Es war ein Sonntag. Wir kehrten im Hecht ein und blieben da den ganzen
Tag. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen jungen Tockenburger
oder Appenzeller gesehen hätten, der in die Fremde ging, nicht wußte
wohin, noch viel minder warum. An allen Tischen hört' ich viel von
Wohlleben und lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu trinken
vor. Ich war des Weins nicht gewohnt und darum bald aufgeräumt und
recht guter Dingen.
[Sidenote: Nachtwanderung]
Wir machten uns erst bei anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein
fuchsroter Herisauer, und, wie Laurenz, ein Müller, war unser Gefährte.
Es ging auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Ort kamen wir bei einem
Schopf vorbei, wo etliche Mädel beim Licht Flachs schwungen. »Laßt mich
einmal,« sagt' ich, »ich muß die Dinger sehn, ob keine meinem Schatz
gleiche?« Damit setzt' ich mich unter sie hin und spaßte ein wenig
mit ihnen. Aber da war wenig zu vergleichen. Indessen musterten mich
meine Führer fort, sagten, ich werde derlei Zeug noch genug bekommen,
und machten allerlei schmutzige Anmerkungen, daß ich rot bis über
die Ohren ward. Dann kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn.
Hier überfiel mich mit eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war, des
Marschierens und Trinkens nicht einmal zu gedenken, das erstemal
in meinem Leben, daß ich zwo Nächte nacheinander nicht geschlafen
hatte. Allein die Kerls wollten nichts vom Rasten hören, pressierten
gewaltig auf Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur,
ich könnte keinen Schritt weiter, ein Pferd. Das gefiel mir nicht
unfein. Unterwegs ging's an ein Predigen, wie ich mich in Schaffhausen
verhalten, hübsch grad strecken und frisch antworten sollte. Dann
flismeten[40] sie zwei miteinander, doch mit Fleiß so, daß ich's hören
mußte, von galanten Herren, die sie kennten, deren Diener es so gut
hätten als die Größten im Tockenburg. »Sonderlich,« sagte Laurenz,
»kenn' ich einen Deutschländer, der sich dort inkognito aufhält, gar
ein vornehmer Herr von Adel, der allerlei Bediente braucht, wo's der
geringste besser hat als ein Landamman.« »Ach!« sagt' ich, »wenn ich
nur nicht zu ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden!« -- »Nur
gradzu gered't, wie's kömmt,« sagten sie, »so haben's dergleichen
vornehme Leut' am liebsten.«
[Sidenote: In Schaffhausen]
[Sidenote: Preußische Werbeoffiziere]
Wir kamen noch bei guter Zeit in Schaffhausen an und kehrten beim
Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb
lahm und stund da wie ein Hosendämpfer. Da ging's von Seite meiner
Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht
begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege
hinaufkamen, hießen sie mich ein wenig auf der Laube warten, traten
in die Stube und riefen mich nach wenigen Minuten hinein. Da sah ich
einen großen hübschen Mann, der mich freundlich anlächelte. Sofort
hieß man mich die Schuh' ausziehn, stellte mich an eine Säul' unter
ein Maß und betrachtete mich vom Kopf bis zu'n Füßen. Dann red'ten
sie etwas Heimliches miteinander; und hier stieg mir armen Bürschchen
der erste Verdacht auf, die zwei Kerls möchten's nicht zum besten
mit mir meinen. Dieser Argwohn verstärkte sich, als ich deutlich die
Worte vernahm: »Hier wird nichts draus, wir müssen weiter gehn.«
»Heut' setz' ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus,« sagt' ich zu mir
selber; »ich hab' noch Geld!« Meine Führer gingen hinaus. Ich saß
am Tische. Der Herr spazierte das Zimmer auf und ab und guckte mich
unterweilen an. Neben mir schnarchte ein großer Bengel auf der Bank,
der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu
erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube ging,
nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirtsjungfer zu fragen, wer denn
wohl dieser Bursche sein möchte. »Ein Lumpenkerl,« sagte sie. »Erst
heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und schon sauft der
H. sich blindstern voll und macht e'n Gestank, puh!« -- »Ha!« sagt'
ich, eben als der Herr wieder hereintrat, »so ein Bedienter könnt'
ich auch werden.« Dies hört' er, wandte sich gegen mich und sprach:
»Hätt'st du zu so was Lust?« »Nachdem es ist,« antwortet' ich. »Alle
Tag neun Batzen,« fuhr er fort, »und Kleider so viel du nötig hast.«
»Und was dafür tun?« versetzt' ich. Er: Mich bedienen. Ich: Ja! wenn
ich's könnte. Er: Will dich's schon lehren. Pursch, du gefällst mir.
Wir wollen's vierzehn Tag probieren. Ich: Es bleibt dabei. Damit war
der Markt richtig. Ich mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir
Essen und Trinken vorsetzen und tat allerlei gutmütige Fragen an
mich. Unterdessen waren meine Gefährten, wie ich nachwärts erfuhr,
zu ein paar andern preußischen Werbeoffizieren gegangen, deren sich
damals fünf auf einmal in Schaffhausen befanden, und machten bei
ihrer Zurückkunft große Augen, als sie mich so draufloszechen sahen.
»Was ist das?« sagte Laurenz. »Geschwind, komm! Jetzt haben wir dir
einen Herrn gefunden.« »Ich hab' schon einen,« antwortet' ich. Und
Er: »Wie, was? ohne Umständ« und wollten schon Gewalt brauchen. »Das
geht nicht an, ihr Leute!« sagte mein Herr. »Der Bursch' soll bei mir
bleiben!« »Das soll er nicht,« versetzte Laurenz. »Er ist uns von
seinen Eltern anvertraut.« »Lirum! Larum!« erwiderte der Herr. »Er hat
zu mir gedungen, und damit auf und Holla!« Nach einem ziemlich heftigen
Wortwechsel gingen sie miteinander in ein Nebenkabinett, wo Laurenz
und der Herisauer, wie ich im Verfolg hörte, sich mit drei Dukaten
abspeisen ließen, von denen einer meinem Vater werden sollte, den er
aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur
mit einem Wort von mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf
zwanzig Louisdor für mich gefordert haben.
[Sidenote: Als Bedienter]
Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schneider kommen und mir das Maß
von einer Montierung nehmen. Alle andern Beitaten folgten in kurzem.
Da stand ich gestiefelt und gespornt, funkelnagelneu vom Scheitel bis
an die Sohlen. Ein hübscher bordierter Hut, samtne Halsbinde, ein
grüner Frack, weißtüchene Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwei
paar Schuhen: alles so nett angepaßt. -- Sackerlot! Da bildet' ich
mir kein kaltes Kraut ein. Mein Herr reizte mich noch dazu, nur ein
wenig stolz zu tun. »Ollrich!« sagte er: »Wenn du die Stadt auf- und
abgehst, mußt du hübsch gravitätisch marschieren, den Kopf recht in
die Höhe, den Hut ein wenig auf's eine Ohr.« Mit eigner Hand gürtete
er mir einen Pallasch an die Seite. Als ich so das erstenmal über
die Straße ging, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre. Auch
rückte alles den Hut vor mir. Die Leut' im Haus begegneten mir wie
einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch möblierte Zimmer, und
ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden
des Tags das frohe Gewimmel der durchs Schifftor aus- und eingehenden
Menschen, Pferde, Wagen, Kutschen und Chaisen, und, was mir nicht wenig
schmeichelte, man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald
so gut war, als ob ich sein eigner Sohn wäre, lehrte mich frisieren,
frisierte mich anfangs selbst und flocht mir einen tüchtigen Haarzopf.
Ich hatte nichts zu tun, als ihm bei Tisch zu servieren, seine Kleider
auszuklopfen, mit ihm spazieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn
und dergleichen. Ha! das war ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft'
ich vollends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag' ging
ich bald durch alle Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn außer
Lichtensteig hatt' ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein größer
Wasser als die Thur. Ich spazierte also bald alle Abend an den Rhein
hinaus und konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich
den Sturz bei Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und
blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber so
furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein klein
winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen kehrt' ich
ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen ging's auf den Bonenberg,
der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich den Schiffleuten, und
fuhr bald selbst mit Pläsier hin und her.
[Sidenote: Unerwarteter Besuch]
So stund's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine
wackern Begleiter, das Gerücht in meine Heimat kam, man hätte mich aufs
Meer verkauft; namentlich sollte dies ein Mann ausgesagt haben, der
mich mit eignen Augen anschmieden und den Rhein hinunterführen gesehn.
Schon stellte man mich allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein
bei Haus bleiben und sich nicht in die böse Welt wagen sollten. Zwar
glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so grämlich
tat, ihm Vorwürf' über Vorwürfe machte und Tag und Nacht keine Ruhe
ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren und sich
selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Märe zu erkundigen. Also an
einem Abend, welche Freude für uns beide, als mein innigstgeliebter
Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, in
meine Kammer trat! Er erzählte mir, was ihn hergeführt, und ich ihm,
wie glücklich ich sei. Ich zeigte ihm meinen Kasten, die scharmanten
Kleider darin, alles Stück für Stück bis auf die Hemdknöpflin, und
stellte ihn meinem guten Herrn vor, der ihn freundlich bewillkommte
und bestens zu traktieren befahl. -- Nun aber traf's sich, daß man
gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof tanzte, und
mein Herr als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten sich solches auch
schmecken ließ, so wie mein Vater und ich uns am Tischchen in einem
Winkel der großen Gaststube unsern Braten. Ganz unversehens kam er
auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch eins mit den jungen Leuten
da tanzen.« Vergebens entschuldigt' ich mich und bezeugte auch mein
Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da half alles nichts.
