben. Aber Gesellschaft war
mir zu neu und zu angenehm; und wenn ich auch etwa einen Tag den Rat
befolgte und hörte die andern hüpfen und johlen, so war's, als wenn
mich ein paar beim Rock zerrten, bis ich sie erreicht hatte. Bisweilen
gab's Zänkereien, dann fuhr ich wieder einen Morgen allein oder mit
dem guten Jacobli, von dem hab' ich selten ein unnützes Wort gehört,
aber die andern waren mir kurzweiliger. Ich hätte noch viele Jahre
für mich können Geißen hüten, eh' ich den Zehnteil von dem allem inne
worden wäre, was ich da in kurzem vernahm. Sie waren alle größer und
älter als ich, fast aufgeschossene Bengel, bei denen schon alle argen
Leidenschaften aufgewacht. Schmutzige Zoten waren alle ihre Reden
und unzüchtig alle ihre Lieder, bei deren Anhören ich oft Maul und
Augen auftat, oft aber auch aus Schamröte niederschlug. Über meinen
bisherigen Zeitvertreib lachten sie sich die Haut voll. Späne und
junge Vögel galten ihnen gleich viel, außer wenn sie glaubten, Geld
aus einem zu lösen, sonst schmissen sie dieselben samt den Nestern
fort. Das tat mir anfangs weh; doch macht' ich's bald mit. So geschwind
konnten sie mich hingegen nicht überreden, schamlos zu baden wie sie.
Einer besonders war ein rechter Unflat, aber sonst weder streit- noch
zanksüchtig, und darum nur desto verführerischer. Ein anderer war auf
alles verpicht, womit er einen Batzen verdienen konnte, der liebte
darum die Vögel mehr als die andern, die nämlich, welche man ißt;
suchte allerlei Waldkräuter, Harz, Zunderschwamm und dergleichen. Von
dem lernt' ich manche Pflanze kennen, aber auch, was der Geiz ist.
Noch einer war etwas besser als die schlimmern; er machte mit, aber
furchtsam. Jedem ging sein Hang sein Leben lang nach. Jacobli ist noch
ein guter Mann, der andre blieb immer ein geiler Schwätzer und ward
zuletzt ein miserabler hinkender Tropf; der dritte hatte mit List und
Ränken etwas erworben, aber nie Glück dabei. Vom vierten weiß ich
nicht, wo er hingekommen ist.
[Sidenote: Sonderbare Gemütsstimmung]
[Sidenote: Ende des Hirtenstandes]
Daheim durft' ich mir von dem, was ich bei diesen Kameraden sah und
hörte, nichts merken lassen. Ich genoß aber nicht mehr meine vorige
Fröhlichkeit und Gemütsruhe. Die Kerls hatten Leidenschaften in mir
rege gemacht, die ich noch selbst nicht kannte, doch merkte ich, daß es
nicht richtig stund. Im Herbst, wo die Fahrt frei war, hütete ich meist
allein. Ein Büchlein, das mir bloß darum jetzt noch lieb ist, trug
ich bei mir und las oft darin. Noch weiß ich verschiedene sonderbare
Stellen auswendig, die mich damals bis zu Tränen rührten. Jetzt kamen
mir die bösen Neigungen in meinem Busen abscheulich vor, und sie
machten mir angst und bang. Ich betete, rang die Hände, sah zum Himmel,
bis mir die hellen Tränen über die Backen rollten, faßte einen Vorsatz
über den andern und machte mir so strenge Pläne für ein künftiges
frommes Leben, daß ich darüber allen Frohmut verlor. Ich versagte mir
alle Arten von Freude, und hatte zum Beispiel lang einen ernstlichen
Kampf mit mir selber wegen eines Distelfinken, der mir sehr lieb war,
ob ich ihn weggeben oder behalten sollte? Über diesen einzigen Vogel
dacht' ich oft weit und breit herum. Bald kam mir die Frommkeit, wie
ich mir solche damals vorstellte, als ein unersteiglicher Berg, bald
wieder federleicht vor. Meine Geschwister mocht' ich herzlich lieben,
aber je mehr ich's wollte, je mehr sah ich Widriges an ihnen. In kurzem
wußt' ich weder Anfang noch End, und es war niemand mehr, der mir
heraushelfen konnte, da ich meine Lage keiner Menschenseele entdeckte.
Ich machte mir alles zur Sünde: Lachen, Jauchzen und Pfeifen. Meine
Geißen sollten mich nicht mehr erzürnen dürfen, und ich ward eher böser
auf sie. Eines Tags bracht' ich einen toten Vogel nach Haus, den ein
Mann geschossen und auf einem Stecken in die Wiese aufgesteckt hatte.
Ich nahm ihn, wie ich in dem Augenblick wähnte, mit gutem Gewissen weg,
ohne Zweifel, weil mir seine zierlichen Federn vorzüglich gefielen.
