Kindheit

[Sidenote: Meine Voreltern]

Meiner Voreltern wegen bin ich so unwissend, als es wenige sein mögen.

Daß ich Vater und Mutter gehabt, weiß ich. Meinen seligen Vater kannt'

ich viele Jahre, und meine Mutter lebt noch. Daß diese auch ihre Eltern

gehabt, kann ich mir einbilden. Aber ich kannte sie nicht und habe auch

nichts von ihnen vernommen, außer daß mein Großvater, M. Bräker, aus

dem Käbisboden gebürtig gewesen, und meine Großmutter, deren Namen und

Heimat ich niemals vernommen, an meines Vaters Geburt gestorben sei.

Meinen Vater nahm daher ein kinderloser Vetter im Näbis, der Gemeind

Wattwil, an Kindes Statt an, und den hielt und liebte ich nebst seiner

Frau für meine rechten Großeltern, so wie sie mich hinwieder auch als

Großkind behandelten. Meine mütterlichen Großeltern ab der Laad kannte

ich noch wohl.

Mein Vater war sein Tage ein armer Mann; auch meine ganze Freundschaft

hatte keinen reichen Mann aufzuweisen. Unser Geschlecht gehört zu

dem Stipendigut. Wenn ich oder meine Nachkommen einen Sohn wollten

studieren lassen, hätte er sechshundert Gulden zu beziehen. Ich weiß

aber noch von keinem Bräker, der studiert hätte. Mein Vater hat viele

Jahre das Hofjüngergeld bekommen, ist aber bei einer vorgenommenen

Reform nebst andern Geschlechtern, welche wie das seinige, nicht

genugsame Urkunden darbringen mochten, ausgemerzt worden. Mit der

Genoßsame des Stipendii hingegen hat es seine Richtigkeit, obschon ich

nicht recht weiß, wie es gestiftet worden und wer von meinen Voreltern

dazu geholfen hat.

Ich habe also nicht Ursach, ahnenstolz zu sein. Alle meine Freunde und

Blutsverwandten sind unbemittelte Leute, und von allen meinen Vorfahren

hab' ich nichts anderes gehört. Fast von keinem, der das geringste

Ämtli bekleidete. Meines Großvaters Bruder war Mesmer zu Kappel, und

sein Sohn Stipendipfleger. Das ist alles aus der ganzen weitläufigen

Verwandtschaft. Da können wir wohl vor dem Hochmut gesichert sein,

der so viele arme Narren anwandelt, wenn sie reiche und angesehene

Vettern haben, obgleich ihnen diese keinen Pfifferling geben. Nein!

Von uns Bräkers quält diese Sucht, soviel ich weiß, keinen einzigen;

und daß sie auch mich nicht plagt, sieht man; -- sonst hätt' ich

wenigstens unserm Stammbaum genauer nachgeforscht. Ich weiß, daß mein

Großvater und dessen Vater arme Leute waren, die sich kümmerlich nähren

mußten, daß mein Vater keinen Pfennig erbte, daß ihn die Not sein

Leben lang drückte, und er nicht selten über seine kleine Schuldenlast

seufzte. Aber deswegen schäm' ich mich meiner Eltern und Voreltern

bei weitem nicht. Vielmehr bin ich noch eher ein bißchen stolz auf

sie. Denn, ihrer Armut ungeachtet, hab' ich von keinem Dieb oder sonst

einem Verbrecher, den die Justiz hätte strafen müssen, von keinem

Lasterbuben, Schwelger, Flucher oder Verleumder unter ihnen gehört,

von keinem, den man nicht als einen Biedermann mußte gelten lassen,

der sich nicht ehrlich und redlich in der Welt nährte, von keinem,

der betteln ging. Dagegen kannt' ich recht manchen wackern, frommen

Mann mit zartem Gewissen. Das ist's allein, worauf ich stolz bin und

wünsche, daß auch meine Kinder stolz werden, daß wir diesen Ruhm nicht

besudeln, sondern denselben fortzupflanzen suchen.