Er riß mich hinterm Tisch hervor und gab mir die Köchin im Haus, ein
artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der Schweiß tropfte mir von der
Stirn vor Scham, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das
Mädchen inzwischen riß mich so vertummelt herum, daß ich in kurzem
sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen
Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Ätti red'te zwar bei dieser
ganzen Szene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen
wehmütigen Blick, der mir durch die Seele ging. Wir legten uns noch
zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze
Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde, was ich für einen gütigen
Herrn habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne und so fort.
Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja, so, es ist gut,
und schlief, so wie ich nicht minder, ziemlich unruhig ein. Des Morgens
nahm er Abschied, sobald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm die
Reisekosten, gab ihm noch einen Taler auf den Weg, und versicherte ihn
hoch und teuer, ich sollt' es gewiß gut bei ihm haben und wohl versorgt
sein, wenn ich mich weiter treu und redlich betragen würde. Mein
redlicher Vater, der nun schon wieder Mut und Zutrauen faßte, dankte
höflich und empfahl mich aufs beste. Ich gab ihm das Geleit bis zum
Kloster Paradies. Auf der Straße sprachen wir so herzlich miteinander,
als es seit jener Krankheit in meiner Jugend nie geschehen. Er gab mir
vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und
deine Heimat nicht, so wird dich Gottes Vaterhand gewiß auf gute Wege
leiten, welche freilich weder ich noch du voraussehn.« Beim Abschied
zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behüte,
behüte Gott! herstammeln, und dachte immer: Ach! könnt' ich doch mein
gegenwärtiges Glück ungetrennt von meinem guten Ätti genießen, jeden
Bissen mit ihm teilen, und dergleichen.
[Sidenote: Der Dienst]
[Sidenote: Johann Markoni]
Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen,
etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im
Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern preußischen
Werboffizier sein Bedienter mit dem Schelmen davonging und ihm über
achtzig Gulden enttrug, sagte mein Herr zu mir: »Willst du mir's auch
einmal so machen, Ollrich?« Ich versetzte lachend: Wenn er mir so
etwas zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich
sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den ganzen Winter durch
die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne
Bedienten kleine Touren machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie
einen Vater. Aber er war auch freundlich und gütig danach. Nur zu viel
konnt' ich spazieren und müßig gehn, und fuhr ich, besonders im Herbst,
oft über Rhein auf Feuerthalen, denn die alte Brücke war kurz vorher
eingefallen, und die neue erst akkordiert, in die Weinlese. Dort half
ich dem jungen Volke Trauben essen, bis ans Halszäpflin. Einmal bei
einer solchen Überfahrt sagte mir jemand: »Nun, wie geht's Ulrich?
Weißt du auch, daß dein Herr ein preußischer Offizier ist?« Ich: »Ja!
meinetwegen, er ist ein herzguter Herr.« »Ja, ja!« sagte jener, »wart'
nur, bis d'enmal in Preußen bist, da mußt Soldat sein und dir den
Buckel braun und blau gerben lassen. Um tausend Taler möcht' ich nicht
in deiner Haut stecken.« Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und
dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; ich ging dann
geschwind nach Haus und erzählte meinem Herrn alles haarklein, worauf
derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so jedem Narren
und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, preußischer Offizier bin
ich -- und was ist's denn? von Geburt ein polnischer Edelmann, und
damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß' ich Johann Markoni.
Bisher nanntest du mich Herr Leutnant. Aber eben dieser Grobiane wegen
sollst du mich künftig Ihr Gnaden! schelten! Übrigens sei nur getrost
und guten Muts, dir soll's, bei Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du
anders ein wackrer Bursche bleibst. Soldat solltest werden? Nein, bei
meiner Seel' nicht! Ich konnt' dich ja haben, um ein paar schlichte
Louisdor wollten deine beiden saubern Landsleut' dich verkaufen. Aber
du warst mir dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen
an, und ich behielt dir was Besseres vor.« Nun, dacht' ich, bin ich
Leibs und Guts sicher. Ha, der gute Herr! Er hätt' mich können haben.
Die Schurken! Ja wohl, mich verkaufen? Der Henker lohn's ihnen! Aber
komm' mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Was
für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni sein, und dabei so gut! Kurz,
ich glaubte ihm von nun an alles wie ein Evangelium.
[Sidenote: Oh, die Mütter]
Markoni machte bald hernach eine Reise nach Rottweil am Neckar, zwölf
Stunden von Schaffhausen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In
meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher
sprengte die Stadt hinauf bis ans Schwabentor, daß es donnerte. Ich
meinte alle Augenblick', es müsse umschlagen, und wollte mich an
allen Wänden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: »Du fällst
nicht, Ollrich! Nur hübsch gerade!« Ich war's bald gewohnt, und das
Fuhrwerk, sowie überhaupt die ganze Tour machte mir viel Vergnügen.
Indessen begegnete mir während der Zeit ein fataler Streich. Meine
Mutter war wenige Tage nach unserer Abreise gen Schaffhausen gekommen,
und mußte, da ihr der Wirt nicht sagen konnte, wenn wir zurückkämen,
noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr
liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein Neues Testament und
etliche Hemden gebracht, und dem Wirt befohlen, mir's nachzuschicken,
falls ich nicht wieder auf Schaffhausen käme. Oh, die gute Mutter! Es
war eine kleine Buße für ihren Unglauben, sie wollte dem Vater nicht
trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen und
erst dann glauben. Ganz trostlos, unter tausend Tränen soll sie wieder
von Schaffhausen heimgegangen sein. Dies schrieb mir auf ihr Ansuchen
bald darauf Herr Schulmeister Am Bühl zu Wattweil, mit dem Beifügen,
sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe, mich jemals wieder zu sehen,
hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir ihren Segen. Es war
ein sehr schöner Brief, er rührte mich innig. Unter anderm stand auch
darin: Als das Gerücht in meine Heimat gekommen, ich müsse über Meer,
hätten meine jungen Schwesterchen all ihr armes Gewändlin dahingeben
wollen, mich loszukaufen, die Mutter desgleichen. Damals waren ihrer
neun Geschwisterte bei Hause. Man sollte denken, das wären ihrer genug.
Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre.
Wirklich war sie drei Wochen vorher noch im Kindbett gelegen und kaum
aufgestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. Oh, die Mütter,
die Mütter!
[Sidenote: Hin und her]
[Sidenote: Leben in Rottweil]
Da wir uns einstweilig in Rottweil im Gasthof zur Armbrust
niederließen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen, wo er wäre, damit,
wenn seine Wachtmeister Rekruten machten, man ihm solche nachschicken
könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner
Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühl, und -- ich sprang hochauf! --
eines von Ännchen beigebogen; dieses letztre offen, denn es sollte ein
Zürchgulden zum Grüßchen drinstecken, und der war fort. Was schierte
mich das? Die süßen Fuchswörtlin in dem Briefchen entschädigten mich
reichlich. Meiner unverschobnen ausführlichen Antworten auf diese
Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Ännchen zumal war lang wie
ein Nestelwurm. -- Diesmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rottweil,
gingen wieder nach dem lieben Schaffhausen zurück, und machten von
Zeit zu Zeit kleine Touren auf Dießenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld
u. s. f. Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. Schon
als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald
ich nur die Schellen ihrer Tiere hörte. Jetzt machte ich nähere
Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine
Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt aber
keine Antwort. Ich wußte nicht, wo es fehlte. Das drittemal bat ich
einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das
Päckchen an, runzelte die Stirn und wollte weder ja noch nein sagen.
Ich gab ihm einen Batzen. »So, so,« sprach jetzt mein Herr Landsmann,
»das Ding soll richtig bestellt werden.« Und wirklich bekam ich bald
ordentliche Empfangscheine. Meine ältern Briefe und schweren Sachen
hingegen waren natürlich nach Holland geschwommen.
In Schaffhausen lagen damals fünf preußische Werboffiziers in
verschiedenen Wirtshäusern. Alle Tag traktierte einer die andern.
So kam's auch jeden fünften Tag an uns. Das kostete jedesmal einen
Louisdor, dafür gab's freilich Burgunder und Champagner gnug zu
trinken. Aber bald hernach wurde ihnen ihr Handwerk gelegt, wie die
Sag' ging, weil ein junger Schaffhauser, der in Preußen seine Jahre
ausgedient, keinen Abschied kriegen konnte. Kurz, sie mußten alle fort,
und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute
gemacht, drei einzige Erzschurken ausgenommen, die sich, Verbrechen
wegen, auf flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach
Rottweil. Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen
Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude
machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm polnisch parlieren
konnte. Sonst war's in Rottweil ein lustig Leben. Besonders gingen
wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirt und
etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im Hornung
1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg nahmen wir zu
Haßlach im Kinzingertal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war
das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Europa verspürte.
Ich empfand nichts davon, denn ich hatte mich tags vorher auf einem
Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber sah' ich alle Gassen voll
Schornsteine, und im nächsten Wald war die Straße mit umgeworfenen
Bäumen in die Kreuz und Quer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege
nehmen mußten. In Straßburg mußt' ich Maul' und Augen aufsperren, denn
da sah' ich erstens: die erste, große Stadt; zweitens: die erste
Festung; drittens: die erste Garnison; und viertens: am dortigen
Münster das erste Kirchengebäud', bei dessen Anblick ich nicht lächeln
mußte, wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag' zu
dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch diesmal gastfrei und zahlte mir
gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie Heu, wär' ich
nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst hielt nicht viel besser
Haus. Bei unsrer Rückkehr hatten wir zu Rottweil alle Tage Ball, bald
in diesem, bald in jenem Wirtshause. Fast alle Hochzeiten richtete man,
Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Bräute,
und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dies ein
ganzes Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Ännchen
treu zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort, gleichwohl aber macht'
ich mir kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu
schäkern, wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten.
