1) die Herstellung der Holzdrähte,
2) die Bereitung der Zündmasse,
3) das Betupfen, Trocknen und Verpacken derselben.
1) =Die Herstellung der Holzdrähte.= Als Holz dient Weisstannen-,
Fichten-, Aspen-, seltener Föhrenholz, zuweilen auch Buchen-, Linden-,
Birken-, Weiden-, Pappel- und Cedernholz. Die Zündhölzer sind entweder
vierkantig (mit mehr oder minder ausgebildeten Seitenflächen) oder rund,
im letzteren Falle sehr regelmässig und glatt. Die viereckigen stellt man
am einfachsten, aber auch am wenigsten schön durch =Zerspalten= von
würfelförmigen Holzklötzchen dar, welche die Länge eines einzelnen
Hölzchens haben. Die Spaltmaschine wird entweder mittelst eines einzigen
Schneidemessers, welches sich an einem Hebel befindet und mit diesem auf-
und niederbewegt wird, wobei nach jedem Schnitte der Holzwürfel um die
Dicke eines Hölzchens fortgerückt, nach Vollendung einer Reihe paralleler
Spaltungen aber die ganze dadurch entstandene Masse von Blättern
zusammengefasst und durch eine neue Reihe von Schnitten rechtwinklig
gegen die ersten, in Stäbchen zertheilt wird. Oder man bringt mehrere
Spaltmesser in fester Stellung an und bewegt das Holz gegen dieselben
heran.
Das Spalten ist in Deutschland überall der von =Stephan Romer= in Wien
gemachten Erfindung des =Hobelns= gewichen, wodurch mit Leichtigkeit
zierlich geformte runde Stäbchen entstehen. Das Instrument ist eine Art
Hobel, dessen Eisen von dem gewöhnlichen Hobel darin abweicht, dass es
statt der Schärfe eine horizontale Umbiegung enthält, welche horizontal
mit drei, vier oder fünf neben einander befindlichen Löchern durchbohrt
ist und zwar so, dass die vorderen Ränder der Löcher zugeschärft sind.
Es hat sich in der Praxis gezeigt, dass die Hobel mit nur drei Löchern
die geeignetsten sind. Wird der Hobel mit einer gewissen
Kraftanstrengung auf dem der Breite des Hobeleisens entsprechenden
schmalen Rande eines etwa 1 Meter langen Brettes von geradfaserigem
astfreiem Tannenholz fortgeschoben, so dringt der Hobel in das Holz ein
und es bilden sich so viele Stäbchen, als der Hobel Löcher enthält. Ist
auf diese Weise eine Schicht Stäbchen gewonnen, so wird die Oberfläche
des Brettes mit einem gewöhnlichen Hobel glatt gehobelt, hierauf wendet
man wieder den Zündholzhobel an u. s. f. Zum Zerschneiden der Hölzer
nach der Länge dient eine Maschine, aus einem schmalen, etwa 6 Centim.
breiten Troge bestehend, der zum Hindurchlassen des Messers der Quere
nach durchschnitten ist. In diesem Durchschnitt bewegt sich das an
einem Hebel sitzende scharfe Messer auf und ab und wirkt nicht sowol
schneidend als drückend. Ein geübter Arbeiter liefert in einem Tage
400,000 bis 450,000 Hölzchen. Ein gleichzeitig mit =Romer='s
Vorrichtung aufgetretener Hobel ist der von =Anthon= in Darmstadt, der
in Südwestdeutschland mit grosser Schnelligkeit Eingang fand. Das
Aushobeln der Hölzchen ist häufig wieder ein abgesonderter
Industriezweig geworden. Man fertigt in den Waldgegenden (so z. B. im
bayerischen und böhmer Walde, im Odenwalde, im Thüringer Walde, in
Schweden und Norwegen) dieselben in grossen Quantitäten und liefert sie
an die Zündholzfabriken, welche sich nur auf ihre Vollendung,
Ausrüstung und Verpackung beschränken.
Anstatt mittelst Handarbeit hat man die Anfertigung runder Hölzer auch
mittelst Maschinen ausgeführt. So construirte =Pelletier= in Paris
schon um das Jahr 1820 eine Hobelmaschine von folgender Einrichtung:
Auf einem Tische wird ein 36 Centim. langer, 9 Centim. breiter Hobel
mittelst Krummzapfen und Lenkstange vor- und rückwärts geschoben, wobei
er über das unter ihm befindliche, von selbst sich zur gehörigen Höhe
hebende Holzstück hingeht. Der Hobel enthält ein vertikal stehendes,
unten mit 24 spitzigen, wie kleine Messer gespalteten Zähnen versehenes
Eisen; hinter diesem aber ein breites gewöhnliches Hobeleisen. Auf
jeden Hobelstoss macht das erste Eisen 24 parallele Schnitte in die
Holzfläche und das nachkommende zweite stösst ein Blättchen von
bestimmter Dicke ab, welches vermöge jener Schnitte ohne Weiteres in
schmale Streifen oder Blättchen zerfällt. Auf grössere quantitative
Leistungen berechnet ist die Maschine von =Cochot= (1830). Hier werden
auf der äusseren Peripherie eines eisernen Rades von 1 Meter
Durchmesser dreissig Holzklötze von der Länge eines Zündhölzchens
befestigt; bei der Umdrehung des Rades geht ein Klotz nach dem andern
an einer mit Stahlklingen besetzten kleinen Walze vorüber, welche --
wie bei der vorhergehenden Maschine das gezahnte Hobeleisen -- die
parallelen Schnitte macht; unmittelbar darauf schneidet eine
unbewegliche gerade Messingklinge ein Blättchen von dem Holze ab,
welches bereits in Stäbchen zertheilt erscheint. Einige Aehnlichkeit
damit, was die Wirkungsweise anlangt, hat die Maschine von =Jeunot=,
die im Jahre 1840 in Frankreich patentirt wurde. Nach dem Principe des
Handhobels construirte =Neukrantz= in Berlin im Jahre 1845 eine
Maschine, bei welcher 16 bis 20 Hölzchen zugleich entstehen, indem
mittelst eines Schlittens das Holz unter den festliegenden
Röhrcheneisen durchgezogen wird. Eine interessante Anwendung dieses
Mittels hat aber =Krutzsch= zu Wünschendorf im Königreich Sachsen
(1848) gemacht, indem er eine Stahlplatte benutzte, welche mit einer
grossen Anzahl (gegen 400) möglichst dicht beisammenstehenden Löchern
durchbohrt ist. Ein Holzstück wird durch eine starke Presse in der
Richtung seiner Fasern gegen diese Platte gedrückt, deren Löcher an
dieser Seite scharfrandig sind, dann schliesslich mittelst eines
Zangenapparates hindurchgezogen und so in runde Stäbchen zertheilt. Ein
Holzstab von 3 Centim. Breite und Dicke giebt 400 Stäbchen, welche aus
1 Meter Länge jeder 15 Zündhölzchen liefern. Die Erzeugung der 6000
Stück dauert etwa zwei Minuten. -- Eine andere Maschine von =Andree u.
Co.= in Magdeburg wirkt mehr hobelartig, in der Weise aber, dass drei
hinter einander befestigte, also nach einander zur Wirkung kommende
Eisen die runden Stäbchen hervorbringen, indem das vordere nur
vorarbeitet, das zweite die eine Hälfte, das dritte die andere Hälfte
des Cylinders erzeugt. Eine Maschine vom Mechanikus =C. Leitherer= in
Bamberg (1851), welche nach Art der Handarbeit mit röhrenförmigem
Hobeleisen wirkt und =Fallhobelmaschine= genannt worden ist, besteht
aus einem horizontalen Kasten, in welchem die zugerichteten Blöcke des
Rohholzes stehend, d. h. mit vertikaler Richtung der Fasern, eingesetzt
werden und worin sie nach jedem Hobelstoss um die Dicke eines
Zündhölzchens durch einen Mechanismus vorgeschoben werden; vor diesem
Kasten befindet sich ein vertikales Gestell, in welchem der Fallhobel
sich auf und ab bewegt. Ein Schwungrad, welches mittelst Riemen an den
Wellbaum eines Mühlrades angehängt wird, bewerkstelligt die
gleichförmige Wirkung der Maschine. Ein Fallhobel besteht aus vier
Stosseisen, deren jedes 8 oder 10 Röhrchen enthält. Jede Minute
erfolgen bei mässigem Gange 45 Fallstösse und dadurch 810-830 Hölzchen
mit 45 Fehlspänen (Zündspänen).
Seit einigen Jahren macht die Hobelmaschine von =Wrana= viel von sich
reden. Diese Maschine ahmt wie jene von =Neukrantz= das Hobeln mit der
Hand nach, aber weit vollkommener, da der Hobel hier nicht fix, sondern
durch die Hände des Arbeiters gehalten, somit federnd angebracht ist.
Seine Stütze findet er jedoch an einer Leiste, welche quer über die
Maschine läuft und je nach der Höhe des Holzstückes, das unter
derselben durchgeht, bald gehoben, bald gesenkt werden kann. Der
Kunstgriff, eine Leiste als Stützpunkt für den mit der Hand gehaltenen
Hobel anzubringen, macht es möglich, verzogenes, ungleiches Holz ebenso
rein als mit der Hand zu hobeln. Der Stoss, welchen der Hobler sonst
ausüben muss, um Drähte von der Länge des Holzes zu erzeugen, wird von
der Maschine erzielt und der Arbeiter hat eben nur den Hobel kräftig zu
halten und ihm die gehörige Lage zu geben. Nach demselben Princip ist
es auch möglich, Stäbchen von sehr verschiedenem Querschnitt zu hobeln,
z. B. Rahmenstäbchen, Federhalter und dergl. Das Wesentliche der
Erfindung =Wrana='s ist die Verwendung der Leiste als Stützpunkt für
den Hobel, mag dieselbe wie immer geformt sein. Ohne dieses ist ein
Hobeln des Holzes nach der Faser (ausser aus freier Hand) kaum möglich.
Bei der in jüngster Zeit von =Long= construirten
Holzdrahtschneidemaschine wird das Schneiden in der Art bewirkt, dass
man Holzblöcke auf einen horizontal beweglichen Schlitten zwischen
Walzenpaaren festhält (wobei die Faserrichtung des Holzes mit der Axe
der Walzen parallel läuft) und den Schlitten zuerst an einer Anzahl
kleiner Messer vorbeiführt, welche in Abständen gleich der Breite der
zu erhaltenden Zündhölzchen angeordnet sind, also in den Block eine
Anzahl entsprechender Schnitte vollführen, worauf ein vertikal
bewegliches Messer einen Span von der Breite des Holzes abschneidet,
aber in Folge des vorherigen Einschneidens der kleinen Messer in
einzelne Stäbchen (Holzdrähte) zerfällt.
2) =Die Bereitung der Zündmasse= geschieht auf folgende Weise: Der Leim
oder das Senegalgummi, überhaupt das Bindemittel, wird mit einer kleinen
Menge Wasser bis zur Consistenz eines dünnen Syrups aufgelöst, bis auf
50° erwärmt und dann der Phosphor nach und nach eingerührt und mit dem
Rühren fortgefahren, bis aller Phosphor zu einer weissen salbenähnlichen
Emulsion vertheilt ist. Zu dieser Masse setzt man hierauf die übrigen,
vorher fein zerriebenen Zusätze unter sorgfältigem Umrühren. Zur
Erzeugung einer guten Zündmasse ist es unerlässlich, dass der Phosphor in
der rechten Menge vorhanden sei. Zu viel Phosphor ist ebenso nachtheilig
als eine zu geringe Quantität. Abgesehen von dem Umstande, dass ein zu
grosser Phosphorgehalt die Zündmasse unnöthig vertheuert, macht er sie
auch in einzelnen Fällen zum Entzünden des Schwefel- oder
Stearinüberzuges und folglich auch des Hölzchens untauglich, da die durch
die Verbrennung des Phosphors sich bildende Phosphorsäure sich an den zu
entzündenden Theilchen absetzt und diese mit einem zarten glasartigen
Ueberzug bedeckt, welcher genau so wie eine Wasserglasschicht das
Ausbrechen der Flamme verhindert. Das beste Verhältniss scheint 1/10 bis
1/12 Phosphor zu sein, vorausgesetzt, dass man die Masse auf die
gewöhnliche Art durch Schmelzen des Phosphors in Leimlösung u. dergl.
darstellt.
Eine weit geringere Quantität Phosphor ist jedoch zur Erzielung einer
zweckentsprechenden Zündmasse ausreichend, wenn man den Phosphor in
Schwefelkohlenstoff gelöst der Mischung zusetzt, wobei der
Schwefelkohlenstoff seiner grossen Flüchtigkeit wegen bald verdunstet
und den Phosphor im höchst fein zertheilten Zustande zurücklässt. Bei
der Leichtlöslichkeit des Phosphors in Schwefelkohlenstoff und dem
billigen Preise des letzteren ist die von =Wagner= im Jahre 1855
eingeführte Anwendung des Schwefelkohlenstoffs selbst dann noch
möglich, wenn man die Dämpfe des Schwefelkohlenstoffs verloren giebt.
