Die anzuwendenden Quantitäten der Materialien betragen auf

30 Kilogr. Kaliumsalpeter 29 Kilogr. engl. Schwefelsäure

17 " Natriumsalpeter 14,6 " " "

Das bei Anwendung von Natriumsalpeter zurückbleibende Natriumbisulfat

dient entweder zur Darstellung rauchender Schwefelsäure oder mit

Kochsalz geglüht zur Bereitung von Sulfat und von Salzsäure.

Die auf diese Weise erhaltene Salpetersäure (NHO_{3}) erscheint als

farblose, durchsichtige Flüssigkeit von 1,55 spec. Gewicht und 80° C.

Siedepunkt. An der Luft raucht sie, indem sie aus derselben

Feuchtigkeit anzieht. Mit Wasser zusammengebracht, erhitzt sich die

Salpetersäure und ihr Siedepunkt steigt. Eine Säure aus 100 Th.

Salpetersäure (NHO_{3}) und 50 Th. Wasser bestehend, siedet erst bei

129°; bei weiterer Verdünnung erniedrigt sich der Siedepunkt, so dass

beim Erhitzen einer verdünnten Salpetersäure über 100° zuerst Wasser

mit etwas Salpetersäure übergeht, bis endlich der Siedepunkt nach und

nach wieder bis auf 130° gestiegen ist, bei welcher Temperatur das

=doppelte Scheidewasser= (von 1,35-1,45 spec. Gewicht) überdestillirt.

Das gewöhnliche =einfache Scheidewasser= hat ein spec. Gewicht von

1,19-1,25.

[Sidenote: Bleichen der Salpetersäure.]

[Illustration: Fig. 66.]

Die stärkere Salpetersäure ist gewöhnlich durch Untersalpetersäure gelb

oder roth gefärbt; wenn es sich darum handelt, eine farblose, von

Untersalpetersäure vollkommen freie Salpetersäure darzustellen,

unterwirft man sie dem =Bleichen=. Zu dem Ende erhitzt man dieselbe in

gläsernen Ballons, die in einem bis auf 80-90° erhitzten Wasserbade

sich befinden (Fig. 66), so lange, als noch rothe Dämpfe entweichen,

welche letztere man entweder in eine Schwefelsäurekammer leitet und sie

sofort verwerthet oder sie durch ein Rohr ins Freie führt. Durch dieses

Erhitzen wird zugleich die vorhandene Salzsäure in Gestalt von Chlor

verflüchtigt. Von vielleicht vorhandener Schwefelsäure kann man die

Salpetersäure durch Destillation über salpetersauren Baryt und von den

letzten Spuren von Salzsäure durch Destillation über salpetersaures

Silberoxyd befreien.

[Sidenote: Condensation der Salpetersäure.]

In neuerer Zeit sind in der Salpetersäurefabrikation Verbesserungen

aufgetaucht, die sich theils auf die =Umgehung des Bleichens=, theils

auf die Condensationsapparate beziehen. In erster Hinsicht ist eine in

der Fabrik von =Chevé= in Paris übliche Vorrichtung anzuführen. Es ist

dem Praktiker bekannt, dass die rothen Dämpfe bei der Fabrikation der

Salpetersäure sich nur bei Beginn und gegen das Ende der Destillation

bilden. Man braucht daher nur fractionirt zu destilliren, um einerseits

rothe Säure, andererseits weisse Säure zu erhalten, die, ohne der

Bleichung zu bedürfen, sofort in den Handel gebracht werden kann. Zu

dem Ende wendet man einen Hahn aus Steinzeug von der in Fig. 67

abgebildeten Form an, dessen Rohr _A_ mit dem Destillirapparat in

Verbindung steht, während die Rohre _B_ und _B'_ in verschiedene zum

Auffangen bestimmte Ballons münden. Der Hahn ist so gebohrt, dass man

nach Belieben die Communikation zwischen _A_ und _B'_, wobei _B'_

abgeschlossen ist, oder zwischen _A_ und _B_ herstellen kann. Durch

geeignetes Stellen des Hahnes kann man daher die rothe Säure von der

weissen vollständig und kostenfrei trennen.

[Illustration: Fig. 67.]

[Illustration: Fig. 68.]

