Von der Organisation der neuen Provinzen bis zum Wiener Kongreß.
Die Betrachtung der polnischen Schicksale nach der Auflösung des
Reiches gehört zwar im strengen Sinne des Wortes nicht mehr in eine
polnische Geschichte, sondern in die Geschichte der Teilungsmächte.
Aber da das polnische Problem noch heute alle Welt beschäftigt, so
erscheint es nützlich, wenn wir uns wenigstens in Kürze auch über die
Geschichte des polnischen Volkes im 19. Jahrhundert unterrichten.
Am einfachsten lagen in den neuerworbenen Landesteilen die Verhältnisse
für _Rußland_. Es hatte dort mit einer größtenteils Russisch, wenn
auch nicht Großrussisch sprechenden und griechisch-katholischen, wenn
auch zum Teil unierten Bevölkerung zu tun. Katharina bildete also neue
Gouvernements, ließ das litauische Statut als Rechtsquelle bestehen,
hielt alle drei Jahre zur Wahl der Richter und der den Verkehr der
Regierung mit den Landschaften vermittelnden Marschälle $sejmiki$ ab.
Gewaltsam griff sie nur gegen die Unierten ein, indem sie befahl, daß
alle, deren Väter 1595 zur Union übergetreten waren, zur Orthodoxie
zurückkehren müßten. Erst Paul gestattete die Neuorganisation der
unierten Kirche mit einem Erzbistum in Polozk und Bistümern in Łuck und
Brześć Litewski (1798).
_Österreich_ bildete 1772 ein besonderes Kronland unter dem Namen
Galizien und Ludomirien (nach den Städten Halicz und Wlodzimierz).
Den 1795 erworbenen Teil verleibte es unter dem Namen Westgalizien
ein. An die Spitze wurde ein Statthalter gestellt, das Land wurde in
Kreise und Distrikte mit Kreisämtern und Kreishauptleuten geteilt. 1782
wurde an Stelle des polnischen österreichisches Recht eingeführt. Die
das Josephinische Zeitalter auszeichnende Germanisierungstendenz des
straff zentralisierten österreichischen Staates wurde auch in Galizien
zur Anwendung gebracht, indem man die Richter- und Beamtenstellen
mit Deutschen besetzte. Die Gerichtssprache war anfangs lateinisch,
dann deutsch. Ebenso wurde in den verbesserten und vermehrten
Schulen die deutsche Unterrichtssprache eingeführt. In _Lemberg_
verwandelte Kaiser Joseph das Lyzeum in eine _Universität_ (1784),
die Kaiser Franz 1805 zugunsten Krakaus aufhob, die dann aber 1817
von neuem eröffnet wurde. 1775 gewährte Joseph auch eine ständische
Vertretung, 1804 Franz besondere Adelsgerichte, die $Fora nobilium$.
An der dem österreichischen Recht entsprechenden Gliederung in Adel,
Bürger und Bauern und an den bäuerlichen Verhältnissen wurde nichts
geändert, nur mußte der Grundherr zur Ausübung seiner Gerichtsbarkeit
einen besonderen Justitiarius oder Mandatarius unterhalten, der dem
Kreisamt unterstellt war. Von den 214 Klöstern hob Joseph 150 auf. Den
Protestanten und Orthodoxen wurde durch das _Toleranzedikt_ von 1781
in der ganzen Monarchie bürgerliche Gleichstellung mit den Katholiken
gewährt. Die _Kolonisation mit deutschen Bauern_ wurde in großem
Umfange aufgenommen. Viele Siedelungen haben sich bis heute deutsch
erhalten.
Die von _Preußen_ 1772 übernommenen Gebiete bildeten die Provinz
Westpreußen mit dem Departement Netzedistrikt. 1793 und 1795 wurde
die Provinz Südpreußen (Großpolen, kujawische und masowische
Landesteile bis zur Weichsel), Neuostpreußen (das Land nördlich der
Weichsel) und Neuschlesien hinzuerworben. Südpreußen zerfiel in die
Kammerdepartements Posen, Kalisch und Warschau.
Überall wurde die Verwaltungs- und Gerichtsorganisation „auf
preußischen Fuß gesetzt”, in des großen Königs Erwerbungen auch die
Kirchen- und Starostengüter, d. h. sie wurden gegen entsprechende
Entschädigung eingezogen und in Domänen verwandelt. In bezug auf das
materielle Recht hat Friedrich der Große gleich nach der Huldigung
mit dem die Gerichtsorganisation betreffenden Notifikationspatent
diejenigen preußischen Gesetze bezeichnet, die fortan gelten sollten,
vor allem das „verbesserte Landrecht des Königreichs Preußen” (d. h.
