»Kennen Sie den ›armen Mann im Tockenburg‹?« hab' ich wie oft gefragt;
Männer und Frauen von allerlei Art. Die Antwort war fast immer: »Wer
ist das?« Und doch hat man das Wenige, was wir von ihm haben, seit dem
achtzehnten Jahrhundert nicht selten gedruckt; er hat Leser und Freunde
gefunden, auch Bewunderer. Immer ist er wieder vergessen worden; auf
seinen eigentlichen Platz in unserer Geschichte hat ihn noch niemand
gestellt. Darum hat es mich oft hingerissen, in dieser oder jener
Gesellschaft, die nichts von ihm wußte, mit so viel Lobpreisung von ihm
zu sprechen, daß ich mich hinterdrein wohl fragte: Hast du in deinem
Feuereifer nicht zu ~viel~ gepriesen? Wenn diese Aufgestachelten
ihn nun lesen werden, werden sie nicht sagen: nun ja, recht hübsch,
aber warum ~übertreibt~ er so? -- Dann hab' ich wohl zu Haus den
»armen Mann« wieder zur Hand genommen und hier und da aufgeschlagen
und gleichsam mit dem Ohr dieser andern hineingehorcht. Zuletzt bin
ich lächelnd beruhigt und neu gerührt wieder aufgestanden. Nein!
Ich sagte nicht zu viel von ihm. Er ist ein Phänomen, ein Einziger,
Unvergleichlicher. Er war kein Fabulierer, kein Fruchtbarer wie Hans
Sachs, aber zehnmal mehr Poet. In dem kleinen Schatz, den er uns
hinterlassen hat, sind Perlen und Rubinen.
Ulrich oder Uli Braeker kam am 22. Dezember 1735 in dem Schweizer
Tal zur Welt, das Tockenburg oder Toggenburg genannt wird; fast
sieben Jahre nach Lessing, nicht vierzehn vor Goethe. Die dem Leser
hier vorgelegte Geschichte seines Lebens erzählt in entzückender
Aufrichtigkeit und poesievoller Lebendigkeit, wie er, eines ewig
blutarmen Mannes ewig um sein Dasein kämpfender Sohn, Geißen weidet,
liebt, tagelöhnert, webt, handelt, träumt, liest, phantasiert; kurz,
wie er das Leben eines zum Dichter geborenen Habenichts führt, der
redlich arbeitend, wenig erreichend, oft leichtgläubig, oft betrogen,
bald im Elend verzagt, bald sich eine Welt von Luftschlössern bauend,
von seiner keifenden Hausehre immer gemeistert, nie an seinem Gott
verzweifelnd, sich durch gute und böse Jahre wie ein vielgekrümmter
Fluß durch sein Engtal hinwindet; bis er endlich, noch nicht
dreiundsechzig Jahre alt, in Gottes Schoß zurückkehrt, als dessen Kind
er sich sein Leben lang in immer reinerer und verklärterer Frömmigkeit
gefühlt hatte.
Als Zweiunddreißiger begann Uli zu schriftstellern, bald auch Verse
zu machen; aber noch mehr einem moralisierenden Nachmittagsprediger
gleich; 1770 fing er an ein ~Tagebuch~ zu schreiben, sein dürftiges
Leben mit Betrachtungen zu begleiten und jenen Natursinn in sich
auszubilden, der allmählich seine schönste Kraft werden sollte und
sein holdester Trost. In seiner Prosa wuchs, Gott weiß wie, dieser
ganz eigene Duft heran, der seine entbauerte Seele, seinen geadelten
Geist zu den wirklichen Poeten gesellt. Er ward ein Dichter und wußte
es nicht. Er lernte ohne Lehrer seine Gefühle und Gedanken formen, wie
der Bildner Wachs und Ton. Als Dichter schrieb er auch sein Büchlein
»Etwas über Shakespeare«, nachdem er in der kleinen Büchersammlung der
»Moralischen Gesellschaft« (in dem benachbarten Städtchen Lichtensteig)
diesen seinen Abgott kennen gelernt hatte, dem er fortan, wie Faust
der Helena »Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn« zollte. Nicht vieles
ist so rührend zu lesen, wie diese Ergießungen einer tief verstehend
begeisterten, oft feurig beredten, in demutsvoller Andacht hingegebenen
Auchdichterseele.
