[Sidenote: Farben aus Cinchonin.]
An die aus Theerbestandtheilen erhaltenen Farben schliessen sich
unmittelbar die aus gewissen Alkaloïden, namentlich aus dem bei der
Chininfabrikation in grosser Menge abfallenden =Cinchonin= an. Das
Cinchonin wird mit überschüssigem Natronhydrat destillirt, wobei etwa 65
Proc. rohes Chinolin (Chinolinöl) übergeht, welches ein Gemenge ist der
drei homologen Basen
Chinolin C_{9}H_{7}N
Lepidin C_{10}H_{9}N
Kryptidin oder Dispolin C_{11}H_{11}N.
Das Lepidin macht den Hauptbestandtheil aus. Erhitzt man das Chinolinöl
mit Jodamyl, so bildet sich eine Verbindung beider, das Amyllepidinjodür,
aus welchem durch Behandeln mit Natronlauge ein prächtigblauer Farbstoff,
das =Cyanin= oder =Lepidinblau= (Chinolinblau) C_{30}H_{39}N_{2}J
entsteht. Letzteres bildet Krystalle mit metallgrünem Glanz und
goldgelbem Reflex, die sich schwer im Wasser, leicht in Alkohol lösen.
Die Bildung des Cyanins lässt sich durch folgende Gleichungen
veranschaulichen:
[Greek: a]) C_{10}H_{9}N + C_{5}H_{11}J = C_{15}H{20}NJ
Lepidin Jodamyl Amyllepidinjodür.
[Greek: b]) 2C_{15}H_{20}NJ + NaOH = C_{30}H_{39}N_{2}J + NaJ + H_{2}O
Amyllepidinjodür Cyanin.
B. Die im Pflanzen- und Thierkörper vorkommenden Farbstoffe.
Rothe Farbstoffe.
[Sidenote: Rothe Farbstoffe. Krapp.]
Der =Krapp= ist die Wurzel der =Färberröthe= (_Rubia tinctorum_ in Süd-,
Mittel- und Westeuropa, _R. peregrina_ im Orient, _R. mungista_ (Mungeet)
in Ostindien und in Japan), einer im südlichen Europa und in Asien
wachsenden ausdauernden Pflanze. Die Wurzel ist 10-25 Centimeter lang,
wenig ästig und etwas stärker als ein Federkiel. Sie ist mit einer
braunen Decke überzogen, innerlich aber von gelbrother Farbe. Sie kommt
theils von der Rinde und den Wurzelfasern befreit, theils gemahlen in den
Handel. Im gemahlenen Zustande erscheint sie als ein grobes, rothgelbes,
stark und eigenthümlich riechendes Pulver, das sorgfältig gegen Luft- und
Lichteinwirkung geschützt, aufbewahrt werden muss. Die beste Sorte des
Krapps ist die aus der Levante (Smyrna, Cypern), die unter dem Namen
=Lizari= oder =Alizari= ungemahlen in den Handel kommt. Der holländische
Krapp ist =geschält= oder =beraubt=, wenn man mittelst der Mühlbeutel die
Schale der Rinde und zuweilen selbst den inneren Theil entfernt hat.
=Ungeschält= und =unberaubt= wird er genannt, wenn er gemahlen worden
ist, ohne die Schale der Rinde zu entfernen. Am häufigsten findet sich
Krapp aus dem Elsass (Strassburg, Hagenau, Geisselbrunn) und der Provence
(Avignon). Unter dem =Mullkrapp= versteht man die schlechteste Sorte
Krapp aus Staub und Abfall bestehend. Die Krappwurzel enthält ausser den
Farbstoffen auch noch Zucker in namhafter Menge[167]. Während man ehedem
in dem Krapp nicht weniger als fünf Farbstoffe annahm, scheint aus
neueren Untersuchungen hervorzugehen, dass diese Wurzel im frischen
Zustande nur zwei Farbstoffe, die =Ruberythrinsäure= (früher Xanthin
genannt) und das Purpurin enthält. Erstere Säure zerfällt unter dem
Einflusse einer eigenthümlichen, in dem Krapp enthaltenen
stickstoffhaltigen Substanz (nach =Rochleder=) in den eigentlichen
Farbstoff des Krapps, in das =Alizarin= und in Zucker:
C_{20}H_{22}O_{11} = C_{14}H_{8}O_{4} + C_{6}H_{12}O_{6} + H_{2}O
Ruberythrinsäure Alizarin Zucker.
[167] =W. Stein= (1869) fand in frischer Krappwurzel bis zu 8 Proc.
Rohrzucker.
Nach den Untersuchungen von =Graebe= und =Liebermann= ist das Alizarin
ein Derivat des Anthracens C_{14}H_{10} und hat die Formel
C_{14}H_{8}O_{4}. Den genannten Chemikern ist es neuerdings (1869)
gelungen, Anthracen künstlich in Alizarin (vergl. Seite 667)
überzuführen. Das Alizarin ist von gelber Farbe, wird aber durch Alkalien
und Erden roth gefärbt. Ausserdem findet sich in dem Krapp noch ein
rother Körper, das =Purpurin= oder Rubiacin (welches die Formel
C_{14}H_{8}O_{5} hat), das für sich ohne Färbevermögen, aber in
Verbindung mit Alizarin den Färbeprocess unterstützt.
[Sidenote: Krapplack.]
[Sidenote: Krappblumen.]
[Sidenote: Azale.]
=Krapplack= ist eine Verbindung von Alizarin und Purpurin mit basischen
Thonerdesalzen; um ihn darzustellen, zieht man ausgewaschenen Krapp mit
einer Alaunlösung aus und schlägt die Flüssigkeit durch Natriumcarbonat
oder durch Borax nieder, worauf der Niederschlag ausgewaschen und
getrocknet wird. Die =Krappblumen= (_fleur de garance_) erhält man
durch Auswaschen und Gährenlassen des gemahlenen Krapps; sie werden
ebenso wie der Krapp angewendet, vor welchem sie den Vortheil besitzen,
dass sie durch Erniedrigung der Temperatur des Färbebades nicht an
Färbevermögen einbüssen. Das Waschen des Krapps scheint demnach die
Entfernung derjenigen Substanz (einer Pektinsubstanz?) zu bewirken,
welche unter den letzteren Umständen unlöslich wird. Indem man die
Krappblumen mit siedendem Holzgeist extrahirt, den Auszug filtrirt und
ihm destillirtes Wasser zusetzt, erhält man einen reichlichen gelben
Niederschlag, der mit Wasser ausgewaschen und getrocknet wird. Er führt
den Namen =Azale= (von _azala_, einer arabischen Bezeichnung des
Krapps) und ist von Frankreich aus zum Färben vorgeschlagen worden.
Wahrscheinlich ist dieser Körper nichts anderes als rohes Alizarin.
Letzterer Körper, durch Extraction von Krapp oder Garancin erhalten,
kommt seit einigen Jahren unter dem Namen =Pincoffin= in den Handel.
[Sidenote: Garancin.]
[Sidenote: Garanceux.]
Das =Garancin= (sogenannte Krappkohle) ist ein Präparat aus Krapp,
welches die bei der Färberei wirkenden Bestandtheile in einer
concentrirteren und leichter ausziehbaren Gestalt enthält. Um es
darzustellen, übergiesst man fein gemahlenen, mit Wasser befeuchteten
Krapp mit 1/2 Th. concentrirter Schwefelsäure und 1 Th. Wasser, erhitzt
das Gemisch ungefähr eine Stunde lang bis auf 100°, befreit darauf die
Masse durch Auswaschen von aller Säure, presst und trocknet sie. Durch
die Schwefelsäure werden die der Färberei hinderlichen Substanzen des
Krapps zerstört und durch das darauf folgende Auswaschen entfernt,
während die Farbstoffe mit zum Theil verkohlten organischen Substanzen
zurückbleiben. Im Durchschnitt kann man annehmen, dass 3-4 Th. Krapp
durch 1 Th. Garancin ersetzt werden können. Da der Krapp beim Ausfärben
seine Farbstoffe nicht vollkommen verliert, so trennt man die
Rückstände durch Filtriren von der Flüssigkeit, und behandelt dieselben
mit 1/3 ihres Gewichtes englischer Schwefelsäure. Die Masse wird dann
ebenso wie die Garancine ausgewaschen und getrocknet. Sie heisst
=Garanceux= und steht selbstverständlich der Garancine an Färbevermögen
nach.
[Sidenote: Colorin.]
Die im Handel unter dem Namen =Colorin= vorkommende Substanz ist das
weingeistige und zur Trockne verdunstete Extract des Garancins und
besteht wesentlich aus Alizarin, mit Purpurin, Fett und anderen in
Weingeist löslichen Bestandtheilen des Krapps verunreinigt. Seit
einigen Jahren stellt =E. Kopp= die technisch reinen Farbstoffe aus dem
Krapp durch Ausziehen mit einer wässrigen Lösung von _schwefliger
Säure_ dar. Diese Präparate, welche bereits grosse Verbreitung gefunden
haben, werden unterschieden als =grünes Alizarin= (_Alizarine verte_),
welches in der Menge von 3 Proc. aus dem Elsasser Krapp erhalten wird
und neben dem Alizarin noch einen grünen harzigen Stoff enthält, als
=gelbes Alizarin= (_Alizarine jaune_), von welchem dieser grüne Stoff
getrennt wurde, als =Purpurin= und als =Krappblumen=. Das Färbevermögen
des Purpurins beträgt das 10fache des Krapps, das grüne und gelbe
Alizarin das 32-36fache des Krapps. Im Grossen erhält man aus gutem
Krapp
Purpurin 1,15 Proc.
Grünes Alizarin 2,50 "
Gelbes Alizarin 0,32 "
Krappblumen 39,00 "
[Sidenote: Rothholz.]
Mit dem Namen =Roth=- oder =Brasilienholz= bezeichnet man mehrere in der
Rothfärberei angewendete Hölzer der Gattung _Caesalpinia_. Die beste
Sorte ist das Fernambukholz von _Caesalpinia brasiliensis s. crista_, das
auswendig gelbbraun, inwendig hellroth, schwer und ziemlich hart ist. Es
führt den Namen von der Stadt Fernambuco in Brasilien, in deren Nähe es
häufig wächst. Es kommt ganz und gemahlen in den Handel. Eine schlechtere
Sorte ist das =Sapanholz= (_C. Sapan_), welches in Japan wächst; noch
weniger Werth hat das =Lima=- oder =Nicaraguaholz= oder _Bois de Ste.
Marthe_ (_C. echinata_) und das =Brasiletholz= (_C. vesicaria_). In allen
diesen Hölzern findet sich der Farbstoff =Brasilin= (nach =Bolley= von
der Formel C_{44}H_{40}O_{14} + 3H_{2}O), ein in farblosen, kleinen
Nadeln krystallisirender Körper, dessen wässerige Lösung an der Luft,
besonders schnell beim Sieden und bei Gegenwart von Alkalien ins
Carmoisinrothe übergeht. In der Färberei wird vermittelst des Rothholzes
eine schöne rothe, aber keineswegs dauerhafte Farbe erzeugt[168].
Ausserdem gebraucht man es zur Darstellung des Kugellackes, obgleich es
in dieser Hinsicht häufig durch die rothen und violetten Theerfarbstoffe
ersetzt wird.
[168] Man benutzt das Rothholz zur Fabrikation der =rothen Tinte=. Man
nimmt dazu 250 Grm. Rothholz, 30 Grm. Alaun, 30 Grm. _Cremor
tartari_ mit 2 Liter Wasser, kocht die Flüssigkeit bis auf 1
Liter ein und setzt darauf zu der durchgegossenen Flüssigkeit 30
Grm. arabisches Gummi und 30 Grm. weissen Candiszucker. Eine noch
schönere und haltbarere Tinte erhält man, indem man 2 Decigramme
(4 Gran) Carmin in 1 Loth Aetzammoniakflüssigkeit löst, und dazu
eine Lösung von 1 Grm. (18 Gran) arabischem Gummi in 3 Loth
Wasser setzt. Gegenwärtig stellt man häufig die rothe Tinte aus
mit arabischem Gummi und etwas Alaun versetzten Fuchsinlösungen
oder durch Lösen von Aurin (einer Varietät von Rosolsäure) in
Natriumcarbonat dar.
[Sidenote: Santelholz.]
