Die Politik der friedlichen Erneuerung.
Seitdem haben die Polen auch in Rußland ihr Glück nicht mehr
in Aufständen versucht. Sie haben eingesehen, daß gegenüber so
militärgewaltigen Staaten, wie die drei Teilungsmächte es sind, mit
bewaffneter Hand Erfolge nicht erreicht werden können. Sie haben
seit 1870/71 auch die Hoffnung auf eine französische Intervention
zu ihren Gunsten verloren und den Wert englischer Sympathien
beurteilen gelernt. Sie haben endlich erkannt, daß _bei der bisherigen
sozialen Struktur des polnischen Volkes und bei der nationale Ideen
ausschließenden Unkultur der breiten Massen Fortschritte überhaupt
nicht möglich seien_. Infolgedessen hat sich die Taktik geändert.
Friedrich Wilhelms IV. Freund, Graf Eduard Raczyński, hat vielleicht
als erster diese Schwenkung ausgedrückt, indem er sagte: „_Werden
wir besser, gebildeter und wohlhabender als die Deutschen, dann sind
wir die Herren in Posen._” Diese friedliche Erneuerung, am frühesten
in Posen in die Tat umgesetzt, beherrscht seit Beendigung der
Aufstandszeit die polnische Politik auch in den anderen Anteilen. Im
Hintergrunde freilich steht, muß logischerweise nach wie vor stehen
der Gedanke an die Wiedervereinigung und Unabhängigkeit, die nur unter
Beteiligung des ganzen Volkes und nur dann erreicht werden kann, wenn
Preußen und Rußland gemeinsam in einen Krieg verwickelt werden, in
dem sie unterliegen, oder wenn sie sich gegenseitig aufreiben. Die
ungünstige Grenzführung, die einerseits die deutschen Ostseestädte
ihres natürlichen Hinterlandes beraubt, anderseits einem großen, vom
schiffbaren Weichselstrom durchflossenen Gebiete Rußlands den Zugang
zur See verwehrt, und die ferner für beide Teile lästig und gefährlich
ist, läßt ja die Möglichkeit eines blutigen Zusammenstoßes nicht
ausgeschlossen erscheinen. _Österreich_ dagegen wird schon heute nicht
mehr zu den „Erbfeinden” gerechnet.
In _Österreich_ nämlich, wo bis gegen 1860 die Politik der Strenge
herrschend blieb, trat nach Verleihung der Konstitution von 1860
und namentlich nach dem Kriege von 1866 ein Umschwung ein. Aus dem
Deutschen Bund herausgedrängt, mußte es seine deutsche Politik
aufgeben, da in der Zusammensetzung des Reichsrates nach und nach
die deutsche Majorität verschwand. Die polnische Fraktion des
Reichsrates, der Polenklub, hat sich diesen Umstand in geschickter
Weise zunutze gemacht. Er bildet das Zünglein an der Wage, indem er
je nach Bedarf mit den Slawen oder mit den Deutschen geht, so daß die
Regierung auf ein Einvernehmen mit ihm angewiesen ist. Die weitgehende
Selbstverwaltung, die den einzelnen Kronländern gewährt wurde, ist
in Galizien zu einer vollständigen Polonisierung der Schulen, der
Verwaltung und der Gerichte benutzt worden. Heute sind die Beamten
durchweg Polen. Deutsche Dienstsprache haben nur die Post und die
Armee. Abseits von der Masse der zisleithanischen Lande gelegen, von
Ungarn durch die Karpathen getrennt, ist diese Entwicklung Galiziens zu
einer einzig der Souveränität entbehrenden Autonomie auch geographisch
verständlich. Charakteristisch ist, daß gerade in diesem Lande, wo die
Polen Gelegenheit haben, ihre Begriffe von Freiheit und Menschenrechten
in die Tat umzusetzen, 200000 Deutsche mundtot gemacht sind, _über
drei Millionen_ (nach polnischer Zählung!) _Ruthenen aber_, 42,20 %
der Bevölkerung, _in einer Weise national unterdrückt werden, die den
schlimmsten russischen Methoden nichts nachgibt_.
