V. Abschnitt.

Die Thierstoffe und ihre technische Anwendung.

Die Verarbeitung der Wolle.

[Illustration: Fig. 251.]

[Illustration: Fig. 252.]

[Sidenote: Abstammung und Beschaffenheit der Wolle.]

Die =Wolle= unterscheidet sich von dem =Haar= vorzugsweise durch drei

Eigenschaften: erstens ist die Wolle feiner (das Haar geht dadurch, dass

es dicker und steifer wird, in die Borste und endlich in den Stachel

über), zweitens ist sie nicht straff, sondern wellenförmig hin und her

gebogen (gekräuselt), und drittens enthält sie weniger Pigment. Die

Vorzüglichkeit der Wolle wächst in demselben Maasse, als sie diese drei

Charaktere im höheren Grade hat, also je weiter sie sich von der Natur

des Haares entfernt. Die Wolle ist ebenso wie das Haar keine einfache,

sondern eine organisirte Faser, aus einer epithelartigen Membran, der

Rindensubstanz und der Marksubstanz bestehend. Die Epithelsubstanz

besteht bei der Wolle aus dünnen, sich dachziegelähnlich deckenden

Plättchen, den Cuticularplättchen, wodurch die Oberfläche ein schuppiges

und tannenzapfenartiges Aussehen erhält. Fig. 251 zeigt ein Stück eines

Haidschnuckenhaares neben einem Stücke von sächsischer

Non-plus-ultra-Wolle (Fig. 252) unter derselben Vergrösserung betrachtet

(woraus zugleich der enorme Unterschied in der Feinheit deutlich wird).

Die Einstülpungen auf der Oberfläche der Wolle sind die Ursache von der

Rauhigkeit der Wollhaare und begründen ihre Fähigkeit, sich zu =filzen=.

Werden nämlich derartige Schuppenhaare einem mit schiebender und

knetender Bewegung begleitenden Drucke, namentlich unter Mitwirkung von

heissen Wasserdämpfen, die das Haar weich und geschmeidig machen,

unterworfen, so schieben sich die Haare in der Richtung ihrer Schuppen

durcheinander und bilden ein wirres, aber festes Gewebe, den =Filz=.

Zur Wollerzeugung dient hauptsächlich das =Schaf=. Gleich anderen

Hausthieren bietet das Schaf in Folge der verschiedenen Verhältnisse

des Klimas, der Ernährungsweise und der Pflege eine grosse Anzahl

Abweichungen dar, die sich auf die Beschaffenheit der Wolle erstrecken.

Naturgemäss kann man alle Schafracen in folgende beiden Abtheilungen

bringen: 1) das =Höhe=- oder =Landschaf= mit kurzer, mehr oder weniger

gekräuselter und feiner Wolle, 2) das =Niederungsschaf= mit meist

grober, schlichter, langer, haarähnlicher Wolle. Zu den ersteren

gehören das =deutsche Landschaf= und ferner die =spanischen= oder

=Merinoschafe=, die sich nach der Verschiedenheit ihres Körpers in

mehrere Unterarten theilen, von denen als die vorzüglichsten die

=Infantado=- oder =Negrettirace= und die =Elektoralrace= (d. i. die

kurfürstliche Race, wegen der ersten 1765 aus Spanien an den Kurfürsten

von Sachsen gelangten Schafe) bekannt sind. Was man als =Eskurial=

bezeichnet, ist keine eigene Race, sondern ein =Elektoralschaf= mit

wollreicherem Vliess. Zu den Niederungschafen gehören das =Haidschaf=

oder die =Haidschnucke= in der Gegend zwischen der Elbe- und

Wesermündung, das =Zackelschaf=, das im südlichen Europa und westlichen

Asien gezogen wird, und dann die =englischen Schafe= der Southdown-,

Leicester-, Cotswold-, Lincoln-, Teeswater- und Romney-Marsh-Race,

ferner der schottischen Inseln, besonders von den Hebriden und

Shetlandinseln.

Die von anderen Thieren als dem Schafe stammenden hauptsächlichsten

Wollsorten sind folgende:

a) Die =Kaschmirwolle= ist das feine wollige Flaumenhaar der Ziegen von

Kashmera oder Kaschmir, welche ursprünglich an der östlichen Seite des

Himalaja in einer Höhe von 4500 bis 5000 Meter leben. Sie ist von

weisser, grauer oder bräunlicher Farbe und ist, wie sie nach Europa

kommt, noch reichlich mit grobem Haar gemengt (100 Kilogr. davon geben

nach dem Sortiren und Reinigen oft nur 20 Kilogr. Flaumhaar).

b) Die =Vicognewolle= besteht in dem nur sehr wenig gekräuselten Haar

des =Vikugne= oder =Schafkameels= (_Auchenia Vicuna_), das auf den

hohen Gebirgen von Peru, Chili und Mexiko lebt. Die Vigognewolle wurde

vormals häufiger als jetzt zu sehr feinem Tuche verarbeitet. Als

Stellvertreter der ächten Vigognewolle hat man angefangen, die Haare

der Seidenhasen und Kaninchen (vermengt mit Schafwolle) zu verarbeiten.

(Das was man gegenwärtig in der Wollindustrie mit dem Namen =Vigogne=

oder =Vicogne= belegt, ist ein Gemenge von Schafwoll- mit

Baumwollgarn.)

c) Die =Alpakawolle= oder das =Pakoshaar= besteht in dem langen

flaumartigen weissen, schwarzen oder braunen Haar der Alpagua oder

Alpako (Pako), einer in Peru lebenden Ziege aus der Gattung Llama. Das

Haar ist sehr fein und hat mit der Vigognewolle grosse Aehnlichkeit,

obgleich es ihr an Feinheit nachsteht[139].

[139] Die mikroskopischen Verhältnisse dieser Haarsorten sind in

neuerer Zeit untersucht worden von =J. Wiesner=, Einleitung in

die technische Mikroskopie, Wien 1867 p. 172 u. f.

d) Das =Mohair= oder die =Kämelwolle= (Kämelhaar) ist das lange,

seidenglänzende, wenig gekräuselte Haar der =Kämel=- oder =Angoraziege=

(_Capra angorensis_), welche um Angora in Kleinasien lebt. Aus ihr wird

das =Kämelgarn= (fälschlich Kameelgarn genannt) gesponnen, das

besonders zu ungewalkten Zeugen (z. B. Kamelot oder Plüsch) verwebt

wird. Ferner dient es zu halbseidenen Stoffen als Einschlag.

[Sidenote: Chemische Zusammensetzung der Wolle.]

Die eigentliche Wollsubstanz besteht aus einem schwefelreichen

eiweissähnlichen Körper, dem =Keratin= (Hornstoff), ist aber in dem

Zustande, wie sie von dem Thiere kommt, mit Schweiss, Staub u. s. w.

verunreinigt. Unsere Kenntnisse über die Zusammensetzung der Schafwolle

sind in neuerer Zeit durch die Arbeiten von =Faist=, von =Reich= und

=Ulbricht=, =Hartmann=, =M. Märcker= und =E. Schulze= wesentlich vermehrt

worden.

=Faist= erhielt bei der Untersuchung verschiedener Sorten lufttrockener

Merinowolle folgende Resultate:

1. 2.

a. b. c. d. e. f.

Mineralbestandtheile 6,3 16,8 0,94 1,3 1,0 1,2

Schweiss und Wollfett 44,3 44,7 21,00 40,0 27,0 16,6

reines Wollhaar 38,0 28,5 72,00 56,0 64,8 77,7

Feuchtigkeit 11,4 7,0 6,06 2,7 7,2 3,5

---------------------------------------------

100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0

Procente reiner

lufttrockener Wolle 49,4 35,5 78,06 58,7 72,0 82,2

1. =Rohe Schweisswolle= (lufttrocken): a) Hohenheimer Wolle mit weniger

reichlichem, löslichem Schweisse, b) Hohenheimer Wolle mit reichlichem

klebrigem Schweisse. 2) =Wolle nach der Pelzwäsche= (lufttrocken): c) von

Hohenheim, mit reichlichem, klebrigem Schweisse, d) eben daher, mit

schwer löslichem Schweisse, e) Wolle aus Ungarn, durch Weichheit

ausgezeichnet, f) aus Württemberg, minder weich. =M. Elsner= von Gronow

bestimmte bei Gelegenheit einer (1865) veröffentlichten Untersuchung über

das Wollhaar, den Verlust der Wollen bei der Entfettung durch

Schwefelkohlenstoff. Der Verlust betrug bei

gewaschenen Merinowollen 15-70 Proc.

ungewaschenen Wollen (_laine en suint_) 50-80 "

langen Kammwollen 18 "

Der sogenannte =Wollschweiss= ist als ein Gemenge von Secretstoffen mit

von aussen und zufällig hinzugekommenen Stoffen zu betrachten. Macerirt

man die rohe Wolle einige Zeit lang in warmem Wasser, so bildet sich eine

trübe schäumende Flüssigkeit, die theils wirklich aufgelöste, theils nur

suspendirte Schweissbestandtheile enthält. Die Trockensubstanz des

wässerigen Extractes des Wollschweisses besteht nach =Märcker= und

=Schulze= (1869) aus

1. 2. 3. 4.

Organ. Substanz 58,92 61,86 59,12 60,47

Mineralstoffen 41,08 38,14 40,88 39,53

1. und 2. bezieht sich auf Wolle von Landschafen, 3. und 4. von

Rambouillet-Vollblut-Schafen. Der aufgelöste Theil enthält das Kalisalz

einer Fettsäure (_suintate de potasse_)[140] in solcher Menge, dass in

neuerer Zeit darauf eine Methode der Gewinnung von Potasche gegründet

worden ist und ausserdem Chlorkalium (die aus 100 Kilogr. roher Wolle zu

gewinnende Potasche beträgt 7-9 Kilogr. S. 143). Nach =Märcker= und

=Schulze= besteht die Wollschweissasche aus

Kaliumcarbonat 86,78

Chlorkalium 6,18

Kaliumsulfat 2,83

Kieselerde, Thonerde, Kalk,}

Magnesia, Eisenoxyd, } 4,21

Phosphorsäure etc. }

------

100,00

[140] Nach =Reich= und =Ulbricht= sind die im Wollschweisse enthaltenen

Fettsäuren ein Gemenge von Oel- und Stearinsäure, wahrscheinlich

auch von Palmitinsäure. Dazu kommt noch etwas Valeriansäure.

