Ein so zusammengesetzter Chlorkalk besteht in 100 Theilen aus

Calciumhypochlorit 49,31

Chlorcalcium 38,28

Wasser 12,41

------

100,00

oder aus

Chlor 48,90

Kalk 38,69

Wasser 12,41

------

100,00

Ein idealer Chlorkalk, wie er vorstehender Zusammensetzung entspricht,

kommt im Handel nicht vor. Eine gute Chlorkalksorte, die 26,52 Proc.

wirksames Chlor enthielt, hat folgende Zusammensetzung:

Calciumhypochlorit 26,72

Chlorcalcium 25,51

Kalk 23,05

Gebundenes Wasser mit Feuchtigkeit 24,72

------

100,00

welche man zur bessern Uebersicht auch so darstellen kann:

Calciumhypochlorit 26,72

Chlorcalcium (wirksames) 20,72

Chlorcalcium (überschüssiges) 4,79

Kalkhydrat (CaH_{2}O_{2}) 30,46

Weiteres gebundenes Wasser und Feuchtigkeit 17,31

------

100,00

Nach =Fresenius= (1861) ist der Chlorkalk ein Gemenge von 1 Molek.

Ca(ClO)_{2} mit 2 Molek. basischem Chlorcalcium von der Formel

CaCl_{2}, 2CaH_{2}O_{2} + 2H_{2}O.

[Sidenote: Eigenschaften des Chlorkalkes.]

Der Chlorkalk erscheint als ein weisses Pulver, das aus

Calciumhypochlorit, Chlorcalcium und überschüssigem gelöschten Kalke

besteht; in 10 Th. Wasser lösen sich die bleichenden Verbindungen auf,

während der überschüssige Kalk zurückbleibt. Das Chlor des

Chlorcalciums im Chlorkalke wirkt ebenfalls bleichend, indem beim

Behandeln des Chlorkalkes mit Säuren die freigewordene unterchlorige

Säure und die Salzsäure sich zu Wasser und Chlor umsetzen

( Cl } O + H } = H } O + Cl } )

( H } Cl } H } Cl } )

Die bleichende Wirkung des Chlorkalks erfolgt nicht sogleich, wenn

nicht zugleich eine Säure zugefügt wird[69]. Anstatt der Säure wendet

man auch zweckmässig Zinkvitriol (oder Chlorzink) an, es fallen Gyps

und Zinkoxyd aus und unterchlorige Säure bleibt in Lösung[70]. -- Die

Anwendung des Chlorkalkes ist schon angeführt worden. In den meisten

Fällen lässt sich seine Wirkung auf eine Oxydation in Folge von

Ozonbildung zurückführen. Man wendet den Chlorkalk mitunter zur

Darstellung von Sauerstoffgas an (1 Kilogr. Chlorkalk von der Formel

Ca(ClO)_{2} giebt 132,2 Grm. oder 92,4 Liter Sauerstoff).

[69] Man benutzt diese Eigenschaft des Chlorkalkes, um auf türkischroth

gefärbtem Zeuge weisse Muster hervorzubringen, indem man die

Muster vermittelst mit Gummi verdickter Weinsäure aufdruckt und

die Zeuge sodann etwa eine Minute lang in Chlorkalklösung taucht.

[70] In den letzten Jahren sind an mehreren Orten Explosionen von

verschlossenen Gefässen mit Chlorkalk wahrgenommen worden

(Ca(ClO)_{2} + CaCl_{2} = 2CaCl_{2} + O_{2}). Um den Chlorkalk

weniger leicht zersetzbar zu machen, hat man vorgeschlagen, ihn

sofort nach seiner Bereitung fein zu mahlen und ihn in Fässer

einzustampfen, in welchen er nach kurzer Zeit Steinhärte annimmt.

[Sidenote: Chlorometrie.]

Da in dem Chlorkalk nur die Menge des darin enthaltenen

unterchlorigsauren Calciums mit seinem Aequivalent Chlorcalcium bei

seiner Anwendung in Betracht kommen kann, so bestimmt dieselbe seinen

Werth. Die Operation, durch welche man die Menge des in dem Chlorkalk

enthaltenen verwerthbaren Chlores erfährt, fasst man mit dem Namen der

=Chlorometrie= zusammen. Lange Zeit begnügte man sich, die entfärbende

Eigenschaft des Chlorkalkes auf eine Indigolösung, deren Gehalt man

genau kannte, mit der eines gleichen Volumens Chlor auf dieselbe Lösung

zu vergleichen; da sich aber eine Indigolösung leicht verändert, ferner

der Indigo nicht immer von gleicher Güte zu erhalten ist, so ist diese

Methode nicht genau und wird jetzt nicht mehr befolgt.

[Sidenote: Probe von Gay-Lussac.]

=Gay-Lussac= benutzt die _oxydirende Einwirkung des Chlorkalks auf

arsenige Säure_. Als Vergleichungspunkt dient ein Volumen trocknes

Chlorgas, das in einem Volumen Wasser gelöst ist. Wenn man diese Lösung

in eine in 100 Theile getheilte (graduirte) Röhre giesst, so entspricht

jeder Theil einem Hundertstel Chlor. Andererseits stellt man eine

Lösung von arseniger Säure in Salzsäure und Wasser dar, von der Stärke,

dass bei gleichem Volumen beide Lösungen sich gegenseitig zersetzen.

Die Zersetzung geht (indessen keineswegs glatt) auf folgende Weise vor

sich:

Arsenige Säure As_{2}O_{3} } { Arsensäure As_{2}O_{5}

Wasser 2H_{2}O } geben { Salzsäure 4ClH

Chlor 2Cl_{2} } {

Das Wasser wird hierbei zersetzt, der Sauerstoff desselben verbindet

sich mit der arsenigen Säure und bildet Arsensäure, während der

Wasserstoff des Wassers mit dem Chlor zusammentritt. Gewöhnlich nimmt

man ein Liter Chlorgas, das man in einem Liter destillirten Wasser

löst; andererseits bereitet man eine =Normallösung von arseniger

Säure=, welche durch das Liter Chlorwasser vollständig zu Arsensäure

oxydirt wird. Nimmt man nun eine Lösung von Chlorkalk oder einer

anderen zum Bleichen angewendeten Chlorverbindung, deren

Entfärbungsvermögen man kennen lernen will, so kann man, wenn man diese

Flüssigkeit in eine Lösung von arseniger Säure giesst, aus der Menge

derselben, die zum Zersetzen des Hypochlorites erforderlich ist, auf

die in der ursprünglichen Lösung enthaltene Chlormenge einen sicheren

Schluss ziehen. Um dieses Verfahren auszuführen, nimmt man z. B. 10

Grammen Chlorkalk, zerreibt denselben mit Wasser und setzt dann so viel

destillirtes Wasser hinzu, dass das Volumen der Lösung genau ein Liter

beträgt. Hierauf bringt man vermittelst einer Pipette 10

Kubikcentimeter der Lösung der arsenigen Säure in ein Becherglas, setzt

zu derselben einen Tropfen Indigolösung, damit die Flüssigkeit schwach

gefärbt erscheint, und fügt dann aus der erwähnten Bürette

Chlorkalklösung hinzu, bis die Färbung fast nicht mehr zu bemerken ist.

Darauf setzt man abermals einen Tropfen Indigolösung hinzu und dann so

lange Chlorkalklösung, bis die Flüssigkeit entfärbt und wasserhell ist.

-- Zur Darstellung der normalen Lösung der arsenigen Säure wendet man

4,4 Gr. arsenige Säure, 32,0 Gr. reine Salzsäure und eine hinlängliche

Menge Wasser, um ein Liter zu füllen, an. Enthalten 10 Grm. Chlorkalk 1

Liter Chlorgas, so hat er 100 Grade.

[Sidenote: Probe von Penot.]

=Penot= hat das Verfahren von =Gay-Lussac= dahin abgeändert, dass er

statt der sauren Lösung der arsenigen Säure arsenigsaures Natrium und

statt der Indigolösung ein farbloses jodirtes Papier anwendet, das sich

durch die geringste Menge freie Säure blau färbt. Zur Bereitung des

jodirten Papiers erhitzt man 1 Gr. Jod, 7 Gr. krystallisirtes

Natriumcarbonat, 3 Gr. Stärkemehl mit 1/4 Liter Wasser bis zur

Auflösung und Entfärbung, verdünnt sodann auf 1/2 Liter und tränkt

damit weisses Papier. Die Arsenprobeflüssigkeit ist eine Auflösung von

4,44 Gr. arseniger Säure und 13 Gr. krystall. Natriumcarbonat, die auf

1 Liter verdünnt ist. Man giesst dieselbe aus der Bürette in die

Chlorkalklösung (10 Gr. Chlorkalk auf 1 Liter), bis ein Tropfen der

letzteren das jodirte Papier nicht mehr färbt. =Mohr= hat vorstehendes

Verfahren modificirt; er bereitet die Arsenflüssigkeit durch Auflösen

von 4,95 Gr. arseniger Säure und 10 Gr. Natriumbicarbonat in Wasser und

Verdünnen der Flüssigkeit bis zu 1 Liter; er stellt ferner eine

Jodlösung dar durch Auflösen von 12,7 Gr. Jod vermittelst Jodkalium und

Verdünnen mit Wasser bis zu 1 Liter. Das jodirte Papier ist einfaches

Jodstärkepapier. Man führt die Chlorkalkprobe aus, indem man Chlorkalk

mit Wasser zerreibt und abschlämmt, bis alle Theile schweben, dann

Arsenlösung hinzusetzt, bis das Betupfen eines Jodkaliumstärkepapiers

keine blauen Flecken mehr erzeugt, alsdann Stärkelösung zufügt und mit

Jodlösung blau titrirt. Zu 1 Grm. Chlorkalk brachte man 72 Kubikcentim.

arsenigsaures Natrium; es wurden verbraucht 0,2 Kubikcentim. Jodlösung

(Titre: gleich stark wie Arsenlösung, d. h. Volumen gegen Volumen),

folglich blieben 71,8 Kubikcentim. arsenigsaures Natrium. Der Chlorkalk

enthält demnach 25,460 Proc. wirksames Chlor, da jeder Kubikcentimeter

der verbrauchten Arsenlösung 0,00355 Gr. wirksamem Chlor entspricht

(0,00355 × 71,8 = 0,2546).

[Sidenote: Probe von R. Wagner.]

Nach meiner Methode (1859) wird die Chlorkalkprobe _auf jodometrischem

Wege_ ausgeführt, indem man aus einer mit Salzsäure angesäuerten

schwachen Jodkaliumlösung (1 und 10) durch die obige Chlorkalklösung

Jod ausscheidet und die ausgeschiedene Jodmenge mittelst

Natriumhyposulfit bestimmt:

Jod 2J } {Jodnatrium 2NaJ

Natriumhyposulfit }geben{Natriumtetrathionat Na_{2}S_{4}O_{6}

2Na_{2}S_{2}O_{3} + 5H_{2}O} {Wasser 5H_{2}O

Die Ausführung der Probe geschieht auf folgende Weise: 100

Kubikcentimeter der milchigen Chlorkalklösung (= 1 Grm. Chlorkalk),

durch Lösen von 10 Grm. Chlorkalk in Wasser bis zu 1 Liter (unter

Anwendung der Schüttelflasche) erhalten, mischt man mit 25 Kubikcentim.

Jodkaliumlösung und setzt verdünnte Salzsäure bis zur sauren Reaction

hinzu. Die klare, dunkelbraune Lösung wird mit Natriumhyposulfit (24,8

Grm. Salz in 1 Liter; 1 Kubikcentim. der Lösung entspricht 0,0127 Grm.

Jod oder 0,00355 Grm. Chlor) farblos titrirt.

[Sidenote: Chlorimetrische Grade.]

In Deutschland, England, Russland und Amerika drückt man die =Stärke

des Chlorkalkes= in Graden aus, welche gleich sind den Procenten an

wirksamem Chlor, in Frankreich (und auch in einigen deutschen Fabriken)

dagegen bedeuten die Grade die Anzahl Liter Chlorgas von 0° und 760

Millimeter Barometerstand, welche aus 1 Kilogr. des zu prüfenden

Chlorkalkes frei gemacht werden können. Folgende Tabelle giebt die

=chlorimetrischen Grade= für Frankreich und für Deutschland (und

England) an:

Französisch. Deutsch.

