prüfende Essig mit Ammoniak neutralisirt, so lange bis die anfangs
zugesetzte Lakmustinktur wieder blau wird. Obgleich diese Methode nicht
absolut genau ist, weil es eine Eigenschaft der neutralen essigsauren
Alkalien ist, alkalisch zu reagiren, so beeinträchtigt doch diese
alkalische Reaction die Genauigkeit nicht in beachtenswerthem Grade.
Das von =Otto= construirte =Acetometer= ist eine 36 Centimeter lange
und 1,5 Centimeter weite, unten zugeschmolzene Glasröhre mit doppelter
Theilung, einer untern einfachen, für den mit Lakmus gefärbten Essig
und einer obern für die Probeflüssigkeit. Beim Gebrauche füllt man den
Raum der Proberöhre bis zu einem gewissen Punkte mit Lakmustinktur,
dann bis zu einem zweiten Theilstriche mit dem zu untersuchenden Essig
und setzt nun nach und nach von der Probeflüssigkeit hinzu, bis die
rothe Farbe der Flüssigkeit oben wieder blau geworden ist. Die Zahl,
die den Stand der Flüssigkeit in der Proberöhre bezeichnet, giebt
sofort den Gehalt des Essigs an Essigsäure in Procenten an. Die
Genauigkeit des Resultates ist abhängig von der Sorgfalt, mit welcher
man bei Bereitung der Aetzammoniakflüssigkeit zu Werke gegangen ist;
diese Flüssigkeit muss genau 1,369 Proc. Ammoniak enthalten. Nach dem
von =Mohr= angegebenen Verfahren nimmt man von dem zu prüfenden Essig,
welchen man auf seinen Gehalt an Essigsäure (2C_{2}H_{4}O_{2} - H_{2}O
= 102 / 2 = 51) prüfen will und der gewöhnlich ein spec. Gewicht von
1,010-1,011 hat, 5,04 Kubikcent. (denn 5,1 / 1,011 = 5,04) oder
einfacher 5 K.-C., versetzt sie mit Lakmustinctur und titrirt mit
Normalkali blau. Am besten nimmt man 10 K.-C. des Essigs und halbirt
die verbrauchten K.-C. des Kalis.
=Beispiele.= 1) 10 K.-C. eines Würzburger Tafelessigs brauchten
11,8 K.-C. Kali; er enthielt demnach
5,9 Proc. sogenannter wasserfreier Säure oder 6,7 Proc.
Essigsäure C_{2}H_{4}O_{2};
2) 10 K.-C. eines theilweise aus Holzessig bereiteten
Essigs erforderten
12,5 K.-C. Kali, welche entsprechen
6,25 Proc. wasserfreier Säure oder 7,3 Proc. Essigsäure
C_{2}H_{4}O_{2}.
[Greek: b]) _Darstellung des Essigs aus Holzessig._
[Sidenote: Holzessig.]
Bei der trocknen Destillation des Holzes bleibt ein Theil des
Kohlenstoffes als Kohle zurück und der Rest der Holzbestandtheile tritt
theils in Gestalt von Gasen und Dämpfen -- Kohlenoxyd, Kohlensäure,
Wasserstoff, leichten und schweren Kohlenwasserstoffen --, theils in Form
condensirbarer Körper auf, welche letztere nach ihrer Verdichtung eine
braungefärbte dicke ölige Flüssigkeit und eine wässrige Schicht unter
derselben bilden. Die letztere (der =Holzessig=) besteht wesentlich aus
wässeriger unreiner Essigsäure, etwas Propionsäure und Buttersäure,
kleinen Mengen von Oxyphensäure (Brenzcatechin) und ausserdem Kreosot und
dem alkoholähnlichen =Holzgeiste= (einem Gemenge von Methylalkohol,
Aceton und essigsaurem Methyl), die braune, dickflüssige Substanz, der
=Holztheer=, besteht aus einer Anzahl flüssiger und fester Körper, unter
denen neben noch nicht näher untersuchten Brandharzen auch Paraffin,
Naphtalin, Kreosot und mehrere flüssige Kohlenwasserstoffe wie Benzol,
Toluol, Xylol u. s. w. auftreten. Die bei gut geleiteter Verkohlung
gewinnbare Essigsäure beträgt höchstens 7-8 Proc. vom Gewichte des
Holzes. Nach den Untersuchungen von =H. Vohl= kann auch der Torf unter
Umständen zur Fabrikation von Essigsäure (und von Holzgeist) Anwendung
finden. 10 Ctr. Torf lieferten 3 Kilogr. Essigsäure und 1,45 Kilogr.
Holzgeist. Folgendes Schema zeigt die hauptsächlichsten Produkte, die bei
der trocknen Destillation des Holzes sich bilden:
{ {Acetylen C_{2}H_{2} Xylol C_{8}H_{10} }
{ {Elayl C_{2}H_{4} Naphtalin C_{10}H_{8} }
{ {Trityl C_{3}H_{6} Kohlenoxyd CO }
{[Greek: a]){Ditetryl C_{4}H_{8} Kohlensäure CO_{2} }
{Leuchtgas {Benzol C_{6}H_{6} Methylwasserstoff CH_{4}}
{ {Toluol C_{7}H_{8} Wasserstoffgas H_{2} }
{ { Benzol C_{6}H_{6}
{ {Toluol C_{7}H_{8}
{ {Styrolen C_{8}H_{8}
{ {Naphtalin C_{10}H_{8}
{ {Reten C_{18}H_{18}
{ {Paraffin C_{20}H_{42} bis C_{22}H_{46}
{ {
Holz { { {Carbolsäure C_{6}H_{6}O
+--- {[Greek: b]){Phenole{Cresylsäure C_{7}H_{8}O
| {Theer { {Phlorylsäure C_{8}H_{10}O
| { a) { {
| { Holzmasse { {Guajacole {Oxyphensäure C_{6}H_{6}O_{2}
| { { { {
+-{ b) { { { {C_{7}H_{8}O_{2} }[a]
{ Hygroskop.{ { {Kreosote{C_{8}H_{10}O_{2}}
{ Wasser { { { {C_{9}H_{12}O_{2}}
{ {Brandharze{ { }
{ { { { }
{ { { { }
{ { {Essigsäure C_{2}H_{4}O_{2}
{ {Propionsäure C_{3}H_{6}O_{2}
{ {Buttersäure C_{4}H_{8}O_{2}
{ {Valeriansäure C_{9}H_{10}O_{2}
{[Greek: g]){Capronsäure C_{10}H_{12}O_{2}
{Holzessig {Aceton C_{3}H_{6}O
{ {Essigsaures Methyl C_{3}H_{6}O_{2}
{ {Holzgeist CH_{4}O
{ {Phenole, Guajacole und Brandharze
{ {Kohlenstoff 85 Proc.
{[Greek: d]){Hygroskop. Wasser 12 "
{Holzkohle {Asche 3 "
[a] Verbindungen der Oxyphensäure und damit homologer Säuren
mit Methyl[132].
[132] Nach =S. Marasse= (1868) ist das rheinische
Buchenholztheerkreosot ein Gemenge von gleichen Theilen
Cresylsäure C_{7}H_{8}O (bei 203° siedend),
und Guajacol C_{7}H_{8}O_{2} ( " 200° " ).
Letzteres aber ist der saure Methyläther der Oxyphensäure
(C_{6}H_{5} / CH_{3})} O_{2}.
[Illustration: Fig. 249.]
[Illustration: Fig. 250.]
Der =rohe= Holzessig enthält nicht unbedeutende Mengen von Brandharz
aufgelöst, ausserdem noch wie bereits erwähnt geringe Mengen von
Phenolen und Guajacolen; alle diese Körper ertheilen dem Holzessig eine
braune Farbe und den bekannten empyreumatischen Geruch und Geschmack,
ihnen verdankt aber auch der rohe Holzessig seine ausgezeichnet
antiseptische Eigenschaft. Dort, wo die Gewinnung von Holzessig
Hauptsache ist, wendet man zur Destillation des Holzes eiserne Retorten
an, denen ähnlich, die man bei der Leuchtgasfabrikation anwendet, in
Frankreich zuweilen auch stehende Cylinder aus Schwarzblech (siehe Fig.
249). Ein solcher Cylinder _A_ hat in der oberen Hälfte eine Oeffnung
_o_, an welcher der Vorstoss _B_ angeschraubt wird. Auf den Cylinder
kommt der Cylinderdeckel, welchen man, sobald der Cylinder mit Holz
angefüllt ist, festschraubt; der Cylinder selbst wird mit Hülfe des
Kranichs _D_ in einen cylinderförmigen Ofen _B_ gebracht, welchen man
mit dem steinernen Deckel _E_ verschliesst. Die durch Erhitzen des mit
Holz gefüllten Cylinders sich entwickelnden Produkte gehen durch das
Rohr _b_ (Fig. 250), welches mit dem Cylinder verbunden und
zickzackförmig gebogen ist, durch den in dem Gestelle _d_ befindlichen
Kühlapparat _c_, welchem durch _f_ kaltes Wasser zugeführt wird,
während das Erwärmte bei _k_ abfliesst. Essig, Theer und Holzgeist
condensiren sich und fliessen in den Bottich _g_, in welchem sich
vorzugsweise der Theer absetzt; die leichteren Flüssigkeiten laufen
durch _m_ nach dem Bottich _h_ ab. Die nicht condensirten brennbaren
Gase werden durch das Rohr _i_ in die Feuerung geleitet, wo sie zu
geruchlosen Produkten verbrennen und durch die dabei erzeugte Hitze
erheblich zur Heizung des Cylinders beitragen, sodass in den späteren
Stadien der Destillation kein Brennmaterial mehr nachgelegt zu werden
braucht. -- In grösseren Fabriken benutzt man anstatt der hölzernen
Bottiche in die Erde eingelassene gemauerte oder aus Cäment construirte
Cisternen, von denen eine jede durch ein am obern Ende befindliches
Rohr mit der nächstfolgenden communicirt. Hierbei sammelt sich die
grösste Menge des Theers in der ersten Cisterne, während der Holzessig,
von mechanisch darin schwimmendem Theer befreit, in die letzte Cisterne
übergeht, von wo aus er der weitern Verwendung übergeben wird. Die
Holzgasfabriken (nach =v. Pettenkofer='s Patent) erzeugen gegenwärtig
nicht unerhebliche Mengen von Holzessig.
[Sidenote: Reinigen des Holzessigs.]
Der rohe Holzessig ist eine dunkelbraune klare Flüssigkeit von säuerlich
theer- und rauchartigem Geruch und Geschmack. Man verwendet einen kleinen
Theil des rohen Holzessigs zum Conserviren des Fleisches, von Holzwerk,
Tauen etc.; der grösste Theil dient, theils um verschiedene essigsaure
Salze darzustellen, welche in der Färberei und im Zeugdruck in grosser
Menge verbraucht werden und dazu schon im unreinen Zustande verwendbar
sind wie das holzessigsaure Eisen und die holzessigsaure Thonerde (Eisen-
und Alaunbeize), theils zur Darstellung einer concentrirten Essigsäure
(für industrielle Zwecke, z. B. für die Darstellung des Anilins aus
Nitrobenzol) und essigsaurer Salze (namentlich Bleizucker), endlich und
hauptsächlich zur Fabrikation von Tafelessig, welche indessen mit
ökonomischem Vortheil nur in solchen Ländern ausgeführt werden kann, wo,
wie in England, die Essigerzeugung aus alkoholischen Flüssigkeiten wegen
der hohen Steuer äusserst kostspielig ist.
Unter den Mitteln, den _Holzessig zu reinigen_, ist, wenn man von der
von =E. Assmuss= empfohlenen Filtration durch gröblich gestossene
Holzkohle absieht, das einfachste die Destillation, die man gewöhnlich
aus einer kupfernen Blase mit kupfernem Kühlapparate vornimmt. Zuerst
geht eine gelblich gefärbte Flüssigkeit -- =roher Holzspiritus= --
über, die auf Holzgeist verarbeitet wird. Später wird das Destillat
reicher an Essigsäure.
Die heutzutage angewendeten Methoden, dem Holzessig die letzten
Antheile der brenzlichen Stoffe zu entziehen, zerfallen in zwei
Abtheilungen, nach
[Greek: a]) =der ersten= geschieht die Reinigung des Holzessigs ohne
Sättigung mit einer Base, nach
[Greek: b]) =der zweiten= dadurch, dass man ihn in essigsaures Salz
verwandelt und daraus durch Destillation mit einer stärkeren Säure die
Essigsäure wieder abscheidet.
Zu der _ersteren Art_ der Reinigung des Holzessigs gehören die von
=Stoltze= herrührenden Vorschläge, von dem Holzessig, nachdem 10 Proc.
abdestillirt und für sich als roher Holzspiritus aufgefangen worden
sind, 80 Proc. durch Destillation zu gewinnen, und darin die
brenzlichen Stoffe durch Oxydation (durch Ozon oder Chlor) zu
zerstören. Die Reinigung des Holzessigs _nach der zweiten Art_ ist das
gewöhnliche, in den Fabriken angewendete Verfahren; im Wesentlichen
wurde es von =Mollerat= zuerst angegeben. Zunächst wird aus dem
Holzessig durch Sättigen mit Kalk und Fällen der Lösung mit Glaubersalz
Natriumacetat dargestellt, dieses Salz wird durch Krystallisation
gereinigt und dann im trockenen Zustande so weit erhitzt, dass es
selbst nicht zersetzt wird, die beigemengten Brenzstoffe aber verkohlt
und unlöslich werden, worauf man das reine Salz durch Auslaugen von den
Kohlentheilen trennt und daraus die Essigsäure durch Destillation mit
Schwefelsäure wieder abscheidet. Anstatt des Natriumacetates wendet man
häufig auch das =Kalksalz= zur Darstellung der Essigsäure aus dem
Holzessig an, welches man durch Sättigen des Holzessigs mit Kalk und
Abdampfen zur Trockne darstellt. Das trockne Salz wird geröstet, um in
gleicher Weise wie bei dem Natriumsalze, die brenzlichen Stoffe zu
zerstören. Zur Gewinnung der Essigsäure destillirt man (nach der
vortrefflichen Methode von =C. Völckel= in Solothurn) mit Salzsäure.
Die Destillation kann in einer Blase mit Helm aus Kupfer und einer
Kühlröhre aus Blei, Zinn oder Silber vorgenommen werden. Auf 100 Th.
Calciumacetates braucht man 90-95 Th. Salzsäure von 20° B. (= 1,16
spec. Gewicht). Der Gebrauch der Salzsäure statt der Schwefelsäure hat
den Vortheil, dass eine Verunreinigung des Calciumacetates mit Harzen
etc. nichts schadet, wenn nur das Calciumacetat bis zur Entfernung
aller flüchtigen Substanzen ausgetrocknet worden war. Bei Anwendung von
Schwefelsäure erhält man dagegen eine übelriechende Essigsäure, die
viel schweflige Säure und ausserdem Zersetzungsprodukte der
beigemengten Brandharze enthält.
[Sidenote: Der Holzgeist.]
Wenn die bei der trocknen Destillation des Holzes erhaltene saure
Flüssigkeit im Grossen abdestillirt wird, so geht zu Anfang eine gelbe
Flüssigkeit über, welche leichter ist als Wasser und einen
ätherartigen, zugleich brenzlichen Geruch hat. Diese Flüssigkeit
(=Holzspiritus=) besteht hauptsächlich aus =Holzgeist= (Methylalkohol
CH_{4}O oder (CH_{3} / H)} O), Aceton und essigsaurem Methyl, ausserdem
auch noch aus einer Reihe von Körpern, welche für den vorliegenden
Zweck nicht weiter in Betracht kommen. Der =Holzgeist= wurde 1812 von
=Taylor= entdeckt und lange Zeit als Brennmaterial für Spirituslampen
verkauft; erst im Jahre 1822 wurde er von ihm als ein neuer Körper
beschrieben. Der Holzgeist im reinen Zustande ist eine farblose
Flüssigkeit von 0,814 spec. Gewicht, die bei 66° C. siedet. Er hat
grosse Aehnlichkeit mit dem Alkohol, sowol in Bezug auf seine
Eigenschaften als seine Zersetzungsprodukte und chemische Constitution,
und kann als Brennmaterial für Lampen gebraucht werden, er verdunstet
aber rascher und giebt weit weniger Wärme[133]. Man verwendet ihn
ferner zur Schreinerpolitur und zu Harzfirnissen, wozu er jedoch schon
ziemlich rein sein muss und wobei eine raschere Verdunstung ein
Uebelstand ist. In England soll man ihn auch als berauschendes Mittel
versucht haben, ohne dass er Unbequemlichkeiten gemacht habe. Die
Anwendung des Holzgeistes hat bis jetzt in Deutschland, trotz
vielfältiger Versuche, keine grosse Wichtigkeit erlangen können, theils
weil er nur in kleinen Quantitäten producirt wird, theils auch, weil
er, wenn er nicht gereinigt ist, den Alkohol nur unvollkommen ersetzt,
daher billiger sein muss als dieser, was bei den umständlichen
Reinigungsmethoden des Holzgeistes nicht wol möglich ist. Neuerdings
verwendet man den Holzgeist in grosser Menge zur Herstellung von
Methyljodür und -bromür, die in der Fabrikation von violetten und
blauen Theerfarben Verwendung finden.
[133] 1 Gewichtstheil Alkohol giebt beim Verbrennen zu Kohlensäure und
Wasser 7189 W.-E., Holzgeist dagegen nur 5307 W.-E.
Die Conservirung des Holzes.
[Sidenote: Allgemeines über Dauer des Holzes.]
