[Sidenote: Andere Wachsarten.]
1) das =chinesische Wachs=, eine aus China in grosser Menge eingeführte
Wachsart, stammt von der Wachsschildlaus, _Coccus ceriferus_, welche es
auf den Bäumen, auf denen sie sich aufhält, namentlich auf _Rhus
succedanea_ niederlegt. Es ist äusserlich dem Wallrath sehr ähnlich,
daher schneeweiss, krystallinisch, spröde und fasrig und schmilzt bei
82°. Bei der trocknen Destillation giebt es Cerotinsäure und einen
paraffinähnlichen Körper, das Ceroten. Nach =Brodie= besteht das
chinesische Wachs aus cerotinsaurem Ceryl C_{54}H_{108}O_{2} =
C_{27}H_{53}(C_{27}H_{55})O_{2}; 2) das =Andaquieswachs= ist das
Produkt eines im Flussgebiete des Orinoko und Amazonenstromes wohnenden
Insektes, welches bei 77° schmilzt, ein spec. Gewicht von 0,917 besitzt
und wie es scheint, dem Bienenwachs gleich zusammengesetzt ist; 3) das
=japanische= oder =amerikanische= Wachs, eine in runden
concav-convexen, mit weissem Reife überzogenen Scheiben vorkommende
Wachsmasse, die weich und brüchig ist, bei 42° schmilzt, sich in
siedendem Alkohol löst und aus Palmitin bestehen soll; 4) das
=Carnaubawachs= ist eine aus Rio de Janeiro kommende Wachsart, welche
der Ueberzug der Blätter einer Palmenart, _Kopernicia cerifera_, sein
soll. Es schmilzt bei 83,5° und eignet sich seines hohen Schmelzpunktes
wegen, um leichter schmelzbare Fette zur Kerzenfabrikation tauglich zu
machen; 5) das =Palmenwachs=, aus der Rinde von _Ceroxylon andicola_,
einer Palme auf den höchsten Punkten der Cordilleren, wird durch
Abschaben und durch Auskochen mit Wasser gewonnen. Es schmilzt bei
83-86° und ist vielleicht mit dem Carnaubawachs identisch; 6) das
=Myrthenwachs= von _Myrica cerifera_ wird aus den Früchten derselben
durch Auskochen mit Wasser in mehreren Staaten des südlichen Theiles
der Union gewonnen. Das in der Provinz Para am Amazonenstrome
dargestellte kommt unter dem Namen =Ocubawachs= in den Handel. Es ist
grün (olivengrün) und schmilzt bei 36-48°. Man verwendet es in Amerika
als Kerzenmaterial.
[Sidenote: Darstellung der Wachskerzen.]
Die =Wachskerzen= werden am häufigsten durch das =Angiessen= (Anschütten)
hergestellt. Zu diesem Behufe werden die Dochte an den am Umfang eines
frei schwebenden Reifens, dem =Kranze=, befestigten Haken aufgehängt und
unter stetigem Umdrehen des Dochtes um seine Axe mit den Fingern mit dem
flüssig erhaltenen Wachse übergossen, bis sie so viel davon aufgenommen
haben, als zu ihrer Dicke erforderlich war, worauf man ihnen durch
Ausrollen auf einer Marmor- oder Holzplatte die cylindrische Gestalt
giebt.
