18. Kapitel.

Die inneren Zustände. Das Deutschtum. Die Reform-Bewegung.

Wir sahen, wie die Übertreibung der Freiheiten allmählich zur

Anarchie führte, wie man zum $Liberum veto$ und zur Zerreißung der

Reichstage gelangte, und wie es schließlich möglich wurde, die

Reichstage sogar schon vor ihrer Eröffnung zu zerreißen. Wir sahen

auf der anderen Seite, wie die Könige vielfach bemüht waren, der

Unordnung ein Ende zu machen und eine straffere monarchische

Gewalt aufzurichten, wie diese Bestrebungen aber an der Macht der

Magnatenfamilien scheiterten. Wir sahen auch, wie diese Familien

sich gegenseitig zerfleischten und sich auf das Ausland stützten,

in dessen Solde sie standen. Diese Zustände erreichten nun während

der sächsischen Zeit ihren Höhepunkt.

Es wäre verkehrt, die Schuld hieran den sächsischen Königen

zuzuschreiben, die nicht besser und nicht schlechter waren als ihre

Vorgänger. Bestechungsgelder von einer fremden Macht, wie seinerzeit

Johann Albrecht und Alexander in der preußischen Huldigungsfrage und

zuletzt noch Johann Sobieski im Solde Frankreichs, hat wenigstens

keiner von ihnen genommen; im Gegenteil haben sie ihr Stammland

um der polnischen Krone willen ruiniert. Die Bemühungen Augusts,

die Königswürde wieder erblich zu machen und ein absolutes Regime

einzuführen, zeigten sogar den einzigen Weg, auf dem eine Heilung der

polnischen Leiden möglich war. Wenn sie nur vom Könige glücklicher

eingeleitet und von denen, denen sie galten, verständnisvoller

unterstützt worden wären! Freilich hat der starke August durch

die lockeren Sitten seines Hofes das wenige verderbt, was etwa

noch zu verderben war; freilich hat Friedrich August durch seine

Teilnahmlosigkeit die Kämpfe der zwei großen Gegenparteien in ihrem

letzten Umfange erst ermöglicht. Aber schließlich reifte in ihrer

Zeit doch nur die Saat, die früher ausgestreut und längst schon üppig

in Halme geschossen war.

Daß Polen überhaupt nicht mehr in die politische Rechnung

miteinbezogen wurde, haben wir schon gesehen. Die Nachbarn führten

auf polnischer Erde ihre Kriege, ohne daß das Land im geringsten

beteiligt war. Es war gerade, als ob dort zwischen der Warthe, dem

Dnjestr und dem Njemen ein herrenloses Gebiet läge. Überall in

Europa hatte sich eine neue Staatsform ausgebildet, der

_aufgeklärte Absolutismus_, der alle Kräfte und Hilfsmittel des

Volkes in der Hand einer starken Regierung vereinigte. Überall war

das Heerwesen zu hoher Entwicklung gelangt. Neben Frankreich und

England hatten sich vor allem die drei Nachbarmächte Polens,

Österreich, Preußen und Rußland, in dieser Weise organisiert. Nur

Polen lag zwischen ihnen, ohne starkes _Heer_ und ohne starke

Regierung, ohne die Möglichkeit, bei seiner bestehenden Verfassung

dazu zu gelangen. Da das allgemeine Aufgebot auf der Reiterei

basierte, während die neue Kriegskunst auf der Artillerie und dem

Fußvolk aufgebaut war, so konnte der Mangel an Geld zur Erhaltung

eines stehenden Heeres auch durch das Aufgebot nicht ausgeglichen

werden, um so weniger, als der kriegerische Geist im Adel im

Niedergang begriffen war.

Es ist einseitig, wenn hervorragende polnische Geschichtschreiber die

Schuld an diesem Sinken des kriegerischen Mutes, an dessen Stelle

Genußsucht und der krasseste Materialismus traten, nur dem verkehrten

_Erziehungssystem_ zuschreiben, das in Polen herrschte. Aber

zweifellos trägt diese Erziehung einen sehr großen Teil der Schuld.

Sie war in der Zeit der Gegenreformation gänzlich in die Hände der

_Jesuiten_ und der 1621 als Konkurrenzunternehmen bestätigten, in

Einrichtungen und Zielen ähnlichen _Piaristen_ (Pauliner) gelangt.