Mit der Benutzung der Lösung des Phosphors in Schwefelkohlenstoff ist
ausserdem noch der Vortheil verbunden, dass man =kalt= arbeiten kann,
indem man die Lösung einfach in die Mischung der übrigen Materialien
einzurühren braucht. Dass die Anwendung der Schwefelkohlenstofflösung
wegen ihrer Feuergefährlichkeit und des vielleicht nachtheiligen
Einflusses der Schwefelkohlenstoffdämpfe auf die Gesundheit der
Arbeiter die grösste Vorsicht erheischt, ist selbstverständlich. =C.
Puscher= hat (1860) auf die vortheilhafte Verwendbarkeit des
Schwefelphosphors und zwar des Phosphorsulfuretes P_{2}S statt des
reinen Phosphors bei den Zündmassen aufmerksam gemacht. Er hat
Zündmassen mit 3,5 Proc. Phosphorsulfuret bereitet und damit tadellose
Zündhölzer erhalten.
Von den =Metalloxyden=, welche man der Zündmasse zusetzt, giebt man
gegenwärtig einem Gemenge von braunem Bleisuperoxyd mit Salpeter, oder
einem Gemenge von ersterem mit salpetersaurem Bleioxyd, durch Verreiben
der Mennige mit Salpetersäure in der Wärme und Liegenlassen der Masse
durch mehrere Wochen erhalten, den Vorzug. Als =Bindemittel= wendet
man, wie bereits oben gesagt, Leim, Gummi oder auch Dextrin an;
ersterer sollte beseitigt werden, weil er meist nur verkohlt und die
vollständige Verbrennung der Masse verhindert. Vielleicht liesse sich
eine geeignete verdünnte Collodiumlösung, vielleicht auch ein Gemenge
von Sandarakpulver und einem ähnlichen Harze mit Benzol als Bindemittel
verwenden.
Als Beispiele der Zusammensetzung der Zündmassen mögen folgende
Vorschriften angeführt werden (wobei nicht zu vergessen ist, dass die
bewährten Recepte zur Bereitung einer entsprechenden Zündmasse von der
Fabrik =geheim= gehalten werden):
I.
Phosphor 1,5 Th.
Senegalgummi 3,0 "
Kienruss 0,3 "
} Das Gemisch beider eingetrocknet -- nun
Mennige 5,0 " } faktisch ein Gemenge von Bleinitrat
Salpetersäure } mit Bleisuperoxyd, unter dem
von 40° B. 2,0 " } Namen =oxydirte Mennige=.
II.
Phosphor 8,0 Th. } in der nöthigen Menge
Leim 21,0 " } Schwefelkohlenstoff
Bleisuperoxyd 24,0 " } gelöst.
Kalisalpeter 24,0 "
III.
Phosphor 3,0 Th.
Senegalgummi 3,0 "
Bleisuperoxyd 2,0 "
feiner Sand und Smalte 2,0 "
Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass die Zündmasse noch vielfacher
Verbesserungen fähig ist.
[Illustration: Fig. 262.]
[Illustration: Fig. 263.]
[Illustration: Fig. 264.]
3) =Das Betupfen und Trocknen der Hölzchen.= Um die Hölzchen an dem einen
Ende mit Schwefel und mit der Zündmasse überziehen zu können, müssen sie
in hinreichender Entfernung von einander befestigt sein. Hierzu dienen
kleine Brettchen von etwa 0,3 Meter Länge und 10 Centimeter Breite, deren
obere Seite der Quere nach mit 50 rinnenförmigen Vertiefungen versehen
ist, von solcher Breite und Tiefe, dass gerade ein Hölzchen hineingeht
(Fig. 262). Eine Arbeiterin legt in jede Furche des Brettes ein Hölzchen,
legt dann ein zweites Brettchen darauf, dessen untere Seite zum
Festhalten der Hölzchen zwei aufgeleimte Flanellstreifen enthält, dessen
obere Seite aber wieder zur Aufnahme einer neuen Reihe Hölzchen gefurcht
ist. Um den so entstehenden Stapel zusammenzuhalten, haben die Brettchen
nahe an jedem Ende ein rundes Loch; durch die Löcher schiebt man Stangen,
die an dem obern Ende Schraubengewinde erhalten. Man schraubt die
Brettchen fest, sobald 20-25 derselben über einander gelagert sind,
nachdem die vorderen Enden der Hölzchen durch Aufstossen auf eine gerade
Fläche in eine Ebene gebracht sind (vergl. Fig. 263 und 264). Eine
Arbeiterin steckt, je nachdem sie mehr oder minder geübt ist, täglich in
10 Arbeitsstunden 15-25 Rahmen oder Pressen, wovon jeder Rahmen 2500
Hölzchen enthält. Neuerdings hat man sich bemüht, die Arbeit des
Hölzchensteckens mittelst Maschinen verrichten zu lassen. Mit der von =O.
Walch= in Paris (1861) construirten Maschine steckt ein Knabe in einer
Tagesarbeit von 10 Stunden 500,000 bis 600,000 Zündhölzchen.
Der zum =Schwefeln= der Hölzer bestimmte Schwefel wird in einem flachen
vierseitigen Kasten, in dessen Mitte, möglichst horizontal, ein völlig
ebener Stein liegt, durch ein gelindes Feuer flüssig erhalten. Man
bringt so viel Schwefel in den Kasten, dass der flüssige Schwefel
fortwährend etwa 1 Centim. hoch die Platte bedeckt, in welchen man die
Enden sämmtlicher in einen Rahmen eingespannter Hölzchen eintaucht, so
dass sie auf den Stein aufstossen, und schleudert, nach dem
Herausnehmen, den Ueberschuss des anhängenden Schwefels in den Kasten
zurück.
Bei feineren Hölzchen ersetzt man den Schwefel durch =Stearinsäure=
oder =Paraffin=, welche jedoch nicht, wie der Schwefel, die Oberfläche
bedecken, sondern das Holz ganz durchtränken sollen. Zu dem Ende taucht
man die scharf getrockneten Hölzchen in die geschmolzene und stark
erhitzte Fettmasse und lässt ihnen dabei die nöthige Zeit, sich zu
erwärmen und das Fett durch Capillarität aufzufangen.
Das =Auftragen der Zündmasse= (Betupfen) geschieht auf dieselbe Weise
wie die des Schwefels, nur befindet sich die Phosphormischung in dünner
Schicht gleichmässig ausgebreitet auf einer völlig horizontal liegenden
Steinplatte (gewöhnlich Solenhofer Kalkstein, zuweilen wendet man auch
mattgeschliffene Spiegelglastafeln hierzu an).
Die zum =Trocknen= der Hölzer dienenden Trockenräume enthalten die zum
Aufhängen der Rahmen nöthigen Gerüste und werden am besten durch ein
System von Dampfröhren geheizt. Die Zündhölzer sollen sich dabei in
solcher vertikaler Lage befinden, dass die in Gestalt eines Tröpfchens
am Ende befindliche Masse herabhängt. -- Die geruchlosen Zündhölzchen
(Salon- oder Irishölzchen) werden nach dem Trocknen der Zündmasse mit
gefärbten Harzlösungen überstrichen und nicht selten zuletzt mit
Collodiumlösung überzogen.
[Sidenote: Antiphosphorfeuerzeuge.]
Die sogenannten =Antiphosphorfeuerzeuge= sind im Jahre 1848 von =Böttger=
in Frankfurt a. M. erfunden und dann von =Fürth= in Schüttenhofen,
=Lundström= in Jönköping (Schweden), =Coignet= in Paris (unter dem Namen
_Allumettes hygiéniques et de sureté au phosphore amorphe_), von =de
Villiers= und =Dalemagne= in Paris (unter der Benennung _Allumettes
androgynes_ oder Zwitterzündhölzchen), von =Forster= und =Wara= etc.
industriell ausgebeutet worden. Man kann sie eintheilen [Greek: a]) in
solche, die sich des amorphen Phosphors (der Streichfläche einverleibt)
bedienen, und [Greek: b]) in solche, bei denen in der That Zündmasse wie
Streichfläche phosphorfrei sind.
Die Zündrequisiten der =ersteren= Kategorie bestehen 1) aus
Zündhölzchen, deren Zündmasse keinen Phosphor enthält, sondern nur in
einer mit einem Bindemittel angemachten Mischung von Schwefelantimon
und Kaliumchlorat besteht, und 2) aus amorphem Phosphor, welcher unter
Zusatz eines rauhen, die Reibung vergrössernden Körpers mit Leim
gemengt auf Pappe oder Holz oder, wie bei den Pariser
Zwitterzündhölzchen, an das entgegengesetzte Ende des Zündhölzchens
befestigt ist. Die Reibfläche besteht aus einer Mischung von 9 Th.
amorphem Phosphor, 7 Th. Schwefelkies, 3 Th. Glas und 1 Th. Leim. Die
Zündhölzchen entzünden sich durch Reibung an jener Reibfläche sehr
leicht, aber nicht an andern rauhen Flächen, weshalb sie der Gefahr
zufälliger Entzündung nicht unterliegen. So sinnreich nun die
Antiphosphorfeuerzeuge auch sind, so hat es denselben doch ungeachtet
ihres billigen Preises nicht gelingen wollen, die gewöhnlichen
Streichhölzer gänzlich zu verdrängen. Der Grund davon liegt ziemlich
nahe. Einmal ist das Hölzchen für sich nicht im Stande, Feuer zu
erzeugen, es gehört dazu die präparirte Streichfläche, die, wie sich
gezeigt hat, nach kurzem Gebrauche durch die Phosphorsäure, welche sich
während des Reibens bildet, feucht und dadurch gänzlich unbrauchbar
wird. Bei der Benutzung von 100 Hölzchen wird man im günstigsten Falle
zwei, meistens aber mehr als zwei Reibflächen verwenden müssen,
abgesehen von dem Umstande, dass eine nicht geringe Anzahl von Hölzchen
sich nicht entzündet. Die wirklich vortrefflichen
=Säkerhets-Tändstickor= der schwedischen Fabrik Jönköping, deren
Fabrikate in Deutschland die österreichischen Zündrequisiten bereits
vollständig verdrängt haben, dokumentiren jedoch enorme Fortschritte in
der Fabrikation der Zündrequisiten mit amorphem Phosphor. =Jettel=
(1870) verwendet zur Reibfläche an den Schachteln der schwedischen
Hölzer ein Gemenge aus gleichen Theilen amorphem Phosphor, Schwefelkies
und Schwefelantimon. Zum Bestreichen von 1000 Schiebeschachteln (à 50
Hölzchen Inhalt) auf beiden Seiten reichen circa 80 Grm. des trocknen
Gemenges. Auch England producirt gegenwärtig grosse Mengen der »_Safety
Matches_«.
Eine grosse Wichtigkeit scheinen die »giftfreien Zündhölzchen« von =B.
Forster= und =F. Wara= in Wien erlangen zu sollen. Bei ihnen ist der
amorphe Phosphor unmittelbar mit der Zündmasse in dem Zündholzköpfchen
vereinigt, so dass diese Hölzchen sich gleich den gewöhnlichen
Phosphorhölzern an jeder beliebigen Reibfläche -- wiewol, da sie
Kaliumchlorat enthalten, nicht ganz geräuschlos -- entzünden.
Von den Reibzündhölzchen der =zweiten= Kategorie, die =keinen= Phosphor
enthalten und auch keiner phosphorhaltigen Zündfläche bedürfen, sind zu
erwähnen die aus der Fabrik von =Kummer= und =Günther= in Königswalde
bei Annaberg in Sachsen, deren Masse nach einer Analyse von
=Wiederhold= aus
Kaliumchlorat 8 Th.
grauem Schwefelantimon 8 "
oxydirter Mennige 8 "
Senegalgummi 1 "
besteht. Oxydirte Mennige ist ein variables Gemisch von Bleisuperoxyd,
Bleinitrat und unzersetzter Mennige. Die von =Wiederhold= in Cassel im
Jahre 1861 vorgeschlagene sehr beachtenswerthe und vielfach nachgeahmte
Zündmasse ist zusammengesetzt aus
Kaliumchlorat 7,8 Th.
Bleihyposulfit 2,6 "
arabischem Gummi 1,0 "
Unter allen bis jetzt bekannten phosphorfreien Zündmassen ist die
=Wiederhold='sche Masse die vorzüglichste. =Jettel= (in Gleiwitz) giebt
folgende Mischungen zu phosphorfreien Massen an:
a. b. c. d.