Aber sobald mir der Vater sagte, das heiße auch gestohlen, weint' ich
bitterlich -- ich hatte diesmal recht -- und trug das Äschen morgens
darauf in aller Frühe wieder an seinen Ort. Doch behielt ich etliche
von den schönsten Federn; aber auch dies kostete mich ziemliche
Überwindung. Doch dacht' ich: Die Federn sind nun ausgerupft, wenn du
sie schon auch hinträgst, verblast sie der Wind, und dem Mann nützen
sie so nichts. Bisweilen fing ich wieder an zu jauchzen und zu johlen
und trollte aufs neue sorglos über alle Berge. Dann dacht' ich: So
alles, alles verleugnen, bis auf meine selbstgeschnitzelten hölzernen
Kühe -- wie ich mir damals den rechten Christensinn buchstäblich
vorstellte -- sei doch ein traurig elendes Ding. Indessen wurde der
Kohlwald von den immer zunehmenden Geißen übertrieben; die Rosse,
die man auf den fettern Grasplätzen weiden ließ, bisweilen von den
Geißbuben verfolgt oder gesprengt. Einmal legten die Bursche ihnen
Nesseln unter die Schwänze; ein paar stürzten sich im Lauf über einen
Felsen zu Tode. Es gab schwere Händel, und das Hüten im Kohlwald wurde
gänzlich verboten. Ich hütete darauf noch eine Weile auf unserm eignen
Gut. Dann löste mich mein Bruder a. Und so nahm mein Hirtenstand ein
Ende.
[Sidenote: Neue Geschäfte]
[Sidenote: Neue Sorgen]
Nun hieß es: Eingespannt in den Karrn mit dem Buben, ins Joch! Er ist
groß genug! Wirklich tummelte mich mein Vater meisterlich herum; in
Holz und Feld sollt' ich ihm statt eines vollkommenen Knechtes dienen.
Die mehrern Mal überlud er mich, ich hatte die Kräfte noch nicht, die
er mir nach meiner Größe zutraute, und doch wollt' ich stark sein
und keine schwere Bürde liegen lassen. In Gesellschaft von ihm oder
mit den Taglöhnern arbeitete ich gern; aber sobald er mich allein an
ein Geschäft schickte, war ich faul und lässig, staunte Himmel und
Erde an und hing, ich weiß selbst nicht was für Gedanken und Grillen
nach; das freie Geißbubenleben hatte mich halt verwöhnt. Das zog mir
Scheltwort oder gar Streiche zu, und diese Strenge war nötig, obschon
ich's damals nicht fassen konnte. Im Heuet besonders gab's bisweilen
fast unerträgliche Bürden. Oft streckt' ich mich vor Mattigkeit und
fast zerschmolzen von Schweiß, der Länge nach auf den Boden und
dachte: Ob's wohl auch in der Welt überall so mühselig zugehe? Ob ich
mich grad' jetzt aus dem Staub machen sollte? Es werde doch an andern
Orten auch Brot geben, und nicht gleich Henken gelten. Ich hätte auf
der Kreutzegg beim Geißhüten mehrere solche Bursche gesehen, denen's
außer ihrem Vaterland, wie sie mir erzählten, recht wohl gegangen, und
was des Zeugs mehr war. Dann aber fand ich: Nein! es wäre doch Sünd',
von Vater und Mutter wegzulaufen; wie? wenn ich ihnen ein Stück Boden
abhandeln, es bauen, brav Geld daraus ziehen, dann aus der Losung ein
Häuschen drauf stellen und so für mich leben würde? Husch! sagt' ich
eines Tags, das muß jetzt sein! Aber, wenn mir's der Ätti abschlägt?
Ei! frisch gewagt, ist halb gewonnen. Ich nahm also das Herz in beide
Händ', und bat den Vater noch desselben Abends, daß er mir ein gewisses
Stücklein Lands abtrete. Nun sah er freilich meine Narrheit ein, aber
er ließ mich's nicht merken und fragte nur, was ich damit anfangen
wolle? »Ha! sagt' ich, es in Ehren legen, Mattland daraus machen und
den Gewinn beiseite tun.« Ohne ein mehreres Wort zu verlieren, sprach
er: »So nimm eben die Zipfelweid, ich gebe sie dir um fünf Gulden.«
Das war nun spottwohlfeil; hier zu Wattwil wär' so ein Grundstück mehr
als hundert Gulden wert. Ich sprang darum vor Freuden hoch auf und
fing sogleich die neue Wirtschaft an. Den Tag über arbeitete ich für
den Vater; sobald der Feierabend kam, für mich, sogar bei Mondschein.
