1) das Degummiren,
2) das Kochen,
3) das Schönen.
Das =Degummiren= geschieht auf folgende Weise: Man löst Baumölseife in
warmem Wasser, erwärmt die Lösung bis auf 85° C., hängt dann die Seide
mit Hülfe eines Stockes in ihren Strähnen in das Seifenbad ein und
dreht die Strähne so oft auf dem Punkte herum, bis die Seide überall
von ihrem firnissartigen Ueberzuge hinreichend befreit ist. Die so
gereinigte Seide wird hierauf aus dem Seifenbade genommen, ausgerungen,
in Wasser gespült und getrocknet. Durch das Degummiren verliert die
Seide, theils nach der Menge des Firnissüberzuges, theils nach der
Quantität der verwendeten Seife, 12-25 Proc. an Gewicht. Im degummirten
Zustande ist die Seide geeignet, mit dunklen Farben gefärbt zu werden,
für helle Farben muss sie dagegen dem =Kochen= unterworfen werden. Zu
dem Ende giebt man die degummirte Seide in Säcke aus grober Leinwand,
sodass in jeden Sack 12-16 Kilogr. Seide kommen, und bringt die Säcke
in ein ähnliches Seifenbad. In diesem Bade wird die Seide anderthalb
Stunden lang gelassen; hierauf wird dieselbe herausgenommen,
ausgerungen und gespült. Die letzte Arbeit des Entschälens, das
=Schönen=, hat den Zweck, der Seide eine schwache Färbung und dadurch
ein angenehmeres Ansehen zu geben. Man unterscheidet verschiedene
Nüancen von Weiss, nämlich chinesisches Weiss, Azurweiss, Perlweiss
etc. Ersteres (mit röthlichem Schimmer) erhält man, indem man die Seide
durch laues Seifenwasser mit einer geringen Beimengung von Orlean
zieht. Die bläulichen Nüancen ertheilt man der Seide durch Indig
(Lösung von geschlämmtem Indig). Das vollkommene Bleichen der
entschälten Seide geschieht durch die Einwirkung der schwefligen Säure,
entweder dadurch, dass man die Seidensträhne in dem Schwefelkasten
durch Verbrennen von Schwefel schwefelt, oder dass man sie mit einer
wässerigen Lösung von schwefliger Säure behandelt. Da einestheils die
Seide durch das Entschälen zu viel an Gewicht, überhaupt an Körper
verliert, anderntheils aber die rohe Seide nur selten gefärbt werden
kann, so hat sich nach und nach in der Praxis eine Mittelstufe zwischen
der abgekochten und der rohen Seide gebildet, der sogenannte =Souple=.
Er wird erhalten durch Behandeln der Strähne mit einem siedenden
Wasserbade mit sehr wenig Seife (auf 25 Kilogr. Seide 1 Kilogr. Seife),
oder mit einer Lösung von mit Schwefelsäure versetztem Bittersalz oder
Glaubersalz. Der Gewichtsverlust der Seide beträgt hierbei 4-8 bis 10
Proc. Um die Rohseide zu bleichen, ohne ihr die natürliche Steifheit zu
entziehen, digerirt man die Strähne bei einer Temperatur von 20-30° mit
einem Gemenge von Salzsäure und Alkohol. Die Flüssigkeit nimmt hierbei
eine grüne Farbe an und in dem Verhältnisse, wie die Intensität der
Farbe zunimmt, wird die Seide weiss. Sie wird hierauf ausgerungen, in
Wasser gespült und abgetrocknet. Der Gewichtsverlust beträgt demnach
2,91 Proc. Nach der Neutralisation der zurückbleibenden Flüssigkeit mit
Kreide kann man durch Destillation den grössten Theil des Alkohols
wieder gewinnen.
[Sidenote: Die Seidenweberei.]