Das =Santelholz= (Kaliaturholz) kommt als gelbes und rothes im Handel
vor. Das rothe stammt von _Pterocarpus Santalinus_, einem auf Ceylon und
in Ostindien wachsenden Baume. Man führt es in gespaltenen Scheiten von
gradfaserigem Gefüge und dunkelrother, innen hellerer Farbe ein. Der in
dem Santelholz enthaltene Farbstoff ist harzartiger Natur und führt den
Namen =Santalin=. Nach einer 1869 von =H. Weidel= ausgeführten
Untersuchung findet sich in Santelholz ein farbloser Körper, das =Santal=
C_{8}H_{6}O_{3}, welche durch Oxydation in Santalin überzugehen scheint.
Man benutzt das Santelholz zu gefärbten Lacken, zur Möbelpolitur, zur
Erzeugung von Braun in der Wollenfärberei, zum Rothfärben des Leders, zu
Zahnpulver u. s. w. Der gleiche Farbstoff findet sich in dem sogenannten
=Barwood=- oder =Camholz=, das von _Baphia nitida_, einem in Afrika
wachsenden Baume stammt. Dieses Holz soll 23 Proc. Santalin enthalten,
während das Santelholz nur 16 Proc. enthält.
[Sidenote: Safflor.]
Der =Safflor= besteht aus den getrockneten Blumenblättern der
=Safflorpflanze=, Färbedistel (_Carthamus tinctorius_), eines
distelartigen Gewächses (aus der Familie der Synantheren), das in
Ostindien, Aegypten, in den südlichen Ländern Europas, zum Theil auch in
Deutschland angebaut wird. Der Safflor enthält einen rothen, in Wasser
unlöslichen (Carthamin) und einen gelben, in Wasser löslichen Farbstoff.
Je reiner der Safflor von Samen, Spreu u. s. w., je dunkler feuerroth die
Farbe, desto besser ist er. Das =Carthamin= (C_{14}H_{16}O_{7}) oder
_Rouge végétale_ wird auf folgende Weise dargestellt: Man zieht den
Safflor mit einer sehr verdünnten Lösung von Natriumcarbonat aus, taucht
in die Lösung Streifen von Baumwolle und neutralisirt das Alkali mittelst
Essigs oder verdünnter Schwefelsäure. Die roth gefärbten Streifen werden
darauf ausgewaschen, mit einer Lösung von Natriumcarbonat ausgezogen und
diese mit einer Säure gefällt. Der so erhaltene Niederschlag wird
ausgewaschen und auf Tellern getrocknet (Teller- oder Tassenroth). Das
Carthamin erscheint in dünnen Rinden, die im auffallenden Lichte
goldgrün, im durchgehenden roth aussehen. Das durch wiederholtes Auflösen
und Niederschlagen gereinigte Carthamin führt den Namen =Safflorcarmin=.
Das Carthamin wird mit gepulvertem Talk gemengt, als =rothe Schminke=
angewandt. Der Safflor wird in der Seidenfärberei benutzt. Die erzeugte
rothe Farbe ist aber sehr vergänglich.
[Sidenote: Cochenille.]
Die =Cochenille= oder =Nopal-Schildlaus= besteht aus den getrockneten
Weibchen einer Art Schildlaus (_Coccus cacti_), die auf mehreren
Cacteenarten, namentlich auf dem Cochenille-Cactus (der Nopalpflanze),
wie auch auf _Cactus opuntia_ vorkommt, theils auch in besonderen
Pflanzungen in Mexico, Centralamerika, Algier, auf dem Kap der guten
Hoffnung etc. gezüchtet wird. Die männlichen Thiere sind geflügelt, die
weiblichen ungeflügelt. Nach der Begattung werden die weiblichen Thiere
eingesammelt, was im Jahre zweimal geschieht, durch heisse Wasserdämpfe
oder durch die Hitze eines Backofens getödtet und getrocknet. Man
unterscheidet im Handel zwei Sorten, die =feine Cochenille= oder
=Mestica=, die vorzüglich in Mestek, einer Provinz von Honduras an den
cultivirten Nopalpflanzen gesammelt wird, und die =Wald=- oder =wilde
Cochenille=, die man vom wildwachsenden Cactus sammelt; letztere Sorte
ist geringer und findet minder häufige Anwendung. Die Cochenille
erscheint in kleinen dunkelbraunrothen, zusammengeschrumpften Körnern, an
deren Unterseite der Bau der Thiere noch einigermaassen erkannt werden
kann. Zuweilen ist sie mit einem weisslichen Staube bedeckt, oft aber ist
sie auch glänzend und schwarz. Dieser weisse Ueberzug, welchen man der
Cochenille sehr oft durch Talk, Kreide oder Bleiweiss giebt, ist
mikroskopischen Untersuchungen zu Folge, das Excrement des Thieres und
erscheint unter dem Mikroskope als weisse, gekrümmte Cylinder von sehr
gleichmässigem Durchmesser. In der Cochenille findet sich eine
eigenthümliche Säure, die Carminsäure, die durch verdünnte Schwefelsäure
und andere Agentien in Carminroth (Carmin), welches neben der Carminsäure
schon fertig gebildet in der Cochenille sich findet, und Dextrose sich
spaltet:
C_{17}H_{18}O_{10} + 3H_{2}O = C_{11}H_{12}O_{7} + C_{6}H_{12}O_{6}
Carminsäure. Carminroth. Dextrose.
Den Carmin (im technischen Sinne) stellt man dar, indem man Cochenille
mit siedendem Wasser auszieht, die klar abgegossene Lösung mit Alaun
versetzt und stehen lässt. Der sich absetzende Niederschlag wird
ausgewaschen und getrocknet. Oder indem man die gepulverte Cochenille mit
einer Lösung von Natriumcarbonat auszieht, die Flüssigkeit mit Eiweiss
versetzt und sodann durch verdünnte Säuren fällt. Der ausgewaschene
Niederschlag wird bei 30° getrocknet. Er bildet eine vorzügliche Sorte
Carmin; die schlechteren Sorten, unter die auch der Carminlack und die
besseren Kugellacke gehören, bereitet man durch Fällen eines
alaunhaltigen Cochenilleauszugs mit Natriumcarbonat, die um so geringer
sind, je mehr sie Thonerde enthalten.
[Sidenote: Lac-Dye.]
Unter =Lac-Dye= oder Färbelack versteht man einen aus dem Stock- oder
Körnerlack gezogenen rothen Farbstoff, mit welchem man fast eben so
schön und dauerhaft als mit der Cochenille färben kann. Die in
Ostindien vorkommende =Lackschildlaus= (_Coccus lacca_) sticht in die
Zweige gewisser Feigenbäume, die dadurch einen milchigen Saft von sich
geben, der die Thiere umgiebt und erhärtet. Das Harz ist von dem in den
Thieren enthaltenen rothen Farbstoff gefärbt. Man zieht den Lac-Dye aus
dem Stocklack durch Natriumcarbonat aus und fällt darauf mit Alaun.
Dieser Farbstoff ist von dem der Cochenille nicht sehr verschieden.
Ebenso kommt mit demselben der von dem =Kermes= (_Coccus ilicis_), von
_Coccus polonicus_ (Johannisblut) und von _Coccus fabae_ überein.
Letztere enthalten viel Fett, das durch Auspressen zum Theil entfernt
werden kann.
[Sidenote: Orseille und Persio.]
Unter =Orseille= (Archil), =Persio= und =Cudbear= versteht man teigartige
Massen, welche als rothe Farbstoffe in den Handel kommen. Man erhält die
Orseille, indem man mehrere Flechten (_Rocella tinctora_, _R.
fuciformis_, _R. Montagnei_, _Usnea barbata_, _U. florida_, _Lecanora
parella_, _Unceolaria scruposa_, _Ramalina calicaris_, _Gyrophora
pustulata_ u. s. w.) in ein feines Pulver verwandelt und das Pulver mit
Harn angerührt der Fäulniss überlässt. Das durch die Fäulniss des Harnes
entstandene kohlensaure Ammoniak wirkt auf die in diesen Flechten
enthaltenen Flechtensäuren: Lecanorsäure, Alpha- und Betaorsellsäure,
Erythrinsäure, Gyrophorsäure, Evernsäure, Usninsäure etc. ein, und
verwandelt diese stickstofffreien Substanzen unter Aufnahme oder
Austreten von Wasser und meist unter Abscheidung von Kohlensäure in
=Orcin= C_{7}H_{8}O_{2}, welches durch Aufnahme von Stickstoff und
Sauerstoff in das =Orcein= C_{7}H_{7}NO_{3} übergeht, welches letztere
als der wesentliche Farbstoff der =Orseille= zu betrachten ist. Letztere
erscheint als röthlicher Teig von eigenthümlich veilchenartigem Geruche
und alkalischem Geschmacke. Die Bereitung derselben geschah vor dem
Bekanntwerden der Anilinfarben hauptsächlich in England und Frankreich
aus Flechten, die theils auf den canarischen Inseln, zum Theil auch auf
den Pyrenäen gesammelt, theils aber auch aus Lima und Valparaiso
eingeführt werden. -- Der =Persio=, Cudbear oder rothe Indig ist ziemlich
dasselbe Produkt wie die Orseille. Er wurde früher in Schottland aus den
dortigen Flechten dargestellt, später aber in grosser Menge in
Deutschland (Stuttgart), Frankreich und England fabricirt. Er erscheint
als röthlich violettes Pulver. Vor etwa zehn Jahren kamen zwei
=Orseillepräparate= in den Handel, welche die Orseillefarbstoffe im
Zustande grosser Reinheit enthielten, nämlich der =Orseillecarmin= und
der =Orseillepurpur= (_poupre française_). Seit dem Emporblühen der
Theerfarbenindustrie haben die rothen und violetten Flechtenfarbstoffe
wenig Bedeutung mehr.
[Sidenote: Weniger wichtige rothe Farbstoffe.]
Rothe Farbstoffe von untergeordneter Bedeutung sind die =Alkannawurzel=
(_Anchusa tinctoria_), das =Drachenblut=, ein rothes Harz von _Dracaena
draco_, das =Harmalaroth= aus den Samen der Steppenraute (_Peganum
Harmala_), das =Chicaroth= oder =Carajuru= aus den Blättern der
_Bignonia chica_, eines in Venezuela wachsenden Baumes und der
=Purpurcarmin= oder das =Murexid=, durch Behandeln der Harnsäure mit
oxydirenden Mitteln wie mit Salpetersäure, und dann mit Ammoniak,
erhalten.
Blaue Farbstoffe.
[Sidenote: Blaue Farbstoffe. Indig.]
Unter den blauen Farbstoffen steht der =Indig= oben an, der zwar schon
den Römern und Griechen bekannt war und von denselben zum Mahlen benutzt
wurde, aber erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in Europa zum Färben
Anwendung fand. Der Indig ist ein im Pflanzenreiche sehr verbreiteter
Stoff. In der bedeutendsten Menge findet er sich in den Blättern
verschiedener Arten der =Anilpflanze= (_Indigofera_) aus der Familie der
Papilionaceen. Ausserdem ist er enthalten im =Waid= (_Isatis tinctoria_),
im _Nerium tinctorium_, in der _Marsdenia tinctoria_, im _Polygonum
tinctorium_, im _Asclepias tingens_ u. s. w. Der Farbstoff des Indigs ist
als solcher nicht in der Pflanze enthalten, sondern bildet sich erst,
wenn der frisch ausgepresste Saft der atmosphärischen Luft ausgesetzt
wird. Aus vielen Untersuchungen geht hervor, dass in der frischen Pflanze
der farblose Farbstoff mit einer Base, mit Kalk oder einem Alkali
verbunden, enthalten ist. Nach =Schunck= findet sich in der Indigpflanze
das =Indican=, welches sich durch Gährung, so wie durch die Einwirkung
starker Säuren in Indigblau und in eine eigenthümliche Zuckerart, das
Indiglycin spaltet nach der Gleichung:
C_{52}H_{62}N_{2}O_{34} + 4H_{2}O = C_{16}H_{10}N_{2}O_{2}
Indican. Indigblau.
+ 6C_{6}H_{10}O_{6}
Indiglycin.