63 20,02

65 20,65

70 22,24

75 23,83

80 25,42

85 27,01

90 28,60

100 31,80

105 33,36

110 34,95

115 36,54

120 38,13

125 39,72

126 40,04

Die Procente berechnet man aus den französischen Graden durch

Multiplication der letzteren mit 0,318 (1 Liter Chlorgas = 35,5 Krithen

wiegt 3,18 Grm.).

[Sidenote: Chloralkalien.]

Von den sogenannten =Chloralkalien= wendet man das =unterchlorigsaure

Kalium= oder =Chlorkali= (_Eau de Javelle_) und die entsprechende

=Natriumverbindung= (_Eau de Labarraque_) an. Man stellt diese

Bleichflüssigkeiten (Fleckwasser) dar, indem man durch eine Lösung

ätzender (1) oder kohlensaurer (2) Alkalien Chlorgas leitet:

(1) 2NaOH + Cl_{2} = NaOCl + NaCl + H_{2}O;

(2) 2Na_{2}CO_{3} + Cl_{2} + H_{2}O = NaOCl + NaCl + 2NaHCO_{3};

oder indem man Chlorkalk mit Wasser auszieht und die Flüssigkeit mit

Natriumcarbonat oder Natriumsulfat behandelt; es scheidet sich

Calciumcarbonat oder -sulfat ab, während Hypochlorit und Chlorür des

Alkalimetalles gelöst bleiben.

Das =Aluminiumhypochlorit= (Chloralaunerde oder Wilson's

Bleichflüssigkeit) wird durch Vermischen von Chlorkalklösung und

Aluminiumsulfat erhalten; es wirkt lediglich durch Abgabe von Ozon,

wobei Chloraluminium entsteht. =Magnesiumhypochlorit= (Chlormagnesia,

Ramsay's oder Grouvelle's Bleichflüssigkeit), durch Zersetzen von

Chlorkalk mit Bittersalz dargestellt, ist, wie die Thonerdeverbindung

ein energisches Bleichmittel. Vor dem Chlorkalk hat sie (nach den

Versuchen von =Jokisch=) bei ihrer Anwendung zum Bleichen zarterer

Stoffe den Vorzug des Fehlens der Nebenwirkung einer ätzenden

alkalischen Erde. Neuerdings ist =Zinkhypochlorit= (Varrentrapp's

Bleichsalz) als kräftiges Bleichmittel empfohlen worden; man versetzt

Chlorkalk mit Zinkvitriol oder mit Chlorzink, im ersteren Falle fallen

Gyps und Zinkvitriol nieder und unterchlorige Säure bleibt in Lösung,

die im zweiten Falle mit Chlorcalcium gemengt ist. Auch

=Bariumhypochlorit=, welches mit verdünnter Schwefelsäure versetzt

unter Abscheidung von Barytweiss unterchlorige Säure liefert, verdient

Beachtung.

[Sidenote: Kaliumchlorat.]

Das =Kaliumchlorat= (chlorsaures Kalium), KClO_{3} (in 100 Th. 38,5 Kali

und 61,5 Chlorsäure), ein in weissen, tafelförmigen rhombischen

Krystallen krystallisirendes Salz, wurde früher dargestellt, indem man

Chlorgas durch eine concentrirte Lösung von Kaliumcarbonat leitete, wobei

alle Kohlensäure entwich und eine Lösung entstand, die Kaliumchlorat und

Chlorkalium enthielt. Das Kaliumchlorat krystallisirt aus der Flüssigkeit

zuerst heraus. Die Mutterlauge liefert beim Abdampfen Chlorkalium. Die

Krystalle von Kaliumchlorat werden mit kaltem Wasser abgewaschen und

durch Umkrystallisiren gereinigt. 100 Kilogr. Potasche geben 9-10 Kilogr.

Kaliumchlorat. Gegenwärtig stellt man nach der von =Graham= angegebenen

und von =v. Liebig= verbesserten Methode das Kaliumchlorat dar, indem man

das Chlorgas auf Kalkmilch bei höherer Temperatur einwirken lässt; es

entsteht Chlorcalcium und Calciumchlorat, welches letztere durch

Chlorkalium zersetzt wird. Die gewöhnliche Darstellungsmethode besteht

darin, dass man Chlorgas in eine Mischung auf 1 Mol. Chlorkalium und 6

Mol. Kalkhydrat, welche mit Wasser zu einem dünnen Brei angerührt ist,

leitet. Aus der Lösung krystallisirt beim Eindampfen und Erkaltenlassen

das Kaliumchlorat heraus, während Chlorcalcium in der Mutterlauge bleibt.

[Illustration: Fig. 109.]

Man benutzt hierzu den Fig. 109 abgebildeten Apparat. _B_, _B_ ... sind

Chlorentwickler aus Steinzeug, die in einem Wasser- oder

Chlorcalciumbade stehen. Durch das Bleirohr _f f_ geht das Chlorgas

zunächst in das kühlgehaltene Bleigefäss _C_, um es von Wasserdampf und

beigemengter Flüssigkeit zu befreien und dann durch _g_ in das mit Blei

ausgefütterte Absorptionsgefäss _A_, in welchem sich Kalkmilch

befindet. _E_ ist ein eiserner, mit Blei überzogener Rührer, _h_ ein

Rohr zum Ableiten des nicht absorbirten Gases, _D_ ein Rohr zum

Ablassen des Inhaltes. Die Kalkmilch kommt erwärmt auf 50-60° C. in

das Gefäss _A_ oder wird darin durch eingeleiteten Dampf auf diese

Temperatur erhitzt; durch die Einwirkung des Chlors steigt dann die

Temperatur fast bis zum Siedepunkt. Ungeachtet der hohen Temperatur

entsteht neben Calciumchlorat stets etwas Calciumhypochlorit. Sobald

das Chlor nicht mehr aufgenommen wird, lässt man die trübe Flüssigkeit

in einen Behälter von Blei, oder mit Blei ausgefüttert, zur Ablagerung

des Ungelösten. Die geklärte Flüssigkeit verdampft in Bleipfannen auf

25-30° B., wobei das Hypochlorit vollständig in Chlorat verwandelt

wird, dann setzt man das Chlorkalium, in heissem Wasser gelöst, hinzu,

verdampft noch etwas und lässt krystallisiren. Der Rechnung nach ist

auf 2-1/4 Th. angewandten Kalk 1 Th. Chlorkalium erforderlich; man

pflegt indess auf 3 Th. Kalk 1 Th. Chlorkalium zu nehmen. Auch durch

Kochen einer Chlorkalklösung und Eindampfen derselben bis zur Trockne

bildet sich Calciumchlorat, das durch Kaliumcarbonat oder Chlorkalium

in Kaliumchlorat übergeführt wird. Alter Chlorkalk, der seine

Bleichkraft zum grössten Theile schon verloren, enthält Calciumchlorat

und lässt sich vortheilhaft noch zur Fabrikation von Kaliumchlorat

anwenden.

Das Kaliumchlorat krystallisirt in perlmutterglänzenden Blättchen, die

luftbeständig sind, sich in 16 Th. Wasser von 15°, 8 Th. Wasser von 35°

und 1,6 Th. Wasser von 100° auflösen, beim Erhitzen Sauerstoff abgeben

und beim Zusammenreiben mit brennbaren Körpern auf das heftigste

explodiren. 1 Kilogr. Kaliumchlorat giebt beim starken Glühen oder beim

Erhitzen mit 0,5 Kilogr. Braunstein oder 1 Kilogr. Eisenoxyd 391,2 Grm.

oder 273,5 Liter Sauerstoffgas. Es findet jetzt hauptsächlich Anwendung

in der Feuerwerkerei als Zusatz zur Masse der Zündhütchen und der

Zündpillen der Zündnadelgewehre, als Bestandtheil des weissen oder

amerikanischen Schiesspulvers, zur Bereitung der Zündrequisiten und des

Kaliumpermanganates und als oxydirendes Mittel in der Zeugdruckerei, z.

B. zur Erzeugung von Anilinschwarz. Zu letzterem Zweck setzt man den

aufzudruckenden Farben einige Procente Kaliumchlorat zu und fixirt die

Farbe nach dem Aufdrucken durch Hochdruckwasserdämpfe (3-4

Atmosphären). Bei dieser hohen Temperatur findet eine Zersetzung des

Kaliumchlorates in Berührung mit der organischen Substanz statt,

wodurch eine Oxydation und theilweise Zerstörung des Farbstoffes

stattfindet. Häufig wird der Farbstoff durch diese Behandlung auch

lebhafter und schöner.

Seit einigen Jahren findet das =überchlorsaure Kalium=

(Kaliumperchlorat, KClO_{4}) in der Feuerwerkerei als Ersatz für das

gefährliche chlorsaure Kali Anwendung. Die mit ihm dargestellten

Feuerwerkssätze zeigen wegen des stärkeren Sauerstoffgehaltes des

Salzes grösseren Glanz und intensiveres Licht.

Die Alkalimetrie.

[Sidenote: Alkalimetrie.]

Die =Potasche= (sei sie aus der Holzasche, aus der Schlempekohle der

Rübenmelasse, aus dem Kelp oder in der chemischen Fabrik aus dem

Chlorkalium des Meerwassers oder des Carnallits oder des Kaliumsulfates

der Kainite dargestellt) ist ein Gemenge von Kaliumcarbonat mit anderen

Kalium- oder Natriumsalzen und die =Soda= ein Gemenge von Natriumcarbonat

mit fremden Salzen (hauptsächlich Sulfat und Kochsalz). In den meisten

Fällen richtet sich der Werth beider Körper nach der Menge des in ihnen

enthaltenen kohlensauren Alkalis. Seitdem man die Gewerbe auf

naturgesetzliche Grundlagen zurückzuführen sich bemüht, war man daher

bedacht, ein Verfahren auszumitteln, durch welches man den Gehalt der

Potasche an reinem Kaliumcarbonat mit einer für technische Zwecke

genügenden Genauigkeit auf eine leicht und schnell ausführbare Weise

bestimmen könne. Die Chemie zeigt hierzu zwei Wege, nämlich

a) die Säuremenge zu bestimmen, welche erforderlich ist, um das

Kaliumcarbonat zu neutralisiren;

b) die Quantität der Kohlensäure zu ermitteln, welche durch Zusatz

einer stärkern Säure aus der Potasche ausgetrieben werden kann.

Beide Verfahren können selbstverständlich nur Anwendung finden, wenn

ausser dem kohlensauren Alkali keine anderen kohlensauren Salze in der

Potasche sich finden. Alle Methoden, welche den Gehalt der Potasche an

Kaliumcarbonat zu ermitteln den Zweck haben, werden =kalimetrische

Methoden= und die Gesammtheit derselben =Kalimetrie= (Potassometrie)

genannt. Die Prüfungsmethoden der Potasche und der Soda (=Sodametrie=)

fasst man auch häufig unter dem Namen =Alkalimetrie= zusammen.

[Sidenote: Volumetrische Probe.]

Nach dem älteren von =Descroizilles= zuerst angewendeten und später von

=Gay-Lussac= verbesserten Verfahren, dessen Idee von =Richter=

ausgegangen, ist die Quantität Schwefelsäurehydrat, welche man braucht,

um aus dem Kaliumcarbonat der Potasche alle Kohlensäure auszutreiben,

der Maassstab, nach welchem man den Werth der Potasche bestimmt. Die

Wägungen, die man sonst bei chemisch-technischen Untersuchungen

anzuwenden pflegt, sind hierbei so viel als thunlich in =Messungen=

verwandelt, weshalb diese Methode auch die =volumetrische Probe= oder,

weil man bei ihr eine Säure von genau bestimmtem Säuregehalt (_titre_)

anwenden muss, die =Titrirprobe= genannt wird. Die =Probesäure= erhält

man durch Vermischen von 100 Grm. reiner Schwefelsäure von 1,842

specifischem Gewicht mit 1000 Grm. (= 1000 Kubikcentimeter = 1 Liter)

destillirtem Wasser. Anstatt diese Quantität zu wägen, kann man auch

54,268 Kubikcentimeter der Schwefelsäure mit 1 Liter Wasser vermischen.