Mein Herr war vollends ein Liebhaber des schönen Geschlechts bis zum
Entsetzen, und im Notfall jede Köchin ihm gut genug. Mich bewahre
Gott davor, dacht' ich oft, so ein armes bisher ehrliches Mädchen zu
besudeln, dann heut oder morgen wegzureisen und es sitzen zu lassen.
Eine von den beiden Köchinnen im Wirtshause, Mariane, dauerte mich
innig. Sie liebte mich heftig, gab und tat mir, was sie mir an den
Augen ansah. Ich hingegen bezeigte mich immer schnurrig, sie ließ
sich's aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets dieselbe.
Schön war sie nicht, aber herzlich gut. Die andre Köchin, Hanne, machte
mir schon mehr Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich,
vermutlich darum, eine Zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie
meine Aufwart williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren
worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stund. Ich merkte,
daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schlich. Damit tat sie mir
einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß,
zweitens stand nun mein Herr nicht mehr so früh als gewöhnlich auf,
also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. Bisweilen
kam er schon gestiefelt und gespornt auf meine Kammer und traf mich
noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen, denn er merkte, daß
ich wußte, wo die Katz' im Stroh lag. Nichtsdestoweniger warnte er
mich, nach solcher Herren Weise, vor seinen eignen Sünden mit großem
Ernst. »Ollrich!« hieß es da, »hörst, mußt dich mit den Mädels nicht
zu weit einlassen, du könnt'st die schwere Not kriegen!« Übrigens
hatt' ich's in allen Dingen bei und mit ihm wie von Anfang, viel
Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist einen Patron wie die liebe
Stunde, zwei einzige Mal ausgenommen, einmal, da ich den Schlüssel
zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell' finden konnte, das
andre Mal, da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beidemal
war ich unschuldig. Aber das hätt' mir wenig geholfen, sondern nur
durch demütiges Schweigen entging ich der zumal des Schlüssels wegen
schon über mir gezogenen Fuchtel. Derlei Geschichtchen, kurz, alles,
was mir Süßes oder Saures widerfuhr, meine Liebesmücken ausgenommen,
schrieb ich fleißig nach Haus, und predigte bei solchen Anlässen meinen
Geschwistern ganze Litaneien voll, wie sie Vater, Mutter und andern
Vorgesetzten ja nie widerbelfern, sondern, auch wo sie Unrecht zu
leiden vermeinen, sich hübsch gewöhnen sollten, das Maul zu halten,
damit sie's nicht von fremden Leuten erst zu spät lernen müßten. Alle
meine Briefe ließ ich meinem Herrn lesen, nicht selten klopfte er mir
während der Lektur auf die Schulter! Bravo, Bravo! sagte er dann,
verpitschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich in Ansehung aller
an mich eingehenden Depeschen portofrei.
Mir ist so wohl beim Zurückdenken an diese glücklichen Tage! Heute noch
schreib' ich mit innigem Vergnügen davon, und ich bin jetzt noch so
wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich, so geneigt, mich über alles zu
rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum tat und ließ. Freilich vor
dir nicht, Allwissender! Aber vor Menschen darf ich's sagen: Damals war
ich ein guter Bursch' ohne Falsch, vielleicht für die arge Welt nur
zu redlich. Harmlos und unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, heut'
wie gestern, und morgen wie heute. Kein Gedanke stieg in mir auf, daß
es mir jemals anders als gut gehen könnte. In allen Briefen schrieb
ich meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für
mich sorgen, der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich.
Man glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer, der mich bisweilen
anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann möcht'
ich Gottes vergessen. Aber nein! beruhigte ich mich bald wieder, das
werd' ich nie: War er's nicht, der mir, durch Mittel, die nur seine
Weisheit zum besten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwünschten Los
half? Mein erster Schritt in die Welt geriet unter seiner leitenden
Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden nicht noch besser
gelingen? Auf irgendeinem Fleck der Erde werd' ich vollends mein Glück
bau'n. Dann hol' ich Ännchen, meine Eltern und Geschwister zu mir,
und mache sie des gleichen Wohlstands teilhaft. Durch welche Wege?
fragt' ich mich nie, und hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht
schwer gewesen, drauf zu antworten, denn damals war mir alles leicht.
Zudem kam mein Herr tagtäglich mit allerlei Exempeln von Bauern, die
zu Herren worden, und andern Fortunaskindern angestochen. Der Herren,
die zu Bettlern worden, tat er keine Meldung. Er versprach auch, an
meinem ferneren Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten. Was hätt'
ich weiter befürchten sollen, oder vielmehr, was nicht alles hoffen
dürfen? Von einem Herrn wie Markoni, einem so großen Herrn, dacht'
ich Esel, dem zweit- oder drittnächsten vielleicht auf den König, der
Länder und Städte, geschweige Gelds zu vergeben hat, soviel er will.
Aus seiner jetzigen Güte zu schließen, was wird er erst für mich in
der Zukunft tun? Oder warum sollt' er auf mich groben, ungeschliffenen
Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht große Dinge mit mir
im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu
nach Berlin transportieren lassen, wenn er je im Sinn hätte, mich zum
Soldaten zu machen, wie mir's ehemals ein paar böse Mäuler aufbinden
wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht gescheh'n, darauf will ich
leben und sterben. So dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je
Zeit zu denken hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Das Traktement
konnt' ich nach meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's an
guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd förderten die Dauung; denn ohne
das hätt's mir freilich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie
bald da, alle Edelleut' in der Runde. Ich mußte überall mit; und es tat
mir in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffart mit mir
trieb. Sonst waren solche Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen
seinem Geldbeutel wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarockspiel mit
Pfaffen und Laien auch schöne Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten
vor seinen Augen in kleine Stück zerreißen und dem Vulkan zum Opfer
bringen, aber morgens drauf ihm schon wieder neue holen. Ein andermal
hatt' er auch eine ziemliche Summ' verloren, und kam abends um neun
Uhr mit einem tüchtigen Räuschchen verdrießlich nach Haus. »Ollrich!«
sagte er, »geh', schaff mir Spielleut', es koste, was es will.« »Ja,
Ihr Gnaden!« antwortet ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's
schon so spät und stockfinster.« »Fort, Racker!« fuhr er fort, »oder
--« und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich packen,
stolperte im Dunkeln durch alle Straßen, und spitzte die Ohren, ob
ich nirgends eine Geige höre? Als ich endlich zu oberst im Städtchen
an die Müller- und Bäckerherberg' kam, merkt' ich, daß es da etwas
Herumspringens absetzen wollte. Ich schlich mich hinauf und ließ einen
Spielmann herausrufen. Die Bursch' in der Stube schmeckten den Braten;
ein paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach, und husch! mit Fäusten
über mich her. Dem Wirt hatt' ich's zu danken, daß sie mich nicht fast
zu Tod geschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt,
sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort
halten könnte. Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus
kam, mit den Worten ins Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer
Viertelstund' werden sie da sein!« -- Die Furcht vor neuen Prügeln, eh'
noch die alten versaust wären, verführte mich zu diesem Wagestück. Aber
nun stand ich Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus übel
ärger gemacht. Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich seinetwegen
gelitten, um +per Avanzo+ sein Mitleid rege zu machen, wenn der
Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leute kamen, eh' wir's uns
versahen. Unser Wirt hatte inzwischen etliche lustige Brüder und ein
paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandierte Markoni Essen und
Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum
voraus einen Dukaten hin, und tanzte eine Menuett und einen Polnischen.
Bald aber fing er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann erwacht' er
wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's so hundsföttisch!« Ich mußt' ihn
also zu Bett bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das
war uns übrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Vögel im
Hanfe; alles so durcheinander, Herren und Dienstboten. Es währte bis
morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um fünf. Seine ersten Worte
waren: »Ollrich! Sein Tage trau' Er keinem Menschen; 's ist alles
falsch wie'n Teufel. Wenn der Kujon von R*** kömmt, so sag' Er, ich sei
nicht zu Hause.«
[Sidenote: Adieu Rottweil!]
Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren
viel hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld bringen,
aber wohl, daß er noch mehr bei ihm holen möchte; denn mein Herr konnte
keinem Menschen etwas abschlagen. Indessen wollt' er mich von Zeit
zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder einzutreiben;
dazu aber taugt' ich in Grundsboden nicht: die Kerls gaben mir gute
Wort'; und ich ging zufrieden nach Haus. Aber länger mocht' eine solche
Wirtschaft nicht dauern. Dazu kam, daß Markoni am End' das ärgste
befürchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er für so viel
Geldverzehrens seinem König geliefert hatte; denn der Große Friedrich,
wußt' er wohl, war zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit.
Er strengte darum mich, unsern Wirt, und alle seine Bekannten an, uns
doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein paar Kerls ins Garn bringen
könnten? Aber alles vergebens. Auch die beiden Wachtmeister Hevel und
Krüger langten um die gleiche Zeit ebenfalls mit leeren Händen wieder
zu Rottweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisefertig machen. Vorher
aber gab's noch ein paar lustige Tägel. Hevel war ein Virtuos' auf
der Guitarr, Krüger eine gute Violine; beide feine Herren, solang
sie auf der Werbung lagen, beim Regiment aber magere Korporals. Ein
dritter endlich, Labrot, ein großer, handfester Kerl, ließ ebenfalls
seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug.