Kaliumchlorat 4 7 3 8
Schwefel 1 1 -- --
Kaliumbichromat 0,4 2 -- 0,5
Schwefelantimon -- -- -- 8
Goldschwefel -- -- 0,25 --
Bleinitrat -- 2 -- 3
Neuerdings hat =R. Peltzer= auf die Anwendbarkeit des
Kupfer-Natrium-Hyposulfits zur Herstellung einer phosphorfreien
Zündmasse aufmerksam gemacht. Endlich sind die Versuche =H. Fleck='s
nicht unerwähnt zu lassen, das =Natrium= zur Herstellung von
Zündrequisiten zu verwenden[150].
[150] Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1868 p. 820.
[Sidenote: Reibzündkerzchen.]
Die =Reibzündkerzchen= (_allumettes bougies_) haben statt des
Holzdrahtes einen dünnen Wachsstock, welcher in der Weise angefertigt
wird, dass man mehrere, etwa vier Baumwollfäden neben einander liegend
durch eine geschmolzene Mischung von 2 Th. Stearinsäure und 1 Th. Wachs
oder Paraffin zieht und hierauf, sobald die Masse erstarrt, jedoch noch
warm ist, durch ein Zieheisen führt, das die überschüssige Masse
abstreift. Mittelst einer Schneidemaschine werden alle Kerzchen in
bestimmte Längen geschnitten, mit der entzündlichen Masse versehen und
in Schächtelchen gebracht.
Die von =Zulzer= construirte Maschine zum Abschneiden der Kerzen und
zugleich zum Einspannen hat folgende Einrichtung. Die Dochte werden auf
eine Trommel aufgewickelt, von hier durch zwei gefurchte Speisewalzen
fortgezogen und durch entsprechende Furchen in einem Brette
fortgeführt. Diese Walzen und Leitfurchen haben die Bestimmung, die
Enden der Dochte in entsprechende Löcher einer beweglichen, vertikal
aufgestellten Platte einzuführen, die mit einem Messerapparate in
Verbindung steht, um die Kerzen, sobald sie bis zur gehörigen Länge
durch die Löcher gegangen sind, abzuschneiden. Da sich das Messer an
der Seite des Eintrittes befindet, so bleiben nach erfolgtem Schnitt
die Kerzen mit einem kleinen Theile ihrer Länge in den Löchern sitzen.
Eine mechanische Vorrichtung hebt nun die Platte so weit, dass eine
zweite Löcherreihe vor die Leitfurchen kommt und sich mit Kerzen füllt.
Ist auf diese Weise die ganze Platte gefüllt, so ersetzt man sie durch
eine andere, während die gefüllten Platten sofort in die Zündmasse
getaucht und in den Trockenraum gebracht werden. Die
Reibzündkerzchenindustrie hat sich in Oesterreich und in Marseille
concentrirt. Letztere Stadt hat gegenwärtig so zu sagen das Monopol
dieses Industriezweiges für einen grossen Theil von Centraleuropa.
Die Knochenkohle.
[Sidenote: Knochenkohle.]
Die =Knochenkohle= (Spodium, Beinschwarz) erhält man durch Verkohlen von
Knochen. Die von =Derosne= (1812) empfohlene und von =Dumont= (1828)
bewerkstelligte Anwendung dieser Substanz in der Zuckerfabrikation macht
sie zu einem der allerwichtigsten Körper der chemischen Technologie. Wenn
man Knochen vor dem Zutritt der Luft geschützt, glüht, so zersetzt sich
die organische Substanz und geht zum Theil über als Knochenöl, zum Theil
auch als kohlensaures Ammoniak. Als Rückstand bleibt eine schwarze Masse,
die noch vollkommen die Knochenstructur beibehalten hat.
[Sidenote: Darstellung der Knochenkohle.]
Ehe man die Knochen verkohlt, müssen dieselben zur Entfernung des Fettes
mit Wasser ausgekocht und getrocknet oder mit Schwefelkohlenstoff
extrahirt werden. Das so erhaltene Fett (5-6 Proc. vom Gewichte der
Knochen) giebt ein werthvolles Nebenprodukt der Knochenkohlefabrikation
ab. Man verkohlt die Knochen entweder auf die Weise, dass man die
flüchtigen Produkte dabei auffängt, oder dass man dieselben verbrennen
lässt. Im ersteren Falle bringt man die Knochen in eiserne Retorten oder
Cylinder, ähnlich denen, in welchen die Steinkohlen behufs der
Leuchtgasfabrikation verkohlt werden, und fängt die bei der Verkohlung
entweichenden Produkte in Vorlagen und Kühlapparaten auf. Die in
Deutschland angeblich gemachte Erfahrung hat aber gelehrt, dass man auf
diese Weise eine minder entfärbende Kohle erhält, als wenn man die
Knochen in eisernen Töpfen verkohlt und die flüchtigen Produkte
verbrennen lässt. Man benutzt daher jetzt allgemein in Deutschland die
ältere Methode (in England und Schottland wendet man dagegen nach =Lunge=
allgemein Retorten an), die so ausgeführt wird, dass man eiserne Töpfe
mit zerschlagenen Knochen füllt, die Töpfe über einander stürzt, die
Fugen zwischen den Mündungen mit Lehm verstreicht und die Töpfe in den
Brennraum eines Ofens bringt, in welchem sie durch die Flammen eines
daneben liegenden Feuerraums erhitzt werden. Nach einiger Zeit entzünden
sich die aus den Fugen der Töpfe austretenden Dämpfe von selbst und
bewirken das fernere Verkohlen der Knochen, dessen Beendigung man an dem
Aufhören der Dämpfeentwickelung erkennt. Auf diese Weise erhält man 55
bis 60 Proc. Knochenkohle, in der die eigentliche Kohle mit fast der
zehnfachen Menge ihres Gewichtes an mineralischen Bestandtheilen gemengt
ist. Eine Analyse getrockneter Knochenkohle giebt in 100 Theilen: 10 Th.
Kohle, 84 Th. Calciumphosphat und 6 Th. Calciumcarbonat. Beim Liegen an
der Luft zieht die Knochenkohle 7-10 Proc. Feuchtigkeit an. Die
verkohlten Knochen werden durch besondere Maschinen gekörnt, wobei die
Erzeugung von feinem Pulver möglichst vermieden werden muss, da die feine
Knochenkohle weit weniger Werth hat, als die gekörnte.
[Sidenote: Eigenschaften der Knochenkohle.]
Die Knochenkohle hat in hohem Grade die bereits im Jahre 1811 von
=Figuier= erkannte Eigenschaft, organische und unorganische Stoffe,
namentlich Kalk und Kali aus Lösungen aufzunehmen. Diese merkwürdige
Wirkung scheint von einer Flächenanziehung herzurühren, obgleich aber
auch die Kohle chemische Verbindungen zu trennen vermag. Von der
Eigenschaft, unorganische Stoffe in ihren Poren aufzunehmen, macht man
die ausgedehnteste Anwendung zum Entkalken und Entsalzen des Zuckersaftes
in den Zuckerfabriken. Die entkalkende Eigenschaft der Knochenkohle soll
(nach =Anthon=) zum Theil eine Folge sein von der in den Poren desselben
verdichteten Kohlensäure. Man vermindert die entkalkende Kraft der Kohle,
wenn man derselben die unorganischen Bestandtheile durch Salzsäure
entzieht, und doch ist diese Behandlung erforderlich, wenn man die Kohle
zum Entfärben saurer Flüssigkeiten anwenden will. Enorme Quantitäten von
Knochenkohle consumiren die Stiefelwichsfabrikanten.
[Sidenote: Probe der Knochenkohle.]
Je grösser das =Entfärbungsvermögen= der Knochenkohle ist, desto höher
ist der Werth derselben, obgleich das Entfärbungsvermögen nicht
proportional dem Entkalkungs- und Entsalzungsvermögen zu sein scheint. Es
liegt deshalb in dem Interesse eines Fabrikanten, so wie in dem eines
Producenten, die entfärbende Kraft einer Kohle kennen zu lernen. Dies
geschieht, indem man die Kohle mit einer anderen von bekannter Qualität
vergleicht. =Payen= schlägt dazu vor, gleiche Volumen mit gebranntem
Zucker gefärbten Wassers mit gleichen Gewichtsmengen Kohle zu behandeln
und die Flüssigkeit abzufiltriren. Diejenige Kohle, welche die hellste
Flüssigkeit giebt, ist demnach auch die beste Sorte. Bei der Bestimmung
der relativen entfärbenden Wirkung mehrerer Kohlensorten erhielt =Bussy=
bei gleichen Gewichtsmengen folgende Resultate:
Gewöhnliche Knochenkohle 1
Knochenkohle mit Salzsäure behandelt 1,6
Ausgezogene Knochenkohle mit Kaliumcarbonat geglüht 20
Blut mit Kaliumcarbonat geglüht 20
Blut mit Calciumcarbonat geglüht 20
Leim mit Kaliumcarbonat geglüht 15,5
Nach den Versuchen von =Brimmeyr= über das =Entfärbungsvermögen= der
Knochenkohlen ergaben sich folgende Resultate: 1) Die
Absorptionsfähigkeit hängt nicht ab von der Structur der Knochenkohle,
dem mechanischen Zusammenhang der Knochentheile, sondern von der Menge
der darin enthaltenen reinen Kohle; 2) die Mengen der von Knochenkohle
verschiedener Zusammensetzung absorbirten Substanzen sind auf reine
Kohle bezogen wirklich gleich und wahrscheinlich unabhängig von der
verschiedenen chemischen Natur des löslichen absorbirten Körpers; 3)
die mit einer Substanz gesättigte Knochenkohle behält ihre Absorption
für andere Substanzen verschiedener chemischer Natur bei; 4) die
Knochenkohle wirkt um so rascher, je weniger ihre capillare Structur,
sei es durch mechanische Zerkleinerung, sei es durch Auflösen der
Kalksalze in Säuren, verändert wird. Aehnliche Resultate erhielt
kürzlich =H. Schulz= (in Magdeburg). Die stärkste entfärbende Wirkung
zeigt Kohle mit dem höchsten Kohlenstoffgehalt und einem niedrigen
Volumengewicht.
Für die Zuckerfabrikation kommt neben dem Entfärbungsvermögen besonders
das =Entkalkungsvermögen= in Betracht, welches man direkt ermittelt,
indem man die Quantität Kalk bestimmt, welche ein gewisses Quantum
Kohle aufzunehmen vermag.
[Sidenote: Wiederbelebung der Knochenkohle.]
Bekanntlich wird die Knochenkohle hauptsächlich zur Entsalzung und
Entkalkung des Zuckersaftes angewendet. Wenn eine gewisse Menge dieses
Saftes durch die Kohle filtrirt worden ist, so hat dieselbe ihre
entsalzende Kraft verloren. Zum Theil kann das Entsalzungsvermögen
durch verschiedene Mittel der Kohle wieder ertheilt werden. Diese
Mittel, durch die man die Wiederbelebung der Kohle bezweckt, sind
Glühen, Auswaschen, Gährenlassen oder die Anwendung des Wasserdampfes.
Fast allgemein führt man jetzt die Wiederbelebung der Kohle so aus,
dass man dieselbe erst durch Wasser von allen löslichen Theilen befreit
und darauf durch Glühen die organischen Substanzen zerstört. Die
gebrauchte Thierkohle lässt sich auf diese Weise 20-25 Mal wieder
beleben. Diese Methode hat den Nachtheil, dass während des Glühens die
organischen Substanzen nicht vollständig zerstört werden und als Kohle
in den Poren der Thierkohle zurückbleiben, wodurch die entfärbende
Kraft der Kohle verringert wird. Vortheilhafter ist es, die Kohle erst
gähren zu lassen, dann vermittelst verdünnter Salzsäure zu extrahiren,
auszuwaschen und zuletzt zu glühen. Der Salzsäureverbrauch zum
Wiederbeleben (Entkalken, Entsalzen) der erschöpften Knochenkohle ist
in den Zuckerfabriken (vergl. Seite 235) ein sehr beträchtlicher.
[Sidenote: Surrogate der Knochenkohle.]
Als Ersatzmittel für die Knochenkohle hat man geglühten bituminösen
Schiefer vorgeschlagen. Diese thonhaltige Kohle entzieht dem
Zuckersafte allerdings die färbenden Substanzen, nicht aber die
Kalkbestandtheile. Ein nicht unbedeutender Gehalt an
Einfach-Schwefeleisen verhindert ausserdem die Anwendung in der
Zuckerfabrikation. Beachtenswerther ist vielleicht die neuerdings
vorgeschlagene =Seetang=- oder =Seealgenkohle=.
Die Milch.
[Sidenote: Milch.]
=Milch= ist die bekannte in den Brustdrüsen der weiblichen Säugethiere
abgesonderte Flüssigkeit, welche alle dem Thierkörper nothwendigen
organischen und unorganischen Substanzen in hinreichender Menge enthält,
um an und für sich bei längerem Genuss nahrungsfähig zu sein, und alle
den Jungen erforderlichen Stoffe in einer zum Wachsthum genügenden Menge
zu liefern. Die Hauptbestandtheile der Milch sind Milchzucker, Caseïn
(Käsestoff), Butter, unorganische Salze wie Chlorkalium, Chlornatrium,
Calciumphosphat u. s. w. und Wasser. Die mittlere procentische
Zusammensetzung der Kuhmilch ist folgende:
Butter 3,288 }
Milchzucker und lösliche Salze 5,129 } 12,524 Proc.
