4) in die Raffination und Aufbewahrung des Phosphors.

[Sidenote: Weissbrennen der Knochen.]

1) Die auf Phosphor zu verarbeitenden Knochen werden zum grossen Theile

von den in der Nähe der Fabrik liegenden Wasenmeistereien geliefert.

Zuweilen verwendet man auch erschöpfte Knochenkohle der

Zuckerraffinerien. Der Zweck des Brennens der Knochen ist, =alle=

organischen Bestandtheile vollständig zu zerstören. Die hierzu

angewendeten Oefen haben gewöhnlich die Beschaffenheit der Kalköfen und

zwar der mit ununterbrochenem Gange. Auf die Sohle des Ofens kommt eine

Lage Holz, darauf die Knochen, man entzündet das Holz und unterhält durch

Aufschütten von frischen Kohlen das Feuer. Die weissgebrannten Knochen

werden durch eine von der Ofensohle ausgehende Oeffnung gezogen, während

mit dem Auffüllen frischer Knochen fortgefahren wird. Ueber der Gicht des

Ofens ist ein kegelförmiger Aufsatz von starkem Eisenblech angebracht,

welcher die während des Brennens sich entwickelnden, höchst übel

riechenden Gase in einen gut ziehenden Schornstein leitet. Noch besser

ist es, die Gase möglichst vollständig zu verbrennen, wodurch zugleich an

Brennmaterial gespart wird.

100 Kilogr. frische Knochen liefern 50-55 Kilogr. weissgebrannte

Knochen, die durch Walz- oder Pochwerke zertheilt und am

vortheilhaftesten in ein grobes Pulver, dessen Korn Linsengrösse

besitzt, verwandelt werden.

[Sidenote: Zersetzen der Knochenerde durch Schwefelsäure.]

2) Die zerkleinerten weissgebrannten Knochen werden durch Behandeln mit

concentrirter Schwefelsäure zersetzt. 100 Kilogr. Knochenerde (mit

ungefähr 80 Kilogr. Calciumtriphosphat) brauchen zu ihrer Zersetzung

106,73 Kilogr. Schwefelsäure von 1,52 spec. Gewichte,

85,68 " " " 1,70 " "

73,63 " " " 1,80 " "

Nach der Angabe von =Payen= nimmt man auf 100 Kilogr. Knochenerde 100 Th.

Schwefelsäure von 50 Proc. oder 1,52 spec. Gewichte. Die Zersetzung des

Knochenmehles durch Schwefelsäure geschieht in mit Blei ausgefütterten

Bottichen oder in ausgepichten (oder mit Theerasphalt inwendig

überzogenen) Ständern aus Tannenholz. Die von dem Niederschlage

abgezogene Lauge hat ein spec. Gewicht von 1,05-1,07, entsprechend 8-10°

B. Der Rückstand wird mit Wasser ausgelaugt und die hierbei erhaltene

schwächere Lauge (= 5-6° B.) mit der ersten in die zum Abdampfen

bestimmten Bleipfannen gebracht. Die durch nochmaliges Auswaschen des

Rückstandes in den Bottichen erhaltene Flüssigkeit wird statt des Wassers

mit Schwefelsäure gemischt und zum Aufschliessen von frischer Knochenerde

verwendet. Das Abdampfen der sauren Flüssigkeit bis auf 45° B. = 1,45

spec. Gew. geschieht in kleinen Pfannen, deren Boden auf eisernen Platten

ruht; sie werden von dem abziehenden Feuer der Destilliröfen oder auch

von dem Knochenbrennofen geheizt. Die zur erforderlichen Consistenz

gebrachte Lauge wird mit Holzkohlenpulver von Linsengrösse gemischt (auf

100 Th. Lauge 20-25 Th. Kohle) und in gusseisernen Kesseln über Feuer

getrocknet.

Die zur Trockne gebrachte Masse besteht aus saurem Calciumphosphat,

Kohle und Wasser (von letzterem 5-6 Proc.). Bei Beginn der Einführung

der Phosphorfabrikation war man der Meinung, die Phosphorsäure befände

sich darin in reinem Zustande und habe all' ihren Kalk an die

Schwefelsäure abgegeben. Später fanden =Fourcroy= und =Vauquelin=, dass

aus dem Calciumtriphosphat (Ca_{3}(PO_{4})_{2}), wie es in der

Knochenasche sich findet, nur saures Calciumphosphat

(CaH_{4}(PO_{4})_{2}) geworden sei; sie wurden deshalb zu dem

Vorschlage veranlasst, eine grössere Menge Schwefelsäure anzuwenden,

um, wie sie meinten, dem Calciumphosphat eine grössere Menge Calcium zu

entziehen. Diese Ansicht wurde von =Javal= widerlegt, welcher nachwies,

dass die reine Phosphorsäure mit Kohle gemengt wenig oder keinen

Phosphor gebe, da sie sich schon bei einer Temperatur verflüchtigt, die

niedriger ist als die zu ihrer Zersetzung erforderliche, und somit der

reducirenden Einwirkung der Kohle sich entzieht. Die Gegenwart des

Wassers in dem Gemenge ist die Ursache, dass während der Destillation

ausser Kohlenoxyd auch Kohlenwasserstoffe und Phosphorwasserstoff

auftreten.

[Sidenote: Destillation des Phosphors.]

3) Das Erhitzen des Gemenges des sauren Calciumphosphates mit Kohle

behufs der Destillation des Phosphors geschieht in Retorten aus

feuerfestem Thone, die grosse Aehnlichkeit mit den zum Brennen der

Nordhäuser Schwefelsäure dienenden haben. Die zum Erhitzen dieser

Retorten dienenden Oefen sind Galeerenöfen, ähnlich den in den

Vitriolbrennereien und Salpeterfabriken. Ein solcher Ofen enthält 24

Retorten, nämlich 12 auf jeder Seite. Der untere hintere Theil der

Retorten liegt auf der einen Seite des Feuerraumes auf; der vordere Theil

oder ihr Hals geht an der entgegengesetzten Seite durch eine Oeffnung

heraus, welche nur lose vermauert wird. Durch diese Oeffnung bringt man

überhaupt die Retorte in gehöriger Lage in den Ofen und auch aus ihnen

heraus. Zwischen je zwei Retorten bleibt ein freier Raum von 12-15

Centim., damit die Flamme zwischen denselben hindurch gehen kann. Wie

oben bereits angeführt, ist das Ergebniss der Einwirkung der Wärme

zunächst die Ueberführung des sauren Calciumphosphates

(CaH_{4}(PO_{4})_{2}) in Calciummetaphosphat (Ca(PO_{3})_{2}), welches

dann bei gesteigerter Hitze 2/3 seines Phosphors abgiebt, während 1/3 als

Calciumtriphosphat (Ca_{3}(PO_{4})_{2}) zurückbleibt.

