Die Teilungen.
Die weiteren Schicksale Polens wurden durch den Umstand beeinflußt,
daß Friedrich der Große nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges
Anschluß an Rußland suchte, um der Isolierung zu entgehen, in
die ihn die Unzuverlässigkeit seines bisherigen Bundesgenossen,
Englands, versetzt hatte. Rußland ergriff gern die Gelegenheit,
seine Bestrebungen nach einem Bündnis der nordischen Mächte
wenigstens zum Teil in die Tat umzusetzen und namentlich durch das
Zusammengehen mit Preußen jede Einmischung einer anderen Macht in
die polnischen Angelegenheiten ungefährlich zu machen. Am 11. April
1764 wurde der _russisch-preußische Defensivvertrag_ geschlossen, der
in geheimen Artikeln auch eine Verständigung über Polen enthielt.
Die Vertragschließenden verbanden sich zur Aufrechterhaltung des
freien Wahlrechts, zur Verhinderung der Einführung der Erblichkeit
der Königswürde, zur Durchführung der Gleichberechtigung der
Andersgläubigen, verständigten sich über Truppenbewegungen im Falle
einer Konföderation und über die Person des neuen Königs.
Dieser neue König sollte Stanisław August Ciołek Poniatowski sein.
Auf dem Konvokationsreichstag erschienen die Czartoryski mit einem
so starken Aufgebot von Haustruppen, daß angesichts ihrer und des in
Warschau stehenden russischen Heeres die Gegner Warschau unter Protest
verließen. So war die „Familie”, waren Rußland und Preußen Herren der
Situation. Der zur _Konföderation_ umgebildete Konvokationsreichstag
erkannte auch seitens Polens den Anspruch der russischen Herrscher
auf den Titel „Kaiser von ganz Rußland” an (was bisher ja nur seitens
Litauens geschehen war) und bestätigte Biron im Besitz Kurlands.
Dagegen lehnte er, entsprechend der Stimmung im Lande, die Garantierung
der Verfassung durch Rußland und die geforderte Gleichstellung der
Andersgläubigen ab und sah eine Reihe von Reformen vor, vor allem
unabhängige Verwaltungskommissionen für Finanz, Justiz, Kriegswesen
und Polizei mit ziemlich großem Wirkungskreise. Am 7. September 1764
erfolgte einstimmig die Wahl _Stanisław Augusts_ (1764-1795). Bis zum
10. November erkannten auch die Protestler den Gewählten als König an.
Diese letzte Krönung erfolgte nicht in Krakau, sondern in Warschau.
Für die Person des neuen Königs war den Nachbarn maßgebend gewesen,
daß er schwachen Charakters und nicht reich genug war, um ohne
finanzielle Unterstützung von auswärts königlich leben zu können, daß
durch seine Wahl die „Familie” noch enger an Rußland gefesselt und
Preußen von der sächsischen Umklammerung befreit wurde. Die „Familie”
ihrerseits, die sich anfangs mit dem Vorschlag, ihren Neffen zu
wählen, nicht befreunden wollte, hatte sich für ihn entschlossen in
derselben Hoffnung, ihn lenken zu können. Die selbständige Politik
der „Familie” enttäuschte Rußland, und die Selbständigkeit des
Königs, der sich eine eigene Partei bildete, enttäuschte bald genug
beide. Doch ist anzuerkennen, daß sowohl der König, der die Lage und
ihre Bedürfnisse sehr wohl erkannte, wie die „Familie” den guten
Willen besaßen, ihr Land zu retten und durch Kräftigung wieder zur
Selbständigkeit zu führen. Vor allem gingen sie nach Einsetzung
der Verwaltungskommissionen darauf aus, das „$Liberum veto$” zu
beschränken und womöglich ganz abzuschaffen. Auf dieser Grundlage
hofften sie dann weitere Reformen bewerkstelligen zu können. Wenn sie
dabei auf die Hilfe Rußlands rechneten, so hatten sie in der Tat eine
starke Partei unter Panins Führung für sich, die Reformen auf dem
Gebiet des Handels, der Polizei und der Justiz zulassen wollte, um an
Polen einen leistungsfähigen Bundesgenossen zu gewinnen.
Katharina aber wollte vor der Lösung der Dissidentenfrage und Abschluß
eines Bündnisses von Reformen nichts wissen. Insbesondere war sie
gegen Abschaffung des „$Liberum veto$”, weil nur so den ihr ergebenen
Andersgläubigen aus der geforderten Gleichstellung ein Einfluß auf den
Reichstag erwachsen konnte. Ihr Gesandter Repnin proklamierte daher im
Verein mit dem preußischen Gesandten Benoit während des Reichstages
von 1766 die _Unverletzbarkeit des „$Liberum veto$”_, als der König
die Einführung der Stimmenmehrheit zunächst in Finanzangelegenheiten
vorschlug. Der Reichstag beschloß auch einstimmig, daß alle
Staatssachen durch Stimmeneinhelligkeit entschieden werden sollten.