Caseïn und unlösliche Salze 4,107 }
Wasser 87,476
-------
100,000
[Sidenote: Molken.]
[Sidenote: Milchzucker.]
Die Milch ist ein Gemenge ausserordentlich fein zertheilter, in Wasser
unlöslicher Substanzen mit einer wässerigen Flüssigkeit; das spec.
Gewicht der Milch schwankt zwischen 1,030 und 1,045. Unter dem Mikroskope
nimmt man wahr, dass die weisse Farbe von kleinen Kügelchen -- den
Milchkügelchen -- herrührt. Diese Kügelchen sind meist kugelrund,
gelblich mit dunklem Rande bei durchfallendem und perlenartig glänzend
bei auffallendem Lichte. Früher nahm man an, dass diese Kügelchen aus
einer Hülle bestehen, in welcher sich Butter befindet, gegenwärtig weiss
man aber durch die Arbeiten von =v. Baumhauer= und =Fr. Knapp=, dass
diese Hülle nicht existirt. In der Ruhe sammeln sich diese Kügelchen auf
der Oberfläche und bilden den =Rahm= (Sahne, Kern), unter welchem sich
eine bläuliche durchscheinende Flüssigkeit befindet, welche den
Milchzucker, die Salze und das Caseïn als Caseïn-Natron gelöst enthält.
Lässt man die Milch längere Zeit stehen, so wird ein Theil des
Milchzuckers unter Mitwirkung des Caseïns als Ferment in
=Milchsäure=[151] umgewandelt, welche letztere das Caseïn-Natron zersetzt
und das Caseïn frei macht, das sich als eine im Wasser unlösliche
Substanz ausscheidet. Man sagt dann, die Milch gerinnt. Durch längeres
Stehenlassen wird aller Milchzucker in Milchsäure umgewandelt. Eine
ähnliche Coagulation der Milch wird bewirkt, wenn man frische Milch mit
=Laab= zusammenbringt. Zur Darstellung des Laabs wird der frische
Kälbermagen ausgewaschen, in einem Rahmen ausgespannt an der Luft oder am
Feuer getrocknet. Früher weichte man ihn mit Essig ein, die Erfahrung
lehrte aber, dass dies unnütz sei. Beim Gebrauche wird ein Streifen
abgeschnitten, in einer kleinen Quantität warmen Wassers eingeweicht und
der Milch bei 30-35° zugemischt. Nach zwei Stunden ist diese geronnen. 1
Th. Laab ist hinreichend, um 1800 Th. Milch zum Coaguliren zu bringen.
Die Wirkung des Laabs ist nicht bekannt, sie besteht nicht, wie man
früher annahm, darin, dass ein Theil Milchzucker sogleich in Milchsäure
verwandelt wird, da, wie die Erfahrung gelehrt hat, auch alkalisch
reagirende Milch durch Laab zum Gerinnen gebracht werden kann. Die von
dem ausgeschiedenen Caseïn abfiltrirte Flüssigkeit führt den Namen
=Molken=. Bei sauer gewordener Milch enthalten die Molken wenig
Milchzucker, aber viel Milchsäure (saure Molken); bei durch Laab
coagulirter Milch ist hingegen aller Milchzucker und keine Milchsäure in
den Molken enthalten (süsse Molken). Die letztere Flüssigkeit, welche
noch 3-4 pro Mille einer eigenthümlichen Proteïnsubstanz (von =Millon=
und =Commaille= mit dem Namen =Lactoproteïn= belegt) enthält, wird in der
Schweiz bis zu einem gewissen Grade abgedampft, um daraus den
=Milchzucker= krystallisirt zu erhalten. Die in harten,
halbdurchsichtigen Krystallkrusten anschiessende Substanz wird durch
Umkrystallisiren gereinigt. Der Milchzucker C_{12}H_{22}O_{11} + H_{2}O
schmeckt nur wenig süss, knirscht zwischen den Zähnen, löst sich in 6 Th.
kaltem und 2 Th. siedendem Wasser und kann nicht in die geistige, wohl
aber in die Milchsäuregährung übergehen. Durch die Einwirkung verdünnter
Säuren geht aber der Milchzucker in Lactose (Galaktose), eine dem
Traubenzucker ähnliche Zuckerart über und ist deshalb indirect
gährungsfähig. Man verwendet ihn zuweilen als Reductionsmittel bei der
Herstellung von Silberspiegeln.
[151] Die =Milchsäure= (C_{3}H_{6}O_{3}) bildet sich ausser aus dem
Milchzucker auch bei der Gährung von Stärke, Rohr- und
Krümelzucker unter Mitwirkung von Caseïn und Ferment. Sie findet
sich im Sauerkraut, in den sauren Gurken, und ist wohl ein nie
fehlender Bestandtheil aller thierischen Flüssigkeiten. Ausser
der Milchsäure als Nahrungsmittel wird die Milchsäure in der
Gerberei, Färberei und Stärkefabrikation benutzt. In der Gerberei
ist sie jedenfalls als Bestandtheil der Lohbrühe nicht unwirksam,
bei der Färberei ist sie in dem Kleienbad enthalten, und bei der
Fabrikation der Stärke nach der älteren Methode dient sie als
saures Stärkewasser, um die Stärke von den Proteïnsubstanzen zu
befreien. Die Milchsäure scheint ferner bei der geistigen Gährung
eine Rolle zu spielen; sie ist stets in der gährenden Flüssigkeit
enthalten und findet sich als nicht flüchtige Säure neben
Bernsteinsäure in dem Destillationsrückstande, dem Spülicht, der
seiner sauren Eigenschaften wegen zum Reinigen von Metallen
benutzt wird. Mit Braunstein und Schwefelsäure erhitzt, giebt sie
=Aldehyd=, welches zur Herstellung von Anilingrün und von
Chloralhydrat Anwendung findet.
100 Th. käuflichen Milchzuckers aus der Schweiz (a) und aus
Giesmannsdorf in Schlesien (b) enthielten (1868):
(a) (b)
Salze 0,03 0,16
Unlösliche Stoffe 0,03 0,05
Fremde organische Körper 1,14 1,29
Milchzucker 98,80 98,50
----------------
100,00 100,00
[Sidenote: Sauerwerden der Milch zu verhüten.]
Das Sauerwerden der Milch kann man dadurch längere Zeit verhüten, dass
man dieselbe wiederholt abkocht, wodurch die aufgenommene Luft
ausgetrieben wird, die ausserdem einen Theil des Caseïns in
Milchsäureferment umgewandelt haben würde. In gewissem Sinne wirkt auch
die während des Kochens auf der Milch sich bildende Haut conservirend,
indem sie den Zutritt der Luft beschränkt. Ausserdem lässt sich das
Sauerwerden der Milch verhindern oder aufhalten durch Zusatz kleiner
Mengen kohlensaurer Alkalien oder Borax. Das Coaguliren der Milch, nicht
aber das Sauerwerden, kann durch Zusatz von Salpeter, Kochsalz und
überhaupt durch Salze mit alkalischer Base aufgehalten werden.
[Sidenote: Prüfung der Milch.]
In Gegenden, in denen Milch in verhältnissmässig grosser Quantität
consumirt wird, wie in grossen Städten, wird die Milch mit Reis-, Kleien-
und Gummiwasser oder einem Gemenge von Wasser mit Hammelgehirn
verfälscht. Eine sehr häufig vorkommende Verfälschung besteht darin, dass
man die Milch mit Wasser verdünnt. Es sind verschiedene Methoden und
Instrumente in Anwendung gebracht worden, um die Milch auf ihren Gehalt
an Butter und Caseïn zu prüfen, wobei man jedoch den Umstand nicht ausser
Acht lassen darf, dass (wie =Fr. Goppelröder='s vortreffliche
Untersuchung -- 1866 -- nachgewiesen hat) die relativen Verhältnisse der
Milchbestandtheile von einem Tage zum andern, ja an demselben Tage in der
Morgen- und Abendmilch wechseln. Nach =Jones= bringt man die Milch in
eine verticale, graduirte Glasröhre und vergleicht die Höhe des nach
einiger Zeit sich abscheidenden Rahmes. Je mehr Raumtheile derselbe
einnimmt, desto besser ist die Milch. Natürlicherweise erfährt man nach
dieser Methode nur den Rahmgehalt der Milch, und zwar sehr annähernd, da
z. B. Verdünnung der Milch auf die Schnelligkeit der Abscheidung von
Einfluss ist. =Chevallier= und =Henry= wenden zur Bestimmung der Güte der
Milch ein Aräometer an, an dessen Graduirung die Striche, bis zu welchen
dasselbe in reine Milch einsinkt, durch rothe Grade angegeben sind.
Andere Methoden gründen sich darauf, das Caseïn und die Butter durch
Galläpfeltinktur oder durch Zinkvitriollösung niederzuschlagen, dann zu
bestimmen, wie viel dem Volumen nach von einer Lösung von bekannter
Stärke zur Fällung einer normalen Milch nöthig war und darauf mit andern
Milchsorten zu vergleichen. Für den polizeilichen Gebrauch ist das
=Galaktoskop= von =Donné= anzuempfehlen, das auf der Annahme beruht, dass
allein die Milchkügelchen den wahren Werth der Milch repräsentiren, und
die Milch undurchsichtig machen. Es ist ein Instrument, welches
gestattet, durch eine Milchschicht hindurchzusehen, deren Länge mittelst
einer Mikrometerschraube vergrössert, verringert und gemessen werden
kann. Durch die Milchschicht beobachtet man ein Kerzenlicht, bis dessen
Spitze unsichtbar zu werden beginnt. Je durchsichtiger eine Milch ist,
desto weniger Milchkügelchen und desto mehr Wasser enthält sie. =Brunner=
bestimmt den Buttergehalt, um den Werth der Milch zu ermitteln. Er mischt
20 Grm. der zu prüfenden Milch mit 10 Grm. Holzkohlenpulver, trocknet das
Gewicht bei 70-80° vollständig ein, zieht die Butter daraus mit Aether
aus und verdampft die ätherische Lösung. Die zurückbleibende Butter wird
gewogen. Unvermischte Milch giebt 3,1-3,56 Proc. Butter, Rahm giebt
10,6-11,02 Proc. Neuerdings hat =C. Reichelt= mit Erfolg versucht, die
hallymetrische Probe (vergl. Seite 509) zur Ermittelung des
Wassergehaltes der Milch anzuwenden.
[Sidenote: Anwendung der Milch.]
Die Milch dient theils für sich als Nahrungsmittel, theils zur
Fabrikation von Butter und Käse. Man benutzt sie ferner zum Anstreichen
der Wände und zum Entfärben und Klären einiger Flüssigkeiten. Eine in
Frankreich häufig vorkommende Steuerdefraudation besteht darin, dass
man unter dem Namen Portwein Xeres declarirt, der mit Alkannawurzel
gefärbt ist, und der später durch Milch wieder entfärbt wird. Das in
neuerer Zeit (von einer amerikanischen Gesellschaft in Cham bei Zug in
der Schweiz, ferner in Kempten im Allgäu und zu Hildburghausen) durch
Eindampfen der Milch im Vacuumapparat und Rohrzuckerzusatz erhaltene
=Milchextract= scheint die beste Form zu sein (nach den Empfehlungen
von =v. Liebig= und =Trommer=), unter welcher Milch aufbewahrt werden
kann. Diese =condensirte= Milch besteht (im Mittel) aus:
Wasser 22,44
Fester Substanz 77,56
------
100,00
Die Hälfte der festen Substanz macht der zugesetzte Zucker aus; die
andere besteht aus Butter (9-12 Proc.), Caseïn und Lactoproteïn (12-13
Proc.), Milchzucker (10-17 Proc.) und Mineralsalzen (2,2 Proc.). Die
concentrirte Milch vertheilt sich in 4,5-5 Th. Wasser zu einer
Flüssigkeit, welche alle Eigenschaften einer vollkommen reinen Milch
hat, die mit etwas Zucker versüsst ist.
[Sidenote: Butter.]
