Die Färberei und der Zeugdruck.
Die Färberei und Druckerei im Allgemeinen.
[Sidenote: Färberei und Druckerei im Allgemeinen.]
Die =Färberei= hat zum Zweck, die Gespinnstfasern (meist als Gewebe, doch
auch als Garn oder zuweilen als ungesponnene Faser) mit den Farbstoffen
zu versehen und erstere dadurch in =gefärbte Zeuge= umzuwandeln. Sie
unterscheidet sich von dem Malen und Anstreichen dadurch, dass die
Farbstoffe nach bestimmten physikalischen und chemischen Grundsätzen auf
die thierische und vegetabilische Faser befestigt werden, und nicht nur
auf der Oberfläche durch Adhäsion haften, obgleich bei dem Malen und
Anstreichen oft dieselben Substanzen wie beim Färben Anwendung finden.
Das Bedrucken der Zeuge mit Farbstoffen, die =Zeugdruckerei=, ist eine
örtliche Färberei und ein wichtiger Theil der Färberei im Allgemeinen.
[Sidenote: Farbstoffe.]
Die zur =Färberei= angewendeten Substanzen, die =Farbstoffe=
(Pigmente), sind theils mineralischen, theils animalischen und
vegetabilischen, theils auch chemischen Ursprungs. Unter den
zahlreichen =anorganischen Farbstoffen= sind nur wenige, die vermöge
ihrer Eigenschaften in der Färberei Anwendung finden können, und es ist
für sie eigenthümlich, dass sie erst auf der zu färbenden Pflanzen-
oder Thierfaser hervorgebracht werden. Ein sehr gebräuchlicher
mineralischer Farbstoff ist z. B. das Bleichromat. Nicht aber lässt
sich diese Substanz als solche direct in der Färberei anwenden, sondern
man bildet sie erst aus ihren Bestandtheilen auf der Faser selbst,
indem man dieselbe zuerst mit einer Lösung von Bleiacetat tränkt, und
die so vorbereitete Faser sodann durch eine Lösung von Kaliumchromat
zieht. Es bildet sich Bleichromat, das in den inneren Theilen der Faser
niedergeschlagen, fest an derselben haftet. Andere Farbstoffe
anorganischer Natur sind das Berliner- oder Pariserblau, das
Eisenoxydhydrat (Rostfarbe), das Manganoxydhydrat (Bisterfarbe) und das
Chromgrün. Von den dem =Thierreiche= entlehnten Farbstoffen wendete man
früher den =Saft der Purpurschnecke= und den =Kermes= (_Coccus ilicis_)
an, jetzt aber benutzt man von denselben nur noch die =Cochenille=
(_Coccus cacti_) und eine Secretion der =Gummischildlaus= (_Coccus
laccae_). Ein bei weitem grösserer Theil der Farbstoffe stammt aus dem
Pflanzenreiche, und man versteht unter =vegetabilischen Pigmenten=
diejenigen Körper, denen gewisse Pflanzen oder einzelne Theile
derselben ihre eigenthümliche Färbung verdanken. Es scheint aus neueren
Untersuchungen hervorzugehen, dass ein grosser Theil der sogenannten
Farbstoffe in der Pflanze im farblosen Zustande enthalten ist, und sich
erst unter dem Einflusse der atmosphärischen Luft färbt. Allgemeine
Eigenschaften der vegetabilischen Farbstoffe lassen sich nicht angeben,
da sie, ausser dem Gefärbtsein, einen gemeinsamen Charakter nicht
besitzen. Fast sämmtlich werden die Farbstoffe an feuchter Luft unter
dem Einflusse des Sonnenlichts zersetzt (sie verschiessen). Chlor
bleicht die Pigmente und zerstört ihre Farbe, schweflige Säure bringt
sie zum Verschwinden, zerstört sie aber nicht. In Folge des glänzenden
Aufschwungs, den die organische Chemie seit etwa zwei Jahrzehenden
genommen, ist zu den drei genannten Arten eine neue Klasse von
Farbstoffen gekommen, die wir =chemische Farbstoffe= nennen wollen,
insofern sie durch die Kunst des Chemikers aus meist ungefärbten
organischen Substanzen dargestellt werden. Letztere Farbstoffe scheinen
die Mission zu haben, sämmtliche in der Färberei bisher übliche
vegetabilische und thierische Farbstoffe ersetzen zu sollen. Die
chemischen Farbstoffe werden aus dem Theer dargestellt und zwar
vorzugsweise aus fünf Bestandtheilen desselben, nämlich dem Benzol, dem
Toluol, der Carbolsäure, dem Anthracen und dem Naphtalin. Sie sind
unter dem Namen der =Anilinfarben=, im Allgemeinen unter dem der
=Theerfarben= (Fuchsin, Anilinblau und Violett, Martius- oder
Manchestergelb, Anilinorange und Pikrinsäure, Anilin- und
Bismarckbraun, Corallin, Alizarin aus Anthracen, Magdalaroth,
Anilinschwarz und Anilingrün) bekannt. Zu den chemischen Farben gehören
auch die durch Zersetzung der Alkaloide (Cinchonin, Chinin u. dergl.)