Nach =P. Havrez= (1870) ist es vortheilhafter, wenn man den Wollschweiss

gleichzeitig auf Kaliumcarbonat und Blutlaugensalz, als wenn man ihn nur

auf Kaliumcarbonat verarbeitet. Wo es die örtlichen Verhältnisse

gestatten, wird das Fett des Wollschweisses auf Leuchtgas (sogenanntes

Suintergas) verarbeitet.

[Sidenote: Technisch wichtige Eigenschaften der Wolle.]

Der Werth und die Anwendbarkeit der Wolle sind von einer Anzahl

Eigenschaften abhängig, von denen die wichtigsten folgende sind:

=Farbe= und =Glanz=. Die meiste Wolle ist von weisser Farbe, nur die

von den Haidschnucken und gewisser Landschafe (sowie die Alpaka und das

Mohair) sind gefärbt (schwarz, braun, grau). Der Glanz gewisser

Wollarten ist für ihre Anwendung zu gewissen Zwecken eine geschätzte

Eigenschaft, sie steht nicht im Verhältniss zur Feinheit der Wolle,

sondern vielmehr im Zusammenhange mit der =Sanftheit= (Weichheit,

Milde) der Wolle, die man daran erkennt, dass die Wolle beim Angreifen

ein Gefühl erweckt, welches jenem ähnlich ist, das man beim Angreifen

von Baumwolle oder loser Seide empfindet. Die =Kräuselung=, eine

Eigenthümlichkeit der Wolle des Höhe- und Landschafes, besteht darin,

dass das Haar in mehr oder minder kleinen Bögen wellförmig gekrümmt

ist. Eine Wolle mit vielen und schmalen Bögen wird =klein= gekräuselt

genannt; eine Wolle mit spärlichen, aber breiten Bögen heisst =grob=

gekräuselt. Ferner macht man einen Unterschied zwischen Wolle mit hohen

Bögen (=stark= gekräuselt) und solcher mit flachen Bögen (=schwach=

gekräuselt). Was die =Feinheit= der Wolle betrifft, so gilt im

Allgemeinen, dass je kleiner der Durchmesser eines Wollhaares, desto

feiner dasselbe ist. Ein geringer Durchmesser oder hohe Feinheit wird

deshalb für die wichtigste Eigenschaft einer Wolle gehalten, weil eine

Wolle, vereinigte sie auch alle anderen guten Eigenschaften in sich,

doch nur dann zur Erzeugung eines vollkommenen Fabrikates geeignet

erscheint, wenn sie mit diesen Eigenschaften auch Feinheit verbindet.

Doch existiren auch Wollen, welche bei geringem Durchmesser der Fäden

sehr straffe Substanz besitzen und für Gefühl und Fabrikation als

weniger geeignet erscheinen. Das Verhältniss der Durchmesser der

Wollfäden zur Feinheit der Wolle ist mithin nicht constant und bleibt

nur ein Beihülfskennzeichen. Ueberdies kann man weder mit dem

=Wollmesser= (Eriometer), noch mit dem Mikrometer die Feinheit des

Wollhaares ausschliessend bestimmen, sondern nur durch das Auge, das

Gefühl und die praktische Erfahrung. Die Eigenschaft der

=Gleichmässigkeit= oder =Ausgeglichenheit= besteht darin, dass das

Wollhaar seiner ganzen Länge nach einen gleichen Durchmesser hat. Die

=Geschmeidigkeit= ist ein höherer Grad von Biegsamkeit; sie besteht in

der Fähigkeit der Wollfäden, alle Richtungen leicht anzunehmen.

=Dehnbarkeit= und =Elasticität= sind gewöhnliche Begleiterinnen der

Geschmeidigkeit. Ein Wollhaar kann, nachdem man es derartig

ausgestreckt hat, dass die Biegungen nicht mehr sichtbar sind, noch

etwas ausgedehnt werden, ohne zu zerreissen. Die Elasticität des

Wollhaares giebt sich dadurch zu erkennen, dass dasselbe, wenn es

abgerissen wird, an den getrennten Enden mehr oder minder schnell sich

zusammenzieht und kräuselt. Die =Festigkeit= ist diejenige Eigenschaft

der Wolle, in deren Folge sie bei starker Ausdehnung nicht zerreisst.

Ein einzelnes Wollhaar erfordert zum Zerreissen, je nach dem Grade der

Feinheit und Güte ein Gewicht von 2,6 bis 44,0 Grm. Unter der =Höhe=

versteht man die Länge des gekräuselten Haares in seiner natürlichen

Lage, unter der =Länge= das Maass des Haares, wenn es so weit

ausgedehnt wird, dass die Kräuselung mit dem Auge nicht mehr

wahrgenommen werden kann. Die Länge ist bei der Auswahl der Wolle sehr

zu berücksichtigen und bildet einen Hauptgrund zu der Unterscheidung

zwischen Streichwolle und Kammwolle. Erstere, die =Streichwolle=

(Kratzwolle), umfasst alle jene Wollen, die zu =tuchartig gewalkten

Zeugen= Anwendung finden. Als Streichwolle dienen alle stark

gekräuselten Wollen, deren Haar im ausgestreckten Zustande weniger als

15 Centimeter misst. Die =Kammwolle= (lange Wolle) ist das Material zu

=glatten Wollzeugen=. Grundeigenschaften der Kammwolle sind eine nicht

zu geringe Länge (mindestens 9-12 Centimeter), eine vorzügliche

Festigkeit und eine nicht oder nur wenig gekräuselte Gestalt des

Haares.

[Sidenote: Die Umgestaltung der Wolle zu Waare.]

Ehe die Wolle dem Handel überliefert werden kann, muss sie der Producent

erst in eine Waare verwandeln. Dies geschieht durch die =Wäsche=, durch

die =Schur= oder durch das =Sortiren=.

I. Die =Wäsche=. In Deutschland geht das Waschen der Wolle auf dem

Körper der Schafe, ehe sie geschoren werden, vor sich. Zum Unterschiede

von der später zu beschreibenden Fabrikwäsche, nennt man diese erste

Wäsche =Rücken=- oder =Pelzwäsche=. Der Zweck derselben ist, die Wolle

von allen Unreinigkeiten und von einem Theil des Fettes zu befreien.

Dieser Zweck muss aber erreicht werden, ohne dass dabei die Wolle

Schaden leidet oder zu sehr entfettet wird. Durch die Pelzwäsche mit

kaltem Wasser verliert die Wolle 20-70 Proc. an Gewicht.

II. Die =Schur=. Nachdem die Schafe völlig trocken sind, werden sie

=geschoren=, wobei mit einer eigenthümlichen Schere (=Schafschere=) die

Wolle glatt an der Haut abgeschnitten wird. Die Gesammtheit der auf dem

Körper eines Schafes befindlichen Wolle wird =Vliess= genannt. In der

Regel findet die Schafschur nur ein Mal im Jahre und zwar zu Pfingsten

statt (=einschürige Wolle=), bei langwolligen Schafen ist dagegen

zweimaliges Scheren gebräuchlich (=zweischürige Wolle=), nämlich Ende

September (Sommerwolle) und Ende März (Winterwolle). Die Wolle von noch

einjährigen Schafen, die =Lammwolle=, ist durch Feinheit und

seidenartige Beschaffenheit ausgezeichnet. Ausser der gewöhnlichen

Schurwolle kommt auch Wolle aus den Gerbereien als =Gerber=- oder

=Raufwolle= in den Handel, die in der Regel kürzer ist als die

gewöhnliche Wolle. Die von kranken oder gefallenen Thieren herrührende

Wolle, die sogenannte =Sterblingswolle=, hat wenig Festigkeit und

Elasticität und ist daher von sehr untergeordnetem =Werthe=.

III. Das =Sortiren der Wolle=. Schon die verschiedenen Körpertheile des

Schafes geben Wollarten von verschiedener Güte; zu den _edlen Theilen_,

welche die vorzüglichste Wolle liefern, gehören die beiden

Schulterblätter, die Seiten und Weichen (die Wolle von den Rippen und

der Flanke), die Seitenfläche der Hinterschenkel (Hose oder Keule), zu

den _unedlen Theilen_ rechnet man den Nacken, den Widerrist (die

vorspringende Stelle zwischen Nacken und Hals), das Kreuz und den

Rücken; noch geringer ist die Wolle von der Kehle, der Brust und den

Füssen, vom Bauche und von der Stirne, die geringste ist die vom

Wolfsbiss, d. h. vom hinteren Theile der Hinterschenkel. Die

Abtheilungen der einzelnen Vliesstheile nach ihrer Uebereinstimmung in

allen Eigenschaften und nach den Abstufungen in denselben heissen

=Sorten=. Ehemals machte man nur vier solcher Sorten: Prima, Secunda,

Tertia und Quarta; bei den Fortschritten in der Produktion edler Wolle

fand man es aber für nothwendig, aus dem durch noch höhere

Vollkommenheit sich auszeichnenden Theile der Vliesse besondere Sorten

zu bilden, welche man Super-Elekta und Elekta nannte. Andererseits

wurden auch für die gröberen Wollen noch zwei niedrigere Sorten, Quinta

und Sexta angenommen. Die Grundlage der Sorten bildet nun zwar

grösstentheils der Feinheitsgrad, aber stets unter der Voraussetzung,

dass derselbe mit gewissen anderen Eigenschaften, wie Länge u. dergl.

verbunden sei. Die Wolle, so wie sie im Handel vorkommt, enthält stets

grössere Mengen von hygroskopischem Wasser, dessen Quantum blos nach

der äusseren Beschaffenheit der Wolle nicht abgeschätzt werden kann.