Die =Butter= wird aus der Milch auf folgende Weise dargestellt: Man lässt
an kühlen Orten den Rahm aus der Milch sich ausscheiden, schöpft
denselben mittelst eines Löffels ab und bringt ihn in die Rahmtöpfe, in
welchen er so lange stehen bleibt, bis er unter wiederholtem Umrühren
dick und säuerlich geworden ist. Darauf bringt man den Rahm in die
Butterfässer, in welchen durch anhaltendes Schlagen, durch das Buttern,
die Fettkügelchen, die in dem Rahm nicht mehr im flüssigen, sondern im
festen Zustande enthalten sind, zu Klumpen sich vereinigen, während das
Caseïn mit einer kleinen Menge Butter gebunden in der Flüssigkeit
suspendirt bleibt. Die Butter hat die für die Verarbeitung der Milch
wichtige Eigenschaft, dass sie leichter ist als Wasser; sie müsste sich
demnach aus einer Auflösung von verschiedenen Stoffen, welche das Wasser
schwerer machen (Milchzucker, Caseïn, Salze), um so schneller an der
Oberfläche ausscheiden, wenn die Flüssigkeit nicht durch den Caseïngehalt
eine grosse Klebrigkeit besässe, wodurch das Aufsteigen der
Buttertröpfchen verlangsamt wird. In dem Maasse nun, als durch
fortschreitende Säuerung der Milch durch Caseïnabscheidung auch deren
Consistenz sich vermehrt, wird auch die Abscheidung der Butter erschwert.
Ist die Abscheidung des Butterfettes (des Rahms) noch nicht vollendet,
wenn die Milch zum Gerinnen gekommen ist, so ist das in der sauren Milch
noch befindliche Fett für die Butterbereitung verloren. Darauf gründen
sich nun zwei verschiedene Methoden, wodurch die vollständigste Gewinnung
der Butter ermöglicht werden soll.
Nach der einen Methode, von dem Schweden =Gussander= vorgeschlagen,
soll das Aufsteigen der Butterkügelchen beschleunigt werden, so dass
die Ausscheidung des Rahmes in kürzester Zeit und jedenfalls vor
beginnender Säuerung der Milch beendigt ist. Nach der anderen Methode
wird durch Zusatz von etwas Soda die entstehende Milchsäure sofort
neutralisirt, so dass der Ausscheidung von Caseïn vorgebeugt wird und
die Buttertropfen ungehindert emporsteigen können. Dies ist das
Verfahren von =Trommer=.
Die =Butterfässer= sind von verschiedener Construction. Das gewöhnlichste
Butterfass ist ein aufrecht stehendes Fass mit einer durchlöcherten und
an einem Stiele befestigten Scheibe; ausserdem hat man liegende Fässer,
in denen sich an einer Welle befestigte Flügel hin und her bewegen,
Kästen auf Walzen nach Art der Kinderwiegen u. s. w., in denen das
Buttern in längerer oder kürzerer Zeit vor sich geht. Wenn sich alle
Butterklumpen zu einer Menge vereinigt haben, so ist die Operation des
Buttern beendigt. Die Butter wird mit frischem, erneuertem Wasser
geknetet, bis dieses hell abläuft. Die von der Butter abgeschiedene
Flüssigkeit ist die =Buttermilch=, die aus 0,24 Proc. Butter, 3,82 Proc.
Caseïn, 90,80 Th. Wasser und 5,14 Th. Milchzucker und Salzen besteht; ein
grosser Theil des Milchzuckers darin ist schon in Milchsäure
übergegangen. 18 Gewichtstheile Milch geben durchschnittlich 1
Gewichtstheil Butter. Die Butter selbst besteht in frischem Zustande aus
I. II. III. IV.
Butterfett 94,4 93,0 87,5 78,5
Caseïn, Milchzucker } 0,3 0,3 1,0 0,3
Extractbestandtheile }
Wasser 5,3 6,7 11,5 21,2
Der Gehalt an Caseïn und Wasser bewirkt, dass die Butter leicht verdirbt
und ranzig wird. Um diesem Uebelstande zu begegnen, pflegt man in den
meisten Ländern die Butter zu =salzen= (in Süd- und Westdeutschland wird
die Butter ungesalzen consumirt), indem man dieselbe im völlig
ausgewaschenen Zustande mit Salz zusammenknetet. Man rechnet auf 1
Kilogr. Butter 30-40 Grm. Kochsalz. In England benutzt man anstatt des
Kochsalzes ein Gemenge von 4 Th. Kochsalz, 1 Th. Salpeter und 1 Th.
Zucker. Ein anderes Mittel, dem Verderben der Butter vorzubeugen, ist das
=Auslassen= derselben, d. i. ein Schmelzen, bis die anfänglich trübe
Flüssigkeit vollkommen klar geworden ist, wodurch Wasser und Caseïn, also
die Bedingungen zur Verderbniss entfernt werden. Das =Färben der Butter=
anbelangend, das gewöhnlich im Winter geschieht, zu welcher Zeit die
Butter eine weisse Farbe hat, so geschieht dies durch Orlean, durch
Curcuma, oder durch den Saft der Möhren oder Ringelblume oder endlich
durch gewisse gelbe Theerfarbstoffe.
[Sidenote: Chemische Natur der Butter.]
Die Butter besteht aus einem Gemenge verschiedener Glyceride, das bei
der Verseifung in Glycerin und eine Anzahl von Säuren aus der Reihe der
Fettsäuren zerfällt. Die nicht flüchtigen Säuren sind: die
Palmitinsäure C_{16}H_{32}O_{2} und die Butterölsäure
(C_{17}H_{30}O_{2}), die flüchtigen die =Buttersäure=[152]
(C_{4}H_{8}O_{2}), die Capronsäure (C_{6}H_{12}O_{2}), die Caprylsäure
(C_{8}H_{16}O_{2}) und die Caprinsäure (C_{10}H_{20}O_{2}). Letztere
vier Säuren bilden in Form von Glyceriden das =Butterfett= oder
=Butyrin= und sind die Ursache des eigenthümlichen Geruches der Butter.
[152] Die =Buttersäure= entsteht nicht nur bei der Verseifung der
Butter, sie findet sich auch im sauren Schweisse, im Magensafte
und bildet sich bei der Gährung und Fäulniss des Zuckers, der
Stärke, des Fibrin, des Caseïns u. s. w.
[Sidenote: Käse.]
Der =Käse= wird aus dem Caseïn dargestellt. Entweder benutzt man
abgerahmte Milch oder man wendet die Milch mit dem Rahm an. Im ersteren
Falle erhält man =mageren= Käse, der nur aus Caseïn mit sehr wenig Butter
besteht, im zweiten Falle =fetten Käse= (Schweizer, holländischen,
englischen Käse). Wenn bei der Darstellung der fetten Käse noch Rahm
hinzugesetzt wird, so erhält man =Rahmkäse=. Den =mageren Käse= stellt
man in Deutschland dar, indem man die saure Milch, von welcher der Rahm
behufs der Butterfabrikation abgeschieden worden ist, auf ein Tuch bringt
und abpresst. Die Molken laufen ab, während die =Käsematte= (Quark,
Schmierkäse, weisser Käse) als Brei zurückbleibt, der, mit der Hand in
die gebräuchlichen runden Formen (Handkäse) gebracht wird, welche darauf
der Luft ausgesetzt werden. Zur Bereitung des =fetten Käses= wendet man
gewöhnlich süsse Milch an, die durch Laab bei einer Temperatur von 30-40°
zum Gerinnen gebracht wird. Nachdem die Milch durch die Abscheidung des
Caseïns in eine gallertartige Masse verwandelt ist, zerschneidet man die
Masse mit einem hölzernen Messer und presst den Käse. Durch dieses
Verfahren, das mehrmals wiederholt wird, werden die Molken ziemlich
vollständig entfernt. Sobald der Käse anfängt fest zu werden, wird er mit
Kochsalz zusammengeknetet und dann in die bestimmte Form gepresst. Der
geformte Käse wird einige Zeit lang in erwärmte Molken getaucht, bis er
eine Rinde erhält, und nach dem Abtrocknen von Neuem gepresst. Sodann
wird der Käse mit Kochsalz eingerieben, zum Trocknen auf ein
Brettergestell gelegt und unter sorgfältiger Behandlung, die je nach der
Art der Käse eine verschiedene ist, seiner Reife zugeführt. Die blasige
Beschaffenheit einer Käsesorte (wie des Schweizerkäses) rührt davon her,
dass bei seiner Darstellung die Molken nicht vollständig getrennt werden,
der in denselben enthaltene Milchzucker in Krümelzucker, und letzterer
während des Reifens des Käses in Weingeist und Kohlensäure verwandelt
wird; die Kohlensäure bewirkt bei ihrem Entweichen die Auflockerung der
Käsemasse. Bei dem holländischen Käse, der blasenfrei ist, verhindert der
grössere Kochsalzzusatz die Umwandelung des Milchzuckers. Die Qualität
der Käse ist ferner von der Temperatur und Beschaffenheit der Räume, in
denen die Käse während des Reifens lagern, abhängig. (Im Allgäu rechnet
man auf 1 Ctr. Schweizerkäse I. Qualität 600 Liter Milch, II. Qualität
720-750 Liter.) Die Theorie des Käsebildungsprocesses ist noch keineswegs
genügend erklärt. Auf alle Fälle spielt die Hefe eine grosse Rolle bei
der Käsebildung. Wie =Hallier= gezeigt, ist der frische Käse ganz dicht
mit Kernhefe erfüllt. Ohne dieselbe kann kein Käse entstehen und durch
Zusatz geeigneter Hefe hat man sogar die Dauer der Käsebereitung und
seine Qualität bis zu einem gewissen Grade in der Gewalt. Die
chemisch-physikalische Veränderung, welche der Käse an der Luft erleidet,
lässt sich namentlich an den mageren Käsesorten beobachten. Im frischen
Zustande ist der Käse weiss wie Kreide, beim Liegen im feuchten Zustande
wird er gelb und durchscheinend (er wird =zeitig= oder =speckig=) und
nimmt den eigenthümlichen Käsegeruch an. Mit dem Alter verliert der Käse
allen Zusammenhang und zerfliesst zu einer schmierigen Masse. Diese
Veränderungen beginnen auf der Oberfläche und pflanzen sich vollkommen
gleichförmig ins Innere fort. Wenn man einen mageren Käse zerschneidet,
so bemerkt man einen gelben speckigen Ring, welcher einen scharf
begrenzten weissen Kern umgiebt. Der Ring wird von Tag zu Tag breiter,
bis zuletzt die ganze Masse gleichförmig ist und der Kern verschwindet.
Das Speckigwerden des Käses rührt her von einer Ammoniak- oder von einer
Säureentwickelung, beide machen den weissen Käse durchscheinend. Die
kräftig riechenden Käsesorten sind ammoniakalisch, die geruchlosen
reagiren meist sauer. Chemisch gesprochen ist speckig magerer Käse eine
Verbindung von Caseïn mit Ammoniak oder Ammoniakbasen (z. B. Amylamin);
gewisse trockene Käsesorten (wie der sogenannte Kräuterkäse) sind Gemenge
von trocknem Caseïn mit gewürzhaften Kräutern (Meliloten u. s. w.),
flüchtigen Fettsäuren (Valeriansäure, Caprinsäure, Capronsäure u. s. w.)
und einigen indifferenten Stoffen (Leucin etc.).
Folgende Zahlen geben die Zusammensetzung eines fetten Süssmilchkäses
(a) und eines mageren Sauermilchkäses (b):
(a) (b)
Wasser 36 44
Caseïn 29 45
Fett 30,5 6
Asche 4,5 5
--------------
100,0 100,0
Neuere Untersuchungen =Payen='s über in Paris beliebte Käsesorten
ergaben folgende Resultate: 1) Käse von Brie; 2) Camembert; 3)
Roquefort; 4) doppelter Rahmkäse; 5) alter Käse von Neufchatel; 6)
frischer Käse von Neufchatel; 7) Chester; 8) Gruyère; 9) gewöhnlicher
holländischer; 10) Parmesankäse enthalten in 100 Theilen:
==================+========================================
| I.
| | | | |
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5
==================+=======+=======+=======+=======+========
| | | | |
Wasser | 45,2 | 51,9 | 34,5 | 9,5 | 34,5
Stickstoffhaltige | | | | |
Substanzen | 18,5 | 18,9 | 26,5 | 18,4 | 13,0
(Stickstoff | 2,93 | 3,00 | 4,21 | 2,92 | 3,31)
Fette | 25,7 | 21,0 | 30,1 | 59,9 | 41,9
Salze | 5,6 | 4,7 | 5,0 | 6,5 | 3,6
Organische | | | | |
stickstofffreie | | | | |
Substanzen | | | | |
und Verlust | 5,0 | 4,5 | 3,9 | 5,7 | 7,0
==================+=======+=======+=======+=======+========
| II.
| | | | |
| 6 | 7 | 8 | 9 | 10
==================+=======+=======+=======+=======+========
| | | | |
Wasser | 36,6 | 35,9 | 40,0 | 36,1 | 27,6
Stickstoffhaltige | | | | |
Substanzen | 8,0 | 26,0 | 31,5 | 29,4 | 44,1
(Stickstoff | 1,27 | 4,13 | 5,00 | 4,80 | 7,0)
Fette | 40,7 | 26,3 | 24,0 | 27,5 | 16,0
Salze | 0,5 | 4,2 | 3,0 | 0,9 | 5,7
Organische | | | | |
stickstofffreie | | | | |
Substanzen | | | | |
und Verlust | 14,2 | 7,6 | 1,5 | 6,1 | 6,6
Die unter I. aufgeführten, in der Kälte und unter Bildung von
Kryptogamenvegetationen erzeugten Käse reagiren insgesammt in Folge von
Ammoniakgehalt alkalisch; die unter II. begriffenen sogenannten
gekochten, bei welchen die Erzeugung von Kryptogamen verhindert wird,
haben dagegen ebenso wie frischer Käse eine saure Reaction. Ein Theil
des Fettgehaltes unterliegt schon beim Beginn der Käsebildung der
Spaltung in Glycerin und fette Säuren.