50 Kubikcentimeter der Probesäure sind hinreichend, um 4,807 Grm. Kali

in schwefelsaures Kali zu verwandeln. Die Büretten sind die

gewöhnlichen, in der Titriranalyse üblichen. Man füllt die Bürette,

welche in 100 halbe Kubikcentimeter getheilt ist, bis zum Punkte 0 mit

Probesäure an, darauf wägt man 4,807 Grm. Potasche ab, löst diese Menge

in siedendem Wasser und setzt zu der Lösung so lange von der Probesäure

aus der Bürette, bis die Sättigung erfolgt ist. Um den Sättigungspunkt

genau bestimmen zu können, wird die Lösung der Potasche mit etwas

Lakmustinctur bläulich gefärbt; mit dem Zugiessen der Probesäure hört

man dann erst auf, wenn die Lösung eine weinrothe Farbe angenommen hat.

Aus der Zahl der verbrauchten halben Kubikcentimeter der Probesäure

schliesst man dann auf den Gehalt der untersuchten Potasche. Um ganz

sicher zu gehen, rechnet man von der verbrauchten Menge 1/2 Grad ab.

Angenommen, man hätte 60 halbe Kubikcentimeter zur Sättigung der

Potasche gebraucht, so würde demzufolge die Potasche 59-1/2grädig sein.

Wenn ausser dem Kaliumcarbonat noch Sulfurete, Sulfite und Hyposulfite

in der Potasche vorhanden sind, so entstehen bei dieser Prüfungsmethode

der Potasche Fehler, welche indessen bei der gewöhnlichen Potasche

unberücksichtigt gelassen werden können. Aus den gefundenen Procenten

Kali berechnet man die Procente Kaliumcarbonat, indem man die

Kaliprocente mit 1,47 multiplicirt. Zeigt z. B. eine Potasche einen

Gehalt an Kali (K_{2}O) von 50 Proc., so enthält sie 50 × 1,47 = 73,5

Proc. Kaliumcarbonat.

[Sidenote: Probe von Mohr.]

=Mohr= hat die volumetrische Potaschenprobe wesentlich verbessert.

Diese Verbesserungen beziehen sich theils auf die Apparate, theils auf

die Probesäure. Die frühere Bürette von =Gay-Lussac= hat mehrere

Fehler, welche sich bei jedem Gebrauche derselben fühlbar machen. Vor

Allem ist es schwierig, das Instrument genau bis an 0 zu füllen; es ist

ferner nicht möglich, während des Giessens die Quantität der

verbrauchten Flüssigkeit abzulesen. Diese Uebelstände beseitigt =Mohr=

durch die krystallisirte Oxalsäure (C_{2}H_{2}O_{4}, 2H_{2}O = 126; 1/2

Mol. = 63), die sich zu diesem Zwecke dadurch empfiehlt: 1) dass sie

stark sauer ist und der Schwefelsäure in ihrer Wirkung auf Lakmus nicht

nachsteht; 2) dass sie im trockenen Zustande unverändert bleibt, nicht

zerfliesst und nicht verwittert und deshalb auf der Wage in beliebiger

Menge mit grosser Genauigkeit gewogen werden kann; 3) dass ihre Lösung

beim Aufbewahren sich nicht zersetzt und nicht wie die Lösung der

Weinsäure und Citronensäure schimmelt; 4) dass sie in heissen und

siedenden Flüssigkeiten nicht flüchtig ist. 63 Grm. der Oxalsäure (=

1/2 Mol.) werden in Wasser gelöst, so dass die Lösung genau 1 Liter

beträgt. Dieser sauren Probeflüssigkeit entspricht eine zweite, die aus

einer Auflösung von Aetzkali (KOH) besteht. Sie ist so titrirt, dass

beim Vermischen derselben mit einem gleichen Volumen der Probeoxalsäure

der letzte Tropfen Kalilösung die Farbe der zugesetzten Lakmustinktur

aus Roth in Blau überführt, was jedesmal durch einen einzigen Tropfen

gelingt, wenn die Lösung kohlensäurefrei ist. Zu einer kalimetrischen

Probe wiegt man von der geglühten und wasserfreien Potasche 1/20 Mol.

in Gramme ab, mithin 6,911 Grm. Potasche oder 5,32 Grm. Soda. Da die

Probeflüssigkeit in 1000 Kubikcentim. 1/2 Mol. Oxalsäure enthält, so

würden 100 Kubikcentim. dieser Flüssigkeit genau 1/20 Mol. des Alkalis

sättigen. Man bringt die Potasche mit etwas Lakmustinktur in eine

kleine Kochflasche und lässt einen Strahl Probesäure hinzu, welche die

Potasche unter Aufbrausen zersetzt. Die Farbe geht aus Blau in Violett

über und das Aufbrausen wird schwächer. Man bringt nun die Flüssigkeit

zum Kochen und lässt noch mehr Probesäure hinzu, bis die Farbe

vollkommen zwiebelroth geworden, dann lässt man noch Probesäure im

Ueberschuss bis zu den nächsten vollen 5-6 Kubikcentim. hinzu. Das

Alkali ist nun entschieden übersättigt; durch Kochen, Schütteln und

Hineinblasen und zuletzt Aussaugen mit einer Glasröhre wird die letzte

Spur Kohlensäure entfernt. Der Sättigungspunkt des Alkalis ist jetzt um

2-5 Kubikcentim. überschritten und diess muss genau bestimmt werden.

Man füllt jetzt eine in 1/10 Kubikcentim. getheilte Handpipette bis an

den Nullpunkt mit Aetzkali und lässt dasselbe tropfenweise in die rothe

Alkaliflüssigkeit fallen, indem dieselbe dabei umgeschwenkt wird. Die

Farbe geht jetzt rasch aus Hellroth in Violett und dann plötzlich in

klares Blau über. Man liest nun die verbrauchten Kubikcentimeter

Aetzkali ab und zieht sie von den verbrauchten Kubikcentimetern

Probesäure ab; der Rest giebt die Procente an reinem Kaliumcarbonat.

3,45 Grm. = 1/40 Mol. Potasche brauchten z. B. 36 Kubikcentimeter

Probesäure und 3 Kubikcentimeter Probekali = 33 Kubikcentimeter

Probesäure = 66 Proc. Kaliumcarbonat (da anstatt 1/20 Mol. nur 1/40

Mol. angewendet worden war, so mussten die Kubikcentimeter der Säure

verdoppelt werden, um Procente zu erhalten).

[Sidenote: Probe von Fresenius und Will.]

Unter den kalimetrischen Verfahren, die sich auf die Ermittelung der

Kohlensäuremengen gründen, welche durch Zusatz einer stärkern Säure aus

der Potasche ausgetrieben werden, steht das von =Fresenius= und =Will=

oben an. Der dazu angewendete Apparat ist bereits bei Gelegenheit der

Braunsteinprobe (vergl. Seite 116) beschrieben worden. In den Kolben

_A_ bringt man die abgewogene Potasche und füllt alsdann den Kolben bis

zum dritten Theil mit Wasser an; _B_ wird bis zur Hälfte mit

gewöhnlicher englischer Schwefelsäure angefüllt. Die Röhre _a_ ist mit

ihrem Ende _b_ durch ein Wachskügelchen verschlossen. Die Pfropfen

werden alsdann aufgesetzt und der Apparat wird gewogen. Man saugt nun

aus der Röhre _d_ etwas Luft und verdünnt somit die Luft im ganzen

Apparate. Die Folge davon ist, dass die in _B_ befindliche

Schwefelsäure in der Röhre _c_ in die Höhe steigt und in den Kolben _A_

herüberfliesst. Die sich in _A_ entwickelnde Kohlensäure kann nur durch

die Schwefelsäure entweichen, wo sie alles Wasser abgiebt. Wenn nach

öfterem Saugen durch neues Hinzutreten von Schwefelsäure keine

Kohlensäure sich mehr entwickelt, so entfernt man das Wachs vom Ende

der Röhre _a_ und saugt bei _d_ so lange, bis alle Kohlensäure, mit

welcher der Apparat noch erfüllt war, durch Luft ersetzt ist. Man lässt

den Apparat erkalten, trocknet ihn ab und wägt ihn, nachdem man das

Wachskügelchen wieder auf _a_ gebracht hat. Da die Gewichtsverminderung

nothwendig dem Gewicht der entwichenen Kohlensäure gleich sein muss, so

erfährt man hierdurch die Menge der Kohlensäure und somit auch die des

reinen Kaliumcarbonates, welche derselben entspricht. Es ist klar, dass

vorstehendes Verfahren, je nach der Zusammensetzung der Potasche, auf

geeignete Weise abgeändert werden muss. Alle Salze, welche flüchtige

Säuren enthalten, müssen, wenn sie in der Potasche vorkommen, einen

störenden Einfluss auf die Methode ausüben; Calciumcarbonat ist hierbei

nicht in Betracht zu ziehen, da dasselbe, falls es zugegen sein sollte,

durch blosses Behandeln der Probe mit Wasser getrennt werden kann.

Enthält dagegen die Potasche Schwefelkalium, ein Sulfit oder ein

Hyposulfit, so setzt man zu der Probe eine Messerspitze voll gelben

Kaliumchromates; sowohl der Schwefelwasserstoff, als auch die

schweflige Säure werden dadurch im Momente des Freiwerdens zersetzt und

die entstehenden Produkte oder Edukte (Chromsulfat, Wasser und

Schwefel) bleiben sämmtlich zurück. Enthält die Potasche ätzendes Kali,

wie es bei den nordamerikanischen Potaschen der Fall ist, so würde das

Verfahren einen zu geringen Kaligehalt angeben. In diesem Falle, der

bei deutschen und russischen Potaschen indessen selten eintritt,

befeuchtet man die Potasche vorher mit Ammoncarbonat, trocknet und

glüht sie.

[Sidenote: Ausdruck des Handelswerthes.]

Da die Potasche äusserst hygroskopisch ist, so reicht es keineswegs

hin, um den Handelswerth derselben richtig zu bestimmen, lediglich

anzugeben, wie viel Kaliumcarbonat darin enthalten ist, sondern diese

Angabe muss sich auf wasserfreie Potasche beziehen und man muss auch

noch wissen, wie viel Wasser sie enthält. Um den Wassergehalt zu

erfahren, erhitzt man eine gewogene Menge, z. B. 10 Grm., Potasche in

einem Schälchen von Eisenblech über der Weingeist- oder Gaslampe oder

über einem Kohlenfeuer so lange, bis alles Wasser ausgetrieben ist, was

man daran erkennt, dass eine darüber gehaltene Glasscheibe sich nicht

mehr beschlägt, wozu in der Regel fünf Minuten genügend sind. Der

Gewichtsverlust, in Decigrammen ausgedrückt, zeigt den Wassergehalt in

Procenten an. Von dieser so getrockneten Potasche werden 6,23 Grm.

abgewogen und auf die angegebene Weise weiter behandelt. Da 6,29 Grm.

Potasche und 4,84 Grm. Soda, wenn sie reines Carbonat wären, genau 2

Grm. Kohlensäure enthalten, so zeigen je 2 Centigramme Verlust ein

Procent Carbonat an. Betrug der Gewichtsverlust des Apparates bei der

Prüfung einer Potasche 1,64 (= 164 Centigramme), so enthielt diese

Potasche 164/2 = 82 Proc. Kaliumcarbonat. Für den wissenschaftlichen

Gebrauch würde es genügen, die so erhaltenen Resultate in Procenten

auszudrücken und z. B. zu sagen, eine Potasche enthält in 100 Theilen

Kaliumcarbonat 82

fremde Salze 8

Wasser 10

---

100

Für den commerciellen Verkehr jedoch und um den Handelswerth (_titre_)

der Potasche auszudrücken, ist diese Methode unbequem, da die Potasche

Wasser anzieht und mit dem Wassergehalt ihre Zusammensetzung sich

ändert. =Will= und =Fresenius= haben daher eine andere, weit

zweckmässigere Methode angegeben, von welcher es wünschenswerth wäre,

dass sie allgemein angenommen würde. Nach derselben bezieht sich die

Angabe des Procentgehalts der Potasche immer auf den wasserfreien

Zustand; dieser Procentgehalt wird durch den unveränderlichen Zähler

eines Bruches ausgedrückt, während man den wechselnden Wassergehalt

durch einen veränderlichen Nenner bezeichnet. Angenommen, man wolle

bezeichnen, dass eine Potasche im wasserfreien Zustande 60 Proc.