Wir sahen, daß infolge der Reformation der Besuch der deutschen

Hochschulen erschwert wurde; er kam mit der Zeit außer Übung und

verbot sich schließlich aus finanziellen Gründen für einen großen

Teil des Adels. Die eigene Hochschule zu Krakau aber verfiel sehr

schnell, zumal eine Jesuitenakademie in Krakau selbst, andere in

Posen und Wilna, dazu die Zamojskische in Zamość, die Ostrogskische

in Ostrog ihr Konkurrenz machten. Die jesuitische Weisheit aber

war derart, daß sie das selbständige Überdenken der Zusammenhänge

ausschloß, um die Gefahr der Ketzerei zu verhüten. Sie prügelte

aus ihren Zöglingen jedes wirkliche Ehrgefühl heraus, erfüllte sie

durch ihr Prämiierungssystem mit falschem Ehrgeiz, erzog sie zum

Strebertum und zur unbegrenzten Hochachtung vor Wappen und Besitz,

zur unbegrenzten Verachtung aller derer, die nicht adlig waren. Ihre

Erziehung wurde von Generation zu Generation schlechter, da sie sich

den immer niedriger werdenden Begriffen des Adels anpaßte, anstatt

ihn emporzuheben.

Wenn es wahr ist, daß das Maß der _staatserhaltenden_ Energie, das

einem Volke innewohnt, sich an der Höhe seiner _geistigen Kultur_

ermessen läßt, so war Polens politische Kraft schon längst gesunken.

Mit der Unterdrückung der Reformation sehen wir die polnische

Literatur und Wissenschaft, die bereits einen achtungswerten Stand

erreicht hatte, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sinken. Nur noch dürftige

Epigonen und Nachahmer hat sie aufzuweisen, unter denen einzig der

Memoirenschreiber Johann Chrysostomus _Pasek_ (1700) höhere Beachtung

verdient.

Der _Bauer_ war ein Zubehör des Landes, nicht höher geachtet als ein

Stück Acker oder ein Stück Vieh. Die Bewohner der _adligen Städte_

waren nicht viel besser dran, die der _königlichen Städte_, der

Willkür der Starosten und der Wojewoden ausgeliefert, hatten ihre

Unabhängigkeit und durch die Verheerungen der Schweden auch ihren

Wohlstand verloren. Nur die baltischen Städte, die den Getreidehandel

vermittelten, blühten. Nicht minder war der _Adel_ verarmt, was bei

den ewigen Kriegen, bei der Unwissenheit und Faulheit der Besitzer

und der Gleichgültigkeit der Bauern nicht wundernehmen kann. Nur in

einigen Familien waren große Vermögen angesammelt, deren Erhaltung und

Vermehrung bei den ständigen Erbteilungen und angesichts des großen

Aufwandes ihrer Besitzer nur möglich war, wenn man die Einkünfte der

großen Staatsämter dazu gewann. Daher die ewigen erbitterten Kämpfe

um die Ämter. In ihrer Macht war der Kleinadel, in ihrer Macht der

Reichstag, in ihrer Macht die Gerichte. Nur wer gut mit ihnen stand,

erlangte, was er wollte. Es blieben wenige Familien von mittlerem

Besitz übrig, die zwar nicht ihren politischen Einfluß, aber wenigstens

ihre Selbständigkeit retten konnten. Die Masse des Adels war völlig auf

die Magnaten angewiesen, die landlosen unter ihnen wurden „$hołota$”

(Gesindel) genannt und waren froh, wenn sie eine „großmächtige” Livree

anziehen durften. Andere gaben ihre Frauen und Töchter August II.

und seinem Hofe preis oder heirateten die unehelichen Töchter dieses

Königs, um Vorteile und Ämter zu erlangen. So war die vielgerühmte

Freiheit beschaffen!

