22. Kapitel.

Die Politik der friedlichen Erneuerung.

Seitdem haben die Polen auch in Rußland ihr Glück nicht mehr

in Aufständen versucht. Sie haben eingesehen, daß gegenüber so

militärgewaltigen Staaten, wie die drei Teilungsmächte es sind, mit

bewaffneter Hand Erfolge nicht erreicht werden können. Sie haben

seit 1870/71 auch die Hoffnung auf eine französische Intervention

zu ihren Gunsten verloren und den Wert englischer Sympathien

beurteilen gelernt. Sie haben endlich erkannt, daß _bei der bisherigen

sozialen Struktur des polnischen Volkes und bei der nationale Ideen

ausschließenden Unkultur der breiten Massen Fortschritte überhaupt

nicht möglich seien_. Infolgedessen hat sich die Taktik geändert.

Friedrich Wilhelms IV. Freund, Graf Eduard Raczyński, hat vielleicht

als erster diese Schwenkung ausgedrückt, indem er sagte: „_Werden

wir besser, gebildeter und wohlhabender als die Deutschen, dann sind

wir die Herren in Posen._” Diese friedliche Erneuerung, am frühesten

in Posen in die Tat umgesetzt, beherrscht seit Beendigung der

Aufstandszeit die polnische Politik auch in den anderen Anteilen. Im

Hintergrunde freilich steht, muß logischerweise nach wie vor stehen

der Gedanke an die Wiedervereinigung und Unabhängigkeit, die nur unter

Beteiligung des ganzen Volkes und nur dann erreicht werden kann, wenn

Preußen und Rußland gemeinsam in einen Krieg verwickelt werden, in

dem sie unterliegen, oder wenn sie sich gegenseitig aufreiben. Die

ungünstige Grenzführung, die einerseits die deutschen Ostseestädte

ihres natürlichen Hinterlandes beraubt, anderseits einem großen, vom

schiffbaren Weichselstrom durchflossenen Gebiete Rußlands den Zugang

zur See verwehrt, und die ferner für beide Teile lästig und gefährlich

ist, läßt ja die Möglichkeit eines blutigen Zusammenstoßes nicht

ausgeschlossen erscheinen. _Österreich_ dagegen wird schon heute nicht

mehr zu den „Erbfeinden” gerechnet.

In _Österreich_ nämlich, wo bis gegen 1860 die Politik der Strenge

herrschend blieb, trat nach Verleihung der Konstitution von 1860

und namentlich nach dem Kriege von 1866 ein Umschwung ein. Aus dem

Deutschen Bund herausgedrängt, mußte es seine deutsche Politik

aufgeben, da in der Zusammensetzung des Reichsrates nach und nach

die deutsche Majorität verschwand. Die polnische Fraktion des

Reichsrates, der Polenklub, hat sich diesen Umstand in geschickter

Weise zunutze gemacht. Er bildet das Zünglein an der Wage, indem er

je nach Bedarf mit den Slawen oder mit den Deutschen geht, so daß die

Regierung auf ein Einvernehmen mit ihm angewiesen ist. Die weitgehende

Selbstverwaltung, die den einzelnen Kronländern gewährt wurde, ist

in Galizien zu einer vollständigen Polonisierung der Schulen, der

Verwaltung und der Gerichte benutzt worden. Heute sind die Beamten

durchweg Polen. Deutsche Dienstsprache haben nur die Post und die

Armee. Abseits von der Masse der zisleithanischen Lande gelegen, von

Ungarn durch die Karpathen getrennt, ist diese Entwicklung Galiziens zu

einer einzig der Souveränität entbehrenden Autonomie auch geographisch

verständlich. Charakteristisch ist, daß gerade in diesem Lande, wo die

Polen Gelegenheit haben, ihre Begriffe von Freiheit und Menschenrechten

in die Tat umzusetzen, 200000 Deutsche mundtot gemacht sind, _über

drei Millionen_ (nach polnischer Zählung!) _Ruthenen aber_, 42,20 %

der Bevölkerung, _in einer Weise national unterdrückt werden, die den

schlimmsten russischen Methoden nichts nachgibt_.