Die Vorlagen, deren man sich in Deutschland bedient, bestehen aus zwei

Theilen, sie sind von Töpferthon angefertigt und mit Bleiglasur

versehen; der eine Theil derselben ist ein oben offenes cylindrisches

Gefäss, der andere Theil ragt in den ersteren einige Zoll hinab und

liegt durch einen deckelartigen Vorsprung auf ihm auf; oben endigt er

sich in eine Oeffnung, welche einen kurzen Hals bildet. Zwischen diesem

Halse und dem Rande, welcher in das untere Gefäss taucht, ist eine

Röhre eingesetzt, die mit diesem Theil ein Stück ausmacht; sie hat am

hervorragenden Ende einen so grossen Durchmesser, dass sie den

Retortenhals bequem aufnehmen kann; innerhalb des Gefässes springt

diese Röhre etwa 10 Centimeter vor, so dass sie durch Wasser gesperrt

werden kann, und in demselben eintaucht, wenn der andere Theil der

Vorlage damit gefüllt ist. Die Retorten werden mit 6 bis 9 Kilogr. der

zu destillirenden Masse angefüllt, die Nischen werden mit Ziegeln

zugesetzt, mit Lehm bestrichen und während der Ofen langsam durch ein

schwaches Feuer angewärmt wird, legt man die Vorlagen mit Wasser

angefüllt an. In jede Vorlage wird ein kleiner Blechlöffel eingesetzt,

an einem Draht befestigt, welcher dem Löffel als Stiel dient. Nach 6-8

Stunden allmählich verstärkter Feuerung hat sich das in der Masse noch

befindliche Wasser zum Theil verflüchtigt, zum Theil mit der Kohle zu

Kohlenwasserstoffgas und Kohlenoxydgas umgesetzt, ausserdem entweicht

schweflige Säure; nach dieser Zeit wechselt die Natur der Gase und es

erscheinen brennbare Gase, die sich von selbst entzünden; diese Gase

bestehen aus Kohlenoxyd und Phosphorwasserstoffgas, vielleicht auch zum

Theil aus mit Phosphordampf gesättigtem Kohlenoxydgas. Anfänglich

brennen sie mit hellleuchtender weisser Flamme, später mit

bläulichgrünem Schein. In diesem Stadium verkittet man die Fugen

zwischen Vorlagen und Retorten mit Lehm, so dass nur eine kleine

Oeffnung bleibt, welche zum Entweichen von Gasen dient und die man

mittels eines Drahtes offen zu erhalten sucht. Damit die sich

entwickelnden Gase, welche die Gesundheit der Arbeiter beeinträchtigen,

möglichst schnell entfernt werden, sind die Vorlagen der ganzen

Ofenlänge nach mit nach oben aufzuschlagenden dachartigen

Bretterverschlägen versehen, aus deren Mitte ein Rauchfang aus Holz die

Gase durch das Dach nach aussen führt. Die Destillation des Phosphors

beginnt, sobald an der offen gehaltenen Fuge am Retortenhalse etwas

rothe Masse (amorpher Phosphor) sich ansetzt, wodurch die Fuge verengt

oder verstopft wird, in deren Folge in der Vorlage Blasen wahrzunehmen

sind, die sich von selbst entzünden. Sobald aus der Fuge die

entzündlichen Gase austreten, setzt man in die Vorlage die oben

erwähnten Blechlöffel so ein, dass der in der Röhre der Vorlage sich

verdichtende Phosphor in die Löffel tropft. Den Gang der Destillation

beurtheilt man am besten an der Quantität von Phosphor, die in einem

gewissen Zeitraume in die Löffel tropft; man hebt letztere von Zeit zu

Zeit so weit empor, dass man ihren Inhalt sieht und leert denselben

unter dem Wasserspiegel aus, so dass man den noch ferner übergehenden

Phosphor immer wieder besonders erhält und folglich im Stande ist, die

übergegangene Menge zu beurtheilen. Die Entwickelung brennbarer Gase

hört, nachdem sie einmal begonnen hat, während der Dauer der

Operationen keinen Augenblick mehr auf; wenn man die besprochene Fuge

offen erhält, oder wenn man anstatt der Vorlagen Töpfe anwendet, die

mit einem durchbohrten Knopfe zum Ausströmenlassen der Gase versehen

sind, so ist ununterbrochen ein blaues Flämmchen wahrzunehmen. Während

der Dauer der Destillation erhält man das Wasser in den Vorlagen

einigermaassen kalt. Nachdem etwa 46 Stunden fortgeheizt und endlich

fast die Weissglühhitze erreicht worden ist, nimmt die Menge des

übergehenden Phosphors so ab, dass das weitere Feuern sich nicht mehr

lohnt. Die Vorlagen werden nun abgenommen und der darin befindliche

Phosphor, welcher in Folge von Beimengung von Siliciumphosphor,

Phosphorcarburet, amorphem Phosphor und andern allotropischen

Modificationen braun, roth, schwarz und weiss ist, in einen Bottich

unter Wasser ausgeleert. Der Ofen wird nach dem vollständigen Erkalten

aufgebrochen, die Retorten werden ausgenommen und mit Hülfe eines

eisernen Spatels gereinigt, worauf man dieselben und den Ofen von Neuem

beschickt. 100 Kilogr. der in die Retorten gebrachten Mischung liefern

etwa 14,5 Kilogr. feuchten, rohen Phosphor, welcher nach dem

Umschmelzen und Abtrocknen ungefähr 12,6 Kilogr. wiegt. Die von

=Wöhler= empfohlene Methode der Phosphordarstellung aus einem Gemenge

von Knochenmehl, Kohle und Sand, kann, selbst genügend feuerfeste

Retorten und eine vollständige Zersetzung des Calciumphosphates durch

die Kieselerde angenommen, kaum zur vortheilhaften Phosphordarstellung

im Grossen Anwendung finden, denn wie viel Phosphor wird man wol mit

demselben Brennstoffquantum erhalten, wenn man in die Retorte eine

Masse bringt, welche nur ein Dritttheil der Phosphorsäure enthält, die

in der bisher angewendeten Masse enthalten ist, und ausserdem einen

weiteren Zusatz, die Kieselerde, welche in der gewöhnlichen Mischung

fehlt, während die neue Masse überdies zur Zersetzung eine weit höhere

Temperatur, d. h. weit mehr Brennmaterial erfordert.

[Illustration: Fig. 257.]

[Illustration: Fig. 258.]

[Illustration: Fig. 259.]

[Sidenote: Raffination und Aufbewahrung.]