Der Indig des Handels wird in Ost- und Westindien, in Süd- und
Mittelamerika, in Aegypten u. s. w. aus der Anilpflanze dargestellt. In
Ostindien erhält man auch Indigo aus _Nerium tinctorium_. Zur Gewinnung
des Indigs aus den Anilpflanzen benutzt man hauptsächlich folgende fünf
Arten: _Indigofera tinctoria_, _I. anil_, _I. disperma_, _I.
pseudotinctoria_ und _I. argentea_. Die Anilpflanze verlangt ein warmes
Klima und einen Boden, dessen Lage vor Ueberschwemmungen geschützt ist.
Nach gehöriger Entwickelung der Pflanzen werden dieselben mit einer
Sichel dicht am Boden abgeschnitten und darauf in die =Indigfabrik=
gebracht, in der man den Indig auf folgende Weise darstellt: Gewöhnlich
sind an dem Orte der Fabrikation zwei grosse Cisternen übereinander
gemauert angebracht. Die Pflanzen werden zuerst in die obere, in die
=Gährungsküpe= (_Trempoire_) gebracht und darin mit kaltem Wasser
übergossen, so dass das Wasser einige Zoll hoch über den Pflanzen
steht. Hier gerathen die Pflanzen in Gährung, die unter Entwickelung
einer grossen Menge Gas und eines eigenthümlichen Geruches vor sich
geht. Die Flüssigkeit nimmt dabei erst eine grüne und dann eine blaue
Farbe an. Bei einer Temperatur von 30° ist die Gährung nach 12-15
Stunden beendigt. Darauf lässt man durch einen unten angebrachten Hahn
die Flüssigkeit in die zweite Cisterne, die =Schlagküpe= (_Batterie_)
ablaufen, reinigt die erstere von den ausgezogenen Pflanzen, die man
trocknet und als Brennmaterial benutzt, und legt sofort wieder frische
Pflanzen ein, welche auf gleiche Weise behandelt werden. Diese
Operation wird ohne Unterbrechung bis zur Beendigung der Ernte
fortgesetzt. Die in der Schlagküpe befindliche Flüssigkeit ist klar,
von grünlich gelber Farbe, und enthält den Farbstoff aufgelöst. Um ihn
daraus abzusondern, wird die Flüssigkeit mit Stöcken oder Schaufeln
umgerührt. Der Zweck dieses Schlagens ist, die Indiglösung in vielfache
Berührung mit der atmosphärischen Luft zu bringen, wodurch sich der
Indig blau färbt, und ferner, das Abscheiden des gebildeten Indigs zu
befördern. Das Schlagen darf weder zu kurze, noch zu lange Zeit
fortgesetzt werden. So wie der Arbeiter wahrnimmt, dass die blauen
Farbetheilchen sich vereinigen und sich von der Flüssigkeit trennen, so
wird das Umrühren eingestellt, um dem Farbstoffe Zeit zu geben, sich am
Boden der Cisterne abzusetzen. Das Niedersinken der Farbetheilchen aus
der Flüssigkeit befördert man zuweilen durch Kalilauge oder Kalkwasser.
Die Menge des ausgeschiedenen Indigs beträgt von 1000 Th. Flüssigkeit
0,5-0,75 Th. Wenn sich aller Indig abgesetzt hat, zapft man die darüber
stehende Flüssigkeit ab und bringt den breiartigen Niederschlag in den
sogenannten Sammelkasten, in welchem er von dem überschüssigen Wasser
getrennt wird. Darauf wird der Brei in Pressbeutel gebracht, um alles
Wasser abtropfen zu lassen, und daraus in hölzerne Kasten geschüttet
und getrocknet.
[Sidenote: Eigenschaften des Indigs.]
Der im Handel vorkommende Indig ist von tiefblauer Farbe, mattem erdigen
Bruche und giebt beim Reiben mit einem harten Körper einen glänzend
purpurrothen Strich. Er enthält ausser mineralischen Bestandtheilen eine
leimartige Substanz (Indigleim), einen braunen Körper (Indigbraun), einen
rothen Farbstoff (Indigroth) und den eigentlichen Farbstoff, das
=Indigblau= C_{16}H_{10}N_{2}O_{2}. Nur der Gehalt an letzterem bedingt
seinen Werth als Farbematerial. Er beträgt von 20 bis 75-80 Proc., im
Mittel etwa 40-50 Proc. Nach dem Verfahren von =Dumas= (1869) kann man
den Indig durch Digestion mit Anilin reinigen, wodurch das Indigroth und
das Indigbraun aufgelöst und entfernt werden.
[Sidenote: Indigprobe.]
Die Güte und Aechtheit des Indigs erkennt man an seiner tiefblauen
Farbe, Leichtigkeit und seiner Reinheit im Bruche. Auf dem Wasser muss
er schwimmen und sich in demselben völlig zertheilen lassen, ohne einen
erdigen und sandigen Bodensatz zu geben. Beim Verbrennen darf er nur
eine verhältnissmässig geringe Menge weisser Asche hinterlassen. Beim
raschen Erhitzen muss er einen purpurfarbenen Dampf entwickeln und sich
in rauchender Schwefelsäure vollständig zu einer dunkelblauen
Flüssigkeit auflösen. Denjenigen Indig, der beim Reiben mit einem
harten Körper einen röthlichen kupferfarbenen Schein annimmt, nennt man
=gefeuerten Indig= (_Indigo cuivré_). Um den Indig genau zu prüfen,
untersucht man zuerst seinen Wassergehalt, indem man eine gewogene
Menge desselben bei 100° trocknet; er darf dabei nicht mehr als 3-7
Proc. verlieren. Um die Menge der darin enthaltenen mineralischen
Bestandtheile zu erfahren, verbrennt man ferner eine gewogene Portion
und wägt den Rückstand, der bei guten Sorten 7 bis 9,5 Proc. beträgt.
[Sidenote: Chlorprobe.]
[Sidenote: Probe durch Reduction.]
[Sidenote: Bolley's Probe.]
[Sidenote: Lindenlaub's Probe.]
[Sidenote: Penny's Probe.]
Ein genaues Resultat über den Gehalt einer Indigsorte an Indigblau kann
man aber nur durch die sogenannte =Indigprobe= erlangen. Am häufigsten
bedient man sich der =Chlorprobe=. Man löst dazu nach =Schlumberger=
eine gleiche Menge zweier vergleichungsweise auf ihren Werth zu
untersuchender Indigsorten in der 10 bis 12fachen Menge Nordhäuser
Schwefelsäure auf und setzt zu einer jeden Lösung eine gleiche Menge
Wasser. Zu einer jeden der verdünnten Lösungen setzt man in einem
Cylinderglase so lange eine gemessene _Chlorkalklösung_ zu, bis die
blaue Farbe des Indigs verschwunden ist. Um einen Schluss aus dieser
Probe auf den Gehalt an reinem Indigblau ziehen zu können, stellt man
vorher einen Normalversuch mit einem, durch Sublimation aus dem Indig
gewonnenen Indigblau an und berechnet aus den erhaltenen Resultaten den
eigentlichen Werth der Indigsorten. Auch mit _Kaliumpermanganat_ (nach
=Mohr= und =Elbers=) lässt sich der Werth des Indigs bestimmen. -- Die
genauesten Resultate giebt folgendes von =Berzelius= empfohlenes
Verfahren. Man nimmt 100 Gran des zu untersuchenden gepulverten Indigs,
eine gleiche Gewichtsmenge reinen gebrannten Kalk und ein Volumen
Wasser, das ungefähr 200 Loth wiegt. Darauf löscht man den Kalk mit
einem Theile dieses Wasser, rührt das Kalkhydrat und den Indig
zusammen, und spült den Brei mit dem übrigen Wasser in eine Flasche.
Nachdem die Flasche einige Stunden lang gestanden hat, setzt man 200
Gran Eisenvitriol hinzu und lässt den Niederschlag sich absetzen. Von
der darüber stehenden Flüssigkeit zieht man ein Volumen ab, das dem
vierten Theil des angewendeten Wassers entspricht, vermischt die
abgegossene Flüssigkeit mit etwas Salzsäure und setzt sie dann der Luft
aus, bis der reducirte Indig sich wieder in Indigblau verwandelt und
als solches abgeschieden hat. Es wird auf einem Filter gesammelt,
ausgewaschen, getrocknet und gewogen. Die erhaltene Quantität ist der
vierte Theil derjenigen Menge, die in 100 Gran des untersuchten Indigs
enthalten war. Nach =Fritzsche='s vortrefflicher Indigprobe, welche
ebenso wie die von =Berzelius= auf einer Reduction des Indigblau und
Wiederoxydation des Indigweiss beruht, reducirt man den Indig mit
Glycose (Krümelzucker) und Aetzalkali. Nach =Bolley= benutzt man zur
Indigprobe eine titrirte Lösung von Kaliumchlorat, welche man zur
Auflösung einer gewogenen Menge Indig in Schwefelsäure die mit etwas
_Salzsäure_ versetzt worden ist, setzt. Die angewandte Menge der Lösung
von Kaliumchlorat, von welcher bekannt ist, wie viel derselben 100 Th.
Indigblau zu entfärben (d. h. in Isatin C_{16}H_{10}N_{2}O_{4}
überzuführen) vermag, giebt die Menge des in dem Indig enthaltenen
Indigblau an. Nach =Lindenlaub= erhält man noch genauere Resultate,
wenn man sich zur Zersetzung des Kaliumchlorates _der schwefligen
Säure_ bedient, da hierbei nur das Chlor des Kaliumchlorates entfärbend
wirkt, während bei Anwendung von Salzsäure auch deren Chlor mitwirkt.
Man löst 100 Gr. krystallisirtes Natriumcarbonat in 500 Gr. Wasser und
sättigt die Lösung mit schwefliger Säure. Um die titrirte Lösung des
Kaliumchlorates zu bereiten, löst man 4 Gr. davon in so viel Wasser,
dass die Lösung 400 Kubikcentimeter beträgt. Andererseits löst man 1
Gr. Indig in 10 Gr. rauchender Schwefelsäure und verdünnt die Lösung
mit so viel Wasser, dass sie 200 Kubikcentimeter beträgt. Von dieser
Indiglösung misst man mittelst der Pipette 50 Kubikcentimeter ab,
bringt sie in eine Porcellanschale, verdünnt mit 200 Kubikcentimeter
Wasser, versetzt sie mit 50 Kubikcentimeter Lösung von Natriumsulfit
und tröpfelt endlich Kaliumchlorat aus der Bürette bis zur Entfärbung
hinzu. Das von =Penny= zur Werthbestimmung des Indigs beschriebene
Verfahren beruht auf der Anwendung von _Kaliumchromat_ und _Salzsäure_.
10 Th. gepulverter Indig werden mit dem 12fachen Gewicht rauchender
Schwefelsäure 12 Stunden lang in einer Temperatur, die 25° nicht
übersteigt, digerirt. Nach völliger Auflösung giesst man die
Flüssigkeit in eine Pinte (= 0,568 Liter) Wasser, setzt 24 Gr.
concentrirte Salzsäure hinzu, erwärmt gelinde und titrirt nun mittelst
einer Auflösung von Kaliumbichromat in Wasser, die man so lange
hinzufügt, bis ein mit einem Glasstabe herausgenommener Tropfen auf
Filtrirpapier einen hellbraunen oder ockergelben Fleck, ohne eine Spur
von grün oder blau hervorbringt (8-1/2 Th. K_{2}Cr_{2}O_{7} sind
erforderlich, um 10 Th reines Indigblau zu entfärben). -- Auch durch
_Eisenchlorid_ lässt sich Indigblau in Isatin überführen. Die
Beobachtung von =Stockvis= in Amsterdam (1868), dass das Indigblau mit
Leichtigkeit in Chloroform löslich ist, lässt sich vielleicht für eine
Indigprobe anwenden.
[Sidenote: Indigblau.]
[Sidenote: Blauer Carmin.]