Da aber in der _Frage der Dissidenten_ ein Beschluß nicht zu erreichen
war, eine Angelegenheit, die Katharina im Gegensatz zu Friedrich
ganz persönlich nahm, so bildete Repnin 1767 eine _evangelische
Konföderation zu Thorn_, eine _griechische zu Słuck_ und gleichzeitig
aus der Opposition 24 katholische, deren Seele der Kronreferendarius
Gabriel Podoski war. Zum Generalmarschall wurde in _Radom_ der
Schwachkopf und Säufer _Karl Radziwill_, genannt „Herrchen liebes”
($Panie Kochanku$), der Liebling des armen Adels, gewählt. Unter
den Bajonetten der russischen Truppen erklärte sich die von Repnin
schmählich hintergangene Radomer Konföderation mit allen Bischöfen
bereit, zu tun, was die Russen verlangten, insbesondere auch die
berechtigten Forderungen der Dissidenten zu gewähren und die Verfassung
durch Rußland garantieren zu lassen. Da nach dem Herkommen mit der
Bildung einer allgemeinen Konföderation die Wirksamkeit des Königs
und der Regierung aufhörte und sie sogar zur Verantwortung gezogen
werden konnten, so forderte Repnin, der den gefügiger gewordenen, wenn
auch unzuverlässigen König nicht fallen lassen durfte, die Verbindung
der Konföderation mit dem König, obwohl er vorher den Anhängern des
sächsischen Hauses gegenüber mit der Entthronung Stanisław Augusts
operiert hatte.
Der _Konföderationsreichstag_, dem der König tatsächlich beitrat,
sollte limitiert sein, er sollte sich auf die Einsetzung einer
Delegation mit Vollmacht zur Neuordnung des Staates beschränken.
Da deren senatorische Mitglieder vom „umgefallenen” König, die
Landbotenmitglieder vom von Repnin gelenkten Konföderationsmarschall zu
bestimmen waren, so mußte die Delegation zweifellos den Dissidenten
günstig zusammengesetzt werden. Rom war aber nicht müßig geblieben. In
vielen Breven und in zündenden Reden des Nunzius war der Fanatismus
aufgestachelt worden. Der hohe Klerus half in seiner Mehrzahl eifrig
bei diesem Werke. Es bildete sich eine Opposition, der vor allem die
Bischöfe Kajetan Sołtyk von Krakau und Joseph Załuski von Kijew,
der Feldhetman Wacław Rzewuski und sein Sohn Severin vorstanden.
Diese ließ Repnin kurzerhand aufheben und nach Kaluga bringen. Die
Entrüstung über diese Verletzung des Völkerrechts und der Privilegien
war ungeheuer. Aber das Mittel hatte Erfolg: die Delegation wurde
eingesetzt. Sie schloß den geforderten Vertrag mit Rußland, in dem
den Dissidenten und Nichtunierten volle Gleichstellung gewährt, die
Czartoryskischen Kommissionen (vom Konvokationsreichstag her) bis
auf die Finanzkommission aufgehoben, die freie Königswahl und das
„$Liberum veto$” aufrechterhalten und die russische Verfassungsgarantie
angenommen wurde. Der _Reichstag_ mußte am 5. März 1768 in _stummer_
_Sitzung_ die Delegationsbeschlüsse bestätigen.
So hatte die Kurzsichtigkeit des Adels wieder einmal einen
vernünftigen Anlauf zu Reformen verhindert und das Land, das schon
tatsächlich unter russischer Herrschaft stand, auch rechtlich durch
die Verfassungsgarantie den Russen ausgeliefert. Der König aber hat
seitdem, an seinem Volke verzweifelnd, nicht mehr gegen Rußlands
Willen zu handeln gewagt.
Noch war freilich der russische Sieg nicht entschieden, denn schon
während des Konföderationsreichstages waren Gerüchte über die Bildung
einer zweiten _Konföderation_ in Warschau verlautbart. Tatsächlich
war sie am 29. Februar 1768 in _Bar_, unfern Mohilew, unter Michael
Krasinski als Marschall und Joseph Puławski als Generalregimentarius
zusammengetreten. Ein Karmelitermönch rief zum Kampf für die Freiheit
und den Glauben auf. Die Weltgeistlichkeit folgte ihm. Andersgläubige
wurden nicht aufgenommen. Unter dem Namen „Ritter des heiligen
Kreuzes” bildete sich eine Art Ritterorden. Neben den Fanatikern aber
traten die politischen Gegner des Königs der Konföderation ebenfalls
zahlreich bei. Außer der Alleinherrschaft der katholischen Kirche und
der Erhaltung der alten Verfassung galt sie bald auch der Absetzung
des Königs. Ganz Polen sei konföderiert, berichtete der preußische
Gesandte. Man rechnete auf den Beistand der Bürgen des Olivaer und des
Karlowitzer Friedens: Österreichs, Frankreichs und Hollands, ferner der
Türkei und Sachsens.
