III. _Die Sämisch- oder Oelgerberei._

[Sidenote: Sämischgerberei.]

Die =Sämisch=- oder =Oelgerberei= wandelt die Felle von Hirschen,

Elenthieren, Rehen, Hammeln, Schafen, zuweilen auch Kalbsfelle, dann auch

Ochsenhäute (zu Riemen, Kuppeln und Bandeliers beim Militair) in

=Oelleder= (ölgares oder sämischgares Leder) um. Das Gerbmaterial ist

Fett oder Thran (seit einigen Jahren meist mit 4-7 Proc. Carbolsäure

versetzt). Das =Oelleder= findet hauptsächlich zu

Bekleidungsgegenständen, namentlich zu Beinkleidern, Beuteln,

Hosenträgern, Gamaschen, Westen, waschledernen Handschuhen, Bändern und

Bandagen zu chirurgischen Zwecken Anwendung, wozu es sich in Folge seiner

Weichheit, seiner wolligen Beschaffenheit und seines Zuges wegen

besonders eignet. Da es im Wasser seine Gerbung nicht verliert und daher

auch ohne Nachtheil gewaschen werden kann, nennt man es auch

=Waschleder=. Die oberste Lage des Coriums, welche ihrer dichteren

Beschaffenheit wegen, nicht dieselbe Dehnbarkeit und Geschmeidigkeit

besitzt wie die untere, also die Narbe, wird bei dickeren Fellen

abgestossen; bei solchem ölgaren Leder fällt daher der Unterschied

zwischen Narben- und Fleischseite hinweg. Das Abstossen der Narbe

befördert zugleich das Eindringen des Fettes, welches unter der

vereinigten Einwirkung von Luft und Wärme sich in Produkte umwandelt,

welche mit der Hautfaser eine feste trockene Verbindung eingehen, in

welcher der Fettgehalt nicht mehr physikalisch zu erkennen ist,

namentlich hindert er nicht mehr das Eindringen des Wassers (das

=Oelleder= ist daher keineswegs wasserdicht wie z. B. das =Fettleder

Klemms=), dagegen nimmt es der Hautfaser das Vermögen, unter dem

Einflusse des Wassers zusammenzukleben und einzuschrumpfen. Dünnere

Felle, wie Felle von Ziegen und Lämmern, welche zu den feinen ölgaren

Handschuhen dienen, behalten ihre Narbe der grösseren Haltbarkeit wegen

und werden dann auf der Fleischseite nach aussen getragen.

Die für das Oelleder bestimmten Felle werden bis zur beendigten

Enthaarung eben so vorbereitet wie in der Weissgerberei; da bei dem

ölgaren Leder eine Schonung der Narbe nicht erforderlich ist, so werden

die Haare nicht mit einer Schabe, sondern auf dem Streichbaum mit einem

stumpfen Messer, dem Abstossmesser, abgestrichen, wobei zugleich die

Narbe abgestossen wird. Die abgestossenen und durch Vergleichen von den

unbrauchbaren Endstücken befreiten Felle kommen behufs ihrer

vollständigen Entkalkung und Schwellung in Kleienbeize. Hierauf werden

sie ausgewunden und sofort in die Walke gebracht, um hier mit dem Fette

getränkt oder gegerbt zu werden. Hierzu werden die Felle, die

Narbenseite nach oben auf dem Tische ausgebreitet und mit Thran oder

Oel bestrichen, dann zu Knäueln zusammengewickelt, unter eine

Stampfwalke gebracht und 2-3 Stunden gewalkt, während dem man sie von

Zeit zu Zeit herausnimmt, einige Zeit an der Luft liegen lässt und dann

von Neuem ölt und walkt, bis sie genug Fett aufgenommen haben. Durch

das wiederholte Aushängen an die Luft verlieren die Felle ihr Wasser

allmälig und in dem Maasse, als das Wasser verdunstet, tritt das Oel an

dessen Stelle; die Felle bleiben so lange der Luft ausgesetzt, bis die

äussere Oberfläche abgetrocknet erscheint (=anrauscht=). Dass die Felle

hinreichend Oel erhalten haben, erkennt man an einem eigenthümlichen

scharfen, an Meerrettig erinnernden Geruch, welcher an die Stelle des

Fleischgeruches tritt. Bereits während des Walkens, noch mehr aber

während des Aushängens der Häute an die Luft, hat sich der Thran

theilweise verändert und ist mit der Hautfaser in Verbindung getreten;