Der gewöhnliche Wassergehalt der käuflichen Wolle ist im Durchschnitt

14-16 Proc. Selbst in trockner Luft längere Zeit aufbewahrte Wolle

enthält immer noch (je nach dem Grade ihrer Reinheit) 7-10 Proc.

Wasser.

[Sidenote: Spinnerei der Streichwolle.]

Die =Verarbeitung der Wolle= durch Spinnen zu =Garn= (Streichgarn oder

Kammgarn) und durch Verweben des Garnes zu =Tuchen= oder =Zeug= begründet

=zwei= Industriezweige, die durch Auswahl und Behandlung der sortirten

Wolle wesentlich von einander verschieden sind, nämlich: 1) die

=Verarbeitung der Streichwolle= oder die =Fabrikation= gewalkter oder

rauher, überhaupt =tuchartiger Wollstoffe=, wozu man die Wolle durch

=Kratzen= oder =Streichen= vorbereitet; 2) die =Verarbeitung der

Kammwolle= oder die =Fabrikation glatter Wollstoffe=, wozu die Wolle

durch =Kämmen= vorbereitet wird. Die =Streichwollverarbeitung= tritt in

der vollendeten Entwickelung in der Fabrikation des Tuches auf, die

=Kammwollverarbeitung= in der des Thibets, welcher überhaupt als

Repräsentant eines nicht gewalkten, glatten Wollstoffes zu betrachten

ist. Zunächst haben wir es hier nur mit der Verarbeitung der Streichwolle

zu =Streichgarn= zu thun, wobei folgende =acht= Operationen zu

unterscheiden sind:

1) =Die Wäsche der Wolle= oder die =Fabrikwäsche=. Die sortirte Wolle,

so wie sie im Handel vorkommt, enthält immer noch eine gute Portion

Schweiss, wovon sie vollständig befreit werden muss. Sie wird daher zum

=zweiten Male= gewaschen, um sie zu =entschweissen= oder =entfetten=,

was des Ziel der Fabrikwäsche ist. Das Entfetten kann nur mit Hülfe

alkalischer Flüssigkeiten geschehen, die aber so schwach alkalisch sein

müssen, dass die Wollfaser selbst dadurch nicht angegriffen wird. Die

alkalischen Flüssigkeiten sind Gemenge von Flusswasser und gefaultem

Menschenharne, oder auch eine Lösung von weisser Seife in Flusswasser,

oder endlich eine schwache Sodalösung. Die entschweisste Wolle wird

unverzüglich mit reichlichem reinem Wasser gespült oder gewaschen, bis

das Waschwasser klar von der Wolle abläuft. Nach dem Waschen muss die

Wolle ausgewunden und dann an einem schattigen Orte getrocknet werden,

weil sie an der Sonne leicht gelb wird. 100 Th. käufliche Wolle, welche

schon vor der Schur mit Wasser gewaschen worden ist, verlieren durch

die Fabrikwäsche 17-40 Th., und hinterlassen demnach 60-83 Th. reine

trockne Wolle.

2) =Das Färben der Wolle=. Die gewaschene und entfettete Wolle wird in

gewissen Fällen, wenn sogenannte =wollfarbige Tuche= erzeugt werden

sollen, vor dem Verspinnen gefärbt, und alsdann ist das Färben

diejenige Operation, die unmittelbar auf das Waschen der Wolle folgt.

Das Färben in der Wolle eignet sich nur für sehr haltbare Farben, weil

andere Farben durch die Walke, wobei Seife und gefaulter Harn zur

Anwendung kommen, zerstört werden würden. Durch das Färben der Wolle

entsteht eine Gewichtszunahme, die manchmal weniger als 1 Proc., öfters

dagegen bis zu 12 Proc. beträgt.

3) =Das Wolfen=. Die gewaschene Wolle verlangt als erste Stufe der nun

eintretenden Bearbeitung eine Auflockerung, wodurch man beabsichtigt,

die dichteren Flocken in gewissem Grade zu zertheilen, und zugleich die

noch vorhandenen mechanisch anhängenden Unreinigkeiten zu beseitigen.

Diese Auflockerung wird mit Hülfe des =Wolfes= bewerkstelligt, der mit

dem gleichnamigen, für die Auflockerung der Baumwolle angewendeten

grosse Aehnlichkeit hat.

4) =Das Einfetten=. Bei der grossen Neigung der Wolle, sich zu filzen,

würden die Wollfasern in der zum weiteren Entwirren bestimmten

Maschine, der Krempel, leicht reissen, wenn man den Fasern nicht durch

gewisse Zusätze Geschmeidigkeit und Schlüpfrigkeit ertheilte. In der

Regel ist das hierzu angewendete Mittel Oel und zwar für feine Wolle

Baumöl und Arachisöl, für rohe und grobe Wolle Rüböl und Thran. Die bei

der Fabrikation von Stearinkerzen als Nebenprodukt abfallende Oelsäure

ist zum Einfetten sehr gut statt des Baumöles anzuwenden, wenn sie frei

ist von Schwefelsäure (welche Kratzenbeschläge angreifen würde) und

Stearinsäure (die durch ihre dickliche Beschaffenheit die Vertheilung

der Oelsäure auf der Wolle erschwert). Für 100 Kilogr. Wolle zu

Kettgarn werden 10-12 Kilogr. Oel, für 100 Kilogr. Einschussgarn 12-15

Kilogr. Oel gerechnet.

5) =Das Streichen= (Krempeln oder Kratzen) hat denselben Zweck wie das

Krempeln der Baumwolle. Auch sind die Wollkratzmaschinen den

Baumwollkrempeln sehr ähnlich. Das Kratzen der Wolle geschieht stets

wenigstens zwei Mal nach einander, auf etwas von einander abweichenden

Maschinen ausgeführt. Das erste Kratzen wird =Schruppeln= oder =Pelzen=

genannt und auf der =Pelzkarde= (Schruppelmaschine) ausgeführt. Hier

wird durch die Zusammenwirkung der mit Kratzleder begleiteten Walzen

die Wolle noch weiter aufgelockert und als ein lose zusammenhängendes

Vliess wieder abgenommen, welches sich dann in mehreren übereinander

liegenden Schichten auf einer grossen Trommel zu einem sogenannten

=Pelze= aufwindet. Das zweite Kratzen geschieht auf der sogenannten

=Lockenmaschine=, die sich von der Pelzkarde dadurch unterscheidet,

dass sie die bearbeitete Wolle nicht in Gestalt eines Vliesses

abliefert, sondern dieselbe mit Hülfe eines besonderen Apparates, der

=Lockenwalze= nebst Zubehör, in runde fingerdicke Locken verwandelt,

deren Länge etwa 1 Meter beträgt. Diese Locken werden dann auf der

Vorspinnmaschine aneinander gestückelt und zu Vorgespinnst weiter

verarbeitet. In neuerer Zeit ist ein verbesserter Apparat allgemein

eingeführt worden, der die Lockenmaschine entbehrlich macht. Es ist

nämlich an der letzten Kratzmaschine eine Vorrichtung angebracht,

welche anstatt der Locken sogleich Vorgespinnst liefert, wodurch mithin

das Vorspinnen als besondere Operation wegfällt. Maschinen dieser Art

heissen =Vorspinnkarden=.

6) =Das Vorspinnen.= Dort, wo die Vorspinnkarden noch nicht eingeführt

sind und man noch nach älterem Verfahren die Wolle auf der oben

erwähnten Lockenmaschine in =Locken= verwandeln lässt, müssen diese

Locken in einer selbständigen Operation auf der =Vorspinnmaschine=,

jedenfalls mit grösserem Aufwande von Zeit und Arbeitskraft in

=Vorgespinnst= (Vorgarn) übergeführt werden. Die bei der

Streichwollverarbeitung gebräuchlichen Vorspinnmaschinen kommen in

zweierlei Art vor. Beide haben Aehnlichkeit mit der Mulemaschine,

insofern die Spindeln sich auf einem Wagen befinden, welcher von dem

feststehenden Theile der Maschine weggeführt, darauf wieder eingefahren

wird und so fort. Allein das die Ausziehung der Fäden vollführende

Streckwerk fehlt, das durch einen sehr einfachen Mechanismus ersetzt

ist, indessen zur Herstellung des groben Vorgespinnstes vollständig

hinreicht. Entweder lässt man nun alle Bewegungen der Maschine durch

die Hand des Vorspinners hervorbringen, oder man construirt die

Maschine so, dass, wie bei dem Halbselfactor das Ausfahren des Wagens

mit dem Ausziehen und Drehen der Fäden durch Dampf- oder Wasserkraft,

und nur das Einfahren, wobei das Aufwickeln des Gespinnstes auf die

Spindeln stattfindet, durch die Hand besorgt wird.

7) =Das Feinspinnen.= Die Ueberführung des Vorgespinnstes, möge

dasselbe von der Vorspinnkarde oder von der Vorspinnmaschine geliefert

worden sein, in Garn geschieht durch die Operation des =Feinspinnens=

auf der =Feinspinnmaschine=; sie ist nach der Art der Mulemaschine

gebaut, nur fällt das mehrcylindrige Streckwerk weg, das durch ein

einziges Cylinderpaar, die =Lieferungscylinder=, ersetzt ist. In Folge

dieser Veränderung wird auch die Arbeitsweise der Spinnmaschine eine

andere als bei der Baumwolle, indem die Verfeinerung des Vorgespinnstes

nicht mehr durch Cylinderverzug, sondern hauptsächlich durch =Nachzug=,

zum kleineren Theile auch durch =Wagenzug= bewirkt werden muss. Die

Feinspinnmaschine unterscheidet sich nur in wenigen Punkten von der

Vorspinnmaschine. Die Drehung der Spindeln beim Feinspinnen ist jener

beim Vorspinnen entgegengesetzt, das Vorgarn dreht daher zuerst sich

auf und nimmt dann die verkehrte neue Drehung an. Dadurch wird die

Streckung des Fadens beim Feinspinnen wesentlich befördert. Spinnt man

=Schussgarn=, so hört mit eintretendem Stillstande des Wagens am Ende

des Auszuges die Umdrehung der Spindeln sofort auf und es wird

eingefahren. Wird dagegen das drallere =Kettengarn= gesponnen, so

drehen sich die Spindeln noch einige Sekunden um, wenn auch der Wagen

bereits stillsteht; dadurch erhält der Faden einen Zusatz von Drehung.