Diese drei Bursche belustigten noch zu guter Letzt ganz Rottweil mit
ihren Sprüngen. Es war eben Fastnacht, wo die sogenannte Narrenzunft,
ein ordentliches Institut dieser Stadt, bei welchem über zweihundert
Personen von allen Ständen eingeschrieben sind, ohnehin ihre Gaukeleien
machte, die meinem Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe
Zeit, den Fleck zu räumen. Jetzt ging's an ein Abschiednehmen. Mariane
flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen,
den sie mir mit Tränen gab, und den ich ebensowenig mit trockenem Aug'
abnehmen konnte. Und nun ade! Rottweil, liebes friedsames Städtchen!
liebe, tolerante, katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so
tausendswohl bei euerm vertrauten, brüderlichen Zechen! Ade! ihr
wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirtshaus so gern
von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren Eseln
heimreiten sah! Wie trefflich schmeckten mir oft Milch und Eier in
euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen Fluren,
wo Markoni so viel Dutzend singende Lerchen aus der Luft schoß, die
mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so oft mein Herr
mir's vergönnte, in euern topfebenen Wäldern, an des Neckars reizenden
Ufern, auf und nieder zu schlendern, wo ich ihm Hasen ausspähen sollte,
aber lieber die Vögel behorchte, und das Schwirren des Wests in den
Wipfeln der Tannen! Und nirgends war's so lustig als um Hefendorf,
und dann bei dem auf einem schauerlich schönen Felsenberg gelegenen
Schlosse Rotenstein, welches der dasselbe fast rund umrauschende Neckar
zu einer höchst romantischen Halbinsel macht. -- Nochmal also ade!
Rottweil, wertes, teures Nestchen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab'
seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal größer, und zwanzigmal
saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Kleinheit, und
mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn- und zwanzigmal lieber
als sie! Ade, Marianchen! Tausend Dank für deine innige, und doch
so unverdiente Liebe zu mir! Ade! Sebastian Zipfel, lieber, guter
Armbrustwirt! und deine zarte Mühle desgleichen! Lebt alle, alle wohl!
[Sidenote: Reise nach Berlin]
Den fünfzehnten März 1756 reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister
Hevel, Krüger, Labrot, ich und Kaminski, mit Sack und Pack, und, den
letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Übergewehr, von Rottweil ab.
Marianchen nähte mir den Strauß aufn Hut und schluchzte; ich drückte
ihr einen Neunbätzner in die Hand und konnt's auch kaum vor Wehmut.
Denn so entschlossen ich zu dieser Reis war, und so wenig Arges ich
vermutete, fiel's mir doch ungewohnt schwer auf die Brust, ohne daß
ich eigentlich wußte, warum? War's Rottweil oder Marianchen, oder daß
ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die immer weitere Entfernung
vom Vaterland und Ännchen? -- Ich hatte allen zu Hause mein letztes
Lebewohl geschrieben. Markoni gab mir zwanzig Gulden auf den Weg; was
ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schießen. Dann klopfte
er mir auf die Schulter: »Gott bewahre dich, mein Sohn, mein lieber,
lieber Ollrich, auf allen deinen Wegen! In Berlin sehn wir uns bald
wieder.« Dies sprach er sehr wehmütig; denn er hatte gewiß ein weiches
Herz. Unsre erste Tagreise ging sieben Stunden weit, bis ins Städtchen
Ebingen, meist über schlechte Wege durch Kot und Schnee. Die zweite bis
auf Obermarkt neun Stunden. Auf der erstgenannten Station logierten
wir beim Reh; auf der zweiten weiß ich selbst nicht mehr, was es für
ein Tier war. An beiden Orten gab's nur kalte Küche und ein Gesöff ohne
Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder neun Stunden. Diesen Tag fing
ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fühlen; schon hatt' ich
Schwielen an den Füßen, und war mir's sonst sterbensübel. Im Städtchen
Egna setzten wir uns ein Stück Wegs auf einen Bauernwagen, da denn das
gewaltige Schütteln dieses Fuhrwerks, zumal bei mir, seine gewohnte,
herzbrechende Wirkung tat. Als wir unweit Ulm abstiegen, ward's
mir schwarz und blau vor den Augen. Ich sank zu Boden. »Um Gottes
Barmherzigkeit willen,« sagt' ich, »weiter kann ich nicht; lieber laßt
mich auf der Gasse liegen.« Ein barmherziger Samariter lud mich endlich
auf seine nackte Mähre, auf der ich mich vollends bis ins Städtchen
so lahm ritt, daß ich weder mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm
logierten wir beim Adler und hatten dort unsern ersten Rasttag. Meine
Kameraden besorgten da ihre alten Herzensangelegenheiten. Ich legte
mich auf die faule Haut. Nur sah ich an diesem Ort einen Leichenzug,
der mir sehr wohl gefiel. Das Weibsvolk ging ganz weiß bis auf die
Füße. Den fünften Tag marschierten wir bis Gengen sieben Stunden. Den
sechsten auf Nördlingen, wieder sieben Stunden, und hielten da den
zweiten Rasttag. Hevel hatte dort beim Wilden Mann ein lieb's Liesel.
Sie spielte artig die Guitarr, er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich
von diesem und so vielen andern Orten, wo wir durchkamen, nichts zu
erzählen. Meist erst nachts langten wir müd' und schläfrig an, und
morgens früh mußten wir wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen
und beobachten können? Ach Gott! dacht' ich oft, wenn ich nur einmal an
Ort und Stell' wäre, mein Lebtag wollt' ich nicht mehr eine so lange
Reise antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal angedeutet, ein
lustiger Polack, ein Mann wie ein Baum, ein paar Beine wie zwei Säulen,
und lief wie ein Elefant. Labrot hatte auch seinen tüchtigen Schritt.
Krüger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Füße, und bald alle sechs
Tage mußte man uns flicken oder versohlen. Am achten Tage ging's nach
Gunzenhausen, acht Stunden. Gegen Mittag sahen wir Hevels Lieschen über
ein Feld dahertrippeln. Das arme Ding rannte ihm durch andere Wege bis
hierher nach, und wollte sich nicht abweisen lassen, ihn wenigstens bis
auf unsere Station zu begleiten. Von hier gingen wir über Nürnberg,
Bayreuth und Hof weiter und erreichten in sechs Tagen Schleiz, wo wir
endlich wieder Rasttag hielten. Von Gunzenhausen an hatten wir in
keinen Betten gelegen, sondern wenn's gut ging, auf elendem Stroh.
Und überhaupt, obschon wir viel Geld verzehrten, war's ein miserabel
Leben, meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege. Krüger und
Labrot fluchten und pestierten den ganzen Tag; Hevel hingegen war
ein feiner, sittlicher Mann, der uns immer Geduld und Mut einsprach.
Den neunzehnten Tag gelangten wir über die Elbe bis auf Halle. Als
wir den breiten Strom passiert hatten, bezeugten die Sergeanten
große Freude, denn nun betraten wir Brandenburger Boden. Zu Halle
logierten wir bei Hevels Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts
desto minder den ganzen Abend mit uns spielte und haselierte,[41] so
daß ich glaube, sein Bruder Sergeant war frommer als er. Inzwischen
war mein Geld alle geworden, und Hevel mußte mir noch zehn Gulden
herschießen. Den zwanzigsten bis vierundzwanzigsten Tag ging's über
Zerbst, Dessau, Spandau und Charlottenburg in vierundvierzig Stunden
nach Berlin. An den letztern Orten zumal wimmelte es von Militär aller
Gattungen und Farben, so daß ich mich nicht satt gucken konnte, die
Türme von Berlin zeigte man uns schon, eh' wir nach Spandau kamen.
Ich dachte, wir hätten's in einer Stunde erreicht, wie erstaunt'
ich darum, als es hieß, wir gelangten erst morgen hin. Und nun, wie
war ich so herzlich froh, als wir endlich die große herrliche Stadt
erreicht. Wir gingen zum Spandauertor ein, dann durch die melancholisch
angenehme Lindenstraße, und noch ein paar Gassen durch. Da, dacht' ich
Einfaltspinsel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg, da wirst
du dir dein Glück bauen, dann schickst du einen Kerl mit Briefen ins
Tockenburg, der muß dir deine Eltern und Ännchen zurückbringen, die
werden die Augen aufsperren. Nun bat ich meine Führer, sie sollten mich
zu meinem Herrn führen. »Ei!« erwiderte Krüger, »wir wissen ja nicht,
ob er schon angelangt ist, und noch viel minder, wo er Quartier nimmt!«
»Der Henker!« sagt' ich, »hat er denn kein eigen Haus hier?« Über diese
Frage lachten sie sich die Haut voll. Mögen sie immer lachen, dacht'
ich, Markoni wird doch, will's Gott! ein eigen Haus haben.
[Sidenote: In Berlin]
Es war den achten April, als wir zu Berlin einmarschierten und ich
vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr,
schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die anderen
verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie
hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt,
wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: »Da,
Mußier, bleib' Er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dacht' ich, was
soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam
ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit auf seine Stube, wo
sich schon zwei andre Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern
und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch
konnt' ich ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz,
ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz des Herrn Leutnant
Markoni Lakai, die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte
aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo
er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen
mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz
wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß
mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl
ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein
müsse. Es war ein Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm,
die er über den Tisch ausspreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu
und sagte: »Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein
Kommißbrot bringen.« »Was? für mich?« versetzt' ich, »von wem, wozu?«
»Ei, deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt's da Fragens?
