Die Aufstände.
In Galizien führte _Österreich_ im großen und ganzen wieder die
Organisation ein, die es dem Lande nach den ersten Teilungen gegeben
hatte. Auch die Landstände wurden wieder eingesetzt.
_Preußen_, das in den Rheinlanden und sächsischen Landesteilen eine
sehr viel wertvollere Entschädigung für seine Verluste im Osten
gewann, war von dem Ballast, der es zu einem halb slawischen Staate
gemacht hätte, glücklich befreit. Was in seinem Besitz blieb, war aus
militärischen Gründen unbedingt nötig, hätte unter diesem und dem
verkehrswirtschaftlichen Gesichtspunkte sogar noch etwas reichlicher
bemessen werden können und war vor allen Dingen bereits von einer sehr
großen Anzahl Deutscher bewohnt. Preußen stand nun vor der Frage, ob es
dem Großherzogtum eine weitgehende Autonomie auf polnisch-nationaler
Grundlage gewähren oder ob es die Eindeutschung anstreben sollte. Das
erste verbot sich schon aus Rücksicht auf die zahlreichen Deutschen.
Zu dem anderen, das sich um der Sicherheit der Grenzmark willen gebot,
konnte man sich im Zeitalter der Romantik nicht entschließen. An dieser
_Unentschiedenheit_ hat die preußische Polenpolitik bis auf Bismarck
und dann wieder unter Caprivi gekrankt, obwohl der eingeschlagene Weg
der Versöhnung sich bald als falsch erwies.
Die Politik der Schonung, die man bis 1807 verfolgt hatte, wurde auch
jetzt fortgesetzt. Oberpräsident wurde der sehr liberale Zerboni di
Sposetti, der die nötige Festigkeit vermissen ließ. Nicht genug damit
wurde noch eine Statthalterschaft eingerichtet, die der persönlich
durchaus treue Fürst Anton Radziwill erhielt. Man hoffte auf diese
Weise die Polen zu gewinnen. Aber statt dessen erfüllte man sie nur mit
Hoffnungen auf eine staatsrechtliche Sonderexistenz.
Schon im Jahre 1817 forderten die Wortführer in Unterredungen und
Denkschriften eine nationale Armee mit ausschließlich polnischen
Offizieren, ein reinpolnisches Beamtentum, einen nationalen
Provinziallandtag mit weitgehenden Rechten. Die alten Legionäre
Dąbrowski und Kniaziewicz regten die Gründung einer geheimen
politischen Verbindung an, die der Major Lukasinski 1819 durch
Schaffung einer „nationalen Freimauerei” für das ganze ehemalige
Königreich (die sogenannte „Patriotische Gesellschaft” zu Warschau)
auch ausführte. Gleichzeitig bildeten sich andere Geheimbünde, die
Templer, die Freien Brüder, die Polnische Burschenschaft an der
Jagiellonischen Universität. Speziell im Posenschen suchte man auch
die Bauern zu bewaffneter Erhebung zu gewinnen durch den Geheimbund
der Sensenmänner ($Kosynieri$). Da erst griff die Regierung ein,
Mitte der 20er Jahre. Aber eine Ausrottung der Geheimbünde ließ sich
mit polizeilichen Mitteln natürlich nicht erreichen. 1823 erhielt
Posen seinen Provinziallandtag, der von vornherein die Forderungen
der Wortführer von 1817 vertrat.
Der _Gebrauch der polnischen Sprache_ war anfangs so weitgehend
gestattet worden, daß z. B. vor Gericht in den polnischen Kreisen
der Provinz polnisch verhandelt werden _mußte_. Erst 1817 ließ die
Regierung sich herbei, der Staatssprache Gleichberechtigung zu
gewähren. Ähnlich stand es um die _Schulen_.
Großes ist in der Zeit bis zu den Aufständen für die _Bauern_ getan
worden. Durch Kabinettsorder von 1819 wurden die Bestimmungen des
Großherzogtums Warschau vom Jahre 1807 über die Freiheit der Bauern
außer Kraft gesetzt und der Bauernschutz des Allgemeinen Landrechts
eingeführt. Am 8. April 1823 folgte die Regulierung, und zwar in
viel einschneidenderer Weise als in den alten preußischen Provinzen.