Die Konföderierten, unter denen von Anfang an infolge der
Zusammensetzung aus verschiedenen Parteien Uneinigkeit herrschte,
waren mit ihren ersten Schritten unglücklich. Die Russen unter Apraxin
und Kretschetnikow, denen Stanisław August seine Truppen zu Hilfe
schickte, nachdem eine Mission Mokronowskis ergebnislos gewesen war,
nahmen Bar und Berdiczew, die Hauptplätze der Konföderierten, und
trieben diese in die Moldau. Gleichzeitig brach in der Ukraine eine
gegen den religiösen Fanatismus der Konföderierten gerichtete orthodoxe
Gegenbewegung aus, die _Hajdamakenbewegung_, indem die ukrainischen
Bauern im Verein mit den Saporogern (letztere auf Befehl Katharinas)
unter dem Saporoger-Sotnik Sheljesnjak und dem Sotnik der Potockischen
Leibtruppen, Honta, über Adel und Städter herfielen. Sie richteten
ein furchtbares Blutbad an. Allein bei der Einnahme von Human haben
sie über 15000 Menschen niedergemetzelt. Schließlich dämpfte der
Kronregimentarius Stępkowski mit russischer Hilfe den Aufstand, nachdem
das Ziel, die Konföderation im Südosten zu unterdrücken, erreicht war.
Dafür aber loderte der Aufstand in den anderen Landesteilen, in
Großpolen, in Krakau, in Sieradz, in Litauen um so heller empor. Die
Grausamkeiten, die in diesen Kleinkämpfen auf beiden Seiten verübt
wurden, sind so unmenschlich und greulich, daß die Feder sich
sträubt, sie zu beschreiben. Doch dauernde Erfolge erreichten die
Konföderierten auch in den anderen Wojewodschaften nicht. Inzwischen
hatten im September auch die Türken sich von Frankreich und den
Konföderierten zur Kriegserklärung gegen Rußland hinreißen lassen,
wobei sie das besorgniserregende Vorgehen Rußlands in Polen als einen
Hauptgrund angaben. Eine ganze Reihe Konföderierter, namentlich die
Gebrüder Puławski, focht im türkischen Heere. Frankreich beschränkte
sich vorläufig auf eine platonische Unterstützung durch Aufreizung
der Türken und wohlwollende Neutralität. Österreich gestattete in
Schlesien und Ungarn Zusammenkünfte der 34 Marschälle der einzelnen
Konföderationen und Errichtung der Zentralregierung der Konföderierten.
Maria Theresias Neigung, Polen zu Hilfe zu kommen, wußte Joseph II.
zu vereiteln, zumal Friedrich der Große erklärt hatte, daß er hierin
einen Kriegsfall sehen würde. Die Zusammenkunft, die Friedrich und
Joseph 1769 in Neisse hatten, führte zu einer weiteren Annäherung. Noch
im selben Jahre besetzte der eifrige junge Joseph, um alte Ansprüche
zu wahren, die früher zu Ungarn gehörige Zips mit Saatz und Neumarkt.
_Damit war der erste wirkliche Schritt zur Zerstückelung Polens getan,
nicht von den beiden Verbündeten ausgehend, sondern von der Macht, die
bisher eine Teilnahme an jenen Übereinkünften entschieden abgelehnt
hatte._
Schon mehrmals hatte Friedrich, der Katharinas Absichten sehr wohl
durchschaute, in Petersburg den Gedanken einer _Teilung_ angeregt, erst
ganz unverbindlich, dann offen, denn nur durch eine Teilung konnte
verhindert werden, daß Polen scheinbar selbständig weiter bestand,
tatsächlich aber gänzlich zu einem Trabanten Rußlands wurde. Nun
benutzte er das österreichische Vorgehen, um seine Pläne energischer
zu betreiben. In Mährisch-Neustadt kam er 1770 wiederum mit Joseph
zusammen, den die schnellen Siege der Russen im Türkenkriege mit
Besorgnis erfüllten und der vor allem den Verzicht Rußlands auf die
Moldau verlangte, wenn er nicht zum Kriege genötigt sein sollte.
Im Zusammenhang damit machte Friedrich in Petersburg klar, daß die
russischen Erwerbungen im türkisch-tatarischen Süden für Preußen und
Österreich durch polnisches Gebiet kompensiert werden müßten.
Von Frankreich, das 1770 den Konföderierten wenigstens Geldmittel
und zur Leitung eines regelrechten Krieges den General Dumouriez
gesandt hatte, war nach dem Sturz Choiseuls (gegen Ende dieses
Jahres) nichts mehr zu befürchten, denn sein Nachfolger, der Herzog
von Aiguillon, hielt sich in der polnischen Frage weit mehr zurück.
Die Konföderierten hatten sich nämlich durch ihre unkluge Politik
die Sympathien auch der unbeteiligten Monarchen verscherzt, indem
sie durch die _Interregnumsakte_ vom 9. August 1770 Stanisław August
absetzten und ihn außerdem als Eindringling, Usurpator und Tyrannen
brandmarkten. Namentlich Frankreich, das ausdrücklich entgegengesetzt
lautende Instruktionen gesandt hatte, war verletzt. Dieser törichte
Schritt trieb den König, der sich von Rußland loszumachen versucht
hatte, wieder zu Rußland zurück, und alle militärischen Anstrengungen
der Konföderierten wurden gegenüber der europäischen Stimmung
bedeutungslos. Im Gegenteil, die verzweifelten Kämpfe des Jahres 1771
(Kasimir Puławski verteidigte erfolgreich Czenstochau gegen Drewitsch,
Dumouriez wurde bei Łanekorona in der nähe von Krakau durch Suworow
und Drewitsch besiegt, Zaremba schlug den Kronfeldherrn Branicki
bei Widawa in der Nähe von Sieradz), der unerwartete Beitritt des
litauischen Großhetmans Michael Ogiński zur Konföderation (er wurde von
Suworow bei Stolowicz in Schwarzrußland geschlagen) und ein Anschlag
der Konföderierten gegen die Person Stanisław Augusts besiegten die
letzten Bedenken gegen die Teilung.
