II. _Carbolsäurefarben._

[Sidenote: Farbstoffe aus Carbolsäure.]

Aus den bei 150-200° übergehenden Antheilen des schweren

Steinkohlentheeröls besteht die =Carbolsäure= (Phenylsäure, Phenol). Sie

erscheint, so wie sie von =E. Seil= in Offenbach, von =C. Calvert u. Co.=

in Bradford und von =Ch. Löwe= & =Co.= in Manchester in den Handel

geliefert wird, als eine krystallinische Masse, die an der Luft schwach

geröthet wird, bei 34°C. schmilzt und bei 186° siedet. Sie ist (nach

=Laurent='s Methode durch Behandeln des schweren Theeröles mit Alkalien

dargestellt) ein Gemenge der drei homologen Körper oder Phenole:

Carbolsäure C_{6}H_{6}O

Kresylsäure C_{7}H_{8}O

Phlorylsäure C_{8}H_{10}O.

Sie löst sich in 33 Th. Wasser. Die =Calvert='sche Carbolsäure, wie sie

die Farbenfabriken verwenden, wird dargestellt, indem man ein Gemenge

der =Laurent='schen Säure mit Wasser abkühlt. Bei +4° C. scheidet sich

Carbolsäurehydrat C_{6}H_{6}O + H_{2}O aus, welches durch Entziehung des

Wassers in reine Carbolsäure übergeht, die bei 41° schmilzt. Sie findet

ausser als Conservationsmittel (von Bauholz und Eisenbahnschwellen) auch

als Antisepticum z. B. zum Einbalsamiren, in der Pergament- und

Darmsaitenfabrikation, in den Leimfabriken und als Desinfectionsmittel

für Aborte, Schlachthäuser, Ställe, Käfige und zum Räuchern von

Krankenzimmern und Schiffsräumen etc. etc. Anwendung. Aber wol 50 Proc.

der gegenwärtig fabricirten Carbolsäure dienen zur Darstellung folgender

Farbstoffe:

1) der Pikrinsäure, 4) des Corallin,

2) des Phenylbrauns, 5) des Azulin.

3) des Grénat soluble.

[Sidenote: Pikrinsäure.]

1) Die =Pikrinsäure= (Trinitrophenylsäure) C_{6}H_{3}(NO_{2})_{3}O, durch

die Einwirkung von Salpetersäure auf Carbolsäure oder besser noch durch

Behandeln von krystallisirtem phenylschwefelsaurem Natrium mit

Salpetersäure erhalten, ist eine aus gelben Blättchen bestehende Masse,

die sich schwer in kaltem Wasser, leicht in heissem Wasser und in Alkohol

löst. Sie findet besonders zum Gelbfärben und in Verbindung mit

Anilingrün (Jodgrün), Indig oder Berlinerblau zum Grünfarben der Seide

und Wolle Anwendung[164].

[164] Es ist in neuerer Zeit vorgekommen, dass anstatt der reinen

(nicht explosionsfähigen) Pikrinsäure das =Natronsalz= derselben

(von Elberfeld aus) unter dem Namen =Pikrinsäure= und

=Anilingelb= in den Handel gebracht worden ist und durch seine

explodirenden Eigenschaften zu grossen Unglücksfällen

Veranlassung gegeben hat.

In Frankreich stellt man jährlich gegen 80-100,000 Kilogr. Pikrinsäure

dar, die indessen nicht nur zum Färben, sondern auch in namhafter Menge

zur Bereitung des Pikratpulvers (vergl. Seite 168) Verwendung findet.

Von der mit der Pikrinsäure homologen =Trinitrokresylsäure= kommt das

Ammoniaksalz unter dem Namen =Victoriaorange= oder _Jaune anglais_ im

Handel vor. Pikrinsäure giebt beim Behandeln mit Cyankalium die

Isopurpursäure, Trinitrokresylsäure die Kresylpurpursäure (=v.

Sommaruga=), deren Kalium- und Ammonsalze das Granatbraun bilden.

[Sidenote: Phénicienne.]