Eine zweite Verbesserung von =Plisson= und =Devers= bezieht sich auf

den =Condensationsapparat=, der hier aus einer Batterie von 10 Flaschen

besteht, von denen 6 unten offen sind und in Trichter endigen, so dass

sie in die Mündungen gewöhnlicher Flaschen passen. _G_ (Fig. 68) zeigt

eine solche unten offene Flasche. Aus dem hinter dem Mauerwerk _M_

versteckten Cylinder geht ein Rohr aus Steinzeug, mit welchem ein

zweimal gebogenes Glasrohr _G_ in Verbindung steht, das in eine der

drei Mündungen der ersten Flasche _A_ führt. In dieser Flasche sammelt

sich das zuerst Uebergehende, das was vielleicht übersteigt, und

überhaupt alle Unreinigkeiten. Die Flasche _A_ ist inwendig mit einem

kleinen Rohr _T_ versehen, das einen hydraulischen Verschluss bewirkt

in der Weise, dass, wenn die Flüssigkeit in der Flasche eine Höhe von

einigen Centimetern erreicht hat, der Ueberfluss durch das Rohr _T_ in

die gut verschlossene Flasche _A'_ abfliesst. In der zweiten Mündung

der Flasche _A_ ist ein Trichter, durch welchen Wasser aus _F_ in die

Flasche _A_ fliesst und die Condensation unterstützt. Durch das

Glasrohr _F_ gehen die Säuredämpfe in die Flasche _B_, welche ebenso

wie die beiden Flaschen _B'_ und _B''_ die in ihnen verdichteten

Produkte durch das Rohr _T'_ in den Ballon _A''_ führt. Die in _B_

nicht condensirten Dämpfe gehen nach _C_ und von da nach _D_; in diesen

beiden Flaschen verdichtet sich ein Theil der Säure, der nach _B_ und

endlich nach _A''_ fliesst; der nicht condensirte Rest geht durch das

Glasrohr _G_ nach _D'_; dann nach _C''_ und endlich nach _B'_, worin

die verdichteten Theile sich ansammeln. Von da gehen die Dämpfe durch

die Flaschen _B''_ _C''_ _D''_ und aus der letzten Flasche das, was

noch nicht verdichtet ist, in den Rauchfang. Aus den =Mariotte='schen

Flaschen _F'_ und _F''_ fliesst Wasser zu, was im Verein mit dem Wasser

aus _F_ die producirte Säure bis auf 36° B. (= 1,31 spec. Gewicht =

42,2 Proc. N_{2}O_{5}) verdünnt. Um jedem Druck in den Flaschen _A'_

und _A''_ vorzubeugen, geht ein Rohr _H_ und ein ähnliches _H'_ (in der

Abbildung weggelassen) von _T_ und _T'_ ab, um die nicht verdichteten

Dämpfe in die Flasche _B''_ zu führen, wo sie sich mit dem nicht

condensirten Reste vereinigen. -- Der ganze Apparat, der auf den ersten

Anblick complicirt zu sein scheint, ist äusserst leicht zu handhaben;

die Säuredämpfe condensiren sich im Anfange in der Flasche _A_, aus

welcher sie in einen besonderen Recipienten _A'_ geführt werden, darauf

verdichten sie sich in den Flaschen _B_ _B'_ _B''_, aus welchen das

Produkt in den allgemeinen Recipienten _A''_ fliesst.

[Illustration: Fig. 69.]

[Illustration: Fig. 70.]