8) =Das Haspeln des Wollgarnes= geschieht in ähnlicher Weise wie das

des Baumwollgarnes. Die Länge und Eintheilung der Strähne oder Stücke

ist in den verschiedenen Ländern, ja oft in verschiedenen Spinnereien

der nämlichen Gegend nicht gleich, indem nicht nur die Länge des

einzelnen Haspelfadens (der Weifenumfang), sondern auch die Zahl der

Fäden in einem Gebinde (Litze, Klapp) und der Gebinde im Strähn (Stück,

Strang) abweicht. Die Feinheit des Wollgarnes bestimmt man durch Angabe

der Anzahl Strähne, welche auf ein bestimmtes Gewicht (Zollpfund à 500

Grm. oder Kilogr.) gehen. Am zweckmässigsten und verständlichsten

drückt man die Feinheit (wie in Belgien und zuweilen auch in

Frankreich) durch die Anzahl Meter der Fadenlänge aus, welche 1 Kilogr.

wiegt.

[Sidenote: Kunstwolle.]

Die =Kunstwolle= oder =Lumpenwolle= ist derjenige Wollspinnstoff, der

durch Zerreissen und Zerkratzen von Wolllumpen gewonnen und in sehr

bedeutender Quantität statt und neben neuer Schafwolle zu Garn und

Geweben verarbeitet wird. Man unterscheidet zwei Arten von Kunstwolle,

nämlich die sogenannte =Mungo=, eine kurzhaarige Sorte, die aus den

Lumpen von gewalkten Wollstoffen gewonnen wird, und die =Shoddy= von

längerem Stapel und von gestrickten Lumpen (Strumpfzeugen) herrührend.

Ein wesentlicher Umstand bei der Fabrikation der Kunstwolle ist ein

sorgfältiges Sortiren, welches in das Vorlesen, das Schneiden und das

Sortiren im engeren Sinne zerfällt. Beim Vorlesen werden die

nichtwollenen Bestandtheile ausgeschieden und die zurückbleibenden

Wolllumpen durch eine Putzmaschine von Staub und anderen Unreinigkeiten

befreit. Die gereinigten Lumpen werden nach den Hauptfarben

zusammengeworfen und in kleine Stücke zerschnitten. Bei diesem

Zerschneiden werden die Nähte sorgfältig herausgetrennt und zugleich

alle baumwollenen, leinenen und seidenen Stoffe (vom Unterfutter,

Taschen u. dergl. herrührend) beseitigt. Nächstdem werden die Lumpen

nochmals in die Putztrommel gebracht und darauf nochmals sortirt. Das

Ergebniss beim Sortiren ist ausserordentlich verschieden, je nach der

Gegend und der Tracht des Landes, wo die Lumpen gesammelt wurden.

Erfahrungsgemäss geben 100 Kilogr. Tuchlumpen, etwa 30 Kilogr. an

Leder, Knochen u. s. w. Die übrig bleibenden 70 Kilogr. roher

Tuchlumpen liefern schliesslich 50 Proc. fertiger Mungo, nachdem sie

4-10 Proc. Baumöl vor ihrer Zerfaserung auf den Maschinen erhalten

haben. 100 Kilogr. roher Strumpflumpen ergeben dagegen im Durchschnitt

40-50 Kilogr. fertig sortirte, maschinenfertige Lumpen. Die Herstellung

der Kunstwolle aus den maschinenfertigen Lumpen geschieht mit Hülfe

eines Wolfes (=Lumpenwolf=), einer mittelst spitziger Stahlzähne und

sehr schneller Bewegung wirkenden Maschine, in welcher die Lumpen

zerrissen und in eine Menge loser Wollfasern verwandelt werden. Die

Mungowolle wird von dem Lumpenwolf weg in Ballen gepackt und versendet,

wogegen die Shoddywolle noch einer weiteren Behandlung auf einer

gewöhnlichen Vorkratze oder Reisskrempel unterliegt, wobei sie 4-10

Proc. Baumöl erhält.

[Sidenote: Tuchweberei.]

Das =Tuch= gehört zu den glatten Geweben, bei welchen die Einschlagfäden

alternirend über und unter jedem folgenden Kettenfaden durchzogen werden.

Die charakteristische filzartige Decke, welche die Einschlag- und

Kettenfäden verdeckt, erhält das Tuch erst durch die spätere Operation

des Walkens. Was das Weben selbst anlangt, so stimmt die Tuchweberei

gänzlich mit der Verfertigung der glatten leinwandähnlichen Stoffe

überein. Gewöhnlich sind Kette und Schuss in einem Stücke Tuch von

gleicher Feinheit; wenn dies nicht der Fall ist, so ist in der Regel

seltener der Schuss als die Kette etwas feiner. Zu den Salleisten

verwendet man stets gröbere Kettenfäden und von ordinärer Wolle.

[Sidenote: Waschen und Walken des Lodens.]

In dem Zustande, in welchem das Streichwollgewebe vom Tuchmacherstuhle

kommt, gleicht es nicht im Entferntesten demjenigen Fabrikate, das

unter der Benennung Tuch im Handel sich findet. Das Gewebe, so wie es

der Tuchmacher abliefert, ähnelt nämlich eher einem groben

Leinengewebe, da Ketten- und Eintragfäden überall bloss und sichtbar

liegen und die dem fertigen Tuche eigenthümliche Filzdecke, welche den

Faden verdeckt, noch nicht vorhanden ist. Letztere Decke wird erst

durch das Walken erzeugt. In Folge der grossen Verschiedenheit beider

Zustände sind auch verschiedene Namen dafür üblich; das Tuchgewebe

=vor= dem Walken heisst =Loden=, während =nach= dem Walken der Loden

erst die Benennung =Tuch= erhält. Dem Walken geht voraus das =Noppen=

und das =Waschen= des Lodens. Ersteres hat den Zweck, aus dem Loden

Knoten, Enden, fremde Körper wie Holz und Strohtheilchen, mit Hülfe

einer kleinen Stahlzange zu entfernen. Durch das =Waschen= sollen Oel

(von dem Einfetten), Leim (von der Schlichte) und Unreinigkeiten aus

dem Loden entfernt werden. Als Reinigungsmittel wendet man an

Schmierseife, Soda- und Potaschelösung, die man mit Wasser in einen

Trog bringt, in welchem der Loden warm und zwar in der Regel mit einer

Waschmaschine behandelt wird. Der Zweck des =Walkens= ist neben der

eigentlichen Reinigung (wenn kein Auswaschen des Lodens vorher

stattgefunden hat) oder auch des nur fortgesetzten Reinigens,

wesentlich die Hervorbringung einer Verfilzung, durch welche die Fäden

der Kette und des Einschlages verdeckt werden und das Gewebe die

Beschaffenheit eines gleichförmigen, kurzhaarigen Pelzes annimmt. Die

Verfilzung erstreckt sich keineswegs nur auf die Wollhärchen auf beiden

Oberflächen des Tuches, sondern sie geht auch in das Innere dergestalt,

dass die Ketten- und Einschussfäden kaum noch von einander getrennt

werden können, ohne zu zerreissen. Die Bedingungen, unter denen das

Walken stattfinden kann, sind Feuchtigkeit, erhöhte Temperatur und eine

mechanische Behandlung, die knetend wirkt, so dass die einzelnen

Garnfäden und Wollfasern, aus denen die Garnfäden gebildet sind, gegen

einander gedrückt und geschoben werden. Da während des Walkens das

Gewebe zugleich entfettet werden soll, so muss das Wasser, das zum

Walken dient, alkalisch gemacht werden. Diess geschieht fast allgemein

durch gefaulten Harn, dessen Wirkung man entweder durch Seife (häufig

Schmierseife) oder durch =Walkerde= (vergl. Seite 342) unterstützt. Die

Walkerde wird mit Harn angerührt, die Seife wird darin aufgelöst. Für

ordinäre Tuche nimmt man Schmierseife, für feinere Palmöl-, ja selbst

Olivenseife. Das Walken geschieht mittelst der =Walkmühlen=. Bis auf

die neuere Zeit behielt man das Princip bei, die Walkmühle durch den

von schweren hölzernen Hämmern (daher der Name =Hammerwalke=) auf das

in einem Troge befindliche Tuch ausgeübten Schlag wirken zu lassen.

Gegenwärtig wendet man allgemein die =Walzenwalken= an, welche fast nur

durch Druck oder wenigstens nur mit sehr schwachem Stoss wirken.

[Sidenote: Rauhen und Scheren des Tuches.]

