Die inneren Zustände. Das Deutschtum. Die Reform-Bewegung.
Wir sahen, wie die Übertreibung der Freiheiten allmählich zur
Anarchie führte, wie man zum $Liberum veto$ und zur Zerreißung der
Reichstage gelangte, und wie es schließlich möglich wurde, die
Reichstage sogar schon vor ihrer Eröffnung zu zerreißen. Wir sahen
auf der anderen Seite, wie die Könige vielfach bemüht waren, der
Unordnung ein Ende zu machen und eine straffere monarchische
Gewalt aufzurichten, wie diese Bestrebungen aber an der Macht der
Magnatenfamilien scheiterten. Wir sahen auch, wie diese Familien
sich gegenseitig zerfleischten und sich auf das Ausland stützten,
in dessen Solde sie standen. Diese Zustände erreichten nun während
der sächsischen Zeit ihren Höhepunkt.
Es wäre verkehrt, die Schuld hieran den sächsischen Königen
zuzuschreiben, die nicht besser und nicht schlechter waren als ihre
Vorgänger. Bestechungsgelder von einer fremden Macht, wie seinerzeit
Johann Albrecht und Alexander in der preußischen Huldigungsfrage und
zuletzt noch Johann Sobieski im Solde Frankreichs, hat wenigstens
keiner von ihnen genommen; im Gegenteil haben sie ihr Stammland
um der polnischen Krone willen ruiniert. Die Bemühungen Augusts,
die Königswürde wieder erblich zu machen und ein absolutes Regime
einzuführen, zeigten sogar den einzigen Weg, auf dem eine Heilung der
polnischen Leiden möglich war. Wenn sie nur vom Könige glücklicher
eingeleitet und von denen, denen sie galten, verständnisvoller
unterstützt worden wären! Freilich hat der starke August durch
die lockeren Sitten seines Hofes das wenige verderbt, was etwa
noch zu verderben war; freilich hat Friedrich August durch seine
Teilnahmlosigkeit die Kämpfe der zwei großen Gegenparteien in ihrem
letzten Umfange erst ermöglicht. Aber schließlich reifte in ihrer
Zeit doch nur die Saat, die früher ausgestreut und längst schon üppig
in Halme geschossen war.
Daß Polen überhaupt nicht mehr in die politische Rechnung
miteinbezogen wurde, haben wir schon gesehen. Die Nachbarn führten
auf polnischer Erde ihre Kriege, ohne daß das Land im geringsten
beteiligt war. Es war gerade, als ob dort zwischen der Warthe, dem
Dnjestr und dem Njemen ein herrenloses Gebiet läge. Überall in
Europa hatte sich eine neue Staatsform ausgebildet, der
_aufgeklärte Absolutismus_, der alle Kräfte und Hilfsmittel des
Volkes in der Hand einer starken Regierung vereinigte. Überall war
das Heerwesen zu hoher Entwicklung gelangt. Neben Frankreich und
England hatten sich vor allem die drei Nachbarmächte Polens,
Österreich, Preußen und Rußland, in dieser Weise organisiert. Nur
Polen lag zwischen ihnen, ohne starkes _Heer_ und ohne starke
Regierung, ohne die Möglichkeit, bei seiner bestehenden Verfassung
dazu zu gelangen. Da das allgemeine Aufgebot auf der Reiterei
basierte, während die neue Kriegskunst auf der Artillerie und dem
Fußvolk aufgebaut war, so konnte der Mangel an Geld zur Erhaltung
eines stehenden Heeres auch durch das Aufgebot nicht ausgeglichen
werden, um so weniger, als der kriegerische Geist im Adel im
Niedergang begriffen war.
Es ist einseitig, wenn hervorragende polnische Geschichtschreiber die
Schuld an diesem Sinken des kriegerischen Mutes, an dessen Stelle
Genußsucht und der krasseste Materialismus traten, nur dem verkehrten
_Erziehungssystem_ zuschreiben, das in Polen herrschte. Aber
zweifellos trägt diese Erziehung einen sehr großen Teil der Schuld.
Sie war in der Zeit der Gegenreformation gänzlich in die Hände der
_Jesuiten_ und der 1621 als Konkurrenzunternehmen bestätigten, in
Einrichtungen und Zielen ähnlichen _Piaristen_ (Pauliner) gelangt.