Sie hatte zur Folge, daß der Bauer durchaus nicht zur Beteiligung
an den Aufständen zu bewegen war, trotzdem Adel und Geistlichkeit
ihr möglichstes versuchten. Dem Großgrundbesitz wurde 1821 durch
Gründung der Landschaft nach schlesischem Vorbilde geholfen. Die
Bevölkerungszunahme auf dem Lande ging infolgedessen sehr schnell vor
sich.
Weniger günstig war anfangs die Entwicklung der _Städte_, obwohl auch
sie zunahmen. In den ersten Jahren zwar, als der vom Wiener Kongreß
beschlossene freiere Handelsverkehr mit Russisch-Polen noch bestand,
hatte die Provinz als Grenzland der höheren Kultur einen regen Absatz
gewerblicher Erzeugnisse nach dem niedriger stehenden Osten. Als
aber im Königreich Polen 1823 das Prohibitiv-System des russischen
Finanzministers Grafen _Cancrin_ siegte, trat ein Rückschlag ein.
Namentlich die blühende deutsche _Tuchmacherei_ in der Provinz ging
nieder; aber auch andere Gewerbe spürten den Schlag. Ein Teil der
deutschen Handwerker, ungefähr 10000 Familien wanderten nach Polen
aus, wo mit Begünstigung der russischen Regierung die deutschen
Industriezentren, namentlich _Łodź_, entstanden. 1816 gab es im
Regierungsbezirk Posen 1586 Tuchmacher, 1866 nur noch 27, heute 6.
_Rußland_, das zu den ruthenisch-russisch-litauischen Landen auf dem
Wiener Kongreß auch noch die Hauptmasse des eigentlichen Polen bekommen
hatte, war dadurch in eine ganz andere innere Lage gekommen. Denn diese
an anarchistische Freiheit gewöhnte Bevölkerung ließ sich nur schwer
dem absolutistischen Reiche einfügen. Die _Konstitution von 1815_
hatte dem „Königreich”, zu dem nur Gebiete des Großherzogtums Warschau
geschlagen wurden, eine große Selbständigkeit belassen, namentlich eine
konstitutionelle Regierungsform, die in Rußland auf der einen Seite
Neid, auf der anderen Unwillen und Feindschaft erregte. Zum Statthalter
war nicht der von den Polen gewünschte Fürst Czartoryski, sondern der
General Zajączek ernannt worden, der, wie nicht anders möglich, unter
dem Einfluß des Großfürsten Konstantin, des Bruders des Kaisers und
Befehlshabers des polnischen Heeres, stand. Ein kaiserlicher Kommissar,
Nowosilzow, überwachte Regierung und Reichstag.
Der Großfürst fand bei den Polen wenig Gegenliebe. Und da der
polnische Adel entsprechend auftrat, so gewann die altrussische
Partei bald auch das Ohr Alexanders, der ja überhaupt nach den
Napoleonischen Kriegen gänzlich in den Gedankengängen der heiligen
Allianz lebte. Die Szlachta forderte immer mehr, der Kaiser war immer
weniger geneigt, etwas zu gewähren. Während Städte und Bauern sich
der Wiederkehr geordneter Zustände und ruhiger Zeiten freuten, wuchs
die Unzufriedenheit des Adels. Sie machte sich in der Opposition
des Reichstages, in der Presse, in den geheimen Gesellschaften
Luft. 1825 sah sich Alexander genötigt, die Preßfreiheit zu
beschränken, die zweijährige Periodizität und die Öffentlichkeit der
Reichstagsverhandlungen aufzuheben und dem Reichstag zu bedeuten,
daß er bei Fortdauer einer derartigen Opposition überhaupt außer
Tätigkeit gesetzt werde. Schon vorher war die „Patriotische
Gesellschaft” mit den russischen Verschwörern, dem „Bund des
Nordens” und dem „Bund des Südens”, in Verbindung getreten, hatte an
Verhandlungen in Kijew teilgenommen, aber schließlich doch gezögert,
sich dem Dekabristenaufstand anzuschließen. Ihre Führer wurden
nach dem Fehlschlagen dieses Aufstandes verraten und vom Reichstag
zwar abgeurteilt, aber, da die Strafen zu milde ausfielen, von der
russischen Regierung nach Rußland überführt.