4) Der durch Destillation gewonnene rohe Phosphor ist ein Gemenge von

reinem Phosphor mit Verbindungen desselben mit Kohle und Silicium, rothem

und schwarzem Phosphor und verschiedenen anderen Unreinigkeiten. Um ihn

zu reinigen, bediente man sich ehedem des Durchpressens des geschmolzenen

Phosphors durch sämischgares Leder. Man verfuhr dabei auf folgende Weise:

Man schlug den rohen Phosphor in ein Stück mit Wasser durchnetztes

ölgares Leder ein, band dieses zu und legte den so erhaltenen Beutel _C_

(Fig. 257) auf einen kupfernen Durchschlag, der in einem Gefäss sich

befand, welches bis 50 bis 60° erwärmtes Wasser enthielt. Sobald aller

Phosphor geschmolzen war, brachte man eine Holzplatte _DD_ auf den Beutel

und presste nun mittels der Pressstange _E_ und des Hebels _GG_ den

Phosphor durch das Leder hindurch. In neuerer Zeit reinigt man in den

französischen Fabriken auf andere Weise, nämlich a) durch Filtration über

grob gepulverte Knochenkohle. Zu dem Ende breitet man die Kohle in dem

Gefässe _A_ auf dem durchlöcherten Boden 6-10 Centimeter hoch aus und

füllt das Gefäss zu 2/3 mit Wasser, dessen Temperatur durch das Wasserbad

_B_ (Fig. 258 und 259) auf 60° erhalten wird. Der in das Gefäss _A_

gebrachte rohe Phosphor schmilzt, filtrirt durch die Knochenkohle und

fliesst durch den Hahn _C_ und das Rohr _E_ in das Gefäss _F_, welches

mit Wasser gefüllt und durch das Wasserbad _G_ erwärmt wird; bei _H_

befindet sich ein mit sämischgarem Leder bedeckter durchlöcherter Boden,

durch welchen der geschmolzene Phosphor mittels Wasserdruck gepresst

wird. Der gereinigte Phosphor fliesst durch den Hahn _J_ ab.

Nach einem zweiten Reinigungsverfahren b) bedient man sich poröser

Platten aus Charmottemasse, welche in eiserne Cylinder gesenkt und mit

einer Dampfmaschine in Verbindung gesetzt sind; in den Cylindern

enthaltene gespannte Wasserdämpfe pressen den geschmolzenen Phosphor

durch die porösen Platten. Um das Verstopfen der Poren der Platten zu

verhüten, mengt man den rohen Phosphor vorher mit Kohlenpulver. Der

(noch phosphorhaltige) Kohlenrückstand wird entweder in besonderen

Retorten destillirt oder dem Retorteninhalte vor der Phosphorgewinnung

beigemischt. Man soll nach dieser Methode von 100 Kilogr. Phosphor 96

Kilogr. gereinigten erhalten.

In Deutschland führt man allgemein das Reinigen des Phosphors durch

Destillation desselben aus gusseisernen Retorten aus. Von diesen

Retorten ist jede für sich in einem Ofen eingemauert und steht darin

auf einem Dreifusse aus Schmiedeeisen. Am Halse der Retorte wird der

Ofen mit losen Steinen vermauert. An derselben Stelle geschieht das

Einsetzen der Retorte in den Ofen. Der Retortenhals taucht 15-20

Millimeter tief in das Wasser ein, welches in einem Kübel vorgestellt

wird und überläuft, sobald eine Portion Phosphor den Inhalt der Schale

vermehrt. Der zu destillirende rohe Phosphor wird in einem kupfernen

Kessel unter Wasser geschmolzen und mit 12-15 Proc. seines Gewichtes

angefeuchteten Sandes gemengt und dann in die Retorten gefüllt, in

Quantitäten von 5 bis 6 Kilogramm oder so viel, dass, wenn er schmilzt,

die Retorte nicht überläuft. Das Vermischen des Phosphors mit feuchtem

Sande geschieht, damit er sich während des Einfüllens und Einsetzens

der Retorten nicht entzündet. Wasserfreier roher Phosphor giebt bei der

Destillation 90 Proc. rectificirten Phosphor im günstigsten Falle. In

einer Phosphorfabrik zu Paris reinigt man den Phosphor ohne

Destillation _auf chemischem Wege_, indem man in dem Kupferkessel,

dessen man sich zum Schmelzen des rohen Phosphors bedient, auf 100

Kilogramm Rohphosphor eine Mischung von 3,5 Kilogramm englischer

Schwefelsäure und 3,5 Kilogramm Kaliumbichromat setzt. Es findet ein

schwaches Aufschäumen statt und der unter der grünen Flüssigkeit

stehende Phosphor ist fast farblos und durchscheinend geworden, so dass

er nach dem Auswaschen mit Wasser sofort in Stangenform gebracht werden

kann. 100 Kilogramm Rohphosphor geben nach diesem Verfahren 96

Kilogramm gereinigten Phosphor.

[Sidenote: Formen des Phosphors.]

Es bleibt nun noch übrig, dem Phosphor eine bequeme Form zu geben, welche

seit Alters her in langen, dünnen Stangen besteht. Man erreicht dies,

indem man ihn in Glasröhren formt. Man taucht das eine Ende der Röhre in

den unter Wasser geschmolzenen Phosphor und saugt mit dem Munde langsam

am andern Ende, bis die Röhre fast ganz mit Phosphor angefüllt ist.

Hierauf schliesst man die untere Oeffnung der Röhre mit dem Finger, nimmt

sie heraus und taucht sie rasch in kaltes Wasser; der Phosphor erstarrt

schnell und wird aus der Glasröhre mit Hülfe eines Holz- oder Glasstabes

entfernt. Anstatt des Aufsaugens mit dem Munde lässt sich vortheilhaft

eine Kautschukblase anwenden, wie dieselbe in der Titriranalyse zum

Ansaugen der Pipetten häufige Anwendung findet. In den französischen

Phosphorfabriken findet dieses Verfahren heutzutage noch allgemeine

Anwendung mit der Modifikation, dass jede Glasröhre, von denen 1 oder 2

Dutzend zur Disposition des Formers stehen, oben mit einem eisernen

Saugrohre versehen ist, in dessen Mitte ein Hahn sich befindet; der

Arbeiter saugt durch das Saugrohr die Glasröhre voll, schliesst dann den

Hahn und senkt das Rohr in kaltes Wasser; nachdem alle Röhren gefüllt

sind, werden sie durch Oeffnen des Hahnes und Einführen eines

Eisendrahtes geleert und hierauf von Neuem durch Ansaugen gefüllt. Ein

tüchtiger Arbeiter kann täglich über 2 Centner Phosphor in Stangenform

bringen.

[Illustration: Fig. 260.]