erhaltenen Farben, so das Chinolinblau, das Chiningrün (Thalleiochin)
etc.; ferner auch das Zersetzungsprodukt der Harnsäure, das Murexid.
Die Entdeckung der chemischen Farbstoffe hat bereits eine Umwälzung in
der Färberei und Farbenbereitung bewirkt, deren wirthschaftliche Folgen
noch nicht übersehen werden können. Bei weiterer Untersuchung der im
Laboratorium des Chemikers dargestellten Farbstoffe wird sich ohne
Zweifel bei Manchem die Identität mit in der Natur fertig gebildeten
Farbstoffen des Pflanzen- und Thierreiches herausstellen.
[Sidenote: Lackfarben.]
Die =Lacke= oder =Lackfarben= sind Verbindungen von Stärkemehl,
Thonerde, Zinnoxyd oder Bleioxyd (zuweilen auch Calciumcarbonat, Baryt
und Antimonoxyd) mit dem Farbstoffe, z. B. des Krapps, der Cochenille,
Wau, Rothholzes, der Theerfarben (namentlich des Corallins, Fuchsins,
des Anilinvioletts) u. s. w., obgleich bestimmte Verhältnisse bis jetzt
in den seltensten Fällen ermittelt worden sind. =Anstrichfarben=
heissen in Wasser unlösliche Verbindungen, welche mit Leimwasser (als
Leim- oder Wasserfarben) oder Oelfirniss (als Oelfarben) aufgetragen
werden, z. B. Bleiweiss, Berlinerblau, Ultramarin, Chromgelb, Zinnober
u. s. w. =Tuschfarben= sind erdige und deckende Farben, welche den
Farbstoff in der Flüssigkeit, die man zum Malen anwendet, nicht
aufgelöst, sondern nur suspendirt enthalten. =Pastellfarben= sind
endlich Lack- und Metallfarben, mit Thon (Porcellanerde) und etwas
Tragantschleim und häufig Seife oder Fettsubstanz gemengt und in Form
von Stiften gebracht; sie werden trocken angewendet.
[Sidenote: Farben.]
Die in der Färberei angewendeten Farben, welche den zu färbenden
Gegenstand in seiner ganzen Masse färben, heissen allgemein
=Zeugfarben=. Farben, die dagegen nur auf der Oberfläche färben, nennt
man =Malerfarben=. Letztere werden unterschieden als Saftfarben,
Lackfarben und Anstrichfarben. Die =Saftfarben= sind in Wasser oder
Firniss mehr oder weniger lösliche Farben, welche nicht decken, sondern
durchscheinend (lasirend, daher Lasurfarben) sind. Hierher gehören
Saftgrün, Gummigutt, Carminlösung, die meisten Theerfarben und
lösliches Berlinerblau.
A. Die aus dem Kohlentheer stammenden Farbstoffe[158].
[Sidenote: Der Kohlentheer.]