Dieser neue Verdichtungsapparat ist äusserst vortheilhaft. Einmal

zusammengesetzt, braucht er nur sehr selten auseinander genommen zu

werden. Die Handarbeit des Leerens und Zusammenfügens bei dem

gewöhnlichen Apparate und der damit zusammenhängende grosse

Kittverbrauch fallen bei dem neuen Apparate hinweg. In Folge des langen

Weges, den die Dämpfe zurückzulegen haben, geht die Condensation

vollständiger vor sich, wie die Ausbeute von 132-134 Kilogr. Säure von

36° auf 100 Kilogr. Salpetersäure beweist, während ältere Apparate nur

125-128 Kilogr. liefern. Die innere Einrichtung der Flaschen und der

den hydraulischen Schluss bewirkende Hebetrichter ergiebt sich aus

Folgendem. In jeder der =Flaschen= der unteren Reihe befindet sich ein

gebogenes Rohr aus Steinzeug _T_ (Fig. 69), dessen Mündung _O_ ins

Freie geht; eine spaltenförmige Oeffnung _L_ stellt die Communikation

zwischen der Flüssigkeit und dem Innern der Röhre her; die Flüssigkeit

kann demnach in der Flasche nur bis zu einer gewissen Höhe sich

ansammeln. Es ist klar, dass hierdurch die Flasche einen hydraulischen

Schluss erhält. -- Der =Hebetrichter= besteht aus einem steinernen

Rohre von etwa 3 Centim. Durchmesser, dessen Seitenwand der Länge nach

durchbohrt ist (Fig. 70); die in das Innere der Röhre gelangende

Flüssigkeit kann mithin nur bis zur Oeffnung _O_ steigen; sobald diese

Höhe erreicht ist, fliesst die Flüssigkeit in demselben Verhältniss

aus, als durch den Trichter _E_ nachströmt.

[Sidenote: Andere Methoden der Salpetersäuredarstellung.]

Ausser durch die Einwirkung von Schwefelsäure auf Kalium- oder

Natriumnitrat, lässt sich Salpetersäure aus den Nitraten auch noch auf

andere Art darstellen. Von den vielen Vorschlägen in dieser Hinsicht

seien einige der besseren angeführt:

1) Einwirkung von Manganchlorür (Rückstände von der Chlorbereitung) auf

Natriumnitrat. Wenn ein Gemenge beider Salze bis auf etwa 230° erhitzt

wird, so entwickeln sich salpetrige Dämpfe (NO_{2} + O) und es bleibt

ein Manganoxyd zurück, welches wieder zur Chlorentwickelung dienen

kann:

5MnCl_{2} } { (2MnO + 3MnO_{2})

und } geben { 10NaCl

10NaNO_{3} } { 10NO_{2} + 2O

Indem man das Gemenge von Untersalpetersäure und Sauerstoff in den

Condensationsapparat mit Wasser zusammen bringt, verwandelt es sich in

Salpetersäure; der Ueberschuss der Untersalpetersäure zersetzt sich in

Salpetersäure und Stickstoffoxyd. Wenn die in den Apparaten enthaltene

Luft hinreichend ist, um die ganze Menge des letzteren wieder in

Salpetersäure zu verwandeln, so wiederholt sich dieser Vorgang; wenn

dagegen die Luftmenge unzureichend ist, so löst das Stickstoffoxyd sich

in der Salpetersäure auf und der Ueberschuss desselben entweicht in die

Luft. Aus zahlreichen Versuchen, welche =Kuhlmann= unter Benutzung von

Thonretorten anstellte, hat sich ergeben, dass 100 Th. salpetersaures

Natrium nach diesem Verfahren im Mittel 125-126 Th. Salpetersäure von

35° liefern. Es ist dies nahezu dieselbe Ausbeute wie beim gewöhnlichen

Verfahren (127-128 Proc.). Es wurden auch Versuche mit anderen

Chlorüren, namentlich mit Chlorcalcium, Chlormagnesium und Chlorzink

angestellt, wobei ein entsprechender Vorgang eintrat, nämlich

Salpetersäure, Chlornatrium und Kalk, Magnesia oder Zinkoxyd gebildet

wurden;

2) Einwirkung gewisser Sulfate auf salpetersaure Alkalisalze.

=Kuhlmann= hat durch viele Versuche bewiesen, dass die schwefelsauren

Salze, selbst solche, welche sehr beständig sind und keineswegs die

Rolle einer Säure spielen, die Zersetzung der salpetersauren

Alkalisalze bewirken können. Mangansulfat zersetzt Natriumnitrat unter

Bildung ähnlicher Produkte wie beim Manganchlorür. Aehnliche Reaktionen

finden statt mit Zinksulfat, mit Magnesiumsulfat, ja selbst mit Gyps;

3) aus Natriumnitrat und Kohle, wobei neben Soda Salpetersäure

auftritt;

4) aus Natriumnitrat und Kieselerde (oder Thonerde). Mit der

Darstellung der Salpetersäure mit der Bereitung von Natriumsilicat und

von Soda;

5) aus Bariumnitrat und Schwefelsäure (ohne Destillation). Die vom

Barytweiss abgegossene Salpetersäure (von 10 bis 11° B.) kann durch

Kochen bis auf 25° B. gebracht werden.