[Sidenote: Mein Geburtstag]

Der für mich wichtige Tag meiner Geburt ist der zweiundzwanzigste

Dezember 1735. Ich sei ein bißchen zu früh auf der Welt erschienen,

sagte man mir. Meine Eltern mußten sich dafür verantworten. Mag sein,

daß ich mich schon im Mutterleibe nach Tageslicht gesehnt habe, und

dies nach dem Licht Sehnen geht mir all mein' Tage nach! Daneben war

ich die erste Kraft meines Vaters, und Dank sei ihm unter der Erde von

mir auch dafür gesagt! Er war ein hitziger Mann, voll warmen Blutes.

O, ich habe schon tausendmal drüber nachgedacht, und mir bisweilen

einen andern Ursprung gewünscht, wenn flammende Leidenschaften in

meinem Busen tobten, und ich den heftigsten Kampf mit ihnen bestehen

mußte. Aber sobald Sturm und Wetter vorbei war, dankt' ich ihm doch

wieder, daß er mir sein feuriges Temperament mitgeteilt hat, womit

ich unzählige schuldlose Freuden lebhafter als so viele andere Leute

genießen kann. Genug, an diesem zweiundzwanzigsten Dezember kam ich

ans Tageslicht. Mein Vater sagte mir oft, er habe sich gar nicht über

mich gefreut, ich sei ein armes, elendes Geschöpf gewesen; nichts als

kleine Beinerchen, mit einem verschrumpften Häutchen überzogen; und

doch hätt' ich Tag und Nacht ein Zetergeschrei erhoben, das man bis

ins Holz hören können. Er hat mich oft recht bös gemacht. Dachte: »Ha,

ich werd's auch gemacht haben wie andre neugeborene Kinder!« Aber die

Mutter gab ihm allemal Beifall. Nun, es kann sein.

Am heiligen Weihnachtstag ward ich in Wattwil getauft und ich freute

mich schon oft, daß es gerad an diesem Tage geschah, da wir die Geburt

unsers Erlösers feiern. Wenn's eine einfältige Freude ist, was macht's?

gibt's doch gewiß noch viel kindischere! Meine Taufpaten waren ein

feuriger reicher Junggesell von Kappel aus der Au und eine bemittelte

hübsche Jungfer aus der Schamaten. Er starb ledig; sie lebt noch im

Witwenstand.

[Sidenote: Erstes Lebensjahr]

In meinen ersten Lebensjahren mag ich wohl ein wenig verzärtelt worden

sein, wie's gewöhnlich mit ersten Kindern geht. Doch wollte mein

Vater schon früh genug mit der Rute auf mich dar; aber die Mutter und

Großmutter nahmen mich in Schutz. Mein Vater war wenig daheim; er

brannte hier und da im Land und an benachbarten Orten Salpeter. Wenn

er dann wieder nach Hause kam, war er mir fremd. Ich floh ihn. Dies

verdroß den guten Mann so sehr, daß er mich mit der Rute zahm machen

wollte.

[Sidenote: Mein fernstes Denken]

Ich kann mich beinah bis auf mein zweites Lebensjahr zurückerinnern.

Ganz deutlich besinn' ich mich, wie ich auf allen Vieren einen

steinigen Fußweg hinabkroch, und einer alten Base durch Gebärden

Äpfel abbettelte. -- Ich weiß gewiß, daß ich wenig Schlaf hatte und

daß meine Mutter, um hinter den Großeltern einen geheimen Pfennig zu

verdienen, des Nachts verstohlner Weise beim Licht gesponnen hat. Wenn

ich dann nicht in der Kammer allein bleiben wollte, mußte sie eine

Schürze auf den Boden spreiten, worauf sie mich nackt setzte und ich

mit dem Schatten und ihrer Spindel spielte. Ich weiß, daß sie mich oft

durch die Wiese auf dem Arm dem Vater entgegentrug und daß ich ein

Mordiogeschrei anfing, sobald ich ihn erblickte, weil er mich immer

rauh anfuhr, wenn ich nicht zu ihm wollte. Seine Figur und Gebärden,

die er machte, seh ich jetzt noch lebendig vor mir.