Die Geschichte seines Lebens, die er in den Jahren der Reife,
1781 und weiter, schrieb, gab er hernach seinem Seelenhirten und
begönnernden Freund, dem Pfarrer Martin Imhof zu Wattwil, nebst andern
Werken seiner Feder zu lesen; durch Imhof kam sie zu H. G. Füßli,
dem Inhaber der Buchhandlung Orell Geßner Füßli und Comp. in Zürich,
auch Schriftsteller, Lehrer und Staatsmann. Füßli teilte 1788 im
»Schweizerischen Museum« das erste Probestück mit, das, wie er selber
erzählt, »auch unter den verschiedensten Klassen von Lesern allgemeinen
Beifall fand«. »Man mochte die einander ziemlich schnell gefolgten
Fortsetzungen kaum erwarten; niemals wurde auch die gespannteste
Neugierde getäuscht, und jedesmal nach dem Verfasser lüsterner
gemacht.« Durch diesen Erfolg ermutigt gab Füßli 1789 das Ganze
als Buch heraus, unter dem Titel: »Lebensgeschichte und Natürliche
Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg«. Nur wenige Schilderungen
aus dem eigenen Leben gibt es auf der Erde, die an Frische, Natur,
Anmut, Poesie mit Ulrich Braekers Werk zu vergleichen sind. Wie er
seine Geißhirtenjahre, wie er seine Liebe zu Ännchen erzählt, das ist
des größten Künstlers würdig. Aber ~alles~ lebt. Alles blüht auch.
Oft reißt uns eine dramatische Kraft mit sich fort. Und ein Wunderding
zum Kopfschütteln ist, wie ein Mensch, in dem keine kriegerische Ader
lebte, die Lowositzer Schlacht beschrieben hat, in der er (der durch
Werberlist Verlockte) desertiert.
Fast um dieselbe Zeit, in der Goethes Prosa sich im »Werther« zu ihrer
höchsten Jugendblüte entfaltete, rang sich im alemannischen Gebirge
ein ungebildeter Weber zu einem Schriftsteller empor, den man ruhig
neben Goethe nennen kann; ja vielleicht steht als Prosadichter niemand
dem jungen Goethe so nahe wie er. Es war eine Begabung in ihm, die man
immer anstaunen muß, schwer begreifen kann. Er hatte alle Eigenschaften
des Dichters, nur Erfindung fehlte; von den Tönen, die unsere ganze
Natur mit Kunst ergreifen, hat ihm vielleicht keiner gefehlt. Mitten
in musenlosester Umgebung, in allen Bitternissen widerwärtigster Art,
in selbstbildender, unberatener Einsamkeit, gewinnt er einen solchen
Reichtum an Stimmungen, Vorstellungen, Empfindungen, einen so hohen,
unzerstörbar freudigen Lebenssinn, eine solche Stufenleiter von
Ausdrucksmitteln, daß man gerührt und beschämt vor diesem Naturwunder
steht. Zuweilen, durch irgendein angelesenes Gefühl fortgetragen, zieht
er wohl an einem fremden, kunstmäßigen Geläut; im nächsten Augenblick
kehrt er zur Natur zurück. Kein Mensch hat lebendiger erzählt als er.
Eine der schönsten Erscheinungen in der deutschen Literaturgeschichte;
eine allerhöchste Bekräftigung und Bestätigung, daß die große Zeit
unsrer Poesie aus der Urkraft unsres Volks hervorgegangen ist.
Für den hier vorliegenden Neudruck der Lebensgeschichte ist eine
so wünschens- wie dankenswerte Arbeit gemacht worden: die früheren
Ausgaben, die von Füßli und die von Eduard Bülow, sind verglichen und
auseinander verbessert oder ergänzt worden, wo es möglich war; da
~beide~ Herausgeber dem Urtext nicht überall treu gefolgt sind,
sondern mit persönlicher Willkür gekürzt, auch »verbessert« haben.
So ist denn diese Ausgabe, wenn sie auch nicht die verschwundene
Urhandschrift zugrunde legen konnte, jedem andern Abdruck vorzuziehen.
~Adolf Wilbrandt~
Das Leben und die Abenteuer
des armen Mannes im Tockenburg
Von ihm selbst erzählt