[Sidenote: Dichten der Salpetersäure.]

Nach =J. Kolb= steht das specifische Gewicht einer Salpetersäure mit

seinem Gehalt an concentrirter Salpetersäure in folgendem Zusammenhange:

=======================+========================

100 Theile enthalten | Dichte

NHO_{3} | N_{2}O_{5} | bei 0° | bei 15° C.

----------+------------+-----------+------------

100,00 | 85,71 | 1,559 | 1,530

97,00 | 83,14 | 1,548 | 1,520

94,00 | 80,57 | 1,537 | 1,509

92,00 | 78,85 | 1,529 | 1,503

91,00 | 78,00 | 1,526 | 1,499

90,00 | 77,15 | 1,522 | 1,495

85,00 | 72,86 | 1,503 | 1,478

80,00 | 68,57 | 1,484 | 1,460

75,00 | 64,28 | 1,465 | 1,442

69,96 | 60,00 | 1,444 | 1,423

65,07 | 55,77 | 1,420 | 1,400

60,00 | 51,43 | 1,393 | 1,374

55,00 | 47,14 | 1,365 | 1,346

50,99 | 43,70 | 1,341 | 1,323

45,00 | 38,57 | 1,300 | 1,284

40,00 | 34,28 | 1,267 | 1,251

33,86 | 29,02 | 1,226 | 1,211

30,00 | 25,71 | 1,200 | 1,185

25,71 | 22,04 | 1,171 | 1,157

23,00 | 19,71 | 1,153 | 1,138

20,00 | 17,14 | 1,132 | 1,120

15,00 | 12,85 | 1,099 | 1,089

11,41 | 9,77 | 1,075 | 1,067

4,00 | 3,42 | 1,026 | 1,022

2,00 | 1,71 | 1,013 | 1,010

Folgende Tabelle giebt vergleichende Angaben der Dichte und der Grade

nach =Baumé=:

========+=========+========================+========================

| | |

Grade | Dichte. |100 Theile enthalten bei|100 Theile enthalten bei

nach | | 0° | 15° C.

Baumé. | | NHO_{3} | N_{2}O_{5} | NHO_{3} | N_{2}O_{5}

--------+---------+-----------+------------+-----------+------------

6 | 1,044 | 6,7 | 5,7 | 7,6 | 6,5

7 | 1,052 | 8,0 | 6,9 | 9,0 | 7,7

9 | 1,067 | 10,2 | 8,7 | 11,4 | 9,8

10 | 1,075 | 11,4 | 9,8 | 12,7 | 10,9

15 | 1,116 | 17,6 | 15,1 | 19,4 | 16,6

20 | 1,161 | 24,2 | 20,7 | 26,3 | 22,5

25 | 1,210 | 31,4 | 26,9 | 33,8 | 28,9

30 | 1,261 | 39,1 | 33,5 | 41,5 | 35,6

35 | 1,321 | 48,0 | 41,1 | 50,7 | 43,5

40 | 1,384 | 58,4 | 50,0 | 61,7 | 52,9

45 | 1,454 | 72,2 | 61,9 | 78,4 | 72,2

46 | 1,470 | 76,1 | 65,2 | 83,0 | 74,1

47 | 1,485 | 80,2 | 68,7 | 87,1 | 74,7

47° B. entsprechen 96° Twaddle

46° " " 92° "

45° " " 88° "

43° " " 84° "

42° " " 80° "

38° " " 70° "

34° " " 60° "

29° " " 50° "

25° " " 40° "

20° " " 30° "

14° " " 20° "

7° " " 20° "

Salpetersäure von 1,52 siedet bei 86°

" " 1,50 " " 99°

" " 1,45 " " 115°

" " 1,42 " " 123°

" " 1,40 " " 119°

" " 1,35 " " 117°

" " 1,30 " " 113°

" " 1,20 " " 108°

" " 1,15 " " 104°

[Sidenote: Rauchende Salpetersäure.]