Ein anderes Verfahren, den Phosphor zu formen, ist von =Seubert=

angegeben worden. Der von ihm angewendete Apparat (Fig. 260) besteht

aus einem eingemauerten kupfernen Kessel, aus dessen flachem Boden ein

oben offener Kanal von Kupfer gelöthet ist, der in den Wasserbehälter

_C_ mündet. In dem Kessel befindet sich ein kupferner Trichter _A_ mit

horizontaler Röhre _B_, welcher zur Aufnahme des Phosphors bestimmt ist

und 8 bis 10 Kilogr. desselben fasst. Der horizontale Theil des

Trichters endigt mit dem Hahn _B_ und neben diesem mit einer

Erweiterung, an welche eine kupferne Platte, in der zwei Glasröhren _a

a_ befestigt sind, angeschraubt wird. Der offene Kanal ist durch eine

wasserdicht schliessende Scheidewand aus Holz _c c_ abgetheilt, die die

Communication des Wassers in beiden Theilen des Kanals hindert und

zugleich den Röhren _a b_ zur Stütze dient. Der Trichter _A_ wird nun

mit Phosphor gefüllt und dann der Kessel _D D_ so weit erwärmt, dass

der Phosphor schmilzt. Da sich bis zur Scheidewand _c c_ erwärmtes

Wasser befindet, so wird, wenn man den Hahn _B_ öffnet und wieder

schliesst, anfangs etwas Phosphor durch die Röhren _a b_ ausfliessen,

darin aber erstarren und somit die Röhre verschliessen. Oeffnet man nun

den Hahn wieder, so kann man mit Hülfe des erstarrten Theils des

Phosphors, welcher aus der Röhre hervorragt, die hinter demselben sich

bildende Phosphorstange abwechselnd aus der einen und der anderen

Röhre herausziehen, sie abschneiden und in _C_ vor der Einwirkung des

Lichtes geschützt, sammeln. Nach der Angabe von =Seubert= soll ein

geübter Arbeiter in dem beschriebenen Apparate 30-40 Kilogr. Phosphor

in einer Stunde in Stangenform bringen können, während =Fleck= gefunden

hat, dass unter den vortheilhaftesten Bedingungen der Temperatur in

sechs Stunden nicht mehr als 50 Kilogr. geformt werden konnten. Will

man den Phosphor nicht in Form von Stangen, sondern in =Körnerform=

bringen, so bringt man auf kaltes Wasser, das in einem Bottich sich

befindet, eine 6-8 Centimeter hohe Schicht heisses Wasser, so dass

beide Schichten sich nicht miteinander mengen und lässt mit zum Theil

geöffnetem Hahn _B_ des =Seubert='schen Apparates geschmolzenen

Phosphor tropfenweise ausfliessen. Jeder Tropfen erstarrt, sowie er in

das kalte Wasser kommt, zu einer harten Masse. Die weit bequemere

Körnerform des Phosphors sollte der Stangenform vorgezogen werden.

Die Aufbewahrung des geformten Phosphors geschieht in einer mit

Eisenblech ausgeschlagenen Kiste, welche gegen 6 Centner Phosphor mit

einer gegen 3 Centimeter hohen Schicht Wasser fasst. Das Verpacken

geschieht, wenn es sich um grössere Quantitäten handelt, in kleinen

Weinfässern, welche man mit Phosphor und dann vollends mit Wasser

füllt, dem etwas Alkohol zugesetzt worden ist, um das Gefrieren beim

Transport im Winter zu verhindern. Die Fässer werden aussen mit

heissgemachtem schwarzen Pech überzogen und in Häcksel oder Heu

gewälzt; zuletzt emballirt man in grauer Packleinwand. Auf solche Weise

werden 1-5 Centner Phosphor in einem Fasse verpackt. Gewissenhafte

Fabrikanten werden es jedoch unter allen Umständen vorziehen, das

Einsetzen des Phosphors in Blechbüchsen anzuwenden. Der Phosphor wird

in Büchsen von Weissblech gefüllt, mit Wasser übergossen und die

Büchsen dann mit Sorgfalt verlöthet, so dass ein Ausrinnen von Wasser

durchaus nicht stattfinden kann, es müssen deshalb die verlötheten

Blechbüchsen einer wiederholten Prüfung auf ihre Dichtheit unterworfen

werden, was am besten dadurch geschieht, dass man die verlötheten

Büchsen nach sorgfältigem Abtrocknen mit der gelötheten Fläche nach

unten auf weisses Fliesspapier setzt, und beobachtet, ob nach einiger

Zeit auf dem Papier ein feuchter Fleck wahrzunehmen ist, gleichzeitig

lassen sich dadurch die noch offenen Stellen leicht auffinden. Die

Blechbüchsen werden sodann in feste mit Reifen beschlagene Kisten oder

Fässer von Holz (Buchenholz) verpackt und so dem Transport übergeben.

[Sidenote: Andere Methoden der Phosphorfabrikation.]

Von den neueren Methoden der Phosphorfabrikation ist zunächst die von

=Donovan= anzuführen, welcher den Phosphor aus phosphorsaurem Blei

darstellen will. Er empfiehlt folgende Vorschriften. Auf 10 Kilogr.

verkleinerte Knochen nimmt man eine Mischung von 6 Kilogr.

Salpetersäure und 40 Liter Wasser, lässt einige Tage hindurch

digeriren, fällt die von der Knochengallerte getrennte Flüssigkeit mit

einer Lösung von 8 Kilogr. Bleizucker, wäscht und trocknet den

Niederschlag, erhitzt ihn zum Rothglühen, mischt ihn dann in 1/6 seines

Gewichtes an Kienruss oder Kohlenpulver und destillirt das Gemenge aus

Thonretorten. Es ist nicht gesagt, ob =Donovan= seine Methode im

Grossen versucht und ob sie ihm ein zufriedenstellendes Resultat

gegeben hat. Ueber ein zweites, von =Cari-Montrand= herrührendes

Verfahren der Phosphorfabrikation, hat sich die Praxis noch nicht

ausgesprochen. Es besteht darin, dass man ein Gemenge von

weissgebrannten Knochen mit Kohle in der Rothglühhitze der Einwirkung

von salzsaurem Gase aussetzt:

Calciumtriphospat Ca_{3}(PO_{4})_{2} } { Phosphor P_{2}

Kohle 8C } geben { Chlorcalcium 3CaCl_{2}

Salzsäure 6ClH } { Wasserstoffgas 3H_{2}

{ Kohlenoxydgas 8CO

[Sidenote: Fleck's Verfahren.]

Weit wichtiger als die vorstehenden Methoden sind die Vorschläge

=Fleck='s zu einer verbesserten Methode der Phosphorgewinnung unter

gleichzeitiger Gewinnung von Knochenleim. Das neue Verfahren beruht auf

der Löslichkeit des phosphorsauren Kalkes in Salzsäure und dessen

Abscheidung als saurer phosphorsaurer Kalk durch Verdampfen der Lösung

in geeigneten steinernen Gefässen. Der Theorie nach brauchen 156 Theile

Calciumtriphosphat (Ca_{3}(PO_{4})_{2}) 73 Th. wasserfreie Salzsäure,

woraus 111 Th. Chlorcalcium, 100 Th. saures Calciumphosphat und 18 Th.

Wasser sich bilden. Ferner entsteht durch Glühen von 100 Th. saurem

Calciumphosphat und 20 Th. Kohle 21,3 Th. Phosphor, 52 Th.