Um der durch das Walken erzeugten Filzdecke ein schöneres Ansehen zu

geben, wird das Tuch =gerauhet= und dann =geschoren=, d. h. man zieht

die Wollhärchen in reichlicher Anzahl heraus und schneidet sie dann

regelmässig zu einer dem Zweck entsprechenden Kürze ab. 1) =Das Rauhen=

bezweckt, die während des Walkens des Tuches verwirrten und verfilzten

Fasern auf der Oberfläche aufzulockern, emporzuheben, nach einer

Richtung niederzustreichen (in den Strich zu legen) und dadurch zum

Abscheren vorzubereiten. Man bedient sich hierzu der =Weberkarden=

(Weberdisteln von _Dipsacus fullonum_), die vermittelst ihrer

zurückgebogenen, in Dornen auslaufenden Kelchschuppen wirken. 2) =Das

Scheren= des Tuches, welches unmittelbar auf das Rauhen folgt und den

Zweck hat, die durch das Rauhen aus der Filzdecke hervorgezogenen

Wollhärchen, nachdem diese mit Hülfe einer =Handbürste= oder einer

=Bürstmaschine= gegen den Strich aufgebürstet sind, zu gleicher Kürze

abzuschneiden, wodurch erst das Tuch die glatte und schöne Oberfläche

erlangt, die man an ihm zu sehen gewohnt ist. Das Scheren geschieht

entweder mittelst =Hand=- oder =Maschinenarbeit=. Das =Handscheren= ist

eine langwierige, mühsame und ziemlich schwierige Arbeit. Das Tuch wird

streckenweise an den Salleisten über einen gepolsterten Tisch gespannt

und dann dieser 18-24 Centimeter breite Theil der Breite nach mehrere

Male nach einander abgeschoren. Die gegenwärtig allgemein eingeführten

Schermaschinen sind die =Cylinderschermaschinen=, bei welchen mehrere

Stahlblätter schraubenartig um einen eisernen Cylinder gewunden sind,

dem man eine ununterbrochene rotirende Bewegung und zwar ununterbrochen

in derselben Richtung giebt. Man unterscheidet =Transversal=-,

=Longitudinal=- und =Diagonalcylindermaschinen=: [Greek: a]) Bei der

=Transversalschermaschine= liegt der Cylinder nach der Länge des

Tuches, und schreitet während seiner Drehung zugleich von der einen

Kante des Stückes nach der anderen fort, wenn man nicht, was jedoch

seltener der Fall ist, vorzieht, das Tuch sich nach seiner

Breitenrichtung unter dem Cylinder fortbewegen zu lassen. [Greek: b])

Bei den =Longitudinalschermaschinen= bleibt der umlaufende Cylinder,

welcher quer über die ganze Breite des Tuches von einer Leiste bis zur

anderen sich erstreckt, stets an seinem Platze liegen und das Tuch geht

mit ziemlich grosser Geschwindigkeit unter ihm, seiner Längenrichtung

nach fort. [Greek: g]) Zwischen den beiden vorstehenden Arten der

Cylinderschermaschinen steht die =Diagonalcylindermaschine=, wobei

mehrere Schercylinder schräg (in diagonaler Richtung) über die

Tuchfläche angebracht sind, wodurch die bessere Arbeitsleistung der

Transversalmaschine mit der Schnelligkeit der Longitudinalmaschine

vereinigt werden soll. Die abgeschorene Wolle oder =Scherwolle= dient

zum Auspolstern, oder auch in Tapetenfabriken zum Veloutiren.

[Sidenote: Ausrüsten des Tuches.]

Ehe das Tuch fertige Waare ist, muss es noch durch drei Operationen,

nämlich durch das =Decatiren=, das =Bürsten= und das =Pressen=,

vollends ausgerüstet werden. 1) Das =Decatiren= wurde früher nur

angewendet, um das Tuch, welches in den Fabriken durch warmes Pressen

mit schönem, aber nicht dauerhaftem Glanze versehen worden war, bevor

es von dem Schneider verarbeitet wurde, von diesem künstlichen Glanze

zu befreien und ihm einen dauerhafteren, wenngleich minder in die Augen

springenden zu ertheilen. Gegenwärtig wird das Decatiren meist in den

Fabriken selbst vorgenommen. Zu diesem Zwecke wickelt man das Tuch,

möglichst straff ausgespannt, auf eine hohle, an den Enden offene, im

Mantel mit vielen feinen Löchern versehene, kupferne Walze, und

unterwirft es so in einem dicht verschlossenen Kasten der Einwirkung

von heissen Wasserdämpfen. Hierdurch erhält das Tuch einen dauerhaften

Glanz und die Eigenschaft, sich nicht mehr rauh zu tragen. 2) Das

=Bürsten=, früher nur angewandt, um das Haar nach dem Scheren wieder im

Striche niederzulegen, findet jetzt weit ausgedehntere Anwendung.

Gegenwärtig wird das Tuch nicht nur nach vollendetem Scheren gebürstet,

sondern auch schon früher zwischen dem Scheren und sogar von Anfang

desselben unmittelbar nach dem Rauhen. Die =Bürstmaschinen=, auf

welchen das Tuch anhaltend gebürstet wird, enthalten durchgängig als

Hauptbestandtheil einen ringsum mit steifen Bürsten von Schweinsborsten

besetzten, in schnelle Umdrehung versetzten Cylinder, zuweilen auch

zwei dergleichen, über welche das Tuch langsam hingeführt wird. Das

Tuch ist hierbei entweder trocken oder nass, sei es durch vorläufiges

Einweichen in Wasser oder durch Daraufleiten eines Wasserstrahles in

der Bürstmaschine selbst, oder mit Wasserdampf imprägnirt, mithin

zugleich feucht und erwärmt. 3) Das =Pressen= ist die letzte Zurichtung

des Tuches, nach welcher dasselbe als fertige Waare in den Handel

gebracht wird. Es soll dem Tuche Glanz und Schönheit ertheilen. Beim

Pressen faltet man das Tuch in der Art zusammen, wie man es in den

Handel bringt, und legt zwischen die einzelnen Lagen desselben Bogen

von =Glanzpappe= (Pressspäne); feinere rechts, gröbere auf der linken

Seite des Tuches. Man bringt 6-12 Stücke Tuch zugleich in die Presse.

Zwischen jedes Stück kommt ein gewöhnlicher Pappbogen, sodann ein

Brett, und zwischen je zwei Bretter eine erhitzte eiserne Platte.

[Sidenote: Arten der tuchartigen Wollzeuge.]

Ausser den eigentlichen gewalkten und geschorenen Tuchen fabricirt man

noch eine grosse Anzahl =tuchartiger Wollzeuge=, von denen als die

hauptsächlichsten die folgenden zu nennen sind: =Flanell= ist glatt

oder geköpert, nur wenig gewalkt, auf der rechten Seite ein Mal gerauht

und entweder nicht oder nur ein Mal geschoren. Die Kette besteht oft

aus Kammgarn, mitunter auch aus Baumwollgarn oder Florettseide, der

Einschuss aber stets aus Streichwollgarn. Der =Swanskin= (Schwanenhaut)

ist ein feiner und geköperter Flanell. Letzterem sehr ähnlich ist der

=Boi= oder =Boy=. =Kasimir= ist ein feines und geköpertes Tuch, das nur

ein Mal gerauhet, aber eben so oft geschoren ist als feines Tuch; das

Haar ist kurz, deckt die Gewebfäden wenig und lässt den Köper

durchblicken. Man fabricirt auch Kasimir mit Kette aus Kamm- oder auch

Baumwollgarn. =Fries=, =Flaus=, =Coating= ist gröber, dicker und

langhaariger als Tuch, stark gewalkt und wenig gerauhet und noch

weniger geschoren. Die Ausrüstung nach dem Scheren besteht in Bürsten

oder heissem Pressen. Zuletzt wird der Stoff mit Tragantwasser

überstrichen, geplättet, mit Baumöl befeuchtet und endlich wieder

geplättet. Eine feinere und nicht geköperte Art Fries heisst

=Damenfries= oder =Lady-Coating=, schwerere und kurzgeschorene Sorten

werden =Castories= genannt. Die durch dickeres Gespinnst, festere Walke

und ein wenig kürzer geschorenes Haar ausgezeichneten Friessorten

werden als =Sibirienne=, =Kalmouck= (auch =Biber=) und =Düffel=

unterschieden. Der =Buckskin= ist geköperter, ungerauheter, aber auf

der rechten Seite glatt geschorener Beinkleiderstoff. Leichtere Sorten

davon werden =Doeskin= genannt. =Kirsei= ist ein grobes, nicht

appretirtes (mithin weder gerauhetes noch geschorenes) Zeug zu Mänteln

für Militär, die Marine, Eisenbahnbedienstete und dergl. Hierher

gehören auch die =Kotzen= zu Fussdecken, Pferdedecken und dergl., der

=Papiermacherfilz=, ein grober, geköperter, locker gewebter, wenig

gewalkter, nicht gerauheter und nicht geschorener Stoff, welcher in der

Papierfabrikation als Zwischenlage der geschöpften Papierbogen dient

und da er die Feuchtigkeit absorbiren soll, eine schwammige

Beschaffenheit zeigt. Das =Filztuch=, ein Tuch durch blosse Filzung von

Wolle, ohne alles Spinnen und Weben verfertigt, das vor etwa 20 Jahren

grosses Aufsehen machte, ist jetzt bereits so gut wie verschwunden. Die

zum Verfilzen bestimmte Schafwolle wird, wie bei der Verfertigung

gewebten Tuches, zuerst entfettet, gereinigt und gewolft, sodann auf

die Pelzkarde in eine regelmässige, dicke, wattenähnliche Schicht

verwandelt und dann gefilzt.

[Sidenote: Kammwolle.]

Die =Verarbeitung der Kammwolle=. Wie Seite 581 erörtert wurde, ist die

=Kammwolle= oder =lange Wolle= das Material zur Herstellung des

=Kammgarn=; letzteres zeigt einen schlichten glatten Faden, dessen lange

Fasern möglichst parallel neben einander liegen und dient zur Fabrikation

der =glatten Wollstoffe=, wie Thibet, Merino, Lasting, Orleans. Man

unterscheidet =eigentliches Kammgarn= und =Halbkammgarn= (Sayettengarn),

welches letztere den Uebergang von Kammgarn zum Streichgarn ausmacht und

durch diejenigen Garne gebildet wird, die zum Sticken, Stricken, in der

Strumpfwirkerei, zur Teppichfabrikation, zu Posamentirarbeiten u. s. w.