Wenn man bei Darstellung der Salpetersäure auf 1 Molekül Kaliumnitrat 1

Molekül Schwefelsäure verwendet, so erhält man als Destillat eine

rothgelbe Flüssigkeit, aus einem Gemenge von Salpetersäure und

Untersalpetersäure bestehend. Die Flüssigkeit führt den Namen =rothe

rauchende Salpetersäure=. Bei Anwendung gleicher Moleküle von

Kaliumnitrat und Schwefelsäure wird nämlich nur die Hälfte der

Salpetersäure ausgetrieben, die andere Hälfte aber zerlegt in

Untersalpetersäure und Sauerstoff, welche erstere sich mit der

unzerlegten Salpetersäure zu rauchender Salpetersäure vereinigt. Wendet

man dagegen zur Zersetzung des Kalium- oder Natriumnitrates zwei Moleküle

Schwefelsäure an, so erhält man alle Salpetersäure unzersetzt und in der

Retorte bleibt Kalium- oder Natriumbisulfat zurück. Bei Anwendung von

Natriumnitrat braucht man jedoch, da dieses Nitrat weit leichter von der

Schwefelsäure zersetzt wird, als die entsprechende Kaliumverbindung,

erfahrungsgemäss nicht 2 Moleküle Schwefelsäure anzuwenden. Man begnügt

sich mit 1,25-1,50 Molekülen. 100 Th. Chilisalpeter geben 120-110 Th.

Salpetersäure von 36° B.

Zum Zwecke der Darstellung von =rauchender= Salpetersäure setzt man in

neuerer Zeit bei der gewöhnlichen Darstellung der Salpetersäure einen

Körper zu, welcher zersetzend auf sie einwirkt. Früher wendete man

hierzu Schwefel an, gegenwärtig Stärkemehl. Nach =C. Brunner='s

Vorschrift wird ein Gemenge von 100 Th. Salpeter mit 3-1/2 Th.

Stärkemehl in einer Retorte mit 100 Th. englischer Schwefelsäure von

1,85 spec. Gewicht übergossen. Die Destillation beginnt gewöhnlich

schon ohne Erwärmung. Durch schwaches Erhitzen wird sie beendigt. 100

Th. Kaliumnitrat liefern auf diese Weise ungefähr 60 Th. stark roth

gefärbte rauchende Salpetersäure. Es ist anzurathen, die Retorte nur

bis zu 1/3 anzufüllen.

[Sidenote: Anwendung der Salpetersäure.]

Die technische =Anwendung= der Salpetersäure beruht auf ihrer

Eigenschaft, mit gewissen Körpern zusammengebracht, in Stickoxyd und

Untersalpetersäure und in Ozon zu zerfallen, letzteres bildet entweder

mit dem betreffenden Körper ein Oxyd oder es oxydirt ihn zu

eigenthümlichen Verbindungen, während die Untersalpetersäure bei

Gegenwart organischer Verbindungen zuweilen in die Zusammensetzung der

organischen Körper eintritt und sogenannte Nitroverbindungen

(Nitrobenzol oder künstliches Bittermandelöl, Nitronaphtalin,

Nitroglycerin oder Sprengöl, Nitromannit, Schiessbaumwolle,

Martiusgelb, Pikrinsäure) bildet. Eine grosse Anzahl der Metalle löst

sich in Salpetersäure, wenn dieselbe nicht zu concentrirt ist. Höchst

concentrirte Salpetersäure kann mit Blei und Eisen zusammengebracht

werden, ohne dass eine Zersetzung der Salpetersäure stattfindet.

Eiweissähnliche Körper (Haut, Wolle, Seide, Horn, Federn) werden durch

starke Salpetersäure dauernd gelb gefärbt (wahrscheinlich durch Bildung

von Pikrinsäure), daher ihre Anwendung zum Gelbfärben der Seide etc.;

längere Zeit fortgesetzte Einwirkung der Salpetersäure auf die

genannten Stoffe führt ihre gänzliche Zerstörung und theilweise

Ueberführung in Pikrinsäure herbei. Viele stickstofffreie organische

Stoffe, wie Cellulose, Stärkemehl, Zucker etc., werden durch die

Einwirkung von Salpetersäure unter Bildung von Oxalsäure zerstört.

