[Sidenote: Sämischgerberei.]
Die =Sämisch=- oder =Oelgerberei= wandelt die Felle von Hirschen,
Elenthieren, Rehen, Hammeln, Schafen, zuweilen auch Kalbsfelle, dann auch
Ochsenhäute (zu Riemen, Kuppeln und Bandeliers beim Militair) in
=Oelleder= (ölgares oder sämischgares Leder) um. Das Gerbmaterial ist
Fett oder Thran (seit einigen Jahren meist mit 4-7 Proc. Carbolsäure
versetzt). Das =Oelleder= findet hauptsächlich zu
Bekleidungsgegenständen, namentlich zu Beinkleidern, Beuteln,
Hosenträgern, Gamaschen, Westen, waschledernen Handschuhen, Bändern und
Bandagen zu chirurgischen Zwecken Anwendung, wozu es sich in Folge seiner
Weichheit, seiner wolligen Beschaffenheit und seines Zuges wegen
besonders eignet. Da es im Wasser seine Gerbung nicht verliert und daher
auch ohne Nachtheil gewaschen werden kann, nennt man es auch
=Waschleder=. Die oberste Lage des Coriums, welche ihrer dichteren
Beschaffenheit wegen, nicht dieselbe Dehnbarkeit und Geschmeidigkeit
besitzt wie die untere, also die Narbe, wird bei dickeren Fellen
abgestossen; bei solchem ölgaren Leder fällt daher der Unterschied
zwischen Narben- und Fleischseite hinweg. Das Abstossen der Narbe
befördert zugleich das Eindringen des Fettes, welches unter der
vereinigten Einwirkung von Luft und Wärme sich in Produkte umwandelt,
welche mit der Hautfaser eine feste trockene Verbindung eingehen, in
welcher der Fettgehalt nicht mehr physikalisch zu erkennen ist,
namentlich hindert er nicht mehr das Eindringen des Wassers (das
=Oelleder= ist daher keineswegs wasserdicht wie z. B. das =Fettleder
Klemms=), dagegen nimmt es der Hautfaser das Vermögen, unter dem
Einflusse des Wassers zusammenzukleben und einzuschrumpfen. Dünnere
Felle, wie Felle von Ziegen und Lämmern, welche zu den feinen ölgaren
Handschuhen dienen, behalten ihre Narbe der grösseren Haltbarkeit wegen
und werden dann auf der Fleischseite nach aussen getragen.
Die für das Oelleder bestimmten Felle werden bis zur beendigten
Enthaarung eben so vorbereitet wie in der Weissgerberei; da bei dem
ölgaren Leder eine Schonung der Narbe nicht erforderlich ist, so werden
die Haare nicht mit einer Schabe, sondern auf dem Streichbaum mit einem
stumpfen Messer, dem Abstossmesser, abgestrichen, wobei zugleich die
Narbe abgestossen wird. Die abgestossenen und durch Vergleichen von den
unbrauchbaren Endstücken befreiten Felle kommen behufs ihrer
vollständigen Entkalkung und Schwellung in Kleienbeize. Hierauf werden
sie ausgewunden und sofort in die Walke gebracht, um hier mit dem Fette
getränkt oder gegerbt zu werden. Hierzu werden die Felle, die
Narbenseite nach oben auf dem Tische ausgebreitet und mit Thran oder
Oel bestrichen, dann zu Knäueln zusammengewickelt, unter eine
Stampfwalke gebracht und 2-3 Stunden gewalkt, während dem man sie von
Zeit zu Zeit herausnimmt, einige Zeit an der Luft liegen lässt und dann
von Neuem ölt und walkt, bis sie genug Fett aufgenommen haben. Durch
das wiederholte Aushängen an die Luft verlieren die Felle ihr Wasser
allmälig und in dem Maasse, als das Wasser verdunstet, tritt das Oel an
dessen Stelle; die Felle bleiben so lange der Luft ausgesetzt, bis die
äussere Oberfläche abgetrocknet erscheint (=anrauscht=). Dass die Felle
hinreichend Oel erhalten haben, erkennt man an einem eigenthümlichen
scharfen, an Meerrettig erinnernden Geruch, welcher an die Stelle des
Fleischgeruches tritt. Bereits während des Walkens, noch mehr aber
während des Aushängens der Häute an die Luft, hat sich der Thran
theilweise verändert und ist mit der Hautfaser in Verbindung getreten;