Man nimmt das Angiessen auf zweierlei Art vor. Nach der ersten und
gewöhnlichen Art tränkt man zuerst die Dochte mit Wachs, giesst sie
dann zur Hälfte mit Wachs an, hängt sie hierauf umgekehrt auf und macht
endlich auch die andere Hälfte durch Angiessen fertig, d. h. der
Arbeiter begiesst sie mit flüssigem Wachse, bis sie die gleiche und
gehörige Dicke erlangt haben. Damit die Schlinge, d. h. der Theil des
Dochtes, welcher später aus der Kerze hervorsieht, von Wachs frei
bleibe, streift man über dieselbe ein cylindrisches Hütchen von
Weissblech. Hierauf nimmt man die Kerzen von dem Kranze ab, legt sie
zwischen zwei leinenen Tüchern auf eine Matratze übereinander, bedeckt
sie mit einer Flanelldecke und rollt nun eine Kerze nach der andern auf
der angefeuchteten Rollplatte mit dem Rollbrette vollends aus. Nach dem
Ausrollen werden die Kerzen unten abgeschnitten und ihre Dochttheile
konisch zugespitzt, und dann in ein Gefäss mit Wasser gelegt, worin
sie erkalten, ohne ihre Form zu verlieren. Die erkalteten Kerzen kommen
in einen mit durchlöchertem Boden versehenen Kasten, in welchem sie auf
den Bleichplan getragen werden, damit sie hier an der Luft und unter
öfterem Benetzen nach einigen Tagen die gelbliche Farbe verlieren, die
sie durch die Bearbeitung angenommen haben. -- Bei fabrikmässigem
Betriebe wendet man zuweilen ein anderes Verfahren an; es werden
nämlich die gleich anfangs mit der Schlinge nach oben gehängten Dochte
in einer Operation fertig angegossen; man erspart dadurch bedeutend an
Zeit, doch ist grössere Uebung und Geschicklichkeit der Arbeiter
erforderlich. Das =Giessen= der Wachskerzen geschieht auf ähnliche
Weise wie das der Stearin- und Paraffinkerzen, nur macht das merkliche
Schwinden nach dem Erkalten und das feste Adhäriren an die Formen das
Wachs zum Giessen nicht sehr geeignet. Der Docht zu den gegossenen
Wachskerzen muss, damit sich um den Docht herum keine hohlen Stellen
bilden, mit Wachs getränkt in die Formen eingezogen werden. Das Wachs
wird im Wasserbade geschmolzen in die Formen gegossen. Glasformen sind
ihrer glatten Wände wegen, die sich den Kerzen mittheilt, und auch,
weil die Kerzen nach dem Erkalten leicht aus den Formen gezogen werden
können, den Metallformen vorzuziehen. Zur Verringerung ihrer
Zerbrechlichkeit überzieht man die gläsernen Formen hier und da mit
Guttapercha. Die dicken, oft 15-20 Kilogramm schweren =Kirchen=- oder
=Altarkerzen= werden weder durch Angiessen, noch durch Giessen, sondern
=aus der Hand= verfertigt. Zu dem Ende wird der aus Lein- und
Baumwollgarn gemischte Docht mit Wachs, welches durch warmes Wasser
erweicht worden ist, umgeben. Zu diesem Behufe bildet man entweder aus
dem Wachse längliche Streifen und legt diese stückweise um den
horizontal ausgespannten Docht, oder giebt dem gekneteten Wachse auf
dem Rolltische ungefähr die Gestalt einer Kerze, drückt dann in den
Cylinder mit Hülfe der scharfen Kante eines Lineales eine Rinne bis in
die Mitte ein, legt in die Rinne den Docht, füllt die Fuge mit Wachs
aus und macht endlich die Kerze auf dem Rolltisch fertig. In jüngster
Zeit (1870) haben Gebr. =Riess= eine =Presse= zur Fabrikation der
Wachskerzen construirt. Der zu verwendende Wachsklumpen kommt in den
Presscylinder, der durch eingeleiteten Dampf vor Abkühlung geschützt
ist. Der Docht wird in die Wachsmasse dergestalt eingeführt, dass er
von der Masse beim Austreten aus dem Cylinder in ein Rohr erfasst und
genau concentrisch umschlossen wird, um als fertig gebildeter
Kerzenstrang auszutreten.