Kurze Einwirkung sehr verdünnter Salpetersäure führt das Stärkemehl in

Dextrin, concentrirte Salpetersäure führt es in das explosive Xyloïdin

über. Die Eigenschaft der Salpetersäure, gewisse Farbstoffe, wie das

Indigblau, zu zerstören, benutzt man in der Kattundruckerei, um durch

Aufdrucken von Salpetersäure auf blauem Grunde gelbe Muster zu

erzeugen, ferner in der Tuchweberei zum Gelbbeizen der Sahlleisten,

damit die Tuche das Aussehen von in der Wolle gefärbten Geweben

annehmen, bei denen die gelben Leisten angewebt sind. In der

Hutfabrikation verwendet man eine Auflösung von Quecksilber in

Salpetersäure, um die glatten Haare zum Verfilzen geeignet zu machen.

Ein Hauptverbrauch der Salpetersäure ist der zur Fabrikation der

Schwefelsäure; sie findet ferner in der Metallverarbeitung mannichfache

Anwendung, so u. A. um Stahl und Kupfer zu ätzen, zum Gelbbrennen des

Messings und der Bronze, zum Färben des Goldes, zur Bereitung der unter

dem Namen =Rouille= zum Schwarzfärben der Seide angewendeten Eisenbeize

(in Lyon allein verbraucht man von dieser Beize täglich gegen 250

Centner), zur Bereitung der Pikrinsäure aus Carbolsäure, des

Martiusgelbes aus dem Naphtalin, des Nitrobenzols und Nitrotoluols der

Anilinfabriken, zur Darstellung der Phtalsäure (aus Naphtalin) behufs

der künstlichen Fabrikation der Benzoësäure, zur Bereitung von

Anthrachinon zum Zweck der Alizarindarstellung aus Anthracen, zur

Fabrikation des Silbernitrates (bei der enormen Ausbreitung der

Photographie ein wichtiger Gebrauch der Salpetersäure), der Arsensäure

(für die Fuchsinbereitung), des Knallquecksilbers, des Sprengöls (und

der beiden Präparate Dynamit und Dualin) u. s. w.

Technik der explosiven Körper.

a) _Das Schiesspulver und chemische Principien der Feuerwerkerei._

[Sidenote: Schiesspulver. Allgemeines.]

Das gewöhnliche =Schiesspulver= ist ein gekörntes Gemenge von

Kaliumsalpeter, Schwefel und Kohle in bestimmten Verhältnissen. Bei einer

Temperatur von etwa 300° und bei der Berührung mit glühenden oder

brennenden Körpern oder endlich durch Reibung und Schlag entzündet es

sich, verbrennt mit einer gewissen Geschwindigkeit und giebt als

Verbrennungsprodukte Stickstoff, Kohlensäure oder Kohlenoxydgas und als

Rückstand ein Gemenge von Kaliumsulfat und Kaliumcarbonat. Wenn die

Entzündung in einem verschlossenen Gefässe vor sich geht, so erleiden die

Wände durch die grosse Menge der sich entwickelnden heissen Gase einen

solchen Druck, dass sie unfehlbar zerreissen würden, wenn nicht, wie in

dem Geschütz, die Einrichtung getroffen wäre, dass ein Theil der Wand

nachgiebt. Auf diese Weise wird die Kugel nach einer Richtung hin

fortgeschleudert. Dabei ist wohl zu beachten, dass nur derjenige Theil

der entwickelten Gase zur Wirkung kommt, welcher gebildet wird, so lange

die Kugel den Lauf noch nicht verlassen hat; je langsamer also ein Pulver

abbrennt, je geringer ist seine Wirkung auf das Projectil.

[Sidenote: Fabrikation des Schiesspulvers.]