Anwendung finden. Obgleich das Halbkammgarn immer aus langer Wolle

gesponnen wird, so wird doch diese Wolle nicht gekämmt, sondern

gekrempelt, das von der Karde abgezogene Band wird dann wie ein gekämmter

Zug auf den Kammgarnmaschinen zu Garn verarbeitet. Das Kammgarn besteht

entweder nur aus Schafwolle oder aus Mohair und Alpaka oder aus Gemischen

von Wolle und Baumwolle, Wolle und Seide. Letztere Garne führen den Namen

=Phantasiegarne=.

Die Fabrikation der =glatten Wollzeuge= (Kammwollzeuge) fällt so

ziemlich mit der Fabrikation der Leinwand zusammen, was das Spulen und

Schweifen, Aufbäumen und den Webstuhl anlangt. Einige Kammwollzeuge

sind fertig, so wie sie vom Webstuhl kommen, andere bedürfen einer

Appretur, die sich jedoch ganz nach der Art des Zeuges, dem Geschmack

der Consumenten u. s. w. richtet. Von der überaus grossen Anzahl

glatter Wollzeuge sind als die hauptsächlichsten die folgenden zu

nennen.

A. _Glatte Stoffe._ Der =Perkan= wurde vormals nur aus Kamelhaaren

gefertigt, jetzt stellt man ihn aus Kammgarn dar, wenn er durch Mangen

gewässert worden ist, heisst er =Moor=. Der =Orleans= besteht aus

gezwirnter Baumwollgarnkette und einfachem Kammgarneintrag. Der vom

Webstuhl kommende Stoff wird gesengt, gewaschen, gefärbt, geschoren und

zuletzt warm gepresst. Der =Bombasin= mit Kette und Schuss aus

Kammgarn, wird behufs des Ausrüstens geschoren, gesengt und gepresst.

Der =Kamlot=, früher aus Kamelgarn gefertigt, besteht aus

Kammgarnschuss und Kette. Der =Kripon= ist aus stark gedrehtem

Kammgarne zur Kette und loserem zum Einschuss gewebt. So wie er vom

Webstuhl kommt, wird er schwarz oder grau gefärbt, dann auf eine Walze

geschlagen und in Wasser gekocht, um ihn kraus zu machen. Das

=Mühlbeuteltuch= aus stark gedrehtem Kammgarne gewebt, wird zu

Mehlbeuteln und Beutelmaschinen angewendet. Zu den glatten

Kammwollzeugen gehören ferner der =Wollstramin=, der =Wollmusselin= und

der =Chaly= (Wollmusselin, jedoch mit seidener Kette). Hierher gehören

auch die sogenannten =Bradforder Artikel= (gemischte Stoffe aus Alpaka,

Mohair, Baumwolle, Seide, so z. B. ein Alpakagewebe mit Seidenkette

unter dem Namen =Lavella=).

B. _Geköperte Stoffe._ Der =Merinos= mit drei- oder vierfädigem Köper,

ist beidrecht, wird gesengt und geschoren und durch Mangen oder heisses

Pressen mit Glanz appretirt. Nicht glänzend appretirter und weicherer

Merino heisst =Thibet=. Andere Köpersorten mit 3, 4 oder 5 Schäften

bilden die =Sergen=. Atlasähnliche Gewebe sind der =Kalmang= (Kalomang

oder Kalmink) und der =Lasting= (zu Cravatten, Damenschuhen,

Möbelüberzügen). Das =Oelpresstuch= für die Presssäcke der Oelmühlen

ist ebenfalls ein geköperter Stoff von Kammgarn aus besonders starker

und zäher Wolle.

C. _Gemusterte oder façonnirte Stoffe_ treten hauptsächlich als

=Westen=- und =Hosenstoffe=, ferner als =Schuhstramin= (Schukord), als

=Woll=- oder =Möbeldamast= auf. Auch die =Shawls= und =Umschlagetücher=

sind hierher zu rechnen, deren Grundgewebe entweder gänzlich aus

Kammgarn (bei den =Kaschmir-Ternauxshawls= aus Kaschmirwolle) oder aus

florettseidener, in geringeren Quantitäten Baumwollkette und

Kammgarnschuss besteht. Die wollenen Shawls, sogenannte =Plaids=,

=Tartans=, =Kabyles=, liefern besonders England und der Zollverein.

D. _Sammetartige Stoffe._ Der =Wollsammet=, der =Wollplüsch=, der

=Velpel=. Von dem Sammet unterscheidet sich der Plüsch und der Velpel

nur durch die Länge der Haare, welche beim Plüsch grösser als beim

Sammet und beim Velpel am grössten ist. Die sammetartigen Wollstoffe

werden als Möbel-, Futter-, Vorhang-, Kragen-, Mützenstoffe u. s. w.

angewandt. Sie werden mehr oder minder dicht gewebt, mit längerem oder

kürzerem Flor versehen, kommen geschnitten und ungeschnitten vor und

erhalten die Specialbenennungen: =Astrakan=, =Krimmer=, =Biber=,

=Castorin=, =Utrechter Sammet= u. s. w.

Die Seide und ihre Verarbeitung.

[Sidenote: Allgemeines.]

Die =Seide= unterscheidet sich dadurch wesentlich von der Baumwolle, dem

Flachse und Hanfe und der Wolle, dass die Natur sie bereits in Form eines

langen und feinen Fadens liefert, sodass bei ihrer Verarbeitung die

Arbeit des Spinnens, die aus den übrigen kurzhaarigen Webmaterialien erst

den Faden bereitet, überflüssig wird. An die Stelle des Spinnprocesses

tritt das Filiren oder Mouliniren der Seide, wobei mehrere natürliche

Fäden neben einander gelegt und vereinigt werden, um einen dichteren und

stärkeren Faden zu erhalten.

Die Seide stammt von dem =Seidenspinner= oder =Maulbeerspinner=

(_Bombyx mori_) her, welcher gleich den verwandten Arten einer

vierfachen Verwandlung unterworfen ist. Aus dem durch die

Frühjahrswärme gereiften =Ei= (Samen, Grains) bildet sich eine Raupe,

die =Seidenraupe= (Seidenwurm), die je nach der Art des Seidenspinners

bei fortschreitendem Wachsen drei- bis viermal sich häutet und sich

dann zur Verpuppung einspinnt. Zu dem Ende giebt die Raupe durch zwei

schlauchförmige Drüsen (Spinndrüsen) ihres Kopfes eine zähe klebrige

Flüssigkeit als zwei besondere Fäden von sich, welche im Augenblicke

des Hervortretens zu einem flachen Doppelfaden sich vereinigen, der im

ununterbrochenen Zusammenhange fortlaufend den =Cocon= bildet, welcher

der darin verborgenen =Puppe= zum Schutze gegen Temperatureinflüsse und

Nachstellungen dient. Die beiden den Cocon bildenden Fäden sind zu

einem Doppelfaden durch eine Art glänzenden Kittes, Seifenleim oder

Sericin genannt, verbunden, der zu gleicher Zeit ihre ganze Oberfläche

einhüllt und gegen 35 Proc. vom Gewicht des Ganzen ausmacht. Nach 15-21

Tagen ist aus der im Cocon befindlichen Puppe ein Schmetterling

geworden, der, um sich einen Ausweg aus dem Cocon zu verschaffen, aus

seinem Munde einen eigenthümlichen Saft absondert und dadurch eine

Stelle des Cocons erweicht und diese durchbricht. Behufs der

Seidengewinnung wird jedoch dieser Zeitpunkt nicht abgewartet, sondern

der Schmetterling oder vielmehr die Puppe noch in dem Cocon getödtet,

mit alleiniger Ausnahme der zur Fortzucht bestimmten Cocons. Der Cocon

ist das Material der Seidengewinnung, indem der =auf=gewickelte Faden

sorgfältigst wieder abgewickelt wird.

[Sidenote: Der Seidenbau.]

=Arten des Seidenspinners.= Die Hauptvarietät desjenigen Schmetterlinges,

der die Seide producirt, ist, wie oben erwähnt, _Bombyx mori_, dessen

Nahrung die Blätter des weissen Maulbeerbaumes (_Morus alba_) sind.

Ausser dem Maulbeerspinner giebt es aber noch verschiedene

Seidenraupenarten, von denen einige Beachtung verdienen, nämlich:

a) _Bombyx Cynthia_, den die Eingebornen des inneren nordöstlichen

Theiles von Bengalen und die Japanesen in grosser Menge ziehen. Er wird

von den Hindus =Arrindy arria= und von den Japanesen =Yama-maï=

genannt. Die Raupe (Fagararaupe) desselben lebt auf der Ricinusstaude

(_Ricinus communis_) und die Seide, welche der Cocon liefert, ist,

obgleich nicht so schön wie die des Morusspinners, doch eine sehr

nützliche, weil sie eine sehr dauerhafte ist. Die Ricinusraupe ist

weniger empfindlich als die Maulbeerraupe und lässt sich nicht blos mit

Ricinusblättern, sondern auch mit der Weberkarde (_Dipsacus fullonum_),

der wilden Cichorie (_Cichorium Intybus_) und den Blättern des

_Aylanthus glandulosa_ ernähren. Versuche, die Ricinusraupe in

Deutschland und Frankreich einheimisch zu machen, haben nicht

ungünstige Resultate ergeben.

b) _Bombyx Pernyi_ ist in China und der Mongolei einheimisch und nährt

sich von Eichenblättern. Es ist vor einigen Jahren in Frankreich

gelungen, einige Raupen dieser Race mit europäischen Eichenarten zum

Einspinnen zu bringen.

c) _Bombyx mylitta_, die Tussahraupe, ist in allen Theilen Bengalens

bis in die Berge des Himalaya, wo das Klima rauher ist als in den

Ebenen von Hindostan, einheimisch. Die Seide dieser Raupe bildet einen

beträchtlichen Handelsartikel in Bengalen. Sie nährt sich von der Eiche

und den Blättern anderer bei uns vorkommender Bäume. Diese Raupen

häuten sich fünfmal und liefern sehr grosse Cocons. Der Faden des

Cocons ist 6-7mal stärker als der des gewöhnlichen Seidenwurmes. Leider

kann die Tussahraupe nicht künstlich und in der Gefangenschaft

aufgezogen werden. Ausserdem sind noch die nordamerikanischen

Varietäten d) _Bombyx polyphemus_ (auf Eichen und Pappeln), c) _B.

cecropia_ (auf Ulmen, Weissdorn und wilden Maulbeerbäumen), f) _B.

platensis_ (auf einer Mimosenart, _Mimosa platensis_) und g) _B. leuca_

erwähnenswerth.