Der bei der trocknen Destillation der Steinkohlen behufs der Gas- und
Kokserzeugung in reichlicher Menge sich bildende =Theer=
(Steinkohlentheer, Kohlentheer, _coal-tar_) ist ein Gemisch von flüssigen
und festen Kohlenwasserstoffen (Benzol, Toluol, Cumol, Cymol, Anthracen,
Naphtalin), mit Säuren (Carbol- oder Phenylsäure, Cresylsäure,
Phlorylsäure, Rosolsäure), Basen (Anilin, Chinolin, Odorin oder Picolin,
Toluidin, Coridin etc.) und Asphalt bildenden Bestandtheilen (siehe unter
Gasbeleuchtung) in wechselnden Verhältnissen. Am Allgemeinen lässt sich
die Zusammensetzung des Theeres in 100 Theilen in folgender Weise
ausdrücken, wobei von der geringen Menge der Basen Umgang genommen
wurde:
Benzol 1,5
Naphta 35
Naphtalin 22
Anthracen 1
Carbolsäure 9
Pech 31,5
-----
100,0
[158] Es sei verwiesen auf folgende Werke: =G. Lunge=, Die Destillation
des Steinkohlentheers, Braunschweig 1867; =Th. Oppler=, Theorie
und prakt. Anwendung von Anilin, Berlin 1866; =M. Vogel=, Die
Entwickelung der Anilinindustrie; 2. Auflage; Leipzig 1870; =M.
Reimann=, Die Technologie des Anilins, Berlin 1866; =E. Kopp=,
Examen des matières colorantes dérivées du goudron de houille,
Saverne 1861; =M. P. Schützenberger=, Die Farbstoffe. Bearbeitet
von =H. Schröder=, I. und II. Band, Berlin 1868-1870; Rapports du
Jury international, Paris 1868 (Tome VII p. 223-304); =Ad.
Wurtz=, Dictionnaire de chimie pure et appliquée, Paris 1868-1871
(Tome I et II).
Durch Destillation des Theeres und fractionirtes Auffangen der Produkte
erhält man einestheils leichte Oele, aus denen man das Benzol und seine
Homologen abscheidet, andertheils schweres Theeröl, welches auf
Carbolsäure verarbeitet wird. Aus den pechartigen Theilen des Theeres
scheidet man das Anthracen ab.
Zur annähernden Schätzung der =Ausbeute= an den verschiedenen
=Zwischenprodukten=, die bei der trocknen Destillation der Steinkohle
sich bilden, mögen folgende Angaben dienen:
100 Kilogr. Steinkohlen geben 3 Kilogr. Theer,
100 " Theer " 0,75-1,0 Kilogr. Anthracen,
100 " " " 3 Kilogr. Rohbenzol,
100 " " " 1,5 " reines Benzol,
100 " " " 3 " Nitrobenzol,
100 " " " 2,25 " Rohanilin,
100 " " " 3,37 " rohes Anilinroth,
100 " " " 1,12 " reines Fuchsin.
Zur Darstellung von 1 Kilogr. reinem Fuchsin sind folglich 60 Centner
Steinkohle erforderlich.
[Sidenote: Benzol.]
Das =Benzol= (Benzin) im chemischen Sinne ist ein flüssiger
Kohlenwasserstoff von der Formel C_{6}H_{6}. Es wurde 1825 von =Faraday=
unter den Produkten der trocknen Destillation der fetten Oele entdeckt
und 1833 von =E. Mitscherlich= bei der Destillation der Benzoësäure mit
überschüssigem Kalk aufgefunden. =Leigh= in Manchester fand es 1842 im
Steinkohlentheer, =Mansfield= dagegen war der erste, der 1847 das
reichliche Volumen des Benzols im Theer nachwies und Mittel und Wege zur
Isolirung des Benzols angab. -- Das =käufliche= Benzol ist ein Gemenge
von Benzol (bei 80,4° siedend) mit Toluol C_{7}H_{8} (Siedepunkt bei
108°), Xylol C_{8}H_{10} (bei 130° siedend), Cumol C_{9}H_{10} (151°
Siedepunkt) und Cymol C_{10}H_{12} (bei 175° übergehend). Die
vorherrschenden Bestandtheile sind Benzol und Toluol. Die Benzole werden
den Anilinölfarbenfabrikanten und den Producenten von Anilinfarben mit
genau bestimmtem Benzolgehalte geliefert; ein Benzol von 30-40 Proc. (d.