Die Fabrikation der =Seidenzeuge= stimmt im Wesentlichen mit jener der
Gewebe aus Baumwollgarn, Leinengarn, Kammwollgarn überein. Wie Seite 589
angeführt, dient fast durchgängig Organsinseide als Kette, Trama als
Schuss. Die =gemischten Stoffe= haben Baumwollgarn, oder Garn aus
Kammwolle, Alpaka und Mohair zum Einschuss, während die Kette Seide ist.
Häufig ist die Kette oder der Schuss, oder auch beide, ein mehrfacher,
aber nicht gezwirnter Faden, dadurch erreicht man eine grössere Dicke und
Dichte des Gewebes, ohne dass dasselbe ein grobes Aussehen erhält. Einer
eigenthümlichen Ausrüstung bedürfen die Seidenzeuge nicht, so wie sie vom
Webstuhle kommen, sind sie fertige Waare, sie werden blos zusammengelegt
und in einer Presse glatt gepresst. Die leichteren Sorten von Atlas und
Taffet werden jedoch gummirt und cylindrirt; zu diesem Behufe wird das in
einem grossen Rahmen horizontal ausgespannte Gewebe auf der unteren Seite
mit einer dünnen Tragantlösung mit Hülfe eines Schwammes überstrichen,
schnell getrocknet und dann durch eine Kalander gelassen, deren eiserne
Walze durch einen glühend eingelegten eisernen Bolzen geheizt ist.
Schwere Seidenstoffe erhalten oft durch Druck auf die theilweise
befeuchtete Fläche einen wellenartigen Schimmer (=Moirirung=),
sammetartige Seidenzeuge erhalten zuweilen vertiefte oder erhabene
Zeichnungen durch Pressen mit gravirten Metallflächen (=Gaufriren=).
Die seidenen Zeuge zerfallen 1) in glatte, 2) geköperte, 3) gemusterte
Stoffe, 4) Gaze oder Flore, 5) Sammet.
a) Zu den =glatten seidenen Geweben= gehören 1) der =Taffet=, worunter
man die leichteren, aus entschälter Seide gewebten glatten Zeuge
versteht, bei welchem die Kette Organsin und einfädig, der Einschlag
Trama und zwei- bis dreifädig ist; 2) =Gros= (_Gros de Tours_, _Gros de
Naples_), ein dichter taffetartiger Stoff, der aus besonders starken
Fäden in Kette und Schuss gewebt ist und deshalb wie mit einer Art
regelmässigen Kornes bedeckt oder, wenn dicke mit dünnen Fäden
wechseln, gerippt erscheint.
b) Zu den =geköperten Geweben= gehören: 1) die verschiedenen =Sergen=
(_Croisé_, _Levantin_, _Drap de soie_, _Bombasin_), von welchen die von
der Kette den grösseren Theil zeigende Seite die rechte ist; 2) der
=Atlas= oder =Satin= in seinen Varietäten: einfacher, doppelter, halber
und Sergenatlas.
c) Zur =gemusterten Arbeit= gehören alle figurirte, gewürfelte und
geblümte Seidengewebe (Droguet, Chagrin, Satinet, Reps, Seidendamast,
Brillantstoff, Pequin).
d) Zu den =sammetartigen Geweben= gehören 1) der ächte =Sammet=
(geschnitten oder ungeschnitten), 2) der =Plüsch=.
e) Zu den =Seidengazen= oder =Flören= rechnet man 1) den Marle, 2) den
Seidenstramin, 3) den Krepp oder Flor, 4) die Beutelgaze und 5) den
Barège (leichter durchsichtiger Seidenstoff).