Ostpreußens) von 1721. Die 1799 erworbenen Landesteile aber mußten
ein Jahr auf diese Regelung warten. Erst vom 1. Januar 1794 trat das
„Allgemeine Landrecht” zunächst natürlich als subsidiäres Recht für
Südpreußen in Kraft und wurde 1795 auch auf den Rest ausgedehnt.
Die Gerichts- und Verwaltungssprache war deutsch, doch wurden den
Veröffentlichungen polnische Übersetzungen beigefügt und darauf
gesehen, daß die Beamten möglichst auch des Polnischen mächtig waren.
In Landwirtschaft und Forstwesen, in Schule und Kirche, in Bauernrecht
und Stadtverwaltung, in Wegewesen und Flußwirtschaft wurde gründlich
Ordnung geschaffen und für strenge Gerechtigkeit gesorgt. In der
Schonung der Privilegien des Adels ging man anfangs in Südpreußen
so weit, als es irgend mit den preußischen Grundsätzen vereinbar
war. Namentlich wurden dort die Kirchengüter nach schlesischem Fuße
behandelt, d. h. die Geistlichkeit blieb im Besitz der Güter und
brauchte nur 50 % des Ertrages an die Staatskasse abzuführen. Man
ging in der Rücksichtnahme so weit, daß man bei der Neubesetzung des
Gnesener Erzsitzes sogar einen Grafen von Hohenzollern gegenüber einem
Polen zurückstehen ließ. In der Gerichtsbarkeit freilich wurde auch
der Adel und die Kirche den übrigen Einwohnern gleichgestellt. Erst
nach der Beteiligung an dem Aufstand von 1795 wurde strenger verfahren,
namentlich die Einziehung von Starosteien und Kirchengütern und ihre
Umwandlung in Domänen betrieben.
Die Verhältnisse, die Friedrich der Große teils in Westpreußen,
besonders aber im Netzedistrikt, und der Nachfolger in den später
erworbenen Provinzen vorfand, waren trostlos. Bromberg, die
wichtigste Stadt, zählte nur noch 800 Einwohner. Weit schlimmer sah
es in den übrigen Städten aus, vom platten Lande gar nicht zu reden.
Der König, der das Land selbst bereiste, sorgte für die Urbarmachung
und Besiedelung des Netzebruches, schuf durch den Bromberger Kanal
und die Netzeregulierung eine Wasserstraße zwischen Oder und
Weichsel, die schon nach zwei Jahren befahrbar war. Er sorgte in der
ihm eigenen großzügigen Weise für Handel und Gewerbe und brachte
dadurch z. B. Bromberg in zehn Jahren auf 2562 Einwohner außer der
Garnison.
Waren bereits die Westpreußen und Kujawier nicht ungern unter
preußische Herrschaft gekommen, so brachten es die glänzenden
Erfolge, die diese Herrschaft unter dem großen König dort erzielte,
die Ruhe, Gerechtigkeit und Sicherheit, die dort eingezogen, dahin,
daß 1793 nicht nur die Städter, sondern auch ein beträchtlicher
Teil des Adels die Einverleibung in den preußischen Staat freudig
begrüßte. Denn in Großpolen sah es ja noch trüber aus als im
Netzedistrikt. Das platte Land glich nach des Ministers _von
Voß_ Berichten einer Wüstenei. Von den Städten waren namentlich
die adligen Mediatstädte kaum Dörfer zu nennen. Mielżyn hatte 37
Feuerstellen, Mietschisko 40, Jaratschewo, das ursprünglich 72
zählte, nur noch 31. In Grabow gab es kein einziges massives Haus
unter 106, in Pleschen unter 226. Eine Menge von Baustellen lag
verwüstet da. „Unter 245 hiesigen Städten verdienen kaum zehn
diesen Namen”, berichtete Voß. Außer der blühenden Tuchmacherei der
deutschen Städte gab es keine Industrie im Lande. Die Straßen, soweit
es überhaupt welche gab, waren fast nicht passierbar. Je weiter
nach Osten, desto trostloser war der wirtschaftliche Zustand. Es
erübrigt sich, auf die Lage der bei der dritten Teilung erworbenen
Gebiete näher einzugehen, da sie ja nicht lange bei der Krone Preußen
verblieben. Nur so viel sei hervorgehoben, daß Warschau überraschend
schnell einen preußischen Zuschnitt erhielt.