h. mit einem Gehalte an Benzol C_{6}H_{6} von 30-40 Proc., der Rest von
60-70 Proc. ist Toluol und Xylol) eignet sich gut zur Fabrikation von
Anilinroth, ein Benzol von 90 Proc. zur Darstellung von Anilinöl für Blau
oder Schwarz. Der Siedepunkt der zur Farbenfabrikation geeigneten Benzole
liegt zwischen 80 und 120°, ihr spec. Gewicht variirt zwischen 0,85 und
0,89.
[Illustration: Fig. 265.]
[Illustration: Fig. 266.]
Die Darstellung des Benzols geschieht aus den =leichten= Theerölen
(demjenigen Antheil der flüssigen Produkte bei der Destillation des
Theeres, welcher unter 150° siedet). =Mansfield= wendete hierzu den
durch Fig. 265 versinnlichten Apparat an. Das Theeröl befindet sich in
der über der Feuerung _R_ stehenden Blase _A_. Das Gefäss _C_ ist mit
kaltem Wasser angefüllt. Sobald das Oel siedet, verdichten sich die
ersten Antheile der sich entwickelnden Dämpfe in _B_ und gelangen
wieder nach _A_ zurück. Sobald jedoch das Wasser in _C_ auf eine
gewisse Temperatur sich erwärmt hat, condensiren sich die flüchtigsten
Partieen des Theeröles nicht mehr in _B_, sondern gelangen in den mit
kalt erhaltenem Wasser beschickten Kühlapparat _D_, und verdichten sich
dort erst zu einer Flüssigkeit, die aus der Kühlschlange bei _n_ in
den untergestellten Ballon _S_ abläuft. Sobald das Wasser in _C_ bis
zum Sieden erhitzt ist, sind alle Bestandtheile des Theeröles, die bei
100° dampfförmig bleiben, überdestillirt und in _S_ aufgefangen worden.
Man erhält mit diesem Apparate ein sehr reines Benzol. Mittelst des
Hahnes _m_ kann man, nachdem das Benzol abdestillirt worden, die über
100° siedenden Kohlenwasserstoffe rectificiren. Der Hahn _i_ dient zum
Entleeren der Blase. -- In den Benzolfabriken wendet man zur
Benzolgewinnung gegenwärtig beistehend (Fig. 266) abgebildeten Apparat
an. _A_ ist die Destillirblase, _B_ der Condensator, _C_ das
Wasserreservoir. Bei Beginn der Destillation heizt man das Wasser in
_C_ durch das Dampfrohr _D_, welches mit dem Dampfgenerator
communicirt. Das Rohr _G_ trägt die Blase. _i_ dient zum Füllen, _b_
zum Entleeren derselben. Durch _H_ wird das Condensationswasser
abgeleitet. Zur vollständigen Reinigung kann man das Benzol gefrieren
lassen und die erhaltene feste Masse schnell auspressen.
[Illustration: Fig. 267.]