Hinsichtlich der =Zucht der Seidenraupe= (Seidenbau) sind nachstehende

Punkte zu erörtern: 1) =Der Anbau der Maulbeerbäume=, worunter nach den

bisherigen Erfahrungen der weisse mit weissen, gelben oder röthlichen

Früchten das geeignete Futter für die Seidenraupen abgiebt, die

Behandlung der Bäume in der Samenschule, das Versetzen zu Spalieren

oder ins Freie, die Pflege der Bäume u. s. w. ist Gegenstand der

Landwirthschaft. 2) =Die Erzeugung der Eier oder Grains= geschieht auf

folgende Weise: Unter den frischen Cocons sucht man diejenigen aus, die

am grössten und fettesten sind und einen feinen Faden haben. Die Cocons

der weiblichen Schmetterlinge sind gewöhnlich oval, jene des männlichen

Geschlechts an beiden Enden etwas zugespitzt und in der Mitte

ringförmig eingedrückt. Wenngleich die weiblichen und die männlichen

Cocons nicht mit Gewissheit unterschieden werden können, so muss man

bei der Auswahl der Cocons doch obige Kennzeichen berücksichtigen, um

so viel als möglich eine gleiche Anzahl von Schmetterlingen beider

Geschlechter erwarten zu können. 100-120 Paare gut ausgebildeter Cocons

liefern gegen 30 Grm. Eier oder etwa 50,000 Stück, von welchen

gewöhnlich aber nur höchstens 70-75 Proc. Raupen auskriechen. Die

Cocons werden auf mit Leinwand bedeckten Tischen sich selbst

überlassen. Nach etwa 12 Tagen kommen die Schmetterlinge zum Vorschein

und begatten sich. Die Weibchen legen dann nach etwa 40 Stunden 3-400

Eier. 3) Das =Ausbrüten der Eier=. In den Seidenzüchtereien überspannt

man hölzerne Reifen oder Rahmen mit grober und dünner Leinwand, streut

die Samen recht dünn und gleichmässig über die Leinwand aus und bringt

die Reifen oder Hürden in das Brutzimmer. Dabei bedeckt man die Eier

mit einem Blatt Papier, welches mit vielen kleinen Löchern durchstochen

ist, und legt darauf klein geschnittene Maulbeerblätter. In Frankreich

findet die Benutzung der =Couveusen= -- Oefen zum Ausbrüten der Grains

-- mehr und mehr Anwendung, weil man durch dieselben das regelmässige

Auskriechen der Raupen mehr und mehr sichert; namentlich ist die

Beschaffung einer feuchten Wärme bis 30° C., welche für die ersten

Altersstufen der Raupen so gedeihlich ist, durch die Couveusen besser

erreichbar. Vom 8. oder 10. Tage an beginnen die Raupen aus den

weisslich gewordenen Eiern auszukriechen und begeben sich, ihrer

Neigung zum Lichte und zur Nahrung folgend, durch die Löcher des

Papieres nach den Maulbeerblättern, mit welchen man sie abheben und in

die Fütterungsräume bringen kann. 4) Die =Aufziehung der Raupen=

geschieht in den =Rauperien= oder =Magnanerien=. Zur Unterbringung der

Raupen befinden sich in der Magnanerie geräumige Gestelle, die in

horizontale Fächer getheilt sind. Letztere werden aus Rohr- oder

Weidengeflecht oder mit Netzen bespannten hölzernen Rahmen gebildet,

über welche man Papierbogen ausbreitet. Man bringt die Raupen auf

dieses Papier und giebt ihnen die nöthigen Maulbeerblätter, in der

ersten Zeit im zerschnittenen Zustande. Die Seidenraupe zeichnet sich

durch erstaunlichen Appetit und durch schnelles Wachsthum aus; ihr

Leben, von dem Ausschlüpfen aus dem Ei bis zum Einspinnen gerechnet,

theilt sich durch das Wechseln der Haut, welches viermal erfolgt,

naturgemäss in fünf Lebensalter, die an Dauer einander ziemlich gleich

sind. Vom 30.-32. Tage an beginnt das Einspinnen. Nach der ersten und

zweiten Häutung erhalten sie allmälig immer mehr Futter, da die Raupen,

nachdem sie sich von der Anstrengung erholt haben, eine steigende

Esslust zeigen. 5) Das =Einspinnen der Raupen=. Wenn nach der vierten

Häutung die Zeit des Einspinnens herannaht, so bereitet man den Raupen

aus Birkenreisern Betten (Spinnhütten). Man bringt die spinnreifen

Raupen auf Tellern in die Spinnhütten, vertheilt sie mit den Händen

zwischen die Reiser, wo sie sich selbst den bequemsten Ort zum

Einspinnen aufsuchen. Sobald die Raupe einen zur Coconbildung passenden

Ort erwählt und daselbst ihre ersten Fäden (die später vorsichtig

abgezupft und für sich gesammelt werden und die =Flockseide=, eine

Sorte, aus der zum Theil die Florettseide besteht, bildet) befestigt

hat, so entledigt sie sich noch einer festen, weissen oder grünen

Substanz, die nach =Péligot= eine grosse Menge Harnsäure enthält;

einige Zeit nachher sondert sie eine farblose, wasserhelle, stark

alkalische Flüssigkeit ab, die eine Lösung von 1,5 Proc. kohlensaurem

Kali ist. Letztere räthselhafte Ausleerung beträgt 15-20 Proc. des

Gewichtes der Raupe. In 4 bis 5 Tagen ist die Bildung des Cocons

beendigt, doch werden dieselben von den Reisern erst bis zum 7. oder 8.

Tage abgenommen, um sicher zu sein, dass sämmtliche Raupen mit der

Operation des Coconspinnens zu Ende sind.

Was die =chemische Beschaffenheit= des Seidenfadens betrifft, so hat

man zu unterscheiden zwischen der eigentlichen Faser und der dieselbe

umhüllenden Substanz. Die eigentliche Faser besteht zur Hälfte etwa aus

=Fibroïn=, welches nach neueren Untersuchungen von =Städeler= in

nächster Beziehung zur Hornsubstanz und zum Schleime steht und die

chemischen Eigenschaften dieser Körper besitzt. Die Zusammensetzung des

Seidenfibroïns wird durch die Formel C_{15}H_{23}N_{5}O_{6}

ausgedrückt. Der gummiartige Ueberzug, nach =Städeler= und =Cramer=

=Seidenleim= oder =Sericin= genannt, löst sich zum Theil in Wasser,

leicht in Seifenwasser oder anderen alkalischen Flüssigkeiten. Das

Sericin hat die Formel C_{15}H_{25}N_{5}O_{8}. =P. Bolley='s

Untersuchungen haben gezeigt, dass in den Spinndrüsen der Seidenraupe

nur =ein= Stoff, nämlich weiches Fibroïn, zu finden ist, welches, in

Form zweier Fäden austretend, erst durch den Einfluss der Luft,

oberflächlich, unter Aufnahme von Sauerstoff und Wasserstoff zu Sericin

(Seidenleim) oxydirt wird. Die Rohseide hinterlässt nach dem Verbrennen

geringe Mengen Asche, =Guinon= fand in bei 100° getrockneter

piemontesischer Rohseide 0,64 Proc. Asche, die 0,526 Kalk und 0,118

Proc. Thonerde und Eisenoxyd enthielt. =Mulder= fand in 100 Th.

Rohseide:

weisse aus

gelbe aus der Levante

Neapel (Almasinseide)

Fibroïn 53,4 54,0

leimgebende Substanz 20,7 19,1

Wachs, Harz und Fett 1,5 1,4

Farbstoff 0,05 --

Albumin 24,4 25,5

6) =Das Tödten der Puppen in den Cocons.= Die Puppe bleibt in dem Cocon

15-20 Tage und bildet sich zu einem Schmetterlinge aus, der endlich den

Cocon durchbricht und ausschlüpft. Die nicht zur Fortpflanzung

bestimmten Cocons darf man begreiflicherweise nicht bis zur

Entwickelung des Schmetterlings sich selbst überlassen, weil durch das

Herausbrechen des Schmetterlings der Zusammenhang des Seidenfadens

zerstört werden würde und =durchbissene= Cocons nur einen geringen

Werth haben. Man muss demnach die in den Cocons befindliche Puppe

tödten, was entweder mittelst Ofenwärme oder heisser Wasserdämpfe

geschieht.

[Sidenote: Zubereitung der Seide.]

Die =Zubereitung der Seide=, d. h. die Ueberführung der Cocons in Fäden,

die sich als Nähseide, als Webmaterial u. s. w. eignen, zerfällt in 6

Operationen, nämlich in 1) Das =Sortiren der Cocons= geht dem Abwickeln

des Seidenfadens von dem Cocon voraus. Es muss mit grosser Sorgfalt

geschehen, weil nur gleichartige Sorten zusammen mit Vortheil verarbeitet

werden können und soll bezwecken [Greek: a]) nicht nur eine Trennung der

weissen Cocons von den gelben, sondern auch [Greek: b]) eine Ausscheidung

aller schad- und fehlerhaften Cocons, die sich zum Abhaspeln nicht eignen

und nur noch zur Florettseide verwendbar sind. Zu letzteren sind zu

rechnen schimmlig gewordene, durch Insekten angefressene, durchbissene

(durch Ausschlüpfen der Schmetterlinge), durch Faulen der Puppen, fleckig

gewordene Cocons u. s. w. Durch das Sortiren will man [Greek: g]) die

tadellosen Cocons nochmals trennen in mehrere Sorten, wobei die Feinheit

des Fadens, deren Schönheit und Grad der Ablösbarkeit zu berücksichtigen

ist, damit man beim Abwickeln möglichst gleichartige Seide gewinne.