Kaliumcarbonat enthielte, so würde man schreiben 60/100; stellt man

sich vor, dieselbe zöge nunmehr so viel Feuchtigkeit an, dass 100

Pfund derselben 105 oder 109 wögen, so hätte man in dem ersten Falle

60/105, im zweiten 60/109. Es wird also nach dieser Bezeichnungsweise

von dem Fabrikanten der Preis der Potasche im wasserfreien Zustande

festgesetzt und der Gehalt der Waare durch einen Bruch bezeichnet in

der Art, dass der Zähler den Gehalt an Kaliumcarbonat angiebt, während

der Nenner 100 die Abwesenheit von Wasser bezeichnet. Potasche von

60/100 kostet z. B. 18 fl. Der mit der Aufnahme von Wasser sich

vergrössernde Nenner giebt alsdann dem Käufer an, wieviel von der

wasserhaltigen Waare ihm für gleichen Preis geliefert werden muss. Wird

aus der Potasche von 60/100 durch Wasseraufnahme solche zu 60/105 oder

60/109, so dürfen alsdann 105 oder 109 Pfund derselben gleichfalls nur

18 fl. kosten. Es ist einleuchtend, dass diese Bezeichnungsweise bei

gleicher Einfachheit weit grössere Sicherheit als die frühere gewährt.

Jeder Zweifel wird dadurch ausgeschlossen, jedem Missverständnisse

vorgebeugt. Der Käufer braucht, falls er sich auf die

Gewissenhaftigkeit des Fabrikanten verlassen kann, nur eine

Wasserbestimmung zu machen, um den wirklichen Werth der zu kaufenden

Waare zu beurtheilen. Er braucht, mit anderen Worten, nur den Nenner

des Bruches zu prüfen, weil dieser dem Wechsel unterworfen ist, den

unveränderlichen Zähler nimmt er als richtig an. Den Gehalt der Soda

giebt man in der Regel in Graden an. In =Frankreich= versteht man

darunter Procente an Natriumcarbonat, in =England= Procente an

Aetznatron. Da nun Natriumcarbonat in 100 Theilen aus 58,6 Theilen

Natron und 41,4 Theilen Kohlensäure besteht, so sind z. B.

80° französische Bezeichnung = 46,9° englische Bezeichnung.

86° " " = 50,5° " "

96° " " = 52,8° " "

[Sidenote: Grüneberg's Verfahren der Werthermittelung der Potasche.]

Die im Vorstehenden erwähnten Methoden der Potascheprüfung haben ihre

grossen Mängel, weil sie die in den Potaschesorten enthaltene Soda

unberücksichtigt lassen und die Qualität der Kalisalze summarisch

behandeln. Und doch sind diese Kalisalze für den Techniker von sehr

verschiedenem Werth; das Kaliumcarbonat ist mehr werth als das

Chlorkalium, letzteres wieder weniger als das Kaliumsulfat. Es bleibt

somit nichts übrig, als bei Werthermittelung von Potaschen vollständige

Analysen auszuführen, d. h. jedes der darin enthaltenen Salze zu

bestimmen, für jedes der Salze einen Werth per Procent auszusetzen und

diese Werthe sodann zu einer den Werth des Produktes ausdrückenden

Gesammtsumme zu vereinigen. Durch Anwendung der Titriranalyse ist dies

gegenwärtig leicht. Der Gang der von =H. Grüneberg= beschriebenen

Methode ist folgender: Es wird der alkalimetrische Gehalt der zu

untersuchenden Potasche nach der =Gay-Lussac='schen Methode als

Kaliumcarbonat gesucht, das Chlor mit salpetersaurem Silber, die

Schwefelsäure mit salpetersaurem Blei bestimmt. Das vorhandene Kali

wird als Weinstein abgeschieden und hieraus berechnet. Sämmtliches

gefundene Chlor wird auf Chlorkalium und sämmtliche Schwefelsäure auf

Kaliumsulfat berechnet, der an Chlor und Schwefelsäure nicht gebundene

Rest des gefundenen Kali, abgesehen von zu vernachlässigenden kleinen

Quantitäten Kaliumsilicates, welches als Carbonat gefunden wird, ist

als Kaliumcarbonat vorhanden und wird als solches berechnet. Das so

ermittelte Kaliumcarbonat wird von den alkalimetrisch gefundenen

Potascheprocenten in Abrechnung gebracht und der verbleibende Rest auf

Natriumcarbonat im Verhältniss von 69,1 : 53,0 calculirt.

Das Ammoniak und die Ammoniaksalze.

[Sidenote: Allgemeines über Ammoniak.]

Das =Ammoniak= findet sich fertig gebildet in der Luft und in Gestalt von

Ammoniaksalzen in einigen Mineralien, auch entsteht es in beträchtlicher

Menge als vulkanisches Produkt. Die grösste Menge des Ammoniaks und der

Ammoniaksalze, welche in der Technik Verwendung finden, wird jedoch

gewonnen durch trockne Destillation der Steinkohlen, der Knochen und

ähnlicher Thiersubstanzen, durch Fäulniss des Harnes und Destillation der

ammoniakhaltigen Flüssigkeit und durch Einwirkung von überhitzten

Wasserdämpfen auf gewisse Cyanverbindungen. Die Gewinnung des Ammoniaks

durch Reduktion der Salpetersäure und aus den Hohofengasen ist

gleichfalls erwähnenswerth. Die von der Technik benutzten Quellen des

Ammoniaks sind:

{ 1) das natürliche kohlensaure Ammoniak,

{ 2) die Herstellung von Ammoniaksalzen bei

{ der Borsäuregewinnung,

{ 3) der vulkanische Salmiak,

[Greek: a]) =Anorganische= { 4) Ammoniak aus der Salpetersäure beim

Quellen. { Reinigen von Aetznatron,

{ 5) " " dem Stickoxyd und der

{ salpetrigen Säure,

{ 6) " " dem Stickstoff der Luft,

{ 7) " " gewissen Cyanverbindungen;

{ 8) die Steinkohle liefert Ammoniak

{ a) bei der trocknen Destillation behufs

{ der Leuchtgasbereitung,

[Greek: b]) =Organische= { b) bei deren Ueberführung in Koks,

Quellen. { c) bei ihrer Verbrennung als

{ Brennmaterial;

{ 9) Ammoniak aus gefaultem Harn,

{ 10) " durch Destillation der

{ Knochen,

{ 11) " aus Rübensaft.

Das Ammoniak NH_{3} besteht aus 1 Vol. Stickstoff und 3 Vol.

Wasserstoff, welche sich zu 2 Vol. Ammoniakgas verdichtet haben, ist

ein farbloses Gas, besitzt den bekannten durchdringenden Geruch und

ätzenden alkalischen Geschmack. Wasser absorbirt bei +15° das 727-, bei

0° das 1050fache seines Volumens an Ammoniakgas und die so erhaltene

=Ammoniakflüssigkeit= (Salmiakgeist, Ammonhydroxyd) hat das spec.

Gewicht von 0,824 (= 31,3 Proc. NH_{3}). Für den technischen und

pharmaceutischen Gebrauch ist aber eine geringhaltige Flüssigkeit

zweckmässiger und haltbarer und man stellt fast durchgängig

Salmiakgeist von 0,960 spec. Gewicht (= 9,75 Proc. NH_{3}) dar.

Folgende Tabelle giebt den Zusammenhang des spec. Gewichtes des

Salmiakgeistes mit seinem Gehalte an Ammoniak an:

Spec. Gewicht. NH_{3} Proc.

0,875 32,50

0,824 31,30

0,900 26,00

0,905 25,39

0,925 19,54

0,932 17,52

0,947 13,46

0,951 12,0

0,953 11,5

0,955 11,0

0,957 10,5

0,959 10,0

0,961 9,5

0,963 9,0

0,965 8,5

0,968 8,0

0,970 7,5

0,972 7,0

0,974 6,5

0,976 6,0

0,978 5,5

Auch in Alkohol ist das Ammoniakgas in reichlicher Menge löslich. Der

Salmiakgeist findet zahlreiche technische Anwendungen, so z. B. zum

Extrahiren der Orseillefarbstoffe aus den Flechten, der Cochenille, als

Beizezusatz in der Schnupftabakfabrikation, zum Reinigen des

Leuchtgases von Kohlensäure und Schwefelwasserstoff, zum Verseifen der

Fette und Oele, nach dem Vorschlage von =Gélis= zur Fabrikation des

Blutlaugensalzes mit Hülfe von Schwefelkohlenstoff, zum Auflösen des

Silbers (Chlorsilbers) aus den Erzen, als Antichlor in den

Bleichereien, in den Lack- und Farbenfabriken u. dgl. Was die Anwendung

des Salmiakgeistes zum Extrahiren des Kupfers aus kiesigen Kupfererzen

betrifft, so ist von =G. Barruel= im Jahre 1852 behauptet worden, dass

sich das Kupfer ohne vorhergehende Röstung aus den Erzen (Kupferkies,

Fahlerz) durch Ammoniak ausziehen lasse. Zu dem Ende solle man durch

das feingepulverte, mit Salmiakgeist angerührte Erz einen Luftstrom

treiben. Das Kupfer löse sich vollständig auf und verbleibe nach dem

Abdestilliren der ammoniakalischen Flüssigkeit als Kupferoxyd in

schwarzen glimmerartigen Blättchen. =v. Hauer= erhielt, als er diese

Methode versuchte, unbefriedigende Resultate. =Schönbein= hat den

Vorgang, der bei der Kupfergewinnung durch Ammoniak stattfindet,

studirt und gefunden, dass es nicht sowol das Ammoniak ist, welches aus

den Kupfererzen das Kupfer als Oxyd auflöst, als vielmehr die durch

Oxydation des Ammoniaks gebildete salpetrige Säure. In Anschluss an die

Arbeit von =Schönbein= hat =Tuttle= gefunden, dass die Oxydation des

Ammoniaks gleichzeitig mit der des Kupfer stattfinde und durch diese

bedingt sei. Was die praktische Verwendung des vorstehenden Verfahrens

anlangt, so wurde bei einem am Rheine angestellten Versuche gefunden,

dass das Ammoniak, obgleich man in luftdichten Gefässen arbeitete, nur

zum Theil wiedergewonnen werden kann. =v. Liebig= hat diese Erscheinung

aus der Beobachtung von =Way= (die indessen thatsächlich von =Bronner=

zu Wiesloch bei Heidelberg herrührt) zu erklären gesucht, dass die

thonigen Bestandtheile des am Rhein angewendeten Kupferschiefers das

Ammoniak der Lösung entziehen, ähnlich wie dies bei Ackerkrume der Fall

ist. Damit ist aber auch der Anwendung des Salmiakgeistes zur

Kupferextraktion das Urtheil gesprochen, da es kein Mittel giebt, die

Absorption desselben durch das Erzpulver zu verhüten. Die Eigenschaft

thonreicher Erden und ähnlich constituirter Mischungen, Ammoniak und

Ammoniaksalze aus ihren wässerigen Lösungen aufzunehmen und unlöslich

zu machen, ist überhaupt stets bei der technischen Verwendung des

Ammoniaks ins Auge zu fassen. Handelt es sich darum, das in den Erzen

als Malachit und Lasur enthaltene Kupfer bei starkem Kalkgehalt der

Erze in Lösung zu bringen, so kann man mit Erfolg, wie die Versuche von

=Langsdorf= zu Thal-Itter gezeigt haben, Ammoniak (sowol ätzendes, als

auch kohlensaures) verwenden. -- Erwähnenswerth ist die Anwendung des

Salmiakgeistes zur =künstlichen Eiserzeugung= nach dem Verfahren von

=Carré=; das Princip dieser Eisbildung beruht auf der Austreibung des

Ammoniakgases aus seiner wässerigen Lösung durch Erwärmen, welches

sofort in einem hinreichend starken Condensator aufgefangen und durch

Abkühlung und Druck verflüssigt wird. Wird nun die Retorte nach

Austreibung des Ammoniakgases in kaltes Wasser gestellt, so entsteht

ein Vacuum in dem Apparate und es erfolgt eine abermalige Verdampfung

des im Condensator befindlichen flüssigen Ammoniaks, das wieder von dem

Wasser in der Retorte absorbirt wird. Um aber von Neuem seinen

gasförmigen Zustand zu erlangen, muss es bedeutende Mengen Wärme

aufnehmen, die es seiner nächsten Umgebung entzieht, wodurch die zur

Eiserzeugung erforderliche Temperaturerniedrigung entsteht. Die

=Carré='sche Eismaschine liefert für jedes verbrannte Kilogramm Kohle

10 Kilogr. Eis. -- Nicht mit Stillschweigen ist endlich der Vorschlag

von =Fournier= zu übergehen, das Ammoniakgas als Prüfungsmittel für die

Dichtheit der Leuchtgasleitungsröhren zu benutzen. Zu diesem Behufe

leitet man das Leuchtgas durch Salmiakgeist, ehe es in die Leitung

gelangt. Man braucht nun blos bei geschlossenen Brennern längs der

sämmtlichen Theile der Leitung einen mit Salzsäure befeuchteten

Glasstab oder rothes Lakmuspapier hinzuführen, um die undichten Stellen

zu entdecken. Oft ist übrigens schon der Geruch ausreichend, um die

Undichtheiten zu erkennen. -- Was die Wichtigkeit des Ammoniaks und der

Ammoniaksalze im Allgemeinen betrifft, so nimmt dieselbe von Tag zu Tag

zu und zwar nicht nur für die Zwecke der Agricultur und insofern das

Ammoniak ein unentbehrlicher Körper für die Salpeterbildung ist,

sondern auch, weil in vielen Fällen das Ammoniak an die Stelle des Kali

zu industriellen Zwecken tritt.