Das =Indigblau= kann aus dem Indig durch Sublimation, oder wie aus
Vorstehendem hervorgeht, durch Behandeln des Indigs mit Kalk,
Eisenvitriol und Wasser dargestellt werden. Das Indigblau hat die
Formel C_{16}H_{10}N_{2}O_{2}. Wenn man Indigblau bei Gegenwart eines
freien Alkalis mit Substanzen zusammenbringt, die leicht Sauerstoff
aufnehmen, wie mit Eisenvitriol, schwefligsauren Salzen u. s. w., so
bildet sich meist unter Wasserzersetzung =Indigweiss= oder =reducirter
Indig= C_{16}H_{12}N_{2}O_{2}. Auf dieser Reduction des Indigs beruht
zum Theil seine Anwendung in der Färberei. Durch die Einwirkung
oxydirender Agentien wie Uebermangansäure, Chlor, Chromsäure, ein
Gemenge von rothem Blutlaugensalz mit Kali oder Natron, Kupferoxyd etc.
etc. geht das Indigblau in lösliches =Isatin= C_{16}H_{10}N_{2}O_{4}
über. -- Das Indigblau löst sich in concentrirter Schwefelsäure und
bildet mit derselben die =Indigschwefelsäure=. Durch Fällen derselben
mit Kaliumcarbonat erhält man den =Indigcarmin= oder =blauen Carmin=
(_Indigo soluble_) als tiefblauen Niederschlag, der sich in 140 Th.
kaltem Wasser löst. Man benutzt den Indigcarmin in der Wasser-,
seltener in der Oelmalerei; in Vermischung mit Stärke und mit Hülfe
eines Bindemittels in Täfelchen geformt, bildet er das =Wasch-= oder
=Neublau=, das gleich dem Ultramarinblau zum Bläuen der Wäsche etc.
angewendet wird.
[Sidenote: Campecheholz.]
Das unter dem Namen =Campecheholz= oder =Blauholz= angewendete Farbeholz
besteht aus dem von Rinde und Splint befreiten Kern des Stammes von dem
=Blauholzbaum= (_Haematoxylon campechianum_), der in Centralamerika
einheimisch ist und auf den Antillen angepflanzt wird. Das färbende
Princip des Blauholzes ist das =Haematoxylin= C_{16}H_{14}O_{6}, ein in
blassgelben, durchsichtigen, glänzenden Nadeln krystallisirender Körper,
der an sich kein Farbstoff, sondern eine Farbstoff erzeugende Substanz
ist, welche gefärbt erscheint, wenn man sie mit starken Alkalien,
namentlich Ammoniak und Sauerstoff in Berührung bringt. Die Lösung des
Haematoxylins in Wasser ist farblos, geht aber durch die geringste Menge
Ammoniak ins Purpurrothe über. Der gefärbte Körper, der aus dem
Haematoxylin entsteht, heisst =Haemateïn=. Man benutzt das Blauholz zum
Blau- und Schwarzfärben. Häufig stellt man jetzt =Blauholzextract= dar;
bei der Fabrikation desselben ist zu berücksichtigen, dass das
Haematoxylin sich unter dem Einflusse der atmosphärischen Luft oxydirt
und verändert; es muss deshalb Zutritt der Luft vermieden und das
Abdampfen in Vacuumpfannen bei möglichst niedriger Temperatur vorgenommen
werden.
[Sidenote: Lakmus.]
Der =Lakmus= (Tournesol) findet nicht in der Färberei, wohl aber zum
Bläuen des Kalkes, zum Bestreichen der bekannten Reagenspapiere, zum
Rothfärben des rothen Champagners u. s. w. häufig Anwendung. Man erhält
ihn auf dieselbe Weise und aus denselben Flechten wie die Orseille und
den Persio, nur wendet man neben den ammoniakalischen Flüssigkeiten
auch Potasche an. Der Unterschied bei der Bereitung besteht nur darin,
dass hier die Gährung und Oxydation weiter vorgeschritten und der rothe
Farbstoff (Orcin) in einen blauen, =Azolitmin=, umgewandelt worden ist:
Orcin C_{7}H_{8}O_{2} } { Azolitmin C_{7}H_{7}NO_{4}
Ammoniak NH_{3} } geben { und
Sauerstoff 4O } { Wasser 2H_{2}O
Die gegohrene Masse wird mit Gyps und Kreide gemengt, und in Würfel
geformt in den Handel gebracht.
Einen andern auch Tournesol genannten Farbstoff enthalten die im
südlichen Frankreich fabricirten =Bezetten= oder =Tournesolläppchen=,
mit dem Safte des Krebskrautes (_Croton tinctorium_) gefärbte Läppchen,
die durch Ammoniak purpurroth oder dunkelgrün gefärbt sind. Man
verwendet diese Farbe in Holland zum Färben der Käse, von Backwerk,
Eingemachtem und Liqueuren, als Schminke und zum Färben des blauen
Zuckerpapiers.
Gelbe Farbstoffe.
[Sidenote: Gelbe Farbstoffe. Gelbholz.]
[Sidenote: Fisetholz.]
Das =Gelbholz= (gelbes Brasilienholz, Cubaholz, alter Fustik) ist das
Holz des Färbermaulbeerbaumes (_Morus tinctoria_, _Maclura aurantiaca_)
und wird als Kern des Stammes vorzüglich von Cuba, Domingo und Haiti
eingeführt. Es ist von gelber, stellenweise von gelbrother Farbe. Die
Ursache dieser Farbe ist ein krystallisirbarer, farbloser Körper, das
=Morin= C_{12}H_{8}O_{5}, das sich im Holze mit Kalk verbunden vorfindet,
und eine eigenthümliche Gerbsäure, die =Moringerbsäure= (auch =Maclurin=
genannt; ihre Formel ist C_{13}H_{10}O_{6}), die man in der Masse des
Gelbholzes neben =Morin= oft in grosser Menge abgelagert findet. Das
Morin wird an der Luft und unter dem Einflusse der Alkalien gelb gefärbt.
Das Maclurin spaltet sich unter dem Einflusse von Aetzkali in
Phloroglucin und Protocatechusäure. Das Gelbholz wird zum Gelbfärben und
seines bedeutenden Gehaltes an Gerbsäure wegen auch zum Schwarzfärben
benutzt. Das im Handel vorkommende Extract führt den Namen =Cubaextract=.
Das =Fisetholz=, =Fustikholz=, ungarisches Gelbholz, ist ein
grünlichgelbes, braun gestreiftes Holz, das von dem Gerber- oder
Perückenbaum (_Rhus Cotinus_), einem im südlichen Europa wachsenden
strauchartigen Gewächse, stammt. Es enthält einen eigenthümlichen
Farbstoff, das =Fustin=, und bedeutende Mengen von Gerbsäure. Das Fustin
liefert bei der Spaltung, wie es scheint, Quercetin.
[Sidenote: Orlean.]
Der =Orlean= ist ein gelblichrother Farbstoff, der vorzugsweise zum
Färben der Seide Anwendung findet. Er kommt in Form eines steifen Teiges
in dem Handel vor und wird in Amerika, West- und Ostindien aus der Frucht
der _Bixa Orellana_ dargestellt. Nach =Chevreul= finden sich in dem
Orlean zwei Farbstoffe, von denen der eine von gelber Farbe in Alkohol
und Wasser löslich ist, während sich der andere von rother Farbe leicht
in Alkohol, nicht aber in Wasser löst. Letzterer hat nach =Piccard= (in
Basel) die Formel C_{5}H_{6}O_{4}.
[Sidenote: Gelbbeeren.]
Die =Gelbbeeren=, Avignonkörner, persische Beeren, Kreuzbeeren (_Grains
d'Avignon_), sind die Früchte von _Rhamnus infectorius_, _Rh.
amygdalinus_, _Rh. saxatilis_, und werden aus der Levante oder dem
südlichen Frankreich und Ungarn eingeführt. Die Grösse dieser Beeren ist
sehr verschieden, man unterscheidet im Handel grosse und volle von heller
Olivenfarbe, und kleinere, runzlige und dunkelbraune. Die ersteren sind
vor ihrer vollständigen Reife eingesammelt worden, die anderen sind
längere Zeit an den Aesten geblieben. Man trifft in den Gelbbeeren einen
schönen goldgelben Farbstoff, das =Chrysorhamnin=, und einen
olivengelben, das =Xanthorhamnin=. Ersteres ist nach =Bolley= identisch
mit dem Quercetin. Man benutzt die Gelbbeeren in der Kattundruckerei, zum
Färben von Papier, zur Fabrikation von Lackfarben etc.
[Sidenote: Curcuma.]
Die =Curcuma= ist die getrocknete Wurzel von _Curcuma longa_ und _C.
rotunda_, einer in Ostindien, Java u. s. w. häufig angebauten Pflanze
aus der Ordnung der Scitamincen. Sie kommt entweder in eirunden Knollen
oder in flachgedrückten Stücken von schmutziggelber Farbe vor. Der
Farbstoff darin ist das =Curcumin= C_{8}H_{10}O_{2}; es ist von gelber
Farbe, sehr wenig haltbar und wird durch Alkalien rothbraun gefärbt.
[Sidenote: Wau.]
Der =Wau= oder das Gelbkraut besteht aus dem Kraut und den Stengeln der
_Reseda luteola_, die in südlichen Ländern wild wächst, häufig aber
auch behufs der Färberei angebaut wird. Der französische Wau wird für
den besten gehalten. Der darin enthaltene Farbstoff ist das =Luteolin=.
[Sidenote: Quercitron.]
Unter =Quercitron= versteht man die von der Oberhaut befreite und
gemahlene Rinde der in Nordamerika einheimischen Färbereiche (_Quercus
tinctoria_). Er ist von heller Farbe und enthält ausser einem gelben
Farbstoff, dem =Quercitrin= C_{33}H_{30}O_{17} Gerbsäure. Das Quercitrin
spaltet sich beim Behandeln mit verdünnten Säuren in Zucker und
=Quercetin= C_{27}H_{18}O_{12}, ein citronengelbes Pulver, das unter dem
Namen =Flavin= im Handel vorkommt. Nach dem Dafürhalten von =Hlasiwetz=
ist in dem Quercetin der Complex des Morin enthalten. Wegen der Schönheit
der Farbe wird das Quercitron neben der Pikrinsäure häufiger als jeder
andere gelbe Farbstoff in allen Zweigen der Färberei angewendet. Von den
übrigen, einigermaassen wichtigen Farbstoffen seien erwähnt die =Scharte=
(_Serratula tinctoria_), der =Färbeginster= (_Genista tinctoria_), das
=Wongshy= (chinesische Gelbschoten), die Samenkapseln der Früchte von
_Gardenia florida_, einer Pflanze aus der Familie der Rubiaceen, die
=Purée= oder das _Jaune Indien_, ein aus Ostindien eingeführter Farbstoff
ungewissen Ursprungs, der aus dem Magnesiasalze der Euxanthinsäure
besteht, und das =Morindagelb= aus der _Morinda citrifolia_. Seit dem
Entstehen der Theerfarbenindustrie hat man endlich die =Pikrinsäure=
(vergl. S. 664) als gelbes und (mit Indiglösung oder mit Anilinblau
versetzt) als grünes Farbematerial für Seide und Wolle vielfach
angewendet. Um die Pikrinsäureflotte völlig zu erschöpfen, muss derselben
etwas Schwefelsäure zugefügt werden. Neuerdings wird anstatt der
Pikrinsäure das =Martius=- oder =Manchestergelb= (vergl. S. 666) vielfach
angewendet.
[Sidenote: Braune, grüne und schwarze Farben.]
Die =braunen= Farben werden, wenn man von dem Anilinbraun absieht,
durch Mischung von Roth, Gelb und Blau, oder von Gelb oder Roth mit
Schwarz (=Mischbraun=) zusammengesetzt. Häufig färbt man auch braun mit
oxydirenden Agentien und gerbstoffhaltigen Pigmenten wie Weiden-,
Eichen-, Wallnussrinde, namentlich mit =Catechu=, dem Extract aus dem
Holze der _Areca_ und _Acacia catechu_ u. s. w. Letzteres Braun heisst
=Chemischbraun= oder =Havannabraun=. Das =Bisterbraun= wird durch
Manganoxydhydrat erzeugt. =Schwarz= wird erzeugt durch gerb- oder
gallussaures Eisenoxydul-Oxyd oder durch Kaliumchromat und
Blauholzabkochung[169] oder endlich durch Anilinschwarz (vergl. Seite
663). =Grün= wird hervorgebracht durch Mischen von =Gelb= und =Blau=
oder durch =Chinesisch Grün= oder =Lo-kao= aus _Rhamnus chlorophorus_
und _Rh. utilis_, durch das =Saft-= oder =Blasengrün= aus den Beeren
des Kreuzdornes (_Rhamnus catharticus_) und endlich von grosser
Schönheit durch das =Anilingrün= (Aldehydgrün und Jodgrün, vergl. Seite
662).