Die zur Pulverfabrikation dienenden Materialien müssen von der grössten

Reinheit sein, der Salpeter darf keine Chlormetalle, der Schwefel keine

schweflige Säure enthalten, deshalb wendet man nie Schwefelblumen,

sondern stets Stangenschwefel an. Die grösste Aufmerksamkeit ist auf die

Wahl der =Kohle= zu verwenden. Zur Darstellung der Kohle verwendet man

Pflanzen, die eine vorzüglich ausgebildete Bastfaser besitzen, wie Flachs

und Hanf. Von Bäumen wählt man mehrjährige Zweige, deren Durchmesser

ungefähr 5-9 Centim. beträgt. In dem grössten Theile von Deutschland,

Frankreich und Belgien verkohlt man hauptsächlich Faulbaumholz (_Prunus

Padus_), aber auch Holz der Pappel, Linde, Erle, Weide, Rosskastanie, in

England schwarze Corneliuskirsche und Erle, in Italien nur Hanf, in

Spanien Hanf, Flachs, Weinreben, Weiden, Oleander und Taxus, in

Oesterreich Hundsbeer-, Haselstrauch oder Erle; die Kohle dieser

Vegetabilien eignet sich, wegen ihrer leichten Zerreiblichkeit, am besten

zur Pulverfabrikation. Alle die genannten Substanzen geben bei der

Verkohlung, die man in Cylindern, die denen der Gasanstalten ähnlich

sind, in Gruben, in Kesseln, mittelst erhitzten Wasserdampfes, vornimmt,

ungefähr 35-40 Proc. Kohle. Wenn bei der Verkohlung des Holzes die

möglichst niedrige Temperatur angewendet worden ist, so erhält man eine

röthlichbraune, glatte, mit vielen Querrissen versehene Kohle, die

=Rothkohle= (_charbon roux_). Die durch Erhitzen in Cylindern gewonnene

Kohle bezeichnet man ziemlich unpassend, zum Unterschied von anderer,

durch Verkohlen von Holz in Gruben erhalten, mit dem Namen =destillirter

Kohle=.

[Sidenote: Reiben und Mengen der Materialien.]

Die mechanische Bereitung des Schiesspulvers zerfällt in:

1) das Pulverisiren der Materialien; 2) das Mischen derselben; 3) das

Anfeuchten des Pulversatzes; 4) das Verdichten desselben; 5) das Körnen

und Sortiren des Pulvers; 6) das Poliren desselben; 7) das Trocknen und

8) das Ausstäuben des Pulvers.

[Sidenote: Das Pulverisiren der Materialien.]

Das Pulverisiren oder Zerkleinern der Materialien kann auf dreierlei

Weise geschehen, entweder

a) durch die Pulverisirtrommeln, oder

b) durch Walzmühlen, oder endlich

c) durch Stampfmühlen.

a) Das Zerkleinern der Materialien mit Hülfe der =Pulverisirtrommeln=

wurde zuerst Ende des vorigen Jahrhunderts in Folge des

ausserordentlichen Bedarfs an Schiesspulver durch die französischen

Revolutionskriege angewendet. Es eignet sich dieses Verfahren

(Revolutionsverfahren) sehr gut zum Pulverisiren der

Pulverbestandtheile, indem es bequem ist, fördert und keinen Staub

erzeugt. Die dazu angewendeten Trommeln bestehen aus zwei starken

Holzscheiben, welche durch Bretter zu einem hohlen Cylinder verbunden

sind. Im Innern befinden sich vorspringende Leisten, durch welche die

herabfallenden Kugeln aufgehalten werden. Die Trommel ist inwendig mit

Leder überzogen. Man bringt die zu pulverisirende Substanz mit einer

gewissen Anzahl bronzener Kugeln von 1/4 Zoll Durchmesser in die

Trommel, die auf einer Axe ruht und um dieselbe drehbar ist.

Man pulverisirt nun Kohle und Schwefel (jeden dieser Körper für sich),

da der in Gestalt von Salpetermehl erhaltene Salpeter schon die nöthige

Feinheit besitzt.

b) Die Zerkleinerung durch =Walzmühlen= mit vertical auf einem

Bodensteine umlaufenden schweren Walzen ist gegenwärtig sehr

gebräuchlich.

c) Die Zerkleinerung durch =Stampfmühlen= geschieht gegenwärtig nur

noch in kleineren Fabriken. Die Stampfen, von denen in der Regel 10-12

in einer Reihe nach einander durch eine Daumenwelle gehoben werden,

sind von Holz (Ahorn- oder Weissbuchenholz) und mit einem Schuh aus

Bronze versehen. Die Stampfen haben bei einer Länge von 8 Fuss ein

Gewicht von ungefähr 1 Ctr. und machen in der Minute 40-60 Stösse. Die

Stampflöcher sind in einem Troge von Eichenholz (dem Grubenstock)

birnenförmig ausgemeisselt. In jedem Loche stampft man 16-20 Pfd.