Noch versuchte Kaunitz, um der ehrlichen persönlichen Abneigung
Maria Theresias willen, eine Beteiligung Österreichs in der Weise zu
umgehen, daß er Kompensationen in Schlesien und Glatz forderte. Aber
dieses Ansinnen wies Friedrich selbstverständlich zurück. So wurden
am 6. und 11. Februar 1772 in Petersburg und Wien die _Konventionen
über die Teilung_ unterschrieben und nach längeren Verhandlungen über
die einzelnen Anteile am 5. August auch der Teilungsvertrag. Die
Okkupationsmanifeste Rußlands, Österreichs und Preußens datieren vom
5., 11. und 13. September. Den Löwenanteil der Fläche nach erhielt
Rußland: den polnischen Rest von Livland, die Wojewodschaften Witebsk
und Mstislaw, Teile von Minsk und Polozk, so daß Düna und Dnjepr die
Grenze bildeten, zusammen 108750 qkm mit 1800000 Einwohnern. Österreich
nahm das wertvollste und volkreichste Gebiet, nämlich außer der Zips
die Wojewodschaften Lemberg und Belz, die Hälfte von Krakau und
West-Podolien, zusammen 70480 qkm mit 2700000 Einwohnern. Preußen bekam
Polnisch-Preußen außer Danzig und Thorn, die ihm Rußland nicht gönnte,
und einen Teil Kujawiens, den sogenannten Netzedistrikt, zusammen 34745
qkm mit 416000 Einwohnern. Ein Reichstag sollte die Teilung bestätigen.
Vergebens suchte man die Einberufung zu hintertreiben, vergebens
wandte sich der König an die übrigen Mächte. Die Teilungsmächte
ließen ihre Truppen nur immer weiter ins Land rücken und erklärten
schließlich durch ihre Gesandten, daß eine völlige Aufteilung des
Landes bevorstehe, wenn die Zustimmung nicht bald erfolge. 32 Landtage
gingen trotzdem auseinander, ohne gewählt zu haben. Nur 102 Abgeordnete
fanden sich 1773 in Warschau ein. Um die Zerreißung des Reichstages
zu verhüten, bildete Adam Poniński eine Konföderation, der auch der
König beitrat und die mit Majoritätsbeschluß eine Deputation von 30
Mitgliedern mit unbeschränkter Vollmacht wählte. Die Beschlüsse dieser
Kommission sollte der Reichstag dann ohne Debatte annehmen.
Die Kommission bestätigte zunächst die Teilungsverträge. Dann
verfügte sie, daß die nach Aufhebung des Jesuitenordens (1773) dem
Staate zugefallenen Besitztümer dieses Ordens für Unterrichtszwecke
verwendet werden sollten. Zur Reform des Unterrichts wurde eine
_Edukationskommission_ gewählt. Endlich wurden auf Vorschlag
der Teilungsmächte neue Grundrechte gegeben, die alle die alten
Schwächen der Verfassung, wie die Königswahl und das „$Liberum
Veto$”, bestehen ließen. Als wichtigste Neuerung aber führten sie den
Ständigen Staatsrat ein, bestehend aus 18 Senatoren und Ministern
und 18 alle zwei Jahre durch den Reichstag gewählten Edelleuten.
Dieser Staatsrat zerfiel in fünf Departements: der auswärtigen
Angelegenheiten, der Polizei, des Krieges, der Justiz und der
Finanzen, denen verantwortliche Minister vorstanden. Er hatte die
Exekutivgewalt, während der Reichstag nicht tagte. Der König stand an
seiner Spitze, durfte aber nicht selbständig vorgehen. (Im großen und
ganzen handelte es sich also um die von den Czartoryski bereits auf
dem Konvokationsreichstag eingeführten, auf Rußlands Betreiben aber
wieder abgeschafften Verwaltungskommissionen.) Die Heeresstärke wurde
auf 30000 Mann festgesetzt, die Befugnisse der Hetmane beschränkt,
allgemeine Steuern ausgeschrieben. Doch wurden diese Grundrechte von
neuem der russischen Garantie unterstellt.
Der wieder zusammengetretene _Reichstag_ nahm am 11. April 1775
trotz zahlreicher Proteste das Werk der Delegation an, worauf die
Ponińskische Konföderation sich auflöste.