2) Das =Haspeln oder Spinnen der Seide= ist die erste jener Arbeiten,

welche die Gewinnung des Seidenfadens von dem getödteten und sortirten

Cocon zum Zwecke haben. Sie besteht darin, dass der Faden, welcher von

der Raupe während des Einspinnens zu einem Knäuel =auf=gewickelt wurde,

von dem Cocon =ab=gewickelt und auf einem Haspel aufgewunden wird, so

dass er die Gestalt eines Strähnes annimmt.

Bei dieser Arbeit nimmt man, da der einzelne Seidenfaden viel zu fein

und zart ist, in der Regel 3-10, bei gröberen Seidensorten bis zu 20

zusammen, die durch das Haspeln zu einem Faden vereinigt werden. Dieses

Abhaspeln oder Abwickeln würde nun eine höchst einfache Arbeit sein,

sobald man das Ende des Fadens aufgefunden hat, wenn die Windungen der

Coconfäden nicht mit einer klebenden Substanz an- und aufeinander

geleimt wären, wenn ferner nicht die innerste und dichte Lage des

Cocons das Abwickeln überhaupt desselben verböte. Der übrige Faden

lässt sich abwinden, sobald der leimartige Ueberzug durch heisses

Wasser erweicht worden ist. Von den von dem Cocon abgehaspelten

Doppelfäden werden, wie erwähnt, mehrere zu einem zusammengesetzten

Faden verbunden. Die erweichte leimähnliche Substanz bewirkt dann auch

bei ihrem nachherigen Wiederaustrocknen das Zusammenkleben der zu einem

Faden vereinigten Coconfädchen, welche nur durch diesen Leim und

keineswegs durch Zusammendrehen mit einander verbunden sind. Die Länge

des von normal ausgebildeten Cocons abzuhaspelnden Seidenfadens beträgt

250 bis 900 Meter. Um lange Strähne zu bilden, ist daher ein häufiges

Anstückeln, eine Ersetzung der abgelaufenen Cocons durch neue

erforderlich, wobei man jedoch nicht ausser Acht lässt, dass an einem

Cocon der Faden nicht überall gleich stark, sondern nach aussen zu

stärker ist, weshalb die Anzahl der zusammen abzuhaspelnden Cocons

nicht constant zu bleiben hat. Sobald der innere Theil einiger Cocons

zur Abhaspelung kommt, hat die Hasplerin den Faden durch Hinzufügung

eines Cocons zu verstärken. Ein Cocon giebt 0,16-0,20, höchstens 0,25

Grm. Rohseide. Dem Gewichte nach rechnet man im Durchschnitt auf 1

Kilogr. Rohseide 10 Kilogr. frisch getödteter oder 7-8, ja selbst 12

Kilogr. trockener Cocons. Die gehaspelte Seide heisst =Rohseide=,

=Ratzenseide=, =Grezseide=. Man verlangt von ihr, dass sie als ein

runder, glatter (d. h. von Knoten und Flocken befreiter), reiner und

glänzender, fester und starker Faden von gleicher Dicke erscheine,

ferner, dass die Fäden im Strähne nirgends aneinander geklebt seien.

Derjenige Theil des Seidenwurmgespinnstes, welcher sich nicht abhaspeln

lässt, wird auf =Florettseide= verarbeitet. Die Arbeit besteht im

Reinigen, Auflockern, Krempeln oder Kämmen und Spinnen und stellt sich

deshalb auf gleiche Stufe mit der Woll- und Baumwollspinnerei. Die

versponnene Wolle ist daher ein wirkliches =Seidengarn=.

3) Das =Mouliniren= oder =Zwirnen der Seide=. Der einfache Rohseidenfaden

ist für die meisten Anwendungen der Seide, mögen sich dieselben auf

Sticken oder Stricken, auf Weberei oder Strumpfwirkerei beziehen, erst

dann anwendbar, wenn mehrere solcher Fäden durch Zusammendrehen zu einem

vereinigt worden sind. Dort, wo man einfache Seidenfäden benutzt, giebt

man denselben vorher durch Drehung Zusammenhang, Dichte und Rundung.

Unter =Zwirnung= versteht man die Vereinigung zweier oder mehrerer Fäden

durch Drehung, unter =Drehung= dagegen die gleiche Behandlung des

Rohseidenfadens.

Die Hauptarten der =gezwirnten Seide= sind folgende:

1) =Organsinseide=, die zur Kette der Seidenzeuge dient, ist aus der

besten Sorte Rohseide dargestellt. Man haspelt hierzu den

Rohseidenfaden von 3 bis zu 8 Cocons, giebt demselben vor dem

Mouliniren eine starke Drehung rechts (in dem Sinne wie bei Schrauben)

und moulinirt dann zwei solcher gedrehter Rohseidenfäden zusammen. 2)

=Tramaseide=, zum Einschusse und zur Verfertigung von Seidenschnüren

dienend, wird aus geringeren Cocons gefertigt. Man haspelt gewöhnlich

3-12 Cocons. Unter =einfädiger Trama= versteht man einen einfachen, für

sich gedrehten Rohseidenfaden; die =zweifädige Trama= besteht aus zwei

nicht gedrehten Rohseidenfäden, die links, aber weniger scharf gezwirnt

sind als Organsin; die =dreifädige= aus drei u. s. w. Tramaseide ist

weicher und flacher als die Organsinseide und füllt daher in den

Seidenzeugen besser als runde Fäden. 3) =Maraboutseide=, die sich durch

dralle Zwirnung, Steifigkeit und peitschenschnurähnliche Härte

auszeichnet, wird aus drei Fäden der weissesten Rohseide nach Tramaart

moulinirt, dann, ohne die Seide zu entschälen, gefärbt und nach dem

Färben nochmals gezwirnt. 4) =Poilseide= ist ein einfacher

Rohseidenfaden, der aus mehreren gedrehten Coconfäden besteht; sie

dient als Unterlage für Gold- und Silberfäden, Tressen u. dergl. 5)

=Nähseide= oder =Cousir= wird aus Rohseidenfäden von 3-22 Cocons auf

verschiedene Weise gedreht; die =Strick=- oder =Häkelseide= ist

ebenfalls der Nähseide ähnlich, aber stärker.

4) Das =Titriren und Conditioniren der Seide=. Den =Feinheitsgrad=

(_titre_) der Rohseide, sowie der gezwirnten Seide drückt man dadurch

vergleichbar aus, dass man angiebt, wie viel Mal eine gewisse Fadenlänge

in einer gewissen Gewichtseinheit enthalten ist. Die zu Grunde gelegte

Fadenlänge ist gleich 400 Ellen oder 475 Meter. Spricht man von einer

Seide von 10 Grains, so heisst dies, dass dieses Gewicht eine Fadenlänge

von 475 Meter hat; eine Seide von 20 Grains hat die nämliche Länge von

475 Meter, aber das doppelte Gewicht, sie ist daher nur halb so fein als

die erstgenannte Seide.

Die Seide, die rohe wie die gezwirnte, enthält stets grössere Mengen

von =hygroskopischem Wasser=, dessen Quantum blos nach der äussern

Beschaffenheit der Seide nicht abgeschätzt werden kann. Der gewöhnliche

Wassergehalt der käuflichen Seide beträgt im Durchschnitt 10-18 Proc.

Unter Umständen kann die Seide sogar bis über 30 Proc. Wasser

aufnehmen, ohne eigentlich feucht zu erscheinen. Bei einer Waare von so

hohem Preise wie die Seide ist das hygroskopische Verhalten der Seide

in mercantiler Hinsicht von hohem Belang, da es Veranlassung zu

absichtlicher und unfreiwilliger Täuschung und zu Collisionen giebt

und begreiflicherweise einen nachtheiligen Einfluss auf den

Seidenhandel ausübt, insofern man darüber im Unklaren bleibt, wie viel

wirkliche Seidensubstanz in einem gegebenen Gewichte Seide enthalten

ist. Um den genannten Uebelstand zu beseitigen, wird die Seide

=conditionirt=, d. h. es wird jeder zu verkaufenden Seide der

Wassergehalt durch Untersuchung einer Probe dieser Seide von der

Behörde bestimmt. Die Anstalten, in denen das Conditioniren vorgenommen

wird, heissen =Seidenconditions=- oder =Trocknungsanstalten=.

5) Das =Entschälen der Seide=. Der Rohseidenfaden, wie er in dem Cocon

vorkommt, ist mit einem eigenthümlichen Ueberzuge, dem durch Veränderung

des Fibroïns an der Luft entstandenen =Sericin= oder =Seidenleim=, der

die Ursache der verschiedenen Farbe ist und der Seide eine gewisse Härte,

Rauhigkeit und Steifheit ertheilt, versehen. Zu gewissen Zwecken, so zu

Mühlbeuteltuch, zu Gaze, zu Krepp etc. ist diese Beschaffenheit

erwünscht, in den meisten anderen Fällen ist es aber nöthig, die Seide

von diesem Ueberzuge zu befreien, was durch das Entschälen der Seide

geschieht. Die Seide heisst dann =entschälte= oder =gekochte Seide= und

besitzt dann nicht nur die erforderliche Weichheit, den eigentlichen

Seidenglanz, sondern auch die Fähigkeit, die Farbstoffe beim Färben

vollkommen anzunehmen.

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 100 / 167 题