Die niedere _Geistlichkeit_ war ebenso wie der Adel in Unwissenheit,

Völlerei und Trunkenheit versunken, die höhere dachte nur an

ihre ungeheuren Einkünfte und wetteiferte mit den Magnaten an

Sittenlosigkeit. Die _griechischen Geistlichen_, die sich nach der

Union etwas hoben, waren doch immer nur Geistliche zweiten Ranges,

da man ihren Bischöfen nach wie vor den Sitz im Senat verweigerte

und da nur noch die niederen Volksschichten sich zur unierten Kirche

bekannten. Immerhin ist hier wenigstens ein Wille zum Fortschritt zu

erkennen. Auf der _Synode von Zamość_ (1720) wurde die Organisation der

unierten Kirche und die Reform ihres Klerus durchgeführt. 1743 folgte

die Reform des Basilianerordens, der als Pflanzschule für die Bischöfe

und Prälaten und als Bildner des niederen Klerus eine ungemein wichtige

Stellung in jener Kirche einnimmt.

Schlimmer als den Unierten erging es den übrigen Dissidenten. Bereits

1658 hatte der Reichstag die _Vertreibung der Sozinianer_ (Arianer)

beschlossen, die nach Ungarn, Preußen, Schlesien, Holland auswanderten,

und 1661 wollten die Katholiken zum ersten Male einen Dissidenten,

den Bogusław Radziwill, aus der Landbotenkammer ausschließen. Der

Bau neuer Gotteshäuser wurde verboten, auch die Abhaltung von

Privatgottesdiensten erschwert. Durch Gewohnheitsrecht wurden die

Dissidenten auch von den Ämtern ausgeschlossen. 1717 und 1733 nahmen

ihnen die Reichstage die letzten politischen Rechte: den Sitz im

Reichstag, in Kommissionen und im Tribunal. Die von den Jesuiten

verursachten Gewalttaten haben wir schon früher erwähnt. Sie wurden

auch jetzt fortgesetzt. Eine traurige Berühmtheit erlangte das _Thorner

Blutgericht_ von 1724.

Jesuitenschüler hatten die Thorner evangelische Bevölkerung

angegriffen und so lange gereizt, bis das erbitterte Volk Kirche

und Kollegium der Jesuiten stürmte. Die Jesuiten ruhten nicht

eher, bis sie das Todesurteil gegen den Bürgermeister Rösner, den

Vizebürgermeister Zernecke und zehn andere unschuldige angesehene

Leute erlangt hatten. Trotz der Warnung des preußischen Gesandten,

trotzdem selbst der Apostolische Nunzius Santini die Bischöfe und

den Orden ernstlich ermahnte, wurde das Urteil vollzogen. Fast

wäre es darüber zu kriegerischen Verwicklungen, nicht nur mit den

protestantischen Mächten, sondern auch mit Österreich und Rußland

gekommen. Es ist ein sonderbarer Zufall, daß die Untreue wider den

Deutschen Orden gerade an den beiden Städten, die am schuldigsten

waren, an Danzig und an Thorn, in dieser blutigen Weise nach

Generationen gerächt wurde.

Trotz dieser Mißgunst gegenüber den Protestanten hat gegen Ende

des 16., im 17. und 18. Jahrhundert in Polen wiederum eine

lebhafte _deutsche, vorwiegend protestantische Einwanderung_

stattgefunden, die sich hauptsächlich auf Polnisch-Preußen,

Großpolen und Kujawien erstreckte. Von der großen Einwanderung des

13. und 14. Jahrhunderts hatten sich nur in den Grenzgebieten und

in den großen Städten Reste erhalten, die durch den neuen Zuzug

nun erheblich gestärkt wurden. Diese zweite Einwanderung begann zu

einer Zeit, als Polen noch ein Hort religiöser Freiheit war, aus

religiösen Beweggründen. Sie ging in aller Stille vor sich, von

den Zeitgenossen kaum beachtet, war aber so wirksam, daß ganze

Landstriche eingedeutscht wurden und ihr deutsches Gepräge bis zur

Auflösung Polens behielten.