Wir sahen, daß infolge der Reformation der Besuch der deutschen
Hochschulen erschwert wurde; er kam mit der Zeit außer Übung und
verbot sich schließlich aus finanziellen Gründen für einen großen
Teil des Adels. Die eigene Hochschule zu Krakau aber verfiel sehr
schnell, zumal eine Jesuitenakademie in Krakau selbst, andere in
Posen und Wilna, dazu die Zamojskische in Zamość, die Ostrogskische
in Ostrog ihr Konkurrenz machten. Die jesuitische Weisheit aber
war derart, daß sie das selbständige Überdenken der Zusammenhänge
ausschloß, um die Gefahr der Ketzerei zu verhüten. Sie prügelte
aus ihren Zöglingen jedes wirkliche Ehrgefühl heraus, erfüllte sie
durch ihr Prämiierungssystem mit falschem Ehrgeiz, erzog sie zum
Strebertum und zur unbegrenzten Hochachtung vor Wappen und Besitz,
zur unbegrenzten Verachtung aller derer, die nicht adlig waren. Ihre
Erziehung wurde von Generation zu Generation schlechter, da sie sich
den immer niedriger werdenden Begriffen des Adels anpaßte, anstatt
ihn emporzuheben.
Wenn es wahr ist, daß das Maß der _staatserhaltenden_ Energie, das
einem Volke innewohnt, sich an der Höhe seiner _geistigen Kultur_
ermessen läßt, so war Polens politische Kraft schon längst gesunken.
Mit der Unterdrückung der Reformation sehen wir die polnische
Literatur und Wissenschaft, die bereits einen achtungswerten Stand
erreicht hatte, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sinken. Nur noch dürftige
Epigonen und Nachahmer hat sie aufzuweisen, unter denen einzig der
Memoirenschreiber Johann Chrysostomus _Pasek_ (1700) höhere Beachtung
verdient.
Der _Bauer_ war ein Zubehör des Landes, nicht höher geachtet als ein
Stück Acker oder ein Stück Vieh. Die Bewohner der _adligen Städte_
waren nicht viel besser dran, die der _königlichen Städte_, der
Willkür der Starosten und der Wojewoden ausgeliefert, hatten ihre
Unabhängigkeit und durch die Verheerungen der Schweden auch ihren
Wohlstand verloren. Nur die baltischen Städte, die den Getreidehandel
vermittelten, blühten. Nicht minder war der _Adel_ verarmt, was bei
den ewigen Kriegen, bei der Unwissenheit und Faulheit der Besitzer
und der Gleichgültigkeit der Bauern nicht wundernehmen kann. Nur in
einigen Familien waren große Vermögen angesammelt, deren Erhaltung und
Vermehrung bei den ständigen Erbteilungen und angesichts des großen
Aufwandes ihrer Besitzer nur möglich war, wenn man die Einkünfte der
großen Staatsämter dazu gewann. Daher die ewigen erbitterten Kämpfe
um die Ämter. In ihrer Macht war der Kleinadel, in ihrer Macht der
Reichstag, in ihrer Macht die Gerichte. Nur wer gut mit ihnen stand,
erlangte, was er wollte. Es blieben wenige Familien von mittlerem
Besitz übrig, die zwar nicht ihren politischen Einfluß, aber wenigstens
ihre Selbständigkeit retten konnten. Die Masse des Adels war völlig auf
die Magnaten angewiesen, die landlosen unter ihnen wurden „$hołota$”
(Gesindel) genannt und waren froh, wenn sie eine „großmächtige” Livree
anziehen durften. Andere gaben ihre Frauen und Töchter August II.
und seinem Hofe preis oder heirateten die unehelichen Töchter dieses
Königs, um Vorteile und Ämter zu erlangen. So war die vielgerühmte
Freiheit beschaffen!