In neuerer Zeit ist des Ammoniakgas auch als =Motor= angewendet worden.

Diese =Ammoniakgaskraftmaschinen= gründen sich darauf, dass aus

wässeriger Ammoniaklösung durch Erhitzung das Gas ausgetrieben wird.

Das Gas lässt man in einer Kolbenmaschine wirken, welche ebenso wie

eine Dampfmaschine mit Condensation eingerichtet ist. Nachdem das

Ammoniakgas in dem Cylinder thätig gewesen, wird es von kaltem Wasser

absorbirt. Diese Lösung wird von Neuem zur Entwickelung von Ammoniakgas

benutzt. Derartige Maschinen sind construirt worden von =v.

Waeyenberch= u. A. =Tellier= schlägt das Ammoniakgas zum Luftleermachen

von Tonnen und Fässern vor, =Frommont= construirte mit Ammoniakgas

betriebene Pumpen.

[Sidenote: Darstellung des Salmiakgeistes.]

Der Salmiakgeist wird dargestellt, indem man Salmiak oder Ammonsulfat in

der Wärme durch Aetzkalk zersetzt und das sich entwickelnde Ammoniakgas

von kaltem Wasser verschlucken lässt. In der Praxis wird der Kalk immer

im Ueberschuss angewendet, so dass gleiche Theile Ammoniaksalz und Kalk

genommen werden. Bei gewissen technisch-chemischen Operationen entweicht

Ammoniakgas in grosser Menge, so z. B. bei der Bereitung von

Ammoncarbonat durch Sublimation eines Gemenges von Salmiak und Kreide,

wobei auf 100 Th. des erhaltenen Ammoncarbonates gegen 14 Th. Ammoniakgas

frei werden, die von Wasser aufgefangen und auf Salmiakgeist benutzt

werden können. Es ist durch =Wagner= aufmerksam gemacht worden, dass

unter gewissen örtlichen Verhältnissen die Fabrikation von Salmiakgeist

(zu technischem Gebrauche) mit der des Barytweiss verknüpft werden kann,

indem man aus einer Lösung von Ammonsulfat die Schwefelsäure mittelst

Aetzbaryt als Barytweiss ausfällt und die klare Flüssigkeit von dem

Niederschlage trennt.

[Illustration: Fig. 110.]

Zur Darstellung des Salmiakgeistes im Grossen wendet man den Fig. 110

im Durchschnitt abgebildeten Apparat an. Zur Entwickelung des Gases

dient eine gusseiserne Blase _A_, die bis an die obere Wölbung in einen

Ofen eingemauert ist. Den Hals der Blase verschliesst eine durch

Mennigekitt verdichtete und mit Schrauben befestigte eiserne Platte,

durch welche ein eisernes Rohr _m_ das Ammoniakgas nach dem

Waschgefässe _B_ führt. Letzteres besteht aus einem in einen

Holzbottich eingesetzten verschlossenen Blechgefäss, durch dessen obere

Mündung ein weites Rohr _o_ eintritt, in welches das Gasleitungsrohr

_m_ mündet. Das Waschgefäss ist nur so weit mit Wasser angefüllt, dass

das Rohr _n_ und das Gasleitungsrohr _o_ eben in dasselbe

tauchen, da im Laufe der Operation aus der Blase _A_ ziemlich viel

Wasser überdestillirt, das sich in _B_ verdichtet. Man bringt 100 Th.

gelöschten Kalkes mit Wasser zu einem dünnen Kalkbrei angerührt in die

Blase und fügt, nachdem der Kalkbrei völlig erkaltet ist, 100 Th.

gepulverten Salmiak oder schwefelsaures Ammoniak unter Umrühren des

Kalkbreies mit einem eisernen Stabe zu. Nachdem der Deckel lutirt und

aufgeschraubt, beginnt man mit der Feuerung auf dem Roste _C_. Das in

dem Deckel der Blase befindliche Quecksilbermanometer _b_ gestattet den

Gang der Entwickelung zu beobachten. Das Ammoniakgas tritt aus dem

Waschgefäss durch das Rohr _t_ in den von =Brunnquell= vorgeschlagenen

Absorptionsapparat _D_, welcher überall zu empfehlen ist, wo man unter

geringem Druck arbeitet. Dieser Apparat besteht aus einem grossen

Kasten und vier flachen Kästen _a' a'' a''' a''''_ mit ihrer Mündung

nach unten gekehrt und einer auf den andern gestellt. In den Boden der

letzteren Kästen sind abwechselnd auf dem einen, bei dem nächsten auf

dem andern Ende der schmalen Seite Ausschnitte angebracht. Der Kasten

ist mit Wasser gefüllt. Tritt nun durch das Gasleitungsrohr _t_

Ammoniakgas in den Kasten _a''''_, so wird sich dasselbe unter

demselben zu einer sich vergrössernden Blase (etwa wie die Luftblasen

unter dem Eise) ausbreiten, bis es die Oeffnungen erreicht hat, durch

welche sodann das Gas in einzelnen Blasen aufsteigt, um unter dem

zweiten, dritten und vierten Boden dasselbe Spiel zu beginnen. Der

Kasten wird in einen Holzbottich eingesetzt, in welchem zum Zweck der

Abkühlung Wasserwechsel stattfindet. Die eiserne Blase _A_ hat eine

solche Capacität, dass sie 20 Kilogr. Ammonsulfat und 80 Liter Wasser

zu fassen vermag. Die Arbeit ist beendigt, wenn der Boden der Blase bis

zum Dunkelrothglühen erhitzt ist und das Quecksilber im Manometer am

niedrigsten steht. Die im Waschapparat _B_ befindliche Flüssigkeit

lässt sich zum Anrühren des gelöschten Kalkes bei einer späteren

Operation wieder verwenden. In neuerer Zeit stellt man grosse Mengen

von (zu technischem Gebrauch bestimmten) Salmiakgeist direct aus dem

Gaswasser der Leuchtgasfabriken dar, indem man dasselbe mit Kalkhydrat

destillirt (siehe unten).

Die durch die Untersuchungen von =H. Rose=, =Persoz= und =Rammelsberg=

bekannte Thatsache, dass Chlorcalcium Ammoniakgas aufnimmt und beim

Erhitzen wieder abgiebt, hat =Knab= zur Magazinirung des Ammoniakgases

zu verwenden gesucht. Während stärkster Salmiakgeist nur 25 Proc.

NH_{3} enthält, finden sich in dem =Knab='schen Präparat 50 Proc. Für

den Transport ist der Vorschlag =Knab='s nicht ohne Interesse.

[Sidenote: Anorganische Ammoniakquellen.]

Bevor die Darstellung der Ammoniaksalze aus Knochen, Steinkohlen und Harn

geschildert werden wird, seien in der Kürze I. die =anorganischen

Quellen= des Ammoniaks, von denen einige bereits industrielle Bedeutung

erlangt haben, angeführt.

1) Das =natürliche kohlensaure Ammoniak= findet sich in grosser Menge

in den Guanolagern von Peru, Chile und der Westküste von Patagonien.

Nach Deutschland kam es als Handelsartikel zuerst im Jahre 1848. Die

Analyse einer Probe ergab 20,44 Ammoniak, 54,35 Kohlensäure, 21,54

Wasser und 21,54 unlösliche Theile, wonach es Ammonbicarbonat

(NH_{4})HCO_{3} ist.

2) Die Gewinnung von =natürlichem Ammonsulfat= als Nebenprodukt der

Borsäurefabrikation in Toskana hat seit einigen Jahren riesige

Dimensionen angenommen. Die Suffioni enthalten nämlich ausser der

Borsäure die Sulfate von Kali, Natron, Ammoniak, Rubidion etc. Wie

gross die Menge dieser Substanzen ist, erhellt aus einem in Travale

angestellten Versuche. Vier Suffioni ergaben innerhalb 24 Stunden nicht

weniger als 5000 Kilogr. Salz, bestehend aus 150 Kilogr. Borsäure, 1500

Kilogr. (= 30 Ctr.) Ammonsulfat, 1750 Kilogr. Bittersalz, 750 Kilogr.

Eisen- und Manganvitriol etc. Das Ammoniak ist wahrscheinlich ein

Produkt der stickstoffhaltigen organischen Körper, die in reichlicher

Menge in den Gebirgen Toskana's vorkommen. Das Erdreich in der Umgebung

der Lagunen enthält Ammonsulfat in grosser Menge; in Verbindung mit

Eisen-, Natrium- und Magnesiumsulfat bildet es das von =Bechi=

entdeckte Mineral =Boussingaultit=.

3) Die Ammoniaksalze =vulkanischen Ursprungs= haben für die Technik

wenig Interesse. Ammonsulfat findet sich als =Mascagnin= als Sublimat

am Vesuv und Aetna. Ebenso auch Salmiak, welcher häufiger und zuweilen

in grosser Menge vorkommt; so fand es sich z. B. auf dem Aetna in den

Jahren 1635 und 1669 in solcher Menge, dass es eingesammelt und nach

den Städten Catania und Messina zum Verkauf gebracht werden konnte. Der

Strom von 1832 setzte so viel Salmiak ab, dass der Führer des Geologen

=Elie de Beaumont='s durch das Einsammeln desselben seinen

Lebensunterhalt gewinnen konnte.

4) Bei zahlreichen anorganisch-chemischen Processen bildet sich

Ammoniak, bei nur wenigen jedoch in solcher Menge, dass dessen

Gewinnung vortheilhaft erscheint. Dies ist z. B. der Fall bei der

=Bereitung von Aetznatron= (vergl. Seite 207) und dem Reinigen

desselben durch Natriumnitrat. Die Menge des sich hierbei entwickelnden

Ammoniaks ist so bedeutend, dass eine Condensation desselben lohnend

erscheint; man hätte in diesem Falle den zum Abdampfen der Lauge

dienenden Kessel mit einem gewöhnlichen Koksthurme zu verbinden. Stellt

man Natriumarsenit dadurch dar, dass man arsenige Säure in Natronlauge

löst, die Lösung des Natriumarsenits zur Trockne verdampft und den

Rückstand mit Natriumnitrat mischt und erhitzt, so findet gleichfalls

bedeutende Ammoniakentwickelung statt.

5) Auch als =Nebenprodukt der Schwefelsäurefabrikation= hat man

Ammoniak zu gewinnen gesucht, indem man die entweichenden salpetrigen

Dämpfe in Ammoniak umwandelt. Nach =W. Neath= leitet man diese Dämpfe

mit Wasserdampf gemischt durch eine bis zur Rothglühhitze erhitzte

Retorte, die mit Holzkohlenstückchen angefüllt ist. Das hierbei

entstandene Ammoniak wird auf gewöhnliche Weise durch Schwefelsäure

aufgefangen. Es ist nicht wahrscheinlich, dass vorstehendes Verfahren

mit Erfolg zur Verdichtung und Verwerthung der aus der Bleikammer

entweichenden Dämpfe wird Anwendung finden können, da die Absorption

der salpetrigen Dämpfe durch Schwefelsäure nichts zu wünschen übrig

lässt; jedoch lässt sie sich vielleicht unter Umständen in chemischen

Fabriken benutzen, so z. B. bei der Darstellung des Nitrobenzols in den

Anilinfabriken, der Oxalsäure, der Pikrinsäure etc.