Es sind zwei verschiedene Wanderzüge zu unterscheiden, die

Holländersiedelung und die Ansetzung von Schulzendörfern. Von

Polnisch-Preußen ausgehend, das seinerseits wiederum den Anstoß durch

Herzog Albrecht empfangen hatte, haben holländische Ansiedler (daher

der aus „Holländer” verderbte Name Hauländer für diese Ansiedler),

vorwiegend Mennoniten, seit 1593 zuerst in der Bromberger Gegend

und dem Netzetal gesiedelt. Von 1611 an fanden Siedelungen in ganz

Kujawien statt, auch auf den geistlichen Besitzungen, trotzdem die

Ansiedler Ketzer waren und sich die freie Religionsübung in jedem

Falle verbriefen ließen. Das erste Beispiel, eben von 1611, gab das

Domkapitel von Gnesen. Von der Netzemündung scheint die Besiedelung

wartheaufwärts geführt zu haben. 1626 bestand schon eine Kirche

zu Rewier (Kreise Wongrowitz) als Mittelpunkt einer Reihe von

Hauländereien. Übrigens schlossen sich auch Siedler anderen Stammes

an, doch blieb der Name von den ersten Einwanderern. Die Gebiete,

in die sie geführt wurden, waren meist derartiger Natur, daß ihre

Urbarmachung wasserkundige Leute erforderte, wie die Holländer waren.

Später erst griffen sie auch aufs platte Land über.

Die zweite Einwanderung kam namentlich aus Brandenburg und Pommern,

ebenfalls seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Sie war, wie aus einem

Schreiben des Kurfürsten Johann Georg von 1584 hervorgeht, durch

den Umstand veranlaßt, daß in Großpolen die Wälder gerodet und neue

Dörfer begründet wurden, in denen Befreiung von Frondiensten und

anderen Lasten versprochen war. Schon er sah sich wegen der Verödung

seiner Länder veranlaßt, die polnischen Magnaten zur Zurücksendung

der Flüchtlinge aufzufordern, allerdings ohne Erfolg. Im

Dreißigjährigen Kriege, der Polen fast ganz verschonte, zogen immer

größere Scharen dorthin. Erst der Große Kurfürst erlangte 1662 von

Johann Kasimir ein Patent, wonach die Flüchtlinge aus Hinterpommern

und Cammin zurückgeliefert werden sollten. Aber Wirkung hatte das

Patent nicht, und so mußten die brandenburgischen Grundherren, mit

kurfürstlichen Pässen ausgerüstet, ihre Leute selbst zurückholen.

Noch 1677 führt der Kurfürst bittere Klage über die Verödung der

Besitzungen. Die erste uns bekannte Gründung ist Briesenitz im

Kreis Deutsch-Krone (1577). Die Richtung des Einwandererstromes war

dieselbe wie bei den Holländern, die Netze entlang und die Warthe

aufwärts. Es wurden nicht nur ganze Dörfer angelegt, sondern die

Einwanderer setzten sich als Krüger, Müller, Schmiede auch mitten

zwischen die polnische Bevölkerung.

Der Unterschied gegen die frühere Siedelung liegt darin, daß nicht

mehr der König und die Klöster vorangehen, sondern daß der Adel

selbst zur Verbesserung seiner Einnahmen auf die Kolonisation kommt.

Die Abwanderung der polnischen Gutsbauern nach der Ukraine, die ja

schwer schädigend einwirkte, mag ebenso wie die Verwüstungen mancher

Landstrecken durch die Kriege mit zur Heranziehung der Deutschen

beigetragen haben. Die Gründung vollzog sich in ähnlicher Weise,

wie im 13. und 14. Jahrhundert, doch genossen die neuen Kolonisten

bei weitem nicht die Freiheiten ihrer mittelalterlichen Vorgänger.

Sie wurden zwar auch nach Magdeburgischem Recht, so wie man es in

den alten Urkunden vorfand, angesetzt, aber von vornherein mit viel

größeren Abgaben und Frondiensten belastet. Zwar richteten sich die

Ansiedelungsbedingungen sehr danach, ob der Betreffende als armer

Flüchtling oder als besitzender Mann kam; doch darf nicht außer

acht gelassen werden, daß die gutsherrliche Gerichtsbarkeit, die im

Mittelalter noch nicht bestand, allein schon genügt, um die Lage

ungünstiger erscheinen zu lassen. Die katholische Kirche verzichtete

den Protestanten gegenüber ebensowenig auf ihren Zehnten und auf

die Gebühren für alle kirchlichen Amtshandlungen, wie sie es an

Verfolgungen und Bekehrungsversuchen fehlen ließ.