Da macht' ich aus dem noch vor Nacht gehauenen Holz und Stauden kleine
Bürden von Brennholz zum Verkaufen. Eines Abends dacht' ich so meiner
jetzigen Lage nach; mir fiel ein: Deine Zipfelweid ist gar wohlfeil! Es
könnte den Vater reuen und er's wieder an sich ziehen, wenn ich ihm den
Kaufschilling nicht bar erlege. Ich muß um Geld schauen, so kann er mir
nicht mehr ab der Hand gehn. Ich ging also zum Nachbar Görg, erzählt'
ihm den ganzen Handel und bat ihn, mir die fünf Gulden zu leihen, ich
woll' ihm bis auf Wiederbezahlung mein Land zum Pfand einsetzen. Er gab
mir's ohne Bedenken. Ganz entzückt lief ich damit zum Vater und wollt'
ihn ausbezahlen. Potz hundert! wie der mich abschnauzte: »Wo hast du
das Geld her?« Es fehlte wenig, so hätt' es noch Ohrfeigen obendrein
gesetzt. Im ersten Augenblick begriff ich nicht, was ihn so entsetzlich
bös mache. Aber erklärte mir's bald, da er fortfuhr: »Du Bärenhäuter!
Mir mein Gut zu verpfänden!« riß mir die fünf Gulden aus der Hand,
rannte im Augenblick zu Görg und gab sie ihm wieder, mit Bedeuten, daß
er, so lieb ihm Gott sei! dem Buben kein Geld mehr leihe, er woll'
ihm schon geben, was er brauchte. So war meine Freude kurz. Der Ätti,
nachdem er bald wieder besänftigt war, mocht' mir lang sagen, ich
brauch' ihm das Ding gar nicht zu zahlen, ich könn' ihm ja ein billiges
Zinslein geben, der Schlempen Weid werde die Sach nicht ausmachen, ich
soll damit schalten und walten wie mit meinem Eigentum. Ich konnt'
es ihm nicht glauben, denn er lachte dabei immer hinten im Maul. Das
war mir verdächtig. Aber er hatte guten Grund dafür. Endlich fing ich
einfältiger Tölpel an, mich wieder zu beruhigen und machte aufs neue
die Rechnung hinterm Wirt, was ich aus dem Bletz[24] mit der Zeit für
Nutzen ziehen wollte; als eines Tags mir die Kühe in mein Äckerlein
brachen, den jungen Samen abfraßen, auch mein Holz eben keine Käufer
fand und mir fast alles liegen blieb. Solche gehäufte Unglücksstreiche
nahmen mir mit eins den Mut, ich überließ den ganzen Plunder wieder
dem Vater und bekam von ihm zur Entschädigung ein flanellenes
Brusttuch.
[Sidenote: Wißbegierde]
Ich bin in meinen Kinderjahren nur wenige Wochen in die Schule
gegangen; bei Haus hingegen mangelte es mir gar nicht an Lust, mich in
mancherlei unterweisen zu lassen. Das Auswendiglernen gab mir wenig
Müh, besonders übt' ich mich fleißig in der Bibel, konnte viele darin
enthaltene Geschichten aus dem Stegreif erzählen und gab überhaupt
auf alles Achtung, was mein Wissen vermehren konnte. Mein Vater las
auch gern etwas Historisches oder Mystisches. Gerad um diese Zeit ging
ein Buch aus, der flüchtige Pater genannt. Er und unser Nachbar Hans
vertrieben sich manche liebe Stunde damit und glaubten an den darin
prophezeiten Fall des Antichrists und die dem End der Welt vorgehenden
nahen Strafgerichte, wie ans Evangelium. Auch ich las viel darin,
predigte etlichen unsrer Nachbarn mit ängstlich andächtiger Miene,
die Hand vor die Stirn gestemmt, halbe Abende aus dem Pater vor und
gab ihnen alles für bare Münz aus; dies nach meiner eignen völligsten
Überzeugung. Mir stieg kein Gedanke auf, daß ein Mensch ein Buch
schreiben könnte, worin nicht alles nur lautere Wahrheit wäre; und
da mein Vater und der Hans nicht daran zweifelten, schien mir alles
vollends Ja und Amen zu sein. Aber das brachte mich eben auf allerlei
jammerhafte Vorstellungen. Ich wollte mich gern auf den bevorstehenden
jüngsten Tag recht zubereiten; allein da fand ich entsetzliche
Schwierigkeiten, nicht so fast in einem bösen Tun und Lassen, als in
meinem oft argen Sinn und Denken. Dann wollt' ich mir wieder alles
aus dem Kopf schlagen, aber vergebens. Wenn ich zumal bisweilen in
der Offenbarung Johannis oder im Propheten Daniel las, schien mir
alles, was der Pater schrieb, vollends gewiß und unfehlbar. Und was
das schlimmste war, so verlor ich ob dieser Überzeugung alle Freud'
und Mut. Wenn ich im Gegenteil den Ätti und den Nachbar fast noch
fröhlicher sah als zuvor, machte mich solches gar konfus, und kann ich
mir's noch jetzt nicht erklären, wie das zuging. So viel weiß ich wohl,
sie steckten damals beide in schweren Schulden und hofften vielleicht
durch das Ende der Welt davon befreit zu werden: wenigstens hört' ich
sie oft vom Neufunden Land, Carolina, Pensylvani und Virgini sprechen,
ein andermal überhaupt von einer Flucht, vom Auszug aus Babel, von
den Reisekosten und dergleichen. Da spitz' ich die Ohren wie ein Has.