Calciumtriphosphat und 46,7 Th. Kohlenoxydgas. Wird nun das

zurückbleibende Gemisch von Calciumtriphosphat und Kohle eingeäschert

und von Neuem mit Salzsäure behandelt, so scheidet sich nach dem

Eindampfen dieser Lösung von Neuem saures Calciumphosphat ab und so

fort, dass, wollte man diesen Process mit der nämlichen Substanz

fortsetzen, eine unendlich kleine Menge Calciumtriphosphat

zurückbleiben würde. Es geht aus den bis jetzt angestellten Versuchen

hervor, dass es möglich sein wird, den Knochen allen Phosphor zu

entziehen, sobald die Salzsäure möglichst frei ist von Schwefelsäure,

die verdampfte Lösung möglichst concentrirt und die erhaltene aus

saurem Calciumphosphat bestehende Krystallmasse möglichst rein ist. Es

zerfällt die Gewinnung des Phosphors und des Leims in 1) die Reinigung,

Zerkleinerung und Extraction der Knochen, 2) die Verdampfung und

Krystallisation der Knochenlauge, das Auspressen des sauren

Calciumphosphats und dessen Vermischen mit Kohle, 3) die Destillation

und Reinigung des Phosphors und 4) die Leimerzeugung. Die gereinigten,

zerkleinerten und vom Fett befreiten Knochen werden der Einwirkung

einer mittelst Wasser auf 7° B. gebrachten Salzsäure ausgesetzt. Darauf

macerirt man die Knochen in Salzsäure von 30° B., in welcher sie bis

zur völligen Erweichung verweilen; diese zweite Flüssigkeit dient statt

Wasser zum Vermischen der Salzsäure zur Extraction frischer Knochen.

Die erste Flüssigkeit, eine Auflösung von saurem Calciumphosphat und

Chlorcalcium, zeigt am Aräometer 16° B.; sie wird in die Abdampfgefässe

gebracht. In der Wahl dieser Gefässe liegt eine Schwierigkeit des

=Fleck='schen Verfahrens, da die salzsauren Flüssigkeiten nicht in

Bleigefässen abgedampft werden können und die Benutzung von schwer zu

beschaffenden Thongefässen erheischen. Die Lauge ist

krystallisationsfähig, sobald sie 30° B. zeigt. Der beim Erkalten und

Stehenlassen sich ausscheidende Krystallbrei wird ausgepresst und

sodann mit 1/4 seines Gewichtes an Kohlenpulver unter Erwärmung bis auf

100° in einer Thonpfanne gemischt und durch ein Kupfersieb gerieben,

bis sich die Masse zwischen den Fingern zerreiben lässt. Sie wird nun

in eigenthümlich geformten Retorten erhitzt. Das in den Retorten

zurückbleibende mit Kohle gemengte Calciumphosphat wird eingeäschert

und der Einwirkung concentrirter Salzsäure ausgesetzt, wodurch man

sogleich sehr concentrirte Laugen erhält, welche nur kurze Zeit auf den

Pfannen zu stehen brauchen, um krystallisationsfähig zu sein. Der

erhaltene rohe Phosphor wird wie gewöhnlich gereinigt und geformt. Die

durch die Salzsäure von dem Calciumphosphat befreiten Knochen werden

auf Leim verarbeitet.

[Sidenote: Verfahren von Gentele, Gerland, Minary und Soudry.]

Nach einer von =Gentele= im Jahre 1857 veröffentlichten Methode der

Gewinnung von Phosphor unter gleichzeitiger Darstellung von Salmiak

(und Knochenleim) sättigt man das in Salzsäure aufgelöste

Calciumphosphat mit Ammoncarbonat, welches man als Nebenprodukt bei der

Bereitung von Thierkohle erhalten hat, und verwendet es zur

Phosphordarstellung. Die über dem Niederschlage stehende Salmiaklösung

wird auf Salmiak verarbeitet. =Gerland= schlägt (1864) vor, die

Phosphate aus den Knochen mit einer wässerigen Lösung von schwefliger

Säure zu extrahiren und diese Lösung zu erwärmen, wobei die schweflige

Säure entweicht, die in einem Koksthurme aufgefangen und immer wieder

von neuem verwendet wird; die Phosphate werden dabei unlöslich

niedergeschlagen. -- =Minary= und =Soudry= (1865) endlich wollen den

Phosphor aus einer Mischung von Ferriphosphat und ausgeglühtem Koks

destilliren.

[Sidenote: Eigenschaften des Phosphors.]

Der gereinigte, unter Wasser aufbewahrte und vor der Einwirkung des

Lichtes geschützte Phosphor ist zuweilen vollkommen farblos und

durchsichtig, gewöhnlich aber etwas gelblich gefärbt und

durchscheinend. Sein spec. Gew. = 1,83-1,84. Bei mittlerer Temperatur

ist der Stangenphosphor weich wie Wachs. In der Kälte ist er spröde. Er

lässt sich nicht zu Pulver zerreiben, wol aber kann man ihn fein

zertheilt erhalten, wenn man ihn unter Wasser schmilzt und dies dann

bis zum Erstarren des Phosphors schüttelt. Anstatt des Wassers wendet

man zweckmässiger Alkohol oder Harn oder eine wässerige Lösung von

Harnstoff an. Der Phosphor schmilzt bei 44-45° und bleibt zuweilen,

nachdem er geschmolzen wurde, beim langsamen Erkalten, namentlich unter

alkalischer Flüssigkeit, längere Zeit flüssig, erstarrt aber dann beim

Berühren mit festen Körpern plötzlich. Der Phosphor siedet bei 290° und

verdampft schon merklich bei gewöhnlicher Temperatur (das Rauchen des

Phosphors an der Luft rührt nicht, wie man früher glaubte, allein von

der Bildung phosphoriger Säure, sondern auch und zwar hauptsächlich von

der Bildung von Antozonnebel und von salpetrigsaurem Ammoniak her). Der

Phosphor löst sich in Form von Phosphordampf in sehr geringer Menge in

Wasser, in Alkohol und Aether ist er sehr schwer löslich, leicht

löslich in Schwefelkohlenstoff, Chlorschwefel und Phosphorchlorid; er

löst sich auch, obwol in geringer Menge, in fetten und ätherischen

Oelen. Bis auf 75° erhitzt, entzündet sich der Phosphor an der Luft,

also auch bei der Reibung muss diese Temperatur erreicht werden, ehe

eine Entzündung eintritt; der rothe oder amorphe Phosphor, der aus dem

gewöhnlichen Phosphor durch längere Zeit fortgesetztes Erhitzen bis auf

etwa 260° entsteht, entzündet sich durch Reibung nicht oder erst,

nachdem er wieder in den gewöhnlichen Phosphor übergeführt worden ist,

wozu eine Temperatur von ungefähr 300° gehört. Der Phosphor des Handels

ist nie ganz rein, sondern enthält häufig kleine Mengen Schwefel,

Arsen, von der zur Zersetzung der Knochenerde dienenden Schwefelsäure

herrührend, und zuweilen auch etwas Calcium. Ausser zur Herstellung von

Zündrequisiten findet der Phosphor in neuerer Zeit auch bei der

Fabrikation von Brandgeschossen (_Fenian Fire_ oder _Liquid Fire_,

wobei er in Schwefelkohlenstoff gelöst zum Füllen der Bombe dient), so

wie bei der Bereitung gewisser Theerfarben und endlich als Zusatz zu

gewissen Kupferlegirungen (Kanonenmetall und Glockenmetall) Anwendung.