Der Dreißigjährige Krieg führte dann auch zu einer neuen Belebung

der _Städtegründungen_. Zahlreiche Flugblätter der polnischen

Magnaten wurden in Schlesien verbreitet und die Protestanten zur

Ansiedelung aufgefordert. Schon ein Jahrhundert vorher, 1547, hatten

die Leszczyńskis für aus Böhmen vertriebene deutsche und tschechische

Protestanten die Stadt _Lissa_ begründet, die mit Fraustadt ein

hervorragender Sitz protestantischen Geisteslebens und durch den

Namen _Amos Comenius_, der seit 1628 hier seine bedeutendsten Werke

schrieb, weithin bekannt wurde. Diese Gründung, der Idee nach mit

den folgenden verwandt, steht aber vereinzelt da. Erst 1638 gründete

dann der Kastellan Przyjemski die Stadt _Rawitsch_. Bojanowo,

Schwersenz, Schlichtingsheim u. a. folgten. Auch in bereits bestehenden

Städten, namentlich in Fraustadt, fand ein lebhafter Zuzug statt.

Man kam ihnen auch in diesen Städten in aller Weise entgegen, denn

der Gewerbefleiß der Deutschen wurde gebührend geschätzt. Einzig

die Hauptstadt Großpolens, Posen, und Schrimm teilten sich in den

traurigen Ruhm, den protestantischen Zuzüglern das Bürgerrecht zu

verweigern und ihnen dadurch die Einwanderung zu erschweren. Schrimm,

im Mittelalter eine der bedeutendsten Städte Großpolens, sank für

immer zur Bedeutungslosigkeit herab, und auch Posen klagte: „Unsere

Stadt ist vom Schicksal so gerädert, daß ihr keine Sonne der Hoffnung

mehr leuchtet.”

_Posen_, das im Nordischen Krieg besonders schwer litt und dessen

_Kämmereidörfer_ gänzlich entvölkert waren, konnte sich auch nicht

entschließen, zu protestantischen Siedlern zu greifen, als es zu

deren Wiederbesetzung schritt. Darum haben wir hier wohl das einzige

Beispiel einer Ansiedelung süddeutscher katholischer Bauern aus der

Bamberger Gegend, die vom Jahre 1719 an vor sich ging. Parallel

damit geht auch eine schwäbische Stadtgründung, _Witkowo_, um 1740.

Im übrigen flaute die Einwanderung im 18. Jahrhundert bedeutend ab.

Doch lassen sich noch eine ganze Reihe von Dorfgründungen, bei denen

selbstverständlich wirkliche Holländer nicht mehr in Betracht kamen,

und Städtegründungen bzw. Einwanderungen in schon bestehende Städte,

sogar Verleihungen des Stadtrechts an solche neue deutsche Dörfer

nachweisen.

Der Grund für die Abnahme ist einerseits in den veränderten

Verhältnissen der Heimat zu suchen. Die Einwanderer waren im 17.

Jahrhundert ja größtenteils aus Ländern gekommen, die sich im 18.

Jahrhundert unter preußischer Herrschaft gerechter Regierung und

wachsenden Wohlstandes erfreuten. Dann aber schreckte auch die

zunehmende Unordnung in Polen vor einer weiteren Einwanderung ab,

denn die bereits bestehenden Siedelungen wurden erst im Nordischen

Kriege hart mitgenommen, und nachher setzten ihnen die inneren Kämpfe

übel zu, die uns in dem _Streit zwischen der „Familie” und der

„Partei”_ entgegentreten.

Nachdem nämlich unter August II. zwischen 1717 und 1733 von achtzehn

Reichstagen elf zerrissen worden, zwei ergebnislos verlaufen waren

und nur fünf zum Ziel geführt hatten, kam unter August III. außer

dem _Pazifikationsreichstag_ von 1736 überhaupt keine Tagung mehr zu

Ende. Gesetzgebung, Rechtsprechung, Finanzkontrolle, diplomatische

Verhandlungen, alles stockte. Es kam allen zum Bewußtsein, daß

es so nicht weiterginge. Dieser Einsicht verdankt wieder eine

Reihe von _Reformschriften_ ihre Entstehung -- wir haben solche

Schriften, darunter theoretisch recht wertvolle, schon aus den beiden

vorhergehenden Jahrhunderten kennen gelernt --, von denen die früheste

bedeutsame 1733 aus der Feder des Königs Stanisław _Leszczyński_

erschien: „Die freie Stimme, die die Freiheit sichert.” Unter seinem

Einfluß standen mit ihren Ideen die beiden Bischöfe Andreas und

Joseph _Załuski_. Großes Aufsehen erregte der „Brief eines polnischen

Landedelmannes an einen seiner Freunde aus einer anderen Landschaft”