Die =Dauer= des Holzes gegen die auf seine Zerstörung einwirkenden
Einflüsse ist eine höchst verschiedene und weicht selbst bei einer und
derselben Holzart, je nach Ursprung, Alter, Jahresringbreite, Splint und
Kern sehr ab. Ferner verhalten sich die einzelnen Hölzer unter
verschiedenen Umständen, im Freien, unter Dach oder im Wasser verbaut,
keineswegs gleich. Buchenholz kann, wenn es fortwährend unter Wasser
steht, Jahrhunderte lang dauern, eben so Eichenholz. Erlenholz dauert im
Trocknen nur kurze Zeit, unter Wasser hat es dagegen grosse
Beständigkeit. Das Holz der Edelkastanie besitzt, im Trocknen verbaut,
die Dauer des Eichenholzes. Bei der grossen Verschiedenheit des
Verhaltens der Holzarten und bei der Manichfaltigkeit ihrer Anwendung
muss man die Dauer des Holzes betrachten:
1) je nachdem es in freier Luft, in feuchter oder nasser Lage der
Fäulniss oder Zerstörung mehr oder weniger unterworfen ist;
2) oder durch verschiedene Insekten, welche zum grossen Theile im
Larvenzustande in dem Holze leben, im trocknen Zustande mehr oder minder
angegriffen wird.
Reine Holzfaser ist an sich nur wenig der Zerstörung durch die Zeit
unterworfen. Wenn man aber dessenungeachtet wahrnimmt, dass das Holz mit
der Zeit nachtheilige Veränderungen erleidet, so ist der Grund dieser
Erscheinung in Substanzen zu suchen, welche der reinen Holzfaser fremd
sind, aber dieselbe stets begleiten, nämlich in den Saftbestandtheilen,
unter denen stets auch eiweissähnliche Körper sich finden. Diese
Veränderungen treten bei den verschiedenen Hölzern nach kürzerer oder
längerer Zeit ein. Am längsten widersteht sehr harzreiches Holz, da der
Harzgehalt das Eindringen der Feuchtigkeit verhindert. Darauf folgen die
Hölzer, welche sehr dichte Holzlagen haben und die eine die Fäulnis
aufhaltende Substanz -- Gerbsäure oder Tannin -- enthalten wie die Eiche.
Das Verhalten des mit Wasser völlig bedeckten Holzes ist ein sehr
verschiedenes. Mehrere Holzgattungen wie Birke, Aspe, Linde und Weide
werden im Wasser nach und nach dergestalt verändert, dass aller
Zusammenhang aufhört und das Holz breiähnlich wird. In den Torfmooren
trifft man nicht selten Stämme der genannten Holzarten, welche mit dem
Spaten eben so leicht durchstochen werden können als die Torfmasse.
Andere Hölzer erleiden im Wasser keine Veränderung und nehmen eine grosse
Härte an, so die Eiche, Erle und Föhre.
Die Insekten greifen vorzüglich nur das trockne Holz an; einige leben
jedoch auch im grünen Holze der Eiche. Der Splint wird im Allgemeinen
leichter angegriffen als der Kern. Der Splint der Eiche ist dem
Wurmfrasse am meisten ausgesetzt, wogegen der gesunde Kern des
Eichenholzes wenig darunter leidet. Ulmen- und Aspenholz, eben so
harzreiche Hölzer werden von den Insekten wenig angegriffen. Junge, an
Saftbestandtheilen reiche Hölzer, zumal Stangen in der Rinde werden in
der Luft bald vom Wurmfrass der Nagekäfer und Kammnagekäfer
heimgesucht; am meisten suchen die Insekten Erlen, Weiden, Birken,
Roth- und Hainbuchen heim.
Auf die grössere oder geringere Dauer haben gewisse Verhältnisse
Einfluss, von denen wir im Folgenden einige der wichtigeren anführen
wollen: a) die Umstände, unter denen das Holz gewachsen ist. In
kälterem Klima erzeugtes Holz ist dauerhafter als das aus wärmeren
Gegenden genommene. Armer Boden erzeugt dauerhafteres Holz als feuchter
und an Pflanzennährstoffen reicher. Fichtenholz auf einem reichen
Mergelboden gewachsen ist ausserordentlich verschieden von demjenigen,
welches auf Felsen langsam erwuchs; b) die Verhältnisse, unter denen
das Holz verbraucht wird, sind ferner von grossem Einflusse auf die
Dauer des Holzes. Je wärmer und feuchter das Klima und die Temperatur
des Ortes, wo das Holz sich findet, desto schneller tritt die Fäulniss
ein; umgekehrt conservirt ein trocknes kaltes Klima das Holz
ausserordentlich; c) die Zeit des Fällens. Winterholz gilt als
dauerhafter als im Sommer gefälltes. Es ist deshalb auch in vielen
Forstordnungen gesetzlich verboten, das Holz ausser der »Wadelzeit«,
welche gewöhnlich vom 15. November bis zum 15. Februar geht, zu fällen.
Bei Anwendung des Holzes zu Landbauten, wo es geschützt gegen Hitze und
Feuchtigkeit liegt, hat es fast nur einen Feind, den Holzwurm; wo es
hingegen feucht liegt, wo kein Luftzug die Anhäufung der
Zersetzungsprodukte hindert, gehen die eiweissähnlichen Substanzen der
Saftbestandtheile in Fäulniss über und verändern hierbei die Faser,
welche ihren Zusammenhang verliert und zuletzt eine zerreibliche Masse
wird. Man nennt diese Zersetzung die =Fäulniss=, das =Vermodern=, oder
=Verstocken= des Holzes. Bei Vorhandensein von genügender Feuchtigkeit
erzeugt sich auf der Oberfläche der sogenannte =Schwamm= (Hausschwamm,
Holzschwamm). Diese wuchernden Schwämme und Pilze, von denen besonders
der =Hauspilz= (_Thelephora domestica_), der =Hausreisch= (_Boletus
destructor_) und der =Faltenreisch= (_Merulius vastator_) auftreten,
kündigen sich in ihrem Entstehen durch weisse, immer mehr und mehr sich
vergrössernde, in ein graues Faserngeflecht übergehende Flecken an,
die später in für die einzelnen Species charakteristische Massen
übergehen, so bildet der Hauspilz ästige, häutige Lagen, deren untere
Seite aus einem violetten, filzigen Gewebe besteht, während der Rand
ein fleckiges Ansehen hat. Der Hausreisch unterscheidet sich durch
einen ungleichen, runzligen und weissen Hut; er erscheint, oft weit
verbreitet, das ganze Jahr hindurch an feuchten, schadhaften Stellen
und zwischen Balken; jung ist er weich und schimmelartig, und schwitzt
einen stark, aber nicht unangenehm riechenden Saft aus. Der
Faltenreisch zeigt sich an abgestorbenen Baumstämmen, faulenden Balken
und Brettern. Flach ausgebreitet, wird er mehrere Fuss lang,
schwammigfleischig, rostbraun, auf der untern Seite faserig und
sammetähnlich; er kriecht auf dem Holze fort und zerstört es nach und
nach ganz. Meist wirkt er versteckt, erscheint plötzlich, unter den
Dielen hervorbrechend, zerfrisst und durchbricht sie. Aus den Dielen
und Ständern geht er in die Wände und greift das Mauerwerk dergestalt
an, dass er Steine hebt und zermalmt. In dieser Weise wird er zum
=Mauerschwamm= und entwickelt hier seinen gefährlichsten Charakter. Die
Lebenselemente des Schwammes sind Feuchtigkeit, Mangel an Luft und
Licht. Hieraus folgt unmittelbar die Heilmethode, welche, gestützt auf
vielfache Erfahrungen, darin besteht, die Feuchtigkeit zu entfernen und
eine ununterbrochene Luftcirculation herbeizuführen. Aus diesem Grunde
erscheint die durch =Fegebeutel= für schwammhaltige und feuchtliegende
Gebäude in Anwendung gebrachte Luftdrainirung unter den vielen
empfohlenen Gegenmitteln als eines der vortheilhaftesten. Unter den
chemisch wirkenden Mitteln, die man zur Vertilgung und Verhütung des
Hausschwammes anzuwenden vorgeschlagen hat, hat sich das holzessigsaure
Eisenoxyd als zweckmässig herausgestellt.
Mehr als auf dem Lande leidet das Holz, das unmittelbar dem Einflusse
des Seewassers ausgesetzt ist; hier aber ist der =Bohrwurm= der
gefährlichste Feind. Dieses Thier, aus der Gattung der zweischaaligen
Weichthiere, bohrt sich in der Jugend mit dem vorn hornartigen Rüssel
in das im Seewasser befindliche Holz (der Pfähle und Schiffe), wächst
im Holze, wird bis 36 Centimeter lang, vergrössert die gebohrte Röhre
und füttert sie mit Kalk aus. Die Bohrwürmer stammen aus den Meeren
heisser Länder; die bekannteste Art, _Teredo navalis_, greift die
unbeschlagenen Schiffe, Holzdämme u. dergl. an, vermag sie ganz zu
durchbohren und Schaden anzurichten. Gegenwärtig sind diese Thiere
seltener geworden und finden sich nur noch vereinzelt in Venedig und an
den holländischen und englischen Küsten.
[Sidenote: Specielles über Holzconservation.]
Die Mittel, welche angewendet worden sind, um die Zerstörung des Holzes
=durch Fäulniss= zu verhüten, beruhen:
1) auf der möglichsten Entfernung des Wassers aus dem Holze vor
seiner Verwendung;
2) auf der Entfernung der Saftbestandtheile;
3) auf der Erhaltung einer Luftcirculation um das Holz;
4) auf der chemischen Veränderung der Saftbestandtheile;
5) auf der Vererzung des Holzes und der allmäligen Entfernung
des Organischen.
[Sidenote: Austrocknen des Holzes.]
1. Ausgetrocknetes Holz erhält sich an einem trocknen Orte lange Zeit
unverändert, zumal, wenn es bei starker Wärme bis zum Braunwerden
getrocknet worden ist. Wenn das Holz aber einem feuchten Raume übergeben
werden soll, muss es vor seiner Verwendung möglichst lufttrocken und
sodann mit einer Substanz überzogen worden sein, welche das Eindringen
der Feuchtigkeit in das Holz verhindert. In diesem Sinne wirkt das
Bestreichen und Tränken des Holzes mit Leinöl, Holz- und
Steinkohlentheer, Torf- und Braunkohlenkreosot und Hydrocarbüren
(Mineralöl). =Hutin= und =Boutigny=, von der Ansicht ausgehend, dass die
Absorption von Feuchtigkeit und zerstörenden Agentien bei dem Holze stets
von dem Hirne ausgehe, schlagen folgende Methode vor, um die an der
Hirnseite des Holzes mündenden Gefässe dauernd zu verstopfen. Man taucht
das entsprechende Ende des Holzstückes (der Eisenbahnschwelle) in einen
flüssigen Kohlenwasserstoff -- Benzin, Petroleum, Photogen, Schieferöl --
und zündet diesen an. Nach dem Verlöschen taucht man das Ende 3-6
Centimeter tief in eine Mischung von Pech, Theer und Gummilack (besser
wol Asphalt) und theert dann das Ganze wie gewöhnlich.
[Sidenote: Entfernung der Saftbestandtheile.]
2. Die Saftbestandtheile bedingen hauptsächlich die Fäulniss des Holzes
und müssen vor der Verarbeitung aus dem Holze entfernt werden. In dieser
Hinsicht kann man schon beim Fällen des Holzes viel wirken. Damit das
Holz die geringste Menge Saft enthalte, muss es in den Wintermonaten,
spätestens im März gefällt werden. Bleiben die gefällten Bäume
unentzweigt auf dem Platze liegen, so schlagen sie im Frühjahre aus und
der grösste Theil der Saftbestandtheile dient zur Vegetation der Blätter.
Es ist demnach zweckmässig, die Stämme erst nach dem Abwelken des Gipfels
wegzufahren und dann wie gewöhnlich zu trocknen. Am vollständigsten
entfernt man die Saftbestandtheile aus dem Holze durch =Auslaugen=
(Auslohen), welches auf dreierlei Weise geschehen kann, nämlich a) mit
kaltem Wasser, b) mit siedendem Wasser, c) mit Dampf.
a) Mit =kaltem Wasser= laugt man das Holz aus, indem man dasselbe
längere Zeit in fliessendes Wasser legt; bei Stämmen soll man das
Wurzelende dem Strome entgegenkehren. Das Wasser durchdringt nach und
nach das Holz und verdrängt den Saft. Aus dem nämlichen Grunde legt der
Schreiner seine grünen Bretter auf das Dach, um sie dem Regen
auszusetzen oder er stellt sie wiederholt in den Regen. Es ist klar,
dass dieses Verfahren, wenn es von Erfolg begleitet sein soll, viel
Zeit erfordert, da das kalte Wasser stärkere Holzstücke nur sehr
langsam durchdringt; das Holz muss daher in einer durch seine
Bestimmung vorgeschriebenen Weise zertheilt werden.
b) Mit =siedendem Wasser= (durch Auskochen) erreicht man die Entfernung
der Saftbestandtheile schneller und vollständiger. Die Holzstücke,
welche hierbei nur von kleinern Dimensionen sein können, werden in
einem eisernen Kessel ausgekocht, in welchem man sie durch irgend ein
einfaches Mittel untergetaucht erhält. Bei grösseren Holzstücken wendet
man mit Wasser angefüllte, grosse, aus Bohlen zusammengefügte Kästen
an, in welchen die Erhitzung der Flüssigkeit durch Wasserdampf
geschieht. Je nach der Dicke der Hölzer ist das Auskochen nach 6-12
Stunden beendigt.
c) Das =Auslaugen mit Dampf= (das Dämpfen des Holzes) ist das
vorzüglichste Verfahren des Auslaugens, das nicht nur, was die
Entfernung der Saftbestandtheile betrifft, den vollkommensten Erfolg
giebt, sondern sich auch hinsichtlich der Beschaffenheit des gedämpften
Holzes, sowol was seine Widerstandsfähigkeit gegen Fäulniss, als seine
sonstigen Eigenschaften wie Festigkeit, Verminderung der
hygroskopischen Eigenschaft anlangt, als sehr brauchbar bewährt hat.
Der zum Dämpfen angewendete Apparat besteht aus dem Dampfkessel zur
Dampferzeugung und einem zum Einlegen des Holzes bestimmten Kasten, der
entweder gemauert und mit Cäment überkleidet oder aus Bohlen
zusammengefügt ist, oder er besteht in einer grossen eisernen Röhre. In
den möglichst dicht zu verschliessenden Kasten leitet man anhaltend
einen Strom Wasserdampf, um durch Verdichtung desselben zu Wasser die
Saftbestandtheile aufzulösen, welche Auflösung (Brühe) durch einen an
dem Kasten angebrachten Hahn abgelassen wird. Die Farbe der ablaufenden
Brühe ist stets dunkel, bei Eichenholz ist sie schwarzbraun, bei
Mahagoni braunroth, bei Lindenholz röthlichgelb, bei Kirschbaum
röthlich etc. Die Operation wird als beendigt angesehen, sobald die
Brühe hell abfliesst. Die Zuführung des Dampfes lässt sich mittelst
eines Hahns in dem Dampfzuleitungsrohr leicht reguliren. Die gedämpften
Hölzer werden an der Luft oder in einer Trockenkammer ausgetrocknet;
sie sind fester und härter, leichter (das Holz verliert durch das
Dämpfen 5-10 Proc. am Gewicht) und zäher als die nicht ausgelaugten
Hölzer, ferner auch von weit dunklerer Farbe. Was die zum Dämpfen
geeignetste Temperatur des Dampfes betrifft, so sind die Ansichten
hierüber getheilt; im Allgemeinen glaubt man, dass eine Temperatur von
100° oder etwas darüber, bereits schädlich auf die Holzfaser einwirke,
und dass Dampf von etwa 60-70° der passendste sei. Mit dem Dämpfen wird
zweckmässig das Theeren des Holzes verbunden, indem man gegen das Ende
der Operation zu dem Wasser im Dampfkessel Steinkohlentheeröl fügt,
dessen Dämpfe zugleich mit denen des Wassers in das Holz gelangen.
Ausser durch Auslaugen hat man die Saftbestandtheile, wenigstens zum
Theil, auch durch =mechanischen Druck= zu entfernen und dadurch das
Holz zugleich zu pressen gesucht. Zu diesem Behufe zieht man die
Bretter zwischen Walzenpaaren hindurch, welche mehr und mehr eng
gestellt werden. Auch durch =Luftdruck= hat man den Saft aus den
Stämmen entfernt, indem man nach =Barlow= an dem einen Ende des Stammes
ein metallenes Gehäuse luftdicht befestigt und in dasselbe mittelst
einer Druckpumpe Luft eintreibt, welche das Holz durchdringt und den
Saft am andern Ende abzufliessen nöthigt. Die beiden letzteren Methoden
sind jedoch umständlich, kostspielig und nicht sicher, und deshalb
keiner allgemeineren Anwendung fähig.
[Sidenote: Luftdrains.]
3. Die Unterhaltung einer Luftcirculation um das Holz durch Anbringung
von =Luftdrains= ist dort, wo die Möglichkeit des Anbringens gegeben
ist, ein vorzügliches Mittel, Holz zu conserviren. Besonders bei
Fussböden ist die Anwendung von Luftdrainirung sehr zu empfehlen, die
Luftzugkanäle stehen auf der einen Seite durch Ventile mit der äussern
Luft, auf der andern Seite mit den Schornsteinen in Verbindung.
[Sidenote: Chemische Veränderung der Saftbestandtheile.]