[Sidenote: Der amorphe oder rothe Phosphor.]

Im Jahre 1848 machte =v. Schrötter= in Wien die wichtige und interessante

Entdeckung, dass die schon von =E. Kopp= 1844 wahrgenommene Eigenschaft

des gewöhnlichen Phosphors, unter der Einwirkung des Lichtes und unter

anderen Verhältnissen, eine rothe Farbe anzunehmen, auf der Umwandlung

des Phosphors in eine allotropische Modifikation beruhe, welche mit dem

Namen des =amorphen= oder =rothen Phosphors= bezeichnet wurde. Es hat

sich gezeigt, dass diese Umwandlung am leichtesten vor sich geht, wenn

man den gewöhnlichen Phosphor bei Abschluss von Luft und Wasser längere

Zeit auf etwa 250° erhitzt. Im Grossen stellt man ihn in dem von =A.

Albright= in Birmingham empfohlenen Apparate dar, welcher Fig. 261 im

Durchschnitt abgebildet ist.

[Illustration: Fig. 261.]

_g_ ist ein Gefäss von Glas oder Porcellan, welches ungefähr bis auf

5/6 mit Phosphorstückchen angefüllt und bis auf 230-250° erhitzt wird.

Das Gefäss _f_ steht in einem Sandbad _b_, welches durch ein Sandbad

_b_ erwärmt wird. Das Gefäss _g_ ist durch einen aufgeschraubten Deckel

_m_ verschlossen. Von dem Deckel führt ein mit einem Hahn _k_

versehenes gebogenes Rohr _i_ in ein Gefäss _n_, welches Wasser oder

Quecksilber (mit einer Schicht Wasser bedeckt) enthält. Durch dieses

Rohr entweicht im Anfang des Erhitzens die über dem Phosphor in _g_

befindliche Luft. Sobald dies geschehen, wird der Hahn _k_ geschlossen

und das Erhitzen fortgesetzt, bis der Phosphor vollständig in die

amorphe Modifikation übergegangen ist. Die Zeit, welche zu dieser

Umwandlung erforderlich ist, ist von den Umständen abhängig und nur

durch die Erfahrung festzustellen. Nach dem Erkalten des Apparats

entfernt man den amorphen Phosphor aus dem Gefäss _g_, reibt ihn unter

Wasser zu einem feinen Brei und entfernt nun den gewöhnlichen Phosphor,

der stets in geringer Menge den amorphen verunreinigt, wie lange auch

bei der Bereitung das Erhitzen fortgesetzt sein mochte. Man kann ihn

zwar durch Behandeln mit Schwefelkohlenstoff davon befreien, allein

dies Mittel ist wegen der Gefahr einer Entzündung nur schwierig

anzuwenden. -- =Nicklès= schlägt eine Trennungsmethode vor, die im

Wesentlichen darin besteht, dass man das Gemenge von amorphem und

gewöhnlichem Phosphor mit einer Flüssigkeit schüttelt, deren spec.

Gewicht geringer ist als das des amorphen Phosphors (2,1) und grösser

als das des gewöhnlichen Phosphors (1,84). Eine Chlorcalciumlösung von

38-40° B. kann hierzu benutzt werden. Der gewöhnliche Phosphor begiebt

sich auf die Oberfläche und kann leicht durch etwas Schwefelkohlenstoff

aufgenommen werden, so dass die Operation in einem verschlossenen

Gefässe ausgeführt werden kann. Arbeitet man in grossem Maassstabe, so

ist nach den von =Coignet= angestellten Versuchen folgendes Verfahren

das sicherste, um amorphen Phosphor vom gewöhnlichen Phosphor zu

befreien. Man kocht den pulverisirten amorphen Phosphor mit

Aetznatronlauge, welche den gewöhnlichen Phosphor löst und ihn unter

Entwickelung von Phosphorwasserstoffgas in lösliches

unterphosphorigsaures Natron überführt. Das Sieden wird unter

zeitweiliger Erneuerung der Natronlauge fortgesetzt, bis aller Geruch

nach Phosphorwasserstoffgas aufgehört hat. Das zurückbleibende Pulver

wird durch Waschen gereinigt und getrocknet. =R. Böttger= schlägt eine

Lösung von Kupfervitriol vor, welche nur mit dem gewöhnlichen, nicht

aber mit dem rothen Phosphor Phosphorkupfer bildet.

[Sidenote: Eigenschaften.]

Der rothe Phosphor bildet entweder ein glanzloses, scharlachrothes bis

dunkelcarmoisinrothes Pulver, oder er bildet eine röthlichbraune

cohärente Masse, welche spröde, oft metallisch glänzend ist, einen

muschligen Bruch besitzt und auf der Oberfläche mitunter fast

eisenschwarz ist. Sein spec. Gew. = 2,1. Er löst sich nicht in

Schwefelkohlenstoff und andern Lösungsmitteln des gewöhnlichen Phosphors,

bleibt an der Luft unverändert, und lässt sich bis zum Siedepunkte des

gewöhnlichen Phosphors (290°) erhitzt, wieder in letzteren überführen.

Mit trockenem Kaliumchromat zusammengerieben, entzündet sich der rothe

Phosphor, ohne zu explodiren. Mit Salpeter verbrennt er nicht beim

blossen Zusammenreiben, sondern erst beim Erwärmen ohne Geräusch. Mit

Kaliumchlorat verpufft er leicht und heftig (vergl. Seite 168). Mit

Bleisuperoxyd verpufft er beim Zusammenreiben schwach, beim Erwärmen

unter heftiger Explosion.

Das Verhalten des rothen Phosphors gegen verschiedene Oxyde liess mit

Recht erwarten, dass er mit Vortheil statt des gewöhnlichen Phosphors

zur Zündmasse der Zündrequisiten werde angewendet werden können, wobei

auch die Umstände, dass er nicht giftig ist, dass er bei gewöhnlicher

Temperatur nicht verdampft und sich nicht oxydirt und dass er nicht so

brennbar ist wie gewöhnlicher Phosphor, daher weniger gefährlich beim

Transport ist, zu Gunsten des amorphen Phosphors sprachen. Die Praxis

der Zündrequisitenfabrikation, obgleich sie sich lange gegen die

Anwendung des amorphen Phosphors gesträubt, hat (siehe

=Zündrequisiten=) seit einigen Jahren die rothe Modifikation in

eigenthümlicher Form adoptirt, so dass, wenn nicht alle Anzeichen

trügen, der amorphe Phosphor in dieser Beziehung noch eine bedeutsame

Rolle spielen wird. Seit einem Jahrzehnd etwa findet der rothe Phosphor

zur Erzeugung des Jodphosphors behufs der Darstellung von Jodamyl,

Jodäthyl und Jodmethyl Anwendung, mittelst deren Cyanin, Aethylviolett

und ähnliche Theerfarben dargestellt werden. Mit Kaliumchlorat gemischt

bildet der amorphe Phosphor =Armstrong='s Mischung, die in England zum

Füllen von Bombenraketen verwendet wird.