ein anderer und zwar der grösste Theil des Thranes erfüllt aber nur
mechanisch die Poren des Leders. Der Zweck der nächsten Arbeit ist
daher der, die Felle einer Art, mit Temperaturerhöhung begleiteten
Gährung auszusetzen, durch welche dieselbe Wirkung in kürzerer Zeit
erzielt wird, welche beim Aushängen der geölten Häute stattfand, und
wodurch der grösste Theil des Thranes in Verbindung mit der Faser
gebracht wird. Hierzu werden die Felle in die Wärmekammer gebracht, auf
einem auf dem Boden ausgebreiteten Leinentuche zu einem konischen
Haufen übereinander geworfen, mit Sorgfalt bedeckt, sich selbst
überlassen und nur von Zeit zu Zeit gelüftet, damit die Häute sich
nicht überhitzen. Das Zusammenlegen und Auseinanderwerfen der Haufen
wird wiederholt, bis die Felle die erforderliche gelbe Farbe erhalten
haben, welche ein Zeichen der beendigten Oxydation des Oeles ist. Das
Behandeln der geölten Felle in der Wärmekammer nennt man das =Färben in
der Braut=. Ungeachtet der Gährung ist noch ein Theil des Oeles (man
rechnet gegen 50 Proc. des ursprünglich angewendeten) in der Haut im
unverbundenen Zustande enthalten, welches durch eine lauwarme
Potaschenlösung entfernt wird. Aus der ablaufenden weissen Brühe
scheidet sich beim ruhigen Stehen eine Fettmasse ab, welche =Dégras=
oder =Gerberfett= heisst, und wie auf Seite 605 gesagt worden ist,
zum Zurichten des lohgaren Leders verwendet wird. Die entfetteten Leder
werden ausgerungen, getrocknet und gestollt, um ihnen die
Geschmeidigkeit wieder zu ertheilen, welche sie durch das Trocknen zum
Theil verloren haben.
Das =Rauh=- oder =Rauchleder= ist ölgares Leder, dessen Narbe nicht
abgestossen worden und dessen Fleischseite geschwärzt ist. Es ist
seiner Milde und Weichheit wegen zu Damenstiefeln sehr beliebt. Nach
den Versuchen von =Knapp= _sen._ lässt sich eine Art Oelleder erhalten,
wenn man eine Blösse abwechselnd mit einer Lösung von Seife und
verdünnter Säure behandelt, so dass sich die fetten Säuren in der Faser
niederschlagen. Nach der Gerbung muss das Leder gut ausgewässert
werden. Ueber die Constitution des Oelleders ist zur Zeit nichts
bekannt; man weiss nicht, welche Zersetzungsprodukte des Oeles (ob
allein die der fetten Säuren oder vielleicht auch die des Glycerins)
mit der Faser eine Verbindung eingehen. Die Sämischgerberei hat im
Principe ohne Zweifel vieles gemein mit dem Oelen der Baumwollstoffe
als vorbereitender Operation der Türkischrothfärberei.
[Sidenote: Pergament.]
Das =Pergament= ist kein Leder im technologischen Sinne, denn die Fasern
der Haut, die zur Pergamentbereitung dient, sind weder durch Gerbstoff,
noch durch Thonerdesalze, noch durch Thran, noch durch ein anderes
Gerbematerial vor dem Zusammenkleben bewahrt, und lassen sich daher durch
kochendes Wasser mit Leichtigkeit in Leim überführen (daher der Name
Pergamentleim, welcher bei feinen Arbeiten höher geschätzt ist als der
gewöhnliche Leim). Das Pergament ist im Wesentlichen nichts anderes als
die von Haaren befreite rohe Haut einzelner und namentlich der kleineren
Thiere, wie des Kalbes und des Schafes, welches von anliegendem Schmutz
und Fleisch befreit, aufgespannt und getrocknet wird.
Man unterscheidet eigentliches =Pergament= (parchemin, parchement),
welches aus Schaffellen hergestellt wird, von dem Pergament, welches
der Franzose _Vélin_ oder _Parchemin vièrge_, und der Engländer
_Vellum_ nennt; letzteres ist feiner als das gewöhnliche Pergament und
wird aus jungen Kalb-, Ziegen- und todtgeborenen Lammhäuten bereitet.