4. Ein vorzügliches Mittel, um die Zerstörung des Holzes durch Fäulniss
zu verhüten, ist die =chemische Veränderung der Saftbestandtheile=, um
sie dadurch in einen Zustand überzuführen, in welchem sie nicht mehr als
Fermente wirken können. Hierher gehört in gewisser Hinsicht das bekannte
Mittel, Holzwerk, welches der Feuchtigkeit ausgesetzt werden soll, z. B.
in die Erde zu rammende Pfähle, durch Erhitzen oder durch Behandeln mit
concentrirter Schwefelsäure oberflächlich zu verkohlen, wodurch die
Holzbestandtheile bis zu einer gewissen Tiefe zersetzt und ausserdem das
Holz mit einer Schicht von Kohle bedeckt wird, welche schon an und für
sich antiseptisch wirkt. Die =Verkohlung= oder =Carbonisation des Holzes=
geschieht entweder mit Hülfe einer Gasflamme oder einer direct aus
Steinkohle erhaltenen Flamme. Der hierzu dienende Apparat von =de
Lapparent=[134] wird seit 1866 auf den Werften der Marine zu Cherbourg,
neuerdings auch in Pola und Danzig angewendet. Bei einer andern Klasse
von Mitteln wird das Holz in seiner ganzen Masse mit gewissen Stoffen
imprägnirt, die sich entweder mit den Saftbestandtheilen verbinden, oder
dieselben in einer solchen Weise verändern, dass sie nicht mehr der
Fäulniss fähig sind. Von den zahllosen Imprägnationsmethoden, die für
Holz, namentlich für Eisenbahnschwellen, seit etwa zwanzig Jahren in
Vorschlag gebracht worden sind, seien nur folgende vier angeführt, die
eine grössere Verbreitung gefunden haben:
1) =M'Kyan='s conservirende Flüssigkeit ist Quecksilberchloridlösung in
sehr verschiedener Concentration. Für die Eisenbahnschwellen der
englischen Bahnen besteht die Lösung aus 1 Kilogr. Sublimat und 46
Liter Wasser, auf anderen Bahnen aus 1 Kilogr. Sublimat und 80-180
Liter Wasser. Man legt die Schwellen einfach in lange wasserdichte,
hölzerne Tröge, welche die Lösung enthalten und lässt sie im
Verhältniss zu ihrer Dicke längere oder kürzere Zeit darin. Nach
Erfahrungen bei dem Kyanisiren von Eisenbahnschwellen auf der badischen
Bahn soll man
Hölzer von 82 Millimeter Stärke 4 Tage
" " 85-150 " " 7 "
" " 150-180 " " 10 "
" " 180-240 " " 14 "
" " 240-300 " " 18 "
in die Lösung einlegen, welche 1 Kilogr. Sublimat auf 200 Liter Wasser
enthält[135]. Die herausgenommenen Hölzer werden mit Wasser
abgewaschen, mit Reisbesen abgerieben und dann vor Regen und Sonne
geschützt zum Trocknen aufgebaut. Die Wirksamkeit des
Quecksilberchlorides beruht hauptsächlich darauf, dass es mit den
Eiweisssubstanzen des Saftes unlösliche Verbindungen bildet, welche der
Fäulniss widerstehen; es wird nach und nach dabei zu Quecksilberchlorür
(Calomel) reducirt, welches allmälig zum Theil als weisse Auswitterung
an der Oberfläche des Holzes erscheint. Ungeachtet der grössten
Vorsicht, welche man den Arbeitern anempfiehlt, wie sorgfältiges
Waschen der Hände und des Gesichtes gleich nach der Arbeit, Verbinden
von Mund und Nase während derselben, ist es doch kaum möglich,
einzelnen Vergiftungsfällen vorzubeugen, die man indessen durch
sofortigen Genuss von viel Milch am besten von in Wasser eingerührtem
Eiweiss unschädlich macht. Nach englischen Angaben soll man Holzwerk,
das für den Bau von Treibhäusern oder Wohnungen verwendet werden soll,
nicht kyanisiren dürfen, selbst wenn es nachher mit Firniss
überstrichen wird. Zuerst kränkelten und starben zum Theil alle mit dem
kyanisirten Holze in Berührung gekommenen Pflanzen, später zeigte sich
an allen Pflanzen im ganzen Treibhause jahrelang der nachtheilige
Einfluss.
[134] Jahresbericht der chem. Technologie 1868 p. 707.
[135] Im Grossherzogthum Baden werden immer noch jährlich gegen
300 Ctr. Quecksilberchlorid (im Werthe von 60,000 fl.) zum
Kyanisiren verbraucht (1870).
=Erdmann= hat das Unzureichende des Kyanisirens nachgewiesen und
gezeigt, dass die Sublimatlösung nicht sehr tief eindringt und daher
das Holz zwar vor dem Anfaulen von aussen, aber nicht vor der im Innern
vor sich gehenden Verstockung schützt. Man hat deshalb in England
versucht, das Kyanisiren dadurch intensiver zu machen, dass man das
Holz in luft- und wasserdichte Tröge einschloss und die Sublimatlösung
nach dem Auspumpen der Luft durch Druck einpresste. Das Kyanisiren ist
auf jeden Fall die kostspieligste Imprägnationsmethode. Neuerdings hat
man anstatt des reinen Quecksilberchlorids ein Doppelsalz von der
Formel HgCl_{2} + KCl zum Kyanisiren vorgeschlagen. Man erhält dasselbe
durch Zersetzen einer Lösung von Carnallit mit Quecksilberoxyd.
2) =Burnett='s Patent (1840) schreibt 1 Kilogr. Chlorzink auf 90 Liter
Wasser vor. Burnettirte Stämme, fünf Jahre in sumpfiges Erdreich
eingegraben gewesen, zeigten nicht die geringste Veränderung, während
andere, unpräparirte, völlig zerstört waren. Das Chlorzink ist als
Imprägnationsmittel der Bahnschwellen auf vielen deutschen Eisenbahnen
in Anwendung. Neben dem Chlorzink wird vielfach der Kupfervitriol und
das holzessigsaure Zinkoxyd (nach =Scheden='s Vorschlag) zur
Conservirung des Holzes angewendet. Die Wirksamkeit der Kupfer- und
Zinksalze ist dadurch zu erklären, dass sich im Innern des Holzes durch
Ausscheidung von basischem Salz und durch Verbindung des Metalloxydes
mit Farbstoffen, Gerbsäure, Harz u. s. w. unlösliche, die Holzfaser
einhüllende Verbindungen bilden.
3) =Bethell='s (1838) patentirtes Verfahren besteht im Einfiltriren
einer unter dem Namen =Gallotin= in den Handel gebrachten Mischung von
Theer, Theeröl und Carbolsäure, unter Anwendung starken Druckes. Auf
der Londoner Weltausstellung des Jahres 1851 waren Eisenbahnschwellen
ausgestellt, die 11 Jahre in der Erde verweilt hatten, ohne sich zu
verändern; andere Stücke waren vier Jahre in der See und hatten sich
gut gehalten, während die nicht zubereiteten Hölzer von den
Bohrmuscheln sehr übel zugerichtet worden waren. =Vohl= verwendet zum
Tränken des Holzes Torf- und Braunkohlenkreosot, =Leuchs= Paraffin. Das
Kreosotiren von Grubenhölzern ist seiner Feuergefährlichkeit wegen
vielfach von den Behörden untersagt. Für die =Eisenbahnschwellen= hat
sich das =Kreosotiren= auf vielen Bahnen als die vortrefflichste
Conservationsmethode bewährt!
4) =Methode von Payne.= Dieser nahm zwei Patente (das erste 1841).
Beiden liegt der nämliche Gedanke zu Grunde, nämlich das Holz zuerst
mit der Lösung eines Salzes zu imprägniren, dann die Lösung eines
zweiten Salzes nachfolgen zu lassen, welches mit dem ersten einen
Niederschlag bildet. In den Flüssigkeiten selbst machte =Payne=
Veränderungen. Er wählte zuerst Eisenvitriol- oder Alaunlösung und
liess Chlorcalcium- oder Sodalösung nachfolgen. Später aber bediente er
sich auflöslicher Schwefelmetalle (Schwefelcalcium oder
Schwefelbarium), und als zersetzender Flüssigkeit der Schwefelsäure
oder des Eisenvitriols. Das zu imprägnirende Holz kommt in ein Gefäss,
welches luftleer gemacht und dann mit der ersten Salzlösung angefüllt
wird, deren Eindringen ins Holz man noch durch Druck befördert; ebenso
wird, nach Entfernung der ersten, die zweite Salzlösung eingepresst. In
einigen Fällen ist es nöthig, das Holz zwischen dem Imprägniren mit den
zweierlei Flüssigkeiten ganz oder theilweise zu trocknen. Das
=Payne='sche Verfahren, welches bei mehreren grossen Gebäuden in
England in Anwendung gekommen ist, hat ausser der Verwahrung gegen
Fäulniss noch den Zweck, das Holz weniger brennbar zu machen. Denselben
Zweck verfolgen =Buchner= und =v. Eichthal= durch Imprägniren des
Holzes mit Eisenvitriol und dann mit einer Lösung von Wasserglas,
wodurch die Poren des Holzes mit Ferrosilicat ausgefüllt werden.
=Ransome= suchte dasselbe durch Imprägniren mit Wasserglas und darauf
folgende Tränkung mit einer Säure zu erreichen. Man findet hier und da
die Angabe, dass das Behandeln des Holzes nach vorstehenden Methoden
sehr gute Resultate geliefert habe. Wir gestehen, dass dies uns
unbegreiflich erscheint. Der Niederschlag durch wechselseitige
Zersetzung muss sich an der Peripherie des Holzes zuerst bilden und so
gewiss ein Hinderniss abgeben für weiteres Eindringen derselben. Der
von mir 1862 gemachte Vorschlag, Hölzer dadurch zu conserviren, dass
man sie mit unlöslichen Seifen wie Aluminiumoleat, Kupferoleat und
dergl. imprägnirt, hat im Kleinen gute Resultate ergeben.
[Sidenote: Vererzung des Holzes.]
5. Wenn man mit den Namen mineralisirtes, petreficirtes, metallisirtes,
incrustirtes Holz mit irgend einer anorganischen Substanz imprägnirte
Hölzer überhaupt bezeichnet, so verdient doch diesen Namen in der That
nur ein solches Holz, dessen Poren dergestalt mit Mineralsubstanzen
angefüllt sind, dass eine =Vererzung des Holzes=, ein Zurückdrängen des
Organischen stattgefunden hat. Diese sogenannte Vererzung des Holzes
geschieht durch Zusammenbringen desselben mit einer schwefelkiesreichen
Kohle, deren Schwefelkies (Vitriolkies) durch Verwitterung in
Eisenvitriol übergeht. In Folge der Hygroskopicität der Kohle, sowie
durch auffallenden Regen löst sich nach und nach der Eisenvitriol auf,
dringt nach und nach in das Holz ein, wodurch mit der Zeit durch Bildung
von basischem Ferrisulfat eine Vererzung des Holzes erreicht wird. Der
Werth dieses ursprünglich von =Strützki= (1834) herrührenden, später von
=Apelt= in Jena empfohlenen Verfahrens ist ein sehr zweifelhafter, da
=Kuhlmann= in neuerer Zeit (1859) den zerstörenden Einfluss des
Eisenoxydes auf Holzfaser in das klarste Licht gesetzt hat. Das mit
basischem Ferrisulfat imprägnirte Holz ist nach einer gewissen Zeit
sicher kein Holz mehr.
[Sidenote: Boucherie's Imprägnationsmethode.]
6. =Boucherie='s Imprägnationsmethode. Um das Holz vollständig und bis
in das Innere der Faser mit solchen Stoffen zu imprägniren, welche das
Holz vor der Zerstörung schützen, benutzt =Boucherie= die Kraft, mit
welcher der Holzsaft in einem lebenden Baume von der Wurzel in alle
Theile des Baumes getrieben wird. Wenn man einen Baum fällt und
denselben sofort mit dem untern Ende in eine Lösung des Salzes, das zum
Tränken des Holzes dienen soll (Kupfervitriol, holzessigsaures Eisen)
stellt, so ist nach einigen Tagen das Holz von dem Salze durchdrungen.
Später hat man versucht, die gefällten Hölzer aufrecht zu stellen und
durch aufgesetzte trichterartige Säcke von getheerter oder mit
Kautschuk überzogener Leinwand die Salzlösung hinein zu giessen, welche
durch hydrostatischen Druck den Saft verdrängt und dessen Platz
einnimmt. Anstatt der Salze, die dem Holze nur Dauer verleihen sollen,
wendet man auch färbende Substanzen an, um dem Holze für
Schreinerzwecke verschiedene Färbung und das Aussehen fremden Holzes zu
geben; so giebt holzessigsaures Eisen dem Holze eine braune Färbung;
lässt man auf die Absorption der Eisenflüssigkeit die einer gerbenden
Flüssigkeit folgen, so färbt sich die Holzmasse grau oder blauschwarz.
Unter unsern Holzarten ist die Platane eine derjenigen, welche für
derartige Färbungen am geeignetsten ist. Störend ist hierbei, dass die
Imprägnirungsflüssigkeit das Holz nicht immer gleichmässig durchdringt
und so undurchdrungene, ungefärbte Stellen entstehen. Ausser der
Platane und Linde werden Buche, Weide, Ulme, Erle, Birnbaum beim
Behandeln nach =Boucherie= vollständig durchdrungen, nicht im Kerne,
sondern nur im Splinte werden imprägnirt Tanne, Fichte, Eiche. Esche,
Pappel und Kirschbaum gestatten der Imprägnationsflüssigkeit fast
keinen Eintritt.
Der Tabak.
[Sidenote: Der Tabak.]
Das zum Rauchen, Schnupfen und Kauen angewendete Material kommt von
verschiedenen einjährigen Pflanzen aus dem Geschlecht _Nicotiana_, der
Familie der Solaneen angehörig, die noch bis zum 52° nördlicher Breite
cultivirt werden, ursprünglich aber in den warmen Erdstrichen einheimisch
sind. Die besten Tabaksorten sind die amerikanischen, namentlich die aus
den südlichen Staaten Nordamerikas, Maryland, Virginien u. a., aus
Varinas in dem Staate Orinoko, aus der Havanna auf Cuba, von Portorico u.
s. w. Von den europäischen Tabaksorten sind zu erwähnen die
holländischen, ungarischen, türkischen, französischen und Pfälzer Tabake.
In Europa cultivirt man drei botanisch von einander verschiedene Arten
des Tabaks. Sie sind:
1) der gemeine oder virginische Tabak (_Nicotiana tabacum_), mit
grossen lanzettförmigen Blättern, welche dicht an dem Stengel
stehen, sich in der Hälfte meist umbiegen, während die Rippen
breit und mit spitz ablaufenden Nebenrippen versehen sind;
2) der Marylandtabak (_Nicotiana macrophylla_), mit breiteren und
nicht so zugespitzten Blättern wie die des gemeinen Tabaks;
3) der Bauern- oder Veilchentabak (_Nicotiana rustica_) zeichnet sich
durch seine eirunden, blasigen, mit längerem Stiele versehenen
Blätter und durch seine grüngelben, kürzeren Blüten von jeder
anderen Art aus.
Die Güte des Tabaks ist abhängig vom Klima, von der Beschaffenheit des
Bodens und des Samens, das Gedeihen der Pflanzen von der Lage der Felder
etc. Nächst dem Weinstock giebt es wohl kein Bodenerzeugniss, bei welchem
der Einfluss der Cultur ein so ganz enormer ist als beim Tabaksbau.
Dieser Einfluss ist um so mehr in Betracht zu ziehen, als der Tabak in
vielen Gegenden Deutschlands zu den Hauptquellen des Erwerbes und
Wohlstandes gehört.
Nach neueren Untersuchungen enthält der Tabak folgende Körper:
{ Kali
{ Kalk
Mineralbasen { Magnesia
{ Eisen- und Manganoxyd
{ Ammoniak
{ Salpetersäure
Mineralsäuren { Salzsäure
{ Schwefelsäure
{ Phosphorsäure
Organische { Nicotin
Base {
{ Aepfelsäure (Tabaksäure?)
{ Citronensäure
Organische { Essigsäure
Säuren { Oxalsäure
{ Pektinsäure
{ Ulminsäure
Andere { Kieselerde
Mineralkörper { Sand
{ Nicotianin
Andere organische { grünes und gelbes Harz
Körper { Wachs oder Fett
{ stickstoffhaltige Substanzen
{ Cellulose
[Sidenote: Chemischer Bestand der Tabaksblätter.]
Unter den Bestandtheilen der Tabaksblätter finden sich mithin als
charakteristische drei, nämlich das Nicotianin, das Nicotin und die
Tabaksäure. Das =Nicotianin= oder Tabakskampher ist eine fettartige
Substanz, welche den angenehmen Geruch des Tabakdampfes und einen
bittern, aromatischen Geschmack besitzt. Dieser Körper ist noch
unvollständig untersucht. Der Ansicht der Tabakfabrikanten zufolge ist
diejenige Tabaksorte die vorzüglichste, welche das meiste Nicotianin
enthält[136]. Das =Nicotin= (C_{10}H_{14}N_{2}) ist eine organische Base
und erscheint im reinen Zustande als farbloses Oel von betäubendem
Tabaksgeruch und ätzendem Geschmack, das sich in Wasser, Weingeist,
Aether und Oelen auflöst. Es ist, schon in kleiner Gabe eingenommen, ein
tödtliches Gift; schon in sehr geringer Menge wirkt es heftig auf die
Bewegungsnerven und erzeugt Convulsionen und später Lähmung. Die
Quantität des Nicotins in den Tabakblättern scheint zu der Qualität in
keinerlei Beziehung zu stehen. =Schloesing= hat den Nicotingehalt vieler
französischer und amerikanischer Tabaksorten ausgemittelt. Es enthalten
nach ihm 100 Th. trockner entrippter Tabak aus:
Nicotin:
dem Depart. Lot 7,96
" " Lot-et-Garonne 7,34
" " Nord 6,58
" " Ille-et-Vilaine 6,29
Pas de Calais 4,94
dem Elsass 3,21
Virginien 6,87
Kentucky 6,09
Maryland 2,29
Havanna weniger als 2,0
(Trockner Schnupftabak enthält ungefähr 2 Proc. Nicotin, durchschnittlich
im nicht getrockneten Zustande 33 Proc. Wasser, was den Nicotingehalt auf
1,36 Proc. herabdrückt.) Das Nicotin ist in dem Tabak in Form eines
Salzes enthalten. Die charakteristische Säure des Tabaks ist die
Tabaksäure C_{3}H_{4}O_{4}, die grosse Aehnlichkeit mit der Aepfelsäure
hat und nach neueren Untersuchungen (vielleicht) mit ihr identisch ist.