Die gegenwärtige =Phosphorproduktion= ist approximativ folgende:

England 1500 Centner

Frankreich und Italien 2000 "

Zollverein und Oesterreich 2000 "

-------------

Im Ganzen 5500 Centner,

zu deren Fabrikation 66,000 Centner Knochen gehören.

Die Zündrequisiten.

[Sidenote: Allgemeines und Geschichtliches.]

Zur Geschichte der Feuerzeuge folgende Notizen. Wie die Schriftsteller

der Alten erzählen, hat schon Prometheus Feuer aus harten Steinen zu

gewinnen gewusst. Die Römer haben Epheu- und Lorbeerholz an einander

gerieben und die glimmenden Holzspäne zum Anzünden dürren Laubes benutzt.

Das schnelle Herumdrehen eines Holzstückes in einem zweiten

durchlöcherten Holze, die Feuererzeugungsmethode der meisten nicht

civilisirten Stämme, die unter anderen von =Darwin= und dem Prinzen von

=Neuwied=[147] näher beschrieben worden ist, wird häufig gegenwärtig noch

von den Drechslern in Anwendung gebracht, um Holz oberflächlich zu

verkohlen und dadurch zu verzieren. Unter den Römern zu Titus Zeiten war

es üblich, die Spitze eines Schwefelstängelchens in vermodertes Holz zu

stecken und so durch Reibung an Steinplatten Feuer zu erzeugen. Das 14.

Jahrhundert kannte bereits den Gebrauch des Stahles, Feuersteins und

Zunders oder Schwammes. Bis zum Jahre 1820 kannte man wol kaum ein

anderes Feuerzeug als das genannte Trio, welchem das Schwefelholz als

unzertrennlicher Begleiter beigesellt war.

[147] =Darwin='s Reisen (v. Dieffenbach) Bd. II p. 182; =v. Neuwied=,

Reise nach Brasilien Bd. II p. 18.

Im Jahre 1823 machte =Döbereiner= in Jena die Entdeckung, dass fein

zertheiltes Platin (Platinschwamm) ein Gemisch von Wasserstoffgas und

atmosphärischer Luft entzünde, und gründete auf diese Erfahrung das

elegante Feuerzeug, welches unter dem Namen der =Döbereiner='schen

=Zündmaschine= oder =Wasserstofflampe= bald in beifällige Aufnahme kam

und selbst heutzutage noch vielfach angewendet wird. Obschon ohne

directen Einfluss auf die Entwickelung des Zündholzes selbst, lenkte

=Döbereiner='s Entdeckung nichtsdestoweniger die Aufmerksamkeit auf die

Vervollkommnung der Feuerzeuge im Allgemeinen und hat in dieser

Hinsicht wenigstens mittelbar zur Verbesserung der Zündhölzer

wesentlich beigetragen.

Ein Feuerzeug, welches ebenfalls in derselben Zeit auftauchte und in

der Geschichte der Industrie eine hohe Stelle zu beanspruchen hat,

insofern es das erste war, welches auf die Entzündlichkeit des

Phosphors sich gründete, obgleich es niemals in allgemeine Anwendung

gekommen, ist folgendes: Man schmolz gleiche Gewichtstheile Schwefel

und Phosphor in einer Glasröhre langsam und vorsichtig zusammen. Die

Röhre wurde alsdann mit einem Korke verschlossen und in diesem Zustande

aufbewahrt. Wollte man Feuer haben, so wurde der Kork entfernt und ein

dünner Span in den Schwefelphosphor eingetaucht. Die kleine Menge,

welche beim Herausziehen daran haftete, entzündete sich an der Luft und

theilte die Flamme dem Holze mit. Diese Vorrichtung, die meines Wissens

in Deutschland zuerst in Erfurt auftrat, ist jedoch fast ganz in

Vergessenheit gerathen.

Eine wichtige Epoche in der Geschichte der Zündrequisiten bildet das

=chemische Feuerzeug= oder die Tauch- oder Tunkzündhölzchen, die

bereits im Jahre 1812 in Wien fabricirt wurden (100 Stück Hölzchen

kosteten damals 1 fl. W. W.); sie waren einfach Schwefelhölzchen,

deren geschwefeltes Ende mit einer Mischung von Kaliumchlorat und

Rohrzucker (und Zinnober als Farbe) überzogen war, die, beim Benetzen

mit concentrirter Schwefelsäure verpuffend, die Entzündung der

darunterliegenden Schwefelschicht und diese wieder dem Holze

mittheilte. Man bediente sich kleiner Gläser, welche mit concentrirter

Schwefelsäure getränkten Asbest enthielten. Der Erfinder dieser

Feuerzeuge, welche bis zum Jahre 1844 in Europa die allein üblichen

waren, ist der Franzose =Chancel=, Assistent bei Professor =Thénard= in

Paris (1805). Auf dem nämlichen Principe beruhten die um das Jahr 1830

unter dem Namen »_Prometheans_« in England verbreiteten Zündpräparate.

Ein Gemisch von Kaliumchlorat und Zucker war in ein dünnes Röllchen von

Papier (ähnlich einer Cigarette) gefüllt, welches ausserdem ein kleines

auf beiden Seiten zugeschmolzenes Glasröhrchen mit Schwefelsäure

enthielt. Indem man das Glasröhrchen zwischen zwei harten Körpern

zerdrückte, kam die Schwefelsäure mit der Zündmasse in Berührung und

bewirkte deren Entflammung. Das Zerdrücken geschah in der Regel in

einer eigens zu diesem Zwecke mitverkauften Zange. Die Prometheans,

welche wegen ihres hohen Preises niemals allgemeinen Eingang gefunden

haben, bilden den Uebergang zu den Reibzündhölzchen, denn bei ihnen

wird die Entzündung durch Friction wenigstens indirect vermittelt. Die

ersten wirklichen Reibzündhölzchen kamen unter dem Namen

=Congreve='sche Streichhölzer um's Jahr 1832 auf. Sie enthielten über

dem Schwefel einen Ueberzug von 1 Th. Kaliumchlorat und 2 Th. grauem

Schwefelantimon mit einem geeigneten Bindemittel (Leim oder arabischem

Gummi) aufgetragen. Sie entzündeten sich, indem man sie zwischen zwei

Flächen von Sandpapier, welche mit den Fingern zusammengepresst wurden,

hindurchzog. Die Entflammung erforderte einen ziemlich starken Druck

und nicht selten rieb sich das Zündpräparat von dem Hölzchen ab und

detonirte zwischen den rauhen Flächen, ohne das Holz zu entzünden. Es

war also Raum genug für weitere Verbesserungen.

