Das kursächsische Zeitalter.
Die Vorgänge, die zur neuen Königswahl führten, sind wohl das
Unsittlichste und Widerlichste, was in dieser Beziehung in Polen
geleistet wurde. Die Kandidaten, die zunächst in Betracht kamen,
waren Jakob Sobieski, von Österreich unterstützt, und Ludwig de
Conti. Die Krone aber gewann keiner von beiden, sondern derjenige,
der zuletzt als Bewerber auftrat und noch volle Taschen hatte, als
die anderen nicht mehr genug Geld zur Bestechung besaßen, _Friedrich
August der Starke, Kurfürst von Sachsen_. Der Primas nominierte zwar
Conti, aber die sächsische Partei, der auch die Anhänger Jakobs
zugefallen waren, ließ durch den Bischof von Kujawien Friedrich
August ausrufen. Da er schon an der Grenze mit einem Heere bereit
stand, so rückte er sofort ins Land und ließ sich durch den Bischof
von Kujawien in Krakau krönen. Conti, der mit einer Flotte vor Danzig
erschien, gab seine Sache verloren und kehrte nach Frankreich zurück.
Friedrich August, als König von Polen _August_ II. genannt (1697-1733),
gewann auch seine Gegner bald durch reichliche Geldspenden. Er war in
den despotischen Traditionen eines mittleren deutschen Hofes, der in
politischer wie sittlicher Beziehung seinen höchsten Ehrgeiz in die
Nachahmung des „Sonnenkönigs” setzte, großgeworden und nicht gewillt,
diesen Traditionen zu entsagen.
Um die Königskrone zu erlangen, hatte er sein Land ausgesogen und
den Katholizismus angenommen. Nicht nur war er durch den Übertritt
der Tradition seines Hauses untreu geworden, sondern auch jeder
Aussicht auf die Führung im evangelischen Deutschland hatte er
damit entsagt. Ob die Sachsen empfanden, welche Kriegsschäden und
welche Steuerlasten ihnen aus dieser Krone erwuchsen? Als der
Dankgottesdienst für die Erhöhung abgehalten wurde, da sangen die
Dresdener trotzig: „Ein' feste Burg ist unser Gott”! Aber die
Mißstimmung in Sachsen war dem neugebackenen König einerlei, und
vollends für die deutschen Aufgaben seines Hauses hatte er nie Sinn
gehabt. Aber ebensowenig Sinn hatte er für seine Aufgaben in Polen.
Ohne Liebe kam er ins Land, und um seiner eitlen Titelsucht zu
genügen, hat er es dreimal verraten, indem er die Teilung vorschlug.
Doch muß man anerkennen, daß er auf dem richtigen Wege war, als er
den Absolutismus in Polen einzuführen suchte. Nur freilich war er
nicht der rechte Mann dazu, sondern er vergriff sich in der Wahl
seiner Mittel.
Die sächsischen Truppen, die er mitgebracht hatte, schickte er mit
den Polen in den Türkenkrieg, in dem der Feldhetman Felix Potocki
1698 einen Sieg bei Podhajce errang. Im Frieden von _Karlowitz_
(1699) erntete er die Früchte der Anstrengungen seines Vorgängers
und der österreichischen Siege. Er erhielt Podolien und den von
den Türken besetzten Teil der Ukraine zurück mit der Zusicherung,
daß die tatarischen Einfälle aufhören würden. _Damit waren die
polnisch-türkischen Kriege für immer beendet._
Im nächsten Jahre riß er das Land in das verhängnisvolle Abenteuer
des _zweiten Nordischen Krieges_ (1700 bis 1721). Anstatt sich mit
Schweden gegen das emporstrebende russische Reich zu verbünden,
wiederholte er den Fehler des ersten Wasa, indem er in Rawa Ruska mit
dem aus Europa zurückkehrenden _Zaren Peter_ durch Vermittlung des
Livländers Johann Reinhold _Patkul_ vereinbarte, gemeinsam über den
jungen König Karl XII. herzufallen. Polen sollte Livland, Rußland die
baltischen Häfen zurückerhalten. Als Hintergedanke schwebte August
die Gelegenheit vor, seine Sachsen, deren er im Kampfe gegen den Adel
bedurfte, mit gutem Grunde im Lande zurückzubehalten. Nachdem noch
Dänemark in das Bündnis einbezogen worden war, eröffnete August den
Feldzug mit einem unvermuteten Einfall in Livland (1700).
