I. Beleuchtung mittelst Kerzen.

[Sidenote: Beleuchtung mittelst Kerzen.]

Sieht man von den Kienspänen ab, deren man sich in armen Gegenden zur

Beleuchtung bedient, so ist die =Kerze= die einzige Form, unter welcher

feste Leuchtstoffe Anwendung finden. Die Kerze besteht aus dem

cylindrisch geformten Leuchtmaterial (Palmitin- und Stearinsäure,

Paraffin, Talg, Wachs), in dessen Längenaxe der Baumwolldocht sich

befindet. Die Stärke des Dochtes muss im richtigen Verhältnisse zum

Durchmesser der Kerze stehen. Wir beschreiben im Folgenden die

Fabrikation:

1) der Stearinkerzen, 3) der Talgkerzen,

2) der Paraffinkerzen, 4) der Wachskerzen.

[Sidenote: Fabrikation der Stearinkerzen.]

1) =Die Fabrikation der Stearinkerzen.= Das Rohmaterial der

Stearinkerzenfabrikation ist gegenwärtig Palmöl und Talg, zu welchen in

den Vereinigten Staaten (in Cincinnati) das Schweineschmalz sich gesellt.

Durch die Untersuchungen von =W. Heintz= (in Halle a. S.), welche sich an

die von =Chevreul= anschliessen, hat sich ergeben, dass die genannten

Fette aus Palmitinsäure, Stearinsäure und Oelsäure und Glycerin bestehen.

Diejenige Säure, welche von =Chevreul= Margarinsäure genannt worden ist,

erwies sich als ein Gemenge von Palmitinsäure und Stearinsäure. Sehr

häufig bestehen die sogenannten »Stearinkerzen« aus Gemischen von Stearin

(dem Gemenge von Palmitin- und Stearinsäure) und weichem Paraffin. Man

nennt solche Kerzen =Apollo=- oder =Melanylkerzen=. Die Herstellung der

Stearinkerzen zerfällt in zwei Hauptabtheilungen, nämlich

A. In die Darstellung der Fettsäuren,

B. In die Umwandlung derselben in Kerzen.

A. Die =Darstellung der Fettsäuren= kann geschehen durch Verseifung mit

Kalk, mit Schwefelsäure und darauf folgende Destillation, mit Wasser und

Hochdruck, und mittelst überhitzter Wasserdämpfe und nachfolgende

Destillation.

[Sidenote: Fettsäuredarstellung durch Kalkverseifung.]

I. =Verseifung der Fette mit Kalk.= Als Fettsubstanz wendet man an Rinds-

oder Hammeltalg und Palmöl. Der Hammeltalg enthält grössere Mengen fester

Fettsäuren und lässt sich auch leichter verarbeiten, der Rindstalg

dagegen ist wohlfeiler zu erlangen. Der aus Russland in grosser Menge

kommende Talg ist gewöhnlich ein Gemisch von Rindstalg mit Hammeltalg.

Seitdem das Palmöl in grosser Menge und zu billigen Preisen nach Europa

gelangt, ist in vielen Stearinkerzenfabriken das Palmöl die

Hauptfettsubstanz geworden.

Das Stearin liefert 95,7 Th. Stearinsäure (bei 70° schmelzend)

" Palmitin " 94,8 " Palmitinsäure ( " 62° " )

" Oleïn " 90,3 " Oelsäure ( " -12° " )

C_{18}H_{36}O_{2}

C_{16}H_{32}O_{2}

C_{18}H_{34}O_{2}

Das Stearin, Palmitin und Oleïn sind Glyceride, das Stearin ist

Tristearin C_{57}H_{110}O_{6}, das Palmitin Tripalmitin

C_{51}H_{98}O_{6} und das Oleïn Trioleïn C_{57}H_{104}O_{6}. Während

der Verseifung mit Kalkmilch bilden sich die Calciumsalze der drei

Fettsäuren, der Stearinsäure, Palmitinsäure und Oelsäure, und das

Glycerin wird abgeschieden. Die Verseifung selbst geht auf folgende

Weise vor sich. Zunächst wird der Talg oder das Palmöl in mit

Bleiblech ausgefütterten Holzbottichen geschmolzen, indem der Bottich,

der beiläufig eine Capacität von 20 Hektoliter hat und mit 500 Kilogr.