In Deutschland massenhaft consumirte Käsesorten sind Emmenthaler (a)
und Backsteinkäse (b). Nach Analysen von =O. Lindt= (1868) haben diese
Käse folgende Zusammensetzung:
(a) (b)
Wasser 37,4 36,7 45,2 35,8
Fett 30,6 30,5 28,2 37,4
Caseïn 28,5 29,0 23,2 24,4
Salze 3,5 3,8 3,4 2,4
--------------------------------
100,0 100,0 100,0 100,0
Endlich seien einige neuerdings von =E. Hornig= (1869) ausgeführte
Käse-Analysen angeführt:
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8.
Wasser 38,66 56,60 51,21 57,64 36,72 34,08 59,28 49,34
Fett 20,14 17,05 9,16 20,31 33,69 28,04 10,44 20,63
Caseïn 34,90 18,76 33,60 18,51 25,67 32,28 24,09 24,26
Salze 6,17 6,78 6,01 3,51 3,71 5,58 6,17 5,45
Verlust 0,13 0,81 0,02 0,04 0,21 0,02 0,02 0,32
--------------------------------------------------------------
100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00
1. Holländer-Käse. 2. und 3. Ramadoux-Käse, angeblich aus Bayern.
4. Neufchatel-Käse. 5. Gorgonzola-Käse. 6. Bringen-Käse oder Liptauer-Käse
aus dem Zypser Comitat. 7. Schwarzenberger-Käse. 8. Limburger Käse.
Frisch geronnener Käsestoff (Quark) wird, mit Kalk gemengt, zu Kitt und
als Beiz- und Verdickungsmittel in der Kattundruckerei angewendet[153].
Eine Lösung von Caseïn in Boraxlösung findet anstatt Tischlerleim und
Mundleim Anwendung.
[153] Mit dem Caseïn der Milch stimmt in seinen Eigenschaften ein
Pflanzenbestandtheil überein, der sich in den Samenlappen der
Leguminosen, namentlich der Erbsen, Linsen und Bohnen findet,
sich in Wasser löst und aus der Lösung durch schwache Säuren
abgeschieden werden kann. Diese Substanz ist =Pflanzencaseïn=
genannt worden. Nach =Itier='s Berichte stellen die Chinesen aus
Erbsen einen wirklichen Käse dar, indem Erbsen zu einem Brei
gekocht werden. Das Durchgeseihte wird mit Gypswasser zum
Gerinnen gebracht und das Geronnene wie der aus Milch durch Laab
gefällte Käse behandelt. Die Masse nimmt nach und nach den Geruch
und den Geschmack des animalischen Käses an.
Das Fleisch.
[Sidenote: Allgemeines.]
Das, was man im gewöhnlichen Leben mit dem Namen =Fleisch= bezeichnet,
ist die Muskelsubstanz der Schlachtthiere, umgeben mit mehr oder weniger
Fett, und enthaltend Knochen, so dass das käufliche Fleisch in 100 Th. im
Mittel zusammengesetzt ist, aus
Muskelsubstanz 16
Fett und Zellgeweben 3
Knochen 10
Fleischflüssigkeit 71
---
100
Die Muskelsubstanz selbst ist ein Complex von verschiedenartigen
Geweben und Flüssigkeiten, deren Basis die thierische Faser oder das
Fibrin -- eine organisirte Proteïnsubstanz ist. Die einzelnen
Muskelfasern, indem sie bündelweise durch Bindegewebe verbunden sind,
bilden die Muskeln. Zwischen den Muskelscheiden und Bindegeweben lagert
sich das Fett in besonderen Fettzellen ab. Das Ganze ist von einer
Unzahl feiner Blut- und Lymphgefässen durchwebt, welche die Ernährung,
und von Nerven, welche die Lebensfunctionen der Muskeln vermitteln. Die
Muskelsubstanz ist mit einer proteïnreichen Flüssigkeit, der
Fleischflüssigkeit, getränkt, welche eine Anzahl von Substanzen, theils
direct vom Blute ausgeschwitzt, theils im Stoffwechsel der Muskeln
entstanden, enthalten; diese Körper sind die Basen Kreatinin und
Hypoxanthin, das Kreatin, der Inosit oder Muskelzucker, Milchsäure,
Inosinsäure, extractive Körper und unorganische Substanzen, unter denen
Chlorkalium und Magnesiumphosphat vorherrschen.
[Sidenote: Bestandtheile des Fleisches.]
Ueber die einzelnen Bestandtheile des Körpers der Schlachtthiere geben in
neuerer Zeit im grösseren Maassstabe angestellte Versuche, die für die
Beurtheilung des Nahrungswerthes des Fleisches der Thiere im gemästeten
oder ungemästeten Zustande von grosser Wichtigkeit sind, Aufschluss. Aus
diesen Versuchen folgt, dass der Wassergehalt
beim Lamme Schafe Ochsen Schweine
in ungemästetem Fleische 62 58 -- 56
" halb gemästetem Fleische -- 50 54 --
" ganz " " 49 40 46 39
" fettem Fleische -- 33 -- --
beträgt. Mit fortschreitender Mästung nimmt daher der Wassergehalt des
Fleisches ab und die Trockensubstanz zu, indem ein Theil des Wassers
durch Fett ersetzt wird. Im Fleische von gutem Mastvieh erhält der
Consument vom Fleischer bei gleichem Gewichte im Mittel etwa 40 Proc.
mehr trockne thierische Masse als in dem von ungemästetem Vieh, bei sehr
fetten Thieren sogar bis zu 60 Proc. mehr.
Welcher Unterschied in dem Nahrungswerthe des Fleisches von fetten
Ochsen im Vergleiche zu dem von mageren Ochsen besteht, das zeigen
=Breunlin='s Versuche, nach welchen 100 Th. Fleisch enthielten:
vom fetten vom magern Ochsen
Wasser 38,97 59,68
Asche 1,51 1,44
Fett 23,87 8,07
Muskelfleisch 36,65 30,81
----------------------
100,00 100,00
oder 1000 Grm. (= 2 Zollpfund) enthielten:
Muskelfleisch Fett Asche Wasser
Fleisch vom fetten Ochsen 356 239 15 390
Fleisch vom magern Ochsen 308 81 14 597
----------------------------
Unterschied +48 +158 +1 -207
Das Fleisch des fetten Ochsen enthält auf 1000 Th. mithin 207 Th. mehr
feste Nahrungsstoffe als das Fleisch des ungemästeten Thieres.
[Sidenote: Zubereitung des Fleisches.]
Das Fleisch wird theils gekocht, theils gebraten. Durch das Kochen
erleidet es eine wesentliche Veränderung in seiner Zusammensetzung; je
nach der Dauer des Kochens und der Wassermenge tritt eine mehr oder
weniger vollständige Scheidung der löslichen Bestandtheile von den
unlöslichen Bestandtheilen des Fleisches ein. Die Fleischbrühe enthält
lösliche Phosphate mit alkalischen Basen, milch- und inosinsaure Salze,
phosphorsaure Magnesia und nur Spuren von phosphorsaurem Kalk; das
gekochte Fleisch enthält vorzugsweise phosphorsauren Kalk und
phosphorsaure Magnesia. Wenn das als Nahrungsmittel genossene Fleisch in
dem Organismus wieder als Fleisch übergehen, wenn ihm die Fähigkeit
erhalten werden soll, sich in dem ursprünglichen Zustande wieder zu
erzeugen, so dürfen dem frischen Fleische bei seiner Zubereitung keine
seiner Bestandtheile entzogen werden. Wenn in irgend einer Weise seine
Zusammensetzung geändert, einer seiner Bestandtheile, der zu seiner
Constitution gehört, entzogen wird, so ändert sich in gleichem
Verhältnisse die Fähigkeit des Fleischstückes, die ursprüngliche Form und
Beschaffenheit, von der seine Eigenschaften im lebendigen Körper
abhängen, in dem lebenden Körper wieder anzunehmen. Daraus geht hervor,
dass das gekochte Fleisch, wenn es ohne die Fleischbrühe genossen wird,
zur Ernährung um so weniger sich eignet, je grösser die Wassermenge war,
in welcher es gekocht wurde und je länger das Kochen dauerte.
Da das Albumin des Fleisches in seinen Lösungen bereits vor der
Siedetemperatur des Wassers gerinnt, so geht beim Auskochen des
Fleisches oder bei der gewöhnlichen Methode der Gewinnung der
Fleischbrühe das Albumin für die Fleischbrühe zum grössten Theile
verloren, da der Schaum, der sich beim Kochen des Fleisches auf der
Oberfläche als weisses Coagulum abscheidet und abgeschöpft wird,
Fleischalbumin ist. Dieser Verlust an nährender Substanz lässt sich
vermeiden, wenn man nach =v. Liebig='s Vorschrift bei der Bereitung von
Fleischbrühe für Kranke, das fein zerhackte Fleisch mit destillirtem
Wasser, dem einige Tropfen Salzsäure und etwas Kochsalz zugesetzt
wurde, mischt und digerirt und nach einstündiger Digestion die
Flüssigkeit von dem Rückstande mittelst eines Haarsiebes trennt und den
Rückstand durch allmäliges Aufgiessen von destillirtem Wasser noch
vollständiger auszieht. Man erhält so ein kaltes Fleischextract von
rother Farbe und angenehmem Fleischbrühgeschmacke, welches kalt
genossen wird (beim Erhitzen trübt sich die Flüssigkeit und setzt ein
dickes Coagulum von Albumin und Blutroth ab). 100 Th. Ochsenfleisch
geben ein Extract, welches 2,95 Th. Albumin und 3,05 Th. sonstige,
nicht gerinnende Fleischbestandtheile enthält. =Chevreul= erhielt von
500 Grm. Rindfleisch, welche 77 Proc. Wasser enthielten, 27,25 Grm.
Extract; nach Abzug von 3,25 Grm. Fett, die darin sich fanden, macht
dies 4,8 Proc. aus. Die Menge der aus obigen 500 Grm. Fleisch
gewonnenen Fleischbrühe betrug ungefähr 1,25 Liter. Das Liter wog 1013
Grm. und bestand aus
Wasser 991,30
organ. Substanz { in Alkohol löslich 9,44
{ in Alkohol unlöslich 3,12
Alkalisalzen 8,67
phosphorsauren Erden 0,46
-------
1013,09
Durchschnittlich enthält die Fleischbrühe aus Ochsenfleisch, inclusive
Leim und Fett, nur 3 Th. feste Fleischbestandtheile. Unter den
günstigsten Verhältnissen enthält man aus 1000 Grm. Ochsenfleisch:
in kaltem Wasser löslich 60 { geronnenes Albumin 29,5
{ in der Lösung 30,5
" " " unlöslich 170 { Leimsubstanz 6,9
{ Faser 164,0
Fett 20
Wasser 750
[Sidenote: Kochen des Fleisches.]
Die beste Art und Weise, =Fleisch zu kochen und Fleischbrühe zu
bereiten=, ist folgende: Man bringt das zum Kochen bestimmte Fleisch
erst dann in den Topf, wenn das darin befindliche Wasser in
vollständigem Sieden begriffen ist, unterhält das Sieden einige Minuten
lang und erniedrigt dann die Temperatur durch Zusatz von kaltem Wasser
auf 70-74°. Wird das Wasser einige Stunden bei dieser Temperatur
erhalten, so hat man alle Bedingungen vereinigt, um dem Fleische die
zum Genusse geeignete Beschaffenheit zu geben. Indem nämlich nach
diesem Verfahren das Eiweiss coagulirt wird, bildet sich auf der
Oberfläche des Fleisches eine Hülle, welche das Eindringen des Wassers
ins Innere verhindert und die löslichen Theile einschliesst. Die von
diesem Fleische abgegossene Brühe wird demnach weniger der löslichen
Bestandtheile enthalten. Um aber eine kräftige =Fleischbrühe=
darzustellen, mischt man feingehacktes mageres Fleisch mit kaltem
Wasser, erhitzt es langsam bis zum Sieden und presst es nach
minutenlangem Aufwallen aus. Nach dem Durchseihen braucht sie nur
gewürzt und mit gebranntem Zucker oder Caramel etwas gefärbt zu werden.