Bist ja ein Rekrute.« »Wie, was? Rekrute?« erwidert' ich! »Behüte Gott!
da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht.
Markonis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen, und anders nicht.
Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« »Und ich sag' dir, du
bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.«
Ich: Ach! wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er: Den wirst du sobald
nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener
sein, als seines Leutnants? Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr
Zittemann!« fuhr ich fort, »was soll das werden?« »Nichts, Herr!«
antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da,
Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen
nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache
führt, kreuzweis schließt, und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen
krachen, bis Er kontent ist!« Ich: Das wär', beim Sacker! unverschämt,
gottlos. Er: Glaub' Er mir's auf mein Wort, ander's ist's nicht, und
geht's nicht. Ich: So will ich's dem Herrn König klagen. Hier lachten
alle hoch auf. Er: Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich: Oder wo muß
ich mich sonst melden? Er: Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist
alles umsonst. Ich: Nun so will ich's probieren, ob's so gelte? Die
Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum
Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.
[Sidenote: Zum Rekruten gepreßt ]
Sobald also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier
zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major
der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig
großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie
Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: »Herr ... Major! Ich bin ...
Herr Leutnants Markonis Be ... Bedienter. Fü ... fü ... für das bi ...
bi ... bin ich angewo ... worben, und sonst wei ... weiters für ni ...
ni ... nichts. Si ... Si ... Sie können ihn selbst fra ... gen. I ...
Ich weiß nicht wo er i ... i ... ist. Jetzt sagen's da, ich müsse So
... o ... oldat sei ... ei ... ein, ich wolle o ... der wolle nicht.«
-- »So!« unterbrach er mich, »so ist Er das saubre Bürschchen! Sein
feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird
wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König
dienen, da ist's aus und vorbei.« Ich: Aber Herr Major! Er: Kein Wort,
Kerl! oder die Schwernot! Ich: Aber ich hab' ja weder Kapitulation noch
Handgeld! Ach! Könnt' ich doch mit meinem Herrn reden! Er: Den wird
Er sobald nicht zu sehen kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost't
als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht
darin obenan. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich: Aber -- Er: Fort,
Er ist ja ein Zwerg, daß -- Ich: Ich bi ... bi ... bitte. -- Er:
Kanaille! scher' Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum
Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst
und Not kaum finden konnte. Da klagt' ich Zittemann mein Elend in den
allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. »Geduld, mein
Sohn! Es wird schon alles besser gehn. Jetzt mußt' dich leiden, viel
hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn,
gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt' er dich
doch unter sein Regiment abgeben, sobald es hieß: ins Feld, marsch!
Aber wirklich, einstweilen würd' er kaum
[Sidenote: Kapitulation]
einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen
verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich
unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn
gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen.« So
tröstete mich Zittemann, und ich mußt's wohl annehmen, da mir kein
besserer Trost übrigblieb. Nur dacht' ich dabei, die Größern richten
solche Suppen an, und die Kleinern müssen sie aufessen.
[Sidenote: Soldatenleben]
Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Kommißbrot nebst Unter-
und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Besseren bedacht.
»Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch'
von der Welt.« Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte
mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde
und Strümpfe. Dann mußt' ich mit noch etwa zwanzig andern Rekruten zum
Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine
Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem,
einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen
ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor,
welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte
dafür was ich gern wollte, ich glaube an Ännchen; er schwung dann
die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine
Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier geben.
Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen
noch viere übrig; mit diesen sollt' ich vier Tage wirtschaften, und
sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich
gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran,
einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren.
Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen! Per Exempel
deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt
sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Bursche oft noch eine
Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden.« »Oh!
oh! Da geh' ich mein Tage nicht mehr hin,« sagt' ich. »Potz Velten!«
antwortete Cran, »du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei's ein
wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam
zugesehn, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf
miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst.
Des Morgens um e'n Dreier Fusel und e'n Stück Kommißbrot. Mittags
holen sie in der Garküche um e'n andern Dreier Suppe und nehmen wieder
e'n Stück Kommiß. Des Abends um zwei Pfennig Konvent oder Dünnbier
und abermals Kommiß.« »Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes
Leben,« versetzt' ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht.
Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware:
Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmirgel, Seife und was der hundert
Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs
Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für
die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn Er solche Dinge
nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte
alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt' ich
noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze,
sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir
schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher
Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl
lernen,« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's
dir wie e'n Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu
weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf
Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine
Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche.
Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen
Gesangbuch, oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah
da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren
beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll
arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich
überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von
Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so
gab's deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig
ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in
einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen
und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem
Militär, wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall, Leute
aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von
allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein
Stücklein Brot gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen, wenn
ich nur erst recht exerzieren könnte; etwa an der Spree? Doch nein!
da lärmt's zu stark, aber z. E. auf einem Zimmerplatz, da ich mich
so ziemlich auf die Art verstund. So war ich wieder fix und fertig,
neue Pläne zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern so schändlich
gescheitert. Gibt's doch hier, damit schläferte ich mich immer ein,
selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leute, die ihre hübschen
Kapitalien haben, Wirtschaft, Kaufmannschaft treiben, und anders. Aber
dann erwog ich nicht, daß man vorzeiten ganz andere Handgelder gekriegt
als heutzutag oder dergleichen Bursche bisweilen ein Namhaftes mochten
erheiratet haben, besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling
gut hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten; ich
hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen wisse.
Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand ich auch einen elenden
Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so schont das Blei jene
Glückskinder so wenig, als dich armen Hudler! -- Also bist du so gut
wie sie.
[Sidenote: Soldatendressur]
[Sidenote: Wiedersehen mit Markoni]
Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz
stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann
und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente
Itzenblitz, die beiden erstern vollends unter der nämlichen Kompagnie
Lüderitz befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem
mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen,
marschieren lernen. Den Kerl mocht' ich für den Tod nicht vertragen;
wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den
Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage nichts begreifen
können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem
gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und
nahm mich unter sein Peloton.[42] Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt
kapiert' ich in einer Stund' mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem
guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne; aber, bat er um
Gottes willen, ich solle ihn nicht verraten. Des folgenden Tags, sobald
das Exerzitium vorbei war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel
verdeutet hatte, und murmelte immer vor mich her: »Ja, ja, Markoni!
wart' nur, ich will dir deinen an mir verübten Lumpenstreich, deine
verfluchte Verräterei so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen
soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Leutnant und nirgends Ihr
Gnaden bist!« -- Bei geringer Nachfrage fand ich das mir benannte
Haus. Es war eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an;
ein kleines, magres, fuchsrotes Bürschchen öffnete mir die Tür und
führte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er
mich erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach
zu mir mit einem Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm
entwaffnete und mir die Tränen in die Augen trieb: »Ollrich! mein
Ollrich! mach' mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's noch, und
wirst's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen Umständen handeln.
Gib dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem Herrn.« -- »Ja, Ihr
Gnaden« -- -- »Nichts Gnaden!« sagte er: »Beim Regiment heißt es nur:
›Herr Leutnant!‹« Jetzt klagt' ich ihm, nach aller Ausführlichkeit,
meine gegenwärtige große Not. Er bezeugte mir sein ganzes Mitleid.
»Aber,« fuhr er fort, »hast ja noch allerlei Sachen, die du versilbern
kannst, wie z. E. die Flinte von mir, die Reisemütze, die dir Leutnant
Hofmann in Offenburg verehrt, und dergleichen. Bring sie nur mir, ich
zahl' dir dafür, so viel sie je wert sind. Dann könntst du dich, wie
andre Rekruten, um Gehaltserhöhung beim Major« -- »Potz Wetter!« fiel
ich ein. »Nein, den sah ich einmal und nimmermehr!« Drauf erzählt'
ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet sei. »Ha!« versetzte er, »die
Lümmels meinen, man könn' auf Werbung von Luft leben und Kerle im
Strick fangen.« »Ja!« sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir
wenigstens in Rottweil auch einen Notpfennig erspart haben.« »Alles
hat seine Zeit, Ollrich!« erwiderte er, »halt' dich nur brav! Wenn
einmal die Exerzitien vorbei sind, kannst du was verdienen. Und wer
weiß, vielleicht geht's bald ins Feld, und dann« -- Weiter sagte er
nichts; ich merkte aber, was er damit wollte, und ging vergnügt, als
ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach etlichen Tagen
trug ich Flinte, Pallasch und die samtene Mütze wirklich zu ihm hin;
er zahlte mir etwas weniges dafür, aber von Markoni war ich alles
zufrieden. Bald darauf verkauft' ich auch meinen Tressenhut, den grünen
Frack, so wie alles Übrige, und ließ mir nichts mangeln, so lang ich
was anzugreifen hatte. Schärer war ebenso arm als ich, allein er bekam
ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot. Der Major hielt ein
gut Stück mehr auf ihn als auf mich. Indessen waren wir Herzensbrüder,
solang einer was zu brechen hatte, konnte der andre mitbeißen. Bachmann
hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und
harmonierte nie mit uns; doch schien immer die Stunde ein Tag lang,
wo wir nicht beisammen sein konnten. Gästli mußten wir in schlechten
Häusern suchen, wenn wir ihn haben wollten; er kam bald hernach ins
Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß
uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam. Ich wollt'
für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit
einem Finger berührt haben. Sobald das Exerzieren vorbei war, flogen
wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner-
oder Gottwitzerbier, schmauchten ein Pfeifchen, und trillerten ein
Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner
mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine
Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der
Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage
nimmt man mit noch weniger vorlieb.
