9. Kapitel.

Die Personalunion mit Litauen.

Als Sigismund, der mit einem kleinen Heere von Brandenburg heranzog,

die Kunde von Ludwigs Tode erhielt, beeilte er sich, sich huldigen

zu lassen. Aber die Großpolen stellten gewisse Bedingungen, auf

die er nicht eingehen wollte, und traten infolgedessen in Radomsko

(unweit Petrikau) zu einer Beratung zusammen. Hier schlossen sie die

_erste Konföderation_ und verpflichteten sich, diejenige Tochter

Ludwigs zu unterstützen, die in Polen ihren Wohnsitz nehmen werde.

Man wollte nicht fernerhin ungarischer Vasallenstaat bleiben. Auf

dem kurz danach stattfindenden Wahlkolloquium in Wiślica traten auch

die Kleinpolen der Radomsker Konföderation bei. Sigismund mußte

unverrichteter Dinge das Land verlassen, denn seine Braut Maria war

inzwischen von den Ungarn zum König gewählt worden.

In Polen aber bildeten sich drei Parteien: die eine, mit dem Hause

Grzymała an der Spitze, hielt fest zu Sigismund; die andere,

unter dem Posener Wojewoden Vinzenz von Kępa, verteidigte die

Konföderation; die dritte endlich, mit dem Hause Nałęcz, wollte den

Kaschauer Vertrag umstoßen, um wieder einen Piasten auf den Thron

zu bringen. Ihr Kandidat war Ziemowit IV. von Masowien. Es kam zum

Bürgerkriege.

Inzwischen hatte die Witwe Ludwigs, Elisabeth, entsprechend dem

Kaschauer Vertrag ihr Ernennungsrecht ausgeübt, Maria und Sigismund

zurückgesetzt und Hedwig zur Königin von Polen bestimmt. Die Partei

der Grzymała schlug sich sofort auf ihre Seite. Ziemowit aber, den

der Erzbischof Bodzanta von Gnesen zum König ausrief, versuchte

nunmehr mit der Krone zugleich die Hand Hedwigs zu erlangen. Doch

zwang ihn ein ungarisches Heer unter Sigismund zur Abdankung. Noch

zögerte Elisabeth mit der versprochenen Entsendung Hedwigs, denn die

Prinzessin war erst 13 Jahre alt. Erst als die Polen, der Anarchie

im Innern müde, sich zu einer neuen Tagung in Sieradz versammelten,

um einen anderen Monarchen zu wählen, erschien Hedwig in Krakau. Am

15. Oktober 1384 wurde sie zum „_König_” von Polen gekrönt. Damit

erreichte das Interregnum sein Ende.

Nun erhob sich aber die neue Frage, wen _Hedwig_ (1384-1399) zum Gemahl

wählen sollte. Ihr Bräutigam, Wilhelm von Österreich, wollte sie nicht

freigeben. Den polnischen Herren paßte der Deutsche aber ganz und gar

nicht. Namentlich die Blicke der Kleinpolen richteten sich auf Litauen.

Mit diesem Lande mußte man sich über die kleinrussische Frage und über

den Zugang zum Schwarzen Meere verständigen. Mit ihm hatte man die

Feindschaft gegen den Deutschen Orden gemeinsam. Eine Konkurrenz auf

wirtschaftlichem Gebiete war nicht zu befürchten. Dagegen mußte die

wilde Kraft seines Volkes als ein willkommener Zuwachs polnischer Macht

betrachtet werden. Andererseits suchte man auch auf litauischer Seite

Anlehnung, denn die furchtbaren Kämpfe gegen den Orden hatten das Land,

damals das Zentrum Osteuropas und weit größer als Polen oder Moskau,

doch geschwächt.

Schon wenige Monate nach Hedwigs Krönung erschien daher eine litauische

Gesandtschaft in Krakau und warb für den Großfürsten _Jagiello_,

Olgerds Sohn (1387-1434), um Hedwig. Durch die Drohungen der polnischen

Großen und die Überredungskünste der Geistlichen gezwungen, nahmen

Hedwig und ihre Mutter Elisabeth die Werbung an. Die Bedingungen, die

die polnischen Magnaten dem Litauer gestellt hatten und die er im

_Vertrage von Krewo_ annahm, waren weitgehend genug. Er versprach, sich

mit seinem ganzen Hause und Volke taufen zu lassen, die verlorenen

Länder dem Reiche auf eigene Kosten wiederzuerobern, die Privilegien

zu schützen und zu achten, alle polnischen Gefangenen freizugeben,

dem Herzog Wilhelm ein Reugeld von 200000 Gulden zu zahlen und vor

allem seine litauischen und russischen Länder auf ewige Zeiten mit

Polen zu vereinigen. Diese Länder aber waren außer Litauen: Weiß- und

Schwarzrußland, Polesie, die Ukraine, der größte Teil von Polasie,

Wolhynien und Podolien, ein Gebiet, dreimal so groß als Polen.

Der Vertrag, der das große Reich zu einem Vasallenstaat, zu einer

polnischen Provinz herabdrückte, war so einseitig und überwiegend

für Polen günstig, daß er vielleicht nur aus der Eitelkeit

und Selbstsucht Jagiellos, der gern König heißen wollte, ganz

zu verstehen ist. Es blieben von den drei großen Staaten des

europäischen Ostens nur noch Polen und das Moskowitische Rußland

übrig. Zwischen ihnen mußte früher oder später der Kampf um die

Vorherrschaft entbrennen.