Die niedere _Geistlichkeit_ war ebenso wie der Adel in Unwissenheit,
Völlerei und Trunkenheit versunken, die höhere dachte nur an
ihre ungeheuren Einkünfte und wetteiferte mit den Magnaten an
Sittenlosigkeit. Die _griechischen Geistlichen_, die sich nach der
Union etwas hoben, waren doch immer nur Geistliche zweiten Ranges,
da man ihren Bischöfen nach wie vor den Sitz im Senat verweigerte
und da nur noch die niederen Volksschichten sich zur unierten Kirche
bekannten. Immerhin ist hier wenigstens ein Wille zum Fortschritt zu
erkennen. Auf der _Synode von Zamość_ (1720) wurde die Organisation der
unierten Kirche und die Reform ihres Klerus durchgeführt. 1743 folgte
die Reform des Basilianerordens, der als Pflanzschule für die Bischöfe
und Prälaten und als Bildner des niederen Klerus eine ungemein wichtige
Stellung in jener Kirche einnimmt.
Schlimmer als den Unierten erging es den übrigen Dissidenten. Bereits
1658 hatte der Reichstag die _Vertreibung der Sozinianer_ (Arianer)
beschlossen, die nach Ungarn, Preußen, Schlesien, Holland auswanderten,
und 1661 wollten die Katholiken zum ersten Male einen Dissidenten,
den Bogusław Radziwill, aus der Landbotenkammer ausschließen. Der
Bau neuer Gotteshäuser wurde verboten, auch die Abhaltung von
Privatgottesdiensten erschwert. Durch Gewohnheitsrecht wurden die
Dissidenten auch von den Ämtern ausgeschlossen. 1717 und 1733 nahmen
ihnen die Reichstage die letzten politischen Rechte: den Sitz im
Reichstag, in Kommissionen und im Tribunal. Die von den Jesuiten
verursachten Gewalttaten haben wir schon früher erwähnt. Sie wurden
auch jetzt fortgesetzt. Eine traurige Berühmtheit erlangte das _Thorner
Blutgericht_ von 1724.
Jesuitenschüler hatten die Thorner evangelische Bevölkerung
angegriffen und so lange gereizt, bis das erbitterte Volk Kirche
und Kollegium der Jesuiten stürmte. Die Jesuiten ruhten nicht
eher, bis sie das Todesurteil gegen den Bürgermeister Rösner, den
Vizebürgermeister Zernecke und zehn andere unschuldige angesehene
Leute erlangt hatten. Trotz der Warnung des preußischen Gesandten,
trotzdem selbst der Apostolische Nunzius Santini die Bischöfe und
den Orden ernstlich ermahnte, wurde das Urteil vollzogen. Fast
wäre es darüber zu kriegerischen Verwicklungen, nicht nur mit den
protestantischen Mächten, sondern auch mit Österreich und Rußland
gekommen. Es ist ein sonderbarer Zufall, daß die Untreue wider den
Deutschen Orden gerade an den beiden Städten, die am schuldigsten
waren, an Danzig und an Thorn, in dieser blutigen Weise nach
Generationen gerächt wurde.
Trotz dieser Mißgunst gegenüber den Protestanten hat gegen Ende
des 16., im 17. und 18. Jahrhundert in Polen wiederum eine
lebhafte _deutsche, vorwiegend protestantische Einwanderung_
stattgefunden, die sich hauptsächlich auf Polnisch-Preußen,
Großpolen und Kujawien erstreckte. Von der großen Einwanderung des
13. und 14. Jahrhunderts hatten sich nur in den Grenzgebieten und
in den großen Städten Reste erhalten, die durch den neuen Zuzug
nun erheblich gestärkt wurden. Diese zweite Einwanderung begann zu
einer Zeit, als Polen noch ein Hort religiöser Freiheit war, aus
religiösen Beweggründen. Sie ging in aller Stille vor sich, von
den Zeitgenossen kaum beachtet, war aber so wirksam, daß ganze
Landstriche eingedeutscht wurden und ihr deutsches Gepräge bis zur
Auflösung Polens behielten.