Im Jahre 1860 schon hat =E. Kopp= (in Turin) die Vortheile der
Anwendung eines Apparates zur Benzoldarstellung hervorgehoben, welcher
den modernen Spiritusdestillirapparaten nachgebildet ist. Auf diesen
Ideen fussend, hat 1863 =Th. Coupier= seinen Destillirapparat
construirt, der überall, wo Benzol im Grossen dargestellt wird,
eingeführt ist. Er besteht, wie Fig. 267 zeigt, aus der Blase _A_, in
welche man durch die Oeffnung _B_ die der fractionirten Destillation zu
unterwerfenden Benzole bringt. Die Blase wird mit Dampf geheizt,
welcher durch das Rohr _C_ zuströmt. Die aus der siedenden Flüssigkeit
sich entwickelnden Dämpfe gelangen in die als Dephlegmator wirkende
Säule _N_, wo eine erstmalige Fractionirung stattfindet. Die
flüchtigsten Antheile der Dämpfe, welche in _N_ nicht condensirt
werden, gelangen in den mit Chlorcalciumlösung angefüllten Apparat _D_,
welcher durch das Dampfrohr _m_ bis auf eine bestimmte, durch das
Thermometer _t_ zu ermittelnde Temperatur gebracht wird. Der Dampf des
Heizrohres entweicht durch _P_. Soll nun reines Benzol dargestellt
werden, so wird die Chlorcalciumlösung bis auf 80° erwärmt. Die nach
_G_ kommenden Dämpfe sind ein Gemenge von Benzol, Toluol etc. Da die
Temperatur des Recipienten _G_ nicht höher als 80° ist, so verdichten
sich darin die Dämpfe des Toluols und der übrigen homologen Glieder wie
Xylol etc., während die in _G_ nicht condensirbaren Dämpfe nach den
Recipienten _H_, _I_ und _K_ gelangen, dort die letzten Spuren der
minder flüchtigen Kohlenwasserstoffe verlieren und endlich in dem mit
kalten Wasser gespeisten Kühlapparate _L_ condensirt und in dem Ballon
_M_ aufgefangen werden. Die in _G_, _H_, _I_ und _K_ verdichtete
Flüssigkeit geht in die Säule _N_ zurück. Da der Recipient _G_ die
schwersten Produkte enthält, so müssen dieselben behufs der
Dephlegmation in den unteren Theil der Säule gelangen, während die
Condensationsprodukte aus _K_ in den obersten Theil der Säule geleitet
werden. Will man kein Benzol, sondern Toluol darstellen, so erwärmt man
die Temperatur des Chlorcalciumapparates bis auf 108 bis 109°.
Ein eigenthümliches Verfahren der Bereitung von Benzol nicht aus Theer,
sondern aus =Steinkohlenleuchtgas= ist von =H. Caro=, =A.= und =K.
Clemm= und =F. Engelhorn= (in Mannheim) in Vorschlag gebracht worden.
Dasselbe beruht darauf, dass das Leuchtgas in möglichst innige
Berührung mit Theerölen, namentlich solchen, die einen höhern
Siedepunkt als Benzol und Toluol haben, Petroleum, Schieferöl, fetten
Oelen oder ähnlichen Körpern, gebracht wird. Die Theeröle etc. lösen
dabei das Benzol und dessen Homologen, die dann durch fractionirte
Destillation aus ihnen abgeschieden werden können; nach der Abscheidung
können die Oele wieder zur Aufnahme von Benzol verwendet werden. Bei
dem immer wachsenden Bedarfe von Benzol erscheint das neue Verfahren,
welches sehr grosse Mengen zu gewinnen gestattet, beachtenswerth. Dem
Uebelstande, dass das Leuchtgas, welchem die Dämpfe von Benzol entzogen
werden, namhaft an Leuchtkraft verlieren wird, liesse sich dadurch
abhelfen, dass man das Gas nach Abscheidung des Benzol mit Dämpfen von
Petroleumäther sättigt.
[Sidenote: Nitrobenzol.]