[169] Eine schwarze Farbenbrühe ist auch die gewöhnliche
=Schreibtinte=, die wesentlich aus gallussaurem Eisenoxydul und
Oxyd besteht, welches letztere durch arabisches Gummi in der
Flüssigkeit suspendirt gehalten wird. Eine sehr gute schwarze
Tinte lässt sich nach folgender Vorschrift darstellen: Man zieht
1 Kilogr. zerstossene Galläpfel und 150 Gr. Blauholz mit 5 Liter
heissem Wasser aus, löst 600 Gr. arabisches Gummi in 2-1/2 Litern
Wasser und 500 Gr. Eisenvitriol für sich in einigen Litern
Wasser. Darauf giesst man den Galläpfel- und Blauholzauszug mit
der Lösung des Gummi und des Eisenvitriols zusammen, setzt einige
Tropfen Nelken- oder Gaultheriaöl und so viel Wasser hinzu, dass
die Gesammtmenge der Flüssigkeit 11 Liter beträgt. Die Eisentinte
hat ausser der unangenehmen Eigenschaft, Stahlfedern anzugreifen,
noch den Fehler, dass die damit geschriebene Schrift, wenn auch
oft nach sehr langer Zeit, gelb wird. Im Jahre 1848 hat =Runge=
an eine Tinte erinnert, die von =Th. Leykauf= in Nürnberg
erfunden und schon vor Jahren von =C. Erdmann= in Leipzig
verbessert und eingeführt worden ist. Die Tinte besteht aus 1000
Th. Blauholzabkochung (1 Th. Holz auf 8 Th. Wasser) und einem Th.
gelben Kaliumchromat, zu welcher man etwas Quecksilberchlorid
setzt. Diese Tinte empfiehlt sich durch ungemeine Wohlfeilheit,
Schönheit und Dauerhaftigkeit; das färbende Princip darin ist
eine Verbindung von =Hämateïn= und Chromoxyd. Zur Bereitung der
sogenannten =Alizarintinte= (von =Leonhardi=) zieht man 42 Th.
Galläpfel und 3 Th. Krapp mit Wasser aus, so dass 120 Th.
Flüssigkeit entstehen, zu welcher man setzt 1,2 Th. schwefelsaure
Indiglösung, 5,2 Th. Eisenvitriol und 2 Th. holzessigsaure
Eisenlösung. Die blaue Tinte von =Rouen=, die als Surrogat der
schwarzen Tinte in Frankreich namentlich häufige Anwendung
findet, besteht aus einer Abkochung von 750 Grm. Blauholz, 35
Grm. Alaun und 31 Grm. arabischem Gummi mit 5-6 Litern Wasser.
Die =Copirtinten= sind im Grunde nichts weiter als gewöhnliche
Tinten, die aber concentrirter sind und grössere Mengen von Gummi
und auch Zucker enthalten. Waschechte =Zeichentinte= (für Wäsche)
ist entweder wesentlich Silberlösung (vergl. S. 108) oder auf dem
Gewebe selbst hervorgerufenes Anilinschwarz (vergl. Seite 663).
Die Bleicherei.
[Sidenote: Bleiche.]
Das Bleichen hat zum Zweck, die Gespinnstfasern und die aus ihnen
gefertigten Garne, Zwirne und Gewebe, die zwar an sich weiss sind, aber
bei ihrer Gewinnung und Verarbeitung sich färben und beschmutzen, in den
weissen Zustand zurückzuführen. Die Pflanzenfaser widersteht den meist
chemischen Agentien, während die fremden färbenden Stoffe, die meist nur
auf der Oberfläche der Fasern sich befinden, durch genannte Agentien
aufgelöst oder völlig zerstört werden. Hierauf beruht das Wesen der
Bleicherei von Produkten, die wie Leinen- oder Baumwollgewebe aus
Cellulose bestehen. Bei Wolle und Seide ist das Verfahren des Bleichens
ein anderes, da diejenigen Agentien, die beim Bleichen von Leinen und
Baumwolle anwendbar sind, hier geradezu unmöglich erscheinen, da sie
nicht nur die fremden Substanzen, sondern auch den Spinnstoff selbst
auflösen oder mindestens angreifen würden.
Die Bleicherei wendet theils =chemische=, theils =mechanische=
Hülfsmittel an. Die chemischen Bleichmittel lassen sich, wenn man von
den alkalischen Laugen absieht, deren Anwendung stets der des
eigentlichen Bleichmittels vorangeht, theils auf ozonhaltige oder
ozonbildende Mittel, oder auf die Application von schwefliger Säure
zurückführen. Diejenige Bleiche, die bei Leinen- und Baumwollwaaren
Platz greift, möge dieselbe Natur- oder Rasenbleiche, oder künstliche
Bleiche (Chlorbleiche) sein, ist stets =Ozonbleiche=, deren Zweck eine
Oxydation der fremden färbenden Substanzen auf der Faser durch den
activen Sauerstoff der Atmosphäre oder des Ozonbades ist, dessen
Wirkung dadurch unterstützt wird, dass man dem Bade eine alkalische
Beschaffenheit giebt. Obgleich unter Umständen jedes oxydirende Agens
als Bleichmittel von Cellulose und ähnlichen Stoffen Anwendung finden
könnte, so hat doch die Praxis längst schon denjenigen den Vorzug
gegeben, welche bei ihrer Reduction, respective bei der Oxydation eine
Säure bilden und daher die Gegenwart eines Alkalis verlangen --
Agenden, die dieses Verhaltens wegen =alkalipathische
Oxydationsagentien= genannt worden sind. Die von den Bleichern
angewendeten Agentien sind ausser der ozonhaltigen atmosphärischen Luft
1) das =Chlor=, 2) die =unterchlorige Säure=, 3) des =Ferridcyankalium=
und 4) das =Wasserstoffsuperoxyd=, obgleich letzterer Körper mehr einer
»Zukunftsbleicherei« angehört. Von den =acidipathischen=
Oxydationsagentien, deren Produkte basisch sind, so dass die Oxydation,
resp. Bleichung nur in einer sauren Flüssigkeit vorgenommen werden
darf, verdienen drei die Beachtung der Bleicher, nämlich die vor
einigen Jahren von =Tessié du Motay= empfohlene =Uebermangansäure=, die
=Eisenoxydlösung=, die =Chromsäure=. Für das Verständniss der
Bleicherei und der dabei stattfindenden Vorgänge ist es nothwendig, zu
bemerken, dass es (nach einer Ansicht, der es allerdings an Gegnern
nicht fehlt) zwei Modificationen des Ozons giebt, in welche sich der
gewöhnliche inactive Sauerstoff zu spalten vermag. Die eine Art, das
=Ozon=, wird als positiv-activer Sauerstoff betrachtet, die andere Art,
das =Antozon= ist der ersteren Modification entgegengesetzt und
negativ-activer Sauerstoff. Kommen beide Modificationen zusammen, so
vereinigen sie sich zu gewöhnlichem (nicht bleichendem) Sauerstoff.
Diese Thatsache ist für den Bleicher von grosser Wichtigkeit, da er bei
der Wahl von mehreren Oxydationsagentien, die er zu gleicher Zeit
anzuwenden beabsichtigt, darauf Rücksicht nehmen muss, dass dieselben
die =gleichnamige= Ozonmodification enthalten, entgegengesetzten Falls
findet keine Oxydation oder Bleichung, sondern nur eine Entwickelung
von gewöhnlichem Sauerstoffgase statt. Ein Beispiel möge dies
erläutern: die Chromsäure enthält Ozon, das Wasserstoffsuperoxyd
Antozon; beide zusammengebracht geben daher unter heftiger
Gasentwickelung von gewöhnlichem Sauerstoff nur Chromoxyd und Wasser,
und besitzen in ihrer Mischung durchaus kein Bleichvermögen:
Chromsäure 2CrO_{3} + 3O } { Chromoxyd Cr_{2}O_{3}
Wasserstoffsuperoxyd 3H_{2}O + 3O } geben { Wasser 3H_{2}O
} { Sauerstoffgas 6O
Das Bleichen durch =schweflige Säure= lässt sich auf zwei wesentlich
von einander verschiedene Ursachen zurückführen, nämlich in den meisten
Fällen auf eine blosse Maskirung, in einigen wenigen Fällen aber auf
eine wirkliche Zerstörung des Farbstoffes. Die Pigmente vieler blauer
oder rother Blumen, Früchte u. s. w. gehen mit der schwefligen Säure
farblose Verbindungen ein: die Farbe ist aber nicht zerstört; verdünnte
Säuren, wie verdünnte Schwefelsäure, sowie die Dämpfe von Salzsäure,
Salpetersäure, Chlor, Jod und Brom, endlich auch Erwärmen zerstört die
gebleichten schwefligsauren Verbindungen fast augenblicklich und die
ursprüngliche Färbung kommt wieder zum Vorschein. Die Farbstoffe der
gelben Blumen verhalten sich indifferent gegen schweflige Säure und
werden durch dieselbe nicht gebleicht. Ebensowenig wird Grün
(Chlorophyll) verändert. Manche gefärbte Körper, wie das Indigblau, der
Carmin und der gelbe Farbstoff der Seide werden anfänglich durch
schweflige Säure nicht gebleicht, später aber findet eine Bleichung
statt dadurch, dass unter dem Einflusse des Lichtes der mit ihr
gemengte Sauerstoff eine Oxydation, d. h. eine Zerstörung der genannten
Farben vermittelt. Die Bleichung mit schwefliger Säure, so wie sie in
den Gewerben ausgeführt wird, ist in den meisten Fällen keine ächte,
sondern nur eine Art Uebertünchung, die den färbenden Körper dem Auge
entzieht. Beim blossen Liegen an der Luft, namentlich bei Bewegung der
gebleichten Gegenstände verflüchtigt sich allmälig die schweflige
Säure, daher die gebleichten Stoffe nach einiger Zeit von selbst ihre
ursprüngliche Farbe wieder annehmen, wie man z. B. an Stroh- und
Korbflechtarbeiten, an Badeschwämmen u. s. w. häufig wahrzunehmen
Gelegenheit hat.
[Sidenote: Bleichen der Baumwolle.]
Durch das =Bleichen der Baumwolle= wird bezweckt, den gelben Farbstoff
der rohen Baumwolle, die Weberschlichte (Leim, Dextrin, Stärke), eine
fette Substanz und die während der Verarbeitung hereingekommenen
Schmutztheile zu entfernen. Das Bleichen geschieht zuerst durch
Einweichen der Baumwolle in siedendes Wasser, wodurch alle darin
löslichen Stoffe fortgeschafft werden. Darauf kocht man dieselbe mit
Kalkmilch oder mit einer Lösung von Natriumcarbonat, wodurch die
Weberschlichte aufgelöst und das Fett in eine seifenartige Verbindung
übergeführt wird. Früher liess man zu ihrer Entfernung die baumwollenen
Zeuge eine Art Gährung überstehen. Nachdem die Schlichte und das Fett
entfernt worden sind, behandelt man die Baumwolle mit Aetznatronlauge,
wodurch eine harzähnliche Substanz, die sich den vorstehenden
Operationen entzog, aufgelöst wird. Endlich bringt man die Zeuge,
sofern man die =Kunstbleiche= der =Natur=- oder =Rasenbleiche=
vorzieht, in eine Auflösung von Chlorkalk (oder bei zarten Stoffen
Chlormagnesia), die man durch einströmenden Wasserdampf erhitzt, und
spült sie darauf in Bottichen ab, in denen sich verdünnte Schwefelsäure
oder Salzsäure befindet. Es bildet sich Calciumsulfat oder Chlorcalcium
und freies Chlor, welches im Augenblick des Freiwerdens das Bleichen
des Zeuges bewirkt. Die anhängende freie Säure wird durch ein
alkalisches Bad entfernt. Es ist einleuchtend, dass die Weisse des
Zeuges um so grösser ausfallen muss, je öfter diese Operationen
wiederholt werden. Das Behandeln der Gewebe und Garne mit siedender
Lauge nennt man das =Bäuchen= und nimmt dasselbe in besonderen
Apparaten, den =Bäuchapparaten= vor. -- Zum Trocknen der gebleichten
Zeuge bedient man sich jetzt häufig der =Centrifugal-Trockenmaschine=,
welche aus zwei in einem Kasten eingeschlossenen und an den
entgegengesetzten Seiten einer horizontalen Axe befestigten Körben von
Metallgeflecht besteht. Wird in diese Körbe das zu trocknende Zeug
gelegt, und die Axe vermittelst einer durch Räderwerk mit derselben
verbundenen Kurbel rasch umgedreht, so fliesst das Wasser durch die
Wirkung der Centrifugalkraft aus dem Zeuge aus und letzteres kann auf
diese Weise in einigen Minuten lufttrocken gemacht werden. Beim
Bleichen der =leinenen Stoffe= wendet man entweder die Rasenbleiche
oder die Kunstbleiche an. Empfohlen wird neuerdings -- ob mit Recht
oder Unrecht, sei dahingestellt -- die neue Bleichmethode von =Tessié
du Motay=[170], die auf die Anwendung von mangan- und übermangansaurem
Alkali hinausläuft. Das mangansaure Salz wird in Wasser gelöst und
durch Versetzen mit einer Lösung von Magnesiumsulfat, Chlormagnesium
oder Chlorcalcium in Natriumpermanganat, Mangansuperoxyd, Alkalisalz
und Magnesiahydrat übergeführt. Folgende Gleichung, deren Richtigkeit
übrigens dahin gestellt bleiben mag, giebt von dieser Umsetzung
Rechenschaft:
3K_{2}MnO_{4} + 2MgSO_{4} = 2KMnO_{4} + MnO_{2} + 2K_{2}SO_{4} + 2MgO.