_Rußland_ vergalt, da des wohlwollenden und liberalen Zarbefreiers
Entgegenkommen sich als verkehrt erwiesen hatte, den Aufstand von
1863 mit einer scharfen Reaktion. 1865 wurden die _Kirchengüter_ in
staatliche Verwaltung genommen, die Geistlichen auf Staatsbesoldung
gesetzt, Polen der _Erwerb von Gütern_ außer durch Erbschaft in
den neuen westrussischen Gouvernements verboten. Die _oberste
Verwaltung_ wurde 1864/66 als Kommission des russischen Reichsrates
nach Petersburg verlegt, dem Klerus, auch den Bischöfen, 1867, jeder
direkte _Verkehr mit dem Papste_ untersagt, das Russische 1869 als
alleinige _Unterrichtssprache_ in allen Schulen eingeführt. Im selbigen
Jahre folgte auch die Unterstellung des _Finanzwesens_ unter das
russische Finanzministerium, im nächsten die _Umwandlung von 300_ (von
etwa 450) _Städten_ in Dörfer, 1876 die _Einführung der russischen
Gerichte_, doch ohne die Geschworenengerichte. Die brutale Schärfe
des Generalgouverneurs _Gurko_ (1883-1894) führte 1884 zu einer
_Verschwörung_, der viele andere, auch gegen das Leben des Kaisers
Alexander III. folgten.
Eine Milderung des Systems erfolgte erst wieder unter dem Kaiser
Nikolaus II., doch hat die führende Rolle, die die Polen in den Unruhen
der letzten Jahre spielen, bewiesen, daß nur durch eine Politik der
eisernen Faust Ruhe und Ordnung im Lande wirksamer aufrechtzuerhalten
wären. In Litauen, Rot- und Kleinrußland haben die Polen aufgehört,
der führende Stand zu sein. Die _wirtschaftliche Entwicklung_ des
russischen Anteils hat, allerdings größtenteils durch deutsche,
französische und jüdische Intelligenz und mit Hilfe ausländischen
Kapitals reißende Fortschritte gemacht, so daß in ganz Rußland nur noch
der Moskauer Industriebezirk mit dem polnischen an Bedeutung wetteifern
kann. Damit hat allerdings auch ein großer Teil der breiten Masse den
Übergang von der Nationaldemokratie zur Sozialdemokratie vollzogen,
der die nationalen Führer mit Besorgnis erfüllt. Fortschritte gemacht
hat auch die _kulturelle Entwicklung_, so daß, von Finnland und den
Ostseeprovinzen abgesehen, kein Teil des russischen Reiches auf
gleicher Höhe steht. Hierauf, namentlich auf die Entwicklung des
polnischen Schrifttums im 19. Jahrhundert in allen drei Anteilen
einzugehen, ist hier nicht der Ort. Gerade die Entwicklung ihres
Schrifttums erfüllt die Polen mit berechtigtem Stolz. Den Abstand
freilich, der noch immer zwischen Posen und Russisch-Polen besteht,
vermag nur der zu ermessen, der die Verhältnisse aus eigener Anschauung
kennt.
Übrigens bilden die mehr als vier Millionen _Juden_, die in dem
Gebiete des ehemaligen polnischen Reiches zusammengedrängt sind
und in den Städten bis zu 84 % der Bevölkerung ausmachen, ein
nicht zu unterschätzendes retardierendes Moment, nicht nur für die
polnisch-nationale Entwicklung, da sie sich den sieben Millionen Polen
nicht assimilieren, sondern auch für den wirtschaftlichen Fortschritt,
da ihre Zahl für die ihnen gebotenen Erwerbsmöglichkeiten zu groß ist.
In jeder Beziehung am höchsten, auch höher als die galizische, steht
die polnische Bevölkerung in _Preußen_. Daß dem so ist, ist ein
Ruhmestitel für das Deutschtum im allgemeinen, für den preußischen
Staat im besonderen. Denn nur die Erziehung (im weitesten Sinne des
Wortes), die wir ihnen gegeben haben, hat die preußischen Untertanen
polnischer Zunge vorbildlich für die Polen der anderen Anteile gemacht.
Leider ist es aber auch uns nicht gelungen, sie zu treuen und loyalen
Staatsbürgern heranzubilden. Nicht zum wenigsten Schuld daran trägt
die schwankende Regierungspolitik, die die Polen in ihren nationalen
Aspirationen bestärkte und in den Versuchen zu ihrer Durchsetzung
kühner machte. (Was im folgenden namentlich im Hinblick auf Posen
gesagt wird, gilt größtenteils auch für die polonisierten Teile
Westpreußens.)