Wenngleich Friedrich Wilhelm II. seinem Oheim nicht zu vergleichen
war, so war der Unterschied zwischen den polnischen und den
preußischen Zuständen doch auch unter seiner Verwaltung fühlbar
genug. Waren bis 1793 im Netzedistrikt, meist noch von Friedrich,
6995 Hufen Landes, mit 6030 Feuerstellen und 43711 Seelen,
besiedelt worden, so werden die Ansetzungen in Südpreußen bis zum
Jahre 1806 immerhin noch auf 51439 Morgen Landes mit etwa 1100
Familien und 5500 Personen veranschlagt. Bei der Beurteilung der
südpreußischen Erfolge darf man übrigens nicht außer acht lassen,
daß das bereits bei der Besitzergreifung vorhandene, der Zahl nach
sehr starke Deutschtum ebenfalls gefördert und gesichert wurde,
eine Tatsache, die an Wichtigkeit den Neusiedelungen nicht
nachsteht. Die Erfolge in der Herstellung einer vernünftigen
staatlichen Ordnung im ersten Jahrzehnt des preußischen Besitzes
sind nicht zu unterschätzen, trotz der Schwierigkeiten der
allgemeinen Lage, trotz der Beunruhigung, die bis 1795 der
Kościuszkosche Aufstand und dann das Legionärwesen brachte. Sie
bildeten eine Grundlage, auf der 1815 weitergebaut werden konnte.
Die polnischen Patrioten hatten den Verlust der Unabhängigkeit nicht
sämtlich gleichmütig hingenommen, sondern suchten Hilfe bei den
Feinden der Teilungsmächte. Ein Teil begab sich nach der Türkei und
der Walachei, wo sie bewaffnete Scharen organisierten, die Mehrzahl
aber nach Frankreich, das ja die Menschenrechte auf seine Fahne
geschrieben hatte. Unter Frankreichs Schutz hoffte man ein Heer bilden
zu können, das die Selbständigkeit wiedergewann. Diesem Gedankengang
auf polnischer Seite kamen die Bedürfnisse des Directoire, kamen
vor allem auch die Pläne Bonapartes entgegen. Frankreich, das schon
ungeheure Blutsteuer gezahlt hatte, mußte jede Verstärkung seiner Heere
freudig begrüßen. So entstanden 1797 in der Lombardei und für sie die
_polnischen Legionen_ unter dem General Heinrich Dąbrowski, die bald
auf 6000 Mann anwuchsen. Damals wurde auch das Lied der Legionen,
das bekannte „Noch ist Polen nicht verloren” ($Jeszcze Polska nie
zginęła$) gedichtet. Dąbrowski hoffte, von Bonaparte die Erlaubnis
und die Möglichkeit zu erhalten, durch Österreich und Siebenbürgen
nach Galizien zu marschieren. Aber der Korse dachte gar nicht daran;
er brauchte die Polen in Italien. 2000 Mann, die von der Walachei
aus in Galizien eingefallen waren, wurden von den Österreichern
zurückgeschlagen.
Die Legionen, die sich in Italien bei vielen Gelegenheiten
auszeichneten, nahm Napoleon nach seiner Rückkehr aus Ägypten in
französische Dienste. Er stellte noch eine weitere Legion unter
Kniaziewicz auf und erhöhte die Gesamtstärke auf 15000 Mann. Aber
er führte sie nicht nach Galizien, sondern nach San Domingo, wo der
größte Teil dem Klima erlag (1803). Kniaziewicz hatte schon vorher
seinen Abschied genommen, Dąbrowski eine andere Stellung erhalten. Im
Kriege gegen Preußen und zum Schutze des Königreichs Westfalen, vor
allem aber im Spanischen Kriege hat sich Napoleon wiederum polnischer
Legionen bedient, die ihm blindlings Ergebenen als Kanonenfutter
benutzend. Saragossa und Samo-Sierra (1808) sind die Ruhmestage
dieser Legionen, die nicht zögerten, um den Preis der Befreiung
ihres Vaterlandes andere Nationen der Knechtschaft des Korsen zu
unterwerfen.