ein anderer und zwar der grösste Theil des Thranes erfüllt aber nur

mechanisch die Poren des Leders. Der Zweck der nächsten Arbeit ist

daher der, die Felle einer Art, mit Temperaturerhöhung begleiteten

Gährung auszusetzen, durch welche dieselbe Wirkung in kürzerer Zeit

erzielt wird, welche beim Aushängen der geölten Häute stattfand, und

wodurch der grösste Theil des Thranes in Verbindung mit der Faser

gebracht wird. Hierzu werden die Felle in die Wärmekammer gebracht, auf

einem auf dem Boden ausgebreiteten Leinentuche zu einem konischen

Haufen übereinander geworfen, mit Sorgfalt bedeckt, sich selbst

überlassen und nur von Zeit zu Zeit gelüftet, damit die Häute sich

nicht überhitzen. Das Zusammenlegen und Auseinanderwerfen der Haufen

wird wiederholt, bis die Felle die erforderliche gelbe Farbe erhalten

haben, welche ein Zeichen der beendigten Oxydation des Oeles ist. Das

Behandeln der geölten Felle in der Wärmekammer nennt man das =Färben in

der Braut=. Ungeachtet der Gährung ist noch ein Theil des Oeles (man

rechnet gegen 50 Proc. des ursprünglich angewendeten) in der Haut im

unverbundenen Zustande enthalten, welches durch eine lauwarme

Potaschenlösung entfernt wird. Aus der ablaufenden weissen Brühe

scheidet sich beim ruhigen Stehen eine Fettmasse ab, welche =Dégras=

oder =Gerberfett= heisst, und wie auf Seite 605 gesagt worden ist,

zum Zurichten des lohgaren Leders verwendet wird. Die entfetteten Leder

werden ausgerungen, getrocknet und gestollt, um ihnen die

Geschmeidigkeit wieder zu ertheilen, welche sie durch das Trocknen zum

Theil verloren haben.

Das =Rauh=- oder =Rauchleder= ist ölgares Leder, dessen Narbe nicht

abgestossen worden und dessen Fleischseite geschwärzt ist. Es ist

seiner Milde und Weichheit wegen zu Damenstiefeln sehr beliebt. Nach

den Versuchen von =Knapp= _sen._ lässt sich eine Art Oelleder erhalten,

wenn man eine Blösse abwechselnd mit einer Lösung von Seife und

verdünnter Säure behandelt, so dass sich die fetten Säuren in der Faser

niederschlagen. Nach der Gerbung muss das Leder gut ausgewässert

werden. Ueber die Constitution des Oelleders ist zur Zeit nichts

bekannt; man weiss nicht, welche Zersetzungsprodukte des Oeles (ob

allein die der fetten Säuren oder vielleicht auch die des Glycerins)

mit der Faser eine Verbindung eingehen. Die Sämischgerberei hat im

Principe ohne Zweifel vieles gemein mit dem Oelen der Baumwollstoffe

als vorbereitender Operation der Türkischrothfärberei.

[Sidenote: Pergament.]

Das =Pergament= ist kein Leder im technologischen Sinne, denn die Fasern

der Haut, die zur Pergamentbereitung dient, sind weder durch Gerbstoff,

noch durch Thonerdesalze, noch durch Thran, noch durch ein anderes

Gerbematerial vor dem Zusammenkleben bewahrt, und lassen sich daher durch

kochendes Wasser mit Leichtigkeit in Leim überführen (daher der Name

Pergamentleim, welcher bei feinen Arbeiten höher geschätzt ist als der

gewöhnliche Leim). Das Pergament ist im Wesentlichen nichts anderes als

die von Haaren befreite rohe Haut einzelner und namentlich der kleineren

Thiere, wie des Kalbes und des Schafes, welches von anliegendem Schmutz

und Fleisch befreit, aufgespannt und getrocknet wird.

Man unterscheidet eigentliches =Pergament= (parchemin, parchement),

welches aus Schaffellen hergestellt wird, von dem Pergament, welches

der Franzose _Vélin_ oder _Parchemin vièrge_, und der Engländer

_Vellum_ nennt; letzteres ist feiner als das gewöhnliche Pergament und

wird aus jungen Kalb-, Ziegen- und todtgeborenen Lammhäuten bereitet.

Die verschiedenen Zwecke, denen das Pergament dient, bedingen bei der

Fabrikation desselben einige Modificationen. Die Felle werden zuerst

eingeweicht, gereinigt, im Kalkäscher behandelt und enthaart;