So hatte Polen ohne einen Schwertstreich fast ein Drittel seines
Gebietes verloren, weil es unfähig gewesen war, sich innerlich zu
festigen, weil der Hader der Parteien jeden ehrlichen Fortschritt
unmöglich gemacht hatte. Es hatte sich selbst auf Gnade und Ungnade
der Willkür seiner Nachbarn ausgeliefert, ein neues Beispiel für das
alte Wort: $Par requierre de trop grande liberté chêt-on en trop
grand servaige.$
Diese Freiheit war nur ein Zerrbild wahrer Freiheit gewesen, weil
sie nur den Katholiken und nur einer Oberschicht des Volkes zuteil
wurde. Und gerade, daß sie den Andersgläubigen verwehrt blieb, gab
den ersten Anlaß zur Einmischung der Nachbarn. Rußland nahm damals
nur Gebiete, die von Russisch sprechenden, griechischen Katholiken
bewohnt waren. Es blieb damit seiner Aufgabe als Nationalstaat
und als Vormacht des griechischen Katholizismus treu. Auch vom
militärischen Gesichtspunkte aus war diese Grenzregelung, die ihm nur
altes russisches Land wiedergab, vernünftig. Preußen hatte nur das
Allernotwendigste genommen, so viel, wie erforderlich war, um die
Verbindung seiner preußischen mit seinen reichsdeutschen Besitzungen
herzustellen. Diese Erwerbung war militärisch, wirtschaftlich
und politisch eine Lebensfrage für das junge Königreich, auch
wenn nicht so viele geschichtliche und nationale Gründe für die
Erwerbung Westpreußens gesprochen hätten. Einzig die Beteiligung
Österreichs läßt sich durch nichts motivieren als durch die Gier,
den Gebietsumfang zu vermehren. Von der Zips abgesehen, war das von
ihm erworbene Gebiet in keiner Weise für das Gedeihen des Staates
notwendig. Im Gegenteil, die Karpathen bildeten die natürliche Grenze
österreichischer Macht. Daß es darüber hinaus ging, hat ihm nicht
zum Segen gereicht, hat seine Ostgrenze geschwächt und das Slawentum
ausschlaggebend im Lande gemacht.
Das nächste Jahrzehnt war an politischen Ereignissen arm. Es zeigte die
guten Eigenschaften des Königs, dem es auf den Reichstagen bis ins Jahr
1784 gelang, den Widerstand der russisch gesinnten Magnatenpartei unter
Xaver Branicki, Adam Czartoryski, Ignaz und Szczęsny Potocki, Severin
Rzewuski gegen seine und des Ständigen Rates reformierende Tätigkeit
unwirksam zu machen. Es ist ein Jahrzehnt der Selbstbesinnung, das
in kultureller Beziehung beachtenswerte Erfolge zeitigte, namentlich
infolge der Tätigkeit der _Edukationskommission_, in der auch die
russenfreundliche Opposition hervorragend mitarbeitete. Diese
Kommission brachte nicht nur die Hochschulen zu Krakau und Wilna,
erstere durch die Bemühungen ihres Mitgliedes Hugo Kollątaj († 1812),
wieder in eine achtungswerte Verfassung, sie sorgte nicht nur für
die Reform der Gymnasien und für die Errichtung von Lehrerseminarien,
sondern sie gründete auch in den Städten wie auf dem Lande Pfarrschulen
und nahm sich des weiblichen und des jüdischen Bildungswesens
an. Die 1776 unter Ignaz Potocki gegründete _Gesellschaft für
Elementarschulbücher_ erwarb sich große Verdienste um die Bestrebungen
der Edukationskommission, indem sie vorzügliche Schulbücher herausgab.
Auch auf _literarischem Gebiet_ ist ein von dem kunstliebenden König
eifrig geförderter Aufschwung zu vermerken. Der hervorragendste
Dichter der Zeit ist der Fürstbischof von Ermland und spätere
Erzbischof von Gnesen, _Ignaz Krasicki_ († 1801), der Freund
Friedrichs des Großen, unter die Klassiker der polnischen Literatur
gezählt. Bedeutender als Historiker denn als Dichter war der Bischof
von Smolensk, später von Łuck, _Adam Naruszewicz_ († 1796), dessen
„Geschichte des polnischen Volkes”, seit Długosz, der erste Versuch
einer kritischen Geschichtschreibung in Polen ist. Franz Karpiński
(† 1825) sang seine geistlichen Lieder, Stanisław Trembecki († 1812)
spottete und Kajetan Węgerski († 1787) ahmte den Voltaire nach. Weit
ins folgende Zeitalter hinein ragt Julian _Niemcewicz_ († 1841), dem
an Patriotismus der „polnische Jeremias”, der Primas Woronicz von
Warschau († 1829), gleichkommt. Unter den politischen Schriftstellern
zeichnet sich der schon erwähnte _Kollątaj_ und Stanisław _Staszic_
(† 1826), unter den Memoirenschreibern neben Kollątaj und Niemcewicz
noch Andreas Kitowicz († 1804) aus. Die ersten polnischen
literarischen Zeitschriften tauchten in jenen Jahren auf. Des Staszic
„Betrachtungen über das Leben des Johann Zamojski”, die ähnliche
Ideen vertraten, wie seinerzeit die Schriften Konarskis, wirkten
auf die für Reformen nunmehr weit besser vorbereitete polnische
Gesellschaft bedeutsam ein.