[Sidenote: Zeitumstände]

Um diese Zeit waren alle Lebensmittel wohlfeil, aber wenig Verdienst

im Lande. Die Teuerung und der Zwölferkrieg waren noch in frischem

Angedenken. Ich hörte meine Mutter viel davon erzählen, das mich

zittern und beben machte. Erst zu Ende der dreißiger Jahre ward das

Baumwollspinnen in unserem Dorf eingeführt, und meine Mutter mag

eine von den ersten gewesen sein, die Lötligarn[1] gesponnen. Unser

Nachbar trug das erste um einen Schilling Lohn an den Zürchsee, bis er

eine eigne Dublone vermochte. Dann fing er selber an zu kaufen und

verdiente nach und nach etlich tausend Gulden. Da hörte er auf, setzte

sich zur Ruhe, und starb. In meinen Kinderjahren sind auch die ersten

Erdäpfel in unserm Ort gepflanzt worden.

[Sidenote: Schon in Gefahr]

Sobald ich die ersten Hosen trug, war ich meinem Vater schon lieber. Er

nahm mich hier und da mit sich. Im Herbst des Jahres 1739 brannte er im

Gandten, eine halbe Stunde von Näbis entfernt, Salpeter. Eines Tages

nahm er mich mit, und da Wind und Wetter einfiel, behielt er mich zu

Nacht bei sich. Die Salpeterhütte war vor dem Tenn,[2] und sein Bett

im Tenn. Er legte mich darein und sagte liebkosend, er wolle bald auch

zu mir liegen. Unterdessen fuhr er fort zu feuern und ich schlief ein.

Nach einem Weilchen erwacht' ich wieder und rief ihm. Keine Antwort.

Ich stand auf, trippelte im Hemdli nach der Hütte und um den Gaden[3]

überall herum, rief, schrie: nirgends kein Vater. Run glaubt' ich

gewiß, er wäre heim zu der Mutter gegangen. Ich also hurtig, legte

die Höslin an, nahm das Brusttüchlin übern Kopf, und rannte in der

stockfinstern Regennacht zuerst über die nächstanstoßende lange Wiese.

Am End derselben rauschte ein wildangelaufener Bach durch ein Tobel.[4]

Den Steg konnt' ich nicht finden, und wollte darum ohne weiteres

gerade hinüber, dem Näbis zu, glitschte aber über eine Riese[5] zum

Bach hinab, wo mich das Wasser beinahe ergriffen hätte. Die äußerste

Anstrengung meiner jugendlichen Kräfte half mir noch glücklich davon.

Ich kroch wieder auf allen Vieren durch Stauden und Dörn' hinauf, der

Wiese zu, auf welcher ich überall herumirrte, und den Gaden nicht mehr

finden konnte. Gegen eine Windhelle ward ich zwei Kerls, Birn- oder

Apfeldiebe, auf einem Baum ansichtig. Diesen ruft' ich zu, sie sollten

mir auf den Weg helfen. Aber da war kein Bescheid; vielleicht, daß sie

mich für ein Ungeheuer hielten und oben im Gipfel noch ärger zittern

mochten, als ich armer Bube unten im Kot. Inzwischen war mein Vater,

der während meinem Schlummer nach einem ziemlich entfernten Haus etwas

zu holen gegangen, zurückgekehrt. Da er mich vermißte, suchte er in

allen Winkeln nach, wo ich mich möchte verkrochen haben. Er zündete

bis in die siedenden Kessel hinein, hörte endlich mein Geschrei, dem

er nachging, und machte mich nun bald ausfindig. O, wie er mich da

herzte und küßte, mit Freudentränen Gott dankte, und mich, sobald wir

zum Gaden zurückkamen, sauber und trocken machte. Ich war mausnaß,

dreckig bis über die Ohren, und hatte aus Angst noch in die Hosen ...

Morndeß[6] am Morgen führte er mich an der Hand durch die Wiese: ich

sollt' ihm den Ort zeigen, wo ich heruntergepurzelt. Ich konnt' ihn

nicht finden. Zuletzt fand er ihn an dem Geschlirpe, das ich beim

Hinabrutschen gemacht hatte, und schlug die Händ' überm Kopf zusammen,

vor Entsetzen über die Gefahren, worin ich geschwebt, und vor Lob und

Preis der Wunderhand Gottes, die mich allein erretten können. »Siehst

du,« sprach er, »nur noch wenige Schritte, so stürzt der Bach über den

Felsen hinab. Hätt' dich das Wasser fassen können, so lägst du dort

unten tot und zermürset!« Von allem diesem begriff ich damals kein

Wort; ich wußte nur von meiner Angst, nichts von Gefahr. Besonders aber

schwebten die Kerle auf dem Baum mir viele Jahre vor Augen, sobald mich

nur ein Wort an die Geschichte erinnerte.

