[Sidenote: Meine Voreltern]
Meiner Voreltern wegen bin ich so unwissend, als es wenige sein mögen.
Daß ich Vater und Mutter gehabt, weiß ich. Meinen seligen Vater kannt'
ich viele Jahre, und meine Mutter lebt noch. Daß diese auch ihre Eltern
gehabt, kann ich mir einbilden. Aber ich kannte sie nicht und habe auch
nichts von ihnen vernommen, außer daß mein Großvater, M. Bräker, aus
dem Käbisboden gebürtig gewesen, und meine Großmutter, deren Namen und
Heimat ich niemals vernommen, an meines Vaters Geburt gestorben sei.
Meinen Vater nahm daher ein kinderloser Vetter im Näbis, der Gemeind
Wattwil, an Kindes Statt an, und den hielt und liebte ich nebst seiner
Frau für meine rechten Großeltern, so wie sie mich hinwieder auch als
Großkind behandelten. Meine mütterlichen Großeltern ab der Laad kannte
ich noch wohl.
Mein Vater war sein Tage ein armer Mann; auch meine ganze Freundschaft
hatte keinen reichen Mann aufzuweisen. Unser Geschlecht gehört zu
dem Stipendigut. Wenn ich oder meine Nachkommen einen Sohn wollten
studieren lassen, hätte er sechshundert Gulden zu beziehen. Ich weiß
aber noch von keinem Bräker, der studiert hätte. Mein Vater hat viele
Jahre das Hofjüngergeld bekommen, ist aber bei einer vorgenommenen
Reform nebst andern Geschlechtern, welche wie das seinige, nicht
genugsame Urkunden darbringen mochten, ausgemerzt worden. Mit der
Genoßsame des Stipendii hingegen hat es seine Richtigkeit, obschon ich
nicht recht weiß, wie es gestiftet worden und wer von meinen Voreltern
dazu geholfen hat.
Ich habe also nicht Ursach, ahnenstolz zu sein. Alle meine Freunde und
Blutsverwandten sind unbemittelte Leute, und von allen meinen Vorfahren
hab' ich nichts anderes gehört. Fast von keinem, der das geringste
Ämtli bekleidete. Meines Großvaters Bruder war Mesmer zu Kappel, und
sein Sohn Stipendipfleger. Das ist alles aus der ganzen weitläufigen
Verwandtschaft. Da können wir wohl vor dem Hochmut gesichert sein,
der so viele arme Narren anwandelt, wenn sie reiche und angesehene
Vettern haben, obgleich ihnen diese keinen Pfifferling geben. Nein!
Von uns Bräkers quält diese Sucht, soviel ich weiß, keinen einzigen;
und daß sie auch mich nicht plagt, sieht man; -- sonst hätt' ich
wenigstens unserm Stammbaum genauer nachgeforscht. Ich weiß, daß mein
Großvater und dessen Vater arme Leute waren, die sich kümmerlich nähren
mußten, daß mein Vater keinen Pfennig erbte, daß ihn die Not sein
Leben lang drückte, und er nicht selten über seine kleine Schuldenlast
seufzte. Aber deswegen schäm' ich mich meiner Eltern und Voreltern
bei weitem nicht. Vielmehr bin ich noch eher ein bißchen stolz auf
sie. Denn, ihrer Armut ungeachtet, hab' ich von keinem Dieb oder sonst
einem Verbrecher, den die Justiz hätte strafen müssen, von keinem
Lasterbuben, Schwelger, Flucher oder Verleumder unter ihnen gehört,
von keinem, den man nicht als einen Biedermann mußte gelten lassen,
der sich nicht ehrlich und redlich in der Welt nährte, von keinem,
der betteln ging. Dagegen kannt' ich recht manchen wackern, frommen
Mann mit zartem Gewissen. Das ist's allein, worauf ich stolz bin und
wünsche, daß auch meine Kinder stolz werden, daß wir diesen Ruhm nicht
besudeln, sondern denselben fortzupflanzen suchen.