Das Färben ist eine kaum erlässliche Concession, die man dem gewohnten
Vorurtheile machen muss. Die zurückbleibenden Fleischstücke sind
gänzlich geschmacklos und zur Ernährung untauglich. Die Fleischbrühe
enthält alle löslichen Stoffe der Fleischsubstanz: Kreatin, Kreatinin,
Inosit, extractive Substanzen, inosin- und milchsaure Salze,
Chlorkalium und phosphorsaure Erden. Wegen der freien Milch- und
Inosinsäure reagirt sie stets sauer. Dass die Haupteigenschaft der
Fleischbrühe von der darin aufgelösten Leimsubstanz abhängig sei, wie
man lange angenommen hat, ist durchaus ungegründet, da der durch
Knochen gebildete Leim nur einen sehr untergeordneten Bestandtheil
darstellt. Die Untauglichkeit der Knochenbouillontafeln als
Nahrungsmittel ist gegenwärtig allgemein anerkannt.[154] Bei längerem
Kochen und siedendem Abdampfen nimmt die Fleischbrühe eine dunklere
Farbe und einen feinen Bratengeschmack an. Dampft man sie im Wasserbade
ab, so erhält man eine dunkelbraune weiche Masse, von welcher 1 Loth
hinreicht, um 1 Pfund Wasser, dem man etwas Kochsalz zusetzt, in eine
wohlschmeckende und starke Fleischbrühe zu verwandeln. Aus 32 Pfund
knochen- und fettfreiem Ochsenfleische erhält man 1 Pfund dieses
Extractes. Auf Veranlassung =v. Liebig='s wird gegenwärtig dieses
=Fleischextract= (_Extractum carnis_) von der _Liebig's Extract of meat
Company_ in Fray-Bentos und von =Buschenthal u. Comp.= in Montevideo
(in Uruguay) dargestellt.[155] Dieses Extract enthält in 1 Kilogr. alle
in heissem Wasser löslichen Bestandtheile von 34 Kilogr. reinem
Muskelfleisch oder von 45 Kilogr. Fleisch von der Fleischbank. Auch
australisches Fleischextract von =Robert Tooth= in Sidney (aus reinem
Rindfleisch und nicht aus Rind- und Schaffleisch gemengt, wie das
südamerikanische Extract) kommt in grosser Menge nach Europa[156]. Die
Hauptmerkmale der Reinheit des Fleischextractes liegen in der
Löslichkeit in 80procentigem Alkohol, dem Wassergehalt und der
Abwesenheit von Eiweiss und Fett. Mindestens 60 Proc. des Extractes
müssen sich in Alkohol lösen, der Wassergehalt beträgt gegen 16 Proc.,
der Stickstoffgehalt gegen 10 Proc., der Aschengehalt 18-22 Proc. (die
Asche besteht wesentlich aus Calcium- und Magnesiumphosphat und
Chloralkalimetallen; unter den letzteren muss das Chlorkalium
vorherrschen).
[154] Nicht zu verwechseln mit den Knochenbouillontafeln sind die seit
einiger Zeit in Russland dargestellten =Bouillontafeln=, welche
alle wesentlichen Bestandtheile des Fleischextractes enthält.
=E. Reichardt= (1869) fand darin:
Wasser bei 110° entweichend 15,13 Proc.
Asche 4,75 "
Fett 0,22 "
Stickstoff 10,57 "
In Alkohol von 80 Proc. Lösliches 38,09 "
Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1869 p. 488.
[155] Die von dem Hamburger =Giebert= in Fray-Bentos in Uruguay
gegründete Fabrik ist seit 1867 in den Besitz einer engl.-belg.
Actiengesellschaft übergegangen und producirt gegenwärtig
jährlich gegen 15,000 Centner Fleischextract. Die beim Schlachten
sich anhäufenden Nebenbestandtheile sollen in Düngerfabrikate
übergeführt werden. Eine zweite Fleischextractfabrik hat das
Bankhaus =Benites y Hijo= in Buenos Ayres in dem Orte
Gualeguaychu (Entre Rios) im Jahre 1869 errichten lassen.
[156] Depositaire des australischen Fleischextractes für Europa sind
=W. J. Colemann= & Comp. in London.
Beim =Braten des Fleisches= wendet man kein Wasser, sondern Fett an,
mit welchem man das Fleisch in einer Pfanne erwärmt, oder man setzt
dasselbe direct, wie es in England geschieht, auf einen Spiess
gesteckt, dem Feuer aus. Es bildet sich rasch eine Kruste, welche das
Herausfliessen der Fleischflüssigkeit verhindert. Nachdem diese Kruste
sich gebildet hat, kann man die Hitze mässigen, weil die Fleischfasern
schon bei 100° gar werden. Beim Braten sollen aus den
Fleischbestandtheilen mehrere Produkte der trocknen Destillation
entstehen, worunter die Essigsäure in sofern am wichtigsten ist, als
durch sie die Fleischfaser löslicher wird. Fehlerhaft ist es, dem zu
bratenden Fleischstücke etwas Wasser zuzusetzen, namentlich beim
Beginne des Bratens. Durch Wasserzusatz ist zwar eine grössere Menge
von Sauce zu erzielen, aber immer nur auf Kosten der Güte des Bratens.
[Sidenote: Aufbewahrung des Fleisches.]
Unter den vielen Mitteln, die man in Vorschlag gebracht und angewendet
hat, um =Fleisch= und =Fleischspeisen unverändert aufzubewahren=, stehen
ohne Widerrede diejenigen oben an, welche auf dem Principe des
vollkommenen Luftabschlusses beruhen. Es hat sich deshalb das
Einschliessen von Fleisch in luftdicht verschlossenen Blechbüchsen nach
der Methode von =Appert= durch vielfache Erfahrungen als dem Zwecke
vollkommen entsprechend erwiesen, so dass dieses Verfahren und seine
Nachbildungen in neuester Zeit, wo als Folge des erleichterten See- und
Landverkehrs, der zunehmenden Auswanderung, so wie überhaupt der
Seereisen und Expeditionen zu wissenschaftlichen Zwecken, der Kriege der
Gegenwart und der damit verknüpften Nothwendigkeit der Verproviantirung
von Armeen und Festungen, das Bedürfniss weit mächtiger als früher
hervortrat, die Nahrungsmittel nicht nur von einer Jahreszeit zur andern,
sondern für eine Reihe von Jahren vorrathsweise aufzuspeichern und sie
dabei in einen Zustand zu versetzen, in welchem sie dem Verderben nicht
mehr unterliegen, eine ungeahnte Wichtigkeit erlangt hat.
Die Methode =Appert='s besteht in Folgendem: Zubereitete Fleischspeisen
(Geflügel, Ragouts etc.), die zu dem Ende möglichst stark eingekocht
werden müssen, bringt man in cylindrische Blechbüchsen von angemessener
Grösse, welche damit fast ganz angefüllt werden, löthet nun einen mit
einer kleinen Oeffnung versehenen Deckel auf, füllt durch diese
Oeffnung den noch leeren Raum völlig mit Brühe und umlöthet endlich
auch diese Oeffnung. Hierauf werden die Büchsen in einem Bade mit
Salzwasser bis über den Siedepunkt des Wassers je nach ihrer Grösse
1/2-4 Stunden lang erhitzt. Wenn eine oder die andere Büchse nicht
vollkommen schliesst, so sieht man Bläschen aus der schadhaften Stelle
perlen, welche man dann mit dem Löthkolben ausbessert. Durch das Kochen
werden die Eiweisssubstanzen coagulirt und dadurch in eine weniger der
Fäulniss fähige Modifikation übergeführt, ferner wird der Sauerstoff
der eingeschlossenen Luft zum grossen Theile entfernt, der
zurückgebliebene Rest theils in Kohlensäure verwandelt, theils
desozonisirt und dadurch unschädlich gemacht. Die solchergestalt der
Einwirkung der Luft entzogenen Substanzen unterliegen, wenn die
Operation mit Sorgfalt ausgeführt wurde, dem Verderben nicht; doch
unterwirft man die fertigen Büchsen einer Prüfung, indem man sie einige
Zeit lang an einem bis auf etwa 30° erwärmten Orte aufbewahrt. Ist bei
dieser Probe Fäulniss eingetreten, so giebt sie sich bald durch eine
Gasentwickelung zu erkennen, in deren Folge die flachen Böden sich
etwas nach aussen krümmen, während sie ausserdem durch den Luftdruck
eine Krümmung nach innen annehmen. Bleibt dieses Kennzeichen von
Verderbniss aus, so ist die erste gefährliche Periode überstanden und
in späterer Zeit ein Selbstentmischungsprocess nicht so leicht zu
befürchten. Die Vorschläge von =Redwood=, Fleisch durch Ueberziehen mit
einer Paraffinschicht zu conserviren, kommen auf das nämliche Princip
wie =Appert='s Verfahren hinaus. Dasselbe gilt von =Shaler='s
Verfahren, nach welchem Fleisch in trockenem Kohlensäuregas bei 0°
conservirt werden soll.
[Sidenote: Conserviren durch Wasserentziehung.]
Wie durch Abhaltung der Luft lässt sich auch das Fleisch =durch
Wasserentziehung=, entweder durch Trocknen, oder durch Einsalzen
conserviren.
Das Aufbewahren des Fleisches durch Austrocknen, das Sicherste, es vor
dem Verderben zu schützen, hat seine grossen Schwierigkeiten. Die
Eingebornen Nord- und Südamerikas pflegen die Fleischvorräthe, welche
sie auf ihren Zügen mit sich nehmen, sorgfältig vom Fett zu befreien,
die reinen Fleischtheile in dünne Streifen zu zertheilen, die mit
Maismehl bestreut werden, um die Säfte aus dem Fleische aufsaugen zu
lassen und die so bestreuten Streifen auf horizontal liegenden Stäben
an der Sonne zu trocknen. Es bleibt eine biegsame, nicht mehr
fäulnissfähige Masse zurück, in Nordamerika =Pemmikan=, im Süden
=Tassajo=, in Südafrika =Biltongue= genannt, welche zusammengerollt und
festgestampft wird und in diesem Zustande leicht zu transportiren ist.
100 Th. Ochsenfleisch liefern beinahe 26 Th. Tassajo. In Europa hat
sich die Entwässerung des Fleisches durch Trocknen niemals Bahn brechen
wollen, da, in den meisten Ländern wenigstens, im Sommer die Luftwärme
nicht gross genug ist, um mit Hülfe derselben das Fleisch so rasch zu
trocknen, dass nicht ein Verderben des Fleisches zu befürchten wäre; da
das Fleisch ferner vor dem Trocknen in kleine Stücke oder dünne
Streifen zerschnitten werden muss, so eignet es sich für manche
Küchenzwecke nicht mehr.
Grösserer Beachtung erscheint dagegen der =Fleischzwieback=
(_meat-biscuit_) werth, eine Erfindung von =Gail Bordon=, der 1850 eine
Fabrik zu Galveston in Texas anlegte, woselbst die ausgedehnten
Prairien durch das in unzähliger Menge in ihnen hausende Hornvieh den
nöthigen Vorrath an Fleisch für geringe Kosten liefern. Der Erfinder
behauptet, dass 1 Kilogr. solcher Zwiebäcke eine gleiche Menge
nährender Substanzen enthalte wie 5 Kilogr. frisches Fleisch. Diese
Zwiebäcke eignen sich vorzüglich für Feldzüge in wüsten unwirthbaren
Gegenden, sowie auf langen Seereisen, weil sie eine grosse Menge
Nahrungsstoff in einem sehr kleinen Raume und auf ein kleines Gewicht
reducirt, dabei in leicht verdaulichem Zustande enthalten. In Amerika
werden sie bei den Streifzügen gegen die Indianer häufig angewendet.
Vortrefflich ist der Vorschlag (1867) von =C. Thiel= (in Darmstadt),
den Fleischzwieback durch Auslaugen von frischem, fettfreiem und fein
gehacktem Fleisch mit kaltem Wasser und Benutzen dieser
Fleischflüssigkeit anstatt Wasser zum Anmachen eines Teiges aus Weizen-
oder Roggenmehl darzustellen, welcher zu runden Kuchen geformt und bei
niederer Temperatur des Backofens gebacken wird.
Unter dem Namen =Fleischextract-Brot= oder =deutscher Fleischzwieback=
bereitet =E. Jacobsen= in Berlin neuerdings ein haltbares Weizengebäck
mit =Liebig='schem Fleischextract zur schnellen Herstellung einer
kräftigen, nahrhaften Fleisch-Brotsuppe. 1 Pfd. dieses
Fleischextract-Brotes entspricht 4 Pfd. Rindfleisch. Es wird in
zehntheiligen Tafeln zu 1/4 Pfd. geliefert, deren jede also 1 Pfd.