[Sidenote: Unsre Nachbarn]

Der Näbis liegt im Berg, ob Scheftenau. Von Kappel hört man die Glocke

läuten und schlagen. Es sind nur zwei Häuser. Die aufgehende Sonne

strahlt beiden gerad in die Fenster. Meine Großmutter und die Frau im

andern Haus waren Schwestern; fromme alte Mütterle, welche von andern

gottseligen Weibern in der Nachbarschaft fleißig besucht wurden. Damals

gab es viel fromme Leute daherum. Mein Vater, Großvater und andere

Männer sahen's zwar ungern, durften aber nichts sagen, aus Furcht,

sie könnten sich versündigen. Der Betbeele (seinem Bruder sagte man

Schwörbeele) war ihr Lehrer, ein großer langer Mann, der sich vom

Kuderspinnen[7] und etwas Almosen nährte. In Scheftenau war fast in

jedem Haus eins, das ihm anhing. Meine Großmutter nahm mich oft mit

zu diesen Zusammenkünften. Was eigentlich da verhandelt wurde, weiß

ich nicht mehr, nur so viel, daß mir dabei die Weil verzweifelt lang

ward. Ich mußte mäuslinstill sitzen, oder gar knieen. Dann gab's

unaufhörliche Ermahnungen und Bestrafungen von den Basen allen,

die ich so wenig verstund als eine Katze. Dann und wann stahl mich

mein Großvater zum voraus weg, und mußt' ich mit ihm in den Berg,

wo unsre Kühe weideten. Da zeigte er mir allerlei Vögel, Käfer und

Würmchen, dieweil er die Matten säuberte, oder junge Tännchen, den

wilden Seevi[8] und anderes ausraufte. Wenn er alles an einen Haufen

warf und es bei einbrechendem Abend anzündete, war's mir erst recht

gekocht. Anderer Buben, die etwa dabei sein mochten, erinnere ich mich

nicht mehr, wohl aber etlicher halberwachsener Maidlinen, die mit mir

spielten. Ich ging damals in mein sechstes Jahr und hatte schon zwei

Brüder und eine Schwester, von denen es hieß, daß eine alte Frau sie in

einer Butte gebracht.

[Sidenote: Wanderung nach Dreyschlatt]

Mein Vater hatte einen Wandergeist, der zum Teil auch auf mich gekommen

ist. Im Jahre 1741 kaufte er ein groß Gut, für acht Kühe Sömmer- und

Winterung, Dreyschlatt genannt, in der Gemeind Krinau, zu hinterst

in einer Wildnis, nahe an den Alpen. Das nicht halb so große Gütchen

im Näbis verkaufte er dafür, weil er, wie er sagte, sah, daß ihn eine

große Haushaltung anfallen wolle, und damit er für viele Kinder Platz

und Arbeit genug habe, die er in dieser Einöde nach seinem Willen

erziehen könne, wo sie vor der Verführung der Welt sicher seien. Auch

riet der Großvater, der von Jugend an ein starker Viehmann gewesen,

sehr dazu. Aber mein guter Ätti verband sich den unrechten Finger,

und watete sich, da er an das Gut nichts zu geben hatte, in eine

Schuldenlast hinein, unter welcher er nachwärts dreizehn Jahre lang

genug seufzen mußte. Also im Herbst 1741 zügelten wir mit Sack und Pack

ins Dreyschlatt. Mein Großätti war Senn, ich jagte die Kühe nach, mein

kleiner nur zwanzig Wochen alter Bruder ward in einem Korb getragen.

Mutter und Großmutter mit den zwei andern Kindern kamen hinten nach,

und der Vater mit dem übrigen Plunder beschloß den Zug.

[Sidenote: Ökonomische Einrichtung]

Mein Vater wollte das Salpetersieden nicht aufgeben, und dachte damit

wenigstens etwas zu Abherrschung der Zinse zu verdienen. Aber so ein

Gut, wie das Dreyschlatt, braucht Händ' und Armschmalz. Wir Kinder

waren noch für nichts zu rechnen; der Großätti hatte mit dem Vieh, und

die Mutter genug im Haus zu tun. Es mußten also ein Knecht und eine

Magd gedungen werden. Im folgenden Frühjahr ging der Vater wieder

dem Salpeterwerk nach. Inzwischen hatte man mehr Küh' und Geißen

angeschafft. Der Großätti zog jungen Fasel[9] nach. Das war mir eine

Tausendslust, mit den Gitzen so im Gras herumzulaufen, und ich wußte

nicht, ob der Alte eine größere Freud' an mir oder an ihnen hatte, wenn

er sich, nachdem das Vieh besorgt war, an unsern Sprüngen ergötzte.