Wenngleich Friedrich Wilhelm den 1948er Bundestagsbeschluß wieder
aufheben ließ, so hatte er doch aus dem Aufstand nicht das
mindeste gelernt. Die _Schule_ wurde dem polnischen Klerus völlig
ausgeliefert, der sich ihrer nicht nur zur national-polnischen
Erziehung der Kinder polnischer Muttersprache, sondern auch zur
Verpolung deutscher Kinder katholischen Glaubens bediente. So
sind z. B. die „_Bamberger_” der Posener Kämmereidörfer, die vom
Anfang des 18. Jahrhunderts bis 1850 ihr Deutschtum entschieden
bewahrt hatten, unter den Augen, sogar unter Beihilfe der
Regierung durch die Schulen verpolt worden, so daß sie heute
außer dem Namen und der Tracht nichts mehr von ihrem Volkstum
bewahrt haben. Die systematische Gleichsetzung der Begriffe
_Polnisch_ und _Katholisch_, mit der dem ungebildeten Volke
gegenüber um so erfolgreicher operiert werden kann, als
nicht nur die Agitatoren, sondern auch der Klerus bis zum
Erzbischof hinauf sie benutzt, hat nicht wenig zur Verpolung der
katholischen Deutschen in allen Teilen der Provinz beigetragen.
Gleichzeitig hat diese Begriffsverwirrung aber auch dafür
gesorgt, daß heute der Pole der niederen Stände in jedem
Deutschen den Feind seines Glaubens sieht. Die Geistlichkeit ist
so weit gegangen, das Gebet in deutscher Sprache für sündhaft zu
erklären. Nur auf dieser Grundlage ist der durch eine maßlose
Agitation erregte Schulkinderstreik gegen den deutschen
Religionsunterricht im Jahre 1906 psychologisch möglich geworden.
Die bedrohten deutschen Katholiken haben sich erst um die
Jahrhundertwende zu den _Vereinen deutscher Katholiken_ in der
Provinz Posen zusammengeschlossen, die, obwohl kirchlich durchaus
einwandfrei, vom polnischen Klerus bis zum Erzbischof hinauf
eifrig bekämpft werden.
In die Zeit Friedrich Wilhelms IV. fällt auch die Begründung
(1841) und der Ausbau des „Vereins zur Unterstützung der
lernenden Jugend im Großherzogtum Posen”, nach seinem Gründer
später _Marcinkowski-Verein_ genannt. Unter national indifferenter
Maske hat er sich die Heranbildung eines polnischen Mittelstandes
zum Ziel gesetzt, indem er begabten jungen Leuten das Studium,
anderen die gewerbliche Existenz ermöglicht. Zunächst von der
Regierung blindlings und mit Eifer unterstützt, später zu stark
geworden, um ohne diese Unterstützung einzugehen, hat er sein Ziel
tatsächlich erreicht. _Der polnische Mittelstand_, der zu
Flottwells Zeiten überhaupt noch nicht vorhanden war, _ist heute
so zahlreich und wohlhabend geworden, daß er dem Adel die Führung
in der nationalen Bewegung entrissen hat._
_Bismarck_ war im ersten Jahrzehnt seines Ministeriums so mit Fragen
der auswärtigen Politik beschäftigt, daß er sich der Polenfrage
nicht widmen konnte. Erst nachdem er das neue Kaisertum aufgerichtet
hatte, wandte er sich innerpolitischen Problemen zu, zunächst dem
polnischen. Der berühmte Brief vom 7. Februar 1872 an den Minister des
Innern, Grafen Eulenburg, in dem er praktische Beweise eines Vorgehens
„_gegen die seit zehn Jahren prosperierende polnische Unterwühlung
der Fundamente des preußischen Staates_” verlangt, leitet die neue
Ära ein. Die Einführung der staatlichen an Stelle der geistlichen
_Schulaufsicht_ beseitigte 1872 den Mißbrauch, der bisher mit der
Schule betrieben worden war. In den höheren Lehranstalten wurde
als Gegenmaßregel gegen die Agitation des Klerus im selben Jahre
der _Religionsunterricht_ in deutscher Sprache eingeführt, für die
_Volksschulen_ ein Jahr später die deutsche Sprache in allen Fächern,
im Religionsunterricht aber nur in der Mittel- und Oberstufe und _nur
so weit, als die Kinder genügend des Deutschen mächtig seien_. 1886
wurde für Westpreußen, Posen und Oberschlesien die _Besetzung der
Lehrstellen_ zu einem ausschließlichen Recht des Staates erklärt, da
es sich herausgestellt hatte, daß als Lehrer polnischen Patronats
nur Nationalpolen berufen wurden. 1887 kam auch der _polnische
Sprachunterricht_ in Wegfall. Der Erzbischof _Ledochowski_ war, weil er
die nationalen Bestrebungen begünstigte, schon 1874 abgesetzt worden.