Im _Verhältnis der Nachbarmächte_ zueinander hatte in jenen Jahren
eine wichtige Verschiebung stattgefunden. Nach Panins Sturz
waren die russisch-preußischen Beziehungen erkaltet, während die
russisch-österreichischen mit Rücksicht auf die Türkei und die Krim
an Wärme zunahmen. Stanisław August versuchte bei dieser Gelegenheit
mehrmals, aus seiner Isolierung herauszukommen und die Aufmerksamkeit
der heimischen Parteien auf auswärtige Ereignisse zu lenken, indem er
Katharina ein Bündnis für den Fall eines Türkenkrieges anbot. Katharina
sollte dafür gewisse Reformen garantieren. Doch kam der Vertrag, der
für Rußland keinen großen Wert hatte, so schnell nicht zustande.
_Rußland_ ging 1787 ohne Polen in den Türkenkrieg, in dem sich ihm
Österreich anschloß. _Preußen_ aber, das nach des großen Königs Tode
vollends antirussisch geworden war und eifrig an den gegen Katharina
gerichteten Plänen Englands und Hollands teilnahm, ging nun darauf aus,
die an der Donau und am Schwarzen Meer beschäftigten Gegner in Polen
zu beunruhigen. Es mußte ja darauf bedacht sein, Danzig und Thorn zu
gewinnen, die Rußland ihm versagt hatte, und versuchte zunächst auf dem
Wege friedlicher Verständigung mit Polen zu diesem Ziele zu gelangen.
Da sich aber Stanisław August in seiner Neigung, sich auf Rußland zu
stützen, mit der feindlichen Branickischen, der Hetman-Partei, traf,
so bildete sich im Lande eine neue Partei, die mit Hilfe Preußens
zu Reformen kommen wollte und sich selbst die _patriotische Partei_
nannte, an ihrer Spitze Stanisław Małachowski.
Erst Anfang 1788 antwortete Katharina auf Stanisław Augusts erneute
Anerbietungen, allerdings in einer Weise, die er nicht erwartet
hatte. Sie verbot nicht nur Reformen, sondern beschränkte auch
die zulässigen polnischen Hilfstruppen auf 12000 (der König hatte
30000 stellen wollen, um einen Vorwand zur Vermehrung des Heeres zu
bekommen). Von einem Anteil Polens an den Eroberungen war überhaupt
nicht die Rede. Die Folge der russischen Schritte war ein preußisches
Bündnisangebot, das dem am 2. Oktober 1788 eröffneten _Reichstag_, dem
berühmten _vierjährigen_, in Form einer Konföderation abgehaltenen
Reichstag, vorgelegt wurde. Des Ministers Hertzberg Gedanke war, in
dem russisch-österreichischen Kriege gegen die Türkei als Vermittler
aufzutreten, Österreich zur Herausgabe Galiziens zu zwingen, als
Lohn dafür von Polen Danzig und Thorn und einen Teil Großpolens zu
erhalten und Rußland durch Schwierigkeiten in Polen zur Annahme dieser
Änderungen gefügig zu machen.
Daher fanden die Reformer, denen auch der König beizutreten für gut
fand, bei Preußen für ihre Pläne eifrige Unterstützung. Zunächst wurde
die Erhöhung des _Sollbestandes des Heeres_ auf 100000 beschlossen und
eine Heereskommission unter den vier Hetmans eingesetzt, dann, als der
russische Gesandte Stackelberg darauf aufmerksam gemacht hatte, daß
die garantierte Verwaltungsform nicht geändert werden dürfe, auf eine
preußische Gegenerklärung hin die Reformtätigkeit in Angriff genommen.
Man nahm dem Ständigen Rat auch die auswärtigen Angelegenheiten und
hob ihn schließlich völlig auf. Die Hetmanpartei konnte zwar diese
Beschlüsse nicht hintertreiben, aber sie verhinderte die Bewilligung
genügender Steuern, so daß statt der festgesetzten 100000 Mann nur
40000, und auch diese nicht einmal genügend ausgerüstet, aufgestellt
werden konnten.
Bei den Beratungen über die _Reform der Grundrechte_ zeigte es sich
bald, daß man nicht nur mit dem Widerstande russisch Gesinnter, sondern
auch mit dem Radikalismus der von der beginnenden französischen
Revolution beeinflußten Aufklärer, in Staszic' und Kollątajs Schriften
niedergelegt, zu rechnen hatte. Um etwaigen Gegenmaßnahmen der
Opposition vorzubeugen, schlugen die Patrioten vor, die von ihnen
ausgearbeiteten 89 Reformpunkte der Gesamtheit des Adels, also den
Landtagen vorzulegen und sie erst dann in dem um die doppelte Zahl der
Abgeordneten zu verstärkenden Reichstage zu beraten. Die $sejmiki$
erklärten sich fast durchweg für die Vorschläge der Patrioten, die im
großen und ganzen der späteren Konstitution von 1791 entsprachen.
Als das geschehen war, nahm der verstärkte Reichstag die Beratungen
wieder auf. Zunächst wurde ein _Gesetz über die Landtage_ erlassen,
wonach der nicht grundbesitzende Adel von ihnen ausgeschlossen wurde,
eine Maßregel, die gegen den Einfluß der Magnaten gerichtet war.
Dann folgte das _Gesetz über die Stadtbürger_. Sie erhielten die
Rechte „$Neminem captivabimus$”, der Beteiligung am Reichstage und
des Erwerbes adliger Güter. Doch galt das Gesetz für die Mehrzahl der
Städte, nämlich für die adligen Mediatstädte, nicht.