6) Vielfache Versuche, den =Stickstoff der Luft= auf directem Wege in

Ammoniak überzuführen, haben bisher zu keinem praktischen Ergebniss

geführt. Beachtenswerth vielleicht ist der Vorschlag =Fleck='s, ein

Gemenge von Stickstoff, Kohlenoxyd und Wasserdampf über glühendes

Kalkhydrat zu leiten, wobei sich Ammoniak und Kohlensäure bilden:

Stickstoff 2N } { Ammoniak 2NH_{3}

Kohlenoxyd 3CO } geben { und

Wasser 3H_{2}O } { Kohlensäure 3CO_{2}

7) Wichtiger ist die =indirecte= Benutzung des atmosphärischen

Stickstoffs zur Ammoniakbildung. Nach den Vorschlägen von =Margueritte=

bildet man zunächst =Cyanbarium= und treibt den Stickstoff desselben

bei 300° durch einen Dampfstrom in Gestalt von Ammoniak aus. Nach dem

englischen Patente calcinirt man in einem Tiegel Bariumcarbonat mit 20

bis 30 Proc. Steinkohlentheer, um die Masse zu zertheilen und porös zu

machen. Nachdem auf diese Weise Baryt dargestellt worden ist, lässt man

abkühlen und bringt das kohlehaltige Gemisch in eine thönerne oder

eiserne Retorte. Hierauf lässt man einen Strom Luft einströmen, welcher

vorher mit Wasserdampf gesättigt wurde, indem man ihn über siedendes

Wasser streichen liess. Sorgt man dafür, dass das Gemisch constant auf

einer Temperatur von 300° erhalten wird, so entweicht Ammoniak in

reichlicher Menge, indem sämmtlicher Stickstoff des zuerst entstandenen

Cyanbariums in Form von Ammoniak ausgetrieben wird. Der in Form von

Carbonat zurückbleibende Baryt wird immer wieder verwendet. Die Praxis

hat sich noch nicht über den Werth des vorstehenden Verfahrens

ausgesprochen. Bei dieser Gelegenheit sei die merkwürdige

Ammoniakentwickelung erwähnt, welche stattfindet, wenn die Rohsoda aus

dem Ofen kommt, und bis zum Erkalten der Masse fortwährt. Ohne Zweifel

bildet sich dieses Ammoniak durch die Einwirkung der feuchten Luft auf

die Cyanalkalimetalle, die in der rohen Soda in nicht unbeträchtlicher

Menge sich finden. In der chemischen Fabrik von =Kuhlmann= in Lille

werden zur Zeit Versuche über die erwähnte Ammoniakerzeugung

angestellt. Auch die Bildung des Ammoniaks in den mit Koks betriebenen

Hohöfen ist bei dieser Gelegenheit anzuführen; wenn man in Betracht

zieht, dass nach =Bunsen= und =Playfair= der Alfreton-Hochofen täglich

mindestens 224,7 Pfd. Cyankalium erzeugt, und in demselben Hohofen aus

den Gichtgasen täglich 2-14/100 Ctr. Salmiak als Nebenprodukt ohne

erhebliche Kostenerhöhung des Betriebes und ohne die mindeste Störung

des Eisenprocesses gewonnen werden können, so liegt die Vermuthung

nahe, dass dieses Ammoniak ein Zersetzungsprodukt der während des

Hohofenprocesses sich bildenden Cyanüre sei.

[Sidenote: Organische Ammoniakquellen.]

Weit wichtiger für den Techniker als die anorganischen Bildungsweisen das

Ammoniaks sind II. die =organischen Quellen=, unter denen 8) die

=Steinkohle= oben an steht. Die Steinkohle giebt ihren Stickstoff,

welcher im Durchschnitte 0,75 Proc. vom Gewicht der lufttrocknen Kohle

ausmacht, als Ammoniak bei drei Anwendungen der Kohle ab, nämlich

[Greek: a]) bei der trocknen Destillation behufs der

=Leuchtgasbereitung=, wo das Ammoniak in dem Condensations- oder

Gaswasser auftritt, welches im Wesentlichen eine wässerige Lösung von

Ammonsesquicarbonat ist. Diese Quelle des Ammoniaks ist eine reichlich

sprudelnde. In London allein destillirt man jährlich 1 Million Tonnen

Steinkohle zur Leuchtgasfabrikation; nimmt man an, dass aller

Stickstoff als Salmiak gewonnen werden könne, so erhielte man gegen

194,460 Ctr. davon als jährliches Produkt;

[Greek: b]) bei der Ueberführung der Steinkohle in =Koks= bildet sich

ebenfalls Ammoniak, welches man neuerdings ebenfalls in Ammoniaksalze

überzuführen gesucht hat. Nach zahlreichen erfolglos gebliebenen

Versuchen ist es in jüngster Zeit auf den grossen Kokswerken in Alais

in Frankreich gelungen, Ammoniaksalze mit Vortheil zu gewinnen. Auch in

den Kokswerken der _Société de carbonisation de la Loire_ bei St.

Etienne werden in dem =Knab='schen Koksofen grosse Mengen von

Ammoniaksalzen gewonnen. Es sei bei dieser Gelegenheit darauf

aufmerksam gemacht, dass bei der immer noch im Steigen begriffenen

Wichtigkeit der Theerfarben die ältere Methode der Koksbereitung

verlassen und ein neues Verfahren eingeführt werden sollte, welches die

Gewinnung des der Theerfarbenindustrie unentbehrlichen Benzols

gestattet und die der Ammoniaksalze erleichtert;

[Greek: g]) bei der Verbrennung der Steinkohlen als =Brennmaterial=

entweicht ein Theil des Stickstoffs derselben als Ammoniak. Obgleich

die Bedingungen, unter denen die Steinkohle unter einer Feuerung am

vollständigsten und besten verbrennt, gerade diejenigen sind, bei denen

die Bildung des Ammoniaks verhütet wird, und die Condensation des

Ammoniaks aus den Rauchgasen auf grosse Schwierigkeiten stösst, so

liegen doch vielfache Versuche vor, das für die Technik so überaus

wichtige Problem zu lösen. Eine Entziehung des Ammoniaks aus den

Verbrennungsgasen dadurch, dass man dieselben über Gyps, Eisenvitriol,

Manganchlorür, verwitterte Braunkohle u. dgl. leitet, bietet

Schwierigkeiten dar, es scheint daher vortheilhafter, sogleich bei der

Verbrennung der Steinkohle dahin zu streben, dass das Ammoniak in den

Verbrennungsgasen in Form eines leicht condensirbaren Salzes, z. B. von

Salmiak, enthalten sei. Es werden zu dem Ende die Kohlen mit einer

Lösung von Chlormagnesium befeuchtet, wozu Mutterlauge der Salinen oder

der Verarbeitung des Carnallits Anwendung finden kann. Die bei der

Verbrennungstemperatur aus dem Chlormagnesium sich entwickelnde

Salzsäure verbindet sich mit dem gleichzeitig entstandenen Ammoniak zu

Salmiak. Die Verbrennungsgase werden aus dem Rauchfange in eine Kammer

geleitet, vielleicht unter Mitwirkung eines Exhaustors, worin sich der

Salmiak absetzt, der durch Sublimation gereinigt wird. =Kuhlmann= liess

die aus dem zum Brennen der Knochen dienenden Ofen austretenden, mit

den Verbrennungsgasen der Steinkohlen gemischten Dämpfe, bevor sie in

den Schornstein gelangten, durch einen grossen steinernen Behälter

strömen, in welchem durch eine Art Schöpfrad beständig

Chlormanganlösung gehoben und in Regenform ausgegossen wurde. Die

salmiakhaltige Flüssigkeit wurde auf Salmiak verarbeitet. Das Resultat

entsprach jedoch nicht den gehegten Erwartungen, da der sich schnell

absetzende Russ der Absorption Hindernisse bereitete.

[Sidenote: Ammoniak aus den Condensationswasser der Gasfabriken.]

Wie aus Vorstehendem folgt, haben die Ergebnisse der Bestrebungen, den

Stickstoff der Steinkohle bei der Koksbereitung und bei ihrer Benutzung

als Brennmaterial als Ammoniak zu verwerthen, für die Technik der

Gegenwart nur untergeordnete Bedeutung, desto wichtiger ist die =trockne

Destillation der Steinkohle= zum Zwecke der Leuchtgasbereitung, welche

die hauptsächlichste Ammoniakquelle ist, die überhaupt existirt. Bei der

Destillation der Steinkohle bilden sich ausser den gasigen Produkten, die

das Leuchtgas ausmachen, Dämpfe, die nach ihrer Verdichtung als Theer und

als =Gas-= oder =Condensationswasser= auftreten. Letzteres ist im

Wesentlichen eine wässerige Lösung von Ammonsesquicarbonat, welches

ausserdem noch Schwefelammon und Cyanammon, neben geringen Mengen von

Schwefelcyanammon und Salmiak enthält. Durch Theerbestandtheile ist es

ferner stets gefärbt und verunreinigt.

Der Gehalt an Ammoniak ist selbstverständlich kein constanter; derselbe

hängt ab von dem Feuchtigkeitsgrade der Gaskohlen, dem

Stickstoffgehalte derselben und der bei der Destillation eingehaltenen

Temperatur. Je höher letztere ist und je länger dieselbe einwirkt,

desto mehr wird der Stickstoff der Steinkohle als Ammoniak auftreten,

während er ausserdem zum Theil als Anilin, Chinolin, Lepidin u. s. w.,

zum Theil auch als Cyan auftritt. In der Steinkohle in dem Zustande

(mit etwa 5 Proc. hygroskopischem Wasser), wie sie in den Gasfabriken

Anwendung findet, ist 0,75 Proc. Stickstoff enthalten. 100 Kilogr.

einer solchen Steinkohle können demnach unter den günstigsten

Verhältnissen nur 0,91 Kilogr. Ammoniak liefern[71]. Im Durchschnitt

hat man gefunden, dass 1 Kubikmeter Gaswasser wenigstens 50 Kilogr.

trocknes Ammonsulfat giebt, so dass zur Herstellung von 100 Kilogr.

dieses Salzes 20 Hektoliter (= 40 Ctr.) Gaswasser erforderlich sind.

[71] Nach =A. W. Hofmann= (Report by the Juries, London 1863 p. 57)

giebt die Steinkohle bei der Destillation sogar nur 1/3 ihres

Stickstoffs ab, 2/3 davon bleiben in dem Koks. Genaue Versuche in

dieser Richtung liegen jedoch nicht vor.

Das Ammoniak des Gaswassers lässt sich auf verschiedene Weise gewinnen.

Dort, wo man Absatzquellen für unreinen Salmiak (oder Ammonsulfat) und

billiges Brennmaterial hat, kann man das Gaswasser direct mit Salzsäure

neutralisiren und die Flüssigkeit dann verdampfen. Ein solches

Verfahren findet z. B. in einer Salmiakfabrik zu Liverpool statt, wo

man während der kalten Jahreszeit wöchentlich gegen 300 Ctr. Rohsalmiak

darstellt.

In den meisten Fällen wird das Gaswasser einer Dampfdestillation

unterworfen, um das Ammoncarbonat daraus zu entfernen, welches entweder

auf Ammonsulfat (wie bei dem von =Mallet= construirten Apparat) oder

auf Salmiakgeist (wie bei der Vorrichtung =Rose='s) verarbeitet wird.

[Illustration: Fig. 111.]

[Sidenote: Mallet's Apparat.]