Endlich sind hier auch die =gemischten Gewebe= anzuführen, deren
Bedeutung von Jahr zu Jahr zunimmt. Die Verbindung oder Mischung
verschiedener Webmaterialien hat einerseits zum Zweck, ein unedleres
oder billigeres Material mit einem edleren oder theureren in einer
Weise zu verbinden, dass das erstere möglichst weniger sichtbar
erscheint, und hierdurch der Stoff einem solchen, welcher ganz aus dem
besseren Material dargestellt ist, täuschend ähnlich wird. Dieser Zweck
ist in dem Streben begründet, Fabrikate von werthvollerem Aeusseren zu
möglichst billigem Preise zu liefern. Andererseits dient auch die
Verbindung verschiedenartiger Webmaterialien dazu, eine grosse
Mannigfaltigkeit in den Geweben herzustellen. Der verschiedene Reflex
der einzelnen Farben auf Seide, Wolle, Alpaka, Mohair, Baumwolle und
Leinen, je nach der Beschaffenheit des Gespinnstes und des Materiales,
das eigenthümliche Verhalten der aus den genannten Materialien
hergestellten Fäden hinsichtlich der Feinheit, Haltbarkeit,
Elasticität, Angriff u. s. w. sind Eigenschaften, welche grosse
Abwechslung und Modificationen in der Herstellung der Gewebe erlaubt.
[Sidenote: Unterscheidung der Seide von der Wolle und den vegetabilischen
Gespinnstfasern.]
Durch das gegenwärtig sehr gebräuchliche Verspinnen und Verweben von
Seide und Wolle, Seide und Baumwolle, ist ein einfaches Mittel, Seide von
den übrigen Webmaterialien zu unterscheiden, Bedürfniss geworden. Ebenso
wie bei der Prüfung der Leinen- und Baumwollfaser gründen sich auch hier
die Prüfungsmethoden auf Verschiedenheiten im chemischen Verhalten oder
auf unter dem Mikroskope wahrnehmbare Verschiedenheiten in der Gestalt.
Was zunächst die Unterscheidung der thierischen Fasern (Seide, Wolle,
Alpaka) von den pflanzlichen (Flachs, Hanf, Baumwolle) betrifft, so ist
das Kochen mit _Kalilösung_ entscheidend, Seide und Wolle lösen sich
auf, der Zellstoff der Pflanzenfasern löst sich nicht auf. Fäden von
Seide und Wolle einer Lichtflamme genähert, entzünden sich und
verbreiten den bekannten Geruch nach verbrennenden Federn, brennen aber
nur so lange fort, als man sie in der Flamme lässt. Zieht man sie
zurück, so verlöschen sie sogleich und an dem angebrannten Ende bleibt
eine schwarze kohlige Masse sitzen, welche dichter ist als der Faden
selbst; Fäden von Leinen und Baumwolle brennen fort, bilden keine
kohlige voluminöse Masse und entwickeln nicht den widrigen Geruch.
_Salpetersäure_ von 1,2-1,3 spec. Gew. färbt Wolle und Seide gelb,
Baumwolle und Leinen nicht. _Salpetersaures Quecksilberoxyduloxyd_
bewirkt mit den thierischen Webmaterialien eine intensive rothe
Färbung, die auf Zusatz von Schwefelalkalimetall in eine schwarze
übergeht; Leinen und Baumwolle erleiden hierdurch keine Veränderung.
Eine wässerige Lösung von _Pikrinsäure_ färbt Seide und Wolle intensiv
gelb, die vegetabilischen Fasern dagegen nicht. Die farblose
Flüssigkeit, die man (nach =Liebermann=) beim Kochen von
_Fuchsinlösung_ mit Alkalilauge erhält, lässt ein in dieselbe
getauchtes Gewebe von Wolle und Baumwolle farblos; wirft man hierauf
die Probe in kaltes Wasser und spült gut aus, so tritt intensive
Rothfärbung der Wolle ein, ohne dass die Baumwolle die mindeste Färbung
annimmt. Zuweilen wendet man zur Ermittelung von Baumwolle oder Wolle
in Seidenzeugen das _Kupferoxyd-Ammoniak_ in Verbindung mit
überschüssigem Ammoniak an, wodurch Baumwolle und Seide, letztere
zuerst, gelöst werden, während Wolle ungelöst zurückbleibt. Wenn Wolle
und Florettseide zusammengekrempelt und in dem nämlichen Faden gemischt
vorkommen, so kann man durch successives Behandeln mit gewöhnlicher
Salpetersäure und Ammoniak die Seide auflösen, während die Wolle nicht
zerstört wird; man kann auf diesem Wege selbst eine annähernd genaue
quantitative Prüfung beider Materialien ausführen. Auch Bleioxyd-Natron
(Natriumplumbat) in wässeriger Lösung kann zum Unterscheiden von Woll-
und Seidenfäden dienen; erstere werden darin schwarz (da in Folge des
Schwefelgehaltes der Wolle schwarzes Schwefelblei sich bildet), während
die Seidenfäden ihre Farbe nicht verändern. Das beste Reagens, um Seide
und Wolle zu unterscheiden, ist unstreitig Nitroprussidnatrium, welches
in einer Lösung von Wolle oder Haar in Kalilauge eine violette Färbung
bewirkt, dagegen eine Lösung von reiner Seide in Kalilauge unverändert
lässt.