Substanz auf einmal. In der Schweiz wendet man anstatt der Stampfen

=Hämmer= an.

[Sidenote: Das Mengen der Materialien und das Anfeuchten des Salzes.]

Das Mengen der gepulverten Materialien geht in den =Mengtrommeln= vor

sich, welche sich von den Pulverisirtrommeln dadurch unterscheiden, dass

sie aus Leder bestehen. Das Mengen dauert mit 100 Kilogr. Satz und 150

Kilogr. Bronzekugeln etwa 3 Stunden bei 10 Umdrehungen in der Minute. In

den Fabriken, in denen man Walzmühlen oder Stampfmühlen anwendet,

schliesst sich das Mengen sofort an das Pulverisiren an. Der Satz wird

mit 1-2 Proc. Wasser befeuchtet, was gewöhnlich durch eine an der Axe der

Walze angebrachte und mit einem Ventil versehene Giessvorrichtung

bewerkstelligt wird. Eine salbenähnliche Beschaffenheit deutet die

Vollendung des Mengens an. Man verbindet zuweilen das Pulverisiren der

Kohle und des Schwefels in Trommeln mit dem Mengen des Satzes in

Walzmühlen.

Bei Anwendung von Stampfmühlen werden Schwefel und Kohle, welche vorher

für sich durch 1000 Stösse zerkleinert worden sind, mit dem Salpeter

gemischt und eine Zeit lang bearbeitet. Nach 2000 und später nach 4000

Stössen wird der Inhalt der Stampflöcher ausgewechselt, es werden

wieder 4000 Stösse gegeben u. s. f., bis nach Verlauf von elf Stunden

40,000 Stösse gegeben worden sind. Man wiederholt das Auswechseln des

Inhalts 6-8 mal. Dort, wo man sich der Trommeln zum Mengen der

Materialien bedient, folgt auf das Mengen die Operation des

=Anfeuchtens=. Zu diesem Zwecke kommt der trockene Satz aus den

Trommeln in einen hölzernen Kasten, über welchem sich ein siebähnlich

durchlöchertes Rohr befindet, durch welches von Zeit zu Zeit der Satz

mit Wasser besprengt wird, bis derselbe, wobei mit einem Holzspatel

wiederholt umgerührt wird, 8-10 Proc. Wasser enthält.

[Sidenote: Das Verdichten des Satzes.]

Wenn, wie erwähnt, in den Stampfmühlen das Verdichten mit dem Mengen

zusammenfällt, so ist bei Anwendung von Trommeln und Walzmühlen eine

besondere Operation, das =Verdichten des Satzes=, nothwendig. In den

französischen und preussischen Pulvermühlen geschieht die Verdichtung

durch Zusammenpressen des Satzes zwischen zwei Walzen von 0,6 Meter

Durchmesser, von welchen die untere von Holz, die obere von Bronze ist.

Zwischen beiden Walzen bewegt sich ein Tuch ohne Ende, auf welches an der

einen Seite der befeuchtete Satz gelegt wird. Auf der andern Seite kommt

derselbe als =Pulverkuchen= von 1-2 Centim. Dicke und dem Ansehen und

fast der Härte des Thonschiefers heraus.

Die Operation des Verdichtens ist für die Eigenschaften des Pulvers von

grosser Wichtigkeit. Je stärker der dabei angewendete Druck ist, desto

mehr wirksame Bestandtheile, bis zu einer gewissen Grenze, befinden

sich in einem bestimmten Volumen und desto grösser ist die bei der

Zersetzung entwickelte Gasmenge. Je grösser die Zusammenpressung ist,

desto langsamer zersetzt sich des Pulver, desto niedriger ist die

Temperatur und demnach auch die Ausdehnung der Gase. War das Pulver

dagegen nur einem sehr schwachen Drucke ausgesetzt, so wird das Pulver

in seiner ganzen Masse plötzlich zersetzt und wirkt explodirend.

[Sidenote: Das Körnen des Pulverkuchens und das Sortiren des Pulvers.]

Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage · 第 39 / 167 题