Inzwischen erwies es sich als unmöglich, in der bisherigen Weise
über die anderen Reformen weiter zu beraten, denn es war wieder eine
Änderung der politischen Konstellation eingetreten, die Polen des
Rückhalts an Preußen beraubte. Die Erfolge der französischen Revolution
und die für Österreich bedrohlichen Siege der Russen wider die Türken
hatten nämlich Preußen und Österreich von neuem einander zugeführt. Auf
dem _Reichenbacher Kongreß_ von 1790 ließ Österreich vom Türkenkriege,
um freie Hand in Belgien zu bekommen. Ein preußisch-österreichisches
Bündnis folgte, mit dem natürlich die preußischen Austauschpläne
fielen. Es mußte suchen, Danzig auf andere Weise zu bekommen. Da es
sich in seinen Hoffnungen auf England getäuscht sah, wandte es sich
wieder Rußland zu.
Polen stand also wieder verlassen da und mußte suchen, zu einem
Abschluß der Reform zu gelangen, ehe Rußland den Türkenkrieg gewonnen
hatte und Zeit für die polnischen Angelegenheiten fand. Die Patrioten
griffen im Einverständnis mit dem König zum Staatsstreich. Sie
arbeiteten in der Stille eine Verfassung aus, die den Reichstag nur
in einer einzigen Sitzung beschäftigen sollte, und brachten sie ein,
als die meisten oppositionellen Abgeordneten sich wegen des Osterfestes
nach Hause begeben hatten. Auf diese Weise gelangte die _Verfassung
vom 3. Mai 1791_ trotz der theatralischen Opposition des Abgeordneten
Suchorzewski zur Annahme. Nur 27 Abgeordnete und ein Senator
protestierten.
Die Hauptbestimmungen dieser Verfassung sind folgende: 1. Die
katholische Religion ist Staatsreligion, aber alle anderen
Bekenntnisse genießen Freiheit und Schutz. 2. Die Szlachta behält
ihre Privilegien, aber das neue Gesetz über die Bürgerschaften wird
bestätigt, der Bauer unter die Obhut des Gesetzes gestellt und
seine Emanzipation durch Vertrag mit dem Grundherrn gestattet.
3. Die gesetzgebende Gewalt übt der in Senat und Abgeordnetenkammer
zerfallende Reichstag aus, der „immer bereit” ist, d. h. jederzeit
zusammengerufen werden kann. Die Abgeordnetenkammer erhebt die
Entwürfe zu Gesetzen, der Senat bestätigt sie oder stellt sie
bis zum nächsten Reichstag zurück. Beschlußfassung erfolgt mit
Stimmenmehrheit. „$Liberum Veto$” und Konföderationen fallen fort.
4. Die Exekutive liegt in den Händen des Königs und des durch ihn
ernannten, dem Reichstag verantwortlichen Staatsministeriums. Der
König erhält die Besetzung der erledigten Stellen zurück und wird
erster Feldherr im Kriegsfalle. 5. Die Rechtsprechung wird durch
Gerichte erster Instanz ausgeübt, von denen die Berufung an die
Tribunale geht. 6. Die Königswürde ist _persönlich_ erblich, nur die
_Familie_ ist wählbar. Nach dem Ableben Stanisław Augusts geht das
Königtum an das kursächsische Haus über. 7. Alle 25 Jahre nimmt ein
konstituierender Reichstag eine Verfassungsrevision vor.
Friedrich Wilhelm II. erkannte diese Verfassung ebenso an, wie
Kaiser Leopold II., der sich vergebens bemühte, auch Rußland zur
Zustimmung zu bewegen. Preußen beging mit der Anerkennung eine
unverzeihliche Dummheit, da es damit ja wieder in die sächsische
Umklammerung geriet, aus der Friedrichs des Großen Zusammengehen mit
Katharina es befreit hatte. Aber Friedrich Wilhelm II. war viel zu
sehr mit Koalitionsgedanken beschäftigt, als daß er diese Überlegung
angestellt hätte. Glücklicherweise bewahrte Katharina Preußen vor den
Folgen seines Fehlers, denn sie ließ in Berlin erklären, daß sie der
sächsischen Thronfolge nicht zustimmen könne, und ging gleichzeitig
in Polen vor. Sie kündete Stanisław August den Einmarsch russischer
Truppen und eine neue Konföderation an, der der König beizutreten
hätte. In _Targowice_ in der Ukraine kam am 14. Mai 1792 diese
_Konföderation_ zustande. Ihr Ziel war die Aufrechterhaltung der
bisherigen Verfassung gegenüber der als Jakobinertum bezeichneten neuen
Konstitution. Ihr Marschall war Szczęsny Potocki, ihre Hetmane Branicki
und Rzewuski, die alten Führer der russisch gesinnten Hetmanspartei.
Gleichzeitig überschritten 64000 Russen die Grenze.