[Sidenote: Spaziergänge in Berlin]
[Sidenote: Vom Desertieren]
[Sidenote: Exerzierübungen]
[Sidenote: Schmale Kost]
[Sidenote: Heimweh]
[Sidenote: Der Gefangene]
Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin
ich bei weitem nie ganz darin herumgekommen. Wir drei Schweizer machten
zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach's uns
an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazen so marode, daß wir
uns lieber der Länge nach hinlegten.
Von der Stadt Berlin sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben
Städten; unsereinem hat man aber nur drei genannt: Berlin, Neustadt
und Friedrichsstadt. Alle drei sind in der Bauart verschieden. In
Berlin oder Cölln, wie man auch sagt, sind die Häuser so hoch wie
in den Reichsstädten; aber die Gassen nicht so breit wie in Neu- und
Friedrichsstadt, wo die Häuser wieder niedriger, aber egaler gebaut
sind. Da sehen auch die kleinsten, oft von sehr armen Leuten bewohnt,
wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten gibt es ungeheuer
große, leere Plätze, die teils zum Exerzieren und zur Parade, teils zu
gar nichts gebraucht werden; ferner Äcker, Gärten, Alleen, alles in die
Stadt eingeschlossen. Vorzüglich oft gingen wir auf die lange Brücke,
auf deren Mitte ein alter Markgraf von Brandenburg,[43] zu Pferd
in Lebensgröße, von Erz gegossen steht, und etliche Enakssöhne mit
krausen Haaren zu seinen Füßen gefesselt sitzen, dann der Spree nach,
auf den Weidendamm, wo's gar lustig ist, dann ins Lazarett, um das
traurigste Spektakel unter der Sonne zu sehn, bei dem einen, der nicht
gar unsinnig ist, die Lust an Ausschweifungen bald vergehen muß. In
diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, steht Bett an Bett gereiht,
in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine eigene Art den Tod,
und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier ein Dutzend, die unter den
Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zetergeschrei erheben; dort
andre, die sich unter ihren Decken krümmen, wie ein halb zertretener
Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern. Meist mochten wir's da
nur wenige Minuten aushalten, gingen wieder an Gottes Luft und setzten
uns auf einen Rasenplatz. Da führte unsre Einbildungskraft uns fast
immer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir
einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl's uns war, wie frei wir
gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei. Dann machten
wir Pläne zu unsrer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns
heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen
unübersteiglichen Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der
Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir
nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs,
die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und
andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen
und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen,
wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und
ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken -- wie sie des
folgenden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten
Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauflosgehauen wurde,
bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann
sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten
einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch
auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen
Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen
Jünkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein
Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und
tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh,
andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber
jahrein, jahraus so kujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang,
in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz
und Quer pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle
Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers,
der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stund, und alle
Augenblicke wie unter Kabisköpfe[44] dreinzuhauen drohte. Bei einem
solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und
der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so
ging's schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurechtzumachen
und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war
unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf
an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an
einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der
Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste
Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen Mai und
Juni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht frei; dann mußten wir
auf das properste Kirchenparade machen. Also blieben uns zu jenen
Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten
kurz und gut zu nichts Zeit, als zum Hungerleiden. Wahr ist's, unsre
Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste Order, uns über Kopf
und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und
dachten halt, das sei so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermuteten wohl so
etwas, schwiegen aber mausstill. Indessen waren Schärer und ich blutarm
geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir
alles verkauft. Nun mußten wir mit Brot und Wasser oder Kovent,[45]
das nicht viel besser als Wasser ist, vorlieb nehmen. Mittlerweile
war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meewis ins Quartier kommen,
von denen der erstre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und
die beide einen guten Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich anfangs
ebenfalls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fleisch,
mit Erdäpfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier:
Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern
eine Ochsenpfote, einen Hering oder ein Dreierkäschen. Nun aber konnt'
ich's nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts, und
mein Sold ging meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs, Kreide, Schmirgel,
Öl und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fing ich erst recht an, Trübsal
zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht von Herzensgrund
meine Not klagen. Des Tags ging ich umher wie der Schatten an der
Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte weinend in den
Mond hinauf, und erzählte dem mein bittres Elend: »Du, der jetzt auch
überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuten daheim, wie armselig
es um mich stehe, meinen Eltern, meinen Geschwisterten, meinem Ännchen
sag's, wie ich schmachte, wie treu ich ihr bin, daß sie alle Gott für
mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen
Weg fort? Ach, könnt' ich ein Vöglein sein und dir nach in meine Heimat
fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich
wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend. Was nützt mir dieser
herrliche Ort, worin ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen
hier hätte und so ein schön Häuschen, wie dort grad' gegenübersteht,
und nicht Soldat sein müßte, dann wär's hier gut wohnen; dann wollt'
ich arbeiten, handeln, wirtschaften, und ewig mein Vaterland meiden!
Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Elenden täglich
vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirst mir immer
vorzüglich wert bleiben! Aber, ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem
Leben nicht wieder, verliere sogar den Trost, von Zeit zu Zeit an die
Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Jedermann erzählt mir ja von
der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile
fortzubringen, worin ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß?
Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie ich nicht
aus Vorsatz oder Liederlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse
Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte. Doch, nein!
desertieren will ich nicht. Lieber sterben, als Spießrutenlaufen. Und
dann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch auszuhalten.
Freilich eine lange, lange Zeit; wenn's zumal wahr sein sollte, daß
auch dann kein Abscheid zu hoffen wäre! Doch, was? Kein Abscheid? Hab'
ich doch eine, und zwar mir aufgedrungene Kapitulation! -- Ha! Dann
müßten sie mich eher töten! Der König müßte mich hören! Ich wollte
seiner Kutsche nachrennen, mich anhängen, bis er mir sein Ohr verleiht.
Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausweist. Und der gerechte
Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht sein.« -- Das waren so
damals meine Selbstgespräche.
In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen, wo wir konnten;
klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr
Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt,
wie so viele andre, den letzten Dreier um Genever, meinen Kummer
zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bei mir im Quartier und
mit mir in gleichen Umständen war, machte es ebenso. Aber wenn der
seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vors
Haus, fluchte und haselierte da mutterseels allein, schimpfte auf
seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen
Brandenburgern tausend Millionen Schwernot auf den Hals und fand,
wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete, in
diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram
und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor kurzem ein
recht guter, umgänglicher Bursche: »Kerl!« sagten sie zu ihm, »gewiß
wirst du noch ins Tollhaus wandern!« Dieses war nicht weit von uns.
Oft sah ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkchen
sitzen, und fragte einst Meewis, wer er wäre. Ich hatte ihn nie
bei der Kompagnie gesehn: »Just so einer, wie der Mecklenburger,«
antwortete Meewis; »darum hat man ihn hier versorgt, wo er anfangs
brüllte wie ein ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er
so geschlacht[46] wie ein Lamm sein.« Diese Beschreibung machte mich
lüstern, den Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher.
Anfangs ging ich nur wie verstohlen bei ihm hin und wieder, sah mit
wehmütigem Vergnügen, wie er, seinen Blick bald zum Himmel gerichtet,
bald auf den Boden geheftet, melancholisch dasaß, bisweilen aber, ganz
für sich, sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien.
Schon aus seiner Physiognomie war mir ein solcher Erdensohn in seiner
Lage heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu ihm zu setzen. Er sah mich
starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverständiges
Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter etwas höchst Vernünftiges
zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war,
soviel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß
in diese Umstände gekommen sein mußte, jetzt aber von Nachreu und
Heimweh erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm durch Umwege auch
meine Gemütsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen, was
er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann schien
mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: »Brüderchen!«
sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir:
»Brüderchen, halt' du still! Deine Schuld ist's sicher, daß du leidest,
und was du leidest, mehr oder minder verdiente Züchtigung. Durch
Zappeln machst du's nur ärger. Es wird schon noch anders und immer
anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten,
Majoren sind selber seine Bedienten und wir, ach! wir, so hingeworfene,
verkaufte Hunde, zum Abschmieren im Frieden, zum Totstechen und
Totschießen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht
kommst du nahe an eine Türe; geht sie dir auf, so tu', was du willst.
Aber halt still, Brüderchen! nur nichts erfrettet[47] oder erzwungen,
sonst ist's mit einmal aus!« Dergleichen und noch viel anderes sagte er
öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut
predigen und mich zugleich so gut trösten können wie er.
[Sidenote: Kriegsgerüchte]
Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von
Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekruten wurden auch unter
eins gesteckt. Da ging's alle Tag vor die Tore zum Manövrieren,
links und rechts avancieren, attackieren, retirieren, pelotons- und
divisionsweise chargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte.
Endlich gedieh es zur Generalrevue; da ging's zu und her, daß dies
ganze Büchelchen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben; und wenn
ich's wollte, so könnt' ich's nicht. Erstlich wegen der schweren Menge
aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier großenteils zum erstenmal sah.
Zweitens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen
Lärm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusik, des Rufens
der Kommandeurs und dergleichen, daß ich oft hätte bersten mögen.