Es sind zwei verschiedene Wanderzüge zu unterscheiden, die
Holländersiedelung und die Ansetzung von Schulzendörfern. Von
Polnisch-Preußen ausgehend, das seinerseits wiederum den Anstoß durch
Herzog Albrecht empfangen hatte, haben holländische Ansiedler (daher
der aus „Holländer” verderbte Name Hauländer für diese Ansiedler),
vorwiegend Mennoniten, seit 1593 zuerst in der Bromberger Gegend
und dem Netzetal gesiedelt. Von 1611 an fanden Siedelungen in ganz
Kujawien statt, auch auf den geistlichen Besitzungen, trotzdem die
Ansiedler Ketzer waren und sich die freie Religionsübung in jedem
Falle verbriefen ließen. Das erste Beispiel, eben von 1611, gab das
Domkapitel von Gnesen. Von der Netzemündung scheint die Besiedelung
wartheaufwärts geführt zu haben. 1626 bestand schon eine Kirche
zu Rewier (Kreise Wongrowitz) als Mittelpunkt einer Reihe von
Hauländereien. Übrigens schlossen sich auch Siedler anderen Stammes
an, doch blieb der Name von den ersten Einwanderern. Die Gebiete,
in die sie geführt wurden, waren meist derartiger Natur, daß ihre
Urbarmachung wasserkundige Leute erforderte, wie die Holländer waren.
Später erst griffen sie auch aufs platte Land über.
Die zweite Einwanderung kam namentlich aus Brandenburg und Pommern,
ebenfalls seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Sie war, wie aus einem
Schreiben des Kurfürsten Johann Georg von 1584 hervorgeht, durch
den Umstand veranlaßt, daß in Großpolen die Wälder gerodet und neue
Dörfer begründet wurden, in denen Befreiung von Frondiensten und
anderen Lasten versprochen war. Schon er sah sich wegen der Verödung
seiner Länder veranlaßt, die polnischen Magnaten zur Zurücksendung
der Flüchtlinge aufzufordern, allerdings ohne Erfolg. Im
Dreißigjährigen Kriege, der Polen fast ganz verschonte, zogen immer
größere Scharen dorthin. Erst der Große Kurfürst erlangte 1662 von
Johann Kasimir ein Patent, wonach die Flüchtlinge aus Hinterpommern
und Cammin zurückgeliefert werden sollten. Aber Wirkung hatte das
Patent nicht, und so mußten die brandenburgischen Grundherren, mit
kurfürstlichen Pässen ausgerüstet, ihre Leute selbst zurückholen.
Noch 1677 führt der Kurfürst bittere Klage über die Verödung der
Besitzungen. Die erste uns bekannte Gründung ist Briesenitz im
Kreis Deutsch-Krone (1577). Die Richtung des Einwandererstromes war
dieselbe wie bei den Holländern, die Netze entlang und die Warthe
aufwärts. Es wurden nicht nur ganze Dörfer angelegt, sondern die
Einwanderer setzten sich als Krüger, Müller, Schmiede auch mitten
zwischen die polnische Bevölkerung.
Der Unterschied gegen die frühere Siedelung liegt darin, daß nicht
mehr der König und die Klöster vorangehen, sondern daß der Adel
selbst zur Verbesserung seiner Einnahmen auf die Kolonisation kommt.
Die Abwanderung der polnischen Gutsbauern nach der Ukraine, die ja
schwer schädigend einwirkte, mag ebenso wie die Verwüstungen mancher
Landstrecken durch die Kriege mit zur Heranziehung der Deutschen
beigetragen haben. Die Gründung vollzog sich in ähnlicher Weise,
wie im 13. und 14. Jahrhundert, doch genossen die neuen Kolonisten
bei weitem nicht die Freiheiten ihrer mittelalterlichen Vorgänger.
Sie wurden zwar auch nach Magdeburgischem Recht, so wie man es in
den alten Urkunden vorfand, angesetzt, aber von vornherein mit viel
größeren Abgaben und Frondiensten belastet. Zwar richteten sich die
Ansiedelungsbedingungen sehr danach, ob der Betreffende als armer
Flüchtling oder als besitzender Mann kam; doch darf nicht außer
acht gelassen werden, daß die gutsherrliche Gerichtsbarkeit, die im
Mittelalter noch nicht bestand, allein schon genügt, um die Lage
ungünstiger erscheinen zu lassen. Die katholische Kirche verzichtete
den Protestanten gegenüber ebensowenig auf ihren Zehnten und auf
die Gebühren für alle kirchlichen Amtshandlungen, wie sie es an
Verfolgungen und Bekehrungsversuchen fehlen ließ.