Das Benzol wird durch die Einwirkung der Salpetersäure in =Nitrobenzol=
(das wiederum ein Gemenge ist von Nitrobenzol C_{6} {(H_{5} / NO_{2}),
Nitrotoluol C_{7} {(H_{7} / NO_{2}) und Nitroxylol C_{8} {(H_{9} /
NO_{2}) übergeführt. Das Nitrobenzol wurde 1834 von =E. Mitscherlich=
dargestellt und von =C. Collas= in Paris unter dem Phantasienamen
_Essence de Mirbane_ (Mirbanöl) zuerst im Grossen dargestellt. Früher
wendete man hierzu den =Mansfield='schen Apparat an. Derselbe besteht in
einer grossen gewundenen Glasröhre, deren oberes Ende sich gabelförmig in
zwei Röhren theilt, welche mit Eingiesstrichtern versehen sind. In den
einen dieser Trichter fliesst ein Strom concentrirter Salpetersäure,
während der andere zur Aufnahme des Benzols bestimmt ist. An dem
Vereinigungspunkte der Trichterröhren, wo beide Körper zusammentreffen,
geht die chemische Verbindung vor sich und das neue Produkt kühlt sich
beim Durchfliessen durch das schlangenförmige Rohr so weit ab, dass es am
untern Ende aufgefangen werden kann. Es braucht nur noch mit Wasser und
zuletzt mit einer verdünnten Lösung von Natriumcarbonat gewaschen zu
werden, um zur weiteren Verarbeitung geeignet zu sein[159]. Ein weit
besseres Verfahren als das vorstehende ist die Darstellung des
Nitrobenzols mit einer Mischung von 2 Th. Salpetersäure von 40° B. und 1
Th. Schwefelsäure von 66° B. Man arbeitet in geschlossenen Gefässen,
welche den zur Anilinfabrikation benutzten sehr ähnlich sind. Der obere
Theil des Gefässes steht durch ein Rohr mit einem Schornstein in
Verbindung, um die nitrösen Dämpfe abzuleiten, andererseits communicirt
er durch ein S förmig gebogenes Rohr mit einem Reservoir, in welchem das
Säuregemenge sich befindet. Das zu nitrirende Benzol wird auf einmal in
den Apparat gebracht, während das Säuregemisch allmälig hinzuläuft. Die
Reaction wird mittelst einer Rührvorrichtung befördert. Ein mit dem
Kessel communicirender Kühlapparat condensirt das während der Reaction
sich verflüchtigende Benzol. Die Beendigung der Einwirkung erkennt man
daran, dass die Flüssigkeiten entfärbt sind und in zwei Schichten über
einander sich gelagert haben. Nachdem die Säure durch Zusatz von Wasser
bis auf 50° B. verdünnt worden ist, trennt man beide
Flüssigkeitsschichten durch Decantation. Das Nitrobenzol wird durch
Waschen mit Wasser etc. gereinigt[160]. Gegenwärtig wendet man zuweilen
(nach =E. Kopp='s Vorschlag) bei der Darstellung des Nitrobenzols ein
Gemenge von Natriumnitrat und Schwefelsäure an. 100 Kilogr. Benzol
liefern 135-140 Kilogr. Nitrobenzol.
[159] In den Waschfässern findet sich die mit der Nitrobenzoësäure
isomere =Paranitrobenzoësäure=.
[160] Die abfallende salpetersäurehaltige Schwefelsäure dient zur
Schwefelsäurefabrikation, zum Aufschliessen der Phosphate in den
Düngerfabriken, zur Darstellung von Eisenvitriol etc. etc.
Den verschiedenen Benzolen entsprechen verschiedene Nitrobenzole,
nämlich 1) =leichtes= Nitrobenzol, zwischen 205 und 210° siedend. Es
bildet das in der Parfümerie und Seifenfabrikation massenhaft
verwendete künstliche Bittermandelöl oder die _Essence de Mirbane_;
spec. Gew. = 1,20 (= 24° B.); 2) =schweres= Nitrobenzol, zwischen 210
und 220° destillirend. Sein eigenthümlicher Fettgeruch verhindert seine
Anwendung in der Parfümerie; spec. Gew. = 1,19 (= 23° B.); aus diesem
Nitrobenzol werden die Aniline für Roth dargestellt; 3) =sehr schweres=
Nitrobenzol, zwischen 222 und 235° destillirend; spec. Gew. = 1,167 (=
21° B.). Sein Geruch ist unangenehm. Dieses Nitrobenzol wird
vorzugsweise auf Anilin zum Zweck der Darstellung von Anilinblau
verarbeitet.
[Illustration: Fig. 268.]
[Sidenote: Anilin.]