Ausser diesen Stoffen enthalten die Tabaksblätter eiweissartige
Bestandtheile, Holzfaser, Gummi, Harz. Die Tabaksblätter sind sehr reich
an mineralischen Bestandtheilen; die Quantität derselben beträgt 19-27
Proc. vom Gewicht der trocknen Blätter. =Merz= fand 23,33 Proc. Asche von
einer Tabaksorte aus der Gegend zwischen Nürnberg und Erlangen. 100 Th.
dieser Asche enthielten 26,96 Kali, 2,76 Natron, 39,53 Kalk, 9,61
Magnesia, 9,65 Chlornatrium, 2,78 Schwefelsäure, 4,51 Kieselerde, 4,20
Ferriphosphat. In jeder Tabakssorte findet sich endlich auch
Kaliumnitrat, dessen Menge jedoch zur Verbrennlichkeit des Tabaks in
keiner Beziehung steht.
[136] Möglicherweise ist das Nicotianin mit dem =Cumarin=
(C_{9}H_{8}O_{2}), einem Stoffe identisch, der in den Tonkabohnen
(_Dipterix odorata_), im Waldmeister (_Asperula odorata_), im
_Melilotus officinalis_ und _Anthoxanthum odoratum_, sowie in den
Fahamblättern (_Angraecum fragrans_) und den Blättern von
_Liatris odoratissima_ (aus der Familie der Asteraceen) sich
findet. Daher vielleicht auch instinctmässig die Anwendung der
Tonkabohnen zum Aromatisiren des Tabaks und die des Melilotus zum
Beimengen des Rauchtabaks, wie es in Ungarn häufig geschieht.
Vielleicht hat die in der neueren Zeit ausserordentlich in
Aufnahme gekommene, aber sorgfältigst geheim gehaltene Anwendung
der aus Harn bereiteten Benzoësäure bei der Tabaksfabrikation den
Zweck, ein Surrogat für den geringen Nicotianingehalt der
schlechteren Tabaksorten abzugeben.
[Sidenote: Tabakfabrikation.]
Man verlangt von einem guten =Rauchtabak=, dass sein Rauch einen
angenehmen Geruch besitze und nicht knellere, auf der Zunge kein
beissendes Gefühl hervorbringe, endlich nicht zu stark sei. Das frische
getrocknete Tabaksblatt kann diesen Anforderungen nicht genügen, da es
reich an eiweisshaltigen Bestandtheilen ist, die beim Brennen einen
widrigen Geruch nach verbranntem Horn erzeugen, da ferner der grosse
Gehalt an Nicotin Unbehaglichkeiten beim Rauchen hervorrufen würde. Der
Zweck der Zubereitung der Tabakblätter ist demnach, die eiweisshaltigen
Stoffe zu zerstören, den grossen Nicotingehalt herabzudrücken, das Parfüm
des Tabaks zu entwickeln, und endlich den Blättern die zur Benutzung als
Rauch- und Schnupftabak geeignete Form zu geben. Das Wesentliche bei der
Zubereitung der Tabaksblätter ist eine bei 35° vor sich gehende Gährung,
durch welche die im feuchten Zustande auf Haufen geschlagenen Blätter den
grössten Theil der eiweissartigen Bestandtheile verlieren, dagegen
angenehm riechende, durch die Gährung entwickelte Stoffe aufnehmen. Der
Fabrikant kommt dem Gährungsprocess durch die sogenannte =Sauce= zu
Hülfe, mit welchem Namen das Befeuchtungswasser der Blätter bezeichnet
wird. Eine vollständige Theorie des Processes der Tabaksfabrikation ist
zur Zeit nicht möglich. Bei der Ernte des Tabaks legt man die Blätter zu
10-12 Stück übereinander, die Blätterhaufen werden an einen trockenen Ort
gebracht, mit einem Tuch bedeckt und so lange liegen gelassen, bis sie
anfangen zu schwitzen. Sodann hängt man die einzelnen Blätter zum
Trocknen an Schnüren auf, wickelt dann um ungefähr 30 Blätter ein Blatt,
um eine sogenannte =Decke= zu erhalten, und presst den Tabak in dieser
Gestalt in grosse Fässer, in welchen er sich etwas erwärmt. Darauf
besprengt man die Blätter mit Salzwasser, und lässt sie, aufeinander
gelegt, bis zur Erwärmung liegen. Das Besprengen und Hinlegen wird so
lange wiederholt, als der Tabak sich noch merklich erwärmt. Man trocknet
ihn nun vollständig an der Luft, und presst ihn nicht selten auf mehrere
Jahre in Fässer ein.
[Sidenote: Rauchtabak.]
Behufs der Rauchtabakfabrikation werden die Blätter =sortirt=, d. h.
diejenigen Blätter zusammengebracht, die gleiche Farbe und gleiche Dicke
haben. Nach dem Sortiren werden die dickeren Rippen ausgeschnitten (die
Blätter =entrippt=), weil dieselben als wesentlich aus Holzfaser
bestehend, beim Rauchen Holzrauch entwickeln würden. Sodann werden die
Blätter =saucirt= oder =gebeizt=, d. h. mit einer besonders zubereiteten
Sauce getränkt, die wesentlich aus Salzen (Kochsalz, Salpeter, Salmiak,
salpetersaurem Ammoniak), zuckerhaltigen, weingeistigen und
organisch-sauren, sowie gewürzhaften Substanzen besteht. Die Salze dienen
zur Beförderung der Haltbarkeit und des langsameren Verbrennens, die
übrigen Körper hauptsächlich zur Bildung jener angenehm riechenden
Aether, die nicht unpassend mit der Blume des Weins verglichen worden
sind. Die saucirten Blätter lässt man in Fässern gähren, sodann bei
mässiger Wärme auf Horden trocknen und auf der Schneidemaschine
zerschneiden. Der unzerschnittene gesponnene Tabak führt den Namen
=Rollentabak=. Eine sehr beliebte Form des Rauchtabaks ist die =Cigarre=,
die aus der Einlage und dem Deckblatt besteht. Die Eigenschaft der
Cigarren, durch das =Ablagern= an Güte zu gewinnen, scheint nicht sowol
auf dem vollständigeren Austrocknen, als vielmehr auf einer Art
Nachgährung zu beruhen, durch welche die Güte beeinträchtigende
Substanzen zerstört und andere vortheilhaft einwirkende gebildet werden.
Beim Rauchen erhält der Rauchende ausser den Produkten der Verbrennung
des Tabaks (Kohlensäure, Wasser und etwas Ammoniak) auch die Produkte
der trocknen Destillation in den Mund, welche letztere dem Tabakrauche
das Charakteristische geben. Eine genaue Kenntniss dieser Produkte geht
uns zur Zeit noch ab, so viel ist aber ausgemacht, dass in dem Rauche
die Dämpfe des Nicotianins und des Nicotins enthalten sind. =Zeise=
fand als Bestandtheile des Tabakrauches ein eigenthümliches Brandöl,
Buttersäure, Kohlensäure, Ammoniak, Paraffin, Brandharz, so wie
wahrscheinlich etwas Essigsäure, ferner Kohlenoxyd und
Kohlenwasserstoffgase. Es ist bemerkenswerth, dass Kreosot und
Carbolsäure sich beim Rauchen des Tabaks durchaus nicht bilden; aus
diesem Grunde ist vielleicht der Tabakrauch weit weniger scharf,
namentlich die Augen weit weniger angreifend, als der Holzrauch. Es
wurde zur Untersuchung Portorico verwendet. Die Untersuchung von
=Zeise=, so genau sie auch ausgeführt zu sein scheint, lehrt uns doch
den Träger des aromatischen Geruches vieler Sorten von Rauchtabak und
Cigarren nicht kennen; es mag indessen wol sein, dass bei dem Tabak
ähnlich wie bei dem Weine, diejenigen Stoffe, die gerade hinsichtlich
des Geruches und Geschmackes die maassgebenden sind, durch chemische
Operationen und Reactionen kaum nachgewiesen werden können. Auf jeden
Fall sind in dem Tabakrauche gepaarte Ammoniake enthalten, so das
Anilin (zu dessen Bildung während der trocknen Destillation die
Bedingungen, Carbolsäure als Zersetzungsprodukt der Cellulose und
Ammoniak reichlich vorhanden sind), dessen Geruch in sehr verdünntem
Zustande eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit dem des Rauches
guter Tabaksorten hat.
Die _Verbrennlichkeit_ einer Tabaksorte steht in keiner Beziehung zum
Salpetersäuregehalt, denn während der daran reiche Kentucky schlecht
brennt, ist der daran arme Java, Maryland, brasilianische und
ungarische Tabak leicht verbrennlich. Die Verbrennlichkeit des Tabaks
in ihren verschiedenen Graden ist kürzlich von =Schloesing= zum
Gegenstand einer Untersuchung gemacht worden. Es hat sich dabei
ergeben, dass der im Wasser lösliche Theil der Asche eines
verbrennlichen Tabaks stets Kaliumcarbonat enthält und zwar um so mehr,
je verbrennlicher der Tabak ist; der Auszug der Asche von nicht
verbrennlichem, d. h. verkohlendem Tabak enthält kein Kaliumcarbonat,
sondern nur Kaliumsulfat und Chlorkalium. Ein nicht verbrennlicher
Tabak wird verbrennlich, wenn man ihn mit der Lösung eines Kaliumsalzes
einer organischen Säure (Aepfelsäure, Citronensäure, Oxalsäure,
Weinsäure) behandelt und dann trocknet; ein verbrennlicher Tabak wird
dagegen unverbrennlich, wenn man ihn Calciumsulfat oder Chlorcalcium
oder die entsprechenden Magnesium- und Ammonverbindungen einverleibt.
Der Grund davon scheint darin zu liegen, dass die Kaliumsalze der
organischen Säuren beim Verkohlen eine voluminöse, wenig
zusammenhängende und sehr poröse Kohle liefern, die leicht verbrennt,
während die Kohle der Calciumsalze der organischen Säuren, unter
gleichen Verhältnissen gebildet, wenig voluminös und fest ist und nur
schwierig verbrennt.
[Sidenote: Schnupftabak.]
Die Blätter zur Fabrikation des =Schnupftabaks= werden auf ähnliche Weise
sortirt und saucirt wie die zu Rauchtabak. Zur Bereitung der Sauce wendet
man vorzugsweise Ammoniaksalze und aromatische Körper an. Die saucirten
Blätter werden, nachdem sie eine erste Gährung durchgemacht haben, zu
=Carotten= zusammengeschnürt und diese dann gemahlen (=rappirt=). Der
rappirte Tabak wird gesiebt und dadurch in gröbere und feinere Sorten
gebracht. Nach dem Sieben wird er angefeuchtet und häufig noch einer
zweiten Gährung unterworfen. Im Schnupftabak ist das Nicotin (circa 2
Proc.) theils frei, theils als neutrales oder basisches (wahrscheinlich
essigsaures) Salz vorhanden; das Ammoniak ist darin ebenfalls an eine
Säure gebunden; beiden Salzen verdankt der Schnupftabak seine reizende
Wirkung auf die Nasenschleimhaut. Um das Austrocknen des Schnupftabaks zu
verhüten, erhält derselbe zuweilen einen Zusatz von Glycerin.
Der Zweck der Gährung in der Schnupftabaksfabrikation scheint zu sein
1) die Bildung eines Fermentöls oder einer Aetherart, welcher der
Schnupftabak sein Aroma verdankt; 2) die Vernichtung eines Theiles
(2/3) des Nicotins des Tabaks, ohne welche der Schnupftabak eine zu
energische Wirkung auf den Organismus ausüben würde; 3) das Hervorrufen
der alkalischen Beschaffenheit, bedingt durch die theilweise Zersetzung
der organischen Säuren des Tabaks; 4) die Entwickelung des specifischen
Tabakgeruches durch sich bildende Dämpfe von kohlensaurem Ammoniak (und
wahrscheinlich Ammoniakbasen wie Aethylamin) und Nicotin; 5) die
Umwandlung der stickstoffhaltigen Bestandtheile des Tabaks in Ammoniak,
wodurch der Verlust an Ammoniak durch Verflüchtigung desselben
ausgeglichen wird, und in schwarze Substanzen (Humuskörper), welchen
der Schnupftabak seine dunkelbraune Farbe verdankt.
Technische Anwendung der ätherischen Oele und Harze.
[Sidenote: Aetherische Oele und Harze im Allgemeinen.]
[Sidenote: Darstellung der ätherischen Oele.]
[Sidenote: Florentiner Flasche.]
Die =ätherischen Oele= und =Harze= kommen meist fertig gebildet in der
Natur vor. Die ersteren ertheilen den Pflanzen den ihnen eigenthümlichen
Geruch. Das ätherische Oel findet sich in den Pflanzen in Zellen
eingeschlossen, daher kommt es, dass der Geruch nach dem Zerquetschen der
Pflanze deutlicher hervortritt. Zwischen den Fingern fühlen sie sich
nicht fettig wie die fetten Oele, sondern rauh an. Eine grosse Anzahl
ätherischer Oele hat die Eigenschaft, aus einer ammoniakalischen
Silberlösung das Silber als einen Silberspiegel abzuscheiden, daher
früher ihre Anwendung zur Spiegelversilberung (vergl. S. 322). Die
ätherischen Oele werden auf verschiedene Weise, meist aber dadurch
erhalten, dass man die betreffenden Pflanzentheile mit Wasser destillirt.
Obgleich der Siedepunkt dieser Oele weit über dem Wasser liegt, so wird
doch durch die Wasserdämpfe das ätherische Oel mit fortgerissen. Oele mit
sehr hohem Siedepunkte pflegt man mit Kochsalz durch Destillation aus den
Pflanzentheilen abzuscheiden. Zur Trennung des überdestillirten Oeles von
dem mit übergegangenen Wasser bedient man sich der bekannten =Florentiner
Flasche=. Auf diese Weise gewinnt man das Anis-, Kamillen-, Kümmel-,
Lavendel-, Pfeffermünz-, Nelken-, Zimmt-, Rosmarinöl u. s. w. Das
Terpentinöl wird durch Destillation des Terpentins mit Wasser gewonnen.
[Sidenote: Darstellung durch Auspressen.]
[Sidenote: Unter Mitwirkung des Wassers.]
[Sidenote: Ausziehen mittelst fetter Oele.]
[Sidenote: Eigenschaften der ätherischen Oele und Anwendung derselben.]
Einige ätherische Oele, die in den betreffenden Pflanzentheilen in
grossen Mengen enthalten sind, stellt man durch Auspressen dar, dies ist
der Fall bei dem Citronen-, Bergamott-, Pomeranzen- und Apfelsinenöl.
Während die meisten ätherischen Oele schon durch den Vegetationsprocess
entstanden sind, giebt es einige, die sich aus den Pflanzentheilen erst
bei der Berührung und Destillation mit Wasser bilden. Zu diesen gehört
das =Bittermandelöl=, das sich unter dem Einflusse des Wassers aus dem
Amygdalin unter Mitwirkung einer eiweissartigen Substanz, der Synaptase
oder des Emulsins bildet, ferner das =Senföl=, das man auch durch
Destillation von Jodpropyl mit Schwefelcyankalium künstlich darstellt u.
s. w. Gewisse ätherische Oele, die nur in sehr geringer Menge vorhanden
sind, zieht man durch Digestion der Vegetabilien mit fettem Oele aus; auf
diese Weise extrahirt man Jasmin, Veilchen, Hyacinthen u. s. w. Die
ätherischen Oele sind in Wasser etwas löslich; solche Lösungen bilden die
=destillirten Wässer= der Pharmaceuten; einige derselben, wie das
Orangenblütenwasser (_Eau de fleurs d'oranger_) und das
Bittermandelwasser finden ausserdem in der Parfümerie und in der
Kochkunst Anwendung. Die ätherischen Oele sind in Alkohol löslich und
zwar in um so grösserer Menge, je mehr das Oel Sauerstoff enthält. Auf
dieser Eigenschaft beruht ihre Anwendung in der =Parfümerie= und in der
=Liqueurfabrikation=.
[Sidenote: Parfümerie.]
Die =Parfümerie= beschäftigt sich mit der Darstellung von =riechenden
Wässern= (_Esprits_, _eaux de senteur_), =Duftextracten= (_extraits
d'odeur_), der =parfümirten Fette= u. s. w. Die =riechenden Wässer=
bestehen aus einer Lösung verschiedener ätherischer Oele in Alkohol. Der
dazu angewendete Alkohol muss fuselfrei und ohne allen fremden Beigeruch,
die ätherischen Oele von bester Qualität sein. Es ist am passendsten, die
Oele nur in dem Alkohol zu lösen und die Lösung monatelang vor dem
Gebrauche lagern zu lassen. Die früher gebräuchliche Destillation ist
nicht nur nicht nothwendig, sondern auch sogar nachtheilig, da des
höheren Siedepunktes wegen ein Theil der ätherischen Oele in der
Destillirblase zurückbleibt. Die _Eau de mille fleurs_ wird dargestellt
durch Auflösen von 60 Grm. Perubalsam, 120 Grm. Bergamottöl, 60 Gr.
Nelkenöl, 15 Gr. Neroliöl, 15 Gr. Thymianöl in 9 Liter Alkohol und Zusatz
von 4 Liter Orangenblütenwasser und 120 Gr. Moschustinctur, die man durch
Digestion von 15 Gr. Zibeth und 75 Gr. Moschus mit 2 Liter Alkohol
dargestellt hat. -- _Eau de Cologne_ erhält man durch Auflösen von 32 Gr.
Orangeschalenöl, einer gleichen Menge Bergamottöl, Citronenöl, _Essence
de Limette_, _Essence de petits grains_ 16 Gr., _Essence de Cedro_, einer
gleichen Menge _Essence de Cedrat_, _Essence de Portugal_, 8 Gr. Neroliöl
und 4 Gr. Rosmarinöl in 6 Litern Alkohol.
[Sidenote: Chemische Parfüms.]