Aber noch von einer anderen Seite eröffnete sich Aussicht auf eine
Wiederherstellung Polens, nicht minder eigennützig genährt als seitens
Napoleons. 1801 war _Alexander_ I. Zar geworden. Ihn verband enge
Freundschaft mit dem Fürsten Adam Czartoryski, den er zum Minister
der auswärtigen Angelegenheiten und zum Kurator der Schulen in den
ehemals polnischen Landen ernannte. Seinem Charakter und seiner
Geistesrichtung entsprach es durchaus, daß er dem Fürsten Hoffnung
auf die Wiederherstellung Polens in der Form einer Personalunion mit
Rußland machte. Der Fürst schmiedete eifrig Pläne, die aber Alexander,
anderen Sinnes geworden, vereitelte, indem er mit Preußen das Bündnis
von 1805 schloß. Doch hat er den Gedanken wieder aufgenommen, sooft es
ihm in seine Politik paßte.
Aber gerade dieses preußisch-russische Bündnis brachte wenigstens einem
Teil der polnischen Wünsche die Erfüllung, denn Napoleon brauchte
eine Operationsbasis gegen Rußland. Nach dem Zusammenbruch von Jena
und Auerstädt besetzte er daher Südpreußen, richtete dort eine
polnische Verwaltung unter dem Vorsitz des Marschalls des vierjährigen
Reichstags, Małachowski, ein und forderte vor allem Soldaten und
Kriegsmaterial. Natürlich fielen Adel und Geistlichkeit ihm sofort zu,
außer im Netzedistrikt. Die preußischen Beamten wurden mißhandelt und
aus dem Lande gejagt; die Bürgermeister von Obersitzko und Gollantsch
büßten ihre Treue mit dem Tode. Der Bauer und der Bürger freilich sahen
der wiederkehrenden Adelsherrschaft mit Bangen entgegen.
Im Tilsiter Frieden mußte Preußen alle Erwerbungen aus den Teilungen,
mit Ausnahme Westpreußens, an Napoleon abtreten. Danzig wurde eine
Republik, das Białystoker Gebiet russischer Besitz. Aus den übrigen
Landschaften, einschließlich Thorns, wurde das _Großherzogtum Warschau_
(den Namen Polen vermied Napoleon auf Alexanders Wunsch stets sehr
sorgfältig) mit Warschau als Hauptstadt gebildet und dem neugebackenen
König von Sachsen zu Erb und eigen übergeben.
Die sächsische Erbmonarchie entsprach durchaus den Bestimmungen der
Konstitution vom 3. Mai und wurde freudig begrüßt. Die ersehnte
Einführung dieser Konstitution blieb freilich aus. Vielmehr gab
Napoleon in Dresden dem Großherzogtum eine Verfassung, die den
übrigen von ihm verliehenen entsprach. Sie betonte sehr stark die
monarchische Macht und beschränkte die Rechte des Reichstages
gewaltig zugunsten der straff zentralistischen Regierung. Auch wurde
nicht das alte polnische Recht wieder eingeführt, sondern der für
die polnischen Verhältnisse wenig geeignete $Code Napoléon$. Die
Bauern erhielten die Freiheit und die Freizügigkeit, allerdings
ohne Anspruch auf den Acker, den sie bisher bestellt hatten, eine
Freiheit, die ihnen nur wenig nützte. Die bisherigen Einkünfte
Preußens aus dem Lande nahm Napoleon für sich in Anspruch. Er
berechnete sie auf 43 Millionen Frank und trat sie 1808 in der
Konvention von Bayonne gegen Zahlung von 20 Millionen an das
Großherzogtum ab. Die Blutsteuer vermochte das Land zu zahlen, die
Geldsteuer aber hat es niemals völlig erlegt.
Als 1809 Österreich nochmals den Waffengang wagte, schickte es
eine Armee unter dem Erzherzog _Ferdinand von Este_ wider das neue
Großherzogtum, um sich den Rücken freizuhalten. Ferdinand nahm
_Warschau_, wurde aber durch den Einfall der polnischen
Truppen unter dem Fürsten _Joseph Poniatowski in Galizien_, das
jener für die Franzosen besetzte, an weiterem Vordringen gehindert
und genötigt, in Galizien zu operieren. Der Schönbrunner Friede
brachte dem Großherzogtum zwar nicht die ersehnte Angliederung
ganz Galiziens, aber wenigstens den Westen, nördlich der Weichsel
bis zur Einmündung des San, mit Krakau, sowie den Kreis Zamość,
zusammen 53000 $qkm$ mit 1½ Millionen Einwohnern, so daß das
Land nunmehr 157000 $qkm$ mit 3½ Millionen Seelen umfaßte. Doch
der Imperator ließ sich dafür auch bezahlen: den früheren
Abtretungen von Staatsländereien des Großherzogtums zur Verteilung
an Napoleonische Generale folgten weitere, im Werte von 10
Millionen.