Schaffelle werden, um die Wolle möglichst zu schonen, geschwödet. Nach

dem Enthaaren werden die Felle gewaschen und zwar auf dem Schabebaum

und dann gewöhnlich (doch nicht immer) geschabt und von allem Fleisch

befreit. Hierauf wird jedes Fell mit Schnüren und Wirbeln in einem

Rahmen mit beweglichen Seiten (ähnlich dem Stickrahmen) der Art

eingespannt, dass eine faltenlose Fläche entsteht. Das ausgespannte

Fell wird nochmals ausgestrichen und dünn geschabt und darauf

getrocknet. Einiges Pergament ist dann schon fertig und wird nur noch

beschnitten; so stellt man z. B. das Trommelpergament aus Kalbfellen,

das Pergament zu Pauken aus Eselshäuten dar. Bei Kalbfellen zu

Trommelpergament entfernt man mit den Haaren auch die Narbe. Solche,

die Farbe enthalten, für Büchereinbände bestimmt, werden genau wie

Trommel- und Paukenfelle behandelt, nach dem Trocknen aber auf beiden

Seiten mit einem halbrunden Messer geschabt, dessen Scheide umgebogen

ist. Dadurch wird den ursprünglich glatten Flächen eine rauhe

Oberfläche gegeben, wodurch diese geschickt wird zur Aufnahme von Farbe

wie auch von Tinte. Die Vorbereitung der Felle zum Färben wie zum

Schreiben ist nämlich eine und dieselbe, so wie auch die für jene

Pergamentsorte, deren man sich zu Schreibtafeln in Brieftaschen und

dergl. bedient, und welche die Schriftzüge des Bleistiftes aufnehmen

soll. Dieses Pergament namentlich wird, nachdem es auf beiden Seiten

abgeschabt worden, mit einer mageren Bleiweissölfarbe angestrichen, an

deren Stelle auch häufig eine Leimfarbe aus Barytweiss oder Zinkweiss

tritt. In England wendet man zur Herstellung des Schreibpergaments oder

Vellums beinahe ausschliesslich jene Aas- oder Fleischseite an, welche

man beim Spalten der Schafleder gewinnt. Oft wird das Pergament,

nachdem es auf dem Rahmen getrocknet worden ist, gekreidet, geschabt

und mit Bimsstein abgerieben. Zu Sieben (z. B. zum Körnen des

Schiesspulvers) nimmt man vorzugsweise Schweinehäute.

[Sidenote: Chagrin.]

Der ächte orientalische =Chagrin= (Chagrain, Saghir, Sagri, Sagre) ist

eine Art schwach gegerbtes Pergament, dessen eine Seite körnig oder mit

kleinen rundlichen Knötchen bedeckt ist; es wird in Persien, in der

Türkei, in Astrachan und in den Donaufürstenthümern aus Pferdehäuten

und aus den Häuten der wilden Esel hergestellt und zwar nicht aus den

ganzen Häuten, sondern nur aus dem hinteren Streif auf dem Rücken,

gleich über dem Schwanze, welcher in Form einer Sichel nach der Quere

über den Hüften des Thieres entlang herausgeschnitten wird. Behufs der

Fabrikation des Chagrins werden die Häute in Wasser geweicht, bis die

Epidermis sich löst und die Haare abgenommen werden können. Die mit

Hülfe eines dem Schlichtmond ähnlichen Werkzeuges enthaarten Häute

werden von Neuem in Wasser eingeweicht, um eine Schwellung

hervorzubringen, dann auf der Fleischseite gereinigt, und hierauf die

Fleischseite und die Narbenseite so weit abgeschabt, dass das Corium,

welches zurückbleibt, einer feuchten Blase ähnlich erscheint. Die so

weit vorbereiteten Blössen werden, um die Erhabenheiten auf ihnen

hervorzubringen, welche das Charakteristische des Chagrins bilden, in

Rahmen eingespannt, und dann Allabuta (schwarze harte Samenkörner der

wilden Melde, _Chenopodium album_) auf die Narbenseite gestreut und in

die Haut entweder mit den Füssen eingetreten oder eingepresst. Sind die

Häute trocken und spröde geworden, so werden sie aus den Rahmen

genommen und die Samenkörner durch Schütteln abgesondert. Die Häute

erscheinen nun mit Vertiefungen bedeckt. Sie werden dann mit

Schabemessern völlig geebnet und darauf geschwellt, gegerbt und

gefärbt. Da alle eingedrückten Stellen sich beim Schwellen wieder

ausdehnen und erheben, so entstehen dadurch die gewünschten Knötchen.

Die Gerbung geschieht entweder mit Lohe oder mit Alaun, daher mancher

Chagrin eine Art weissgares Leder ist. Man findet die Chagrinhäute im

Handel von allen Farben, doch meist grün, welche Farbe dem Chagrin

durch Kupfersalze ertheilt wird. Nach dem Färben werden die Häute mit

geschmolzenem Hammeltalg getränkt.