Er entsagte aber erst 1885, und sein Nachfolger wurde zum erstenmal ein
Deutscher, _Dinder_. Die massenhaft einwandernden _russischen Polen_,
die das nationale Zahlenverhältnis stark zuungunsten der Deutschen
verschoben hatten, wurden in diesem Jahre ausgewiesen.
Vielleicht keine Maßregel aber war so einschneidend wie die
Wiederaufnahme der Friderizianischen und Flottwellschen
Kolonisationspolitik durch das Gesetz vom 26. April 1886
betr. die _Beförderung deutscher Ansiedelungen_ in Westpreußen und
Posen. Denn die _Verdeutschung der Schulen ist eine zweischneidige
Waffe_, da sie die Intelligenz der polnischen Masse ungemein hebt
und die Polen, weil beide Landessprachen beherrschend, im
zweisprachigen Sprachgebiet wirtschaftlich überlegen macht.
Das Ansiedelungsgesetz aber, durch das der Staatsregierung
100 Millionen Mark zur Ansiedelung deutscher Bauern und
Landarbeiter bewilligt wurden, sichert und vermehrt den deutschen
Besitzstand, da die Ansetzungsbedingungen den Verkauf an Polen
unmöglich machen. Bis Ende 1906 hat die Ansiedelungskommission,
deren erfolgreicher Organisator von _Wittenburg_ war und deren
Fonds 1898 auf 200, 1902 auf 350 Millionen erhöht wurde,
325992 $ha$ Landes angekauft und 12415 Familien mit rund 81000
Seelen angesetzt, auch für Schulen, Kirchen, Bethäuser, Allmende,
Gemeindeeinrichtungen in mustergültiger Weise gesorgt. Die
Ansiedelungsdörfer bilden einen Schmuck des Landes. Sie mehren den
Wohlstand der Provinzen, stärken indirekt das Deutschtum der
Städte, und wenngleich die Polen durch Gründung von Landbanken und
Parzellierungsgenossenschaften eine Gegenwehr einleiteten, so
tragen sie, zwar langsam, aber sicher zur Verdeutschung des Landes
bei.
Diese Eindeutschung aber ist im Interesse der Ruhe und Sicherheit
des Staates notwendig, wie sich von neuem herausstellte, als trotz
der Erfahrungen unter Friedrich Wilhelm IV. Kaiser Wilhelm II. nach
Bismarcks Entlassung es wieder mit einer Versöhnungspolitik versuchte.
Nach Dinders Tode wurde 1892 der bisherige Abgeordnete und Sprecher der
polnischen Fraktion, Florian von _Stablewski_ († 1906), Erzbischof,
derselbe Mann, der als Jüngling an der Spitze der revolutionären
Schülerverbindungen der Provinz gestanden hatte und nur durch
Zufall der Bestrafung entgangen war. Der Unterrichtsminister Graf
Zedlitz erlaubte den Lehrern wieder, in den Schulräumen _polnischen
Privatunterricht_ zu erteilen. Sein Nachfolger Bosse fügte diesen
Unterricht sogar dem Stundenplan wieder ein. Der Abgeordnete von
Kościelski ging bei Hofe ein und aus. Mit Hilfe der Polenfraktion
wurden Militär- und Marinevorlagen durchgebracht. Es schien, als ob bei
der Stimmenverteilung im Reichstag die Polenfraktion dieselbe Stellung
erringen sollte, wie der Polenklub im österreichischen Reichsrat. _Der
polnische Mittelstand_ freilich hatte für die Feinheit dieser Politik
kein Verständnis. Die seit dem vierjährigen Reichstag uns bekannten
Gegensätze kamen zum Ausbruch, und 1893 siegte innerhalb der Fraktion
die scharf nationale demokratische Richtung über die sogenannte
„Hofpartei”. Auch die Deutschen der Provinz hatten kein Verständnis für
eine solche Politik. Nach einer Huldigungsfahrt zum Altreichskanzler
nach Varzin wurde 1894 der „_Deutsche Ostmarkenverein_”, nach den
Gründern (von Hansemann, Kennemann, von Tiedemann) von den Polen H. K.