_Rußland_ vergalt, da des wohlwollenden und liberalen Zarbefreiers

Entgegenkommen sich als verkehrt erwiesen hatte, den Aufstand von

1863 mit einer scharfen Reaktion. 1865 wurden die _Kirchengüter_ in

staatliche Verwaltung genommen, die Geistlichen auf Staatsbesoldung

gesetzt, Polen der _Erwerb von Gütern_ außer durch Erbschaft in

den neuen westrussischen Gouvernements verboten. Die _oberste

Verwaltung_ wurde 1864/66 als Kommission des russischen Reichsrates

nach Petersburg verlegt, dem Klerus, auch den Bischöfen, 1867, jeder

direkte _Verkehr mit dem Papste_ untersagt, das Russische 1869 als

alleinige _Unterrichtssprache_ in allen Schulen eingeführt. Im selbigen

Jahre folgte auch die Unterstellung des _Finanzwesens_ unter das

russische Finanzministerium, im nächsten die _Umwandlung von 300_ (von

etwa 450) _Städten_ in Dörfer, 1876 die _Einführung der russischen

Gerichte_, doch ohne die Geschworenengerichte. Die brutale Schärfe

des Generalgouverneurs _Gurko_ (1883-1894) führte 1884 zu einer

_Verschwörung_, der viele andere, auch gegen das Leben des Kaisers

Alexander III. folgten.

Eine Milderung des Systems erfolgte erst wieder unter dem Kaiser

Nikolaus II., doch hat die führende Rolle, die die Polen in den Unruhen

der letzten Jahre spielen, bewiesen, daß nur durch eine Politik der

eisernen Faust Ruhe und Ordnung im Lande wirksamer aufrechtzuerhalten

wären. In Litauen, Rot- und Kleinrußland haben die Polen aufgehört,

der führende Stand zu sein. Die _wirtschaftliche Entwicklung_ des

russischen Anteils hat, allerdings größtenteils durch deutsche,

französische und jüdische Intelligenz und mit Hilfe ausländischen

Kapitals reißende Fortschritte gemacht, so daß in ganz Rußland nur noch

der Moskauer Industriebezirk mit dem polnischen an Bedeutung wetteifern

kann. Damit hat allerdings auch ein großer Teil der breiten Masse den

Übergang von der Nationaldemokratie zur Sozialdemokratie vollzogen,

der die nationalen Führer mit Besorgnis erfüllt. Fortschritte gemacht

hat auch die _kulturelle Entwicklung_, so daß, von Finnland und den

Ostseeprovinzen abgesehen, kein Teil des russischen Reiches auf

gleicher Höhe steht. Hierauf, namentlich auf die Entwicklung des

polnischen Schrifttums im 19. Jahrhundert in allen drei Anteilen

einzugehen, ist hier nicht der Ort. Gerade die Entwicklung ihres

Schrifttums erfüllt die Polen mit berechtigtem Stolz. Den Abstand

freilich, der noch immer zwischen Posen und Russisch-Polen besteht,

vermag nur der zu ermessen, der die Verhältnisse aus eigener Anschauung

kennt.

Übrigens bilden die mehr als vier Millionen _Juden_, die in dem

Gebiete des ehemaligen polnischen Reiches zusammengedrängt sind

und in den Städten bis zu 84 % der Bevölkerung ausmachen, ein

nicht zu unterschätzendes retardierendes Moment, nicht nur für die

polnisch-nationale Entwicklung, da sie sich den sieben Millionen Polen

nicht assimilieren, sondern auch für den wirtschaftlichen Fortschritt,

da ihre Zahl für die ihnen gebotenen Erwerbsmöglichkeiten zu groß ist.

In jeder Beziehung am höchsten, auch höher als die galizische, steht

die polnische Bevölkerung in _Preußen_. Daß dem so ist, ist ein

Ruhmestitel für das Deutschtum im allgemeinen, für den preußischen

Staat im besonderen. Denn nur die Erziehung (im weitesten Sinne des

Wortes), die wir ihnen gegeben haben, hat die preußischen Untertanen

polnischer Zunge vorbildlich für die Polen der anderen Anteile gemacht.

Leider ist es aber auch uns nicht gelungen, sie zu treuen und loyalen

Staatsbürgern heranzubilden. Nicht zum wenigsten Schuld daran trägt

die schwankende Regierungspolitik, die die Polen in ihren nationalen

Aspirationen bestärkte und in den Versuchen zu ihrer Durchsetzung

kühner machte. (Was im folgenden namentlich im Hinblick auf Posen

gesagt wird, gilt größtenteils auch für die polonisierten Teile

Westpreußens.)