Es ist nicht mit Bestimmtheit zu ermitteln, wer zuerst die glückliche

Idee hatte, für das Schwefelantimon den Phosphor zu substituiren. Aus

den Forschungen von =Nicklès= folgt aber unzweifelhaft, dass in Paris

schon 1805 der Phosphor zu Feuerzeugen Anwendung fand. 1809 suchte

=Derepas= die grosse Entzündlichkeit des Phosphors durch Zertheilen

desselben durch Magnesia zu verringern. =Derosne= dagegen soll (1816)

der Erste gewesen sein, welcher Phosphorstreichhölzchen darstellte.

Gegen das Jahr 1833 sind die Phosphorzündhölzchen in verschiedenen

Ländern gleichzeitig aufgetaucht. =Preshel= in Wien fertigte im

genannten Jahre Phosphorzündhölzer und andere mit derselben Zündmasse

versehene Zündapparate, als Zündschwamm, Cigarrenzünder und dergl.

Ziemlich um dieselbe Zeit wurden auch in Darmstadt von =Fr.

Moldenhauer= Phosphorzündholzer fabricirt[148]. In Süddeutschland ist

man geneigt, den Schwaben =Kammerer= (gestorben in Ludwigsburg 1857)

für den Erfinder der phosphorhaltigen Zündrequisiten zu halten. In

England schreibt man die Erfindung der »_Lucifer matches_« dem Chemiker

=John Walker= in Stockton zu, wenigstens ist =Faraday= dieser Ansicht.

Besassen auch diese Zündmassen, die im Wesentlichen aus Kaliumchlorat

und Phosphor bestanden, einen hohen Grad von Entzündlichkeit, so waren

sie dagegen mit dem Uebelstand behaftet, bei der Entzündung häufig mit

einer Art von Explosion zu verbrennen, wobei die brennende Masse

herumgeschleudert wurde; auch war sowol ihre Darstellung, sowie ihr

Transport keineswegs ohne Gefahr, weshalb in vielen deutschen Ländern

ihre Fabrikation und ihr Gebrauch verboten wurde. Im Jahre 1835 wurde

durch =Trevany= das Kaliumchlorat zum Theil durch eine Mischung von

Mennige und Braunstein, im Jahre 1837 durch =Preshel= gänzlich durch

das braune Bleisuperoxyd oder nach =Böttger='s Vorschrift durch ein

Gemenge von Mennige und Salpeter (oder auch Bleisuperoxyd und

Bleisalpeter) ersetzt. Von dieser Zeit an datirt der grosse Aufschwung

der Zündwaarenindustrie, die besonders in Oesterreich und seit einigen

Jahren auch in Schweden riesige Dimensionen angenommen hat[149].

[148] Die Verdienste =Moldenhauer='s um die Entwickelung der deutschen

Zündholzindustrie hat =C. Thiel= in Darmstadt (Jahresbericht der

chem. Technologie 1866 p. 747) in einer eingehenden Abhandlung

geschildert.

[149] In Oesterreich werden (vergl. den österreichischen Specialkatalog

der internationalen Ausstellung des Jahres 1862 p. 18) jährlich

15,000 Klaftern Holz zu Holzdraht verarbeitet und daraus 150,000

Centner Zündhölzer erzeugt. Im Jahre 1860 wurden für 2,647,000

fl. Zündhölzer ausgeführt. Das Emporblühen der österreichischen

Zündholzindustrie verdankt man besonders drei Männern, nämlich

=Stephan Romer=, =Johann Preshel= und A. M. Ritter =von Pollack=.

Ersterer verbesserte die mechanische Herstellung der Holzdrähte,

=Preshel= die Zündmasse, letzterer eröffnete das Absatzgebiet für

österreichische Zündwaaren.

Im Laufe der Zeit erfuhren die Zündhölzchen noch weitere

Verbesserungen, so umging man den Schwefel, indem man die Enden der

Hölzer mit Wachs, mit Stearinsäure oder Paraffin tränkte. Man überzog

ferner die besseren (Salon-) Zündrequisiten mit einem Lack, um sie

nicht nur vor Feuchtigkeit zu schützen, sondern ihnen auch ein weit

schöneres Aussehen zu verleihen. So ist es denn dahin gekommen, dass

die Zündholzfabrikation der Gegenwart ein Produkt liefert, das

technisch das denkbar vollkommenste ist, das überhaupt erreicht werden

kann.

Bei aller Vorzüglichkeit der Phosphorzündhölzer besitzen dieselben

jedoch Uebelstände, die aber, als in der giftigen Natur des Phosphors

liegend, rein sanitätspolizeilicher Art sind. Einmal wirkt der Phosphor

giftig durch seine Flüchtigkeit und hat in der ersten Zeit seiner

Einführung in die Zündholzindustrie sichtbare Verheerungen unter den

Arbeitern angerichtet, die aber in neuerer Zeit in Folge geeigneter

Ventilation der Arbeitsräume nicht mehr wahrzunehmen sind. Trotz der

bekannten Untersuchungen von =E. von Bibra= und =Geist= und der

Beobachtungen =Sievekings= gebricht es zur Zeit noch an genügenden

Erklärungen, denn die Krankheiten der Kinnlade, wie sie in den

Zündholzfabriken vorkamen, fehlen vollständig in den Fabriken, wo der

Phosphor erzeugt wird und die Arbeiter zuweilen solche Massen von

Phosphordampf einathmen, dass im Dunkeln ihr Athem leuchtend erscheint!

In der zweiten Richtung ist der Phosphor giftig, indem er, schon in

sehr kleiner Menge in den Organismus gebracht, tödtlich wirkt. Und in

der That hat das letzte Jahrzehnd eine auffallende Zunahme der

Phosphorvergiftungen mit sich geführt. In dieser Eigenschaft des

Phosphors culminiren alle Gründe, die gegen die Anwendung des Phosphors

zur Zündholzfabrikation vorgebracht werden können.

Unter diesen Verhältnissen erschien die Entdeckung des rothen Phosphors

als eine Form, in welcher mit Beibehaltung der Vorzüge des gewöhnlichen

Phosphors etwa die Nachtheile, die mit seinem Gebrauche verbunden

waren, ausgeschlossen sind, als eine Wohlthat für die Menschheit,

welcher sich die Regierungen und Industriellen mit Enthusiasmus

zuwandten. Von den vielen Hoffnungen, die man auf die Anwendung des

rothen Phosphors in der Zündholzfabrikation gesetzt hatte, sind

allerdings bis jetzt nur wenige realisirt worden. Dennoch hat es nach

den Ergebnissen der Pariser Industrieausstellung des Jahres 1867 den

Anschein, als wenn dem rothen Phosphor eine grosse Mission in der

Entwickelungsgeschichte der Zündrequisitenindustrie beschieden sei.

[Sidenote: Die Fabrikation der Reibzündhölzer.]

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 110 / 167 题