Die =Fischhaut= oder der =Fischhautchagrin= kommt von verschiedenen

Arten der Haifische (_Squalus canicula_, _S. catulus_, _S. centrina_),

Rochen u. s. w. Die Haut dieser Fische ist nicht mit Schuppen, sondern

mit harten Stacheln besetzt. Sobald die Häute von den Thieren abgezogen

worden sind, spannt man dieselben straff auf, um sie zu trocknen und

bringt sie entweder sofort in den Handel oder schleift vorher die

Stacheln mit Sandstein ab. Man benutzte die blos getrocknete und noch

mit den Stacheln versehene Fischhaut früher häufig zum Schleifen des

Holzes. Jetzt giebt man zu diesem Zwecke dem Bimsstein und dem Sand-

oder Smirgelpapier den Vorzug. Die von den Stacheln befreiten und

gefärbten Häute dienen zu Etuis für Fernröhre, Brillen u. s. w.

Die Leimfabrikation.

[Sidenote: Allgemeines.]

In dem Organismus aller, hauptsächlich aber der höheren Thiere finden

sich gewisse Gebilde, welche sich durch die Eigenschaft auszeichnen, in

kaltem wie in heissem Wasser unlöslich zu sein, durch fortgesetztes

Kochen aber eine wesentliche Veränderung zu erleiden, in deren Folge sie

sich lösen und beim Verdampfen der Lösung eine gelatinirende klebrige

Masse (die =Gallerte=), beim vollständigen Austrocknen, je nach dem Grade

der Reinheit der Gebilde, einen durchscheinenden oder durchsichtigen und

spröden, in reinem Zustande geschmack-, geruch- und farblosen Körper zu

liefern, welcher mit kaltem Wasser zusammengebracht, darin aufquillt und

beim Kochen mit Wasser sich unverändert löst. Dieses Umwandelungsprodukt

der (sogenannten leimgebenden) Gebilde ist der zum Zusammenfügen der

Holzarbeiten, zur Aufhebung der Capillarität des Handpapiers, als

Klärmittel, als Kitt in der Technik so vielfach angewendete =Leim=. Die

leimgebenden Stoffe kommen durchgängig organisirt im Thierkörper vor, in

der Regel mit anderen organischen Verbindungen innig gemengt. Man rechnet

zu ihnen das Bindegewebe, die Haut, Sehnen, die Ringsfaserhaut der

Lymphgefässe und Venen, die Knochensubstanz (Osseïn), das Hirschhorn, den

Knorpel, die Schwimmblase mancher Fische, die Fischschuppen etc. Der aus

den verschiedenen leimliefernden Stoffen gewonnene Leim zeigt, je nach

seinem Ursprunge, in gewisser Hinsicht einige Unterschiede; namentlich

hat man in chemischer Beziehung zwei verschiedene Leimarten zu

unterscheiden, nämlich den Knochen- oder Hautleim (Glutin) und den

Knorpelleim (Chondrin). In technologischer Hinsicht hat man auf diese

Eintheilung nur so weit Rücksicht zu nehmen, als man die Knorpel (Rippen-

und Gelenkknorpel) von der Leimfabrikation so viel als möglich

ausschliesst, da die Erfahrung gelehrt hat, dass das Glutin dem Chondrin

an Klebvermögen weit voranzustellen ist.

Durch das Auflösen der leimgebenden Gebilde erhält man, wie bereits

bemerkt, die =Gallerte=, deren Lösung jedoch ohne namhafte Klebkraft

ist. Letztere Eigenschaft entsteht erst durch das Trocknen, durch

welche die Gallerte in den Leim übergeführt wird. Man hat folglich in

der Leimfabrikation zu unterscheiden, die leimgebenden Substanzen, die

daraus erhaltene Gallerte und den durch Eintrocknen derselben

erhaltenen Leim. Die zur Gallertbildung erforderliche Temperatur ist

nicht bei allen leimliefernden Gebilden die nämliche. Auch ist die

Consistenz der aus gleich starken Lösungen erhaltenen Gallerte eine

verschiedene je nach dem Alter der angewendeten Gewebe.

Der Leim löst sich beim Kochen in Wasser leicht zu einer Flüssigkeit,

welche beim Erkalten zu einer Gallerte gesteht. Wasser, das noch 1

Proc. Leim enthält, gelatinirt noch beim Erkalten. Durch häufig

wiederholtes Erwärmen und Erkalten oder längere Zeit fortgesetztes

Kochen verliert der Leim die Eigenschaft zu gelatiniren. Essigsäure und

verdünnte Salpetersäure verhindern das Gelatiniren der Leimlösung.

Alaunlösung fällt den Leim erst nach Zusatz von Kali oder Natron; der

Niederschlag besteht aus Leim und basischem Aluminiumsulfat. Von

Wichtigkeit ist seine Verbindung mit Gerbsäure, die in Wasser fast

unlöslich ist; diese Verbindung ist constant zusammengesetzt und eignet

sich als Mittel zur Bestimmung des Gerbstoffs in Vegetabilien.

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 105 / 167 题