Drittens war mir das Exerziz seit einiger Zeit so widerlich geworden,
daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all' die Korps zu Fuß und
zu Pferde für Millionszeug machten. Freilich kam mich hernach manchmal
große Reue an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genommen;
denn allen meinen Freunden und allen Leuten hierzulande wünscht' ich,
daß sie solches nur einen Tag sehen möchten, es würde ihnen zu hundert
und aberhundert vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dies
wenige. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuten bedeckt; viele
tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwei große
Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das
grobe Geschütz aufeinander los. Sie avancieren, kommen zum Feuer, und
machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten Nachbar
nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche
Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander in die Flanke, da
blockieren sie Batterien, dort formieren sie ein doppeltes Kreuz. Hier
marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und
Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben
aufeinander los, daß Staubwolken über Roß und Mann emporwallen. Hier
überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde, unter der ich zu manövrieren
die Ehre hatte, bricht Zelte ab und flieht. Doch noch einmal: Ich müßte
ein Narr sein, wenn ich glaubte, hier eine preußische Generalrevue
beschrieben zu haben. Ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen
vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der Freude willen, mein
Gewäsch nicht länger anzuhören.
[Sidenote: Behüte Gott Berlin!]
[Sidenote: Ausmarsch]
Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld!
Schon im Heumonat marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und
kamen hinwieder andre aus Preußen und Pommern an. Jetzt mußten sich
alle Beurlaubten stellen, und in der großen Stadt wimmelte alles von
Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese
Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einige
sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue Rekruten doch nicht mit,
sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir
himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich alle
meine Leibes- und Seelenkräfte auf, mich bei allen Manövers als einen
fertigen, tapfern Soldaten zu zeigen, denn einige bei der Kompagnie,
die älter waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben. Und nun den
einundzwanzigsten August abends spät kam die gewünschte Order, uns auf
morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie ging es da her mit
Putzen und Packen! Einmal, wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen,
hätt' ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Bäcker zwei geborgte Brote zu
bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr ans
Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistchen zurück; und wenn es
der Bäcker nicht abgefordert hat, hab' ich heutigen Tages noch einen
Kreditor in Berlin, auch etliche Debitoren für ein paar Batzen, und
geht's ungefähr so wett auf. Den zweiundzwanzigsten August morgens um
drei Uhr ward Alarm geschlagen, und mit Anbruch des Tages stand unser
Regiment Itzenblitz -- ein herrlicher Name! -- das die Soldaten wegen
der gewaltigen Schärfe unseres Obristen auch Donner und Blitz nannten,
in der Krausenstraße schon Parade. Jede seiner zwölf Kompagnien war
hundertfünfzig Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierten
Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring
und Kalkstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preußen, Prinz
Ferdinand, Prinz Karl und Prinz von Württemberg, die alle teils vor,
teils nach uns abmarschierten, nachwärts aber im Feld meist wieder zu
uns gestoßen sind. Jetzt wurde Marsch geschlagen, Tränen von Bürgern,
Soldatenweibern, Huren und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die
Kriegsleute selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder
zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummer; die
Fremden jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich ist unsre
Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt
umschnallt, dann die Patrontasche über der Schulter mit einem fünf
Zoll langen Riemen; über die andre Achsel der Tornister, mit Wäsche
und so weiter bepackt; item der Habersack mit Brot und anderer Furage
gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen;
Flasche, Kessel, Haken, oder so was, alles an Riemen; dann erst noch
eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal kreuzweis
über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher
Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge, gepreßte Montur und
eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf
glühenden Kohlen. Wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, kam
ein Dampf heraus wie aus einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen
trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst.
[Sidenote: Marschroute bis Pirna]
So marschierten wir den ersten Tag (22. August 1756) zum Köpenicker
Tor aus, und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo
wir zu dreißig bis fünfzig bei Bürgern einquartiert waren, die uns für
einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha!
da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele, große, hungrige
Kerls! Immer hieß es, schaff her, Kanaille, was d' im hintersten Winkel
hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt, da lagen wir alle
in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich, eine kuriose Wirtschaft! In jedem
Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Mannszucht halten
sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. Den zweiten Tag ging's zehn
Stunden weit bis Fürstenwalde, da gab's schon Marode, die sich auf
Wagen packen lassen mußten. Es war auch kein Wunder, da wir diesen
ganzen Tag nur ein einzigmal haltmachen, und stehenden Fußes etwas
Erfrischung zu uns nehmen durften. Am letztgedachten Orte ging es wie
an dem erstern, nur daß hier die meisten lieber soffen als fraßen,
und viele sich halbtot hinlegten. Den dritten Tag ging's sechs Stunden
bis Jakobsdorf, wo wir drei Rasttage hielten, aber desto schlimmer
hantierten und die armen Bauern bis aufs Blut aussogen. Vom siebenten
bis vierzehnten Tage kamen wir über Guben, Spremberg und Hoyerswerda
bis Kamenz, dem letzten Örtchen, wo wir einquartiert wurden. Von da
an kampierten wir im Felde, und machten Märsche und Kontermärsche,
so daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bei
dunkler Nacht geschah. Nur so viel erinnr' ich mich, daß wir am zehnten
September Pirna erreichten, wo noch einige Regimenter zu uns stießen,
und wir ein weites, fast unübersehbares Lager aufschlugen, sowie auch
das über Pirna gelegene Schloß Königstein diesseits und den Lilienstein
jenseits der Elbe besetzten. Denn in der Nähe dieses letzteren Berges
befand sich die sächsische Armee, in deren Lager wir gerade übers Tal
hinübersehen konnten. Unter uns im Tale an der Elbe lag Pirna, das
jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward.
Bis hierher hatte der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text
unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja, dacht' ich, das hat er, er wird
auch ferner helfen, und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland; denn
was gehen mich eure Kriege an?
Mittlerweile ging's, wie's bei einer marschierenden Armee zu gehen
pflegt, bunt übereck und kraus, so daß ich alles zu beschreiben nicht
imstande bin, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre.
Unser Major Lüderiz, denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders
Achtung, mag mir oft meinen Unmut aus dem Gesichte gelesen haben. Dann
drohte er mir mit dem Finger: »Nimm dich in acht, Kerl!« Schärern
hingegen klopfte er bei den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und
nannte ihn mit lächelnder Miene einen braven Burschen, denn der war
immer lustig und wohlgemuts und sang bald seine Maurerlieder, bald
den Kühreih'n. Im Herzen dachte er wie ich, obschon er es besser
verbergen konnte. Ein andermal freilich faßt' ich wieder Mut und
dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni, der
doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war, auf dem Marsch oder
im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen
besten Freund, wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot,
die meinige traulich schüttelte, mir mit liebreicher Wehmut gleichsam
in die Seele 'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's
wird schon besser kommen!« zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu
erwarten, dieselbe aus meinem tränenschimmernden Aug' lesen wollte.
Oh! ich wünsche dem Mann, wo er immer tot oder lebendig sein mag,
noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir
nie mehr zu Gesicht gekommen. Mittlerweile hatten wir alle Morgen die
gemessene Order erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den
ältern Soldaten ein Gerede: »Heute gibt's was! Heut setzt's gewiß
was ab!« Dann schwitzten wir Jungen freilich an allen Fingern, wenn
wir bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt
halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete
einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, sobald man wieder
ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten
entwischen konnte, denn wir hatten immer feindliche Kürassiers,
Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht
durchmarschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte
etliche Stunden im Wald herum, aber am Morgen war er wieder hart
bei uns und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg, er habe beim
Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen
wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein,
und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste
was es wolle.
[Sidenote: Das Lager zu Pirna]
Eine umständliche Beschreibung unsers Lagers zwischen Königstein und
Pirna sowohl als des gerade vor uns überliegenden Sächsischen bei
Lilienstein wird man von mir nicht erwarten. Ich schreibe nur, was ich
gesehen, was allernächst um mich her vor- und besonders was mich selbst
anging. Von den wichtigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker
am allerwenigsten, auch kümmerten wir uns nicht viel darum. Mein und so
vieler andrer ganzer Sinn war vollends allein auf: Fort, fort! Heim
ins Vaterland! gerichtet.
[Sidenote: Lagerleben]
Vom elften bis zweiundzwanzigsten September saßen wir in unserm Lager
ganz still, und wer gern Soldat war, dem mußt' es damals recht wohl
sein. Da ging's vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab's Marketender
und Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch,
nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder
vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brot,
aller Gattung Baum- und Erdfrüchte. Die Wachten ausgenommen, mochte
jeder machen was ihm beliebte, kegeln, spielen, in und außer dem Lager
spazieren gehen. Nur wenige hockten müßig in ihren Zelten. Der eine
beschäftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Waschen, der dritte
kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste
schnifelte was von Holz und verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte
seine sechs Mann und einen Überkompletten. Unter diesen sieben war
immer einer gefreit, dieser mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs
übrigen ging einer auf die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant
herbeiholen, einer ging nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte
den Seckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, einen Tisch
und ein Bett aus. Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack,
was er, versteht sich in Feindesland, erhaschen konnte. Mehl, Rüben,
Erdbirnen, Hühner, Enten. Wer nichts aufzutreiben vermochte, ward von
den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öfteren begegnete.
Was das für ein Mordiogeschrei gab, wenn's durch ein Dorf ging, von
Weibern, Kindern, Gänsen und Spanferkeln. Da mußte alles mit, was sich
tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in
alle Ställ' und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los und riß die
Äste mit den Früchten ab. Der Hände sind viel, hieß es, was einer nicht
kann, mag der andre. Da durft' keine Seel' Mux machen, wenn's nur der
Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Da tat jeder sein
Devoir zum Überfluß. Wir drei Schweizer, Schärer, Bachmann und ich, es
gab unsrer Landsleute zwar beim Regiment noch mehr, wir kannten sie
aber nicht, kamen keiner zum andern ins Zelt, auch nie zusammen auf die
Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander außer das Lager bis auf
die Vorposten, besonders auf einen gewissen Bühel, wo wir eine weite
zierliche Aussicht über das Sächsische, unser ganzes Lager und durchs
Tal hinab bis auf Dresden hatten. Da hielten wir unsern Kriegsrat:
was wir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder
treffen sollten. Aber zur Hauptsache, zum Hinaus fanden wir alle Löcher
verstopft. Zudem wären Schärer und ich lieber in einer schönen Nacht
allein, ohne Bachmann, davon geschlichen, denn wir trauten ihm nie
ganz, und sahen dabei alle Tag' die Husaren Deserteurs einbringen,
hörten Spießrutenmarsch schlagen, und was es solcher Aufmunterungen
mehr gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen.