Diese der Konstitution zuwiderlaufende Handlungsweise des neuen
Kaisers _Nikolaus_ I. trug dazu bei, die Unruhe zu vermehren, zumal
er auch die Statthalterschaft seit 1826 nicht mehr besetzt, sondern
dem Großfürsten Konstantin als Militärgouverneur unbeschränkte Gewalt
gegeben hatte. Doch war all das nur mitwirkend für den Aufstand.
Die eigentliche Ursache ist darin zu suchen, daß die staatliche
Selbständigkeit nicht in dem Maße zu erreichen war, wie man gehofft
hatte. In der vom Großfürsten zu Warschau gegründeten Kadettenschule
bildete sich unter dem Instrukteur, Leutnant Wysocki, eine neue
_Verschwörung_ „zur Verteidigung der vergewaltigten Konstitution”
(1828), die auch Studenten und andere junge Leute heranzog.
Ursprünglich wollte man bei der Krönung des Zaren zum König von Polen
im Jahre 1829 losschlagen und den Zaren ermorden, verschob aber den
Plan, da die Umstände sich nicht als günstig erwiesen.
Die Julirevolution brachte in der Nacht des 29. November 1830 den
Aufstand, seither _Novemberaufstand_ bezeichnet, zum Ausbruch, indem
die Verschworenen das Schloß Belvedere, die Residenz des Großfürsten,
überfielen. Ein Teil der Truppen ging zu den Aufständischen über, mit
dem anderen verließ der Großfürst die Hauptstadt. Bis zum 13. Dezember
war das ganze Königreich von den geringen Streitkräften der Russen
geräumt.
An die Verwaltung hatten die jugendlichen Verschwörer natürlich nicht
gedacht. Daher nahmen Adam Czartoryski und der Finanzminister Lubecki
die Regierung in die Hand, indem sie den bestehenden Administrationsrat
unter dem Titel einer provisorischen Regierung mit ihnen genehmen
Leuten besetzten.
Zum Befehlshaber der polnischen Truppen wurde der General Chłopicki
ernannt. Die gemäßigten Leute an der Spitze wollten einen Ausgleich
mit Rußland, die Demokraten aber offenen Bruch. Da Chłopicki, der
sich im Dezember zum Diktator erklärt hatte, zu den Gemäßigten
gehörte, die beim Reichstag kein Verständnis fanden, gab er den
Oberbefehl wieder ab, den Michael Radziwill übernahm. Doch blieb
Chłopicki die Seele der polnischen Operationen. Am 25. Januar 1831
sprach der _Reichstag die Absetzung der Romanows_ aus. Namentlich
dieser Schritt schadete den Polen bei den ausländischen Monarchen,
bei denen sie Unterstützung suchten, ungemein. Die Sympathien der
Völker, die sämtlich in Polenschwärmerei gerieten, waren ihnen zu
nichts nutze. Der Reichstag ordnete auch die Regierung endgültig,
indem er eine „National-Regierung” mit Adam Czartoryski an der Spitze
einsetzte.
Inzwischen aber hatte Rußland genügend Truppen gesammelt und
Feldmarschall _Diebitsch_ rückte mit 120000 Mann in Polen ein, die
Aufständischen vor sich hertreibend. Am 24. und 25. Februar kam es bei
_Białołęka_ und _Grochow_ zu einer mörderlichen Schlacht, in der die
Polen über die Weichsel zurückgeworfen wurden. Chłopicki und Radziwill
entsagten weiteren Kämpfen und den Oberbefehl übernahm Skrzynecki.