[Sidenote: Mein Geburtstag]
Der für mich wichtige Tag meiner Geburt ist der zweiundzwanzigste
Dezember 1735. Ich sei ein bißchen zu früh auf der Welt erschienen,
sagte man mir. Meine Eltern mußten sich dafür verantworten. Mag sein,
daß ich mich schon im Mutterleibe nach Tageslicht gesehnt habe, und
dies nach dem Licht Sehnen geht mir all mein' Tage nach! Daneben war
ich die erste Kraft meines Vaters, und Dank sei ihm unter der Erde von
mir auch dafür gesagt! Er war ein hitziger Mann, voll warmen Blutes.
O, ich habe schon tausendmal drüber nachgedacht, und mir bisweilen
einen andern Ursprung gewünscht, wenn flammende Leidenschaften in
meinem Busen tobten, und ich den heftigsten Kampf mit ihnen bestehen
mußte. Aber sobald Sturm und Wetter vorbei war, dankt' ich ihm doch
wieder, daß er mir sein feuriges Temperament mitgeteilt hat, womit
ich unzählige schuldlose Freuden lebhafter als so viele andere Leute
genießen kann. Genug, an diesem zweiundzwanzigsten Dezember kam ich
ans Tageslicht. Mein Vater sagte mir oft, er habe sich gar nicht über
mich gefreut, ich sei ein armes, elendes Geschöpf gewesen; nichts als
kleine Beinerchen, mit einem verschrumpften Häutchen überzogen; und
doch hätt' ich Tag und Nacht ein Zetergeschrei erhoben, das man bis
ins Holz hören können. Er hat mich oft recht bös gemacht. Dachte: »Ha,
ich werd's auch gemacht haben wie andre neugeborene Kinder!« Aber die
Mutter gab ihm allemal Beifall. Nun, es kann sein.
Am heiligen Weihnachtstag ward ich in Wattwil getauft und ich freute
mich schon oft, daß es gerad an diesem Tage geschah, da wir die Geburt
unsers Erlösers feiern. Wenn's eine einfältige Freude ist, was macht's?
gibt's doch gewiß noch viel kindischere! Meine Taufpaten waren ein
feuriger reicher Junggesell von Kappel aus der Au und eine bemittelte
hübsche Jungfer aus der Schamaten. Er starb ledig; sie lebt noch im
Witwenstand.
[Sidenote: Erstes Lebensjahr]
In meinen ersten Lebensjahren mag ich wohl ein wenig verzärtelt worden
sein, wie's gewöhnlich mit ersten Kindern geht. Doch wollte mein
Vater schon früh genug mit der Rute auf mich dar; aber die Mutter und
Großmutter nahmen mich in Schutz. Mein Vater war wenig daheim; er
brannte hier und da im Land und an benachbarten Orten Salpeter. Wenn
er dann wieder nach Hause kam, war er mir fremd. Ich floh ihn. Dies
verdroß den guten Mann so sehr, daß er mich mit der Rute zahm machen
wollte.
[Sidenote: Mein fernstes Denken]
Ich kann mich beinah bis auf mein zweites Lebensjahr zurückerinnern.
Ganz deutlich besinn' ich mich, wie ich auf allen Vieren einen
steinigen Fußweg hinabkroch, und einer alten Base durch Gebärden
Äpfel abbettelte. -- Ich weiß gewiß, daß ich wenig Schlaf hatte und
daß meine Mutter, um hinter den Großeltern einen geheimen Pfennig zu
verdienen, des Nachts verstohlner Weise beim Licht gesponnen hat. Wenn
ich dann nicht in der Kammer allein bleiben wollte, mußte sie eine
Schürze auf den Boden spreiten, worauf sie mich nackt setzte und ich
mit dem Schatten und ihrer Spindel spielte. Ich weiß, daß sie mich oft
durch die Wiese auf dem Arm dem Vater entgegentrug und daß ich ein
Mordiogeschrei anfing, sobald ich ihn erblickte, weil er mich immer
rauh anfuhr, wenn ich nicht zu ihm wollte. Seine Figur und Gebärden,
die er machte, seh ich jetzt noch lebendig vor mir.