T. Verein (daher Hakatisten) genannt, zur Zusammenfassung der Deutschen
und zur Schärfung des nationalen Gewissens der Regierung gegründet.
Die Polen, die schon lange in den „Sokoł”-(„Falke”-)Turnvereinen
eingestandenermaßen eine „nationale Miliz” organisieren, haben sich
durch die Erfolge des Ostmarkenvereins veranlaßt gesehen, 1905 durch
Gründung des _„Straż”-(„Wacht”-)Vereins_ die bisherige politische
Geheimorganisation durch die wirkungsvollere öffentliche Organisation
zu ersetzen. Auch hier sind wiederum die Geistlichen die lautesten
Rufer im Streit.
Auch der Kaiser erkannte die Undurchführbarkeit der
Versöhnungspolitik, und unter den Reichskanzlerschaften
der Fürsten _Hohenlohe_ und _Bülow_ wurden die sonderbaren
Errungenschaften der Ära Caprivi nach und nach wieder beseitigt.
Der Verlust an Vertrauen des ostmärkischen Deutschtums zur
Regierung ist allerdings nach den vielen Schwankungen nicht leicht
wieder einzubringen. Und ebensowenig ist so leicht wieder
gutzumachen, was die Polen infolge der Nachgiebigkeit der
Regierung gewonnen haben. Denn der seit Jahrzehnten straflos
gepredigte und durchgeführte _wirtschaftliche Boykott_ gegen die
Deutschen, die zahlreichen Vereine, die ausgedehnte Presse, die
Unterstützung des _polnischen Genossenschaftswesens_ durch die
billigen Gelder der preußischen Zentralgenossenschaftskasse, die
durch die staatliche Schulfürsorge ermöglichte gute Bildung, die
Zugehörigkeit zu einem blühenden Staatswesen haben aus dem
wirtschaftlich gänzlich daniederliegenden, zum größten Teil
in tierischer Stumpfheit dahinlebenden Volke, das Preußen
vor wenig mehr als 100 Jahren übernahm, ein wirtschaftlich
starkes, intelligentes Volk gemacht, in dem an Stelle des
früheren Hasses des gemeinen Mannes gegen den Adel eine
bewunderungswerte Einmütigkeit getreten ist. Dazu bringt
die polnische „Sachsengängerei” aus dem Westen, namentlich
aus Rheinland und Westfalen, viel deutsches Geld in die
Provinz, das ausschließlich den polnischen Parzellierungs- und
Kreditgenossenschaften zugute kommt.
Diese Entwicklung läßt sich natürlich nicht aufhalten, sondern
nur durch eine Gegenaktion unschädlich machen. Daher hat die
_Ära Bülow_ zur ländlichen Kolonisationsarbeit noch die
Förderung der Städte durch eine Gewerbeförderungspolitik
hinzugefügt, den sich bis 1903 Oberpräsident von _Bitter_ und
der Posener Oberbürgermeister _Witting_ mit Erfolg widmeten.
Unter dem jetzigen Oberpräsidenten von _Waldow_ sind dann auch
die Pläne in Fluß gekommen, die auf die Schaffung von der
Ansiedelungskommission entsprechenden Einrichtungen für die
Städte hinzielen. Wenn aber im Jahre 1831 die evangelische, also
überwiegend deutsche Bevölkerung der Provinz Posen 307763
Seelen, die katholische, also überwiegend polnische 674036
betrug, und wenn 1900 gegenüber 571776 Evangelischen 1280172
Katholiken gezählt wurden, wenn die Deutschen sich von 1849-1900
in der Provinz um 25,2%, die Polen aber um 51% vermehrten, so
daß auf 1000 Einwohner 1849 365 Deutsche und 635 Polen, 1900
aber 322 Deutsche und 678 Polen kamen, so sind das Zahlen, die
noch immer zu denken geben. Nur einmütige Zusammenarbeit aller
in Betracht kommenden Faktoren, nur unermüdliche Opferwilligkeit
und vor allem geduldiges Ausharren ohne Schwanken auf dem
betretenen Wege kann uns den Sieg sichern.