Einige Erfolge, die die Polen davontrugen, hatten Aufstände auch in
Litauen und Kleinrußland zur Folge. Die zur Unterstützung Wolyniens
abgesandten Truppen wurden jedoch geschlagen und mußten über die
galizische Grenze treten. Der kleinrussische Aufstand erlosch wieder.
Erst am 26. Mai folgte ein neuer großer Schlag, die Schlacht bei
Ostrołęka, die zwar keinen entscheidenden russischen Sieg, aber doch
den Rückzug der Polen nach Warschau brachte. Im Juli wurden auch die
nach Litauen entsandten Truppen unter Giełgud besiegt. Sie mußten über
die ostpreußische Grenze treten, wo ihre Entwaffnung erfolgte.
Die Cholera räumte auf beiden Seiten schrecklich auf. Auch der
Großfürst und Diebitsch fielen ihr zum Opfer. Diebitschs Nachfolger
wurde _Paskewitsch_, der die Weichsel überschritt und auf dem linken
Ufer gegen Warschau vorrückte. Skrzynecki, der keine Schlacht annahm,
wurde des Oberbefehles entsetzt. An seine Stelle trat Dembiński, der
sich aber ebenfalls zu keiner Schlacht entschließen konnte. Während die
Russen die Hauptstadt bereits bedrohten, feierte dort die polnische
Anarchie wieder einmal ihre Orgien. Unter der Führung des „Klubs der
patriotischen Gesellschaft”, dessen Vorsitzender der Historiker Lelewel
war, und des alten Generals Krukowiecki, der nach dem Oberkommando
strebte, brach in der Nacht vom 15. zum 16. August ein Aufstand aus,
dem mehrere wegen ihrer Niederlagen im Gefängnis sitzende Generäle zum
Opfer fielen, und der die nationale Regierung zur Abdankung zwang.
Einen Tag später ernannte der Reichstag Krukowiecki zum Haupt der
Regierung. Den Oberbefehl erhielt Małachowski.
Am 6. und 7. September stürmten die Russen. Krukowiecki kapitulierte
am Morgen des 7. September gegen Gewährung einer allgemeinen Amnestie,
der Reichstag nahm die Kapitulation aber nicht an. Präsident wurde
nun Niemojewski, dem nichts übrigblieb, als in der Nacht des 7.
September auch seinerseits zu kapitulieren. Regierung, Reichstag und
Armee erhielten freien Abzug nach der Festung Modlin. Von dort wurde,
da Paskewitsch nunmehr unbedingte Unterwerfung forderte, der Rückzug
über Płock nach Preußen fortgesetzt, wo die Armee die Waffen abgab.
Am 9. und 24. Oktober übergaben sich Modlin und Zamość, die letzten
Festungen, den Russen.
Damit erlosch der Aufstand, der ungenügend vorbereitet gewesen war
und von vornherein an Hader im eigenen Lager gekrankt hatte. Das
liberale Bürgertum ganz Europas beweinte das Schicksal der „edlen
Polen”, denen die größten Dichter der Zeit gefühlvolle Lieder sangen.
Es ist selbstverständlich, daß diesem unerwarteten Ausbruch polnischer
Besinnung gegenüber _Rußland_ nunmehr mit größter Strenge vorging.
Die Amnestie wurde denen, die sich im Aufstande besonders hervorgetan
hatten, nicht gewährt. Die Konstitution von 1815 wurde durch das
„Organische Statut” vom 26. Februar 1832 ersetzt. Die Selbständigkeit
Polens wurde natürlich aufgehoben, das Heer dem russischen einverleibt.