Die =Duftextracte= (_extraits d'odeur_) werden meist durch Ausziehen der
vorher mit den Düften frischer Blumen beladenen fetten Oele und Fette mit
Alkohol dargestellt. -- In der neueren Zeit hat man (nach dem Vorschlage
von =Döbereiner=) auch künstlich dargestellte Verbindungen in der
Parfümerie angewendet, so eine alkoholische Lösung von Amylacetat unter
dem Namen =Birnöl= (_pear-oil_), Amylvalerat als =Aepfelöl=
(_apple-oil_), Amylbutyrat als =Ananasöl= (_pine apple-oil_),
Aethylpelargonat als =Quittenöl=, Aethylsuberat als =Maulbeeressenz=. Als
=künstliches Bittermandelöl= kommt Nitrobenzol, gemengt mit Nitrotoluol
vor, das im minder reinen Zustande als _Essence de Mirbane_ bezeichnet
und in grosser Menge zu Zwecken der Parfümerie, in noch grösserer aber
als Material der Anilinbereitung dargestellt wird. -- Die =parfümirten
Fette= (Pommaden) erhält man in der feineren Parfümerie entweder durch
=Infusion=, indem man die Blüten mit warmem fetten Oel oder Fett von etwa
65° digerirt, oder durch kalte Parfümirung des Fettes durch Schichtung
desselben mit den Blüten (_enfleurage_). Häufig stellt man sie auch aus
Rindsmark oder aus Schweinefett dar, indem man dieselben schmilzt und
während des Erkaltens einige Tropfen des ätherischen Oeles hinzurührt.
[Sidenote: Liqueurfabrikation.]
Der Zweck der =Liqueurfabrikation= ist, Branntwein durch Zusatz von
Zucker oder Glycerin und aromatischen Körpern in ein dem Gaumen
angenehmeres Getränk zu verwandeln. Man unterscheidet =feine Liqueure=
(Rosoglio) und =ordinäre= (Aquavite), je nachdem zu ihrer Herstellung
vorzüglich reine Materialien angewendet worden sind oder nicht. Die mit
viel Zucker versetzten ölartigen Liqueure heissen =Crêmes=, die mit
ausgepressten Fruchtsäften, Zucker und Weingeist dargestellten =Ratafia=.
Die Basis der Liqueurfabrikation ist ein völlig fuselfreier Weingeist
oder Branntwein; die Vegetabilien, welche man zur Darstellung der
Liqueure benutzt, lassen sich in drei Abtheilungen bringen. Die =erste=
Abtheilung umfasst Pflanzensubstanzen, die nur wegen ihres Gehaltes an
ätherischem Oele Anwendung finden wie Kümmel- und Anissamen,
Wachholderbeeren, Pfeffermünze, Citronenschalen, Orangenblüten und
bittere Mandeln. Ueber diese Substanzen wird der Branntwein
abdestillirt. Meist wendet man indessen jetzt, anstatt den Branntwein
zu destilliren, Lösungen der käuflichen ätherischen Oele (Kümmelöl,
Anisöl etc.) in Weingeist an und nennt das letztere Verfahren die
Fabrikation auf kaltem Wege. Die =zweite= Abtheilung enthält diejenigen
Vegetabilien, die sowohl wegen des ätherischen Oeles, als auch wegen
ihres Gehaltes an bitteren aromatischen Stoffen Anwendung finden, es
sind dies z. B. die Wurzeln des Calmus, Enzian, Zittwer,
Orangenschalen, unreife Pomeranzen, Wermuth, Nelken, Zimmt, Vanille.
Diese Pflanzensubstanzen werden mit Branntwein oder Spiritus übergossen
entweder in der Kälte macerirt oder bei 50-60° digerirt (aber nicht
destillirt). Der Auszug führt den Namen Tinctur. Die =dritte=
Abtheilung umfasst diejenigen Früchte, deren Saft zur Fabrikation der
Ratafia Anwendung findet; hierzu gehören Kirschen, Ananas, Erdbeeren,
Himbeeren u. s. w. Der Saft dieser Früchte wird mit Spiritus versetzt
und versüsst. -- Zum Versüssen der Liqueure wendet man eine Auflösung
von 4 Pfund Zucker in 1 Liter Wasser, die vorher aufgekocht und mit
Eiweiss geklärt worden ist, an. Es ist rathsam, die Zuckerlösung
siedend mit der weingeistigen Flüssigkeit zu mischen. Der Procentgehalt
an Alkohol, den man den Liqueuren giebt, ist 46 bis 50 Proc. Um die
Liqueure für das Auge angenehm zu machen, ertheilt man ihnen häufig
eine Färbung, und zwar =roth= durch Sandelholz und Cochenille oder
(arsenfreies) Anilinroth, =gelb= durch Safflor, Ringelblumen und
Curcuma, =blau= durch Indigtinctur, =grün= durch Mischen von gelb und
blau, =violett= durch Anilinviolett. Die durch Digestion dargestellten
Liqueure färbt man zuweilen durch Zuckercouleur dunkler braun. Die
=Crêmes= enthalten auf das Liter Flüssigkeit etwa 1 Pfund Zucker oder
eine entsprechende Menge von Glycerin. Als Beispiel sei angeführt der
=Maraschino= (4 Liter Himbeerwasser, 1-3/4 Liter Orangenblütenwasser,
1-1/2 L. Kirschwasser, 18 Pfund Zucker, 9 L. Weingeist von 89-90
Proc.). Die =Liqueure= sind den Crêmes sehr ähnlich, enthalten aber
etwas weniger Zucker; =Englisch Bitter= (5 Loth das Gelbe der
Pomeranzenschalen, 6 Loth Chinarinde, 6 L. Enzian, 8 L.
Cardobenedictenkraut, 8 L. Tausendgüldenkraut, 8 L. Wermuth, 4 L.
Veilchenwurzel mit 54 Liter Branntwein von 50 Proc. digerirt, die
Tinctur versetzt mit 12 Pfd. Zucker); =Kirschen= (20 L. Kirschsaft, 20
L. Spiritus von 85 Proc., 30 Pfd. Zucker); gewöhnlich setzt man noch
4-8 L. Bittermandelwasser hinzu; =Pfeffermünze= (2-1/2 L. Pfeffermünzöl
aufgelöst in 1 L. Spiritus von 80 Proc., die Lösung gesetzt zu 54 L.
Spiritus von 72 Proc., versüsst mit 60 Pfd. Zucker, der aufgelöst
worden in 26 L. Wasser; wird durch Indigotinctur und Curcuma grün
gefärbt).
[Sidenote: Harze.]
Die ätherischen Oele haben die Eigenschaft, sich an der Luft, oder auch
in der Pflanze selbst zu verdicken und dadurch in einen neuen Körper
überzugehen, welchen man =Harz=[137] nennt. Man findet die Harze im
Pflanzenreiche sehr häufig. Einige derselben, wie das Harz der Coniferen,
fliessen in Verbindung mit dem ätherischen Oele von selbst aus und
erhärten an der Luft. Andere Harze stellt man durch Ausziehen der
betreffenden Pflanzentheile mit Alkohol und Verdampfen des Auszugs zur
Trockne, oder durch Fällen des alkoholischen Auszugs mit Wasser dar. Man
theilt die Harze ein in =Weichharze= oder =Balsame= und in die
=Hartharze=. Die Weichharze sind Lösungen der Harze in ätherischen Oelen,
zu ihnen rechnet man den =Terpentin=, den =Perubalsam=; zu den Hartharzen
den =Bernstein=, das =Anime=, den =Copal=, das =Dammarharz=, den
=Mastix=, den =Schellack=, die =Benzoë= und den =Asphalt=. An die Harze
schliessen sich die =Schleimharze= an, welche in Folge von Einschnitten
als dicke milchige Säfte aus den Pflanzen ausfliessen; sie sind meist von
sehr starkem Geruch und unterscheiden sich von den Harzen dadurch, dass
sie, mit Wasser zusammengerieben, eine trübe milchige Flüssigkeit geben.
Zu den Schleimharzen gehören die =Asa foetida=, das =Gummi-Guttä= u. s.
w., den Beschluss dieser Klasse von Körpern machen das =Kautschuk= und
die =Gutta Percha=.
[137] Vergl. =J. Wiesner=, Die technisch verwertheten Gummiarten, Harze
und Balsame. Erlangen 1869.
[Sidenote: Anwendung der Harze als Siegellack.]
Das =Siegellack= besteht wesentlich aus =Schellack=, zu welchem man etwas
Terpentin gesetzt hat, um ihn schmelzbarer und weniger zerbrechlich zu
machen. Zu dem rothen und wenig gefärbten Siegellacke wendet man
möglichst farbloses Gummilack an, während man zu den dunklen und
schwarzen Sorten des Siegellacks das gefärbteste Gummilack setzt. Ausser
dem Schellack und dem Terpentin gehört zur Zusammensetzung der
Siegellacke noch ein Zusatz von erdigen Körpern, welcher nicht nur das
Gewicht der Masse vermehren soll, sondern auch den Zweck hat, dem zu
schnellen Abtropfen und Rinnen des Siegellacks Einhalt zu thun. Man nimmt
Kreide, Magnesia, gebrannten Gyps, Zinkweiss, neuerdings auch Barytweiss,
Porcellanerde und Kieselguhr (Infusorienerde). Um fugenfreies rothes
Siegellack darzustellen, schmilzt man in einer eisernen Pfanne 4 Th.
Gummilack über gelindem Kohlenfeuer und setzt dann 1 Th. venetianischen
Terpentin und 3 Th. Zinnober unter fortwährendem Umrühren hinzu.
Gewöhnliche rothe Siegellacke stellt man dar aus:
1. 2. 3. 4. 5.
Schellack 550 620 550 700 600
Terpentin 740 680 600 540 600
Kreide oder Magnesia 300 200 -- -- --
Gyps oder Zinkweiss 200 -- -- -- --
Kieselguhr -- -- -- -- --
Barytweiss -- 100 380 300 300
Zinnober 130 220 340 300 300
Terpentinöl -- -- -- 20 25
Wenn die Masse abgekühlt ist, so rollt man sie auf einer Marmortafel zu
Rollen aus oder giesst sie in Messingformen. Einige Sorten Siegellack
pflegt man zuweilen mit Benzoë, Storax, Tolu- und Perubalsam wohlriechend
zu machen. Die verschieden gefärbten Sorten stellt man dar, indem man den
Zinnober durch Kobaltultramarin, chromsaures Bleioxyd, gebranntes
Elfenbein u. s. w. ersetzt. Die marmorirten Lacke werden durch Malaxiren
verschiedenartig gefärbter Massen erzeugt. Zu den geringeren
Siegellacksorten und zu dem sogenannten Packlack nimmt man anstatt des
Zinnobers Mennige und zuweilen auch rothes Eisenoxyd; das Gummilack wird
bei diesen Sorten durch ein Gemenge von Colophonium und gepulvertem Gyps
oder Kreide ersetzt. Neuerdings verwendet man neben oder statt des
Schellacks das Acaroïdharz (von _Xanthorrhoea hastilis_).
[Sidenote: Asphalt.]
=Asphalt= (Erdharz, Judenpech) ist ein schwarzes glänzendes,
zerbrechliches Harz, das wahrscheinlich durch allmälige Oxydation von
Erdöl entstanden ist und in grosser Menge auf der Insel Trinidad an der
Nordküste von Südamerika, vor der Mündung des Orinoco, auf dem todten
Meere schwimmend, in Frankreich, in der Schweiz u. s. w. gefunden wird.
Es löst sich wenig in Alkohol, leicht in Steinöl, Terpentinöl, Benzol
und Photogen. Man benutzt es zu schwarzem Lack, zum Aetzgrund für
Kupferstecher, als dunkelbraune Lasurfarbe in der Oelmalerei etc. Man
verwendet den Asphalt ferner mit Kalk und Sand gemischt zur
Pflasterung, deren Dauerhaftigkeit und Vorzüge sich darauf gründen,
dass die Masse ungeachtet der grossen Entzündlichkeit des Asphalts
wegen des Zuschlags bei Feuersbrünsten nicht anbrennt, und dass
dieselbe durch den Zuschlag hinreichend elastisch ist, um sich bei
starker Hitze auszudehnen und bei starker Kälte wieder zusammenziehen
zu können, ohne zu springen. Zur Asphaltpflasterung nimmt man
=Erdharzkitt= von =Seyssel= (_mastix bitumineux_)[138], brennt
denselben in Pfannen zu Staub und mengt das Pulver mit Sand, dass auf
30-40 Proc. Kalk in der Mischung 20-40 Proc. Asphalt kommen. Vor der
Anwendung wird die Masse geschmolzen und auf die Stelle, die
gepflastert werden soll, ausgegossen, mit einer eisernen Schiene
geebnet, mit heissem Sande überstreut und mittelst eines Brettes eben
geschlagen. Anstatt des Asphaltpflasters hat man und zwar mit vielem
Erfolg das von =Busse= erfundene =Terresin=, eine Mischung von
Kohlentheer, Kalk und Schwefel, angewendet. Gegenwärtig wird der
grösste Theil des Asphalts oder Asphaltpeches, der in der Firniss- und
Lackbereitung Anwendung findet, durch Eindicken des Theeres der
Gasfabriken erhalten.
[138] Zu =Seyssel= im Departement Ain findet sich ein Kalkstein, der
bis zu 18 Proc. mit Asphalt durchdrungen ist. Aus diesem
Kalkstein stellt man zu Seyssel den Erdharzkitt auf folgende
Weise dar: Man zieht mittelst siedenden Wassers den Asphalt aus,
mengt 7 Th. des so erhaltenen Asphalts in 90 Th. gepulverten,
asphalthaltigen Kalkstein und mahlt die trocken gewordene Masse.
Aehnliche Asphaltsteine finden sich zu =Limmer= bei Hannover, zu
=Lobsann= im Nieder-Elsass, in Nordtyrol, zu Val de travers im
Canton Neufchatel.
[Sidenote: Kautschuk.]
Das =Kautschuk= oder das =elastische Gummi= (Caoutschuk, Federharz, Gummi
elasticum) wird in den Milchsäften vieler Pflanzen, namentlich der
Urticeen, Euphorbiaceen und Apocyneen angetroffen. In grösserer Menge
findet es sich im Milchsaft der _Siphonia cahuchu_, woraus man es in
Südamerika darstellt. Das ostindische wird von _Urceola elastica_
erhalten. Ausserdem findet es sich noch in _Ficus religiosa_ und _F.
indica_. Man gewinnt das Kautschuk, indem man Einschnitte in die Bäume
macht und mit dem ausfliessenden rahmähnlichen zähen Milchsaft wiederholt
Thonfiguren von Thieren, Nachbilder des menschlichen Fusses und
birnförmige Körper etc. überzieht. Nachdem der Saft an der Sonne oder
über Feuer getrocknet worden ist, wird der Thon durch Klopfen oder durch
Aufweichen in Wasser entfernt. Das zurückbleibende Kautschuk hat die
Gestalt der Thonform, meist die von Flaschen oder Beuteln, häufig auch
die von Platten. Letztere führen den Namen =Gummispeck=. Das Kautschuk
ist im gereinigten Zustande durchsichtig, in dünnen Lagen weiss, in
dicken etwas gelblich. Es hat keine Spur von faseriger Textur, ist
vollkommen elastisch und wird beim Ausziehen unklar und faserig. In der
Kälte wird es fest und ist dann schwierig biegsam, aber nicht spröde.
Sein spec. Gewicht ist 0,925. Durch heisses Wasser und durch Wasserdampf
wird das Kautschuk weich, ausserdem aber nicht verändert. In Weingeist
ist es unlöslich. Durch Chlor, verdünnte Säuren, durch Alkalilaugen wird
es nicht verändert, durch concentrirte Schwefelsäure und Salpetersäure
dagegen schnell zerstört. Wenn man stark ausgedehntes Kautschuk einige
Minuten in kaltes Wasser taucht, so ist es nach dem Herausnehmen aus dem
Wasser unelastisch, erlangt aber beim Tauchen in bis auf 45° erwärmtes
Wasser seine frühere Elasticität wieder. Beim Erwärmen wird das Kautschuk
weicher, schmilzt bei ungefähr 200° zu einer schmierigen Masse, die nach
dem Erkalten nicht wieder fest wird. Bei Zutritt der Luft erhitzt, brennt
es mit leuchtender und russender Flamme. Im erwärmten Zustande lässt sich
das Kautschuk mit Schwefel und anderen Körpern zusammenkneten, wodurch es
in vulkanisirtes und hornisirtes Kautschuk übergeführt werden kann. Bei
der trockenen Destillation erhält man aus dem Kautschuk Oele, die nur aus
Kohlenstoff und Wasserstoff bestehen (Kautscheen, Heveen u. s. w.), und
sich besonders als Auflösungsmittel für Kautschuk eignen. Das Kautschuk
besteht aus C_{4}H_{7} (in 100 Th. aus 87,5 Kohlenstoff und 12,5
Wasserstoff); sehr wahrscheinlich ist es aber ein Gemenge
verschiedenartiger Verbindungen. Das Kautschuk verbindet sich mit dem
Schwefel und bildet damit das =vulkanisirte Kautschuk= (s. unten).
[Sidenote: Lösungsmittel des Kautschuk.]
[Sidenote: Verarbeitung und Anwendung des Kautschuk.]