[Sidenote: Zeitumstände]
Um diese Zeit waren alle Lebensmittel wohlfeil, aber wenig Verdienst
im Lande. Die Teuerung und der Zwölferkrieg waren noch in frischem
Angedenken. Ich hörte meine Mutter viel davon erzählen, das mich
zittern und beben machte. Erst zu Ende der dreißiger Jahre ward das
Baumwollspinnen in unserem Dorf eingeführt, und meine Mutter mag
eine von den ersten gewesen sein, die Lötligarn[1] gesponnen. Unser
Nachbar trug das erste um einen Schilling Lohn an den Zürchsee, bis er
eine eigne Dublone vermochte. Dann fing er selber an zu kaufen und
verdiente nach und nach etlich tausend Gulden. Da hörte er auf, setzte
sich zur Ruhe, und starb. In meinen Kinderjahren sind auch die ersten
Erdäpfel in unserm Ort gepflanzt worden.
[Sidenote: Schon in Gefahr]
Sobald ich die ersten Hosen trug, war ich meinem Vater schon lieber. Er
nahm mich hier und da mit sich. Im Herbst des Jahres 1739 brannte er im
Gandten, eine halbe Stunde von Näbis entfernt, Salpeter. Eines Tages
nahm er mich mit, und da Wind und Wetter einfiel, behielt er mich zu
Nacht bei sich. Die Salpeterhütte war vor dem Tenn,[2] und sein Bett
im Tenn. Er legte mich darein und sagte liebkosend, er wolle bald auch
zu mir liegen. Unterdessen fuhr er fort zu feuern und ich schlief ein.
Nach einem Weilchen erwacht' ich wieder und rief ihm. Keine Antwort.
Ich stand auf, trippelte im Hemdli nach der Hütte und um den Gaden[3]
überall herum, rief, schrie: nirgends kein Vater. Run glaubt' ich
gewiß, er wäre heim zu der Mutter gegangen. Ich also hurtig, legte
die Höslin an, nahm das Brusttüchlin übern Kopf, und rannte in der
stockfinstern Regennacht zuerst über die nächstanstoßende lange Wiese.
Am End derselben rauschte ein wildangelaufener Bach durch ein Tobel.[4]
Den Steg konnt' ich nicht finden, und wollte darum ohne weiteres
gerade hinüber, dem Näbis zu, glitschte aber über eine Riese[5] zum
Bach hinab, wo mich das Wasser beinahe ergriffen hätte. Die äußerste
Anstrengung meiner jugendlichen Kräfte half mir noch glücklich davon.
Ich kroch wieder auf allen Vieren durch Stauden und Dörn' hinauf, der
Wiese zu, auf welcher ich überall herumirrte, und den Gaden nicht mehr
finden konnte. Gegen eine Windhelle ward ich zwei Kerls, Birn- oder
Apfeldiebe, auf einem Baum ansichtig. Diesen ruft' ich zu, sie sollten
mir auf den Weg helfen. Aber da war kein Bescheid; vielleicht, daß sie
mich für ein Ungeheuer hielten und oben im Gipfel noch ärger zittern
mochten, als ich armer Bube unten im Kot. Inzwischen war mein Vater,
der während meinem Schlummer nach einem ziemlich entfernten Haus etwas
zu holen gegangen, zurückgekehrt. Da er mich vermißte, suchte er in
allen Winkeln nach, wo ich mich möchte verkrochen haben. Er zündete
bis in die siedenden Kessel hinein, hörte endlich mein Geschrei, dem
er nachging, und machte mich nun bald ausfindig. O, wie er mich da
herzte und küßte, mit Freudentränen Gott dankte, und mich, sobald wir
zum Gaden zurückkamen, sauber und trocken machte. Ich war mausnaß,
dreckig bis über die Ohren, und hatte aus Angst noch in die Hosen ...
Morndeß[6] am Morgen führte er mich an der Hand durch die Wiese: ich
sollt' ihm den Ort zeigen, wo ich heruntergepurzelt. Ich konnt' ihn
nicht finden. Zuletzt fand er ihn an dem Geschlirpe, das ich beim
Hinabrutschen gemacht hatte, und schlug die Händ' überm Kopf zusammen,
vor Entsetzen über die Gefahren, worin ich geschwebt, und vor Lob und
Preis der Wunderhand Gottes, die mich allein erretten können. »Siehst
du,« sprach er, »nur noch wenige Schritte, so stürzt der Bach über den
Felsen hinab. Hätt' dich das Wasser fassen können, so lägst du dort
unten tot und zermürset!« Von allem diesem begriff ich damals kein
Wort; ich wußte nur von meiner Angst, nichts von Gefahr. Besonders aber
schwebten die Kerle auf dem Baum mir viele Jahre vor Augen, sobald mich
nur ein Wort an die Geschichte erinnerte.