Der Apparat =Mallet='s, der in mehreren grösseren Gasfabriken

angewendet wird und Fig. 111 im Vertikaldurchschnitte dargestellt ist,

gründet sich darauf, dass Wasserdampf in grosse mit Gaswasser

angefüllte Gefässe geleitet wird, aus denen er das reine oder

kohlensaure Ammon, je nachdem man vorher Kalk zusetzt oder nicht,

austreibt, welches in eine saure Flüssigkeit gelangt, wodurch es in

schwefelsaures Ammoniak übergeführt wird. Er besteht aus zwei (oder

drei) staffelförmig über einander stehenden Kesseln _A_ und _B_ aus

starkem Eisenblech. _A_ steht direct über der Feuerung und ist am

Deckel mit einem Bleirohr _c_ versehen, welches in die Flüssigkeit des

zweiten eingemauerten Kessels _B_ taucht, welcher nach und nach erwärmt

wird. Jeder Kessel ist mit einem Mannloch _b_ und _e_ und mit einem

Rührapparat _a_ und _a'_ versehen. Die beiden Kessel _A_ und _B_ stehen

unter sich ausser durch das Rohr _c_ auch noch durch das Rohr _d_ in

Verbindung, durch welches das erschöpfte Gaswasser aus _B_ nach _A_

gelangen kann, um aus _A_ durch ein mit Hahn versehenes Rohr (in der

Zeichnung nicht sichtbar) abzufliessen. Die beiden Kessel werden mit

Gaswasser unter Zusatz von Kalkmilch angefüllt. Es wird das Ammoniak

frei und es bilden sich Calciumcarbonat und Schwefelcalcium, welche

nach dem Austreiben des Ammoniaks in dem Wasser zurückbleiben. Die zu

behandelnden Gaswässer gelangen schon vorgewärmt mittelst des Rohres

_h_ aus dem Kühlapparat _D_ in die beiden Kessel. Der Kühlapparat _D_

wird durch die Trichterröhre _g_ aus dem Reservoir _E_ gespeist. Das

aus dem Kessel _A_ sich entwickelnde Ammoniakgas geht nebst einem

Dampfstrom in den Kessel _B_, erwärmt das daselbst befindliche

Gaswasser und treibt das Ammoniak aus demselben aus. Das Gas geht aus

_B_ durch das Rohr _c'_ in den Waschapparat und von da in den

Kühlapparat _D_, in welchem mit Gaswasser gekühlt wird, und zuletzt in

den Kühlapparat _F_, den man mit gewöhnlichem Wasser kühlt. Das in

beiden Kühlapparaten condensirte Wasser und das Ammoniakgas gelangen

in das Gefäss _G_, aus welchem die Pumpe _R_ die Flüssigkeit in das

Waschgefäss _C_ führt, aus welchem es von Zeit zu Zeit in den Kessel

_B_ abgelassen wird, um das Ammoniak ein zweites Mal auszutreiben. Das

nicht verdichtete Ammoniakgas geht aus dem Gefässe _G_ in einen

Woulf'schen Apparat. Die erste Flasche _H_ enthält Olivenöl, welches

die dem Ammoniak beigemengten Kohlenwasserstoffe zurückhalten soll, die

Flasche _I_ Natronlauge, um das Gas von allen fremden Körpern zu

befreien, die letzte Flasche endlich ist zur Hälfte mit reinem Wasser

angefüllt. Aus dieser letzten Waschflasche geht das Ammoniakgas in ein

grosses, mit Blei ausgefüttertes Gefäss _L_, welches verdünnte

Schwefelsäure, wenn man Ammonsulfat darstellen will, oder Wasser

enthält, wenn man Salmiakgeist darzustellen beabsichtigt. Das Gefäss

_L_ wird mit kaltem Wasser gekühlt und ist mit einer Trichterröhre _i_

zum Einfüllen der Säure und mit einem Rohre versehen, welches das nicht

absorbirte Gas in das mit Wasser gefüllte Gefäss führt. Der Inhalt des

Sättigungsgefässes _L_ wird nach geschehener Neutralisation zum

Krystallisiren verdampft.

[Illustration: Fig. 112.]

[Sidenote: Rose's Apparat.]

Handelt es sich um die Darstellung von Salmiakgeist, so kann der von

=Rose= in Schöningen bei Braunschweig construirte Apparat, welcher in

Fig. 112 im vertikalen Durchschnitt abgebildet ist, empfohlen werden.

Dieser Apparat besteht aus dem direct erhitzten Kessel _A_, den

Vorwärmern _B_ und _C_, welche durch die Verdichtungsröhren _d_, _e_

und _f_ erhitzt werden, ferner aus den durch die Leitung _g_ mit den

Condensatoren verbundenen Absorptionsgefässen _D_, _E_ und _F_, von

welchen die beiden letzteren durch die Gasfilter _G_ und _H_ mit

einander in Verbindung stehen. Das vorgewärmte Gaswasser in _B_ und _C_

kann durch die mit Hähnen versehenen Röhren _m_ und _l_ in den Kessel

geleitet werden, während das kalte Gaswasser nicht in den Kessel,

sondern stets in die beiden Kühlapparate _B_ und _C_ kommt. Der Kessel

wird mit 2/3 seines Volumens an Gaswasser und 1/3 Kalkhydrat beschickt.

Die blechernen Gasfilter _G_ und _H_ sind durch Bleirohr mit einander

verbunden und mit frisch ausgeglühter Holzkohle beschickt, welche aus

dem durchgehenden Gase alle brenzlichen Stoffe aufnimmt. Von den

Absorptionsgefässen enthält _D_ Salzsäure, dagegen _E_ und _F_ reines

Wasser. Nachdem Kessel, Vorwärmer und Absorptionsgefässe beschickt und

die Gasfilter aufgesetzt sind, beginnt die Feuerung unter dem Kessel

_A_; das mit Wasserdampf gemischte Ammoniakgas verliert in den

Condensatoren _e_ und _f_ einen Theil seines Wassers, welches in den

Kessel zurückläuft. In die Flüssigkeit im Kessel ist eine mit

Messingfeile gefüllte Blechhülse _b_ eingelassen, in welcher ein

Thermometer angebracht ist. Sobald die Temperatur 92-94° C. zeigt, wird

der Hahn _h_ geöffnet und der bisher offene Hahn _i_ geschlossen, damit

das Ammoniakgas in die Salzsäure des Gefässes _D_ ströme. Nachdem die

Gasfilter, durch welche das Ammoniakgas bisher gereinigt wurde, durch

neue ersetzt sind, schliesst man _h_ und lässt das Gas wieder durch _i_

nach _E_ und von da aus durch die Gasfilter _G_ und _H_ nach dem

Hauptabsorptionsgefässe _F_ treten. Die Gasfilter werden erneuert,

sobald die Temperatur im Kessel _A_ auf 96°, 98° und 100° gestiegen

ist. Hat die Temperatur 103° C. erreicht (dabei ist vorausgesetzt, dass

der Siedepunkt des Wassers an dem betreffenden Orte = 100° C. ist), so

ist aus der Flüssigkeit in _A_ alles Ammoniak entwichen und man lässt

sie durch den Hahn _a_ abfliessen. Der Kessel wird von Neuem mit Kalk

und mit dem vorgewärmten Gaswasser aus den Vorwärmern _B_ und _C_

beschickt. Während die Temperatur im Kessel _A_ nach und nach auf 103°

steigt, erwärmt sich der Vorwärmer _B_ auf 90° und _C_ auf 25-32°. Das

Gefäss _F_ enthält 150-120 Liter Wasser, welche in Salmiakgeist von

0,910-0,920 specifisches Gewicht übergeführt werden. Vorstehend

beschriebener Apparat, bei welchem durch die gläsernen

Sicherheitsröhren _c_ und _n_ eine Controle für die Grösse des

Gasdruckes geboten ist, kann in den Gasfabriken so angebracht werden,

dass die übelriechenden Gaswässer aus den cementirten und

verschlossenen Cisternen in gusseisernen Röhren in die Vorwärmer

geleitet werden können und auf diese Weise die Verarbeitung ohne alle

Belästigung für die Umwohnenden vor sich geht.

[Illustration: Fig. 113.]

[Sidenote: Lunge's Apparat.]

Vorstehendem Apparat ist bei weitem der von =G. Lunge= angegebene

vorzuziehen. _a_ (Fig. 113) ist der Destillirkessel, _b_ das Gasrohr,

welches sich in die Schlange _c_ fortsetzt, die in dem mit

Ammoniakwasser gefüllten Gefässe _d_ aus Eisenblech (besser als von

Holz, ausser wenn dieses mit Blei ausgelegt ist) liegt. Das Rohr _e_

mit Hahn gestattet es, den Inhalt von _d_ nach _a_ fliessen zu lassen,

wenn dieses nach Beendigung der Arbeit entleert worden ist. Das

Ablassrohr _f_ ist so angebracht, dass es nicht leicht durch den Kalk

verstopft und jedenfalls ohne Schwierigkeit gereinigt werden kann. _g_

ist das Kegel- oder Kugelventil, welches während der Arbeit das

Ablassrohr _f_ verschliesst. Der rechenförmige Rührer _h_ dient dazu,

um den Kalk nicht am Boden anbrennen zu lassen und ihn vor dem Ablassen

aufzurühren. _h_ ist das Füllrohr für das Gefäss _d_. Man bemerke auch

das Verbindungsrohr _i_, dessen Hahn geöffnet wird, wenn die

Flüssigkeit in _d_ zu heiss wird und Dämpfe entbindet; diese gehen dann

durch _i_ nach _b_ und _c_, gemeinschaftlich mit den Dämpfen aus dem

Kessel _a_. Sie gehen weiter nach dem Waschgefässe _k_, welches man mit

Kalkmilch füllen kann; auch könnte man es z. B. mit Holzkohle

beschicken, man müsste dann nur statt des Fülltrichters eine weitere

Oeffnung anbringen. Dann gehen die Dämpfe in das Absorptionsgefäss _l_,

welches aus Holz, mit Blei ausgelegt, besteht. Das Blei darf nicht

gelöthet, sondern muss mit der Knallgasflamme zusammengeblasen sein.

Das Gas tritt durch das unten trichterförmig erweiterte Bleirohr _m_

ein; unter diesem steht eine Bleischale. Diese ist als Verbesserung

angebracht, weil der Bleiboden da, wo die Dämpfe direct auf ihn blasen,

sehr schnell zerstört wird; auch kann man das Gasrohr nicht aufwärts

biegen, weil es sich dann zu leicht verstopfen würde. _o_ ist ein

kleineres, oben offenes Gefäss von Holz mit Bleiverkleidung, in welches

man die Säureballons ausleert; die Säure dann fliesst durch den mit

Thonhahn versehenen Heber _p_ in das Saturationsgefäss _l_ ab, indem

man ihre Menge so regulirt, dass die Flüssigkeit nur immer eben sauer

bleibt. Die entweichenden Dämpfe werden in der Haube _r_ aufgefangen

und durch ein weites (punktirt angegebenes) Rohr in den nächsten

Schornsteinzug, am besten aber noch durch ein brennendes Feuer geführt.

Man kann auch den Zugcanal von dem Kessel _a_ her unter dem Boden von

_l_ her führen, welcher dann natürlich nicht eine Unterlage von Holz,

sondern von Eisen haben muss; aber dies ist kaum nöthig, da schon

ohnehin eine äusserst reichliche Ausscheidung von Salz in _l_

stattfindet. Man zieht dasselbe von der offenen Vorderseite (rechts)

aus auf dem geneigten Boden nach der Vertiefung _s_ hin, in welcher ein

durchlöcherter Bleieimer steht; wenn dieser voll von Salz ist, zieht

man ihn vermittelst der abgebildeten Kette und Rolle in die Höhe, was

durch Hülfe des Gegengewichtes _t_ ohne alle Mühe geschehen kann, lässt

ihn einige Augenblicke abtropfen und entleert ihn dann in den

Weidenkorb _u_, von welchen mehrere an der Seitenwand das Gefäss _l_

entlang stehen. Im Uebrigen wird verfahren wie bei dem Apparate von

=Rose=, nur ist kein Abdampfen erforderlich, da alle Mutterlaugen nach

_l_ zurücklaufen.

[Sidenote: Ammoniak aus gefaultem Harne.]

Eine wichtige Ammoniakquelle ist 9) der =gefaulte Harn=. Wenn

stickstoffhaltige organische Körper der Fäulniss unterliegen, so bildet

sich stets Ammoniak und zwar, wenn der organische Körper eine

Proteïnsubstanz war, zum Theil als kohlensaures Ammoniak, zum Theil als

Schwefelammon. War dagegen der organische Körper schwefelfrei, und nur

solche können zur Herstellung des Ammoniaks Verwendung finden, so bildet

sich nur Ammoncarbonat. Dies ist der Fall bei der Fäulniss des Harnes, wo

der Harnstoff CH_{4}N_{2}O unter Wasseraufnahme in Ammoncarbonat

übergeht. Der gefaulte Harn wird entweder für sich benutzt, so z. B. zum

Entschweissen der Wolle und zum Entfetten des Tuches, oder der

Destillation unterworfen. Das Destillat nennt man =Harngeist=.