Die verschiedenen Zwecke, denen das Pergament dient, bedingen bei der
Fabrikation desselben einige Modificationen. Die Felle werden zuerst
eingeweicht, gereinigt, im Kalkäscher behandelt und enthaart;
Schaffelle werden, um die Wolle möglichst zu schonen, geschwödet. Nach
dem Enthaaren werden die Felle gewaschen und zwar auf dem Schabebaum
und dann gewöhnlich (doch nicht immer) geschabt und von allem Fleisch
befreit. Hierauf wird jedes Fell mit Schnüren und Wirbeln in einem
Rahmen mit beweglichen Seiten (ähnlich dem Stickrahmen) der Art
eingespannt, dass eine faltenlose Fläche entsteht. Das ausgespannte
Fell wird nochmals ausgestrichen und dünn geschabt und darauf
getrocknet. Einiges Pergament ist dann schon fertig und wird nur noch
beschnitten; so stellt man z. B. das Trommelpergament aus Kalbfellen,
das Pergament zu Pauken aus Eselshäuten dar. Bei Kalbfellen zu
Trommelpergament entfernt man mit den Haaren auch die Narbe. Solche,
die Farbe enthalten, für Büchereinbände bestimmt, werden genau wie
Trommel- und Paukenfelle behandelt, nach dem Trocknen aber auf beiden
Seiten mit einem halbrunden Messer geschabt, dessen Scheide umgebogen
ist. Dadurch wird den ursprünglich glatten Flächen eine rauhe
Oberfläche gegeben, wodurch diese geschickt wird zur Aufnahme von Farbe
wie auch von Tinte. Die Vorbereitung der Felle zum Färben wie zum
Schreiben ist nämlich eine und dieselbe, so wie auch die für jene
Pergamentsorte, deren man sich zu Schreibtafeln in Brieftaschen und
dergl. bedient, und welche die Schriftzüge des Bleistiftes aufnehmen
soll. Dieses Pergament namentlich wird, nachdem es auf beiden Seiten
abgeschabt worden, mit einer mageren Bleiweissölfarbe angestrichen, an
deren Stelle auch häufig eine Leimfarbe aus Barytweiss oder Zinkweiss
tritt. In England wendet man zur Herstellung des Schreibpergaments oder
Vellums beinahe ausschliesslich jene Aas- oder Fleischseite an, welche
man beim Spalten der Schafleder gewinnt. Oft wird das Pergament,
nachdem es auf dem Rahmen getrocknet worden ist, gekreidet, geschabt
und mit Bimsstein abgerieben. Zu Sieben (z. B. zum Körnen des
Schiesspulvers) nimmt man vorzugsweise Schweinehäute.
[Sidenote: Chagrin.]
Der ächte orientalische =Chagrin= (Chagrain, Saghir, Sagri, Sagre) ist
eine Art schwach gegerbtes Pergament, dessen eine Seite körnig oder mit
kleinen rundlichen Knötchen bedeckt ist; es wird in Persien, in der
Türkei, in Astrachan und in den Donaufürstenthümern aus Pferdehäuten
und aus den Häuten der wilden Esel hergestellt und zwar nicht aus den
ganzen Häuten, sondern nur aus dem hinteren Streif auf dem Rücken,
gleich über dem Schwanze, welcher in Form einer Sichel nach der Quere
über den Hüften des Thieres entlang herausgeschnitten wird. Behufs der
Fabrikation des Chagrins werden die Häute in Wasser geweicht, bis die
Epidermis sich löst und die Haare abgenommen werden können. Die mit
Hülfe eines dem Schlichtmond ähnlichen Werkzeuges enthaarten Häute
werden von Neuem in Wasser eingeweicht, um eine Schwellung
hervorzubringen, dann auf der Fleischseite gereinigt, und hierauf die
Fleischseite und die Narbenseite so weit abgeschabt, dass das Corium,
welches zurückbleibt, einer feuchten Blase ähnlich erscheint. Die so
weit vorbereiteten Blössen werden, um die Erhabenheiten auf ihnen
hervorzubringen, welche das Charakteristische des Chagrins bilden, in
Rahmen eingespannt, und dann Allabuta (schwarze harte Samenkörner der
wilden Melde, _Chenopodium album_) auf die Narbenseite gestreut und in
die Haut entweder mit den Füssen eingetreten oder eingepresst. Sind die
Häute trocken und spröde geworden, so werden sie aus den Rahmen
genommen und die Samenkörner durch Schütteln abgesondert. Die Häute
erscheinen nun mit Vertiefungen bedeckt. Sie werden dann mit
Schabemessern völlig geebnet und darauf geschwellt, gegerbt und
gefärbt. Da alle eingedrückten Stellen sich beim Schwellen wieder
ausdehnen und erheben, so entstehen dadurch die gewünschten Knötchen.
Die Gerbung geschieht entweder mit Lohe oder mit Alaun, daher mancher
Chagrin eine Art weissgares Leder ist. Man findet die Chagrinhäute im
Handel von allen Farben, doch meist grün, welche Farbe dem Chagrin
durch Kupfersalze ertheilt wird. Nach dem Färben werden die Häute mit
geschmolzenem Hammeltalg getränkt.