Der König schickte 15000 Mann unter dem Herzog Ludwig von Württemberg
nach Litauen, 30000 unter dem Fürsten Joseph Poniatowski, Kościuszko
und Zajączek nach der Ukraine. Während die ersten Niederlage auf
Niederlage erlitten, bestanden die letzten ehrenvoll bei Połonne,
Zieleńce und Dubienka in Wolynien, ohne allerdings etwas zu erreichen.
Erfolglos blieben auch die Gesandtschaften nach Wien und Berlin. Der
König, wieder schnell verzweifelnd, schlug deshalb Katharina vor, den
Großfürsten Konstantin als Thronfolger einzusetzen, und trat selbst der
Konföderation bei. Die Patrioten und die Führer des polnischen Heeres
begaben sich infolgedessen ins Ausland.
Doch auch dieser Schritt des Königs, der den auf eine oligarchische
Republik lossteuernden Konföderierten höchst unlieb kam, konnte
Polen nicht mehr retten. Das Einrücken der Russen bewog Preußen an
seiner Ostgrenze ebenfalls Truppen aufzustellen, um seinen Anteil
an der polnischen Beute zu sichern. Nach Vorverhandlungen zwischen
den Mächten kam am 23. Januar 1793 der russisch-preußische Vertrag
über die _zweite Teilung Polens_ zustande. Rußland nahm die Reste
der Wojewodschaften Minsk und Polozk, die Hälfte von Nowgorodek und
Brześć Litewski, den östlichen Teil von Wilna und von Wolynien, dazu
die Ukraine und Podolien, zusammen 250700 $qkm$ mit drei Millionen
Einwohnern, wieder nur Gebiete griechischen Bekenntnisses und
größtenteils auch russischer Zunge. Preußen erhielt den Rest der alten
Ordensbesitzungen zurück, Danzig, Thorn und das Dobriner Land, dazu
die Hälfte von Brześć Litewski und Rawa, die Wojewodschaften Posen,
Kalisch, Sieradz, Łęczyca, Płock, die Landschaft Wielun und die Stadt
Czenstochau, zusammen 58370 $qkm$ mit 1100000 Einwohnern. Es war
damit über das, was es zur Herstellung der strategischen Verbindung
zwischen Preußen und Schlesien brauchte und was es als von deutschen
Ansiedlern bevölkerte Erde aus nationalen Gesichtspunkten verlangen
konnte, aus Gründen der Machtpolitik nur wenig hinausgegangen. 254000
von ursprünglich 750000 $qkm$ blieben noch selbständig. Der _Reichstag
von Grodno_ mußte die Abtretung in stummer Sitzung bestätigen und sich
gleichzeitig eine Herabsetzung des Heeres auf 15000 Mann gefallen
lassen.
Nur wenige Monate blieb dieser Zustand bestehen, denn gerade die
von den Mächten befohlene Herabsetzung der Streitkräfte führte zum
Aufstand, zuerst in der Brigade des Generals Madaliński, am 24. März
1794 unter Thaddäus Kościuszko auch in Krakau. Die Vorbereitungen
hatten in Warschau in den Händen des Generals Działyński, in Sachsen
in den Händen Ignaz Potockis und Kollątajs gelegen. Kościuszkos Sieg
bei _Raclawice_ in der Nähe von Krakau beschleunigte den Aufruhr in
Warschau und Wilna, ließ von allen Seiten die Truppen ihm zuströmen.
Aber den vermehrten Truppen Rußlands und Preußens konnten die
Aufständischen nicht standhalten. Bei _Szczekociny_, unfern Kielce,
wurde Kościuszko zum Rückzug gezwungen, bei Chełm Zajączek geschlagen,
Krakau von den Preußen besetzt, Warschau von ihnen belagert. Dann
schlugen bei _Maciejowice_ an der Weichsel die Russen Kościuszko
entscheidend. Er selbst wurde verwundet und gefangen genommen. (Der
Ausruf „$Finis Poloniae$!”, den er fallend getan haben soll, ist eine
Legende.) Als schließlich Suworow die Warschauer Vorstadt Praga im
Sturm nahm, gab auch der den Aufstand leitende „Nationalrat” seine
Sache verloren und überlieferte die Hauptstadt den Russen.
Zu Petersburg wurde am 3. Januar 1795 zwischen Rußland und Österreich,
am 24. Oktober zwischen Rußland und Preußen der Vertrag über die
_dritte Teilung Polens_ geschlossen. Österreich erhielt als Ersatz für
das an Frankreich verlorene Belgien das Land zwischen dem nördlichen
Bug, der Weichsel und Pilica mit Krakau, 45922 $qkm$ mit einer Million
Einwohnern, Preußen das Land westlich davon mit Warschau, und weiter
östlich bis zum oberen Knie des Njemen, 54898 $qkm$ mit nicht ganz
einer Million Seelen, und Rußland den Rest, 111780 $qkm$ mit 1200000
Einwohnern. In Niemirow am nördlichen Bug stießen die neuen Grenzen der
drei Mächte zusammen. Stanisław August dankte in Grodno ab, wo er bis
zum Tode Katharinas lebte. 1796 wurde er nach Petersburg überführt.
Dort ist er am 12. Februar 1798 gestorben.
Polen aber war aus der Reihe der selbständigen Nationen gestrichen.
Sechstes Buch.
Die Polen nach dem Verluste ihrer Selbständigkeit.