Einmal, erinnr' ich mich, fiel mir wirklich ein gedrucktes Blatt in die
Hände, das einer von ihnen auf dem Tisch liegen gelassen und welches
Nachrichten von jenen Gegenden enthielt. Das las ich wohl hundertmal;
mein Herz hüpfte mir im Leib bei dem Gedanken an dies herrliche Kanaan,
wie ich mir's vorstellte. Ach! wenn wir nur alle schon da wären, dacht'
ich. Aber die guten Männer, denk' ich, wußten ebensowenig als ich Steg
und Weg und wahrscheinlich noch minder, wo das Geld herzunehmen. Also
blieb das schöne Abenteuer stecken und entschlief nach und nach von
selbst. Indessen las ich immer fleißig in der Bibel, doch noch mehr
in meinem Pater und andern Büchern, unter anderen in dem sogenannten
Pantli Karrer, und in dem weltlichen Liederbuch, dessen Titel mir
entfallen ist. Sonst vergaß ich, was ich gelesen, nicht so bald. Allein
mein unruhiges Wesen nahm dabei sichtbarlich zu, so sehr ich mich auf
mancherlei Weise zu zerstreuen suchte; und, was das Schlimmste war,
hatt' ich das Herz nie, dem Pfarrer oder auch nur dem Vater hievon das
Mindeste zu offenbaren.
[Sidenote: Geistliche Unterweisung]
Indessen wundert' es mich doch bisweilen, wie mein Vater und der
Pfarrer von diesem und jenem Spruch in der Bibel, von diesem und jenem
Büchlin denke. Letzterer kam oft zu uns, selbst zur Winterszeit, wenn
er schier im Schnee stecken blieb. Da war ich sehr aufmerksam auf alle
Diskurse und merkte bald, daß sie meist bei weitem nicht einerlei
Meinung waren. Anfangs kam's mir unbegreiflich vor, wie der Ätti so
frech sein und dem Pfarrer widersprechen dürfe. Dann dacht' ich auf
der andern Seite: Aber mein Vater und der flüchtige Pater zusammen
sind doch auch keine Narren und schöpfen ihre Gründe wie jener aus
der gleichen Bibel. Das ging in meinem Sinn so hin und her, bis ich's
etwa wieder vergaß und andern Fantaseyen nachhing. Inzwischen kam
ich im Jahre 1752 zu diesem Pfarrer Heinrich Näf von Zürich in die
Unterweisung zum heiligen Abendmahl. Er unterrichtete mich sehr
gründlich und war mir in der Seele lieb. Oft erzählt' ich meinem Vater
ganze Stunden lang, was er mit mir geredet hatte und meinte, er sollte
davon so gerührt werden wie ich. Bisweilen tat er mir zu Gefallen
dergleichen; aber ich merkte wohl, daß es ihm nicht recht zu Herzen
ging. Doch sah ich auch, daß er überhaupt Wohlgefallen an meinen
Empfindungen und an meiner Aufmerksamkeit hatte. Nachwärts ward dieser
Heinrich Näf Pfarrer gen Humbrechtikon am Zürichsee; und seither,
glaub' ich, kam er noch näher an die Stadt. Noch auf den heutigen Tag
ist meine Liebe zu ihm nicht erloschen. Viel hundertmal denk' ich
mit gerührter Seele an des redlichen Manns Treu und Eifer, an den
liebevollen Unterricht, welchen ich von seinen holdseligen Lippen sog,
und den mein damals gewiß für das Gute weiches und empfängliches Herz
begierig aufnahm. Oh, der redlichen Vorsätze und heiligen Entschlüsse,
die ich so oft in diesen unvergeßlichen Stunden faßte! Wo seid ihr
geblieben? Welchen Weg seid ihr gegangen? Ach! wie oft seid ihr von
mir zurückgerufen und leider wieder verabschiedet worden! O Gott! Wie
freudig ging ich stets aus dem Pfarrhause heim, nahm gleich das Buch
wieder zur Hand und erfrischte damit das Angedenken an die empfangenen
heilsamen Lehren. Aber dann war bald alles wieder verflogen. Selbst
in späteren Tagen, in Augenblicken, wo Lockungen von allen Seiten mir
die süßesten Mienen machten und mich bereden wollten, Schwarz sei,
wo nicht Weiß, doch Grau, stiegen mir meines ehemaligen Seelsorgers
treugemeinte Warnungen noch oft zu Sinn und halfen mir in manchem
Scharmützel mit meinen Leidenschaften den Sieg erringen. Was ich mir
aber noch zu dieser Stunde nicht vergeben kann, ist mein damaliges
öfteres Heucheln, und daß ich, selbst wenn ich mir keines eigentlichen
Bösen bewußt war, immer besser scheinen wollte, als ich zu sein mich
fühlte. Endlich -- ich weiß nicht, war vielleicht auch das ein Tuck
des armen Herzens? -- sang ich, und zwar, wenn ich ganz allein bei
der Arbeit war, wirklich mit größerer Lust etliche geistliche Lieder,
die ich von meiner Mutter gelernt, als meine weltlichen Quodlibet und
wünschte nur freilich allemal, daß mich mein Vater auch hören möchte,
wie er mich sonst meist über meinem losen Lirum Larum ertappt hatte.