Das Kautschuk löst sich in weingeistfreiem Aether, in den durch trockne
Destillation des Kautschuks entstehenden Oelen, in einem ähnlichen,
welches sich bei der Destillation der Steinkohlen bildet, in gereinigtem
Terpentin- und Steinöl und in Schwefelkohlenstoff. Die Lösung in =Aether=
ist in technischer Beziehung nicht brauchbar, weil sie so wenig Kautschuk
enthält, dass sie eine kaum bemerkbare Menge desselben hinterlässt. Mit
=Terpentinöl= findet weniger ein Auflösen, als ein Aufquellen des
Kautschuks statt; um die Klebrigkeit der Oberfläche dieser Lösung zu
beseitigen, stellt man aus 1 Th. Kautschuk und 11 Th. Terpentinöl einen
dünnen Brei her und rührt in diesen 1/2 Th. einer heissen concentrirten
Lösung von Schwefelkalium (K_{2}S_{5}) in Wasser ein; die so erhaltene
gelbe Flüssigkeit hinterlässt das Kautschuk vollkommen elastisch und
nicht klebrig. Die Lösung in leichtem =Steinkohlentheeröl= (sogenanntem
Benzol), sowie in den als Lampenöl nicht verwendbaren Antheilen des
Petroleums, Photogens und Solaröls eignet sich vorzugsweise, um Stücke
Kautschuk zu vereinigen; leider hängt solchen Gegenständen der
unangenehme Geruch des Oeles lange Zeit an. Das vorzüglichste
Lösungsmittel ist unstreitig der =Schwefelkohlenstoff=; diese Lösung
trocknet äusserst schnell ein und hinterlässt das Kautschuk unverändert
und geruchlos. Wird dem Schwefelkohlenstoff eine kleine Menge Alkohol
beigemengt, so wirkt er nicht mehr auflösend auf Kautschuk, dagegen
bewirkt er eine solche Aufschwellung und Erweichung desselben, dass es in
diesem Zustande leicht vulkanisirt und gut verarbeitet werden kann. Der
Kautschuk dient zum Auswischen der Bleistiftstriche, zum Wegnehmen von
Schmutz auf Papier, zur Darstellung von Platten, Fäden, Schnüren, Röhren,
unter dem Namen _India-Rubber-Sponge_ als Schwammsurrogat, zur
Fabrikation wasserdichter Zeuge, zu Kitt und zur Darstellung von
vulkanisirtem und hornisirtem Kautschuk.
[Sidenote: Vulkanisirtes Kautschuk.]
=Vulkanisiren des Kautschuks.= Wenn man Kautschuk längere Zeit in
geschmolzenen Schwefel taucht, so geht eine Art von Cementation vor
sich, das Kautschuk nimmt Schwefel auf und verwandelt sich dadurch in
eine gelbliche, ausserordentlich elastische Masse, in das =vulkanisirte
Kautschuk=, welches von =Lüdersdorff= und =Hancock= erfunden worden ist
und in neuerer Zeit die ausgedehnteste Anwendung gefunden hat. Es hat
folgende Eigenschaften: es behält seine Elasticität und Weichheit
selbst bei niederer Temperatur bei, während das gewöhnliche Kautschuk
schon bei 3° hart und steif wird; es wird durch die gewöhnlichen
Lösungsmittel des Kautschuks nicht angegriffen; es widersteht endlich
dem Zusammendrücken in hohem Grade. Das ältere Verfahren zum
Vulkanisiren besteht darin, dünne Platten von Kautschuk in
geschmolzenen, bis auf 120° erhitzten Schwefel zu tauchen, 10 bis 15
Minuten darin zu lassen (wodurch sich das Gewicht des Kautschuks um
10-15 Proc. vermehrt), sodann zwischen Cylindern tüchtig durchzukneten
und endlich noch bis auf 150° zu erhitzen. Um das Effloresciren von
Schwefel zu vermeiden, das bisweilen auf dem nach dieser Methode
vulkanisirten Kautschuk vorkommen soll, ist vorgeschlagen worden, das
auf 100-120° erhitzte Kautschuk durch Kneten mit Kermes (rothem
Schwefelantimon Sb_{2}S_{3}), oder einer Mischung von Schwefel mit
Schwefelarsen zu vulkanisiren. Die jetzt fast allgemein angewendete
Methode des Vulkanisirens ist die von =Parkes= in Birmingham, nach
welcher man das Kautschuk in ein Gemenge von 40 Th. Schwefelkohlenstoff
und 1 Th. Schwefelchlorür (vergl. S. 233) taucht und dasselbe sodann in
einer bis auf 21° erwärmten Kammer aufhängt, bis aller
Schwefelkohlenstoff verraucht ist. Darauf lässt man das Kautschuk zur
Entfernung des nicht chemisch gebundenen Schwefels in einer aus 500
Grm. Aetzkali und 10 Liter Wasser bestehenden Flüssigkeit sieden und
wäscht dann, bis des ablaufende Wasser nicht mehr alkalisch reagirt.
Seit einigen Jahren (1870) wird in den Kautschukfabriken nach dem
Vorschlage von =Humphrey= statt des Schwefelkohlenstoffs häufig
Petroleumäther angewendet, welcher Chlorschwefel mit Leichtigkeit löst.
=H. Gaultier de Claubry= (1860) vulkanisirt Kautschuk mittelst
=Chlorkalk= und =Schwefel=. Mischt man trocknen Chlorkalk mit
Schwefelblumen, so giebt sich die sofort eintretende Reaction durch
einen Geruch nach Chlorschwefel zu erkennen. Hat man Schwefel und
Chlorkalk, ohne zu reiben, blos gemischt, und ist Schwefel im
Ueberschusse angewendet, so kann man mit dem Produkt Kautschuk
vulkanisiren. In auf diese Weise vulkanisirtem Kautschuk, welches in
der That, wie das vorhergehende Verfahren, auf die Anwendung von
Chlorschwefel zurückkommt, findet sich Chlorcalcium. Ob =de Claubry='s
Verfahren je Anwendung gefunden hat, ist zu bezweifeln. Das Verfahren
von =Gérard= besteht darin, das zu vulkanisirende Kautschuk 2-4 Stunden
lang in eine Lösung von Fünffach-Schwefelkalium von 25-30° B. bei einer
Temperatur von 150° (5 Atmosphären Druck entsprechend) zu bringen. Der
Kautschuk wird hierbei vollständig vulkanisirt und nach dem Waschen
erscheint seine Oberfläche glatt und fühlt sich sammetähnlich an.
Leider lässt sich dieses Verfahren nur auf kleine und dünne
Kautschukgegenstände anwenden. Eine Säuerung des Kautschuks ist hierbei
nicht zu befürchten. Das auf diese Weise vulkanisirte Kautschuk sieht
schwarz aus und färbt nicht ab, wie das durch Eintauchen in Schwefel
dargestellte. Die zu vulkanisirenden Gegenstände werden zuerst aus
gewöhnlichem Kautschuk fertig gemacht, weil das vulkanisirte Kautschuk
nicht klebt, auch nicht mit gewöhnlicher Kautschuklösung
zusammengeklebt werden kann. Man benutzt das vulkanisirte Kautschuk zu
wasserdichten Gefässen, zu Flaschen zur Aufbewahrung des Aethers, zu
Buchdruckerwalzen, zu Gasleitungsröhren, zu Spritzenschläuchen, zu
biegsamen Pfeifenröhren, zu Cigarrenspitzen, zu Eisenbahnpuffern,
anstatt der bisher gebräuchlichen Wagenfedern, zu Billardbanden
u. s. w.
=Hornisiren des Kautschuks.= Was seit dem Jahre 1852 unter der
Benennung =hornisirtes Kautschuk= oder =Ebonit= vorkommt, ist eine von
=Goodyear= entdeckte Modification des vulkanisirten Kautschuks, die
sich durch braunschwarze oder auch schwarze Farbe, eine dem Horn oder
Fischbein fast gleichkommende Härte und Elasticität auszeichnet und
deshalb zu ganz andern Artikeln geeignet ist als das gewöhnlich
vulkanisirte Kautschuk, z. B. zu Kämmen aller Art, zu Schirmgriffen und
Stockknöpfen, zu Spazierstöcken, Schirmrippen, Planchettes, die aber in
Bezug auf Elasticität und Steife dem Fischbein nicht gleichkommen,
Federhaltern, Messerheften, Furnieren für Möbelbekleidungen,
Stethoskopen, Hörröhren, Flöten und anderen Blasinstrumenten, Winkeln
und Linealen, Schreibfedern u. s. w. u. s. w. Die Bereitung des
hornisirten Kautschuks ist die nämliche wie die Fabrikation von
vulkanisirtem Kautschuk. Die hornähnliche Beschaffenheit lässt sich
zwar schon durch Steigerung des Schwefelzusatzes (auf 100 Th. Kautschuk
30-60 Th. Schwefel) ohne andere Beimischungen erreichen; je mehr
Schwefel incorporrirt wird, desto grösser ist die Härte und desto
geringer die Elasticität der Masse, das vulkanisirte Kautschuk jedoch
verträgt Zusätze von fremdartigen pulverförmigen Stoffen, welche deren
Härte vermehren, theils auch die Farbe verändern und wohlfeilere
Compositionen herzustellen gestatten. Zu den Zusätzen, welche die Härte
und Elasticität des Produktes erhöhen, gehören Gutta Percha und
Schellack, zur zweiten Klasse gehören Kreide, Schwerspathpulver,
Barytweiss, Gyps, gebrannte Magnesia, Thon, erdige Farbstoffe,
Schwefelantimon, Schwefelblei, Schwefelzink, Asphalt aus
Steinkohlentheer u. s. w. Der Zusatz beträgt zuweilen bis zu 80 Proc.
der Masse. Das hornisirte Kautschuk zeichnet sich durch einen hohen
Grad von Politurfähigkeit aus und besitzt vor dem Horn, namentlich in
seiner Benutzung zu Kämmen und ähnlichen Gegenständen, den Vorzug, dass
es beim Reinigen im warmen Wasser nicht wie das Horn rauh wird, auch
nach längerem Gebrauche seine Elasticität beibehält. Mit Sand, Quarz,
Feuerstein, Smirgel etc. gemengtes vulkanisirtes Kautschuk dient seit
einer Reihe von Jahren zur Fabrikation künstlicher Schleifsteine und
Wetzsteine zum Schärfen der Sensen und Sicheln.
[Sidenote: Produktion und Consumtion des Kautschuk.]
Die =Produktion= des Kautschuks beträgt jährlich (1870) gegen 120,000
Ctr., davon kommen auf
Java 60,000 Ctr.
Para 35,000 "
Guatemala, Carthagena 23,000 "
Venezuela, Neu-Granada, Afrika 2,000 "
------------
120,000 Ctr.
Die =Consumtion= vertheilt sich auf folgende Länder:
Nordamerika 35,000 Ctr.
England 25,000 "
Frankreich 35,000 "
Deutschland 25,000 "
------------
120,000 Ctr.
[Sidenote: Gutta Percha.]
Die =Gutta Percha= oder das =plastische Gummi= (Gummi plasticum,
Tubangummi, Gettaniagummi) ist ein dem Kautschuk in vieler Beziehung
ähnlicher eingetrockneter Milchsaft der _Isonandra Gutta_, eines an den
Ufern der Meerenge von Malacca, auf Borneo, in Singapore und den
benachbarten Gegenden wachsenden Baumes. Zur Gewinnung der Gutta Percha
macht man Einschnitte in die Bäume, oder fällt und schält dieselben; der
ausfliessende Milchsaft wird in Trögen und in Gruben, oder auf Blättern
des Bananenbaums aufgesammelt und coaguliren gelassen. Die einzelnen
Stücke der Gutta Percha werden in heissem Wasser erweicht und dann durch
Pressen zu einem Ganzen vereinigt. Die rohe Gutta Percha erscheint, so
wie sie in den Handel kommt, als eine trockene, röthlich marmorirte
Masse, die zusammengeballten Lederschnitzeln nicht unähnlich ist. Sie
enthält viele Unreinigkeiten, Sand, rothe Substanz, Rindentheile u. s. w.
Die reine Gutta Percha ist fast weiss; die braune Farbe wird durch
quellsatzsaure Salze von Magnesia, Ammoniak, etwas Kali und Spuren von
Manganoxydul verursacht. Die Gutta Percha ist ein Gemenge mehrerer
sauerstoffhaltiger Harze, die Oxydationsprodukte eines
Kohlenwasserstoffes von der Formel C_{20}H_{60} zu sein scheinen. =Payen=
fand die Gutta Percha bestehend aus reiner Gutta 75-80 Th., einem weissen
krystallisirbaren Harz, Alban, 14-16 Th. und einem gelben amorphen Harz,
Fluavil, 4-6 Th. Vor der Verarbeitung wird die Gutta Percha durch
Erweichen, Kneten zwischen Walzen und Pressen gereinigt. Die gereinigte
Masse erscheint von brauner Farbe, ist in dicken Stücken undurchsichtig
und in dünnen Blättchen wie Horn durchscheinend. Bei gewöhnlicher
Temperatur ist sie zähe, sehr steif, wenig elastisch und wenig dehnbar.
Man hat gefunden, dass jeder Quadratzoll des Durchschnittes eines Riemens
von Gutta Percha mit 1872 Kilogr. belastet werden musste, ehe er riss.
Das spec. Gewicht ist 0,979. Bei 50° wird die Gutta Percha weich, bei
70-80° leicht knetbar und formbar, so dass bei dieser Temperatur, zwei
Stücke an einander gedrückt, sich vollkommen zu einem Stück vereinigen.
In der Wärme lässt sie sich leicht auswalzen, zu Fäden ziehen und auch
mit Kautschuk zusammenkneten.
[Sidenote: Lösungsmittel der Gutta Percha.]
Die Gutta Percha ist in Wasser, Weingeist, verdünnten Säuren und
Alkalilösungen unlöslich, in erwärmtem Terpentinöl,
Schwefelkohlenstoff, Chloroform, Steinkohlentheeröl und Kautschuköl zu
einer dicklichen Flüssigkeit auflöslich. Durch Aether und ätherische
Oele schwillt die Gutta Percha an und bildet einen zähen Teig. In
siedendem Wasser wird die Gutta Percha weich, die Stücke quellen auf
und werden klebrig und fadenziehend, wobei sie einige Procente Wasser
aufnehmen, was sie sehr langsam wieder abgeben. Im getrockneten
Zustande ist die Gutta Percha ein sehr guter Isolator für die
Elektricität.
[Sidenote: Anwendung der Gutta Percha.]
In den Haupteigenschaften hat die Natur gewissermaassen selbst den Weg
zur Verarbeitung und den Kreis der Anwendungen angegeben. Und wirklich
macht man von der Eigenschaft der Gutta Percha, in der Wärme
schweissbar zu werden, Gebrauch um die zahlreichen Objecte
darzustellen, die als Surrogate von Leder, Pappe und Papiermaché, Holz,
Papier, Metall u. dergl. zu dienen bestimmt sind und zwar in allen
Fällen, wo es auf Undurchdringlichkeit gegen Wasser, Widerstand gegen
Alkohol, Laugen und Säuren u. dergl. ankommt und keine höhere
Temperatur mitwirkt. Ehe man zur eigentlichen Verarbeitung schreitet,
wird die Gutta Percha zunächst =gereinigt=. Zu dem Ende wird die rohe
Gutta Percha mittelst einer Maschine klein zerschnitten, indem man
zugleich Wasser dazu fliessen lässt (zuweilen unter Zusatz von Soda
oder Chlorkalk als Reinigungsmittel), so dass die fremden Substanzen,
wie Erde, Sand, Holz- und Rindenstückchen etc. abgesondert werden,
während andererseits durch das Wasser die Erhitzung der zum Vertheilen
dienenden Vorrichtung verhindert wird. Die so behandelte Substanz lässt
man 24 Stunden in Wasser stehen, innerhalb welcher Zeit die fremden
Körper sich zu Boden setzen, während die gereinigte Gutta Percha oben
aufschwimmt und abgenommen wird. Nach dieser Behandlung kocht man die
Substanz mit Wasser, so dass ihre Theilchen sich zusammenballen und
lässt sie noch im erhitzten Zustande durch ein Walzwerk gehen, wodurch
sie in Blätter verwandelt wird, die nun aus reiner Gutta Percha
bestehen. Das Bearbeiten wird ohne Wasser, aber unter Mitwirkung von
Wärme fortgesetzt und zwar in einem Knetapparat derselben Art, wie er
zur Reinigung des Kautschuks Anwendung findet. Indem auf diese Weise
die Gutta Percha in einen weichen und homogenen Teig umgewandelt wird,
ist sie vollkommen vorbereitet, sofort jede beliebige Form anzunehmen.
Man erzeugt daraus Platten bis zu 3 Centimeter Dicke und dünne Blätter
von der Dicke des Schreibpapiers, indem man einen Klumpen gereinigter
Gutta Percha zwischen hohlen eisernen, mit Dampf geheizten Walzen so
ausstreckt, als ob es sich um die Blechfabrikation handelte. Röhren aus
Gutta Percha werden aus der erwärmten Masse nach demselben Principe
gepresst, nach welchem man aus Blei Bleiröhren, aus nassem Thone
Röhren, aus Mehlteig die Maccaroni, aus Graphitmasse die Bleistifte
bildet. Mannichfache Gegenstände lassen sich durch Einpressen von
erweichter Gutta Percha in befeuchtete Formen von Holz (z. B.
Holzschnitte, wenn es sich um die Herstellung von Clichés handelt),
Metall etc. herstellen; zahlreiche Artikel lassen sich aus Platten
bilden, indem man sie daraus zuschneidet, nach Bedürfniss über einem
Kerne oder einem Modelle presst. In dem durch Erwärmen bewirkten
Zustande der Erweichung lassen sich alle Zusammenfügungen ohne
Löthmittel, nur durch Aneinanderdrücken der betreffenden Stellen
ausführen; beabsichtigt man eine Verbindung nur an einzelnen Stellen,
so ist es genügend, die zu vereinigenden Ränder mittelst eines
Bügeleisens oder einer Gasflamme zu erweichen. Handelt es sich um die
Befestigung der Gutta Percha auf Leder oder ähnlichen Materialien, so
wendet man als Leim am zweckmässigsten eine Lösung von Gutta Percha in
Benzol an.