2) Die =Phénicienne= oder das =Phenylbraun= ist ein 1865 von =Roth=

dargestellter und in der Seiden- und Wollfärberei angewendeter

Farbstoff, welcher durch die Einwirkung einer Mischung von

Schwefelsäure und Salpetersäure auf Carbolsäure sich bildet. Das

Phenylbraun ist ein amorphes Pulver, das ein Gemenge aus zwei

Farbstoffen, einem gelben (nach =P. Bolley= Dinitrophenol

C_{6}H_{4}(NO_{2})_{2}O) und einem schwarzbraunen, den Humuskörpern

sich anreihenden, sein soll.

[Sidenote: Granatbraun.]

3) Das =Grénat soluble= oder =Granatbraun=, welches in neuester Zeit von

=J. Casthelaz= in Paris als Ersatzmittel der Orseille in die Färberei

eingeführt wurde, ist nichts anderes als das vor längerer Zeit von

=Hlasiwetz= in Wien entdeckte =isopurpursaure Kalium=, welches bei der

Einwirkung von Cyankalium auf eine Lösung von Pikrinsäure (nach der von

=Zulkowsky= angegebenen Gleichung) auf folgende Weise sich bildet:

C_{6}H_{3}(NO_{2})_{3}O + 3KCN + 2H_{2}O =

Pikrinsäure Cyankalium

C_{8}H_{4}KN_{5}O_{6} + NH_{3} + K_{2}CO_{3}

isopurpursaur. Ammoniak kohlensaures

Kalium Kalium.

Da das Granatbraun bei schwacher Reibung schon mit grosser Heftigkeit

explodirt, so kommt es in Teigform (_en pâte_) in den Handel. Zur

Verhütung des Austrocknens des Teiges ist derselbe mit etwas Glycerin

versetzt.

[Sidenote: Corallin.]

4) Das =Corallin= (oder =Paeonin=), ein scharlachrother Farbstoff,

entsteht nach =Kolbe= und =R. Schmidt= durch Erhitzen eines Gemenges von

Carbolsäure, Oxalsäure und Schwefelsäure, bis die Farbe sich genügend

entwickelt hat; nach beendigter Reaction wäscht man mit siedendem Wasser,

um die überschüssige Säure zu entfernen; die zurückbleibende Substanz

wird getrocknet und gepulvert und bei einer Temperatur von 150° der

Einwirkung von Ammoniak ausgesetzt.

In welcher Beziehung das Corallin zu der von =Runge= im Theer

entdeckten =Rosolsäure= steht, ist noch zu ermitteln. Nach den

Untersuchungen von =H. Caro= wären beide Körper identisch. Die

Rosolsäure C_{20}H_{16}O_{3} entstehe (ähnlich wie Rosanilin aus Anilin

und Toluidin sich bilde) aus Carbolsäure und Kresylsäure nach folgender

Gleichung:

C_{6}H_{6}O + 2C_{7}H_{8}O = C_{20}H_{16}O_{3} + 3H_{2}

Carbolsäure. Kresylsäure. Rosolsäure.

[Sidenote: Azulin.]

5) =Azulin= (Phenylblau). Erhitzt man Corallin mit Anilinöl, so erhält

man nach =J. Persoz= und =Guinon-Marnas= einen blauen Farbstoff,

welcher den Namen Azulin (Azurin) erhielt.

[Sidenote: Farbstoff direct aus Nitrobenzol.]

Aus dem =Nitrobenzol= direct hat man ebenfalls Farbstoffe darzustellen

versucht. Nach =Laurent= und =Casthelaz= erhält man einen rothen

Farbstoff, das =Erythrobenzin=, wenn man 12 Th. Nitrobenzol, 24 Th.

Eisenfeile und 6 Th. Salzsäure 24 Stunden lang bei gewöhnlicher

Temperatur stehen lässt. Es bildet sich eine feste harzähnliche Masse,

welche man mit Wasser auszieht; die Lösung wird mit Kochsalz gefällt.

Die so erhaltene Farbe ist zum Drucken und Färben anwendbar und soll

das Fuchsin zu ersetzen (?) im Stande sein.

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 114 / 167 题