Die =Wachsstöcke= und die durch Zerschneiden derselben erhaltenen
sogenannten =Christbaumlichter= werden fast immer, um dem Wachs die
Geschmeidigkeit wieder zu geben, die es durch das Bleichen verloren
hat, und ausserdem auch, um den Anforderungen der Consumenten
hinsichtlich des Preises zu genügen, aus mit Talg und auch wol mit
Fichtenharz und Terpentin versetztem Wachs verfertigt. Der Docht muss,
da die Wachsstöcke keine sehr grosse Dicke erhalten, sehr gleichförmig
sein. Zur Herstellung des Dochtes nimmt man so viel gefüllte Spulen,
als der Docht Fäden erhalten soll, und windet die Fäden auf eine
Trommel, deren mit Kurbel versehene Axe auf einem schweren Gestelle
ruht und die an dem einen Ende des Arbeitssaales aufgestellt ist. Ihr
gegenüber, an dem andern Ende des Locales ist eine zweite leere Trommel
aufgestellt, und in der Mitte zwischen beiden auf einem Gestell eine
mit Wachs gefüllte flache Kupferpfanne, welche von unten durch
Kohlenfeuer erwärmt werden kann. Auf dem Boden der Pfanne ist ein Haken
angebracht, durch welchen der Docht läuft. An dem Rande der Pfanne ist
ein Zieheisen aus Eisen oder Kupfer mit kreisrunden, konischen
Oeffnungen von verschiedener Weite, genau so wie die Oeffnungen eines
Drahtzieheisens (vergl. Seite 25) angebracht. Der durch die Wachspfanne
laufende Docht tritt an der konischen Einwirkung der Ziehlöcher in die
Ziehplatte. Sollen die Wachsstöcke gezogen werden, so taucht man das
Ende des auf die Trommel aufgewundenen Dochtes in das geschmolzene
Wachs, zieht den Docht durch den Haken am Boden der Pfanne, dann durch
das Ziehloch, welches etwas grösser ist als der Docht, und klebt
hierauf das Ende des Dochtes auf die zweite Trommel auf. Hier wird es
so lange festgehalten, bis die zweite Trommel eine Umdrehung gemacht
hat, worauf man die Trommel, damit das Wachs am Dochte erstarren kann,
möglichst langsam umdreht, bis aller Docht auf die zweite Trommel
aufgewunden ist. Nachdem dies geschehen, steckt man das Zieheisen auf
die entgegengesetzte Seite der Pfanne, lässt dann den begonnenen
Wachsstock durch das zunächst kommende Loch des Zieheisens gehen u. s.
f., bis es auf der ersten Trommel aufgewickelt ist. Auf diese Weise
fährt man fort, den Wachsstock durch die Wachspfanne und das nächst
grössere Loch des Zieheisens von der ersten zur zweiten Trommel und
umgekehrt gehen zu lassen, bis er die gewünschte Dicke erlangt hat. Die
so erhaltene Wachsschnur wird in noch biegsamem Zustande zu
Wachsstöcken von bestimmtem Gewicht zusammengewunden.
[Sidenote: Wallrathkerzen.]
=Wallrathkerzen.= Der =Wallrath= ist eine eigenthümliche feste
Fettmasse, welche sich in mehreren Cetaceen, namentlich in dem
Pottfisch, Pottwall oder Cachelot (_Physeter macrocephalus_), welcher
vorzüglich die südlichen Weltmeere, zumal die Küsten von Brasilien und
Neu-Südwales bewohnt, findet. In dem lebenden Thiere ist sie durch die
thierische Wärme in einem andern flüssigen Fette, dem =Wallrathöl=
aufgelöst. Die Lösung, der sogenannte flüssige Wallrath füllt eigens
dafür bestimmte Höhlungen und Gefässe aus, welche oberhalb der
Hirnschale, unter der Haut vom Kopf bis zum Schwanz, und zertheilt im
Fleisch und Speck liegen. Nach dem Tode des Thieres erstarrt der
flüssige Wallrath, indem der feste Wallrath gerinnt; man scheidet
letzteren durch mehrfaches Pressen mit hydraulischen Pressen von dem
Oele, und kocht die kalt und heiss gepressten Kuchen mit ziemlich
starker Natronlauge, wodurch eine kleine Menge noch anhängenden
Wallrathöles entfernt wird, worauf die abgezogene wasserklare
Flüssigkeit beim Erkalten zu einer weissen Krystallmasse erstarrt. Von
einem Pottfisch soll man bis 100 Ctr. Wallrathöl und 30 bis 60 Ctr.