[Sidenote: Neue Kameraden]
Übrigens hatte der Pfarrer in seinem kleinen Krinau neben mir nur
einen einzigen Buben in der Unterweisung. Dieser hieß H. B., ein
fuchsroter Erzstockfisch. Wenn ihn der Heer[25] was fragte, hielt der
Bursch' immer sein Ohr an mich, daß ich's ihm einblasen sollte. Was
man ihm hundertmal sagte, vergaß er hundertmal wieder. Am Heiligen
Abend, da man uns der Gemeind vorstellte, war er vollends verstummt.
Ich mußte darum fast aneinander antworten, von zwei bis fünf Uhr. Im
Jahr zuvor ward hingegen ein anderer Knabe, J. W., unterwiesen, ein gar
geschicktes Bürschlein, der die Bibel und den Catecist[26] vollkommen
inne hatte. Mit dem macht' ich um diese Zeit Bekanntschaft. Von
Angesicht war er häßlich, die Kinderblattern hatten ihn jämmerlich
zugerichtet, aber sonst ein Kind wie die liebe Stunde. Er hatte einen
gesprächigen Vater, von dem er viel lernte, der aber daneben nicht der
beste und besonders als ein Erzlügner berühmt war. Der konnt' euch
stundenlang die abenteuerlichsten Dinge erzählen, die weder gestoben
noch geflogen waren; so daß es zum Sprichwort wurde, wenn einer etwas
Unwahrscheinliches sagt: »Das ist ein W. -- Lug!« Wenn er redete,
rutschte er auf dem Hintern beständig hin und her. Von seinen Fehlern
hatte sein kleiner Bube keinen geerbt, das Lügen am allerwenigsten.
Jedermann liebte ihn. Mir war er die Kron in Augen. Wir fingen an,
über allerlei Sachen Brieflin zu wechseln, gaben einander Rätsel auf
oder schrieben uns Verse aus der Bibel zu, ohne Spezifikation, wo sie
stünden; da mußte ein jeder selbst nachschlagen. Oft hielt es schwer
oder gar unmöglich, in den Psalmen und Propheten zumal, wo die Verslin
meist erstaunlich kurz, und viele fast gleichlautend sind. Bisweilen
schrieben wir einander von allen Tieren, welche uns die liebsten seien;
dann von allerhand Speisen, welche uns die besten dünkten; dann wieder
von Kleidungsstücken, Zeug und Farben, welche uns die angenehmsten
wären, und so fort. Da bemühte sich je einer den andern an Anmut zu
übertreffen. Oft mocht' ich's kaum erwarten, bis wieder so ein Brieflin
von meinem Freunde kam. Er war mir darin noch viel lieber als in seinem
persönlichen Umgang. So dauerte es lange, bis einst ein unverschämter
Nachbar allerlei wüste Sachen über ihn aussprengte. Obschon ich's nicht
glaubte, verringerte sich doch nun, es ist wunderbar, meine Zuneigung
zu ihm augenblicklich. Ein paar Jahre nachher, es war vielleicht ein
Glück für uns beide, fiel er in eine Krankheit und starb. Ein andrer
unsrer Nachbarn, H., hatte auch Kinder von meinem Alter. Aber mit denen
konnt' ich nichts; sie waren mir zu witznasig, arge Förschler und
Frägler. Um diese Zeit gab mir Nachbar Joggli heimlich um drei Kreuzer
eine Tabakspfeife zu kaufen und lehrte mich schmauchen. Lange mußt'
ich's im Geheim tun, bis einst ein Zahnweh mir den Vorwand verschaffte,
es fortan öffentlich zu treiben. Und, oh, der Torheit! darauf bildete
ich mir nicht wenig ein.
