III. _Naphtalinfarben._

[Sidenote: Naphtalin.]

Das =Naphtalin= C_{10}H_{8} ward 1820 von =Garden= im Steinkohlentheer

entdeckt und später von =Faraday=, =A. W. Hofmann=, =M. Ballo= u. A.

näher untersucht. Nach =Berthelot= kann man es synthetisch darstellen,

indem man in dem Benzol 2 At. Wasserstoff durch 2 At. Acetylen

(C_{2}H_{2}) ersetzt:

C_{6}H_{6} - 2H + 2C_{2}H_{2} = C_{6}H_{4}(C_{2}H_{2})_{2} =

Benzol Acetylen C_{10}H_{8}

Naphtalin

Das Naphtalin erscheint in sehr dünnen rhombischen Blättchen von

eigenthümlichem, etwas an Storax erinnerndem Geruche und brennendem

Geschmacke, die nach dem Schmelzen und Erstarren blendendweisse

krystallinische Massen von 1,151 spec. Gew. bilden. Es schmilzt zwischen

79 und 80° und siedet bei 216 und 218°C. Durch die Einwirkung von

Salpetersäure geht es in die =Phtalsäure= über, die je nach Umständen

durch Abspalten von Kohlensäure entweder in Benzol oder in

Benzoësäure[165] übergeführt werden kann:

[Greek: a]) C_{8}H_{6}O_{4} - 2CO_{2} = C_{6}H_{6}

Phtalsäure Benzol;

[Greek: b]) C_{8}H_{6}O_{4} - CO_{2} = C_{7}H_{6}O_{2}

Phtalsäure Benzoësäure.

[165] Die Benzoësäure, die gegenwärtig in erstaunlicher Menge zur

Herstellung gewisser Theerfarben und anderer chemisch-technischen

Präparate consumirt wird, stammt nicht mehr aus dem Benzoëharze,

sondern ist entweder ein Umsetzungsprodukt der Hippursäure des

Pferdeharnes oder ein Abkömmling des Naphtalins. Die

Naphtalin-Benzoësäure lässt sich auf zweierlei Weise darstellen,

entweder dadurch, 1) dass man das Naphtalin in Phtalsäure

überführt und dieselbe durch Erhitzen mit Kalk in Calciumbenzoat

überführt, aus welchem man durch Salzsäure die Benzoësäure

abscheidet; oder 2) indem man die Phtalsäure in Phtalimid

C_{8}H_{5}NO_{2} überführt, letzteres durch Destillation mit Kalk

in Benzonitril C_{7}H_{5}N umwandelt und das Benzonitril durch

Kochen mit Natronlauge in Natriumbenzoat umsetzt, aus dessen

Lösung die Benzoësäure durch Salzsäure gefällt wird.

Beachtenswerth ist ausserdem das von =Merz= (1868) aus

Cyannaphtyl abgeleitete Benzoësäure-Surrogat, die =Naphtoësäure=

von der Formel C_{11}H_{8}O_{2} (Vergl. Jahresbericht der chem.

Technologie 1868 u. 1870).

Zwischen den Abkömmlingen des Benzols und des Naphtalins findet grosse

Analogie statt und zwar nicht nur in Bezug auf Zusammensetzung und

Reactionen, sondern auch hinsichtlich der physikalischen und chemischen

Eigenschaften. Die Analogie in der Zusammensetzung ergiebt sich aus

folgender Zusammenstellung:

Benzol (Phenylhydrür) C_{6}H_{6}

Nitrobenzol C_{6}H_{5}(NO_{2})

Anilin C_{6}H_{7}N

Rosanilin C_{20}H_{19}N_{3}

Naphtalin (Naphtylhydrür) C_{10}H_{8}

Nitronaphtalin C_{10}H_{7}(NO_{2})

Naphtylamin C_{10}H_{9}N

Base des Naphtalinroth C_{30}H_{21}N_{3}.

Die dem Anilin entsprechende Base, das =Naphtylamin= C_{10}H_{9}N wird

genau so wie das Anilin aus dem Benzol dargestellt, indem man das

Naphtalin mit einem Gemische von concentrirter Schwefelsäure und

Salpetersäure in Nitronaphtalin überführt und dieses nach dem

=Béchamp='schen Verfahren (vergl. Seite 659) zu Naphtylamin reducirt.

Wie =M. Ballo= (1870) gezeigt hat, kann man das Naphtylamin aus der mit

Eisen und Essigsäure reducirten Masse sehr leicht mit Wasserdämpfen

überdestilliren. Das Naphtylamin krystallisirt in weissen Nadeln,

schmilzt bei 50° und siedet bei etwa 300°. Es schmeckt scharf und

bitter und ist fast unlöslich in Wasser.

Das Naphtylamin dient zur Darstellung folgender Farbstoffe:

1) des Martiusgelb; 3) des Naphtalinvioletts und

2) des Magdalaroth; 4) des Naphtalinblau.

[Sidenote: Martiusgelb.]