Unter dem Mikroskope sind Baumwolle, Wolle und Seide mit Leichtigkeit
von einander zu unterscheiden. Als Kennzeichen der Baumwolle (vergl. S.
407) dient deren platte, bandförmige Beschaffenheit, die lange Zelle,
unter Wasser gesehen, ist in der Regel pfropfenzieherartig um sich
selbst gewunden; das sicherste Kennzeichen der Wolle sind seine
dachziegelförmig angeordneten Oberhautschuppen, die schon bei 30facher
Vergrösserung als dicht neben einander liegende unregelmässige
Querlinien sichtbar sind. Während also die Baumwollfaser nur aus einer
Zelle besteht, das Wollhaar aber, wie die Haare (Alpaka und Mohair)
überhaupt, aus zahlreichen neben und über einander liegenden Zellen
gebildet wird, ist der Seidenfaden, gleich dem Coconfaden der Raupen
und der Spinnen, ein erhärtetes Secret. Der Seidenfaden (Fig. 253) ist
glatt, walzenförmig, structurlos, ohne eigentliches Ende und ohne
Innenhöhle; die Breite des Fadens ist in der Regel überall dieselbe.
Die Oberfläche ist glänzend und nur in seltenen Fällen nimmt man kleine
Unebenheiten und Eindrücke wahr.
[Illustration: Fig. 253.]
[Illustration: Fig. 254.]
[Illustration: Fig. 255.]
Will man einen verwebten Seidenfaden auf seine Aechtheit prüfen, so
zerfasert man denselben unter Wasser auf der Glastafel, bedeckt ihn mit
einem Deckglase und betrachtet denselben bei 120-200facher
Vergrösserung. Die runde glänzende, verhältnissmässig schmale Seide
ohne Innenhöhle (Fig. 254 _S_) unterscheidet sich sofort von dem
ungleich breiteren und beschuppteren Wollhaar (Fig. 254 und 255 _W_)
und von der platten, bandförmigen und gedrehten Baumwolle (Fig. 255
_B_). Unter dem Mikroskope lässt sich ferner leicht entscheiden, ob der
Seidenfaden (wie die Organsin- und Tramaseide) aus parallel neben
einander liegenden Coconfäden besteht, oder ob er (wie die gesponnene
Florettseide) gedreht ist.
Die Gerberei.
[Sidenote: Allgemeines.]
Der Zweck der Gerberei ist die Ueberführung der Haut (hauptsächlich der
der grösseren Säugethiere) in =Leder= d. h. in die bekannte Substanz,
welche bei genügender Festigkeit, Biegsamkeit und Geschmeidigkeit, sich
von der enthaarten Haut dadurch unterscheidet, dass sie der Fäulniss in
hohem Grade widersteht und beim Kochen mit Wasser entweder nicht (wie das
lohgare Leder) oder nur nach längerer Zeit (wie das alaungare Leder) in
Leim verwandelt werden kann. Der Process der Ueberführung der enthaarten
und vorbereiteten Haut, der sogenannten Blösse, in Leder, ist, so
verschieden auch die in der Praxis angewendeten Mittel sein mögen, im
Wesentlichen ein auf =physikalische= Principien zurückzuführender. In
seinem weiteren Begriffe ist nach der Definition von =Fr. Knapp= Leder
nichts als Haut, in welcher man durch irgend ein Mittel das
Zusammenkleben der Fasern beim Trocknen verhindert hat.