[Sidenote: Unsre Nachbarn]
Der Näbis liegt im Berg, ob Scheftenau. Von Kappel hört man die Glocke
läuten und schlagen. Es sind nur zwei Häuser. Die aufgehende Sonne
strahlt beiden gerad in die Fenster. Meine Großmutter und die Frau im
andern Haus waren Schwestern; fromme alte Mütterle, welche von andern
gottseligen Weibern in der Nachbarschaft fleißig besucht wurden. Damals
gab es viel fromme Leute daherum. Mein Vater, Großvater und andere
Männer sahen's zwar ungern, durften aber nichts sagen, aus Furcht,
sie könnten sich versündigen. Der Betbeele (seinem Bruder sagte man
Schwörbeele) war ihr Lehrer, ein großer langer Mann, der sich vom
Kuderspinnen[7] und etwas Almosen nährte. In Scheftenau war fast in
jedem Haus eins, das ihm anhing. Meine Großmutter nahm mich oft mit
zu diesen Zusammenkünften. Was eigentlich da verhandelt wurde, weiß
ich nicht mehr, nur so viel, daß mir dabei die Weil verzweifelt lang
ward. Ich mußte mäuslinstill sitzen, oder gar knieen. Dann gab's
unaufhörliche Ermahnungen und Bestrafungen von den Basen allen,
die ich so wenig verstund als eine Katze. Dann und wann stahl mich
mein Großvater zum voraus weg, und mußt' ich mit ihm in den Berg,
wo unsre Kühe weideten. Da zeigte er mir allerlei Vögel, Käfer und
Würmchen, dieweil er die Matten säuberte, oder junge Tännchen, den
wilden Seevi[8] und anderes ausraufte. Wenn er alles an einen Haufen
warf und es bei einbrechendem Abend anzündete, war's mir erst recht
gekocht. Anderer Buben, die etwa dabei sein mochten, erinnere ich mich
nicht mehr, wohl aber etlicher halberwachsener Maidlinen, die mit mir
spielten. Ich ging damals in mein sechstes Jahr und hatte schon zwei
Brüder und eine Schwester, von denen es hieß, daß eine alte Frau sie in
einer Butte gebracht.
[Sidenote: Wanderung nach Dreyschlatt]
Mein Vater hatte einen Wandergeist, der zum Teil auch auf mich gekommen
ist. Im Jahre 1741 kaufte er ein groß Gut, für acht Kühe Sömmer- und
Winterung, Dreyschlatt genannt, in der Gemeind Krinau, zu hinterst
in einer Wildnis, nahe an den Alpen. Das nicht halb so große Gütchen
im Näbis verkaufte er dafür, weil er, wie er sagte, sah, daß ihn eine
große Haushaltung anfallen wolle, und damit er für viele Kinder Platz
und Arbeit genug habe, die er in dieser Einöde nach seinem Willen
erziehen könne, wo sie vor der Verführung der Welt sicher seien. Auch
riet der Großvater, der von Jugend an ein starker Viehmann gewesen,
sehr dazu. Aber mein guter Ätti verband sich den unrechten Finger,
und watete sich, da er an das Gut nichts zu geben hatte, in eine
Schuldenlast hinein, unter welcher er nachwärts dreizehn Jahre lang
genug seufzen mußte. Also im Herbst 1741 zügelten wir mit Sack und Pack
ins Dreyschlatt. Mein Großätti war Senn, ich jagte die Kühe nach, mein
kleiner nur zwanzig Wochen alter Bruder ward in einem Korb getragen.
Mutter und Großmutter mit den zwei andern Kindern kamen hinten nach,
und der Vater mit dem übrigen Plunder beschloß den Zug.
