IV. _Anthracenfarben._

[Sidenote: Anthracenfarben.]

Das =Anthracen= (Paranaphtalin, Photen) C_{14}H_{10}, im Kohlentheer in

der Menge von 0,75-1,0 Proc. sich findend, wurde im Jahre 1831 von =J.

Dumas= entdeckt und im Jahre 1869 zuerst von =C. Graebe= und =C.

Liebermann= zur Fabrikation von Anthracenroth (künstlichem Alizarin)

angewendet. Das Anthracen kommt in den letzten Produkten der Destillation

des Steinkohlentheers vor und findet sich vorzugsweise in den zuletzt

übergehenden dickflüssigen Produkten, die unter dem Namen _Green Grease_

früher in England als Schmiermittel vielfach Anwendung fanden. Das _Green

Grease_ besteht aus schweren Oelen, etwas Naphtalin und etwa 20 Proc.

Anthracen; durch Centrifugiren und starkes Pressen erhält man

Rohanthracen (mit 60 Proc. Reingehalt), welches man durch Behandeln mit

Petroleumnaphta in der Wärme, Centrifugiren, Schmelzen und Sublimation in

reines Anthracen überführt.

Das Anthracen erscheint in kleinen, geruch- und geschmacklosen, weissen

Blättchen, die bei 215° schmelzen und bei höherer Temperatur unzersetzt

überdestilliren, sich wenig in Alkohol und Benzol, leichter in

Schwefelkohlenstoff lösen, mit Pikrinsäure eine in rubinrothen Krystallen

auftretende Verbindung bilden, durch die Einwirkung oxydirender Mittel in

Anthrachinon (Oxanthracen, Oxyphoten) C_{14}H_{8}O_{2} übergehen, welches

letztere auf Umwegen in Alizarin C_{14}H_{8}O_{4} übergeführt wird.

Nach der ursprünglichen Methode der Darstellung des =Alizarins= wurde

das durch oxydirende Agentien wie Salpetersäure aus dem Anthracen

erhaltene =Anthrachinon= C_{14}H_{8}O_{2} durch Bromiren in

Bibrom-Anthrachinon C_{14]H_{6}Br_{2}O_{2} übergeführt und letzteres

durch Erhitzen mit Aetzkali als Aetznatron bei einer Temperatur von

180-200° C. in Alizarin-Kalium umgewandelt, aus welchem man dann mit

Salzsäure das Alizarin ausfällte:

[Greek: a]) C_{14}H_{6}Br_{2}O_{2} + 4KOH = C_{14}H_{6}K_{2}O_{4}

Bibrom-Anthrachinon Alizarin-Kalium.

+ 2BrK + 2H_{2}O

[Greek: b]) C_{14}H_{6}K_{2}O_{4} + 2ClH = C_{14}H_{8}O_{4} + 2ClK

Alizarin-Kalium Alizarin.

Gegenwärtig stellt man das Alizarin aus dem Anthrachinon dar, indem man

dasselbe durch Behandeln mit Schwefelsäure von 1,84 spec. Gew. bei

einer Temperatur von 260° zunächst in Sulfosäure überführt, diese

Säure hierauf mit Calciumcarbonat neutralisirt, die Flüssigkeit vom

Gyps abfiltrirt und dann mit Kaliumcarbonat versetzt, bis aller Kalk

ausgefällt ist. Die klare Flüssigkeit wird zur Trockne abgedampft und

die erhaltene Salzmasse durch Erhitzen mit Aetzkali in Alizarin-Kalium

übergeführt, aus welchem das Alizarin durch Säuren gefällt wird. Nach

einem =anderen= Verfahren umgeht man die Bildung des Anthrachinons und

verwendet direct Anthracen, welches man durch Erhitzen mit

concentrirter Schwefelsäure in =Anthracensulfosäure=

C_{28}H_{18}SH_{4}O_{3} überführt. Diese Sulfosäure wird mit Wasser

verdünnt und mit gewissen Oxydationsmitteln (Braunstein, Bleisuperoxyd,

Chromsäure, Salpetersäure) behandelt. Die saure Flüssigkeit wird durch

Versetzen mit Calciumcarbonat von der freien Schwefelsäure und bei

Anwendung von Braunstein, auch von dem Mangan befreit und die oxydirte

Sulfosäure in Form von Kaliumsalz mit Aetzkali erhitzt, wodurch sich,

wie oben, Alizarin-Kalium bildet. -- Es unterliegt keinem Zweifel nicht

nur, dass das Anthracen auch noch auf andere Weise in Alizarin

übergeführt werden kann, sondern auch, dass es gelingen wird, aus

anderen Kohlenwasserstoffen des Kohlentheers (Benzol, Toluol,

Naphtalin) Anthracen und Anthracenroth darzustellen.

Die fabrikmässige Herstellung des künstlichen Alizarins, um welche sich

ausser den Entdeckern =Graebe= und =Liebermann= noch =J. Gessert= in

Elberfeld, =Brönner= und =Gutzkow= in Frankfurt a/M., =Brüning= in

Höchst, =Greiff= in Cöln, =Perkin= in London u. a. m. Verdienste

erworben haben, bildet eines der schönsten Blätter in der Geschichte

der chemischen Technologie und wird voraussichtlich nach einer Reihe

von Jahren dem Krappbau und der Garancinfabrikation eine tödtende

Concurrenz bereiten. Vor der Hand ist aber das Anthracenroth gegen den

Krappfarbstoff noch nicht concurrenzfähig.

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 116 / 167 题