Wallrath erhalten. Der Wallrath, so wie er im Handel sich findet,
erscheint als eine weisse, perlmutterglänzende,
blättrig-krystallinische, halbdurchsichtige, schlüpfrig und fettig
anzufühlende Masse von 0,943 spec. Gewicht, schmilzt bei 45°, lässt
sich bei 360° zum grössten Theil unverändert überdestilliren, löst sich
in etwa 30 Th. siedenden Alkohols, wird an der Luft leicht gelb und
lässt sich leicht pulvern. Nach =Smith= und =Stenhouse= besteht der
Wallrath aus palmitinsaurem Cetyl C_{34}H_{64}O_{2} =
C_{18}H_{31}(C_{16}H_{33})O_{2}. Nach =Heintz= (1851) dagegen ist der
Wallrath eine Verbindung des Cetyls mit den Fettsäuren Stearinsäure,
Palmitinsäure, Myristinsäure, Cocinsäure und Cetinsäure. Der Wallrath
wird in England in grosser Menge zu Luxuskerzen verwendet, die in Folge
ihrer blendendweissen Farbe und ihrer halbdurchscheinenden,
alabasterähnlichen Beschaffenheit die schönsten, aber auch die
theuersten aller Kerzen repräsentiren. Um die Neigung des Wallrathes,
beim Erkalten zu krystallisiren, zu schwächen, setzt man beim Giessen
der Kerzen 5-10 Proc. weisses Wachs oder auch einige Procent Paraffin
oder Belmontin zu.
[Sidenote: Glycerin.]
Das =Glycerin= C_{3}H_{8}O_{3} (als dreiatomiger Alkohol (C_{3}H_{5} /
H_{3})} O_{3} oder C_{3}H_{5} {OH / OH / OH) ist in Form von Glyceriden
in Verbindung mit den festen und flüssigen Fettsäuren in den meisten
Fetten in der Menge von 8-9 Proc. enthalten und lässt sich daraus durch
Behandeln mit Basen (Kali, Natron, Kalk, Baryt, Bleioxyd), oder mit
Säuren (Schwefelsäure) und gewissen Chlormetallen (Chlorzink), endlich
durch überhitzten Wasserdampf oder durch erhitztes Wasser (ohne
Dampfbildung) abscheiden. Das Glycerin bildet sich ferner bei der
geistigen Gährung der gährungsfähigen Zuckerarten (Dextrose, Levulose,
Lactose) neben Alkohol, Kohlensäure und Bernsteinsäure als constantes
Produkt. Nach den Beobachtungen von =Pasteur= beträgt die Menge des sich
hierbei bildenden Glycerins etwa 3 Proc. vom Gewicht des Zuckers. Das
Glycerin wurde von =Scheele= im Jahre 1779 bei der Bereitung des
Bleipflasters entdeckt, von Seiten der Technik fand es erst Beachtung,
als es durch die Einführung der Stearinkerzenfabrikation und durch
Verarbeitung der Unterlaugen der Seifenfabrikation massenhaft auftrat.
Die Schlempe der Kartoffel- und Melassebrennereien, so wie die Vinasse
(der Rückstand von der Destillation des Weinspiritus aus dem Weine im
südlichen Frankreich) enthalten namhafte Mengen von Glycerin.
Was seine =Darstellung im Grossen= betrifft, so handelt es sich häufig
nur um die Reinigung des bei der Gewinnung der Stearinsäure aus Fetten
(Talg, Palmöl) abgeschiedenen Glycerins. Wird zur Darstellung der
Stearinsäure die Verseifungsmethode mit Kalk benutzt, so bleibt es nach
Abscheidung der unlöslichen Kalkseife in Wasser gelöst, durch
Abscheidung des mitgelösten Kalkes durch Schwefelsäure oder besser noch
durch Oxalsäure und durch Abdampfen der von dem Kalkniederschlag
gesonderten Flüssigkeit bis zur Syrupconsistenz kann man das Glycerin
für viele technische Zwecke genügend rein erhalten. In solchen
Fabriken, in welchen man die Zersetzung der Fette durch überhitzten
Wasserdampf bewerkstelligt, erhält man die Fettsäure sowol, als auch
das Glycerin als Destillationsprodukt und letzteres daher (vergl.