Von den zahllosen Artikeln, zu welchen die Gutta Percha mit mehr oder
minder günstigem Erfolge bearbeitet wird, sind folgende zu nennen. Die
Unveränderlichkeit der Gutta Percha in feuchter Luft, in welcher das
Leder stockt und die Unempfindlichkeit gegen chemische Agentien wie
Säuren und Laugen, machen sie besonders geeignet zu Riemen zum
Maschinenbetriebe, ferner zu Röhren für Wasserleitungen, Pumpen,
Schläuchen, Spritzen, Liederungen, Sohlen u. s. w. Zu chirurgischen
Zwecken hat sich die Vortrefflichkeit der Gutta Percha vollkommen
bewährt; die hieraus gefertigten Sonden, Bougies, Katheder u. s. w.
haben viele Vorzüge und werden daher viel gebraucht. Durch Formen,
Prägen, Treiben, Giessen u. s. w. verfertigt man aus der Gutta Percha
Karniese, Leisten, Täfelwerk, architektonische Verzierungen jeder Art,
Rahmen, Messerhefte, Säbelgriffe, Spazierstöcke, Peitschen, Knöpfe,
Koffer, Tabakdosen, Flaschen und Gefässe aller Art, Hähne, Heber,
Trichter, Ueberzüge für Walzen zum Pressen und Appretiren, Büsten und
Statuen, Matrizen zur Galvanoplastik u. s. w. Als ein Nichtleiter der
Elektricität eignet sich die Gutta Percha zum Ueberziehen der
Telegraphendrähte in unterirdischen und submarinen Leitungen, nur darf
dieser Ueberzug nicht direct mit Wasser oder feuchter Erde in Berührung
kommen, weil er sonst nach und nach Wasser aufnimmt und seine
isolirende Eigenschaft einbüsst; aus diesem Grunde pflegt man die mit
Gutta Percha umkleideten Drähte noch ausserdem mit einer Metallhülle zu
umgeben. Eine Eigenthümlichkeit der Gutta Percha ist, dass sie zuweilen
durch jahrelanges Liegen ihre Geschmeidigkeit dergestalt verliert, dass
sie zu Pulver zerrieben werden kann.
[Sidenote: Gemenge von Gutta Percha mit Kautschuk.]
Häufig benutzt man jetzt ein Gemenge von 1 Th. Gutta Percha mit 2 Th.
Kautschuk, das in Bezug auf seine Eigenschaften in der Mitte zwischen
beiden Substanzen steht. Es kann auf ähnliche Weise wie die Gutta
Percha vulkanisirt werden. Ein Gemisch von gleichen Theilen Kautschuk-
oder Gutta Percha-Abfällen mit Schwefel, das man mehrere Stunden lang
einer Temperatur von 120° aussetzt, hat ähnliche Eigenschaften wie
Knochen, Horn u. s. w. Als Zusatz zu der Masse empfiehlt man Gyps,
Harze, Bleiverbindungen u. s. w. Dieses Gemisch soll zur Anfertigung
von Messerheften, Thürklinken, Knöpfen u. s. w. dienen.
[Sidenote: Firniss.]
[Sidenote: Oelfirnisse.]
=Firnisse.= Unter =Firniss= versteht man eine Flüssigkeit von öl- oder
harzartiger Beschaffenheit, die zum Ueberziehen von Gegenständen benutzt
wird, und auf denselben nach dem Trocknen einen dünnen Ueberzug
hinterlassen soll, der sie vor der Einwirkung der Luft und des Wassers
schützt, und ihnen eine glatte glänzende, zur Verzierung dienende
Oberfläche giebt. Man unterscheidet =Oel=-, =Weingeist=- und
=Terpentinölfirnisse=. Zur Darstellung der Oelfirnisse wendet man
gewöhnlich Leinöl, seltener und nur für einzelne Zwecke Mohn- und Nussöl
an. Das Leinöl besitzt die Eigenschaft, an der Luft allmälig zu einer
zähen durchsichtigen Masse auszutrocknen; es findet dies aber nur sehr
langsam und unvollständig statt. Die Eigenschaft tritt weit vollkommener
hervor, wenn das Oel vorher längere Zeit bei Zutritt der Luft unter
Zusatz gewisser oxydirender Mittel einer höheren Temperatur ausgesetzt
wird. Das Trocknen des Oelfirniss geht nicht vor sich durch Ausdünstung,
sondern dadurch, dass der Firniss Sauerstoff aufnimmt und sich in eine
feste Substanz verwandelt; je schneller diese Oxydation vor sich geht,
desto vorzüglicher ist der Firniss. Diese Erfahrung hat gelehrt, dass die
Oxydation um so schneller fortschreitet, je stärker sie eingeleitet
worden ist. Man pflegt deshalb die Umwandelung des Leinöls in Firniss
dadurch zu bewirken, dass man das Oel mit solchen Körpern erhitzt, die
Sauerstoff abgeben können, die ferner die Eigenschaft haben, die in dem
Oel befindlichen Unreinigkeiten zu binden oder zu zerstören. Derartige
Körper sind Bleiglätte, Zinkoxyd, Braunstein, Salpetersäure u. s. w. Am
vortheilhaftesten geschieht =die Darstellung des Leinölfirniss= durch
Erwärmen des Leinöles im Wasserbade, unter Zusatz der erwähnten Oxyde;
diese Oxyde senkt man zweckmässig in gröblich gepulvertem Zustande (man
rechnet 1 Th. der beiden erstgenannten Oxyde auf 16 Th. Oel, 1 Th.
Braunstein auf 10 Th. Oel), in leinene Beutel gefüllt in das im Kessel
befindliche Oel ein. Sie lösen sich zum Theil als ölsaure Oxyde auf,
theils verbinden sie sich mit den im Oele enthaltenen Unreinigkeiten und
bilden mit denselben einen Bodensatz. Nicht unwahrscheinlich ist es auch,
dass namentlich die Bleiglätte und das Zinkoxyd als Zusatz bei der
Firnissbereitung dazu dienen sollen, die Fettigkeit das in dem Oel
enthaltenen Palmitins zu zerstören, indem sie mit der Palmitinsäure ein
Pflaster, eine trockne, harzige Substanz bilden. Die Anwendung des
Zinksulfates beim Sieden des Firniss scheint nicht den beabsichtigten
Nutzen zu haben. Brotrinden, Zwiebeln, Mohrrüben, die man häufig dem Oel
während des Siedens zusetzt, haben den einzigen Nutzen, dass sie durch
ihr Braunwerden, bis zu dessen Erscheinen man das Oel zu sieden pflegt,
die Beendigung des Siedeprocesses anzeigen. Ein Leinölfirniss, der, wie
es jetzt häufig geschieht, mit Zinkweiss angerieben wird, darf kein
Bleioxyd enthalten. Als Trockenmittel (Siccativ) zur Anwendung des
Zinkweiss als Anstrichfarbe wendet man mit Braunstein bereiteten
Oelfirniss an. Je niedriger die Temperatur beim Firnisssieden war, desto
heller ist die Farbe des Firniss. Für Firnisse, bei denen helle Farbe
Erforderniss ist, wendet man nach dem Sieden folgendes Bleichverfahren
an. Man bringt den Firniss in etwa 10 Centim. hohe, hinreichend lange und
breite Kästen von Blech oder noch besser von Blei, deren Deckel durch
eine Glasplatte gebildet wird, und setzt denselben darin einen Sommer
lang der Einwirkung der Sonnenstrahlen aus. =v. Liebig= hat folgende
Vorschrift zur Bereitung eines hellen Firniss gegeben: Man mengt 10
Kilogr. Leinöl mit 300 Grm. fein geriebener Bleiglätte, setzt dann 600
Grm. Bleiessig hinzu und schüttelt stark um, nach einiger Zeit hat sich
die Bleiglätte mit dem Bleiessig abgesetzt und man hat einen leicht
trocknenden Firniss von weisser Farbe. Nach =Barruel= und =Jean= wird die
Verharzung des Leinöls durch Manganborat befördert; 1 Th. desselben soll
zur schnellen Trocknung von 1000 Th. Oel ausreichen.
[Sidenote: Tapetenfirniss.]
Der zur Befestigung von Gold oder Tuchscheererwolle auf Tapeten etc.
angewendete Firniss ist eine Auflösung von Leinölbleipflaster oder
Terpentinöl, die man darstellt, indem man Leinöl mit Kali- oder
Natronlauge verseift, den mit Wasser verdünnten Seifenleim mit
Bleiessig füllt und die aus Bleipflaster bestehende klebrige Masse in
der hinlänglichen Menge Terpentinöl auflöst.
[Sidenote: Druckerschwärze.]
Die =Druckerschwärze=, welche zum Druck von Büchern, Lithographien,
Kupferstichen u. s. w. Anwendung findet, ist nichts als ein sehr
consistenter, schnell trocknender Oelfirniss, der mit Russ oder Kohle
im Zustande feinster Zertheilung vermischt worden ist. Zur Darstellung
erhitzt man Lein- oder Nussöl über freiem Feuer in kupfernen Kesseln,
die zur Hälfte damit angefüllt sind, bis über seinen Siedepunkt, wobei
sich viele brennbare, unangenehm riechende Dämpfe entwickeln. Früher
pflegte man die Dämpfe zu entzünden, jetzt soll man es zuweilen
vorziehen, das Erhitzen in mit Helm versehenen Blasen vorzunehmen. Da
hierbei die Farbe des Firniss etwas Unwesentliches ist, so braucht das
Oel nur längere Zeit bei stark erhöhter Temperatur behandelt zu werden,
bis es so dickflüssig geworden ist, dass es schäumt und steigt und
einen grauen Rauch von sich giebt. Wenn eine Probe auf einem kalten
Teller eine dickliche Beschaffenheit zeigt, und sich zwischen den
Fingern in Fäden ziehen lässt, so ist der Firniss zu seiner Anwendung
tauglich. In diesem Zustande trocknet der Firniss mit etwa 16 Proc.
Kienruss abgerieben, leicht und schnell. Ist derselbe nicht hinlänglich
gekocht, so läuft die damit gedruckte Schrift aus, es ziehen sich
Oeltheile in das Papier und die Schrift erscheint mit einem gelben
Rande und färbt sich ab. Für die zum Buchdruck bestimmte Schwärze ist
ein Zusatz von Seife unerlässlich; es enthält die Druckschwärze die
Eigenschaft, von befeuchtetem Papier rein von den Lettern weggenommen
zu werden, wodurch das unangenehme Schmieren umgangen wird. Soll der
Druck nicht schwarz sein, sondern roth, blau etc., so vermischt man den
Firniss mit Zinnober, mit Pariserblau, Indig u. s. w. Für den
=Steindruck= muss der Firniss consistenter sein, als für den
Bücherdruck. Die =Kupferdruckschwärze= ist ein Gemisch von steifem
Firniss mit Frankfurter Schwarz.
[Sidenote: Oellackfirnisse.]
Die =Oellackfirnisse= (fette Firnisse) sind Auflösungen von Harzen in
Leinölfirniss, die gewöhnlich mit Terpentinöl, Benzol oder Petroleum
verdünnt werden. Von den Harzen wendet man Bernstein, Copal, Animeharz,
Dammarharz und Asphalt an. Um diese Firnisse darzustellen, schmilzt man
den Bernstein oder den Copal in einem Kessel über gelindem Kohlenfeuer in
einem derartig construirten Ofen, dass der Kessel nur wenig in den Herd
hineinreicht und das Feuer nur den Boden des Kessels berührt. Nachdem das
Harz geschmolzen ist, giesst man die erforderliche Menge siedenden
Leinölfirnisses in den Kessel, der aber höchstens bis zu 2/3 angefüllt
sein darf und lässt das Gemisch ungefähr 10 Minuten lang sieden. Darauf
nimmt man den Kessel vom Feuer, lässt ihn bis auf ungefähr 140° abkühlen
und setzt dann die nöthige Menge Terpentinöl hinzu. Die
Gewichtsverhältnisse sind 10 Th. Copal oder Bernstein, 20-30 Th.
Oelfirniss, 25-30 Th. Terpentinöl. Schwarzen Asphaltfirniss erhält man
durch gleiche Behandlung mit 3 Th. Asphalt, 4 Th. Firniss, 15-18 Th.
Terpentinöl.
Der dunkle Bernsteinfirniss wird nicht aus dem Bernstein, sondern aus
dem Rückstand, dem Bernsteincolophonium, bereitet, der bei der
Destillation des Bernsteinöles und der Bernsteinsäure in dem
Destillirgefässe zurückbleibt. Die Oellackfirnisse sind die festesten
und dauerhaftesten Firnisse; sie trocknen aber etwas langsam und sind
stets mehr oder minder gefärbt.
[Sidenote: Terpentinölfirniss.]
Die =Weingeistlackfirnisse= sind Auflösungen gewisser Harze, wie
Sandarac, Mastix, Dammar, Gummilack, Anime u. s. w. in Alkohol (in
neuerer Zeit wendet man als Lösungsmittel der Harze auch Holzgeist,
Aceton [nach =Wiederhold='s Vorschlägen], Benzol oder Benzin, Photogen,
Petroleum und Petroleumäther an; auch der Schwefelkohlenstoff ist zum
Auflösen der Harze beachtenswerth). Eigenschaften eines guten
Weingeistlackfirniss sind: schnell zu trocknen, eine glänzende Oberfläche
zu bilden, fest zu haften und weder zu spröde, noch zu klebend zu sein.
Der Name =Lackfirniss= oder =Lack= ist von der Auflösung des Gummilacks,
als des gebräuchlichsten Harzes, auf alle Harzfirnisse übertragen worden.
Man wendet einen starken, mindestens 92procentigen Weingeist an. Die
Auflösung der gepulverten Harze wird dadurch befördert, dass man sie mit
einem Drittheil ihres Gewichten grob gepulverten Glases vermischt. Um den
Ueberzug weniger spröd zu machen, setzt man meist Terpentin hinzu.
=Sandaracfirniss= erhält man durch Auflösen von 10 Th. Sandarac, 1 Th.
venetianischem Terpentin in 30 Th. Weingeist. Dauerhafter ist der
=Schellackfirniss=, den man durch Auflösen von 1 Th. Schellack in 3-5 Th.
Weingeist darstellt. Die =Schreinerpolitur= ist eine Auflösung von
Schellack in vielem Weingeist, die, wenn sie auf weisses Holz angewendet
werden soll, durch Filtration durch Thierkohle entfärbt wird. Der
=Copalfirniss= übertrifft an Härte und Dauerhaftigkeit den
Schellackfirniss. Zu seiner Darstellung wird der Copal vorher
geschmolzen, wobei aber nicht vermieden werden kann, dass er sich dabei
mehr oder weniger färbt; der geschmolzene Copal wird gepulvert, mit Sand
gemengt, mit starkem Weingeist übergossen, im Wasserbade längere Zeit im
Sieden erhalten und die Lösung sodann filtrirt. Damit der Firniss etwas
weicher werde, mischt man etwas Terpentin oder eine Auflösung von
Elemiharz hinzu. Um farblosen Copalfirniss zu erhalten, bringt man 6
Kilogr. zerstossenen Copal in einem gut verschlossenen Gefässe in eine
Mischung von 6 Kilogr. Weingeist von 98° Tralles, 4 Kilogr. Terpentinöl
und 1 Kilogr. Aether und erwärmt gelinde. Die Auflösung des Copals
erfolgt sogleich und der erhaltene Firniss wird durch freiwilliges
Absetzen geklärt.
[Sidenote: Gefärbte Weingeistlackfirnisse.]
Um gefärbte Lackfirnisse zu erhalten, die man benutzt, um feine
Gegenstände aus Messing und Tombak vor dem Anlaufen durch die Luft,
durch Angreifen u. s. w. zu schützen, um ferner derartigen Waaren eine
schönere goldähnliche Farbe zu ertheilen, die auch benutzt werden
können, um Zinn, Weissblech, selbst Eisen ein entfernt goldähnliches
Ansehen zu geben, wendet man die sogenannten =Goldfirnisse= an, die am
zweckmässigsten auf folgende Weise dargestellt werden. Man bereitet
sich getrennte weingeistige Auszüge von Gummigutt und Drachenblut
(neuerdings auch von Fuchsin und Pikrinsäure oder Martiusgelb oder von
Corallin und ähnlichen aus dem Theer erhaltenen Farben) und setzt diese
versuchsweise zu einem Lackfirniss, der aus 2 Th. Körnerlack, 4 Th.
Sandarac, 4 Th. Elemiharz, 40 Th. Weingeist erhalten worden ist, bis
man die gewünschte Farbe erreicht hat.
[Sidenote: Terpentinöllackfirnisse.]
Die =Terpentinöllackfirnisse= werden auf dieselbe Weise wie die
Weingeistlackfirnisse dargestellt. Sie trocknen langsamer, sind aber
dagegen weniger spröde, geschmeidiger und haltbarer. Den gewöhnlichsten
Terpentinöllackfirniss stellt man durch Auflösen von Fichtenharz in
Terpentinöl dar; er ist jedoch wenig dauerhaft und erhält nach einiger
Zeit Risse. Der =Copalfirniss= mit Terpentinöl wird entweder mit
ungeschmolzenem oder mit geschmolzenem Copal dargestellt; der auf
letztere Weise erhaltene Firniss ist gefärbt. Der ungeschmolzene Copal
wird am besten mit Terpentinöl behandelt, indem man letzteres in
Glaskolben im Sandbade erhitzt, und den Copal in leinene Säckchen
gebunden über dem Oel aufhängt. Der durch die heissen Terpentinöldämpfe
gelöste Copal tropft in das Oel herab und verdünnt sich damit. Der mit
Terpentinöl dargestellte =Dammarlackfirniss= ist ein jetzt häufig
angewendeter, nicht sehr dauerhafter, aber farbloser Lackfirniss. Zu
seiner Darstellung wird ausgesuchtes Dammarharz in gröblich gepulvertem
Zustande längere Zeit erwärmt, um es vollständig zu trocknen und dann in
der 3-4fachen Gewichtsmenge Terpentinöl gelöst. =Grünen
Terpentinöllackfirniss= stellt man dar, indem man Sandarac oder Mastix in
concentrirter Kalilauge auflöst, mit Wasser verdünnt und die Flüssigkeit
durch Kupferacetat niederschlägt; der Niederschlag wird getrocknet und in
Terpentinöl aufgelöst.
[Sidenote: Schleifen u. Poliren des getrockneten Lackfirniss.]
Um die Glätte der Lackirung, namentlich auf Metallwaaren zu erhöhen und
einen spiegelähnlichen Glanz hervorzubringen, pflegt man den
vollständig getrockneten Lackfirniss zu schleifen und zu poliren. Das
Schleifen wird durch Abreiben mit Filz, der befeuchtet in fein
geschlemmtes Bimssteinpulver getaucht ist, vorgenommen, das Poliren
vermittelst geschlämmten Tripels und Olivenöls, zuletzt zur
vollständigen Entfernung des Oeles durch Reiben mit Weizenstärkemehl.