Wenngleich Friedrich Wilhelm den 1948er Bundestagsbeschluß wieder

aufheben ließ, so hatte er doch aus dem Aufstand nicht das

mindeste gelernt. Die _Schule_ wurde dem polnischen Klerus völlig

ausgeliefert, der sich ihrer nicht nur zur national-polnischen

Erziehung der Kinder polnischer Muttersprache, sondern auch zur

Verpolung deutscher Kinder katholischen Glaubens bediente. So

sind z. B. die „_Bamberger_” der Posener Kämmereidörfer, die vom

Anfang des 18. Jahrhunderts bis 1850 ihr Deutschtum entschieden

bewahrt hatten, unter den Augen, sogar unter Beihilfe der

Regierung durch die Schulen verpolt worden, so daß sie heute

außer dem Namen und der Tracht nichts mehr von ihrem Volkstum

bewahrt haben. Die systematische Gleichsetzung der Begriffe

_Polnisch_ und _Katholisch_, mit der dem ungebildeten Volke

gegenüber um so erfolgreicher operiert werden kann, als

nicht nur die Agitatoren, sondern auch der Klerus bis zum

Erzbischof hinauf sie benutzt, hat nicht wenig zur Verpolung der

katholischen Deutschen in allen Teilen der Provinz beigetragen.

Gleichzeitig hat diese Begriffsverwirrung aber auch dafür

gesorgt, daß heute der Pole der niederen Stände in jedem

Deutschen den Feind seines Glaubens sieht. Die Geistlichkeit ist

so weit gegangen, das Gebet in deutscher Sprache für sündhaft zu

erklären. Nur auf dieser Grundlage ist der durch eine maßlose

Agitation erregte Schulkinderstreik gegen den deutschen

Religionsunterricht im Jahre 1906 psychologisch möglich geworden.

Die bedrohten deutschen Katholiken haben sich erst um die

Jahrhundertwende zu den _Vereinen deutscher Katholiken_ in der

Provinz Posen zusammengeschlossen, die, obwohl kirchlich durchaus

einwandfrei, vom polnischen Klerus bis zum Erzbischof hinauf

eifrig bekämpft werden.

In die Zeit Friedrich Wilhelms IV. fällt auch die Begründung

(1841) und der Ausbau des „Vereins zur Unterstützung der

lernenden Jugend im Großherzogtum Posen”, nach seinem Gründer

später _Marcinkowski-Verein_ genannt. Unter national indifferenter

Maske hat er sich die Heranbildung eines polnischen Mittelstandes

zum Ziel gesetzt, indem er begabten jungen Leuten das Studium,

anderen die gewerbliche Existenz ermöglicht. Zunächst von der

Regierung blindlings und mit Eifer unterstützt, später zu stark

geworden, um ohne diese Unterstützung einzugehen, hat er sein Ziel

tatsächlich erreicht. _Der polnische Mittelstand_, der zu

Flottwells Zeiten überhaupt noch nicht vorhanden war, _ist heute

so zahlreich und wohlhabend geworden, daß er dem Adel die Führung

in der nationalen Bewegung entrissen hat._

_Bismarck_ war im ersten Jahrzehnt seines Ministeriums so mit Fragen

der auswärtigen Politik beschäftigt, daß er sich der Polenfrage

nicht widmen konnte. Erst nachdem er das neue Kaisertum aufgerichtet

hatte, wandte er sich innerpolitischen Problemen zu, zunächst dem

polnischen. Der berühmte Brief vom 7. Februar 1872 an den Minister des

Innern, Grafen Eulenburg, in dem er praktische Beweise eines Vorgehens

„_gegen die seit zehn Jahren prosperierende polnische Unterwühlung

der Fundamente des preußischen Staates_” verlangt, leitet die neue

Ära ein. Die Einführung der staatlichen an Stelle der geistlichen

_Schulaufsicht_ beseitigte 1872 den Mißbrauch, der bisher mit der

Schule betrieben worden war. In den höheren Lehranstalten wurde

als Gegenmaßregel gegen die Agitation des Klerus im selben Jahre

der _Religionsunterricht_ in deutscher Sprache eingeführt, für die

_Volksschulen_ ein Jahr später die deutsche Sprache in allen Fächern,

im Religionsunterricht aber nur in der Mittel- und Oberstufe und _nur

so weit, als die Kinder genügend des Deutschen mächtig seien_. 1886

wurde für Westpreußen, Posen und Oberschlesien die _Besetzung der

Lehrstellen_ zu einem ausschließlichen Recht des Staates erklärt, da

es sich herausgestellt hatte, daß als Lehrer polnischen Patronats

nur Nationalpolen berufen wurden. 1887 kam auch der _polnische

Sprachunterricht_ in Wegfall. Der Erzbischof _Ledochowski_ war, weil er

die nationalen Bestrebungen begünstigte, schon 1874 abgesetzt worden.