[Sidenote: Häusliche Umstände]
[Sidenote: Der Verkauf]
Unterdessen war unsre Familie bis auf acht Kinder angewachsen. Mein
Vater stak je länger je tiefer in Schulden, so daß er oft nicht
wußte, wo aus noch ein. Mir sagte er nichts; aber mit der Mutter
hielt er oft heimlich Rat. Davon hört' ich eines Tags ein paar Worte
und merkte nun die Sache halb und halb. Allein es focht mich wenig
an, ich ging leichtsinnig meinen kindischen Gang und ließ meine
armen Eltern inzwischen über hundert unausführbaren Projekten sich
den Kopf zerbrechen. Unter diesen war auch der einer Wanderung ins
Gelobte Land, zu meinem größten Verdrusse, zu Wasser worden. Endlich
entschloß sich mein Vater, alle seine Habe seinen Gläubigern auf
Gnad und Ungnad zu übergeben. Er berief sie eines Tags zusammen,
entdeckte ihnen mit Wehmut, aber redlich, seine ganze Lage und bat
sie: In Gottes Namen Haus und Hof, Vieh, Schiff und Geschirr[27] zu
ihren Handen zu nehmen und seinetwegen ihn, nebst Weib und Kindern,
bis aufs Hemd auszuziehen; er wolle ihnen noch dafür danken, wenn sie
ihn nur einmal der unerträglichen Last entledigten. Die meisten von
ihnen, und selbst die, welche ihm mit Treiben am unerbittlichsten
zugesetzt hatten, erstaunten über diesen Vortrag. Sie untersuchten Soll
und Haben; und das Fazit war, daß sie die Sachen bei weitem nicht so
schlimm fanden, als sie sich's vorgestellt hatten. Sie baten ihn also
alle wie aus einem Munde, er soll doch nicht so kläglich tun, guten
Muts sein, sich tapfer wehren, und seine Wirtschaft emsig treiben wie
bisher; sie wollten gern Geduld mit ihm tragen und ihm noch aus Kräften
beraten und beholfen sein; er habe eine Stube voll braver Kinder, die
werden ja alle Tag' größer und können ihm an die Hand gehen. Was er
mit diesen armen Schafen draußen in der weiten Welt anfangen wollte?
Allein mein Vater unterbrach sie in diesen liebreichen Äußerungen ihres
Mitleids alle Augenblick: »Nein, um Gottes willen, nein! Nehmt mir
die entsetzliche Bürde ab. Das Leben ist mir so ganz verleidet! Aufs
Besserwerden hofft' ich schon dreizehn Jahr vergebens. Und kurz, bei
unserm Gut hab' ich einmal weder Glück noch Stern. Mit sauerm Schweiß
und so vielen schlaflosen Nächten grub ich mich nur immer tiefer in
die Schulden hinein. Geb, wie ich's machte, da half Hausen und Sparen,
Hunger und Mangel leiden, bis aufs Blut arbeiten, kurz, alles und alles
nichts. Besonders mit dem Vieh wollt's mir nie gelingen. Verkauft'
ich die Küh', um das Futter versilbern zu können, und daraus meine
Zinse zu bestreiten, so hatt' ich mit meiner Haushaltung, die außer
dem Güterarbeiten keinen Kreuzer verdienen konnte, nichts zu essen,
wenn ich gleich die halbe Losung wieder in andre Speisen steckte.
Schon von Anfang an mußt' ich immer Taglöhner halten, Geld entlehnen
und aus einem Sack in den andern schleufen, bis ich mich nicht mehr zu
kehren wußte. Noch einmal, um Gottes willen! Da ist all' mein Vermögen.
Nehmt, was ihr findet und laßt mich ruhig meine Straße ziehen. Mit
meinen ältern Kindern wird's mir wohl möglich werden, uns allen ein
schmales Stücklein Brot zu erwerben. Wer weiß, was der liebe Gott uns
noch für die Zukunft beschert hat!« Als nun endlich unsere Gläubiger
sahen, daß mit meinem Vater anders nichts anzufangen wäre, nahmen sie
das Dreyschlatt mit aller Zubehörd gemeinschaftlich zu ihren Handen,
setzten einen Gildenvogt, ließen einen neuen Überschlag machen und
fanden wieder, daß einmal da kein großer Verlust herauskommen könne.
Sie schenkten darum dem armen Ätti nicht allein allen Hausrat, Schiff
und Geschirr, sondern baten ihn auch, bis sich ein Käufer fände, weiter
auf dem Gut zu bleiben und es um billigen Lohn zu bearbeiten. Dieser
bestund, nebst freier Behausung und Holzes genug, in der Sömmerung[28]
für acht Kühe, und Grund und Boden, zu pflanzen, was und wieviel
wir konnten und mochten. Jetzt war meinem Vater wieder so wohl, als
wenn er im Himmel wäre; und was ihm am meisten Freud' machte, seine
alten Schuldherren waren fast noch zufriedner als er, so daß von dem
ersten Augenblick an keiner ihm nur eine saure Miene gemacht. Wir
hatten ein recht gutes Jahr und konnten neben unsrer Güterarbeit noch
eine ziemliche Zeit für Salpetersieden erübrigen. Ich lernte dieses
ebenfalls, als mein Vater einst an einem Bein Ungelegenheit hatte und
hernach wirklich bettliegerig ward. Die Schmerzen nahmen täglich so
sehr überhand, daß er eines Abends von uns allen Abschied nahm. Endlich
gelang es dem Herrn Doktor Müller aus der Schamaten, ihn wieder zu
kurieren. Derselbe tat solches nicht nur unentgeltlich, sondern gab
uns noch Geld dazu. Der Himmel wird es ihm reichlich vergelten. --
Inzwischen zeigte sich ein Käufer zum Dreyschlatt. Wir waren im Grund
alle froh, diese Einöde zu verlassen, aber niemand so wie ich, da ich
hoffte, das strenge Arbeiten sollt' nun ein Ende nehmen. Wie ich mich
betrog, wird die Folge lehren.