[Sidenote: Ökonomische Einrichtung]
Mein Vater wollte das Salpetersieden nicht aufgeben, und dachte damit
wenigstens etwas zu Abherrschung der Zinse zu verdienen. Aber so ein
Gut, wie das Dreyschlatt, braucht Händ' und Armschmalz. Wir Kinder
waren noch für nichts zu rechnen; der Großätti hatte mit dem Vieh, und
die Mutter genug im Haus zu tun. Es mußten also ein Knecht und eine
Magd gedungen werden. Im folgenden Frühjahr ging der Vater wieder
dem Salpeterwerk nach. Inzwischen hatte man mehr Küh' und Geißen
angeschafft. Der Großätti zog jungen Fasel[9] nach. Das war mir eine
Tausendslust, mit den Gitzen so im Gras herumzulaufen, und ich wußte
nicht, ob der Alte eine größere Freud' an mir oder an ihnen hatte, wenn
er sich, nachdem das Vieh besorgt war, an unsern Sprüngen ergötzte.
So oft er vom Melken kam, nahm er mich mit sich in den Milchkeller,
zog dann ein Stück Brot aus dem Futterhemd, brockt' es in eine kleine
Mutte, und machte ein kühwarmes Milchsüppli. Das aßen ich und er alle
Tage. So verging mir meine Zeit unter Spiel und Herumtrillern, ich
wußt' nicht wie? Dem Großätti ging's ebenso. Aber, aber -- Knecht
und Magd taten inzwischen was sie gern wollten. Die Mutter war ein
gutherziges Weib, nicht gewohnt, jemand mit Strenge zur Arbeit
anzuhalten. Es mußte allerhand Milch- und Werkgeschirr gekauft werden,
und da man viel Weide zu Wiesen einschlug, auch Heu und Stroh, um mehr
Mist zu machen. Im Winter hatten wir allemal zu wenig Futter, oder
zu viel fressende War. Man mußt' immer mehr Geld entlehen, die Zinse
häuften sich, und die Kinder wurden größer, Knecht und Magd feist, der
Vater mager.
[Sidenote: Tod des Großvaters]
Er merkte endlich, daß so die Wirtschaft nicht gehen könne. Er änderte
sie also und gab das Salpetersieden auf, blieb daheim, führte das
Gesind selber zur Arbeit an, und war allenthalben der erste. Ich weiß
nicht, ob er auf einmal gar zu streng angefangen, oder ob Knecht und
Magd, wie oben gesagt, sonst zu meisterlos geworden; kurz, sie jahrten
aus[10] und liefen davon. Um die gleiche Zeit wurde der Großätti
krank. Erst stach er sich nur an einem Dorn in den Daumen; der wurde
geschwollen. Er band frischwarmen Kuhmist drauf; da schwoll die ganze
Hand. Er empfand entsetzliche Hitz; ging zum Brunnen, und wusch den
Mist unter der Röhre wieder ab. Aber das hatte nun gar böse Folgen.
Er mußte sich bald zu Bett legen und bekam die Wassersucht. Er ließ
sich abzapfen; das Wasser rann in den Keller hinab. Nachdem er so fünf
Monate gelegen, starb er zum Leidwesen des ganzen Hauses; denn alle
liebten ihn, vom Kleinsten bis zum Größten. Er war ein angenehmer,
Freud' und Friede liebender Mann. Er hatte an meinem Vater und mir
ungemein viel getan, und ich habe nie von einem Menschen Böses über
ihn sagen gehört. Mein Vater und Mutter erzählten noch viele Jahre
allerhand Löbliches und Schönes von ihm. Als ich ein wenig zu Verstand
kam, erinnerte ich mich seiner erst recht, und verehrt' ihn im Staub
und Moder. Er liegt im Kirchhof zu Krinau begraben.