Talg und 800 Liter Wasser beschickt worden ist, mittelst Wasserdämpfen

durch ein Rohr, dessen Ende spiralförmig am Boden des Bottichs liegt,

erwärmt wird. Nachdem aller Talg geschmolzen ist, beginnt man nach und

nach unter beständigem Umrühren 600 Liter Kalkmilch zuzusetzen, welche

70 Kilogr. gebrannten Kalk (= 14 Proc. vom Gewicht des Talges)

enthalten. Nach 6-8stündigem Erhitzen ist die Bildung der Kalkseife

vollständig erfolgt. Von der harten krümeligen Kalkseife wird die

gelbliche =Glycerinlösung= abgezapft und dann auf =Glycerin=

verarbeitet. Der Theorie nach würde man, von der Annahme ausgehend,

dass auf je 3 Moleküle fetter Säuren, welche in dem neutralen Fette mit

1 Molek. Glycerin verbunden vorkommen, auf 100 Th. Fett nur 8,7 Th.

gebrannten Kalkes brauchen. Trotzdem wendet man allgemein 14 Proc. an,

weil man gefunden hat, dass der Ueberschuss die Verseifung erleichtert,

allerdings aber auch später einen entsprechend grossen Aufwand an

Schwefelsäure verursacht.

Die =Kalkseife= wird nun mittelst =Schwefelsäure= zersetzt, die man

entweder im concentrirten Zustande oder als Kammersäure anwendet. Die

Zerlegung der Kalkseife geschieht entweder in den nämlichen Bottichen,

in welchen die Verseifung vor sich ging, oder in besonderen mit Blei

ausgelegten Bottichen oder Steinkufen, welche ebenfalls am Boden mit

einem Dampfrohr versehen sind. Das Quantum der zur Zersetzung der

Kalkseife erforderlichen Schwefelsäure beträgt auf 500 Kilogr. Talg und

70 Kilogr. Kalk 137 Kilogr. Die Schwefelsäure wird mit Wasser bis auf

12° B. verdünnt (sie enthält in diesem Zustande noch 30 Proc.

H_{2}SO_{4}), mit der Kalkseife in dem Zersetzungsbottich

zusammengebracht, durch eingeleiteten Dampf erwärmt und drei Stunden

lang gerührt. Nachdem die Fettsäuren sich abgeschieden haben, hemmt man

die Dampfzufuhr und lässt die Flüssigkeit einige Zeit ruhen, wodurch

sich die geschmolzenen fetten Säuren auf der Oberfläche ansammeln und

ein grosser Theil des entstandenen Calciumsulfates am Boden des

Bottichs sich abscheidet. Die geschmolzenen fetten Säuren werden in

eine mit Blei ausgefütterte Kufe abgelassen oder übergeschöpft und

behufs der Entfernung der letzten Antheile von Kalk und Gyps zuerst

unter gleichzeitiger Mitwirkung von Wasserdämpfen mit verdünnter

Schwefelsäure von 1,089 spec. Gewicht (= 12° B.) und dann mit Wasser

gewaschen. Was die Ausbeute an fetten Säuren aus gereinigtem Kalk

betrifft, so geben

500 Kilogr. Talg 459,5 Kilogr. fette Säuren

500 " " 463 " " "

500 " " 478 " " "

500 " " 487,5 " " "

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2000 Kilogr. Talg 1888,0 Kilogr. fette Säuren,

entsprechend 94,8 Proc. Die Ausbeute ist abhängig von der Art, Reinheit

und Behandlung des Talges.

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 124 / 167 题