An Stelle des Reichstags trat ein vom Kaiser ernannter, zum Teil
aus Russen bestehender Staatsrat. Paskewitsch wurde Statthalter
mit dem Administrationsrat zur Seite. Presse und Schulwesen wurde
umgestaltet und streng überwacht. Die Universitäten zu Warschau und
Wilna verfielen der Aufhebung, desgleichen die „Gesellschaft der
Freunde der Wissenschaften”, die trotz ihrer rein wissenschaftlichen
Ziele am Aufstand nicht unbeteiligt geblieben war. Die unierten
griechischen Katholiken, die sich in Litauen und Kleinrußland wieder
als unzuverlässige Untertanen des Zaren erwiesen hatten, wurden
unterdrückt. 1839 zerriß die unierte Geistlichkeit die Union durch
einen förmlichen Akt und erklärte ihre Rückkehr zur orthodoxen
Kirche. Niemand konnte mehr studieren oder Offizier werden, der nicht
des Russischen mächtig war. 1840 wurde die Kenntnis des Russischen
Vorbedingung für die Übernahme jedes öffentlichen Amtes, und 1842
folgte die Beseitigung der eigenen polnischen Münze.
Einen Bruch der Wiener Kongreßakte vermag der objektive Beurteiler
entgegen der polnischen Auffassung hierin nicht zu erblicken.
Abgesehen davon, daß der Satz vom selbständigen Königreich und von
der Konstitution niemals in die Akte hineingekommen wäre, wenn nicht
Alexander selbst es gewünscht hätte, waren alle Verpflichtungen der
russischen Herrscher durch den polnischen Treubruch erloschen.
Von den Aufständischen waren viele nach Frankreich geflüchtet. Die
Emigranten teilten sich dort in zwei Gruppen, die „Demokratische
Gesellschaft” unter Lelewel und die Konservativen unter dem Fürsten
Adam Czartoryski, nach dessen Palast sie sich „_Hotel Lambert_”
benannten. Der Fürst wurde als der Repäsentant Polens betrachtet.
Er entfaltete eine unermüdliche Agitation in der Presse, bei den
Regierungen und Parlamenten, weil er, den Traditionen seiner Familie
entsprechend, durch fremde Hilfe etwas zu erreichen hoffte. Die
Demokraten hingegen bereiteten neue Erhebungen vor. Schon 1833
versuchte der Oberst Zaliwski mit seinen „Partisanen” durch Preußen
und Österreich in Polen einzudringen, um dort einen Aufstand zu
erregen. Das wahnsinnige Unternehmen scheiterte aber völlig und hatte
nur zur Folge, daß die drei Monarchen in Münchengrätz zusammenkamen,
die Heilige Allianz erneuerten und besonders Maßnahmen gegenüber den
polnischen Aufstandsversuchen vereinbarten.
Schon vor der Zusammenkunft hatte sich die Politik _Österreichs_ und
Preußens infolge des Aufstandes geändert. Nach Galizien wurde Erzherzog
Ferdinand von Este als Statthalter gesandt und Baron Krieg ihm als
Vizepräsident zur Seite gestellt, der nach Metternichschem System
seines Amtes waltete.
_Preußen_, das während der Unruhen seine Grenze durch eine starke
Armee unter Gneisenau geschützt hatte, erntete die Früchte seiner
bauernfreundlichen Politik: der polnische Bauer war nicht unter die
Waffen zu bringen. Im ganzen schlossen sich nur 2000 preußische
Untertanen, fast durchweg Edelleute, dem Aufstand an. Aber das
System der Nachsicht und der Zugeständnisse hatte auch in Preußen
einen Stoß erlitten. Radziwill legte 1830 sein Amt nieder und der
Statthalterposten wurde aufgehoben. Oberpräsident wurde Eduard
Heinrich von _Flottwell_, ein Ostpreuße, unter Schön ausgebildet.