[Sidenote: Die nächsten Folgen]
Nun wurde wieder eine Magd angeschafft; die war dem Vater recht,
weil sie brav arbeitete. Aber Mutter und Großmutter konnten sie
nicht leiden, weil sie glaubten, sie schmeichle dem Vater, und trag'
ihm alles zu Ohren. Auch war sie krätzig, so daß wir alle die Raud
von ihr erbten. Und kurz, die Mütter ruhten nicht; sie mußte fort,
und eine andre zu. Die war nun ihnen recht, aber dem Vater nicht,
weil sie nur das Haus- aber nicht das Feldwerk verstand. Auch meinte
er, sie helfe den Weibern allerhand verschmauchen. Jetzt gab's bald
alle Tage Zank. Die Weibervölker stunden zusammen, der Mann hinwieder
glaubte, er sei einmal Meister, und kurz, es schien, als wenn der alte
Näbis-Joggeli einen guten Teil vom Hausfrieden mit sich unter den
Boden genommen hätte. Aus Verdruß ging der Vater einstweilig wieder
dem Salpetersieden nach, übergab die Wirtschaft seinem Bruder, als
Knecht, und glaubte mit einem so nahen Blutsfreunde wohl versorgt zu
sein. Er betrog sich. Er konnt' ihn nur ein Jahr behalten und sah noch
zu rechter Zeit die Wahrheit des Sprichworts ein: Wer will, daß es ihm
ling, schau selber zu seinem Ding! Nun ging er nicht mehr fort, trat
aufs neue an die Spitze der Haushaltung, arbeitete über Kopf und Hals,
und hirtete die Kühe selber; ich war sein Handbub, und mußte mich brav
tummeln. Die Magd schaffte er ab und dingte dafür einen Geißenknab,
da er jetzt einen Fasel Geißen gekauft, mit deren Mist er viel Weid
und Wiesen machte. Inzwischen wollten ihn die Weiber noch immer
meistern; das konnt' er nicht leiden; 's gab wieder allerlei Händel.
Endlich, da er einmal der Großmutter in der Hitz' ein Habermußbecken
nachgeschmissen, lief sie davon, und ging wieder zu ihren Freunden
in den Näbis. Die Sach' kam vor die Amtsleut. Der Vater mußt' ihr
alle Wochen sechs Batzen und etwas Schmalz geben. Sie war ein kleines
buckliges Fräulein, mir eine liebe Großmutter, die hinwieder auch
mich hielt wie ihr rechtes Großkind, aber, die Wahrheit zu sagen, ein
wenig wunderlich, wetterwendisch, ging immer den sogenannten Frommen
nach und fand doch niemand recht nach ihrem Sinn. Ich mußt' ihr alle
Jahr die Metzgeten[11] bringen, und blieb dann ein paar Tage bei
ihr. Da war gut Leben, ich ließ mir's schmecken, ihre wohlgemeinten
Ermahnungen hingegen zum einen Ohr ein und zum andern wieder aus.
Gewiß kein Ruhm für mich. Aber dergleichen Buben machen's leider Gott
erbarm! so. Zuletzt war sie einige Jahre blind, und starb endlich in
der Feuerschwand in einem hohen Alter im Jahre 50, 51, oder 52. Sie
vermachte mir ein Buch, Arndts wahres Christentum, apart. Sie war gewiß
ein gottseliges Weib, in der Schamaten hoch estimiert, und die Leut
dort sind mir noch besonders lieb um ihretwillen. Auch glaub' ich gewiß
noch Glück von ihr her zu haben; denn Elternsegen ruht auf Kindern und
Kindeskindern.
[Sidenote: Allerlei Schicksale]
Unsre Haushaltung vermehrte sich. Es kam alle zwei Jahr geflissentlich
ein Kind; Tischgänger genug, aber darum keine Arbeiter. Wir mußten
immer viel Taglöhner haben. Mit dem Vieh war mein Vater nie recht
glücklich, es gab immer etwas krankes. Er meinte, die starken Kräuter
auf unsrer Weid seien nicht wenig schuld daran. Der Zins überstieg
alle Jahr die Losung.[12] Wir reuteten viel Wald aus, um mehr Mattland
und Geld von dem Holz zu bekommen; und doch kamen wir je länger je
tiefer in die Schulden, und mußten immer aus einem Sack in den andern
schleufen. Im Winter sollten ich und die ältesten, welche auf mich
folgten, in die Schule; aber die dauerte zu Krinau nur zehn Wochen,
und davon gingen uns wegen tiefem Schnee noch etliche ab. Dabei konnte
man mich schon zu allerlei Nützlichem brauchen. Wir sollten anfangen,
Winterszeit etwas zu verdienen. Mein Vater probierte aller Gattung
Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er
uns letztere kämbeln, Strümpfstricken und dergleichen. Aber keins
warf damals viel Lohn ab. Man schmälerte uns den Tisch, meist Milch
und Milch, ließ uns lumpen und lempen,[13] um zu sparen. Bis in mein
sechzehntes Jahr ging ich selten, und im Sommer barfuß in meinem
Zwilchröcklin, zur Kirche. Alle Frühjahr mußte der Vater mit dem Vieh
oft weit nach Heu fahren und es teuer bezahlen.