Das =Rohanilin=, welches zur Herstellung der Theer- oder Anilinfarben
dient, ist im wesentlichen ein Gemenge von Anilin C_{6}H_{7}N, Toluidin
C_{7}H_{9}N und dem (von =Rosenstiehl= entdeckten) Pseudotoluidin (isomer
mit Toluidin). Es führt in der Technik den Namen Anilinöl. Reines
=Anilin=, so wie reines Toluidin geben für sich nur unter gewissen
Bedingungen Farben. Das Anilin wurde zuerst 1826 von dem Chemiker
=Unverdorben= (in Dahme in der Provinz Sachsen) unter den Produkten der
Destillation des Indigs, und im Jahre 1833 von =Runge= (in Oranienburg)
als Bestandtheil des Steinkohlentheers wahrgenommen. Letzterer fand
zugleich, dass der neue Körper mit Chlorkalklösung zusammengebracht, eine
prächtig violette Färbung annehme, weshalb er =Kyanol= (oder Blauöl)
genannt wurde. Staatsrath =v. Fritzsche= (in Petersburg) studirte (1841)
den von =Unverdorben= aus dem Indig erhaltenen Körper, bestimmte seine
Zusammensetzung und nannte ihn (nach _anil_, dem portugiesischen Namen
des Indigs) =Anilin=. =Zinin= endlich fand (1842), dass beim Behandeln
von Nitrobenzol mit Schwefelwasserstoff eine Base sich bildete, die er
=Benzidam= nannte. Spätere Untersuchungen von =O. L. Erdmann= und
=Hofmann= ergaben, dass der von =Unverdorben= erhaltene Körper,
Krystallin genannt, das Kyanol, das Benzidam und das Anilin identisch
seien. Der letztere Name wurde beibehalten. Um die Kenntniss des Anilins
und der Anilinverbindungen hat sich =A. W. Hofmann= hervorragende
Verdienste erworben.
Der Theer enthält 0,3-0,5 Proc. Anilin, jedoch die Ausscheidung des
letztern ist mit so vielen Schwierigkeiten verknüpft, dass man es
allgemein vorzieht, das Anilin indirect durch die =Zinin='sche Reaction
aus dem Nitrobenzol darzustellen, dadurch, dass man es mit reducirenden
Agentien zusammenbringt. 1 Mol. Nitrobenzol C_{6}H_{5}NO_{2} = 123
giebt 1 Mol. Anilin C_{6}H_{7}N = 93. In der Praxis nimmt man an, dass
100 Th. Nitrobenzol 100 Th. Anilin geben.
Obgleich das Schwefelwasserstoffgas eine vollständige Reduction des
Nitrobenzols zu Anilin bewirkt, so giebt man doch in der Praxis der von
=Béchamp= eingeführten Behandlung des Nitrobenzols mit Eisenfeile und
Essigsäure den Vorzug. Der dabei verwendete Apparat ist der von
=Nicholson= construirte (Fig. 268). Er besteht im wesentlichen aus
einem gusseisernen Cylinder _A_ von 10 Hektoliter Capacität, in dessen
Längenaxe ein starkes Rohr bis fast auf den Boden des Cylinders
hinabgeht. Der obere Theil dieses Rohres steht mit dem
Bewegungsmechanismus _G_ in Verbindung, seine Oberfläche ist mit
stählernen Flügeln versehen. Dieses Rohr dient zum Einleiten von Dampf
und als Rührwerk. Zuweilen wendet man anstatt des hohlen Rohres eine
massive Welle an; in diesem Falle ist ein besonderes Dampfrohr _D_
vorhanden. Die Oeffnung _K_ dient zum Eintragen der Materialien, durch
_E_ entweichen die verflüchtigten Produkte. _H_ dient zum Entleeren und
Reinigen des Apparates. Das mit dem Gefässe _B_ verbundene S-förmig
gebogene Rohr dient als Sicherheitsventil. Soll der Apparat in Gang
gesetzt werden, so trägt man durch _K_ 10 Kilogr. Essigsäure von 8° B.,
die mit der 6fachen Gewichtsmenge Wasser verdünnt wurde, ein, hierauf
30 Kilogr. gepulvertes Gusseisen oder Eisenfeile oder Drehspäne und 125
Kilogr. Nitrobenzol, und lässt das Rührwerk spielen. Die Reaction tritt
sofort unter Temperaturerhöhung und Entwickelung von Dämpfen ein. Man
trägt nach und nach neues Eisen ein, bis die Menge des zugesetzten
Eisens 180 Kilogr. beträgt. Die während der Reduction des Nitrobenzols
zu Anilin entweichenden Dämpfe verdichten sich in dem Kühlapparate _F_
und sammeln sich in dem Ballon _R_ an, und werden von Zeit zu Zeit in
den Cylinder _A_ zurückgegeben. Nach einigen Stunden ist die Reduction
beendigt. Die entstandene dicke Masse ist von rothbrauner Farbe und
besteht wesentlich aus Eisenoxydhydrat, Anilin, essigsaurem Anilin,
Eisenacetat und überschüssigem Eisen. Lässt man die Essigsäure aus dem
Spiele, so geht der Process nach folgender Gleichung vor sich:
C_{6}H_{5}NO_{2} + H_{2}O = C_{6}H_{7}N + Fe_{2}O_{3}
Nitrobenzol. Anilin. Eisenoxyd.