Fleisch entspricht und 5 grosse Teller, resp. 10 mittelgrosse Tassen
Suppe giebt. Bei der Verwendung zerstösst oder zerklopft man die
nöthige Menge Fleischextract-Brot, übergiesst sie mit kochendem Wasser
und giebt etwas Salz dazu. Brüht man Suppenkräuter (Petersilie,
Sellerie etc.) mit dem kochenden Wasser, welches man zur Bereitung der
Suppe aus Fleischextract-Brot verwendet, so erhält letztere Geschmack
und Aroma frischer Fleischbrühe. Der Fleischzwieback lässt sich auch
roh, sowie in Wein eingebrockt geniessen und wird die leicht zu
beherbergende Tafel dem Soldaten als eiserner Bestand sehr willkommen
sein. Besonders dürfte auch die Nachsendung dieses Fleischzwiebackes an
die Feldlazarethe, sowie die Mitgabe desselben an die Nothhelfer auf
dem Schlachtfelde zu empfehlen sein, da derselbe im kleinsten Raum den
grössten Nährwerth repräsentirt und die Bereitung einer Suppe aus
Fleischextract allein immer noch andere Zuthaten verlangt, die im
Augenblicke vielleicht schwierig herbeizuschaffen sind. Der
Fleischzwieback hält sich sehr gut, schimmelt nicht und wird trotz des
Fettgehaltes nicht ranzig; er ist mit Gelatine überzogen, welche die
Poren des porösen, leicht Sauerstoff aufsaugenden Gebäcks verschliesst.
In England und ebenso in Russland ist Fleischextract-Bisquit bei den
Armeen eingeführt, in Deutschland ist dies bis jetzt leider nicht der
Fall[157].
[157] In die nämliche Kategorie von Nahrungsmitteln, die Gemenge sind
von animalischen und vegetabilischen Stoffen, gehört die
=Erbswurst= von =Grüneberg= in Berlin (1870), deren Vorhandensein
für die deutsche Armee im Kriege mit Frankreich als eine wahre
Wohlthat bezeichnet werden muss.
[Sidenote: Einsalzen des Fleisches.]
Eine andere, seit undenklichen Zeiten angewendete Methode der
Fleischconservirung durch Wasserentziehung ist das =Einsalzen mit
Kochsalz= (Pökeln), welches letztere, indem es einen Theil der
Fleischflüssigkeit aufnimmt, das Fleisch entwässert. Zu gleicher Zeit
tritt ein Theil Kochsalz in die Fleischfaser ein. Beim Einsalzen wird das
ausgeschlachtete Fleisch mit Salz stark eingerieben, einige Tage liegen
gelassen und dann unter Gewichten oder einer Hebelpresse ausgepresst;
dieselbe Behandlung wird wiederholt, das Fleisch hierauf in Fässer
gepackt und mit der ausgepressten Salzlösung übergossen. Man setzt dem
Kochsalze in der Regel etwas Salpeter (ausserdem auch zuweilen Zucker)
zu, der theils gleiche Wirkung äussert, wie das Kochsalz, theils dem
Fleische eine lebhafte rothe Farbe ertheilt.
Durch das Kochsalz wird dem Fleische aber keineswegs nur Wasser
entzogen, =v. Liebig= fand bei seiner Untersuchung über das Fleisch und
seine Bestandtheile, dass in die Salzlake der dritte Theil bis die
Hälfte der Flüssigkeit übergehe, die einen Bestandtheil des frischen
Fleisches ausmacht. Die Salzlake enthält demnach die Hauptbestandtheile
einer concentrirten Fleischbrühe, so dass beim Einsalzen die
Zusammensetzung des frischen Fleisches verändert wird und zwar in einem
noch höheren Grade, als dies durch das Kochen geschieht. Beim Kochen
bleibt nämlich das nahrhafte Albumin im geronnenen Zustande in dem
Fleischstücke, aber beim Einsalzen trennt sich das Albumin vom Fleisch;
aus der bis zum Sieden erhitzten Salzlake scheidet sich das Albumin
reichlich als Gerinnsel ab. Die Salzlake enthält Milchsäure,
Phosphorsäure, Magnesia, Kali, Kreatin und Kreatinin. Es ist hiernach
klar, dass dem Fleische beim Einsalzen durch das Austreten der
Fleischflüssigkeit eine Anzahl von Stoffen entzogen wird, die zu seiner
Constitution gehören, und dass damit das Fleisch im Verhältniss zu
diesem Verluste von seiner Ernährungsfähigkeit verliert. Wenn diese
Bestandtheile nicht von anderer Seite ersetzt werden, so tritt
nothwendig die Folge ein, dass das Fleisch zu einem mangelhaften und
für die Gesundheit nicht zuträglichen Nahrungstoffe wird. Es ist auch
durch die Erfahrung bewiesen, dass durch gesalzenes Fleisch auf die
Dauer hin der Gesundheitszustand eines Individuums nicht erhalten
werden kann. Man vermuthet und gewiss nicht mit Unrecht, dass der
Skorbut, eine Krankheit in Folge mangelhafter Beschaffenheit der Säfte,
besonders eine Folge des Genusses von Salzfleisch sei. Um all' diesen
Uebelständen vorzubeugen, hat =v. Liebig= (1869) vorgeschlagen, das
Fleisch nicht, wie es gewöhnlich geschieht, mit trocknem Kochsalz,
sondern mit einer Salzlake einzusalzen, die eine Lösung ist von
Kochsalz, Natronsalpeter, Chlorkalium und Fleischextract. Das hierzu
angewendete Kochsalz ist vorher durch eine Lösung von Natriumphosphat,
von Kalk und Magnesia zu reinigen.
Das =Cirio='sche Verfahren der Fleischconservation, welches auf der
Pariser Industrie-Ausstellung des Jahres 1867 durch geschickte
Benutzung der Reclame grosses Aufsehen machte, besteht in der
Behandlung des Fleisches unter der Luftpumpe und Einpressen von
Salzlösung. Durch den Verlust von Fleischflüssigkeit, welcher mit
=Cirio='s Conservationsmethode unabwendbar verknüpft ist, wird der
Nahrungswerth des so behandelten Fleisches beträchtlich verringert.
[Sidenote: Räuchern des Fleisches.]
Das =Räuchern des Fleisches= oder das Behandeln desselben mit Holzrauch,
um es vor Fäulniss zu schützen, lässt sich noch nicht mit Sicherheit in
jeder Beziehung auf naturwissenschaftliche Principien zurückführen. Vor
allem spielt die Wärme des Rauches eine Hauptrolle, indem dadurch das
Fleisch so viel als möglich ausgetrocknet wird; ferner befindet sich im
Rauch das von =v. Reichenbach= entdeckte Kreosot (nach den Untersuchungen
von =Hlasiwetz=, =v. Gorup=, =Marasse= u. A. wesentlich ein Gemenge der
homologen Verbindungen C_{7}H_{8}O_{2}, C_{8}H_{10}O_{2} und
C_{9}H_{12}O_{2}), welches sich durch die Eigenschaft auszeichnet, die
albuminösen Bestandtheile des Fleisches zu coaguliren und unlöslich zu
machen. Unlösliche Stoffe aber faulen entweder schwierig oder gar nicht
mehr. Dass ausserdem im Rauche enthaltener Essig (Holzessig) und noch
andere Bestandtheile des Rauches (die dem Kreosot homologe Oxyphensäure,
neben der Carbolsäure), bei dem Räuchern des Fleisches eine Rolle
spielen, ist sehr wahrscheinlich.
Wenn auch die Nahrhaftigkeit des geräucherten Fleisches mit der des
frischen nicht verglichen werden kann, so hat doch das Räuchern vor dem
Einsalzen unbestritten den Vorzug, dass von den Bestandtheilen des
Fleisches und der Fleischflüssigkeit nichts verloren geht. Ob indessen
das Ueberführen gewisser löslicher Bestandtheile in den unlöslichen
Zustand durch das Räuchern nicht in Bezug auf Ernährungsfähigkeit
ähnliche Verluste herbeiführt, wie es beim Einsalzen durch directe
Entziehung der Stoffe der Fall ist, ob überhaupt der Process des
Räucherns nicht einigermaassen einem Gerbeprocess zu vergleichen ist,
wodurch natürlich die Verdaulichkeit des Fleisches vermindert wird,
dies sind Fragen, deren Beantwortung durch die Chemie und Physiologie
noch zu erwarten steht.
=Essig= ist ein recht brauchbares Mittel, Fleisch auf einige Zeit vor
der Fäulniss zu schützen (Sauerbraten, in Essig eingelegtes Geflügel).
Es ist wahrscheinlich, dass wir in der gegenwärtig so wohlfeil zu
erlangenden concentrirten Essigsäure ein gutes Mittel besitzen, von
Knochen sorgfältig befreites Fleisch im Grossen zu conserviren,
vorausgesetzt, dass der Zutritt der Luft dabei abgeschlossen werde. Um
den Uebelstand des Auslaugens des Fleisches durch Einlegen in Essig zu
vermeiden, ist der passende Vorschlag gemacht worden, die Essigsäure
nicht in Form von flüssigem Essig, sondern dampfförmig auf das Fleisch
wirken zu lassen.
In neuerer Zeit hat der Franzose =Lamy= (wie schon in früherer Zeit
=Braconnot=, =Robert=, =de Dombasle= u. A.) vorgeschlagen, Fleisch
behufs seiner Conservirung mit =schwefliger Säure= zu behandeln.
Fleischstücke von 2-3 Kilogr. setzt man 10 Minuten lang der Einwirkung
von schwefligsaurem Gase aus, grössere Stücke von 10 Kilogr. längere
Zeit, etwa 20-25 Minuten. Die mit schwefliger Säure behandelten
Substanzen werden einige Zeit der Luft ausgesetzt, damit die schweflige
Säure abdunste, und dann mit einem Ueberzuge versehen, indem man mit
Hülfe eines Pinsels eine mit Melasse versetzte Auflösung von Albumin in
Eibischwurzelabkochung aufträgt. Neuerdings überzieht man das in
trockner heisser Luft getrocknete Fleisch mit einer dünnen Schicht von
Guttapercha oder Kautschuk. Zu diesem Behufe wird das zu conservirende
Fleisch wiederholt in eine verdünnte Lösung einer der genannten
Substanzen in Schwefelkohlenstoff oder Chloroform getaucht; ein
2-3maliges Eintauchen ist in den meisten Fällen genügend. Dass =niedere
Temperatur= zu den vorzüglichsten Conservationsmitteln gehört, die es
nur giebt, ist allgemein bekannt. Fleisch in Eiskellern oder
Eisschränken aufbewahrt, fault nicht. Ein überraschendes Beispiel von
der conservirenden Eigenschaft der Kälte hat man in der Erhaltung der
Mammuthe, welche man zu verschiedenen Zeiten (erst neuerdings im Jahre
1864 wieder) noch mit sämmtlichen Weichtheilen in Sibirien eingefroren
gefunden. In England pflegt man Fische, namentlich Lachse, in Eis zu
verpacken, um sie von den nördlichen Gegenden Englands und Schottlands
nach London zu transportiren. »Wer in den Wintermonaten -- sagt =Fr.
Ilisch= -- nur eine kurze Zeit in der nördlichen Hälfte Russlands
gelebt hat, erstaunt gewiss über die Menge von Lebensmitteln, welche
dort in gefrorenem Zustande Monate lang, ohne dass sie verderben oder
auch nur ihren Geschmack ändern, aufbewahrt werden. Der grösste Theil
von Fleisch und Fischen wird nach einem Transport von oft vielen
hundert, ja sogar tausend Wersten in gefrorenem Zustande auf den Markt
gebracht. Alles Geflügel und Wild, welches während des langen
nordischen Winters als Leckerbissen auf den Tisch der Wohlhabenden
kommt, wird in gefrorenem Zustande zugeführt. Der Reisende, der bei
strenger Winterkälte entfernte Gegenden durcheilt und seine Kost oft
für Monate bei sich führen muss, hat in seinem Schlitten einige
Eisklumpen, die er durch Erwärmen in eine schmackhafte Kohlsuppe oder
durch Aufthauen in heissem Wasser in Fleischkuchen umwandelt, und von
denen er sich während seiner Reise ausschliesslich nährt. In St.
Petersburg giebt es grosse Niederlagen, in denen Haselhühner,
Birkhühner etc. in Eis vergraben, ohne dass sie ihren Geschmack
verändern, bis spät in den Sommer aufbewahrt werden. Diese einfache Art
der Conservirung übertrifft durch ihre Resultate alle andern Methoden,
und ihr Gelingen ist nur von einer genügenden Quantität Eis abhängig,
von der die Lebensmittel während der ganzen Zeit des Aufbewahren
umgeben sein müssen.« Das natürliche Kältemagazin mit seinem
permanenten Gletschereis in der Dornburg bei Hadamar (in Nassau) wird
auf Anregung des Technikers =J. Troost= gegenwärtig industriell
ausgebeutet. Von wirthschaftlicher Bedeutung vielleicht für Europa ist
die Einfuhr von gefrorenem Fleische aus Sydney in Neu-Süd-Wales,
welches mit Hülfe der =Carré='schen Ammoniak-Eismaschine zum Gefrieren
gebracht und auf den grossen Transportschiffen im gefrorenen Zustande
erhalten wird.