(1740), der von Stanisław _Poniatowski_, dem Vater des nachmaligen

Königs, herrührte und neue Selbständigkeit des Staates forderte durch

Vermehrung des Heeres, Finanzreform, allgemeine Steuern, Hebung des

Handels und der Städte, Beschränkung des $Liberum veto$ usw. Auch der

bekannte Piarist Stanisław _Konarski_, der Schulreformer, trat als

Politiker auf den Plan mit seiner Schrift „Über eine erfolgreiche

Beratungsart” (1760-1763), die die Einführung der Majoritätsabstimmung

oder die Wahl zwischen Absolutismus und Teilung als die einzigen

Auswege bezeichnete.

Alle diese theoretischen Ratschläge traten zurück gegenüber den

praktischen _Versuchen_, die von den beiden großen Adelsparteien

unternommen wurden, den Potocki (an ihrer Spitze der Primas Theodor,

der Großkronhetman Joseph und später der Hetman Clemens Branicki),

genannt die „nationale oder patriotische Partei”, kurzweg die „Partei”,

und auf der anderen Seite den Czartoryski (an ihrer Spitze der

litauische Unterkanzler Michael, der kleinrussische Wojewode August

und ihr Schwager, der bereits erwähnte Stanisław Poniatowski). Die

Czartoryski hießen einfach die „Familie”. Aus eigener Kraft glaubte

keine von beiden Parteien dem Lande helfen zu können. Die „Familie”

lehnte sich daher an Rußland an, die „Partei”, durch Grundbesitz,

Verwandtschaft und Ruhm weit mächtiger, an Frankreich, die Türkei und

Schweden. Dabei bekämpften sie sich aus „Vaterlandsliebe” mit einer

Erbitterung und mit einer Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel,

die vielleicht nur in der Geschichte der italienischen Renaissance

ihresgleichen findet.

Auf die Einzelheiten einzugehen, würde zu weit führen. Es verdient

nur hervorgehoben zu werden, daß die Potocki bereits während des

österreichisch-russischen Türkenkrieges von 1737 bis 1739 eine gegen

den russischen Einfluß gerichtete Generalkonföderation im Verein mit

der Türkei zustande zu bringen versuchten, daß die Czartoryski und

der Hof aber den Reichstag zerrissen, daß umgekehrt die Pläne der

„Familie” und des Hofes auf Beteiligung Polens an den Schlesischen

Kriegen von der „Partei” vereitelt wurden, und daß 1749 diese

Streitigkeiten sogar die Einsetzung des Tribunals von Petrikau

verhinderten, das erstemal seit Einführung der Tribunale, so daß

die Krone Polen ein ganzes Jahr lang ihres obersten Gerichtshofes

entbehrte und die Rechtspflege ruhte.

Eine entscheidende Wendung zugunsten der Czartoryski, der

„Familie”, trat 1763 mit der Thronbesteigung _Katharinas_ II.

ein, denn der junge _Stanisław August Poniatowski_, ein

schöner und begabter, aber liederlicher junger Mann, hatte als

sächsischer Gesandter in Petersburg Gnade vor Katharinas Augen

gefunden, und Katharina versicherte die „Familie” ihrer Gunst. Sie

gingen nunmehr daran, unter Rußlands Protektion eine Konföderation

zur gewaltsamen Einführung von Reformen zu bilden. Schon lief das

Manifest, das zur Konföderation auffordern sollte, durchs Land,

schon rückten russische Truppen ein, als der am 1. Oktober 1763 zu

Dresden erfolgte Tod Augusts III. beide Parteien zum Wahlkampfe

rief.

Polnische Geschichte · 第 24 / 31 题