[170] =Chevreul=, von der Jury der 51. Classe der Pariser Ausstellung
(1867) auf dem Champ de Mars, wobei das =Tessié='sche Verfahren
als Ausstellungsobject figurirte, um seine Ansicht über den Werth
des neuen Bleichverfahrens befragt, glaubt, dass die
Uebermangansäure, weil sie zu schnell bleicht, die Faser zu stark
angreife. »Eine gute, die Faser schonende Bleiche müsse langsam
vor sich gehen.«
Das Bleichverfahren selbst geht in nachstehender Weise vor sich: Die
entschlichtete Spinnfaser -- als Garn oder als Gewebe -- kommt zunächst
in ein Bad aus mangansaurem Alkali und Bittersalz oder Chlormagnesium
und bleibt darin 15 Minuten. 2-6 Kilogr. Natriummanganat sollen zum
Bleichen von 100 Kilogr. Baumwolle, Hanf oder Flachs ausreichen.
Hierauf kommt die Faser entweder in eine alkalische Lauge oder in eine
wässerige Lösung von schwefliger Säure. Im ersten Falle werden die
Spinnfasern einige Stunden lang bei 100° mit der Lauge erhitzt, bis die
auf der Faseroberfläche abgelagerten Manganoxyde ganz oder zum Theil
gelöst sind. Im zweiten Falle kommen die Faserstoffe in ein
schwefligsaures Bad, bis alles Manganoxyd gelöst ist. Derselbe Vorgang
wird wiederholt, bis die vegetabilische Faser vollständig gebleicht
ist. Handelt es sich um das Bleichen von Wolle oder von Seide, so
ersetzt man die alkalischen Laugen durch ein Seifenbad und löst die
Oxyde auf alle Fälle in schwefliger Säure. Die in der Fabrik des Herrn
=Verlay= in Comines (Norddepartement) im Grossen im Frühjahre 1867
erzielten Ergebnisse bezeugen, dass man nach dem neuen Bleichverfahren
Hanf- und Flachsgarn vollständig in einem Tage, Flachs- und Hanfgewebe
aber in drei Tagen bleichen könne, ohne dass die Faser stärker
angegriffen werde, als bei der gewöhnlichen Bleichmethode. Für 100
Meter Leinwand betragen die Kosten nur 6 Francs. Das Natriummangat wird
das Kilogramm für 1 Franc geliefert.
[Sidenote: Bleichen der Seide.]
Dem =Bleichen der Seide= geht das Entschälen voraus. Zu diesem Behufe
behandelt man die Rohseide in der Kälte mit einer Auflösung von 30 Th.
Natriumcarbonat in 100 Th. Wasser und kocht dann die entschälte
(degummirte) Seide mit Wasser aus. Durch diese beiden Operationen
verliert die Rohseide ungefähr 25 Proc. von ihrem Gewichte. Bei
seidenen Zeugen, die weiss bleiben sollen, wendet man darauf zum
Bleichen schweflige Säure an, deren Darstellung und Wirkungsart früher
beschrieben worden ist. Um das Weisse der Seide besser hervorzuheben,
pflegt man derselben einen röthlichen Schimmer durch eine Lösung von
Orlean in Seifenwasser, oder einen bläulichen Schein durch Indig zu
geben.
[Sidenote: Bleichen der Wolle.]
Die =Wollenbleiche= beginnt mit dem =Entschweissen=, d. h. mit der
Reinigung von der fettigen Kaliseife, die der Wolle im rohen Zustande
als eine Ausscheidung der Haut anhängt. Diese Operation wird durch
Behandeln der Wolle mit faulem Harn (kohlensaurem Ammon) oder mit einer
Seifenlösung ausgeführt. Die Wolle verliert dabei 20-30 Proc. an
Gewicht. Für die meisten Farben ist diese vorbereitende Reinigung
hinreichend, nicht aber für zarte Farben und Zeuge, auf welche Farben
aufgedruckt werden sollen. Bei der letzteren ist ein Bleichen durch
schweflige Säure (in Form von Natriumbisulfit unter dem Namen
=Leucogen=) nöthig.
Die Färberei der Gespinnste und Gewebe.
[Sidenote: Färberei.]
[Sidenote: Beizen.]
Auf ähnliche Weise vielleicht, wie die Kohle (namentlich die Thierkohle)
und die Ackerkrume Farbstoffe und gewisse anorganische Körper aus
Lösungen unverändert in sich aufzunehmen und unlöslich zu machen
vermögen, ist auch die thierische und vegetabilische Faser im Stande,
Farbstoffe (und gewisse Beizenbestandtheile) aus Lösungen aufzunehmen und
im absorbirten Zustande unlöslich festzuhalten. Die Verbindung ist aber
häufig eine so lockere, dass sie durch wiederholte Behandlung mit
demselben Lösungsmittel besonders in der Wärme leicht zerstört wird. So
kann man eine Faser, die mit schwefelsaurem Indig, mit in Oxalsäure
gelöstem Berlinerblau u. s. w. gefärbt ist, durch fortgesetztes Waschen
entfärben. Diese Faser wird daher erst dann eigentlich =gefärbt= werden,
wenn der aufgelöste Farbstoff mit der Faser, in den meisten Fällen unter
Mitwirkung eines dritten Körpers, einer Beize, eine _unlösliche_
Verbindung eingegangen hat, die durch Behandeln mit dem Lösungsmittel
nicht mehr gehoben wird. Die so erzeugte Farbe heisst eine =ächte=; sie
widersteht der Witterung, dem Lichte, dem Seifenwasser, schwachen
alkalischen Laugen und sehr verdünnten Säuren. Eine Farbe, die unter
diesen Einflüssen zerstört wird, heisst =unächt=. Die Färberei beruht zum
Theil auf chemischen Grundsätzen, die Aufnahme des Farbstoffes durch die
Faser ist aber, wie es scheint, nur eine physikalische, denn zwischen den
bezüglichen Quantitäten der Faser und des Farbstoffe findet eine
atomistische Beziehung nicht statt. Weder die Faser noch der Farbstoff
haben nach ihrer Fixation eine ihrer characteristischen Eigenschaften
eingebüsst.
Die zum Färben nothwendige unlösliche Verbindung der Faser mit dem
Farbstoff lässt sich auf verschiedene Weise erzeugen. Sie lässt sich
darstellen 1) durch Entfernung des Auflösungsmittels. Auf diese Art
lässt sich Kupferoxyd, das sich in Ammoniak gelöst befindet, durch
blosses Verdunsten des Ammoniaks auf der Faser fixiren. Ebenso
Zinkchromat in ammoniakalischer Lösung. Das Niederschlagen des
Carthamins aus einer alkalischen Lösung mittelst einer Säure, und die
Fällung gewisser Theerfarben aus ihrer Lösung in Alkohol gehört
ebenfalls hierher. Die unlösliche Verbindung kann 2) durch Oxydation
hervorgebracht werden, indem durch Aufnahme von Sauerstoff der vorher
lösliche Farbstoff unlöslich wird. Hierher gehören ausser dem Ferro-
und Mangansulfat, das durch Oxydation in unlösliches Oxydhydrat
übergeht, die gerbsäurehaltigen Vegetabilien, welche ausserdem einen
Farbstoff enthalten, wie Quercitron, Sumach, Gelbholz, Fiset u. s. w.
Wenn man Zeug mit einem wässerigen oder alkalischen Auszug dieser
Substanzen tränkt und dasselbe der Luft aussetzt, so wird der Farbstoff
braun und löst sich in Wasser nicht mehr auf. Eine gleiche Veränderung
wird schneller hervorgebracht, indem man auf diese Weise getränkte
Zeuge mit oxydirenden Mitteln, wie mit Chromsäure (Kaliumbichromat)
behandelt. Ein Beispiel dieser Art ist das Schwarzfärben mittelst
Blauholz und Kaliumchromat, wo das Hämatoxylin des Holzes zu Hämateïn
oxydirt und die Chromsäure zu Chromoxyd reducirt wird. In dieselbe
Kategorie gehört gewissermaassen auch das Blaufärben mit Indig in der
Küpe, von welchem später die Rede sein wird; in diesem Falle geht aber
die Färbung dadurch vor sich, dass allerdings Sauerstoff aufgenommen,
aber zugleich Wasserstoff aus dem Indigweiss ausgeschieden wird, das
sich mit dem Sauerstoff zu Wasser verbindet. Auch die Erzeugung von
Anilinschwarz auf dem Gewebe mit Hülfe ozonabgebender oder
ozonbildender Agentien (Kaliumchlorat, Ferridcyanammon, Kupferchromat,
frisch gefälltes Schwefelkupfer) ist hier einzuschalten. In vielen
Fällen sucht man 3) die unlösliche Verbindung durch doppelte Zersetzung
hervorzubringen, so erzeugt man =Blau= durch Ferrocyanwasserstoffsäure
und durch Eisenoxyd; =Grün= durch Kupferarsenit und Kupfersulfat,
=Gelb= durch Kaliumchromat und ein lösliches Bleisalz. Diese Art der
Fixirung der Pigmente findet nur bei Mineralfarben Anwendung. Die
wichtigste und gebräuchlichste Methode der Fixirung der Farben ist
endlich 4) die durch =Beizen= oder =Mordants=. Unter einer Beize
versteht man die Lösung eines Körpers, der an sich kein Farbstoff, zu
der Faser wie zu dem Pigment aber Verwandtschaft hat und die Verbindung
beider vermittelt. Die wichtigsten dieser Körper, die man zu Beizen
anwendet, sind Alaun, Aluminiumsulfat und -acetat, Aluminiumhyposulfit,
Natrium-Aluminat, Ferriacetat[171], Zinnbeize, Fette, Gerbsäure
(namentlich bei den Krapppigmenten, dem Cochenillefarbstoffe und den
Anilinfarbstoffen für Baumwolle und Leinen), Albumin, Kleber, Caseïn
und fettes Oel. Durch diese Beizen werden die zu färbenden Zeuge
gezogen, darauf wird die Beize befestigt, was je nach ihrer Natur durch
Lüften, durch Kuhkothen, durch Behandeln im Kleienbade oder durch
Behandeln mit Seife geschieht, und dann erst wird das Zeug in die
Farbelösung gebracht. Die meisten organischen Pigmente sind nur
vermittelst der Beizen zum Färben anwendbar. -- =Bankroft= theilt die
Farben ein in =substantive= und =adjective=; mit dem Namen der
ersteren bezeichnete er diejenigen, die ohne Mitwirkung von Beize auf
der Faser in den unlöslichen Zustand übergehen; zu denselben gehören
alle mineralischen Pigmente, und von den vegetabilischen: Indigo,
Curcuma, Orlean, Safflor, ferner die meisten Theerfarben, obgleich man
bei dem Fuchsin und ähnlichen Theerfarben, wie oben bereits
hervorgehoben, auch die Gerbsäure als Befestigungsmittel in Anwendung
bringt u. s. w. Unter den =adjectiven Farben= versteht er hingegen
diejenigen, die eines Intermediums bedürfen, um auf der Faser unlöslich
zu werden. Diese Zwischen- oder Aneignungsmittel sind die =Beizen=.