Der Dreißigjährige Krieg führte dann auch zu einer neuen Belebung
der _Städtegründungen_. Zahlreiche Flugblätter der polnischen
Magnaten wurden in Schlesien verbreitet und die Protestanten zur
Ansiedelung aufgefordert. Schon ein Jahrhundert vorher, 1547, hatten
die Leszczyńskis für aus Böhmen vertriebene deutsche und tschechische
Protestanten die Stadt _Lissa_ begründet, die mit Fraustadt ein
hervorragender Sitz protestantischen Geisteslebens und durch den
Namen _Amos Comenius_, der seit 1628 hier seine bedeutendsten Werke
schrieb, weithin bekannt wurde. Diese Gründung, der Idee nach mit
den folgenden verwandt, steht aber vereinzelt da. Erst 1638 gründete
dann der Kastellan Przyjemski die Stadt _Rawitsch_. Bojanowo,
Schwersenz, Schlichtingsheim u. a. folgten. Auch in bereits bestehenden
Städten, namentlich in Fraustadt, fand ein lebhafter Zuzug statt.
Man kam ihnen auch in diesen Städten in aller Weise entgegen, denn
der Gewerbefleiß der Deutschen wurde gebührend geschätzt. Einzig
die Hauptstadt Großpolens, Posen, und Schrimm teilten sich in den
traurigen Ruhm, den protestantischen Zuzüglern das Bürgerrecht zu
verweigern und ihnen dadurch die Einwanderung zu erschweren. Schrimm,
im Mittelalter eine der bedeutendsten Städte Großpolens, sank für
immer zur Bedeutungslosigkeit herab, und auch Posen klagte: „Unsere
Stadt ist vom Schicksal so gerädert, daß ihr keine Sonne der Hoffnung
mehr leuchtet.”
_Posen_, das im Nordischen Krieg besonders schwer litt und dessen
_Kämmereidörfer_ gänzlich entvölkert waren, konnte sich auch nicht
entschließen, zu protestantischen Siedlern zu greifen, als es zu
deren Wiederbesetzung schritt. Darum haben wir hier wohl das einzige
Beispiel einer Ansiedelung süddeutscher katholischer Bauern aus der
Bamberger Gegend, die vom Jahre 1719 an vor sich ging. Parallel
damit geht auch eine schwäbische Stadtgründung, _Witkowo_, um 1740.
Im übrigen flaute die Einwanderung im 18. Jahrhundert bedeutend ab.
Doch lassen sich noch eine ganze Reihe von Dorfgründungen, bei denen
selbstverständlich wirkliche Holländer nicht mehr in Betracht kamen,
und Städtegründungen bzw. Einwanderungen in schon bestehende Städte,
sogar Verleihungen des Stadtrechts an solche neue deutsche Dörfer
nachweisen.
Der Grund für die Abnahme ist einerseits in den veränderten
Verhältnissen der Heimat zu suchen. Die Einwanderer waren im 17.
Jahrhundert ja größtenteils aus Ländern gekommen, die sich im 18.
Jahrhundert unter preußischer Herrschaft gerechter Regierung und
wachsenden Wohlstandes erfreuten. Dann aber schreckte auch die
zunehmende Unordnung in Polen vor einer weiteren Einwanderung ab,
denn die bereits bestehenden Siedelungen wurden erst im Nordischen
Kriege hart mitgenommen, und nachher setzten ihnen die inneren Kämpfe
übel zu, die uns in dem _Streit zwischen der „Familie” und der
„Partei”_ entgegentreten.