[Sidenote: Wanderung nach Wattweil]
[Sidenote: Schlimme Hausgenossenschaft]
Mitten im März des Jahres 1754 zogen wir mit Sack und Pack aus dem
Dreyschlatt weg und sagten dem wilden Ort auf ewig gute Nacht! Noch
lag dort klaftertiefer Schnee. Von Ochs oder Pferd war keine Rede. Wir
mußten unsern Hausrat und die jüngern Geschwister auf Schlitten selbst
fortzügeln. Ich zog an dem meinigen wie ein Pferd, so daß ich am End
fast atemlos hinsank. Doch die Lust, unsre Wohnung zu verändern und
einmal auch im Tal, in einem Dorf, und unter Menschen zu leben, machten
mir die saure Arbeit lieb. Wir langten an. Das muß ein rechtes Kanaan
sein, dacht' ich; denn hier guckten die Grasspitzen schon unterm Schnee
hervor. Unser Gütlin (es hieß die Staig), das wir zu Lehen empfangen
hatten, stund voll großer Bäume, und ein Bach rollte angenehm mitten
durch. Im Gärtlin bemerkt' ich einen Zipartenbaum. Im Haus hatten wir
eine schöne Aussicht das Tal hinauf. Aber übrigens, was das für eine
dunkle, schwarze, wurmstichige Rauchhütte war! Lauter faule Fußboden
und Stiegen; ein unerhörter Unflat und Gestank in allen Gemächern. Aber
das alles war noch nichts gegen den lebendigen Einsiegel, den wir im
Haus haben mußten: ein abscheuliches Bettelmensch, das sich besoff, so
oft es ein Kirchenalmosen erhielt und auf die Art zu Wein kam, dann in
der Trunkenheit sich mutternackt auszog, und so im Haus herumsprang und
pfiff, auch, wenn man ihm das geringste einreden wollte, ein Fluchen
und Lamentieren erhob wie eine Besessene. Es bekam zwar deshalb oft
den Rinderriemen, der aber leider meist aus übel ärger machte. Das
Ungeheuer war überdies auf junge Mannspersonen erpicht -- Puh! mir
schaudert noch die Haut davor -- und hätte gern auch mich angepackt.
Das war mir eine völlig neue Erscheinung, und ich redete davon mit
meinem Vater, ohne der Versuchung selbst zu erwähnen. Der sagte mir
dann, was eine Katze sei, und nun bekam ich einen solchen Ekel vor dem
Tier, daß mir ein Stich durch alle Adern ging, so oft es mir unter
Augen kam.
[Sidenote: Göttliche Heimsuchung]
Wenige Tage nach unsrer Ankunft ward ich mit einem heftigen Frost
und Fieber befallen. Ob mir das plötzliche Vertauschen der frischen
Bergluft mit der im Tal, oder die unreinliche Wohnung, oder ein schon
mitgebrachter Stoff dazu im Körper, oder endlich gar der Abscheu
vor dem entsetzlichen Geschöpfe das Übel zugezogen, weiß ich nicht.
Einmal zuvor war, außer leichten Kopf- und Zahnschmerzen, jedes andre
Übelbehagen mir ganz unbekannt. Man ließ den lieben Herrn Doktor
Müller kommen; er verordnete mir eine doppelte Aderlässe, zweifelte
aber gleich beim ersten Anblick an meinem Aufkommen. Am dritten Tag
glaubt' ich, nun sei's gewiß mit mir aus, da mein armer Kopf beinah
zerspringen wollte. Ich rang, wimmerte, krümmte mich wie ein Wurm,
und stund Höllenangst aus: Tod und Ewigkeit kamen mir schrecklich
vor. Meinem Vater, der sich fast nie von mir entfernte und oft ganz
allein um mich war, beichtete ich in einem solchen Augenblick alles,
was mir auf dem Herzen lag, sonderlich auch wegen der Verfolgungen des
vorerwähnten Unholds, der mir viel zu schaffen machte. Der gute Ätti
erschrak entsetzlich und fragte mich, ob ich mit dem Tier etwas Böses
getan? »Nein, gewiß nicht, Vater!« antwortete ich schluchzend, »aber
das Ungeheuer wollt' mich dazu bereden; und ich hab's dir verschwiegen.
Das nun, fürcht' ich, sei eine große Sünd'.« »Sei nur ruhig, mein
Sohn!« versetzte mein Vater, »halt dich im stillen zu Gott. Er ist
gütig und wird dir deine Sünden vergeben.« Dies einzige Wort des
Trostes machte mich gleichsam wieder auflebend. Oh, wie eifrig gelobt'
ich in diesem Augenblick, ein ganz andrer Mensch zu werden, wenn ich's
länger auf Erden treiben sollte. Indessen gab's noch verschiedene
Rückfälle. Einmal wußt' ich vierundzwanzig Stunden lang nichts mehr
von mir; aber dies war die Krisis. Beim Erwachen fühlt' ich zwar meine
Schmerzen wieder, doch in weit geringerm Grade, und was für mich viel
wichtiger war, die bangen, angsthaften Gedanken blieben aus. Der Doktor
fing an, Hoffnung zu schöpfen, und ich nicht minder; und kurz, es
ließ sich täglich mehr zur Besserung an, bis ich, freilich erst nach
etlichen Wochen, wieder ganz auf die Beine kam. Aber das Tiermensch,
das wir im Haus hatten und dulden mußten, war mir unausstehlicher
als jemals. Mich und alle meine Geschwister überhäufte es mit den
unflätigsten Schimpfworten. Während meiner Krankheit sagte es mir oft
ins Gesicht, ich sei ein mutwilliger Bankert, es fehle mir nichts,
man sollte mir statt Arzneien die Rute geben, und dergleichen. Ich bat
meinen Vater, so hoch ich konnte, er solle uns die Kreatur vom Hals
schaffen, sonst könnt' ich in Ewigkeit nicht vollkommen gesund werden.