Seite 704) völlig rein; nur darf hierbei eine Temperatur von 310° nicht
überschritten werden, weil ein Theil des Glycerins sich sonst unter
Bildung von Acroleïndämpfen zersetzen würde. Der Umstand, dass die bei
der Verseifung der Fette mit Schwefelsäure sich bildende
Glycerin-Schwefelsäure in ihrer wässrigen Lösung beim Verdunsten leicht
in Glycerin und Schwefelsäure zerfällt, lässt sich gleichfalls zur
Glycerindarstellung benutzen. Aus der Unterlauge der Seifensieder,
gegenwärtig der wichtigste Glycerinrohstoff, erhält man das Glycerin
(nach dem =Reynold='schen in England patentirten Verfahren) auf
folgende Weise: Die Unterlauge wird zunächst durch Abdampfen
concentrirt; die dabei am Boden des Abdampfgefässes sich ausscheidenden
Salze werden von Zeit zu Zeit herausgenommen. Ist die Flüssigkeit
gehörig concentrirt, was man an der Erhöhung des Siedepunktes auf 116°
erkennt, so bringt man sie in eine Destillirblase und destillirt das
Glycerin mittelst eingeleiteter überhitzter Wasserdämpfe über. Das
Destillat wird im Vacuumapparate zur Syrupconsistenz gebracht. Die
Schlempe der Kartoffel-, Melasse- und Weinbrennereien enthält viel
Glycerin.
Nach den Untersuchungen von =A. Metz= (1870) entspricht (bei 17,5° C.):
ein spec. Gewicht von 1,261 100 Proc. wasserfreiem Glycerin
" " " " 1,240 94 " " "
" " " " 1,232 90 " " "
" " " " 1,206 80 " " "
" " " " 1,179 70 " " "
" " " " 1,153 60 " " "
" " " " 1,125 50 " " "
" " " " 1,117 45 " " "
" " " " 1,099 40 " " "
" " " " 1,073 30 " " "
" " " " 1,048 20 " " "
" " " " 1,024 10 " " "
Die ölartige Beschaffenheit, so wie der Umstand, dass das Glycerin bei
gewöhnlicher Temperatur flüssig ist und bei der Kälte nicht erstarrt,
da es bei -40° noch völlig flüssig bleibt[176], die Beständigkeit des
Präparates, der angenehme zuckersüsse Geschmack bei vollständiger
Reinheit und die Unschädlichkeit, so auch das Lösungsvermögen für viele
Stoffe und die grossen Mengen, die man sich zu billigem Preis
verschaffen kann, haben dem Glycerin bereits eine ausnehmende
Wichtigkeit in gewerblicher Hinsicht verschafft.
[176] Die 1867 von =Crookes= in London, von =Sarg= in Wien und von
=Wöhler= beobachteten Fälle des Festwerden und Krystallisiren des
Glycerins bei niederer Temperatur und beim Transport, beweisen,
dass auch =reines= Glycerin unter den erwähnten Verhältnissen
erstarren könne.
Unter den vielfachen Anwendungen, die das Glycerin bis jetzt gefunden
hat, seien im Folgenden einige der wichtigeren und interessanteren
angeführt: Das Glycerin wird benutzt, um den Thon für das Modelliren im
gehörig feuchten Zustand zu erhalten. Es eignet sich ferner zur
Aufbewahrung solcher Nahrungsmittel, welche im feuchten Zustande
erhalten werden sollen, so z. B. des Senfes, der mit Glycerin versetzt
nicht mehr austrocknet. Besonders ist die Anwendung des Glycerins für
den Schnupftabak zu empfehlen. Auch zum Conserviren von Früchten findet
es Anwendung. In der Liqueur-, Punschessenz- und Limonadenfabrikation
findet es zum Versüssen in grosser Menge Verwendung, ferner als Zusatz
zu Wein und Bier[177] -- man nennt diese Procedur =Scheelisiren= -- und
zur Bereitung gewisser Malzextract-Gesundheitsbiere. Glycerin ist auch
zum Schmieren von Maschinenbestandtheilen, besonders bei Uhren und
Chronometern verwendbar, da es an der Luft keine Veränderung erleidet,
bei niederer Temperatur nicht erstarrt und das Messing und ähnliche
Kupferlegirungen nicht angreift. Zur Fabrikation von Copirtinte ist es
gleichfalls vorgeschlagen worden. Seiner Eigenschaft wegen, die Haut
weich und schlüpfrig zu erhalten, findet es als Cosmeticum z. B. als
Glycerinessig, Glycerinseife u. dergl., zur Pflege des Haares,
ausgedehnte Anwendung. Um der Druckerschwärze ihre Unlöslichkeit in
Wasser zu nehmen -- worin indessen der grösste Vorzug der bisherigen
Druckfarbe zu suchen ist -- hat man vorgeschlagen, statt Leinöl
Glycerin anzuwenden. Das Glycerin löst mit Leichtigkeit die
Theerfarbstoffe (Anilinblau, Cyanin, Anilinviolett), eben so auch das
Alizarin auf. Um dem Papier grosse Weichheit und Biegsamkeit zu
ertheilen, soll man dem Papierzeug Glycerin beimischen; der zur
Erzeugung von 100 Kilogr. Papier erforderlichen Menge Papierzeug mischt
man ungefähr 5 Kilogr. Glycerin von 1,18 spec. Gewicht zu. Nicht
unwichtig ist die Glycerinschlichte (aus 5 Th. Dextrin, 12 Th.