Nachdem nämlich unter August II. zwischen 1717 und 1733 von achtzehn
Reichstagen elf zerrissen worden, zwei ergebnislos verlaufen waren
und nur fünf zum Ziel geführt hatten, kam unter August III. außer
dem _Pazifikationsreichstag_ von 1736 überhaupt keine Tagung mehr zu
Ende. Gesetzgebung, Rechtsprechung, Finanzkontrolle, diplomatische
Verhandlungen, alles stockte. Es kam allen zum Bewußtsein, daß
es so nicht weiterginge. Dieser Einsicht verdankt wieder eine
Reihe von _Reformschriften_ ihre Entstehung -- wir haben solche
Schriften, darunter theoretisch recht wertvolle, schon aus den beiden
vorhergehenden Jahrhunderten kennen gelernt --, von denen die früheste
bedeutsame 1733 aus der Feder des Königs Stanisław _Leszczyński_
erschien: „Die freie Stimme, die die Freiheit sichert.” Unter seinem
Einfluß standen mit ihren Ideen die beiden Bischöfe Andreas und
Joseph _Załuski_. Großes Aufsehen erregte der „Brief eines polnischen
Landedelmannes an einen seiner Freunde aus einer anderen Landschaft”
(1740), der von Stanisław _Poniatowski_, dem Vater des nachmaligen
Königs, herrührte und neue Selbständigkeit des Staates forderte durch
Vermehrung des Heeres, Finanzreform, allgemeine Steuern, Hebung des
Handels und der Städte, Beschränkung des $Liberum veto$ usw. Auch der
bekannte Piarist Stanisław _Konarski_, der Schulreformer, trat als
Politiker auf den Plan mit seiner Schrift „Über eine erfolgreiche
Beratungsart” (1760-1763), die die Einführung der Majoritätsabstimmung
oder die Wahl zwischen Absolutismus und Teilung als die einzigen
Auswege bezeichnete.
Alle diese theoretischen Ratschläge traten zurück gegenüber den
praktischen _Versuchen_, die von den beiden großen Adelsparteien
unternommen wurden, den Potocki (an ihrer Spitze der Primas Theodor,
der Großkronhetman Joseph und später der Hetman Clemens Branicki),
genannt die „nationale oder patriotische Partei”, kurzweg die „Partei”,
und auf der anderen Seite den Czartoryski (an ihrer Spitze der
litauische Unterkanzler Michael, der kleinrussische Wojewode August
und ihr Schwager, der bereits erwähnte Stanisław Poniatowski). Die
Czartoryski hießen einfach die „Familie”. Aus eigener Kraft glaubte
keine von beiden Parteien dem Lande helfen zu können. Die „Familie”
lehnte sich daher an Rußland an, die „Partei”, durch Grundbesitz,
Verwandtschaft und Ruhm weit mächtiger, an Frankreich, die Türkei und
Schweden. Dabei bekämpften sie sich aus „Vaterlandsliebe” mit einer
Erbitterung und mit einer Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel,
die vielleicht nur in der Geschichte der italienischen Renaissance
ihresgleichen findet.
Auf die Einzelheiten einzugehen, würde zu weit führen. Es verdient
nur hervorgehoben zu werden, daß die Potocki bereits während des
österreichisch-russischen Türkenkrieges von 1737 bis 1739 eine gegen
den russischen Einfluß gerichtete Generalkonföderation im Verein mit
der Türkei zustande zu bringen versuchten, daß die Czartoryski und
der Hof aber den Reichstag zerrissen, daß umgekehrt die Pläne der
„Familie” und des Hofes auf Beteiligung Polens an den Schlesischen
Kriegen von der „Partei” vereitelt wurden, und daß 1749 diese
Streitigkeiten sogar die Einsetzung des Tribunals von Petrikau
verhinderten, das erstemal seit Einführung der Tribunale, so daß
die Krone Polen ein ganzes Jahr lang ihres obersten Gerichtshofes
entbehrte und die Rechtspflege ruhte.
Eine entscheidende Wendung zugunsten der Czartoryski, der
„Familie”, trat 1763 mit der Thronbesteigung _Katharinas_ II.
ein, denn der junge _Stanisław August Poniatowski_, ein
schöner und begabter, aber liederlicher junger Mann, hatte als
sächsischer Gesandter in Petersburg Gnade vor Katharinas Augen
gefunden, und Katharina versicherte die „Familie” ihrer Gunst. Sie
gingen nunmehr daran, unter Rußlands Protektion eine Konföderation
zur gewaltsamen Einführung von Reformen zu bilden. Schon lief das
Manifest, das zur Konföderation auffordern sollte, durchs Land,
schon rückten russische Truppen ein, als der am 1. Oktober 1763 zu
Dresden erfolgte Tod Augusts III. beide Parteien zum Wahlkampfe
rief.