Sie wird entweder für sich oder mit Kalk gemengt in gusseisernen
Cylindern von der Form der Gasretorten entweder mit Dampf oder über
freiem Feuer der Destillation unterworfen. Das Produkt, aus Aceton,
Acetanilin, Anilin, Nitrobenzol etc. bestehend, wird noch einmal
destillirt und nur der zwischen 115 und 190° übergehende Theil
aufgefangen. Der zwischen 210 und 220° übergehende Antheil ist
besonders zur Darstellung von Anilinblau geeignet. Das so erhaltene
Anilinöl erscheint als eine bräunliche Flüssigkeit, etwas schwerer als
Wasser und für die Zwecke der Farbendarstellung genügend rein. Nach
=Brimmeyr= kann man die Essigsäure ganz entbehren und erzielt ein sehr
gutes Resultat, wenn man z. B. Nitrobenzol und 60 Th. Eisenpulver unter
Zusatz von angesäuertem Wasser (2-2,5 Proc. Salzsäure vom Gewicht des
Nitrobenzols) in einer Retorte erst drei Tage zusammen in Berührung
lässt und dann das entstandene Anilinöl abdestillirt. In der
Anilinfabrik von =Gebr. Coblentz= in Paris reducirt man das Nitrobenzol
durch Eisenfeile, welche zur Hälfte durch Verweilen in
Kupfervitriollösung verkupfert wurde.
Die Zusammensetzung des =Anilinöles=, wesentlich ein Gemenge von Anilin
mit Toluidin und Pseudotoluidin, richtet sich nach der Natur des zu
seiner Darstellung angewendeten Benzols und Nitrobenzols. Das zwischen
180 und 195° siedende Anilinöl (spec. Gewicht = 1,014 bis 1,021 = 2-3°
B.) wird dargestellt aus Nitrobenzolen, welche zwischen 210 und 220°
sieden; das schwere Anilinöl für Anilinblau wird, wie oben bemerkt, mit
sehr schwerem Nitrobenzol dargestellt. Anilin für Anilinroth wird
dargestellt mit Nitrobenzol bei 210-220° siedend, Anilinöl für
Anilinviolett mit Nitrobenzol, welches bei 210-225° siedet. Um diese
Siedepunktverhältnisse würdigen zu können, erinnern wir an die
Siedepunkte nachstehender Körper:
Benzol 80° Nitrotoluol 225°
Toluol 108° Anilin 182°
Nitrobenzol 213° Toluidin 198°
Es folgt aus dem Vorstehenden, dass viele Benzole, Nitrobenzole und
Aniline im Handel vorkommen, die man mit demselben Rechte auch Toluole,
Nitrotoluole und Toluidine nennen könnte.
Die =Produktion an Anilin= ist gegenwärtig (1871) eine erstaunlich
grosse. Nach den Angaben von =J. Gessert= in Elberfeld werden jährlich
gegen 3,500,000 Pfd. Anilinöl consumirt, davon kommen auf Deutschland
2,000,000 Pfd., der Rest vertheilt sich auf die Schweiz, auf England
und auf Frankreich.