Glycerin, 1 Th. schwefelsaurer Thonerde und 30 Th. Wasser bestehend),
bei deren Anwendung die Musselinweber für ihre Arbeit nicht mehr wie
bisher auf die feuchten, der Gesundheit nachtheiligen Keller- und
Erdgeschosse angewiesen sind, sondern dieselbe in hellen, trocknen und
gut gelüfteten Räumen der oberen Stockwerke der Häuser verrichten
können. Man beobachtete, dass schwach lohgar gegerbte Treibriemen, wenn
sie etwa 24 Stunden in Glycerin verweilt haben, nicht mehr dem Brechen
unterworfen sind. Die Gasuhren versagen im Winter oft den Dienst, indem
das Wasser in denselben gefriert. Eben so verdunstet dasselbe sehr
rasch in der wärmeren Jahreszeit. Eine Lösung von Glycerin hat beide
Uebelstände nicht. =Santi= benutzt das Glycerin zum Füllen des
schwimmenden Compasses auf Schraubendampfern, da es in Folge seiner
Dichtigkeit und geringen Beweglichkeit die innere Schale des Compasses
gegen die Erzitterungen, welche die Schraube dem Schiffe mittheilt,
unempfindlich macht. =Friedheim= sucht die Uebelstände, die das
Quecksilber in den Manometern dadurch zeige, dass es mit der Zeit
unrein werde und durch Hängenbleiben in der Röhre dem Druck nicht
gehörig folge, dadurch zu beseitigen, dass er einige Tropfen Glycerin
als Decke für das Quecksilber verwendet. =C. Thiel= empfiehlt das
Glycerin zum Reinhalten von Schiesswaffen. Zur Aufbewahrung
anatomischer Präparate scheint das Glycerin besonders beachtenswerth,
auch zum Dichten des Holzes von Fässern, in denen Petroleum, Rüböl etc.
aufbewahrt werden soll. Eine mit Glycerin versetzte Lösung von
arabischem Gummi und von Eiweiss conservirt sich lange Zeit, ohne zu
verderben. Erwähnenswerth ist die Anwendung des Glycerins zur Erzeugung
von künstlichem Senföl (Schwefelcyanallyl). Durch die Einwirkung von
Jodphosphor auf Glycerin bildet sich Jodallyl, welches in weingeistiger
Lösung mit Schwefelcyankalium zusammengebracht und destillirt, Senföl
liefert. Gegen Brandwunden und gegen katarrhalische Affectionen wird
das Glycerin mit vielem Erfolge angewendet. Durch eine Mischung von
Salpetersäure und Schwefelsäure wird das Glycerin in das zur
Fabrikation von Dynamit und Dualin in grosser Menge verwendete
=Sprengöl= (Nitroglycerin, Glycerylnitrat, Trinitrin) (vergl. Seite
172) übergeführt. Mit fein gemahlener Bleiglätte giebt concentrirtes
Glycerin einen schnell erhärtenden Kitt für Gefässe mit flüchtigen
Stoffen (Petroleum, Benzol, ätherische Oele).
[177] Die Verwendung des Glycerins als Braumalzsurrogat ist eine ganz
enorme geworden, eben so auch die als Zusatz zum Wein. Nach einer
Schätzung sollen zu letzterem Zweck im Jahre 1869 allein in den
weinproducirenden Ländern gegen 20,000 Centner Glycerin
verbraucht worden sein.