[Sidenote: Einnahme des sächsischen Lagers]
[Sidenote: Marsch und Kontermarsch]
Endlich, den zweiundzwanzigsten September, ward Alarm geschlagen und
erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung,
in etlichen Minuten war ein stundenweites Lager, wie die allergrößte
Stadt, zerstört, aufgepackt und allons, Marsch! Jetzt zogen wir ins Tal
hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem
Städtchen, dem sächsischen Lager +en front+, eine Gasse wie zum
Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch
welche viele gefangene Sachsen zu vieren hoch spazieren, vorher aber
das Gewehr ablegen, und, man kann sich's einbilden, die ganze lange
Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußten. Einige
gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild,
und noch andre mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern
nichts schuldig bleiben wollte. An dem nämlichen Tage marschierten wir
noch ein Stück Wegs fort und schlugen unser Lager bei Lilienstein auf.
Den dreiundzwanzigsten mußte unser Regiment die Proviantwagen decken.
Den vierundzwanzigsten machten wir einen Kontermarsch, und kamen bei
Nacht und Nebel, der Henker weiß wohin. Den fünfundzwanzigsten früh
ging's schon wieder fort, vier Meilen bis Aussig. Hier schlugen
wir ein Lager, blieben da bis auf den neunundzwanzigsten und mußten
alle Tag' auf Furage aus. Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den
kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch
ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle
blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn aber unsre Artilleristen
nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, flog der Feind über
Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt, ich
wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' oft: Pah! wenn's nur den
Weg hergeht, ist's so übel nicht. Den dreißigsten marschierten wir
wieder den ganzen Tag und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den
ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein Blinder.
Inzwischen bekamen wir Order, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch
kein Gewehr niederzulegen, sondern immer mit scharfer Ladung parat zu
stehn, weil der Feind in der Nähe sei. Endlich sahen und hörten wir mit
anbrechendem Tag unten im Tal gewaltig blitzen und feuern. In dieser
bangen Nacht desertierten viele, neben andern auch Bruder Bachmann. Für
mich wollt' es sich noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt
hätte.
[Sidenote: Die Schlacht bei Lowositz]
Früh morgens mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen
gegen das große Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten
wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine kamen und
zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen weiter vor und
erblickten von ferne durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche
Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz.
Es war kaiserliche Kavallerie, denn die Infanterie bekamen wir nie zu
Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte.
Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm
Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß
die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment, das im mittlern Treffen
stund, durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung, vor
einer Bataille zu entwischen; jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr,
weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir
rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in
die Hosen. In den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und
eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern,
selbst derer, die sonst noch so viel Herzhaftigkeit gleißneten. Die
geleerten Brenzfläschchen, deren jeder Soldat eines hat, flogen unter
den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis
auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen
vielleicht keinen Fusel mehr! Jetzt avancierten wir bis unter die
Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel!
wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen weg, fuhren bald vor,
bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft
sprang, bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern
weg, als wenn's Strohhälme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als
feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in
die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und
Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an,
wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren.
Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie einhieben!
Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von
der österreichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen
verfolgt, zurück. Da hätte man den Spektakel sehen sollen, Pferde,
die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihre Gedärme auf der
Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen
Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem
kleinen Gewehrfeuer zusammentraf, obschon es bereits auf dem rechten
sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen
Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs,
obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir
wegrafften und der Wahlplatz mit Toten und Verwundeten übersät war; als
mit eins, ungefähr um zwölf Uhr, die Order kam, unser Regiment nebst
zwei andern, ich glaube Bevern und Kalkstein, müßten zurückmarschieren.
Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sei vorbei.
Wir eilten darum mit muntern Schritten die gähen Weinberge hinauf,
brachen unsre Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach
Herzenslust, und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts
Arges in Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch
in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm
hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war.
Mittlerweile trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan,
auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf
der andern Seite wieder hinunter führte. Sobald unsre Avantgarde den
erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel
an, und nun merkten wir erst, wo der Has im Stroh lag. Etliche
tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den
Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken zu fallen. Dies
muß unsern Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen
zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hätten sie uns die Höhe
abgewonnen, und wir wahrscheinlich den kürzern gezogen. Nun setzte es
ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz
vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark, allein die hintern
drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe
gewonnen hatten. Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten
stolpern. Alsdann ging's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge
hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab, in die
Ebene. Unsre gebornen Preußen und Brandenburger packten die Panduren
wie Furien. Ich selber war in Jast[48] und Hitze wie vertaumelt, und,
mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast
alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und
ich sie am Riemen nachschleppen mußte. Indessen glaub' ich nicht, daß
ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft.
Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die
Panduren wieder und pülverten so tapfer in die Weinberge hinauf, daß
noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen
überall durcheinander, und wo sich einer von letzteren noch regte,
wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett
durch den Leib gestoßen. Nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem
an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von
Lowositz ausging, wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde
hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert
Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art
Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer
Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elender,
zerquetschter, halbtoter Opfer dieses Tages, alle Sinnen betäubte! Um
diese Zeit, es mochte etwa drei Uhr sein, da Lowositz schon im Feuer
stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen wieder
wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das
Städtchen selber losging; um diese Zeit war ich freilich nicht der
Vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch im Weinberg droben, von
denen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über
die andre hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich
also noch ein wenig erhöht stand, und in die Ebene wie in ein finsteres
Donner- und Hagelwetter hineinsah, in diesem Augenblick deucht' es
mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der
Flucht zu retten. Ich sah mich nach allen Seiten um. Vor mir war alles
Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die
Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller
Schlachtordnung. Zur Linken Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hie und da
einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote
und Verwundete als Lebende. Da, da, auf diese Seite! dacht' ich, sonst
ist's nur lautere Unmöglichkeit!
[Sidenote: Desertion]
[Sidenote: Glücklich entronnen]
[Sidenote: In Prag]
Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf die linke
Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei.
»Komm', komm', Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich ripostierte kein
Wort, tat nur ein wenig blessiert, und ging immer allgemach fort,
freilich mit Furcht und Zittern. Sobald ich mich indessen so weit
entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte,
verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts
und links wie ein Jäger, sah noch von weitem, zum letztenmal in meinem
Leben, morden und totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz
vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag, rannte eines
Rennens gerade dem Fluß nach hinunter, und stand jetzt an einem
Tobel. Jenseits desselben kamen soeben etliche kaiserliche Soldaten
angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten,
und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf
mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem
Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte
also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern
Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich
gefeuert haben. Ihr Hunde, dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei
Lowositz gezeigt! Als ich zu ihnen kam und mich als Deserteur angab,
nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts
wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte,
verlor sich bald darauf, und nahm das Füsil mit. Nun so sei's! Alsdann
führten sie mich ins nächste Dorf Scheniseck, eine starke Stunde unter
Lowositz. Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn
zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern
und Kindern. Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor
den Preußen, denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben.
Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von
Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche hinausgeworfen,
hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine
Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu,
und die roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben
mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstunden, Toback,
Branntwein und Geleit auf Leitmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter
Stockböhmen übernachtete, und freilich nicht wußte, ob ich da mein
Haupt sicher zur Ruhe legen konnte. Allein ich hatte von dem Tumult
des Tags noch einen so vertaumelten Kopf, daß dieser Kapitalpunkt mir
am mindesten betrug. Morgens darauf, den zweiten Oktober, ging ich mit
einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf
ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteurs, von denen, so zu
reden, jeder seinen eignen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte;
neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beide hoch auf vor
Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freiheit zu sehn! Da ging's an
ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus hinterm Ofen
säßen. Einzig hieß es bisweilen: Ach wäre nur auch der Schärer von Wil
bei uns! Wo mag der geblieben sein? Wir hatten die Erlaubnis, alles
im Lager zu besichtigen. Offiziers und Soldaten stunden bei Haufen
um uns, denen wir mehr erzählen sollten als uns bekannt war. Etliche
wußten Winds genug zu machen, ihren Wirten zu schmeicheln und zur
Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's auch
unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler; und der kleinste Zwerg
rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigten Brandenburger auf
seiner eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte
man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangenen von der preußischen Kavallerie.
Ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer an Wunden oder Beulen leer
ausgegangen; etliche übers ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins
Genick, andre über die Ohren, über die Schultern oder Schenkel. Da war
alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte
selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein; und
wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und
bekamen jeder einen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem
Kavallerietransport nach einem böhmischen Dorfe, wo wir, nach einem
kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten
wir uns, und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf, welche einen
Weg gingen. Wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern,
Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und
Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg.
In Prag selbst war ein Zittern und Beben vor den Preußen ohne
seinesgleichen. Man hatte den Ausgang der Schlacht bei Lowositz bereits
vernommen und glaubte den Sieger schon vor den Toren zu sehn. Auch da
stunden ganze Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen
sollten, was der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese
neugierigen Hasen; andre hatten noch ihre Freude daran, sie tapfer zu
schrecken, und sagten ihnen, der Feind werde spätstens in vier Tagen
anlangen und sei ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele die Händ'
über'm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar heulend im Kot
herum.