[Illustration: Fig. 114.]

Zur Destillation eignet sich besonders der von =Figuera= in dessen

Fabrik zu Bondy bei Paris angewendete Apparat, der auch in Deutschland

bekannt zu werden verdient. Der Inhalt der Latrinen und Kloaken von

Paris wird in la Villette deponirt und von da mittelst colossaler

Pumpen in ein Leitungsrohr getrieben, welches, mit dem Ourcq-Canal

parallel laufend, in der Entfernung von einigen Kilometern in die

grossen Reservoirs mündet, die in der Nähe von Bondy, mitten im Walde

gleichen Namens liegen. Nach einiger Zeit scheidet sich in diesen

Reservoiren eine feste Masse ab, welche nach überstandener Gährung und

dem Trocknen als =Poudrette= in den Handel gelangt. Die über diesem

Absatz stehende ziemlich klare Flüssigkeit zapft man in andere Bassins

ab. Man nennt diese Flüssigkeit _Eaux vannes_, wir wollen sie Gülle

nennen. Sowie dieselbe in die Bassins kommt, enthält sie nur wenig

Ammoniak, das aber in grosser Menge sich bildet, sobald die Flüssigkeit

in Fäulniss tritt. Nach etwa einem Monat ist die Flüssigkeit zur

Destillation reif. Der Apparat =Figuera='s (Fig. 114) besteht

wesentlich aus einem Dampfkessel, dessen Dampf in zwei grosse

Eisenblechcylinder strömt, die mit gefaulter Gülle angefüllt sind; das

ausgetriebene kohlensaure Ammoniak verdichtet sich zunächst in dem

bleiernen Schlangenrohre eines Kühlapparates und gelangt im

tropfbarflüssigen Zustande in eine saure Flüssigkeit, wodurch es in

Ammonsulfat übergeführt wird. Die Einrichtung des Apparates ist

folgende: Der Holzbottich _A_ fasst 250 Hektoliter Gülle und wird durch

das Rohr _h_ gefüllt. _C_ und _C'_ sind zwei Blechgefässe von je 100

Hektoliter Capacität, _P_ und _P'_ sind ähnliche, doch weit kleinere

Gefässe, deren Bestimmung weiter unten angegeben werden wird. Beim

Beginn der Arbeit wird der 130 Hektoliter fassende Dampfkessel _W_ mit

der durch die vorhergehende Destillation fast erschöpften Flüssigkeit

aus _C_ und _C'_ gefüllt; sie enthält noch kleine Mengen von Ammoniak

und ist ausserdem so heiss, dass die Operation ununterbrochen fortgehen

kann. Die in _A_ vorgewärmte Gülle geht durch ein vom Boden des

Bottiches _A_ ausgehendes Rohr nach _C_ und von da durch das Rohr _h''_

nach _C''_, worauf _A_ mit neuer Gülle gespeist wird. Der Dampfkessel

ist mit drei Röhren versehen; _T_ ist das Dampfrohr, das Rohr _m_ geht

in den Kessel bis auf einige Centimeter vom Boden herab und erhebt sich

hier über die Bedachung der Fabrik; _n_ ist ein Sicherheitsrohr und

zeigt zugleich durch Emporsteigen von Schaum an, sobald die Flüssigkeit

im Dampfkessel bis zur unteren Mündung des Rohres _m_ gefallen ist; _v_

endlich ist ein gewöhnliches mit Hahn verschlossenes Rohr. Der in dem

Dampfkessel entwickelte Dampf geht durch das Rohr _T_ und nimmt die

kleine Menge Ammoniak mit sich, welche die Flüssigkeit im Dampfkessel

noch enthielt; der Dampf geht zunächst nach _C_ und entwickelt daraus

kohlensaures Ammoniak, welches durch das Rohr _t_ in das Gefäss _P_

entweicht. Letzteres Gefäss hat folgenden Zweck: Der in _C_

einströmende Dampf bewirkt ein Wallen der Flüssigkeit und

beträchtliches Schäumen. Unter normalen Verhältnissen steigt der Schaum

in dem Rohr _t_ empor und darf selbst in _P_ eine gewisse Höhe

erreichen, das Gefäss aber nie anfüllen, weil sonst der Schaum in das

Rohr _T'_ steigen und die Flüssigkeit in dem Gefässe _C'_ verunreinigen

würde. Um den Stand des Schaums in dem Gefässe _P_ zu erkennen, nimmt

der Arbeiter von Zeit zu Zeit einen der drei Holzpfropfen heraus,

welche drei Oeffnungen in verschiedener Weite an der Seite

verschliessen, und sieht, durch welche Oeffnung der Schaum ausfliesst.

Hält er den Gang der Operation für zu heftig, so mässigt er das Feuer

unter dem Dampfkessel. Aus dem Gefäss _P_ geht der Dampf durch _T'_

nach _C'_, wo er auf die nämliche Weise wirkt wie in _C_, entweicht

durch das Rohr _t'_, passirt durch das zweite Probegefäss _P'_ und geht

von da mittelst des Rohres _T''_ in das Bleirohr des Kühlapparates, wo

er durch die Gülle, die als Kühlwasser dient, condensirt wird. Die

verdichteten Produkte begeben sich durch das Rohr _t''_ in einen mit

Bleiplatten ausgefütterten Bottich, der die zur Sättigung des Ammoniaks

erforderliche Menge Schwefelsäure enthält. Nach beendigter

Destillation, die ungefähr zwölf Stunden dauert, wird der Dampfkessel

durch das Rohr _v_ ausgeleert und sofort wieder mit Gülle aus _C_ und

_C'_ angefüllt, worauf die Arbeit von Neuem beginnt. Der Ammoniakgehalt

der in Bondy verarbeiteten Gülle ist ein nicht constanter; im

Durchschnitt aber lässt sich annehmen, dass 1 Kubikmeter (etwa 40

Kubikfuss) 9-12 Kilogr. Ammonsulfat liefern. Jede Destillation giebt

gegen 200 Kilogr. davon. Da die Fabrik in Bondy mit eilf Apparaten

arbeitet, so producirt sie täglich etwa 2200 Kilogr. (= 50 Ctr.)

Ammonsulfat, was einem Quantum von 2500 bis 3000 Hektoliter Gülle

entspricht. -- Wie wichtig die Gewinnung von Ammoniaksalzen aus dem

Harn werden könnte, geht aus dem Umstande hervor, dass, wenn man in

Paris die 800,000 Kubikmeter Harn, die jährlich in den Gossen und

Abzugscanälen verloren gehen, auf Ammoniak verarbeiten wollte, man

ungefähr 7-800,000 Kilogr. Ammonsulfat (= 140-160,000 Ctr.) gewinnen

würde.

[Sidenote: Ammoniak aus Knochen.]

10) Durch =trockne Destillation= von =Thiersubstanzen=, als der

=Knochen=, des Horns (Hufe von Pferden, Rindvieh, Hornspäne von

Horndrehern), der Abgänge von Häuten (Schwanz-, Kopf- und Fussenden aus

den Gerbereien), des Fleisches gefallener Thiere, getrockneter

menschlicher oder thierischer Excremente etc., zersetzt sich die

organische Substanz und der grösste Theil derselben geht in Gestalt von

Ammoncarbonat, Wasser, Cyan und Schwefelammon und eines Oeles, Thieröl

oder Knochenöl über, in welchem =Anderson= ausser einigen ihrer

Constitution nach noch unbekannten Basen (Pyrrolbasen) und einer Reihe

von Basen der Aethylaminreihe, folgende organische Basen nachgewiesen

hat: Pyridin C_{5}H_{5}N, Picolin C_{6}H_{7}N, Lutidin C_{7}H_{9}N und

Collidin C_{8}H_{11}N. Der organische Theil der genannten Thiersubstanzen

enthält 12 bis 18 Proc. Stickstoff, so z. B. der Knochenknorpel 18 Proc.,

so dass der Stickstoffgehalt der Knochen, in denen der Knorpel 1/3 des

Gewichtes ausmacht, gegen 6 Proc. beträgt. Büffelhorn enthält 17 Proc.,

wollene Lumpen enthalten 10 Proc., altes Leder 6,7 Proc. Stickstoff.

Die Menge des Ammoniaks in den Produkten der Destillation wechselt

nicht nur nach der Art und Güte der Rohmaterialien, sondern auch nach

der Art der Destillation und Kühlung und nach der bei ersterer

angewendeten Temperatur. Das Ammoncarbonat, welches bei der trocknen

Destillation als Hauptprodukt sich bildet, setzt sich zum Theil in den

Kühlgefässen im festen Zustande als sogenanntes =Hirschhornsalz= (_sal

cornu cervi_) ab, oder bleibt zum Theil in der wässrigen Flüssigkeit

gelöst (Hirschhorngeist, spiritus cornu cervi).

[Illustration: Fig. 115.]

Die Fabrikation der Ammoniaksalze durch trockne Destillation von

Thiersubstanzen, einst schwunghaft betrieben und die hauptsächlichste

Ammoniakquelle bildend, hat seit der allgemeinen Verbreitung der

Leuchtgasfabrikation aus Steinkohle und der Verarbeitung der dabei

fallenden Condensationswässer auf Ammoniaksalze allen Boden verloren

und geschieht nur noch dort, wo die Verkohlung der Thiersubstanz die

Fabrikation von Knochenkohle, von Blutlaugensalz und von Phosphor zum

Zwecke hat. In fast allen diesen Fällen wird die Darstellung der

Ammoniaksalze als ein notwendiges Uebel betrachtet. Die

Thiersubstanzen, z. B. die Knochen, werden auf die Weise verkohlt, dass

man dieselben in eiserne Retorten oder Cylinder bringt, ähnlich denen,

in welchen die Steinkohlen zum Zwecke der Leuchtgasbereitung destillirt

werden, und die entweichenden Produkte in Vorlagen und Kühlapparaten

auffängt. Fig. 115 zeigt einen solchen Apparat. Die zur Destillation

der Knochen dienenden fünf Retorten sind in dem Gewölbe eines Ofens

eingemauert und sind an ihrem hinteren Ende mit Röhren _c c_ versehen,

welche die sich bildenden Gase und Dämpfe in die erste Bleikammer _B_

leiten; was sich darin nicht verdichtet, geht durch das Rohr _d_ in die

zweite Bleikammer _C_. Die in den Kammern verdichtete Masse wird durch

Sublimation in eisernen Töpfen _D D_ mit bleiernen Deckeln gereinigt.

Unterwirft man nicht Knochen, sondern andere Thiersubstanzen, wie Horn,

Wolllumpen, Kalbshaare oder Lederabfälle zum Zwecke der

Blutlaugensalzbereitung der trocknen Destillation, so erhält man kein

festes Ammoncarbonat, sondern eine ammoniakalische Flüssigkeit von

13-15° B., welche auf verschiedene Weise zu gute gemacht werden kann.

Das ammoniakalische Wasser wird entweder für sich mit Schwefelsäure

oder Salzsäure neutralisirt, wobei sich in der Regel noch braune

Theerflocken abscheiden, und dann nach dem Filtriren auf die

entsprechenden Salze verarbeitet, oder auf andere Weise verwerthet. So

schlägt =Gentele= hierzu folgenden Weg ein in dem Falle, dass die

Phosphorfabrikation nicht als selbständiger Industriezweig, sondern

neben der Fabrikation von Knochenleim, Salmiak und Blutlaugensalz

betrieben wird. Der Betrieb steht dann in folgendem Zusammenhange: Die

zur Herstellung von Blutlaugensalz angewendeten Thierstoffe werden

verkohlt; die Thierkohle dient zur Blutlaugensalzfabrikation; das als

Nebenprodukt gewonnene Ammoncarbonat wird zur Bereitung von Salmiak

benutzt. Die Knochen werden nach ihrer Entfettung mit Salzsäure

ausgezogen und der zurückbleibende Knorpel auf Knochenleim verarbeitet.

Das in der Salzsäure aufgelöste Calciumphosphat fällt man mit

Ammoncarbonat und verwendet es zur Phosphordarstellung. Die über dem

Niederschlage stehende Salmiaklösung wird auf Salmiak verarbeitet.

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 54 / 167 题