1) Das =Martiusgelb= (Manchestergelb, Naphtalingelb, _Jaune d'or_) ist

die Calcium- oder Natriumverbindung der =Binitronaphtalinsäure=

(C_{10}H_{6}(NO_{2})_{2}O), die man erhält, indem man zu einer Lösung von

salzsaurem Naphtylamin Natriumnitrit setzt, bis alles Naphtylamin in

Diazonaphtol übergegangen ist. Die Flüssigkeit, welche salzsaures

Diazonaphtol enthält, wird mit Salpetersäure gemischt und bis zum Sieden

erhitzt. Die Binitronaphtylsäure scheidet sich dabei in kleinen gelben

Nadeln aus. Die Umwandlung des Naphtylamins in Binitronaphtylsäure

(Binitronaphtol) lässt sich durch folgende Gleichungen ausdrücken:

[Greek: a]) C_{10}H_{9}N + HNO_{2} = 2H_{2}O + C_{10}H_{6}N_{2}

Naphtylamin Diazonaphtol;

[Greek: b]) C_{10}H_{6}N_{2} + 2HNO_{3} = 2N + H_{2}O +

Diazonaphtol C_{10}H_{6}(NO_{2})_{2}O

Binitronaphtylsäure.

Wie =M. Ballo= gezeigt, kann indessen letztere Säure direct durch die

Einwirkung von Salpetersäure auf Naphtylamin sich bilden. Das

Martiusgelb färbt Wolle und Seide in allen Tönen vom hellen

Citronengelb bis tief Goldgelb ohne Mordant. Mit 1 Kil. der trocknen

Calcium- oder Natriumverbindung, kann man gegen 200 Kil. Wolle noch in

schönem Gelb ausfärben. Eine Haupteigenschaft des Martiusgelb ist, dass

es sich auch dämpfen lässt, während die Pikrinsäure mit den

Wasserdämpfen sich verflüchtigt. In England findet es häufig Anwendung

zum Nüanciren von Magenta.

[Sidenote: Magdalaroth.]

2) Das =Magdalaroth= (Naphtalinroth) C_{30}H_{21}N_{3}, von =Schiendl= in

Wien 1867 entdeckt und von =Durand=, =Ch. Kestner=, =A. W. Hofmann= u. A.

näher untersucht, entsteht aus dem Naphtylamin, indem von 3 Mol.

desselben 3 Wasserstoffmoleküle sich abspalten:

3C_{10}H_{9}N - 3H_{2} = C_{30}H_{21}N_{3}

Naphtylamin Magdalaroth.

Im Grossen zerfällt die Darstellung des Magdalaroth in _zwei_ Phasen. In

der _ersten_ geht das Naphtylamin durch die Einwirkung von salpetriger

Säure in Azodinaphtyldiamin über

[Greek: a]) 2C_{10}H_{9}N + HNO_{2} = 2H_{2}O + C_{20}H_{15}N_{3}

Naphtylamin Azodinaphtyldiamin;

In der _zweiten_ Phase, in welcher man das Azodinaphtyldiamin mit

Naphtylamin behandelt, bildet sich Magdalaroth:

[Greek: b]) C_{20}H_{15}N_{3} + C_{10}H_{9}N = C_{30}H_{21}N_{3}

Azodinaphtyldiamin Naphtylamin Magdalaroth.

+ NH_{3}

Das Magdalaroth indessen, wie es im Handel in Form eines

schwarzbraunen, undeutlich krystallinischen Pulvers vorkommt, ist das

Chlorid einer Base von obengenannter Zusammensetzung. An Färbekraft

steht das Magdalaroth dem Fuchsin nicht nach, übertrifft es aber durch

seine bemerkenswerthe Beständigkeit. Mit Jodmethyl und Jodäthyl liefert

das Naphtalinroth violette und blaue Farbderivate.

[Sidenote: Naphtalinblau und Naphtalinviolett.]

3) und 4) =Violette= und =blaue Naphtalinfarbstoffe= lassen sich auf

verschiedene Weise erzeugen, so durch Phenyliren, Naphtyliren, Methyl-

und Aethyliren von Magdalaroth, ferner durch Behandeln von Naphtylamin

mit Quecksilbernitrat (=Wilder=), durch Substitution von Wasserstoff in

dem Anilin und Toluidin durch Naphtyl C_{10}H_{7} (=J. Wolff=, der

bereits 1867 auf diese Weise prächtiges =Naphtylblau= erhalten hat),

aus Rosanilin und Monobromnaphtalin, so wie aus Rosanilin und

Naphtylamin (=M. Ballo=). =Blumer-Zweifel= einerseits und =A.

Kielmeyer= andererseits haben endlich in neuester Zeit

Naphtylaminviolett auf Baumwolle und leinenem Stoff durch Behandeln von

Naphtylamin auf dem Stoffe selbst mit Kupferchlorid, Kaliumchlorat,

kurz mit allen jenen Agentien erzeugt, durch die man Anilinschwarz

(vergl. Seite 663) hervorzurufen im Stande ist[166].

[166] Es liegt auf der Hand, dass man durch Combinationen von

geeigneten Anilin-, Naphtyl- und Cetylverbindungen die

verschiedensten Arten von Blau und Violett darstellen kann, so

wurden (durch die von =J. Wolff= in gleicher Richtung

ausgeführten Arbeiten angeregt) bei Laboratoriumversuchen bereits

im Sommer 1867 blaue Farbstoffe erhalten 1) aus Fuchsin und

Naphtylbromür; 2) aus Fuchsin und Cetylbromür; 3) aus

Naphtylaminfuchsin mit Anilinöl; 4) aus Cetylaminfuchsin mit

Anilinöl; 5) aus Naphtylaminfuchsin mit Cetylamin; 6) aus

Cetylaminfuchsin mit Naphtylamin.

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 115 / 167 题