Die =Fischhaut= oder der =Fischhautchagrin= kommt von verschiedenen
Arten der Haifische (_Squalus canicula_, _S. catulus_, _S. centrina_),
Rochen u. s. w. Die Haut dieser Fische ist nicht mit Schuppen, sondern
mit harten Stacheln besetzt. Sobald die Häute von den Thieren abgezogen
worden sind, spannt man dieselben straff auf, um sie zu trocknen und
bringt sie entweder sofort in den Handel oder schleift vorher die
Stacheln mit Sandstein ab. Man benutzte die blos getrocknete und noch
mit den Stacheln versehene Fischhaut früher häufig zum Schleifen des
Holzes. Jetzt giebt man zu diesem Zwecke dem Bimsstein und dem Sand-
oder Smirgelpapier den Vorzug. Die von den Stacheln befreiten und
gefärbten Häute dienen zu Etuis für Fernröhre, Brillen u. s. w.
Die Leimfabrikation.
[Sidenote: Allgemeines.]
In dem Organismus aller, hauptsächlich aber der höheren Thiere finden
sich gewisse Gebilde, welche sich durch die Eigenschaft auszeichnen, in
kaltem wie in heissem Wasser unlöslich zu sein, durch fortgesetztes
Kochen aber eine wesentliche Veränderung zu erleiden, in deren Folge sie
sich lösen und beim Verdampfen der Lösung eine gelatinirende klebrige
Masse (die =Gallerte=), beim vollständigen Austrocknen, je nach dem Grade
der Reinheit der Gebilde, einen durchscheinenden oder durchsichtigen und
spröden, in reinem Zustande geschmack-, geruch- und farblosen Körper zu
liefern, welcher mit kaltem Wasser zusammengebracht, darin aufquillt und
beim Kochen mit Wasser sich unverändert löst. Dieses Umwandelungsprodukt
der (sogenannten leimgebenden) Gebilde ist der zum Zusammenfügen der
Holzarbeiten, zur Aufhebung der Capillarität des Handpapiers, als
Klärmittel, als Kitt in der Technik so vielfach angewendete =Leim=. Die
leimgebenden Stoffe kommen durchgängig organisirt im Thierkörper vor, in
der Regel mit anderen organischen Verbindungen innig gemengt. Man rechnet
zu ihnen das Bindegewebe, die Haut, Sehnen, die Ringsfaserhaut der
Lymphgefässe und Venen, die Knochensubstanz (Osseïn), das Hirschhorn, den
Knorpel, die Schwimmblase mancher Fische, die Fischschuppen etc. Der aus
den verschiedenen leimliefernden Stoffen gewonnene Leim zeigt, je nach
seinem Ursprunge, in gewisser Hinsicht einige Unterschiede; namentlich
hat man in chemischer Beziehung zwei verschiedene Leimarten zu
unterscheiden, nämlich den Knochen- oder Hautleim (Glutin) und den
Knorpelleim (Chondrin). In technologischer Hinsicht hat man auf diese
Eintheilung nur so weit Rücksicht zu nehmen, als man die Knorpel (Rippen-
und Gelenkknorpel) von der Leimfabrikation so viel als möglich
ausschliesst, da die Erfahrung gelehrt hat, dass das Glutin dem Chondrin
an Klebvermögen weit voranzustellen ist.
Durch das Auflösen der leimgebenden Gebilde erhält man, wie bereits
bemerkt, die =Gallerte=, deren Lösung jedoch ohne namhafte Klebkraft
ist. Letztere Eigenschaft entsteht erst durch das Trocknen, durch
welche die Gallerte in den Leim übergeführt wird. Man hat folglich in
der Leimfabrikation zu unterscheiden, die leimgebenden Substanzen, die
daraus erhaltene Gallerte und den durch Eintrocknen derselben
erhaltenen Leim. Die zur Gallertbildung erforderliche Temperatur ist
nicht bei allen leimliefernden Gebilden die nämliche. Auch ist die
Consistenz der aus gleich starken Lösungen erhaltenen Gallerte eine
verschiedene je nach dem Alter der angewendeten Gewebe.
Der Leim löst sich beim Kochen in Wasser leicht zu einer Flüssigkeit,
welche beim Erkalten zu einer Gallerte gesteht. Wasser, das noch 1
Proc. Leim enthält, gelatinirt noch beim Erkalten. Durch häufig
wiederholtes Erwärmen und Erkalten oder längere Zeit fortgesetztes
Kochen verliert der Leim die Eigenschaft zu gelatiniren. Essigsäure und
verdünnte Salpetersäure verhindern das Gelatiniren der Leimlösung.
Alaunlösung fällt den Leim erst nach Zusatz von Kali oder Natron; der
Niederschlag besteht aus Leim und basischem Aluminiumsulfat. Von
Wichtigkeit ist seine Verbindung mit Gerbsäure, die in Wasser fast
unlöslich ist; diese Verbindung ist constant zusammengesetzt und eignet
sich als Mittel zur Bestimmung des Gerbstoffs in Vegetabilien.