Seine Amtsführung, die ¾ Jahre nach des dritten Friedrich Wilhelm Tode
ihr Ende erreichte, ist die glänzendste Zeit preußischer Verwaltung
in der Provinz Posen. Vieles, was er erstrebte und in staatsmännisch
bedeutenden Denkschriften niederlegte, hat er zwar bei der
Zentralstelle nicht durchgesetzt. Wir Heutige mühen uns in vielem noch,
seine Gedanken in die Tat umzusetzen. Aber auch was er zu Ende führen
durfte, bedeutete Erfolges genug. Im _Provinziallandtags-Abschied_ von
1832 sprach der König entschieden aus, daß er den Polen ein Vaterland
gegeben habe, in dem ihnen die Aufrechterhaltung ihrer Religion und
der Gebrauch ihrer Muttersprache _neben_ der deutschen zugesichert
sei. Mehr zu tun und ihnen einen Vorzug zu gewähren, sei nicht seine
Absicht gewesen und würde der Staatseinheit widersprechen. Der
Schriftwechsel sämtlicher Verwaltungsbehörden, auch der geistlichen und
landschaftlichen, hatte fortan deutsch zu erfolgen. 1834 wurde verfügt,
daß auch im Justizwesen polnische Schriftsätze nur noch mit deutscher
Übersetzung vorkommen durften. _Auf diese Weise war der Vorrang der
Staatssprache gesichert._
Die _Städteordnung_ von 1831 wurde nach und nach in 41 Städten der
Provinz eingeführt. Die _Landratswahl_ wurde den Kreisständen entzogen,
da die polnischen Landräte nicht nur liederlich verwaltet, sondern
auch den Aufstand unterstützt hatten. Ebenso hatten die Gutsbesitzer
von der ländlichen Ortspolizei nicht den erwarteten Gebrauch gemacht.
Infolgedessen wurde die Vogtverfassung aufgehoben und 1836 eine
Einteilung der Kreise in Distrikte vorgenommen, an deren Spitze ein
Distriktskommissar stand. Alle _Klöster_ wurden 1833 _säkularisiert_,
ihre Güter zu Schulzwecken verwendet. Den adligen _Mediatstädten_
brachte das gleiche Jahr Ablösung sämtlicher Abgaben und Lasten. Wie
sehr diese Städtepolitik in jenen Jahren dem Deutschtum zugute kam,
geht daraus hervor, daß 1840 alle Städte des Regierungsbezirks Posen
mit Ausnahme von zehn mehr deutsche Einwohner hatten als 1895. (Der
Rückschlag begann mit der Aufhebung des Einzugsgeldes und Einführung
der Gewerbefreiheit, Maßnahmen, die das polnische Landproletariat in
die Städte strömen ließen.) _Auf dem Lande_ wurde das Ablösungswerk
ebenfalls beschleunigt durchgeführt. Auch ein der späteren
Ansiedlungskommission ähnlicher Versuch wurde unternommen. Für eine
Million Taler polnische Besitzungen durfte Flottwell kaufen und an
Deutsche weiter begeben. 30 neue deutsche Rittergutsbesitzer wurden auf
diese Weise gewonnen. In dasselbe inhaltreiche Jahr 1833 fällt ferner
die _Judengesetzgebung_, die ihren Gemeinden Korporationsrechte und dem
einzelnen die Möglichkeit der Naturalisation gab, die Niederlassung in
anderen Städten und auf dem platten Lande gestattete. Dadurch ist die
heute im russischen Anteil so unheilvolle Judenfrage für die Provinz
Posen ohne Beschwerde gelöst worden.
Der Polenfreund _Friedrich Wilhelm_ IV. nötigte den hervorragenden
Oberpräsidenten, im Jahre 1841 um seine Versetzung zu bitten, indem
er durch Kabinettsorder befahl, daß künftig alle Zivilprozesse in
der Sprache des Klägers zu führen seien, also das ganze bisherige,
infolge des demonstrativen Fernbleibens der Polen vom Staatsdienst
überhaupt einzig mögliche System desavouierte. Schon vorher hatte er
den Erzbischof _Dunin_, den sein Vater wegen Widersetzlichkeit im
Mischehenstreite nach Kolberg geschickt hatte, zurückkehren lassen und
bei der Krönung in Königsberg in auffälliger Weise ausgezeichnet. Der
Dank war 1843 eine _Adresse des Provinziallandtages_, in der gesagt
wurde, _die Zumutung, daß die Polen sich als Preußen betrachten
sollten, sei eine Gefährdung der Versprechungen von 1815_. Des Königs
Wankelmut verhinderte die gebührende Antwort.