Letztere haben aber nicht nur die Bestimmung, die Verbindung der Faser
mit dem Farbstoff zu bewerkstelligen, sie können auch in gewissen
Fällen dazu dienen, eine solche Veränderung in den schon vorher mit
Erd- oder Metallsalzen getränkten Zeugen hervorzubringen, dass die
damit versehenen Stellen beim Herausnehmen aus der Farbenbrühe (der
Flotte) weiss erscheinen. Man nennt solche Beizen =entfärbende Beizen=.
Zu ihnen gehören Phosphorsäure, Weinsäure, Oxalsäure, arsenige Säure
etc. Die bei der Zeugdruckerei zu erwähnenden =Reservagen=
(Schutzpappen) gehören ebenfalls hierher. Oefters haben aber auch die
Beizen den Zweck, schon vorhandenen Farben einen anderen Ton zu geben,
die erhaltene Farbe lebhafter und reiner hervortreten zu lassen und
dadurch das Zeug zu =schönen= oder zu =schauen= (aviviren); letzteres
geschieht durch Ziehen des schon gefärbten Zeuges durch schwach saure
oder alkalische Flüssigkeiten, durch Seifenlösung, oder durch eine
andere Farbenbrühe. Man nennt solche Beizen =Modifikationsbeizen=.
[171] Neuerdings (1870) hat =M. Reimann= gezeigt, dass auch die amorphe
Kieselsäure als Fixirungsmittel vieler Farbstoffe Anwendung
finden könne.
[Sidenote: Wollfärberei.]
[Sidenote: Blaufärberei.]
=Wollfärberei= (Schönfärberei). Die =Wolle= wird entweder ungesponnen als
Flockwolle, oder gesponnen als Garn, oder als Gewebe, als Tuch oder Zeug
gefärbt. Da bei der Verarbeitung der Wolle stets ein Theil beim Weben,
Walken und Scheeren abfällt, so ist es vortheilhaft, die Wolle im
gesponnenen Zustande zu färben. Wenn die zu erzeugende Farbe ächt werden
soll, so werden die zu färbenden wollenen Stoffe vorgebeizt. Dies
geschieht durch Kochen (=Ansieden=) der Wolle in einer Lösung von Alaun
und Weinstein; oder Weinstein und Zinnsalz; oder Weinstein und
Eisenvitriol. Für gewisse Farben wendet man Zinnchlorid oder Pinksalz
(vergl. S. 77) an. Der wichtigste Theil der Wollfärberei ist die
=Blaufärberei=. Am häufigsten erzielt man die blaue Farbe mit Indig, der
die schönsten und dauerhaftesten Farben erzeugt, oder für Merinos und
ähnliche Stoffe mit Berlinerblau, oder endlich ordinäre Zeuge mit
Blauholz und schwefelsaurem Kupferoxyd. Ob ein Stoff mit Indig,
Berlinerblau oder Kupfersalzen gefärbt ist, lässt sich auf folgende Weise
erkennen: Mit Indig gefärbte Wolle verändert beim Kochen mit Kalilauge
oder beim Befeuchten mit concentrirter Schwefelsäure ihre Farbe nicht.
Mit Berlinerblau gefärbte Wolle nimmt beim Kochen mit Kalilauge eine
rothe Farbe an und entfärbt sich beim Berühren mit Schwefelsäure. Mit
Kupfersalz gefärbte Wolle endlich wird durch verdünnte Schwefelsäure roth
und hinterlässt kupferhaltige Asche.
[Sidenote: Indigblau.]
Wolle wird durch Indig stets auf die Weise gefärbt, dass man sie in eine
Auflösung von Indigweiss in einer alkalischen Flüssigkeit bringt, und
dann der Luft aussetzt. Folgendes Schema mag das Princip der Färberei
vermittelst der Indigküpe verdeutlichen:
C_{16}H_{12}N_{2}O_{2} + O = C_{16}H_{10}N_{2}O_{2} + H_{2}O
Indigweiss Indigblau.
[Sidenote: Indigküpen.]
[Sidenote: Waidküpe.]
[Sidenote: Potaschenküpe.]
Das Gefäss, in welchem die Auflösung des Indigs vorgenommen wird,
heisst die =Küpe=. Dieser Name ist auch auf das Verfahren des Färbens
übergegangen, so dass man unter =Indig=- oder =Blauküpe= die in der
Färberei übliche Methode, den Indig aufzulösen, versteht. Man löst den
Indig entweder, indem man denselben reducirt, oder, indem man ihn mit
Schwefelsäure behandelt. Man theilt die Küpen ein in =warme= und =kalte
Küpen=. Zu den warmen rechnet man die =Waid=- und die =Potaschenküpe=,
zu den kalten die =Vitriol=-, die =Urin=-, die =Operment=- und die
=Zinnoxydulküpe=. Die =Waidküpe= (Pastelküpe) oder =warme Küpe= dient
besonders zum Färben der Streichwolle und des Tuches; sie giebt die
schönsten, glänzendsten und haltbarsten Farben unter allen Küpen, und
besonders satte und lebhafte, wenn sie mit der besseren Sorte Waid
angemacht ist. Früher, als der Indig nicht bekannt war, wurde sie mit
Waid angesetzt und verdankte dann ausschliesslich diesem ihre färbende
Eigenschaft; später ersetzte man, um das Färbevermögen zu vermehren,
den Waid zum Theil durch Indig. Gegenwärtig setzt man den Waid zu der
Waidküpe nicht sowol wegen des darin enthaltenen Indigs, als vielmehr,
um dadurch eine Gährung hervorzurufen, durch welche der Indig zu
Indigweiss reducirt und aufgelöst wird. Um eine Küpe, die gewöhnlich
aus Eisen oder Kupfer ist, anzustellen, füllt man sie zuerst mit
weichem Wasser und setzt dann je auf 500 Liter Wasser 1 Kilogr.
feingemahlenen Indig, 13-1/2 Kilogr. Waid, 1/2 Kilogr. Krapp, 1/2
Kilogr. Kleie und 1/2 Kilogr. Potasche, während die Temperatur auf
80-90° gebracht und so etwa 2 Stunden erhalten wird. Hierauf setzt man
1/2 Kilogr. gebrannten und zu Milch gelöschten Kalk hinzu, hört aber
mit dem Feuern auf, so dass die Küpe langsam abkühlt. Nach einiger
Zeit, die je nach den Umständen von 12 Stunden bis selbst einigen Tagen
variiren kann, stellt sich eine Gährung ein, wobei der Indig allmälig
reducirt und aufgelöst wird. Es erscheinen auf der Oberfläche blaue
Blasen und blaue, mit kupferrothem Schiller spielende Streifen und ein
eigenthümlich ammoniakalischer Geruch stellt sich ein. Der Kalk muss in
der Flüssigkeit ein wenig vorherrschen. Nach beendigter Reduktion des
Indigs erscheint die Flüssigkeit klar und von weingelber Farbe. Es ist
nicht leicht die eigenthümliche Rolle des Krapps und der Kleie in der
Waidküpe genügend zu erklären. Es ist wahrscheinlich, dass aus gewissen
Bestandtheilen des Krapps und der Kleie, z. B. aus dem Zucker des
Krapps, den Pektin- und Gummikörpern und der Stärke, welche die Kleie
enthält, zunächst wesentlich Milchsäure sich bildet und dass diese
sodann in Buttersäure übergeht, wobei Kohlensäure und Wasserstoffgas
frei werden, welches letztere im _status nascens_ das Indigblau zu
Indigweiss reducirt. Der Waid erleidet dagegen eine andere Art von
Gährung, welche am besten als langsame Fäulniss bezeichnet werden kann,
dabei entsteht als wesentliches Produkt Ammoniak, wodurch das
Indigweiss gelöst wird. Beide Arten von Gährung scheinen für das
Gelingen der Küpe wesentlich zu sein. Bei blossem Zusatze von Waid zu
derselben würde nämlich die Fäulniss zu rasch vor sich gehen und eine
gänzliche Zerstörung des Indigs herbeiführen. Durch die bei der Gährung
der Kleie und des Krapps sich bildende freie Säure wird die Fäulniss
des Waids in dem Grade unterdrückt, dass zwar die zur Lösung des
Indigweisses nothwendige Menge Ammoniak sich entwickelt, aber kein
Indig zerstört wird. Der Kalk hat die Bestimmung, die durch die Gährung
gebildete Säure zu sättigen, welche sonst das Ammoniak neutralisiren
und dadurch dem Indigweiss sein Lösungsmittel entziehen würde; er wirkt
in gleichem Sinne wie die Säure dem zu schnellen Verlauf der Gährung
entgegen und trägt deshalb das Seinige zur Verhinderung der Zersetzung
des Indigs bei. Zur Darstellung der =Potaschen=- oder =Sodaküpe=,
=indischen= oder =Indigküpe= nimmt man auf 12 Th. Indig, 8 Th. Krapp, 8
Th. Kleie und 24 Th. Potasche, erwärmt anfänglich auf 50°, und setzt
nach 36 Stunden noch 12 Th. und nach 48 Stunden abermals 12 Th.
Potasche hinzu. Nach 3 Tagen ist die Gährung so weit vorgeschritten,
dass die Küpe zum Färben bereit ist. Diese Küpe färbt schneller und
besser als die Waidküpe und ist auch weit leichter zu behandeln. Man
benutzt sie zu Elbeuf und Louviers in Frankreich, so wie vielfach in
Deutschland zum Färben des Tuchs. In der neueren Zeit kommt die mit
Natriumcarbonat und Aetzkalk dargestellte =Sodaküpe= immer mehr und
mehr in Aufnahme.
[Sidenote: Vitriolküpe.]
Bei der =Vitriolküpe= (kalte Küpe) wird Indig mit Wasser, Eisenvitriol,
Kalk (oder Kali und Natron) zusammengebracht. Die Flüssigkeit wird sehr
bald entfärbt und wird besonders, um schnell zu färben, angewendet. Die
Reduktion des Indigs geht hierbei auf folgende Weise vor sich: Der Kalk
scheidet aus dem Eisenvitriol unter Bildung von Gyps Eisenoxydulhydrat
ab, das in Oxyd überzugehen strebt. Es bewirkt in dessen Folge eine
Wasserzersetzung; der Sauerstoff des Wassers verwandelt das Oxydul in
Oxyd, während der Wasserstoff zu dem Indigblau tritt und reducirten
Indig bildet:
Indigblau C_{16}H_{10}N_{2}O_{2}} {Indigweiss C_{16}H_{12}N_{2}O_{2}
Eisenvitriol 2FeSO_{4} }geben{Gyps 2CaSO_{4}
Calciumhydroxyd 2CaH_{2}O_{2} } {Eisenoxyd Fe_{2}O_{3}, H_{2}O
[Sidenote: Harnküpe.]
[Sidenote: Opermentküpe.]
[Sidenote: Zinnküpe.]
Die Vitriolküpe wird häufiger zum Färben von Baumwollen- und
Leinenstoffen, als in der Wollfärberei benutzt. Seit einiger Zeit
ersetzt man den Eisenvitriol zuweilen durch =Zinkstaub= und stellt
dadurch =Zinkküpe= dar. Die =Harnküpe= wird durch Auflösen von Indig in
faulem Harn dargestellt. Die Reduktion des Indigs geschieht durch die
organischen Substanzen des faulen Harnes, die Lösung des reducirten
Indigs durch das durch die Fäulniss des Harnstoffs entstandene
kohlensaure Ammon. Man benutzt die Urinküpe zum Färben von Wolle und
Leinen, wiewohl sehr selten. Die =Operment=- oder =Arsenküpe= dient
vielmehr in der Zeugdruckerei als zum Blaufärben der Wolle. Man stellt
sie durch Auflösen von Operment (Schwefelarsen As_{2}S_{3}) und Indig
in Kalilauge dar, und trägt die Lösung mit Gummi verdickt auf. Die
Reduktion geht auf folgende Weise vor sich: Operment und Kali geben
unter Wasserzersetzung Kaliumarseniat und Kaliumhyposulfit; der frei
werdende Wasserstoff verbindet sich mit dem Indigblau zu Indigweiss.