Die Gerberei war bis auf die neueste Zeit ein empirisches Gewerbe und
erst durch die genaue Kenntniss der Anatomie der Haut, das Studium des
Gerbstoffes und überhaupt der Gerbmaterialien hat man die Grundlage
geschaffen, die da sein musste, ehe man an eine Erforschung des Wesens
des Gerbeprocesses denken konnte. Das, was man in letzterer Hinsicht
weiss, verdankt man zum grossen Theil den lichtvollen Untersuchungen
=Fr. Knapp='s und =Rollett='s.
Nicht die Haut im weiteren Sinne des Wortes ist es, die der Gerber
verarbeitet, sondern die =gereinigte Haut= oder die =Blösse=, mit
anderen Worten die auf chemischem und mechanischem Wege von den meisten
übrigen Gebilden und Stoffen möglichst befreite Lederhaut (Corium). Das
Gerben in seiner allgemeinsten Bedeutung soll zweierlei bewirken,
nämlich 1) die Neigung der Haut zu faulen möglichst aufzuheben, 2) der
Haut die Eigenschaft zu ertheilen, nach beendigtem Trocknen nicht mehr
als hornartige Masse, sondern als wahrnehmbar faseriges, nicht
durchscheinendes und mehr und weniger geschmeidiges Gewebe aufzutreten.
Eine Haut, welche diese Eigenschaften zeigt, wird mit dem Namen »=gar=«
bezeichnet und der von dem Worte gar abgeleitete Ausdruck =Gerben=
drückt sehr gut aus, dass es sich bei dem Gerbeprocesse zuvörderst um
die Gare handelt, gleichviel ob dieselbe durch dieses oder jenes Mittel
erreicht worden sei. Auf die Herstellung der Gare der Haut sind zwar
alle Hauptarbeiten, nämlich das Reinmachen der Haut (oder die
Herstellung der Blösse), das eigentliche Gerben und das Zurichten des
Leders, von Wichtigkeit, doch ist der Einfluss der Gerbung (im engeren
Sinne) vorherrschend. Das eigentliche Gerben kann mit einer grossen
Anzahl organischer und unorganischer Stoffe ausgeführt werden; im
Grossen haben sich jedoch nur einige dieser Substanzen als vortheilhaft
erwiesen, diese sind
1) die Gerbsäure in der =Loh=- oder =Rothgerberei=,
2) Alaun und Kochsalz in der =Alaun=- oder =Weissgerberei=,
3) Fett in der =Sämisch=- oder =Oelgerberei=.
[Sidenote: Die Anatomie der Thierhaut.]
Die Haut der Säugethiere besteht, wenn man von den Haaren absieht, aus
mehreren Schichten. Die obere, sehr dünne, von den Haaren durchdrungene
Bedeckung die =Oberhaut= oder =Epidermis=, ist halb durchsichtig und aus
mit Kernen versehenen Zellen gebildet, und umfasst als äusserste Lage die
Hornschicht, ein abgestorbenes, an dem Lebensprocess nicht mehr
concurrirendes Gewebe, welches in Folge der Abnutzung, der die
Körperoberfläche ausgesetzt ist, abgestossen und durch das darunter
liegende =Malpighi'sche Netz= (_stratum Malpighii_), eine noch lebende,
aus mit Flüssigkeit angefüllten und kernhaltigen Zellen bestehende
Schicht, ersetzt wird. Letztere Haut (die Schleim- oder Netzhaut) stellt
den Apparat für die Hautausdünstung und für den Tastsinn dar und bildet
die sogenannte =Narbe= (_fleur_) auf der Haarseite des Felles. Endlich
findet sich eine weit dickere Lage eines nicht mehr aus Zellen sondern
aus einem dichten Filz vom Bindegewebsbündeln bestehenden Gewebes, die
=Lederhaut= (_corium_, _derma_) genannt, welches die intermediäre Haut
und die eigentliche Lederhaut umfasst. Sie ist das eigentliche Substrat
der Lederbereitung. Unter dem Corium liegt das =Unterhautbindegewebe=
oder die =Fetthaut= (_panniculus adiposus_), diese Seite der Haut bildet
die =Aas=- oder =Fleischseite=. Die Haare sind reine Epidermisgebilde und
sitzen in dem Corium nur mittelbar, unmittelbar aber in einer in das
Corium tief hineinragenden Einstülpung der Oberhaut.