Der Krieg nahm einen sehr unerwarteten Verlauf. Noch 1700 mußte
Dänemark Frieden schließen, Peter wurde bei Narwa, die Sachsen bei
Riga geschlagen. Karl nahm Kurland in Besitz, drang durch Litauen
vor und forderte schon 1701, _im selben Jahre, in dem sich Friedrich
III. zu Königsberg die preußische Krone aufs Haupt setzte_, von den
polnischen Ständen die Absetzung Augusts. Die Stände erklärten, daß
sie durchaus keinen Krieg mit Schweden führten, sondern daß es sich
um ein Privatunternehmen Augusts handle, aber Karl nahm als Antwort
_Warschau_. August selbst suchte Frieden, _indem er dem Sieger eine
Teilung Polens vorschlug_. Der Schwede lehnte ab, schlug 1702 die Polen
und Sachsen bei Kliszow, nahm _Krakau_ und im folgenden Jahre nach dem
Siege bei Pultusk den Hauptwaffenplatz Augusts, _Thorn_.
Nun waren die Magnaten mit dem Primas an der Spitze zur Übergabe
bereit. Sie bildeten, hauptsächlich Großpolen, eine _Konföderation
zu Warschau_ und erklärten August als Landesschädling des Thrones
für verlustig. Dieser bildete zu _Sandomir eine Gegenkonföderation_,
und so brach 1704 der Bürgerkrieg aus. Um seinen voraussichtlichen
Gegenkandidaten Jakob Sobieski unschädlich zu machen, ließ August ihn
wider alles Völkerrecht zu Ohlau in Schlesien festnehmen und mitsamt
seinem Bruder Konstantin als Gefangenen nach dem Königstein bringen.
Auch ließ er in Berlin _eine Teilung Polens_ zwischen ihm, Preußen,
Rußland und Dänemark vorschlagen, wenn man ihm Hilfe gewähren wolle.
Inzwischen wurde angesichts des schwedischen Heeres zu Warschau der
Wojewode von Posen, _Stanisław Leszczyński_ (1704-1709) zum Könige
gewählt, den Karl selbst vorgeschlagen hatte. Als die Schweden aber
nach Rot-Rußland zogen und Lemberg nahmen, bemächtigte sich August
Warschaus. Mit unglaublicher Schnelligkeit kehrte Karl aus dem Süden
zurück und trieb den flüchtigen Sachsen bis zur Grenze Schlesiens vor
sich her. 1705 ließ er die _Krönung_ des neuen Königs vollziehen, der
mit ihm ein Bündnis schließen mußte, dann vertrieb er die Russen aus
Litauen und Rotrußland (1706). Im gleichen Jahre fiel er -- August war
wieder in Litauen erschienen -- in Sachsen ein und erzwang den _Frieden
zu Altranstädt_, in dem August der polnischen Krone entsagte, die
Sobieskis freigab und Patkul auslieferte, der hingerichtet wurde. Der
Kaiser, Brandenburg, England und Holland erkannten Stanisław als König
an.
Die allzu lange Beschäftigung mit dem minderwertigen Gegner war
verfehlt gewesen. Als Karl sich wieder nach Osten wandte, hatte Peter
fast ganz Polen in Besitz genommen. Auf dem abenteuerlichen Zug mit dem
_Hetman Mazepa_ in die Ukraine erlitt der kühne Schwede die schwere
Niederlage von Poltawa (1709), nach der er auf türkisches Gebiet
flüchtete. August kehrte nach Polen zurück, indem er den Vertrag
von Altranstädt als erzwungen erklärte. Leszczyński mußte nach
Schwedisch-Pommern fliehen, während August mit dem Zaren einen neuen
Vertrag schloß, in dem er ihm Livland abtrat, zu dessen Wiedererwerbung
er den Krieg begonnen hatte! Inzwischen hatte Karl die Türken zum
Kriege mit Rußland aufgehetzt und selbst in tollkühnen Ritten Pommern
erreicht. Von der Walachei und von Pommern aus begann er nun den Krieg
gegen August von neuem. Doch wurde Johann Grudziński, den er mit 4000
Reitern nach Polen geschickt hatte, bei _Kalisch_ durch den Zaren und
die Sachsen geschlagen (1712). Die Ereignisse in der Heimat forderten
seine Anwesenheit, und so endete für Polen die Beteiligung an dem
Nordischen Kriege, der sich bisher zum größten Teil auf seinem Boden
abgespielt, ihm außer der Schmach unendliche Verwüstung und die Pest
gebracht hatte. Namentlich der Ruin der Städte im westlichen Teil des
Landes war vollendet. Posen und Krakau fielen in Trümmer, während die
preußischen Seestädte sich zusehends hoben. Dem Gegenkönig wies Karl
seinen Stammsitz Zweibrücken zur Residenz an (1714). Die geheimnisvolle
Kugel, die den Kriegshelden vor Friedrichshall 1718 niederstreckte,
setzte auch seinen Zukunftsplänen wider Polen ein Ziel, und der
_Vertrag zu Nysted_ brachte 1721 auch formell den Frieden, _aus dem
Rußland als neue europäische Großmacht hervorging_.