Anstatt der gewöhnlichen Firnisse und Lacke hat man in der neueren Zeit
angefangen, Auflösungen von Schiessbaumwolle in weingeisthaltigem
Aether (Collodium) und Wasserglaslösungen zur Erzeugung glasähnlicher
glänzender Ueberzüge anzuwenden. Auch eine Lösung von Schellack in
Ammoniak ist (von =C. Puscher=) als eine firnissähnliche Flüssigkeit,
namentlich zu wasserdichten Anstrichen empfohlen worden.
[Sidenote: v. Pettenkofer's Regenerationsverfahren.]
Es dürfte hier der Ort sein, =v. Pettenkofer='s
=Regenerationsverfahren= für Oelgemälde zu gedenken. Die Beobachtung
hat gelehrt, dass das veränderte Aussehen, welches man nach Verlauf
einiger Jahre an gefirnissten Oelgemälden bemerkt, in den meisten
Fällen durch physische Einflüsse veranlasst wird. Die Zeit verursacht
auf diesen Gemälden eine Unterbrechung der Molecularcohäsion. Der
Process beginnt auf der Oberfläche mit mikroskopischen Ritzen im
Firniss und dringt nach und nach durch die verschiedenen
Farbenschichten bis auf den Grund hinab. Die Oberfläche und der Körper
eines solchen Bildes wird im Laufe der Zeit innig mit Luft gemischt und
reflectirt dann das Licht wie Glaspulver. Um die getrennten Moleküle
ohne alle Gefahr für das Original wieder zu vereinigen, setzt man in
einem geeigneten Apparate das Gemälde einer Atmosphäre aus, welche sich
bei gewöhnlicher Temperatur mit Alkohol gesättigt hat. Der optische
Effect des Originals wird so auf ganz selbstthätigem Wege hergestellt,
indem das Gemälde gar nicht berührt wird. Die sehr geringe Menge des
absorbirten Alkohols verdunstet sehr bald, wenn man das Gemälde der
Luft aussetzt, und die Oberfläche desselben bleibt dann ebenso lange
klar wie eine frisch gefirnisste.
Kitte.
[Sidenote: Kitte.]
Mit dem Namen =Kitt= bezeichnet man Mischungen, welche im brei- oder
teigartigen Zustande zwischen die einander genäherten Körperflächen
gebracht, dieselben nach dem Erhärten fest mit einander verbinden. Nach
dieser allgemeinen Definition umfasst das Kitten auch das Leimen von
Holz, Kleistern von Papier, welche indessen gewöhnlich Gegenstand
besonderer Betrachtung sind, und schliesst nur das Löthen aus. Von einem
guten Kitt, der für den speciellen Zweck zusammengesetzt sein muss, denn
einen Universalkitt giebt es nicht, verlangt man, dass er sich vollkommen
mit den Flächen, welche er verbinden soll, vereinigt, dicht an dieselben
anschliesst und nach dem Erhärten in sich selbst so viel Zusammenhang
erlangt, dass er den trennenden Einwirkungen, denen er ausgesetzt wird,
zu widerstehen im Stande ist. Diese Substanzen, aus denen der Kitt
zusammengesetzt wird, sind verschieden und richten sich nach der Natur
der Flächen, deren Vereinigung man beabsichtigt, und nach den Einflüssen,
denen die zu verbindenden Theile unterliegen und widerstehen sollen. Die
Vorschriften zur Bereitung von Kitten sind unzählige; die meisten
derselben können jedoch in einige Hauptabtheilungen gebracht werden,
wenn man den wesentlichen Bestandtheil eines Kittes als Eintheilungsgrund
gelten lässt. Hiernach hat man zu unterscheiden: 1) Kalkkitte, 2)
Oelkitte, 3) Harz- und Schwefelkitte, 4) Eisenkitte, 5) Stärkekitte,
6) Kitte von geringerer Bedeutung wie Wasserglaskitte, Chlorzinkkitte und
dergl.
[Sidenote: Kalkkitte.]
Gelöschter Kalk bildet mit Caseïn, Eiweiss, arabischem Gummi und Leim
Massen, die nach einiger Zeit eine bedeutende Festigkeit erlangen und zum
Kitten der verschiedenartigsten Körper von Holz, Stein, Metall, Glas,
Porcellan und dergl. geeignet sind.
Den =Caseïnkitt= kann man auf verschiedene Weise bereiten. Nach dem
gewöhnlichen Verfahren zerreibt man frischen Käse, von welchem man die
Molken abgepresst hat (Quark und Käsematte), auf einem Reibstein und
setzt nach und nach zu Pulver zerfallenen gelöschten Kalk zu, wodurch
eine zähe Masse sich bildet, welche, weil sie schnell erhärtet,
möglichst bald zu verwenden ist. Auch ohne Kalk giebt das Caseïn einen
gut bindenden Kitt, wenn man dasselbe in eine Lösung von Kali- oder
Natronbicarbonat löst und die Flüssigkeit bis zur gehörigen Consistenz
abdampft. Durch Auflösen von Caseïn in kalt gesättigter Boraxlösung
erhält man eine klare dickliche Flüssigkeit, welche sich durch hohes
Klebvermögen auszeichnet und darin eine Lösung von arabischem Gummi
weit übertrifft. Eine Auflösung von Caseïn in Wasserglas ist als
=Porcellan=- und =Glaskitt= zu empfehlen. Zum Kitten von Stein, Metall,
Holz u. s. w., oder zum Ausfüllen von Fugen, wo der Kitt mehr Körper
haben muss, wird das Gemisch aus Caseïn und Kalk noch mit Cämentpulver
(auf 1 Kilogr. frisches Caseïn, 1 Kilogr. gebrannter Kalk und 3 Kilogr.
Cäment) versetzt. Einen dem Caseïn ähnlichen Kitt liefert der durch
Fäulniss veränderte Kleber, welcher von =Hannon= neuerdings zum Kitten
von Steingut, Porcellan, Glas, Perlmutter und dergl. empfohlen worden
ist.
[Sidenote: Oelkitte.]
Der wesentliche Bestandtheil der =Oelkitte= ist ein trocknendes Oel, am
besten in Gestalt von Oelfirniss. Diese Kitte widerstehen grösstentheils
der Einwirkung des Wassers.
Der Leinölfirniss, so wie der fette Copallack können zwar schon an und
für sich als Kitt Anwendung finden, wenn es sich um das Kitten von
Glas- und Porcellangegenständen handelt; sie haben aber das
Unangenehme, erst nach Wochen, ja selbst Monaten vollständig zu
erhärten und sind daher nur selten zu benutzen. Mit Bleiweiss,
Bleiglätte oder Mennige gemischt, trocknen sie zwar schneller,
vollständig jedoch immer erst nach einigen Wochen. Verwendet man diesen
Kitt in grösseren Quantitäten, so mischt man Oelfirniss mit einem
Gemenge von 10 Proc. Bleiglätte und 90 Proc. Schlämmkreide oder statt
letzterer zu Pulver gelöschten Kalkes; anstatt der Bleiglätte lässt
sich auch Zinkweiss anwenden. Man bedient sich dieses Kittes zur
Verbindung von Steinen und Ziegeln bei Wasserreservoirs, Terrassen
u. s. w. Vor dem Gebrauche wird er angewärmt, damit er dünnflüssiger
wird, sich in die Fugen besser einlegt und rascher trocknet.
=Stephenson= benutzt als Kitt für Dampfröhren und dergleichen, welcher
vortrefflich hält, ein Gemenge von 2 Th. Bleiglätte, 1 Th. zu Pulver
gelöschtem Kalk und 1 Th. Sand, das mit heissem Leinölfirniss innig
gemengt wird. Durch Auflösen von Thonerdeseife (durch Fällen von
Alaunlösung mit Natronseife erhalten) in erwärmtem Leinölfirniss erhält
man nach =Varrentrapp= einen leicht zu verstreichenden und
wasserdichten Kitt, der besonders als Steinkitt geeignet erscheint. Der
=Glaserkitt=, welcher zum Befestigen der Fensterscheiben in die
Holzrahmen dient, wird durch Zusammenstossen von Kreide und
Leinölfirniss erhalten, bis sich eine teigartige, sehr zusammenhängende
und nicht bröckelnde Masse gebildet hat. Nimmt man ungekochtes Leinöl,
so erhärtet er äusserst langsam, erlangt aber nach Jahren eine solche
Festigkeit, so dass er nur schwierig von den Glastafeln getrennt werden
kann. In Blasen eingebunden oder in mit Oel getränkten Tüchern
eingeschlagen, kann der Glaserkitt längere Zeit unverändert aufbewahrt
werden. Ein schnell erhärtender Kitt für Gefässe mit flüchtigen Stoffen
ist der von =Hirzel= vorgeschlagene =Glycerinkitt=, ein Gemisch von
Glycerin mit Bleiglätte, der auch (nach =Pollack=) ein vortreffliches
Mittel ist zum Dichten von Eisen auf Eisen, zum Verkitten von
Steinarbeiten, so wie zum Verkitten von Eisen in Stein.
[Sidenote: Harzkitte.]
Zu denjenigen Kitten, die am häufigsten Anwendung finden, gehören
unstreitig die =Harzkitte=, deren wirksamer Bestandtheil ein Harz ist,
welches im geschmolzenen Zustande zwischen die zu verbindenden Flächen
gebracht wird, und nach dem Erkalten und Erhärten die Verbindung
derselben sofort bewirkt. Vor den Oelkitten, mit welchen sie die
Wasserdichtigkeit gemein haben, besitzen sie den grossen Vorzug, dass sie
sogleich hart sind, dagegen leiden sie zum grossen Theile an dem Fehler,
dass sie keine höhere Temperatur ertragen, ohne zu erweichen, und an der
Luft, und namentlich dem Sonnenlichte ausgesetzt, mit der Zeit so spröde
werden, dass sie durch geringe Reibung schon als Pulver abfallen.
Zum Kitten von Glas- und Porcellangegenständen finden Harze allein,
namentlich Sandarac und Mastix allein Anwendung, wozu sie sich in Folge
ihrer Farblosigkeit und ihrer leichten Schmelzbarkeit wegen besonders
gut eignen. Bei ihrer Anwendung trägt man das feine Pulver dieser Harze
mit einem Pinsel auf die zu verbindenden Flächen auf und erwärmt nun
bis zum Schmelzen der Harze über Kohlenfeuer, worauf man die Flächen
rasch an einander drückt. Grössere Beachtung, als sie bisher gefunden
haben, verdienen die von =Lampadius= schon im Jahre 1828
vorgeschlagenen =Harzkitte=. Einer derselben besteht aus einer
Auflösung von 1 Th. geschmolzenem Bernstein in 1,5 Th.
Schwefelkohlenstoff, welcher als ein vortrefflicher Schnellkitt zu
betrachten ist; man braucht von der Lösung nur etwas mit einem Pinsel
auf die Ränder der zu kittenden Gegenstände zu streichen, und dieselben
an einander zu drücken, wobei der Kitt unter den Händen trocknet. Auch
eine Auflösung von Mastix in Schwefelkohlenstoff ist als Kitt
verwendbar. Schellack ist als Harzkitt wenig geeignet; er ist in der
Kälte zu spröde und zieht sich sehr stark zusammen; ersterer Uebelstand
lässt sich durch Zusatz von etwas Terpentin heben, letzterer durch
Zusatz von erdigen Pulvern, daher ist gutes Siegellack als Kitt im
Ganzen brauchbarer als Schellack für sich. Holz lässt sich durch
geschmolzenen Schellack nicht dauerhaft verbinden; legt man aber
zwischen zwei mit dickem Schellackfirniss bestrichene Holzstücke ein
damit getränktes Stück Musselin, so haften dieselben sehr fest. Im
Grossen finden die Harzkitte häufig zum Auskitten von Wasserbehältern,
Terrassen, zur Abhaltung von Feuchtigkeit und dergl. Anwendung. Man
verwendet dazu Pech oder Colophonium, in neuerer Zeit fast durchgängig
Asphalt, theils für sich mit Cäment versetzt, theils mit Schwefel
gemischt, wenn eine grössere Härte wünschenswerth erscheint, theils mit
Terpentin oder Theer versetzt, wenn man den Kitt minder hart oder
spröde haben will.
Der von dem Engländer =Jeffery= herrührende =Marineleim= (marine-glue)
wird dargestellt, indem man Kautschuk in der 12fachen Gewichtsmenge
Steinkohlentheeröl auflöst und die Lösung mit dem doppelten Gewichte
Asphalt oder Gummilack oder beiden versetzt, die Mischung erwärmt und
durch Umrühren gleichförmig macht. Es giebt zwei Sorten Marineleim,
einen harten und einen flüssigen, ersterer wird hauptsächlich zum
Aneinanderleimen der Hölzer, Anbolzen von Zimmerwerk mit Holz oder
Eisen, zum Kalfatern der Schiffe, anstatt des Schiffstheeres und zum
Anfüllen der Risse und der Spalten des Holzes, welche man vor
Feuchtigkeit bewahren will u. s. w. angewendet. Den flüssigen
Marineleim, welchen man durch Zusatz einer grösseren Menge des
Lösungsmittel erhält, verwendet man zum Ueberziehen von Holz, Gyps,
Metallflächen, zum Bestreichen der Leinwand, Taue, Röhren und dergl.
Bei der Unlöslichkeit des Seeleimes in Wasser, seiner grossen
Festigkeit und Adhäsion und seiner Unveränderlichkeit bei niederer und
hoher Lufttemperatur, bei welcher er weder sehr weich, noch spröde
wird, ist der Marineleim nicht nur für die Marine, sondern auch für
Landbauten ein sehr beachtenswertes Produkt. Den Harzkitten schliesst
sich der =Zeiodelit=, aus 19 Th. Schwefel und 42 Th. Glas- oder
Steinzeugpulver bestehend an; diese Mischung, bis zum Schmelzen des
Schwefels erhitzt, lässt sich zur Verbindung von Steinen, statt
hydraulischen Mörtels etc. benutzen. =R. Böttger= stellt den Zeiodelit
durch Eintragen von Infusorienerde mit etwas Graphit untermischt in
eine gleiche Gewichtsmenge geschmolzenen dünnflüssigen Schwefels dar.
Die von =Merrick= dargestellte Mischung gleicher Theile Gummilack und
fein zertheilter Kieselerde -- unter dem Namen =Diatit= angewendet --
reiht sich gleichfalls den Harzkitten an.
[Sidenote: Eisenkitte.]
Unter den vielen Vorschriften zur Bereitung von =Eisenkitt= auf Schmiede-
und Gusseisen bei Wasserleitungsröhren, Dampfkesseln, Dampfröhren und
dergl. sei eine der besseren angeführt.
Der sogenannte =Rostkitt= besteht aus einer Mischung von 2 Th. Salmiak,
1 Th. Schwefelblumen und 60 Th. feinen Eisenfeilspänen; beim Gebrauche
wird sie mit Wasser angemacht, welchem der sechste Theil Essig oder
eine kleine Menge verdünnter Schwefelsäure zugesetzt worden ist. Dieser
Kitt wird in die Fugen hineingestrichen oder hineingestampft, nachdem
die zu verbindenden Flächen des Eisens gereinigt und wo möglich etwas
abgefeilt sind. Nach einigen Tagen erhärtet dieser Kitt vollkommen und
hängt sehr fest am Eisen, indem er in diesem sowol als in sich selbst
zusammenrostet. -- In Fällen, wo der Kitt die Glühhitze auszuhalten
hat, wie bei Verbindungen von Röhrenstücken, die im Feuer liegen, dient
ein Kitt aus 4 Th. Eisenfeile, 2 Th. Thon und 1 Th.
Porcellankapselmasse, mit Salzlösung zu einem Brei angerührt, welchen
man zwischen den Flantschen mittelst der Schrauben zusammenpresst.
[Sidenote: Stärkekitte.]
Zu den =Stärkekitten= gehört der aus Stärke oder Mehl gekochte
=Kleister=, welcher bekanntlich bei den Buchbinderarbeiten und überhaupt
beim Zusammenleimen von Papier und Pappe verwendet wird.
Der Kleister wird am besten bereitet, indem man Stärkemehl mit kaltem
Wasser zu einem nicht zu dicken Brei in einem Mörser so lange anreibt,
bis keine Klümpchen mehr vorhanden sind, und dann aus einem anderen
Gefässe siedendes Wasser in einem dünnen Strahle so lange unter raschem
Umrühren zusetzt, bis die Kleisterbildung beginnt, was man an dem
Durchsichtigwerden wahrnimmt, dann aber den Rest des erforderlichen
Wassers schnell zugiesst. Kochen der fertigen Masse ist nachtheilig und
giebt einen Kleister, der leicht abspringt. Von grösserer Bindekraft
als der aus Stärkemehl bereitete Kleister ist der aus Roggenmehl
dargestellte, wovon der Grund in dem Klebergehalt des letzteren zu
suchen ist. Leider ist dieser Kleister nicht weiss, sondern grau bis
graubraun. Um den Kleister haltbarer zu machen, löst man in dem Wasser,
welches zur Kleisterbildung dient, eine kleine Menge Alaun. Statt des
Wassers kann das Anbrühen des Mehles auch mit siedendem Leimwasser
geschehen, wodurch die Klebkraft des Leimes wesentlich befördert wird.
Der vorzüglichste Kleister ist unstreitig derjenige, bei dessen
Bereitung zum Anrühren und Anbrühen des Stärkemehles eine wässerige
Lösung von durch Fäulniss verändertem Kleber verwendet wird. Setzt man
die Hälfte vom Gewicht der angewendeten Stärke an Terpentin zum
Kleister, welchen man durch Umrühren in der Masse vertheilt, so lange
das Gemisch noch heiss ist, so wird der Kleister gegen die Einwirkung
von Feuchtigkeit haltbarer und zugleich bindender.