Alle Bestandtheile der Haut, die Zellen der Epidermis, wie die
Bindegewebefasern des Coriums und das Gewebe der Unterhaut, haben das
mit einander gemein, dass sie in kochendem Wasser aufschwellen,
gallertartig werden und durch fortgesetztes Kochen in Leim übergehen.
Die Schnelligkeit, mit welcher die Umwandlung der Haut in Leim erfolgt,
ist verschieden bei den Häuten verschiedener Thiere, indem die
Leimbildung bei Häuten grosser und ausgewachsener Thiere schwieriger
und langsamer erfolgt, als bei den Häuten kleiner und junger Thiere.
Die Bindegewebefasern gehen durch fortgesetzte Einwirkung von
Essigsäure in eine durchscheinende Gallerte über, in welcher jedoch die
Fasern in ihrer ursprünglichen Textur enthalten sind. Verdünnte
Schwefelsäure und Salzsäure verhalten sich wie Essigsäure. Alkalische
Laugen lösen die Fasern des Bindegewebes ebenfalls auf, die Formfasern
des Bindegewebes leisten den Säuren und Laugen längere Zeit Widerstand.
Kalk- und Barytwasser verändern die morphologische Eigenschaft des
Bindegewebes nicht, lockern aber den festen Zusammenhang desselben und
gestatten die Isolirung faseriger Formelemente aus demselben. In das
Kalk- und Barytwasser geht ein Eiweisskörper in Lösung, an dessen
Anwesenheit im Bindegewebe das feste Aneinanderkleben der leimgebenden
Formelemente geknüpft ist. Der nämliche Eiweisskörper wird auch von
verdünnten Mineralsäuren angegriffen.
Auf das eigenthümliche Verhalten der Hauptformelemente der Haut zu
alkalischen und sauren Flüssigkeiten gründen sich theilweise die
vorbereitenden Operationen der Gerberei. Der Process des Gerbens selbst
beruht dagegen auf dem Verhalten des Coriums zu Agentien anderer Art
und Wirkungsweise. Die Bindegewebefaser geht nämlich mit der Gerbsäure,
verschiedenen Metalloxyden wie der Thonerde, dem Eisenoxyd, dem
Chromoxyd, ferner mit oxydirtem Fett, dann mit fettsauren Metalloxyden
(unlöslichen Metallseifen), endlich mit Pikrinsäure, Pininsäure (aus
Colophonium) und gewissen anderen organischen Substanzen Verbindungen
ein, ähnlich wie die Thier- und Pflanzenfaser mit den Farbstoffen. Alle
diese Agentien, _Gerbematerialien_ genannt, haben die Bestimmung, sich
auf die Bindegewebefasern niederzuschlagen, dieselben einzuhüllen und
das Zusammenkleben der Fasern beim Trocknen zu verhindern. Einige
Gerbmaterialien, wie die Gerbsäure, hüllen die Faser dergestalt ein,
dass ein Zusammenkleben vollkommen unmöglich wird und die Haut beim
Trocknen ohne weiteres Zuthun sogleich geschmeidig auftritt; bei andern
Gerbemitteln, wie bei den Thonerdeverbindungen geht zwar ein
Zusammenkleben vor sich und die Haut erscheint nach dem Trocknen dicht
und hornähnlich, der Zusammenhang der Fasern ist aber kein inniger und
die Haut kann durch Ziehen und Dehnen (durch das sogenannte =Stollen=)
vollständig die Eigenschaften des Leders erlangen.