Er entsagte aber erst 1885, und sein Nachfolger wurde zum erstenmal ein

Deutscher, _Dinder_. Die massenhaft einwandernden _russischen Polen_,

die das nationale Zahlenverhältnis stark zuungunsten der Deutschen

verschoben hatten, wurden in diesem Jahre ausgewiesen.

Vielleicht keine Maßregel aber war so einschneidend wie die

Wiederaufnahme der Friderizianischen und Flottwellschen

Kolonisationspolitik durch das Gesetz vom 26. April 1886

betr. die _Beförderung deutscher Ansiedelungen_ in Westpreußen und

Posen. Denn die _Verdeutschung der Schulen ist eine zweischneidige

Waffe_, da sie die Intelligenz der polnischen Masse ungemein hebt

und die Polen, weil beide Landessprachen beherrschend, im

zweisprachigen Sprachgebiet wirtschaftlich überlegen macht.

Das Ansiedelungsgesetz aber, durch das der Staatsregierung

100 Millionen Mark zur Ansiedelung deutscher Bauern und

Landarbeiter bewilligt wurden, sichert und vermehrt den deutschen

Besitzstand, da die Ansetzungsbedingungen den Verkauf an Polen

unmöglich machen. Bis Ende 1906 hat die Ansiedelungskommission,

deren erfolgreicher Organisator von _Wittenburg_ war und deren

Fonds 1898 auf 200, 1902 auf 350 Millionen erhöht wurde,

325992 $ha$ Landes angekauft und 12415 Familien mit rund 81000

Seelen angesetzt, auch für Schulen, Kirchen, Bethäuser, Allmende,

Gemeindeeinrichtungen in mustergültiger Weise gesorgt. Die

Ansiedelungsdörfer bilden einen Schmuck des Landes. Sie mehren den

Wohlstand der Provinzen, stärken indirekt das Deutschtum der

Städte, und wenngleich die Polen durch Gründung von Landbanken und

Parzellierungsgenossenschaften eine Gegenwehr einleiteten, so

tragen sie, zwar langsam, aber sicher zur Verdeutschung des Landes

bei.

Diese Eindeutschung aber ist im Interesse der Ruhe und Sicherheit

des Staates notwendig, wie sich von neuem herausstellte, als trotz

der Erfahrungen unter Friedrich Wilhelm IV. Kaiser Wilhelm II. nach

Bismarcks Entlassung es wieder mit einer Versöhnungspolitik versuchte.

Nach Dinders Tode wurde 1892 der bisherige Abgeordnete und Sprecher der

polnischen Fraktion, Florian von _Stablewski_ († 1906), Erzbischof,

derselbe Mann, der als Jüngling an der Spitze der revolutionären

Schülerverbindungen der Provinz gestanden hatte und nur durch

Zufall der Bestrafung entgangen war. Der Unterrichtsminister Graf

Zedlitz erlaubte den Lehrern wieder, in den Schulräumen _polnischen

Privatunterricht_ zu erteilen. Sein Nachfolger Bosse fügte diesen

Unterricht sogar dem Stundenplan wieder ein. Der Abgeordnete von

Kościelski ging bei Hofe ein und aus. Mit Hilfe der Polenfraktion

wurden Militär- und Marinevorlagen durchgebracht. Es schien, als ob bei

der Stimmenverteilung im Reichstag die Polenfraktion dieselbe Stellung

erringen sollte, wie der Polenklub im österreichischen Reichsrat. _Der

polnische Mittelstand_ freilich hatte für die Feinheit dieser Politik

kein Verständnis. Die seit dem vierjährigen Reichstag uns bekannten

Gegensätze kamen zum Ausbruch, und 1893 siegte innerhalb der Fraktion

die scharf nationale demokratische Richtung über die sogenannte

„Hofpartei”. Auch die Deutschen der Provinz hatten kein Verständnis für

eine solche Politik. Nach einer Huldigungsfahrt zum Altreichskanzler

nach Varzin wurde 1894 der „_Deutsche Ostmarkenverein_”, nach den

Gründern (von Hansemann, Kennemann, von Tiedemann) von den Polen H. K.