Ungestört breitete sich das Geheimbundwesen und die Agitation in
Posen aus. Anfang 1846 sollte zugleich in allen drei Anteilen ein
_neuer Aufstand_ ausbrechen, von Paris aus organisiert. Aber der zum
Führer erkorene Mierosławski wurde bei Gnesen gefangen genommen, ehe
er losschlagen konnte. Infolgedessen mißlang der ganze Aufstand, denn
die einzelnen Putsche wurden mit Leichtigkeit unterdrückt, auch in
Galizien. In Rußland fanden die Emissäre überhaupt kein Gehör.
Die einzige Folge war, daß die _Republik Krakau_, seit 1830 ein Herd
der Unruhe, aufgelöst und dem österreichischen Staate einverleibt wurde
(1846).
Des Königs Schwäche, die die Todesurteile gegen die Führer des
Aufstandsversuches unvollstreckt ließ, rächte sich bitter. Denn im
unruhigen Jahre 1848 erhielten Mierosławski und Genossen Amnestie. Sie
eilten nach Posen, wo sie den _Aufstand_ organisierten, obwohl der
König einer Deputation unter Führung des Erzbischofs Przyłuski das
Versprechen einer „_nationalen Reorganisation des Großherzogtums_”
gegeben hatte und allen noch so weitgehenden Forderungen entgegenkam.
Die preußischen Adler wurden heruntergerissen, die Kassen
beschlagnahmt, die Beamten verjagt, die Deutschen mißhandelt. Doch
aus dem Deutschtum der Provinz heraus erhob sich ein organisierter
Widerstand und der kommandierende General von Colomb hielt die Truppen
bereit. Da entsandte der König den General Willisen, der den Polen die
unglaublichsten Zugeständnisse machte: polnische Geschäftssprache,
polnische Beamte, eine Nationalarmee mit polnischen Kokarden und
selbstgewählten Offizieren. Mit Mierosławski schloß er die _Konvention
von Jarosławice_ ab, die dem Aufrührer gestattete, seine Bande in
vier Standquartieren unter den Waffen zu behalten. Das machte den
General so verachtet, daß die Kürassiere vor ihm ausspuckten und die
Deutschen in Posen ihm zu Leibe gehen wollten. Der Oberpräsident und
der kommandierende General bedeuteten ihm, daß er, der königliche
Bevollmächtigte, sofort die Provinz zu verlassen habe! An seiner Stelle
traf der General von Pfuel mit diktatorischer Vollmacht ein, der dem
Aufstand bald ein Ende machte. Mierosławski aber wurde zum zweiten Male
begnadigt!
Die Opposition der Deutschen gegen die „nationale Reorganisation des
Großherzogtums” hatte zur Folge, daß der König die Provinz _in eine
westliche und eine östliche Hälfte_ schied. Die westliche sollte in
den Deutschen Bund aufgenommen, die östliche „reorganisiert” werden.
Damit waren wieder die Polen nicht zufrieden. Sie entfalteten eine
lebhafte Gegenagitation, in der sogar erzbischöfliche Hirtenbriefe
helfen mußten. Der Bundestag folgte am 2. Mai 1848 dem preußischen
Antrage, das Reichsparlament in der Paulskirche am 27. Juni. Da
aber die Ziehung der Grenzlinie Schwierigkeiten machte, so ist
in die preußische Verfassung von 1848 die Teilungsabsicht nicht
hineingekommen. Und eine der ersten Taten des neuen preußischen
Bundestagesgesandten, _von Bismarck_, war es, daß er die
Einverleibung in den Deutschen Bund wieder rückgängig machte, nachdem
man sich in Berlin 1850 der Gefährlichkeit dieser Einverleibung und
derjenigen Ost- und Westpreußens für die Großmachtstellung Preußens
bewußt geworden war.