Nach dem Österreichischen Kriege spitzten sich die Beziehungen
zwischen Napoleon und Alexander teils wegen der Kontinentalsperre
teils wegen Polens, der Napoleonischen Festung vor Rußlands
Toren, so zu, daß der Krieg unvermeidlich wurde. Wieder wurden
die Polen für die korsischen Pläne mobil gemacht, indem ihnen die
Wiedererrichtung des Königreiches in seinem alten Umfang als möglich
in Aussicht gestellt wurde. Napoleon forderte von den Polen, daß sie
aus eigener Kraft ihre Freiheit wiedererkämpften und Frankreich nur
als hilfebringende Macht betrachteten. Dementsprechend brachte das
Großherzogtum im Jahre 1812 unter ungeheuren Anstrengungen 75000 Mann
und 23000 Pferde auf, von denen etwa 60000 Mann mit Poniatowski sich
der Großen Armee anschlossen.
Während diese Truppen dem Tode entgegengingen, herrschte zu Hause
patriotische Begeisterung. Es wurde ein außerordentlicher Reichstag
einberufen, der sich nach alter Sitte unter dem Marschall Adam
Czartoryski in eine Generalkonföderation, der auch der König-Großherzog
beitrat, umwandelte. Napoleon ließ alles geschehen, auch die Erneuerung
der Union in dem inzwischen von ihm besetzten Wilna. Nur gegen die
Aufnahme Galiziens in die Konföderation verwahrte er sich aus Rücksicht
auf Österreich. Um so furchtbarer war das Erwachen, als die Trümmer
der großen Armee zurückkehrten, die Kosaken auf dem Fuße folgend.
Schnell besetzten die Russen das ganze Land bis auf die festen Plätze.
Warschau wurde ihnen von den Österreichern übergeben. Poniatowski und
die Regierung flüchteten nach Petrikau, von dort nach Czenstochau,
schließlich nach Krakau. Die Regierung knüpfte 1813 auf Czartoryskis
Betreiben Verhandlungen mit Alexander an, Poniatowski aber, dessen
Streitkräfte wieder auf 16000 Mann angewachsen waren, begab sich
zu Napoleon, weil, wie er sagte, „die Ehre keinerlei Transaktionen
verträgt”. In der Völkerschlacht von Leipzig wurde er zum Marschall von
Frankreich ernannt, fand aber in den Fluten der Elster sein Ende.
Der _Wiener Kongreß_ löschte das Großherzogtum Warschau wieder von der
Landkarte und wies bei der _vierten Teilung Polens_ den drei Mächten
diejenigen Gebiete zu, die sie heute noch innehaben. Nur _Krakau_
mit der nächsten Umgebung blieb vorläufig als _Republik_ unter dem
Schutze der Nachbarn bestehen. Die Monarchen versprachen, _in Gemäßheit
ihrer Staatsformen_ den an sie fallenden ehemals polnischen Gebieten
diejenigen Institutionen zu verleihen, die jede der beteiligten
Regierungen zu gewähren _für angemessen erachten_ würde. _Die Gewährung
nationaler Selbständigkeit_ hingegen, wie von nationalistischer Seite
immer wieder behauptet wird, _ist weder von den Kongreßteilnehmern
den Teilungsmächten abverlangt, noch von diesen zugesagt worden_. Sie
behielten sich vielmehr völlige Freiheit ihrer Entschlüsse vor, wie es
ja einem _im Kriege mit Waffengewalt eroberten Lande_ gegenüber ganz
selbstverständlich war. Nur für das Großherzogtum Warschau, soweit
es an Rußland fiel, und _in dem Umfange, den der Zar festzusetzen
belieben würde_, bestimmten die Kongreßakten, daß es eine besondere
Verwaltung erhalten solle und daß es durch seine Konstitution (die
also zu gewähren war) unwiderruflich mit Rußland verbunden werde.
Die Weichselschiffahrt und der Handel zwischen den einzelnen Teilen
sollte frei bleiben. Der russische Anteil erhielt den Titel eines
Königreiches, der preußische den eines Großherzogtums.