T. Verein (daher Hakatisten) genannt, zur Zusammenfassung der Deutschen

und zur Schärfung des nationalen Gewissens der Regierung gegründet.

Die Polen, die schon lange in den „Sokoł”-(„Falke”-)Turnvereinen

eingestandenermaßen eine „nationale Miliz” organisieren, haben sich

durch die Erfolge des Ostmarkenvereins veranlaßt gesehen, 1905 durch

Gründung des _„Straż”-(„Wacht”-)Vereins_ die bisherige politische

Geheimorganisation durch die wirkungsvollere öffentliche Organisation

zu ersetzen. Auch hier sind wiederum die Geistlichen die lautesten

Rufer im Streit.

Auch der Kaiser erkannte die Undurchführbarkeit der

Versöhnungspolitik, und unter den Reichskanzlerschaften

der Fürsten _Hohenlohe_ und _Bülow_ wurden die sonderbaren

Errungenschaften der Ära Caprivi nach und nach wieder beseitigt.

Der Verlust an Vertrauen des ostmärkischen Deutschtums zur

Regierung ist allerdings nach den vielen Schwankungen nicht leicht

wieder einzubringen. Und ebensowenig ist so leicht wieder

gutzumachen, was die Polen infolge der Nachgiebigkeit der

Regierung gewonnen haben. Denn der seit Jahrzehnten straflos

gepredigte und durchgeführte _wirtschaftliche Boykott_ gegen die

Deutschen, die zahlreichen Vereine, die ausgedehnte Presse, die

Unterstützung des _polnischen Genossenschaftswesens_ durch die

billigen Gelder der preußischen Zentralgenossenschaftskasse, die

durch die staatliche Schulfürsorge ermöglichte gute Bildung, die

Zugehörigkeit zu einem blühenden Staatswesen haben aus dem

wirtschaftlich gänzlich daniederliegenden, zum größten Teil

in tierischer Stumpfheit dahinlebenden Volke, das Preußen

vor wenig mehr als 100 Jahren übernahm, ein wirtschaftlich

starkes, intelligentes Volk gemacht, in dem an Stelle des

früheren Hasses des gemeinen Mannes gegen den Adel eine

bewunderungswerte Einmütigkeit getreten ist. Dazu bringt

die polnische „Sachsengängerei” aus dem Westen, namentlich

aus Rheinland und Westfalen, viel deutsches Geld in die

Provinz, das ausschließlich den polnischen Parzellierungs- und

Kreditgenossenschaften zugute kommt.

Diese Entwicklung läßt sich natürlich nicht aufhalten, sondern

nur durch eine Gegenaktion unschädlich machen. Daher hat die

_Ära Bülow_ zur ländlichen Kolonisationsarbeit noch die

Förderung der Städte durch eine Gewerbeförderungspolitik

hinzugefügt, den sich bis 1903 Oberpräsident von _Bitter_ und

der Posener Oberbürgermeister _Witting_ mit Erfolg widmeten.

Unter dem jetzigen Oberpräsidenten von _Waldow_ sind dann auch

die Pläne in Fluß gekommen, die auf die Schaffung von der

Ansiedelungskommission entsprechenden Einrichtungen für die

Städte hinzielen. Wenn aber im Jahre 1831 die evangelische, also

überwiegend deutsche Bevölkerung der Provinz Posen 307763

Seelen, die katholische, also überwiegend polnische 674036

betrug, und wenn 1900 gegenüber 571776 Evangelischen 1280172

Katholiken gezählt wurden, wenn die Deutschen sich von 1849-1900

in der Provinz um 25,2%, die Polen aber um 51% vermehrten, so

daß auf 1000 Einwohner 1849 365 Deutsche und 635 Polen, 1900

aber 322 Deutsche und 678 Polen kamen, so sind das Zahlen, die

noch immer zu denken geben. Nur einmütige Zusammenarbeit aller

in Betracht kommenden Faktoren, nur unermüdliche Opferwilligkeit

und vor allem geduldiges Ausharren ohne Schwanken auf dem

betretenen Wege kann uns den Sieg sichern.

Polnische Geschichte · 第 28 / 31 题