_Österreich_ hatte 1848 namentlich in Krakau und Lemberg mit dem
Aufstand zu kämpfen, mußte sogar beide Städte bombardieren, wurde aber
des Aufstandes ebenfalls Herr. Nur _Russisch-Polen_ war infolge der
Politik der starken Hand wieder ruhig geblieben. Dort fiel 1851 die
Zollgrenze gegen Rußland, für die neue polnische Industrie ein Schritt
von entscheidender Bedeutung, aber für den Selbständigkeitsstolz
bitter. Vergeblich hofften die Polen auf Napoleon III. und den Ausgang
des Krimkrieges, vergeblich auf die Thronbesteigung des als liberal
bekannten Alexander II. Der Pariser Friede erwähnte Polen nicht, und
als Alexander II. im Jahre 1856 zum erstenmal nach Warschau kam,
erklärte er, daß wohlgetan sei, was der Vater getan habe. Nur den
Kriegszustand hob er auf und schickte die Verbannten aus Sibirien
zurück. Immerhin entsandte er nach Paskewitschs Tode den milden Fürsten
Gortschakow als Statthalter nach Polen.
Doch selbst diese kleinen Zugeständnisse erwiesen sich als verfehlt.
Denn die geheimen Parteien wühlten nun um so eifriger weiter, in
steter Verbindung mit den gesamten revolutionären Organisationen
Europas. Sie begannen, von Gortschakow weniger befürchtend, die
Massen durch _Demonstrationen_ einzuexerzieren, wozu sie mit Vorliebe
Prozessionen, Begräbnisse und Gottesdienste benutzten. Am 25. Februar
1861, am Jahrestage der Schlacht von Grochow, kam es erstmalig zu
blutigen Konflikten. Und obwohl und vielleicht gerade weil der Zar
dem Lande im März eine eigene Unterrichts- und Justizkommission unter
dem angesehenen Markgrafen Alexander Wielopolski gewährte, wurde im
April eine Versammlung der Landwirtschaftsgesellschaft wieder zu
Demonstrationen vor dem Schlosse mißbraucht. Als die Truppen mit
Steinen beworfen wurden, gaben sie Feuer und töteten gegen 200 Mann.
Die gleichen Vorgänge wiederholten sich im Oktober, am Todestage
Kościuszkos, nur wurden diesmal gegen 1700 Personen eingesperrt. Nach
einer kurzen Diktatur des Generals Lüders schickte Alexander am 8.
Juni 1862 seinen Bruder _Konstantin_ als _Statthalter_, dem er den
Wielopolski als Präsidenten der Zivilverwaltung beigab, _zugleich dem
Königreich völlige Autonomie gewährend_.
Die Antwort auf diese edelmütige Tat waren _Mordversuche_, am 8.
Juli gegen den Großfürsten, am 7. und 15. August gegen Wielopolski.
Um sich von den unruhigen Elementen zu befreien, veranstaltete die
Regierung eine Aushebung, vornehmlich der „schlecht Notierten” am 15.
Januar 1863.
Das gab das Signal zum Ausbruch des _Januaraufstandes_
unter dem „Nationalen Zentralkomitee”, das sich als „provisorische
Nationalregierung” auftat und zu den Waffen rief. Langiewicz
wurde zum Diktator ernannt, konnte aber ebensowenig Erfolge
erzielen wie der unvermeidliche Mierosławski. Größere Ansammlungen
von Aufständischen verhinderte die Stärke der im Lande stehenden
Militärmacht, wenngleich im März bei Ponin, Kalisch und Warka die
Insurgenten Erfolge errangen. Diplomatische Noten Frankreichs,
Englands und -- Österreichs blieben wirkungslos, da _Bismarck_
sich energisch auf Rußlands Seite stellte und Gruppen an die
Grenze schickte, die die übertretenden Aufständischen abfingen.
Als an Stelle des Großfürsten Konstantin _Graf Berg_ Statthalter
geworden war und in Litauen _Murawiew_ mit gleicher Strenge
vorging, wurde der Brand bald vollends gedämpft. Der Bauernstand
hatte sich auch diesmal ferngehalten, da der Aufstand in die Zeit
der Bauernbefreiung fiel, die auch den litauischen und polnischen
Bauern den freien Besitz ihrer Anwesen brachte.