So oft er vom Melken kam, nahm er mich mit sich in den Milchkeller,

zog dann ein Stück Brot aus dem Futterhemd, brockt' es in eine kleine

Mutte, und machte ein kühwarmes Milchsüppli. Das aßen ich und er alle

Tage. So verging mir meine Zeit unter Spiel und Herumtrillern, ich

wußt' nicht wie? Dem Großätti ging's ebenso. Aber, aber -- Knecht

und Magd taten inzwischen was sie gern wollten. Die Mutter war ein

gutherziges Weib, nicht gewohnt, jemand mit Strenge zur Arbeit

anzuhalten. Es mußte allerhand Milch- und Werkgeschirr gekauft werden,

und da man viel Weide zu Wiesen einschlug, auch Heu und Stroh, um mehr

Mist zu machen. Im Winter hatten wir allemal zu wenig Futter, oder

zu viel fressende War. Man mußt' immer mehr Geld entlehen, die Zinse

häuften sich, und die Kinder wurden größer, Knecht und Magd feist, der

Vater mager.

[Sidenote: Tod des Großvaters]

Er merkte endlich, daß so die Wirtschaft nicht gehen könne. Er änderte

sie also und gab das Salpetersieden auf, blieb daheim, führte das

Gesind selber zur Arbeit an, und war allenthalben der erste. Ich weiß

nicht, ob er auf einmal gar zu streng angefangen, oder ob Knecht und

Magd, wie oben gesagt, sonst zu meisterlos geworden; kurz, sie jahrten

aus[10] und liefen davon. Um die gleiche Zeit wurde der Großätti

krank. Erst stach er sich nur an einem Dorn in den Daumen; der wurde

geschwollen. Er band frischwarmen Kuhmist drauf; da schwoll die ganze

Hand. Er empfand entsetzliche Hitz; ging zum Brunnen, und wusch den

Mist unter der Röhre wieder ab. Aber das hatte nun gar böse Folgen.

Er mußte sich bald zu Bett legen und bekam die Wassersucht. Er ließ

sich abzapfen; das Wasser rann in den Keller hinab. Nachdem er so fünf

Monate gelegen, starb er zum Leidwesen des ganzen Hauses; denn alle

liebten ihn, vom Kleinsten bis zum Größten. Er war ein angenehmer,

Freud' und Friede liebender Mann. Er hatte an meinem Vater und mir

ungemein viel getan, und ich habe nie von einem Menschen Böses über

ihn sagen gehört. Mein Vater und Mutter erzählten noch viele Jahre

allerhand Löbliches und Schönes von ihm. Als ich ein wenig zu Verstand

kam, erinnerte ich mich seiner erst recht, und verehrt' ihn im Staub

und Moder. Er liegt im Kirchhof zu Krinau begraben.

[Sidenote: Die nächsten Folgen]

Nun wurde wieder eine Magd angeschafft; die war dem Vater recht,

weil sie brav arbeitete. Aber Mutter und Großmutter konnten sie

nicht leiden, weil sie glaubten, sie schmeichle dem Vater, und trag'