Für Polen aber hatte sich noch vor dem Tode Karls XII. eine
andere und gänzlich unerwartete Folge aus dem Kriege ergeben. Die
Anwesenheit der sächsischen Söldner, die Lieferungen, die für sie
verlangt wurden, die Gewalttaten, die sie begingen, die Beschränkung
der persönlichen Freiheit, die der König mit ihrer Hilfe durchführte
(er schickte eine ganze Reihe von Senatoren und Edelleuten auf den
Königstein), die sich immer deutlicher enthüllenden absolutistischen
Pläne des Königs riefen eine wachsende Erbitterung hervor. Dazu
kam, daß der König aus Scheu vor dem „freien” Reichstag noch immer
Konventikel der ihm ergebenen Konföderation von Sandomir abhielt und
im Jahre 1712 die _Vertagung des Reichstages_ einführte, wodurch die
Eröffnungsformalitäten erleichtert, die Zerreißung erschwert wurde
-- ein Mittel der Verlängerung der Session, das später noch häufig
angewendet wurde. Schon 1713 hatte es unter den polnischen Truppen
über alledem Unruhen gegeben.
1715 aber kam die allgemeine Unzufriedenheit des über seine
Freiheiten, deren er nicht wert war, eifersüchtig wachenden Adels in
der _Generalkonföderation von Tarnogrod_ zum Ausbruch, deren Haupt
Stanisław Ledochowski war. Ihr Ziel war die Vertreibung der sächsischen
Truppen, und da die zahlreichen Anhänger Leszczyńskis zu ihr stießen,
so ward sie gefährlich. Doch behielt der Feldmarschall Fleming die
Oberhand, bis die Konföderierten Peters des Großen Vermittelung
anriefen, der gerade in Danzig war. August, der bei seiner Partei nicht
genügende Unterstützung fand, mußte diese Vermittelung hinnehmen.
So schickte Peter den Fürsten Dolgorukij als Friedensstifter. Als die
Verhandlungen zu keinem Ergebnis führten, gaben ihnen 18000 Russen
unter Rönne den erforderlichen Nachdruck. Auf diese Weise kam das
_Einvernehmen von Warschau_ zustande, in dem der erbärmliche Sinn des
Adels und der russische Einfluß über die immerhin auf eine Gesundung
hinzielenden Pläne des Königs siegten, in der die Selbständigkeit
des Vaterlandes der Selbständigkeit des Individuums geopfert wurde.
Innerhalb 25 Tage hatten die sächsischen Truppen das Land zu räumen;
beide Konföderationen, die von Sandomir und die von Tarnogrod,
wurden aufgelöst, für die Zukunft alle Konföderationen verboten; die
Befugnisse des Hetmans, die im Falle von Unruhen gefährlich werden
konnten, wurden auf die reine Befehlshabergewalt beschränkt, während
die Armeeverwaltung auf die Finanzbehörden überging; eine allgemeine
Amnestie wurde gewährt. In einem geheimen Vertrage aber, und das war
das Schlimmste, wurde bestimmt, daß das Heer der Krone auf 18000, das
Litauens auf 6000 beschränkt werden sollte. Diese Vereinbarung, deren
Innehaltung der Friedensstifter natürlich zu überwachen gedachte,
sollte der _Pazifikations-Reichstag_ ohne Debatte annehmen. Das geschah
durch den nur sogenannten _stummen Reichstag_ zu Warschau. Durch
die sechsstündige Tagung vom 31. Januar 1717 war eigentlich Polens
Schicksal schon besiegelt. _Die russischen Truppen haben seitdem den
polnischen Boden nicht mehr verlassen, und es handelte sich nur noch
darum, ob Rußland die Beute allein gewinnen werde oder sie mit anderen
teilen müsse._ An Reformen war nicht mehr zu denken, denn das Verbot
der Konföderationen, durch die allein Reformen hätten eingeführt
werden können, verbot auch die Reformen, die ja nicht im Interesse des
Nachbars gelegen hätten.