Aber es war unmöglich, für einmal wollt' sie uns niemand abnehmen. Wenn
sie's gar zu schlimm machte, ließen wir sie, wie gesagt, karbatschen.
Aber zuletzt wollt' uns auch diesen Dienst niemand mehr leisten, denn
jedermann fürchtete sich vor ihr, wie vor dem bösen Geist. Mit guten
Worten kam man ihr gewissermaßen noch am leichtesten bei. Was mir
indessen als die allerherbste Prüfung vorkam, war, daß ich und meine
Geschwister in ihrer Gesellschaft mit Baumwollen-Kämmen und Spinnen
unsern Feierabend machen mußten. Sobald aber der Sommer anrückte, half
ich mir damit, daß ich meine Arbeit, so viel's immer die Witterung
zuließ, außer dem Haus verrichtete.
[Sidenote: Jetzt Tagelöhner]
»Danke deinem Schöpfer,« sagte inzwischen eines Tags mein Vater zu
mir, »er hat dein Flehen erhört und dir von neuem das Leben geschenkt.
Ich zwar, ich will dir's nur gestehen, dachte nicht, wie du, Uli, und
hätt' dich und mich nicht unglücklich geschätzt, wenn du dahingefahren
wärst. Denn, ach! große Kinder, große Sorgen! Unsre Haushaltung ist
überladen. Ich hab' kein Vermögen, keins von euch kann noch sicher sein
Brot gewinnen. Du bist das älteste. Was willst du nun anfangen? In
der Stube hocken und mit der Baumwolle hantieren, seh' ich wohl, magst
du nicht. Du wirst müssen tagmen!«[29] -- »Was du willst, mein Vater!«
antwortete ich, »nur ja nicht ofenbruten!« Wir waren bald einig. Der
damalige Schloßbauer, Weibel K., nahm mich zum Knecht an. Von meiner
überstandenen Krankheit war ich noch ziemlich abgemattet, aber mein
Meister, als ein vernünftiger und stets aufgeräumter Mann, trug alle
Geduld mit mir, um so viel mehr, da er eigne Buben von gleichem Schrot
hatte. Die meiste Zeit mußt' er seinen Amtsgeschäften nach, dann
ging's freilich oft bunt über Eck. Indessen gab er mir auch blutwenig
Lohn, und die Frau Bäurin ließ uns manchmal bis um zehn Uhr nüchtern.
Bei strenger Arbeit erhielten wir auch immer bessere Kost. Bisweilen
brachten wir ihm etwas Wildbret, einen Vogel oder Fisch nach Haus; das
ließ er sich vortrefflich schmecken. Eines Tages erbeuteten wir ein
ganzes Nest voll junger Krähen, die mußt' ihm seine Hausehre wunderbar
präparieren. Er verschlang mit ungeheurer Lust alle bis auf die letzte.
Aber mit eins gab's eine Rebellion im Magen. Er sprang vom Stuhl und
rannte todblaß und schnellen Schrittes den Saal auf und nieder, wo die
Füß' und Federn noch überall zerstreut am Boden lagen! Endlich schnauzt
er uns Buben mit lächerlichem Grimm an: »Tut mir das Schinderszeug
da weg, oder ich kotze euch hunderttausend Dutzend von euern Bestien
heraus. Einmal in meinem Leben solche schwarze Teufel gefressen, und
nimmermehr!« Dann legte sich der launigte Mann zu Bett, und mit einem
tüchtigen Schweiß ging alles vorbei.
Auch mein Bruder Jakob verrichtete um die nämliche Zeit ähnliche
Knechtdienst'. Die Kleinern mußten in den Stunden neben der Schule
spinnen. Unter diesen war Georg ein besonders lustiger Erzvogel. Wenn
man ihn an seinem Rädchen glaubte, saß er auf einem Baum oder auf dem
Dach, und schrie Kuckuck! »Du fauler Lecker!« hieß es dann etwa von
seite der Mutter, wenn sie ihn so in den Lüften erblickte, und von
seiner: »Ich will kommen, wenn du mich nicht schlagen willst, sonst
steig ich dir bis in Himmel auf!« Was war da zu tun? Man mußte meist
des Elends lachen.