ihm alles zu Ohren. Auch war sie krätzig, so daß wir alle die Raud

von ihr erbten. Und kurz, die Mütter ruhten nicht; sie mußte fort,

und eine andre zu. Die war nun ihnen recht, aber dem Vater nicht,

weil sie nur das Haus- aber nicht das Feldwerk verstand. Auch meinte

er, sie helfe den Weibern allerhand verschmauchen. Jetzt gab's bald

alle Tage Zank. Die Weibervölker stunden zusammen, der Mann hinwieder

glaubte, er sei einmal Meister, und kurz, es schien, als wenn der alte

Näbis-Joggeli einen guten Teil vom Hausfrieden mit sich unter den

Boden genommen hätte. Aus Verdruß ging der Vater einstweilig wieder

dem Salpetersieden nach, übergab die Wirtschaft seinem Bruder, als

Knecht, und glaubte mit einem so nahen Blutsfreunde wohl versorgt zu

sein. Er betrog sich. Er konnt' ihn nur ein Jahr behalten und sah noch

zu rechter Zeit die Wahrheit des Sprichworts ein: Wer will, daß es ihm

ling, schau selber zu seinem Ding! Nun ging er nicht mehr fort, trat

aufs neue an die Spitze der Haushaltung, arbeitete über Kopf und Hals,

und hirtete die Kühe selber; ich war sein Handbub, und mußte mich brav

tummeln. Die Magd schaffte er ab und dingte dafür einen Geißenknab,

da er jetzt einen Fasel Geißen gekauft, mit deren Mist er viel Weid

und Wiesen machte. Inzwischen wollten ihn die Weiber noch immer

meistern; das konnt' er nicht leiden; 's gab wieder allerlei Händel.

Endlich, da er einmal der Großmutter in der Hitz' ein Habermußbecken

nachgeschmissen, lief sie davon, und ging wieder zu ihren Freunden

in den Näbis. Die Sach' kam vor die Amtsleut. Der Vater mußt' ihr

alle Wochen sechs Batzen und etwas Schmalz geben. Sie war ein kleines

buckliges Fräulein, mir eine liebe Großmutter, die hinwieder auch

mich hielt wie ihr rechtes Großkind, aber, die Wahrheit zu sagen, ein

wenig wunderlich, wetterwendisch, ging immer den sogenannten Frommen

nach und fand doch niemand recht nach ihrem Sinn. Ich mußt' ihr alle

Jahr die Metzgeten[11] bringen, und blieb dann ein paar Tage bei

ihr. Da war gut Leben, ich ließ mir's schmecken, ihre wohlgemeinten

Ermahnungen hingegen zum einen Ohr ein und zum andern wieder aus.

Gewiß kein Ruhm für mich. Aber dergleichen Buben machen's leider Gott

erbarm! so. Zuletzt war sie einige Jahre blind, und starb endlich in

der Feuerschwand in einem hohen Alter im Jahre 50, 51, oder 52. Sie

vermachte mir ein Buch, Arndts wahres Christentum, apart. Sie war gewiß

ein gottseliges Weib, in der Schamaten hoch estimiert, und die Leut

dort sind mir noch besonders lieb um ihretwillen. Auch glaub' ich gewiß

noch Glück von ihr her zu haben; denn Elternsegen ruht auf Kindern und

Kindeskindern.

[Sidenote: Allerlei Schicksale]

Unsre Haushaltung vermehrte sich. Es kam alle zwei Jahr geflissentlich

ein Kind; Tischgänger genug, aber darum keine Arbeiter. Wir mußten

immer viel Taglöhner haben. Mit dem Vieh war mein Vater nie recht

glücklich, es gab immer etwas krankes. Er meinte, die starken Kräuter

auf unsrer Weid seien nicht wenig schuld daran. Der Zins überstieg

alle Jahr die Losung.[12] Wir reuteten viel Wald aus, um mehr Mattland

und Geld von dem Holz zu bekommen; und doch kamen wir je länger je

tiefer in die Schulden, und mußten immer aus einem Sack in den andern

schleufen. Im Winter sollten ich und die ältesten, welche auf mich

folgten, in die Schule; aber die dauerte zu Krinau nur zehn Wochen,

und davon gingen uns wegen tiefem Schnee noch etliche ab. Dabei konnte

man mich schon zu allerlei Nützlichem brauchen. Wir sollten anfangen,

Winterszeit etwas zu verdienen. Mein Vater probierte aller Gattung

Gespunst: Flachs, Hanf, Seiden, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er

uns letztere kämbeln, Strümpfstricken und dergleichen. Aber keins

warf damals viel Lohn ab. Man schmälerte uns den Tisch, meist Milch

und Milch, ließ uns lumpen und lempen,[13] um zu sparen. Bis in mein

sechzehntes Jahr ging ich selten, und im Sommer barfuß in meinem

Zwilchröcklin, zur Kirche. Alle Frühjahr mußte der Vater mit dem Vieh

oft weit nach Heu fahren und es teuer bezahlen.

Das Leben und die Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg · 第 3 / 10 题