Auch in anderer Richtung scheiterten die Pläne Augusts. 1711 war der
Herzog von _Kurland_, Friedrich Wilhelm, für den sein Onkel Ferdinand
die Regentschaft führte, kinderlos gestorben. August bemühte sich,
die Hand seiner Witwe Anna Iwanowna, der Nichte Peters, und damit die
Thronfolge für seinen natürlichen Sohn, den berühmten Marschall Moritz
von Sachsen zu erwerben. Tatsächlich wurde Moritz auch gewählt und von
Katharina I. anerkannt. Da aber der Reichstag die Vereinigung Kurlands
mit Polen nach dem Tode des rechtmäßigen Erben, Ferdinands, verlangte,
und Menschikow während der Minderjährigkeit Peters II. 1727 Moritz
vertrieb, so mußte August von seinen Plänen abstehen. Ebensowenig
konnte er die polnische Thronfolge seines ehelichen Sohnes Friedrich
August bei den Mächten zur Anerkennung bringen. Denn Friedrich August
hatte eine Tochter Kaiser Josephs I. zur Frau, die unter Umständen zur
Erbfolge in Österreich berufen war, und August wollte infolgedessen der
Pragmatischen Sanktion nicht zustimmen. Er schlug als letztes Mittel
am Berliner Hof nochmals eine _Teilung Polens_ vor, und Friedrich
Wilhelm I. war geneigt, darauf einzugehen, als August 1733 während
eines Reichstages zu Warschau verstarb.
Der stärksten Sympathie in Polen erfreute sich Stanisław Leszczyński,
der Kandidat Frankreichs, für den die beiden mächtigsten Parteien
im Lande, die Czartoryski sowohl wie die Potocki, eintraten. Aber
schon auf dem Konvokationsreichstage erklärten die Gesandten
Rußlands und Österreichs, daß sie seine Wahl nicht zulassen würden.
Gemeinsam mit Preußen forderten sie die Wahl Friedrich Augusts, der
inzwischen die Pragmatische Sanktion anerkannt und die Belehnung
des russischen Kandidaten mit Kurland zugesagt hatte. Kurz vor
dem Wahltermin rückten 40000 Russen in Polen ein. Trotzdem wurde
Stanisław Leszczyński fast einstimmig gewählt. Doch was bedeutete
diese Willensäußerung gegenüber den Bajonetten von 40000 Russen?
Leszczyński mußte nach Danzig flüchten, und auf einem neuen Wahltage
erfolgte die Wahl Friedrich Augusts. Darüber kam es zwischen
Österreich und Frankreich zum sogenannten Polnischen Erbfolgekrieg,
im Lande zur _Generalkonföderation von Dzikow_ (bei Sandomir)
unter Adam Tarło. Doch die Konföderation hatte keinen Erfolg, und
Frankreich mußte Leszczyński preisgeben, der 1735 auf Lebenszeit
Herzog von Lothringen und Bar wurde. Er residierte in Nancy, regierte
weise und wirkte aus der Ferne durch Schriften und durch die
Diplomatie für sein Vaterland, dem er an seinem Hof Reformatoren zu
erziehen versuchte. Er starb 1766.
_Friedrich August_ III. (1734-1763) weilte wenig in Polen, solange
nicht die Schlesischen Kriege ihn dazu zwangen, und überließ in
seiner Indolenz die Leitung der polnischen Politik erst dem Fürsten
Sułkowski, dann seinem Minister Brühl, der in Polen ein reicher Mann
wurde. An den großen Kriegen jener Zeit beteiligte sich Polen nicht,
doch hat es genug darunter gelitten. Im _österreichisch-russischen
Türkenkriege_ zogen die Russen durch Polen, das gemäß dem Versprechen
Friedrich Augusts im Jahre 1737 die _Belehnung Birons mit Kurland_
zulassen mußte. Im _Siebenjährigen Kriege_, an dem Friedrich August ja
als Kurfürst von Sachsen ebenfalls beteiligt war, standen die Russen
ständig in Polen, wo sie ihre Magazine anlegten und von wo sie gegen
Preußen operierten. Infolgedessen drang auch der große König mehrmals
in Polen ein, nahm die russischen Magazine weg, legte Kontributionen
auf, ja steckte sogar polnische Bauern in sein Heer.
Noch einmal winkte in dieser trüben Zeit die Hoffnung, wenigstens
_Kurland_ zurückzuerlangen, als nämlich Elisabeth den Herzog Biron
nach Sibirien schickte und Friedrich Augusts Sohn Karl zum Herzog
gewählt wurde. Aber 1762 starb Elisabeth, und die große Katharina
führte Biron mit Gewalt auf den Herzogsstuhl zurück. Überhaupt
brachte der russische Thronwechsel eine völlige Umwälzung der Lage in
Polen hervor. Friedrich August, der sich immer auf Rußland gestützt
hatte, starb jedoch, ehe diese Umwälzung wirksam in Erscheinung
treten konnte, im Jahre 1763.