Bei der =Zinnküpe= bringt man den Indig mit einer Auflösung von
Zinnoxydul in Aetzkali zusammen, oder kocht Aetznatron mit Indig und
metallischem Zinn. In beiden Fällen bildet sich Indigweiss neben
Alkalistannat. Diese Küpe wird ebenfalls hauptsächlich in der
Zeugdruckerei angewendet. In neuerer Zeit wendet man zuweilen die
=Zuckerküpe= an, bei welcher Milch- oder Stärkezucker bei Vorhandensein
von Alkalien als Reduktionsmittel benutzt wird.
[Sidenote: Sächsischblau.]
Wie schon S. 675 angegeben worden ist, löst sich der Indig in
concentrirter Schwefelsäure und bildet mit derselben die
=Indigschwefelsäure=. Dieselbe dient zum Blaufärben der Wolle. Um die
Lösung derselben (die Indigcomposition) darzustellen, löst man 1 Th.
Indig in 4-5 Theilen rauchender Schwefelsäure, schüttet die Lösung in
einen Kessel mit Flusswasser, und bringt in die Flüssigkeit Flockwolle,
die man darin 24 Stunden liegen lässt. Nach Verlauf dieser Zeit,
während welcher sich die Indigschwefelsäure auf die Wolle
niedergeschlagen hat, lässt man die Wolle abtropfen, bringt sie dann in
einen Kessel mit Wasser, das mit etwas kohlensaurem Ammon, Natron oder
Kali versetzt worden ist und lässt sie mit demselben einige Zeit lang
sieden. Die so erhaltene Lösung (_abgezogenes sächsisches Blau_ oder
_Bläue_) wird zum Blaufärben angewendet. Soll Wolle mit dieser Lösung
blau gefärbt werden, so wird sie mit Alaun ausgesotten und dann mit
dieser Flüssigkeit behandelt. Es bildet sich auf der Wolle
indigschwefelsaure Thonerde.
[Sidenote: Wiederbelebung des Indigs.]
Um aus den Abfällen, den Lumpen von Tuch u. s. w. die mit Indig gefärbt
sind, den Indig wieder zu gewinnen, behandelt man die Zeuge mit
verdünnter Schwefelsäure, die bis auf 100° erwärmt ist. Es löst sich
die Wolle auf, während der Indig unlöslich zu Boden fällt.
Militärmontur-Tücher können bis zu 2-3 Proc. Indig geben. Die saure
Lösung der Wolle wird mit Kreide neutralisirt; der entstehende
schwefelsaure Kalk eignet sich wegen der damit gemengten
stickstoffhaltigen Substanz als Düngemittel.
[Sidenote: Blaufärben mit Berlinerblau.]
Mit =Berlinerblau= (Kaliblau) färbt man Wolle auf zweierlei Art. Die
erste Art besteht darin, die Wolle mit einer Eisenoxydlösung zu tränken,
und dann durch eine Lösung von Ferrocyankalium, die mit Schwefelsäure
angesäuert ist, zu ziehen. Das zweite Verfahren (_Bleu de France_) beruht
auf der Benutzung der zersetzenden Einwirkung der Luft auf die Ferro- und
Ferridcyanwasserstoffsäure. Man taucht die Zeuge in eine Auflösung von
Ferro- oder Ferridcyankalium, Schwefelsäure und Alaun in Wasser, und
setzt sie nachher der atmosphärischen Luft aus; die Ferro- oder
Ferridcyanwasserstoffsäure zersetzt sich in entweichende Blausäure und in
auf der Faser zurückbleibendes Eisencyanürcyanid. Das neuere Verfahren
von =Meitzendorf=, vermittelst des Berlinerblau's Farbentöne
darzustellen, die den durch Sächsischblau hervorgebrachten nicht
nachstehen, beruht auf der Anwendung des Ferridcyankalium. Nach dieser
Methode nimmt man eine Lösung von Ferridcyankalium, Zinnchlorid
(SnCl_{4}), Weinsäure und Oxalsäure, in welcher man die Wolle erhitzt.
Die Oxalsäure bewirkt die Lösung des Berlinerblau's, welches letztere
beim Färben nur in aufgelöster Form wirken kann, während das unlösliche
unbenutzt verloren geht. Die Weinsäure erhöht den Glanz und die
Lebhaftigkeit der Farbe.
[Sidenote: Blaufärben mit Campecheholz und Kupfersalz]
Um mit =Campecheholz= und =Kupfersalzen blau= (Holzblau) =zu färben=,
bereitet man ein Bad, in welchem man Campecheholz kochen lässt und
bringt dann Alaun, Weinstein und schwefelsaures Kupferoxyd hinzu. In
dieser Brühe lässt man die Wolle kochen. Nach dem Ausfärben werden die
Zeuge durch Kochen in einem Bad von Campecheholz, Zinnchlorür, Alaun
und Weinstein geschönt. Die mit Campecheholz gefärbten und darauf
geschönten Tuche haben vor den mit Indig im Stück gefärbten den Vorzug,
dass sie durch Reibung und durch den Gebrauch nie weiss werden. Statt
des Campecheholzes nimmt man zu _halbächten_ Farben gegenwärtig auch
häufig =Orseille= und =Persio=.
[Sidenote: Gelbfärberei.]
Die zum =Gelbfärben der Wolle= am häufigsten angewendete Substanz ist der
=Wau=, der die Eigenschaft hat, beim Zusammenbringen mit einem Alkali
weniger roth gefärbt zu werden, als die übrigen gelben Farbstoffe. Die
Waugelbfarben bleiben an der Luft ziemlich lange unverändert, obgleich
ihre Haltbarkeit mit der der Indigfarben nicht zu vergleichen ist. Die
Wolle wird zuerst mit einer Lösung von Alaun und Weinstein, und dann in
einem frischen Bade von Wau gekocht. Mit etwas Fisetholz oder Krapp
modificirt, erhält man =rothgelb=, mit etwas Indigschwefelsäure
=citronengelb=. Des =Gelbholzes= bedient man sich weniger zur Darstellung
von reinem Gelb als von gemischten Farben. Die grosse Menge der in dem
Gelbholz enthaltenen eigenthümlichen Gerbsäure bewirkt, dass mit dem
Gelbholz ohne Beizen gefärbt werden kann, obgleich die so behandelte
Flockwolle eine für das Verspinnen sehr nachtheilige Härte annimmt. Der
Vorschlag, aus den Abkochungen des Gelbholzes die Gerbsäure durch
Hautabfälle zu fällen, ist insofern ein irrationeller, als die in dem
Gelbholz enthaltene Gerbsäure eine gelbfärbende ist, und das Gelbholz
durch Entfernung dieser Säure des grössten Theils seines Farbstoffs
beraubt werden würde. Das =Fisetholz= wendet man vorzugsweise zum
Gelbfärben der Merinos an. Goldgelb wird auf Wolle mit Hülfe von
=Martiusgelb= oder von =Pikrinsäure= erzeugt.
[Sidenote: Rothfärberei.]
Bei dem =Rothfärben der Wolle= wendet man am häufigsten den =Krapp= an.
Die Operation der Krappfärberei zerfällt in das Ansieden und das
Aussieden im Krappbade. Bei derselben muss möglichst reines Wasser
angewendet werden, da besonders Kalksalze der Farbe einen eigenthümlich
violetten Ton geben. Das Ansieden geschieht in einer Lösung von Alaun und
Weinstein, das Aussieden in dem Krappbad, in welchem der Krappgehalt
mindestens die Hälfte vom Gewicht der Wolle beträgt. Nach dem Ansieden
wird die Wolle sorgfältig ausgewaschen, um alle holzigen Theile, die an
der Wolle hängen, zu entfernen. Mit der Zeit wird man vielleicht mit
künstlichem Alizarin (Anthracenroth) färben. Das Rothfärben mit
=Cochenille= geht ebenso wie die Krappfärberei durch Ansieden und
Aussieden vor sich. Die Nüancen mit einem Stich ins Gelbe führen den
Namen Scharlach, die mit einem Stich ins Rothe Ponceau. Man siedet mit
einem Bad aus Cochenille, Weinstein und Zinnsalz an und färbt mit
Cochenille und Zinnsalz aus. Mit allen =Theerfarbstoffen= (rothen,
blauen, grünen, grauen, gelben, braunen, violetten) lässt sich die Wolle
mit Leichtigkeit färben, deren Affinität zu den Anilinfarben so bedeutend
ist, dass die Lösung eines solchen Farbstoffes durch Digestion mit Wolle
fast vollständig entfärbt werden kann.
[Sidenote: Grünfärben.]
[Sidenote: Bunte Farben.]
=Grün= stellt man durch die Verbindung von Blau und Gelb dar. Gewöhnlich
färbt man erst die Wolle blau, lässt sie dann mit Weinstein und Alaun
kochen und färbt dann mit Gelbholz oder Wau aus. Das zu Spieltischen,
Billardüberzügen u. s. w. angewendete grüne Tuch wird auf folgende Weise
gefärbt: Man bereitet eine schwache Abkochung von Gelbholz, schüttet in
das Bad etwas Sächsischblau und löst darin Alaun und Weinstein. Darauf
taucht man die Stücke hinein und erhält das Bad 2 Stunden lang im Sieden.
Nach dem Auswaschen bringt man das Tuch in frisches Gelbholzbad, zu
welchem man abermals eine kleine Menge Sächsischblau gesetzt hat und
färbt es darin aus. Auch mittelst =Lo-kao= (vergl. Seite 677) und
Anilingrün, namentlich =Jodgrün=[172], färbt man Wolle (Wollgarn, glatte
Wollstoffe, Halbwolle etc.) grün. -- Auf ähnliche Weise erzeugt man durch
Cochenille, Fisetholz, Krapp, Gelbholz etc. alle Arten gemischter Farben.
[172] Vergl. die Mittheilung von =Th. Peters= (in Chemnitz) über das
Färben der Wolle mit Jodgrün (Jahresbericht der chem. Technologie
1869 p. 621).
[Sidenote: Schwarze Farben.]
Die =schwarze Farbe der Wolle= entsteht gewöhnlich, wenn man von der
Application des Anilinschwarz (aus chromsaurem Kupfer und oxalsaurem
Anilin) absieht, aus einer Verbindung des Eisenoxydes mit Gerbsäure und
Gallussäure. Man beizt die Wolle mit Eisenvitriol an und färbt dann
vermittelst einer Abkochung von Blauholz, Galläpfeln, Sumach u. s. w.
aus. Zu ächtem Schwarz (=Sedanschwarz=) giebt man den Tüchern in der
Waidküpe einen dunkelblauen Indiggrund, wäscht sie dann sorgfältig aus,
bringt sie in ein Bad von Sumach und Blauholz, lässt sie darin 3 Stunden
lang sieden und setzt darauf schwefelsaures Eisenoxydul hinzu. Diese
Operation wird wiederholt, bis das Tuch eine intensiv schwarze Farbe
angenommen hat. Zu weniger ächtem Schwarz giebt man dem Tuch einen Grund
mit Berlinerblau und färbt hierauf wie vorher aus. Bei unächtem Schwarz
(Bedarieuxschwarz, Toursschwarz, Genferschwarz) nimmt man Blauholz,
Sumach mit etwas Gelbholz, als Basis und wendet zum Schwarzfärben
Eisenvitriol und Kupfervitriol an. Das Schwarzfärben mit Kaliumchromat
(das =Chromschwarz=) -- eine Erfindung von =Th. Leykauf= in Nürnberg --
wird auf folgende Weise ausgeführt: Man siedet mit einer Lösung von
Kaliumbichromat und Weinstein an und färbt mit einer Abkochung von
Blauholz aus. Anstatt des Eisenvitriols wendet man zweckmässiger mit
Holzessig bereitetes Ferroacetat an.
[Sidenote: Weisses Tuch.]
=Weisses Tuch= erhält man, indem man das Tuch nach dem Schwefeln durch
Kreide zieht, und nach dem Trocknen ausklopft und ausbürstet.
[Sidenote: Seidenfärberei.]
=Seidenfärberei.= Die =Seide= wird gewöhnlich roh, nachdem sie entschält,
gebleicht oder geschwefelt worden ist, gefärbt. Die bei der
Seidenfärberei angewendeten Bäder dürfen nicht siedend, sondern müssen
kalt angewendet werden.