Am 12. Februar 1386 zog Jagiello in Krakau ein, am 15.

wurde er mit einigen seiner Brüder getauft. Pate war Władysław von

Oppeln, da der Hochmeister die Übernahme in richtigem Instinkte

abgelehnt hatte. Nach dem Paten erhielt er in der Taufe den Namen

_Władysław_, als König seines Namens der Zweite in Polen. Am 18.

Februar folgte die Heirat, vierzehn Tage später die Krönung. Doch

war Jagiello vorläufig nur Reichsverweser.

Zuerst war der Widerstand Groß-Polens zu brechen. Dann ging es

nach Wilna zurück, wo er im Januar 1387 mit seinen Missionaren,

meist Franziskanern, die schon länger in Litauen tätig waren,

eintraf. Mit Geschenken und Lebensmitteln nicht minder als mit

Drohungen wurde das Volk dem Christentum günstig gestimmt. 30000

Menschen wurden bis zum Frühjahr getauft. (Das gemeine Volk

erhielt gruppenweise denselben Namen zur Abkürzung des Verfahrens,

ähnlich wie seinerzeit unter Wladimir I. in Kijew.) Den Bojaren,

die zum katholischen Christentum übertraten, verlieh der

Großfürst-König unterm 20. Februar 1387 eine Anzahl von

_Freiheiten_, die erkennen lassen, wie absolutistisch

bisher die Fürstenmacht im Lande war: sie durften fortan über ihre

Güter und ihre Familie verfügen, wurden von der Fron befreit und

mit einem geordneten Gerichtsverfahren nach polnischem Muster

begabt. Die völlige Gleichstellung mit der polnischen Szlachta

bildete von jetzt ab das Ziel des litauischen Adels. In Wilna

wurde ein eigenes Bistum für Litauen eingerichtet. Doch ist nicht

außer acht zu lassen, daß Samogitien vorläufig beim Heidentum, die

russischen Gebietsteile aber bei der griechischen Kirche

verblieben. Gleichzeitig regelte Jagiello auch die Verwaltung

Litauens, indem er seinen Bruder _Skirgiello_ zum Statthalter

einsetzte. Dann kehrte er nach Krakau zurück.

Die ganze osteuropäische Geschichte nahm nunmehr eine andere Wendung.

Nachdem Litauen, wenn auch nur oberflächlich, christianisiert worden

war, hatte der _Deutsche Orden_ seine Daseinsberechtigung als Orden

(doch nur als solcher) verloren. Er durfte in seinen weiteren

Kriegszügen gegen die Litauer und in seinen Händeln mit Polen nicht

mehr auf die Sympathie des Papstes und auf Zuzug von der westlichen

Ritterschaft rechnen. Da ferner bei dieser neuen Personalunion Polen

der höher stehende Teil war, stieg sein während der ungarischen

Zeit gesunkenes Ansehen wieder gewaltig. Das zeigte sich nicht nur

darin, daß die nordrussischen Teilfürsten dem König huldigten und

daß Rot-Rußland, von Ludwig zu Ungarn geschlagen, Hedwig den Treueid

leistete, sondern noch mehr in dem Übertritt der Hospodare der Moldau

(1387), der Walachei (1389), der Wojewoden von Bessarabien (1396) und

Siebenbürgen aus dem ungarischen ins polnische Vasallenverhältnis.

Damit war nicht nur die polnische _Einflußsphäre_ bis zum Schwarzen

Meere ausgedehnt, sondern auch der _Handel_ der galizischen Städte,

namentlich Lembergs, gewann unermeßliche Vorteile.

Anderseits kam durch die Vereinigung einer starken

griechisch-orthodoxen Bevölkerung mit der Krone Polen ein ganz

neues Moment in die Beziehungen der östlichen Welt. Hatten schon

die Katholisierungsversuche Ludwigs in Kleinrußland Unzufriedenheit

erregt, so mußte die einseitige Bevorzugung der römischen Christen

auch in Weiß- und Schwarzrußland Unwillen und Opposition hervorrufen,

nicht minder aber in Litauen, wo viele Bojaren und Verwandte

Jagiellos orthodox waren, unter anderen Skirgiello. Polen in seinen

ursprünglichen Grenzen konnte ebenso wie der Westen auf dem römischen

Katholizismus als Staatsreligion basieren, weil es dort fast kein

anderes Bekenntnis mehr gab. Nicht so das erweiterte Reich, dessen

Festigung schon durch die Mannigfaltigkeit der Nationen erschwert

wurde. Eine derartige Politik mußte Konstantinopel sowohl wie

später den Moskauer Großfürsten, der sich als den Rechtsnachfolger

des Basileus betrachtete, in Gegensatz zu Polen bringen, mußte den

Moskowitern einen Stützpunkt innerhalb des Reiches schaffen.

Zunächst äußerten sich die Folgen freilich anders. _Witold_

(1382-1430), Kejstuts Sohn, der Vetter Jagiellos, ein weitschauender,

energischer und tatkräftiger Mann, war Teilfürst von Grodno

geworden, strebte aber, dem Vetter sich überlegen fühlend und mit

der Unterordnung der Heimat unter Polen unzufrieden, nach der

Großfürstenwürde. Er stachelte den Orden gegen Litauen auf, der von

1390-1392 unter _Konrad Wallenrod_ das Land verwüstete. Da gleichzeitig

die Litauer im Aufstande waren, sah sich der König veranlaßt, in einer

Zusammenkunft zu Ostrow Witold dadurch auf seine Seite zu ziehen, daß

er ihn an Stelle Skirgiellos zum Statthalter Litauens machte (1392).

Nun war der Aufstand bald gedämpft, auch der Orden zurückgedrängt. Aber

dafür ließ Witold sich 1398 zum Großfürsten ausrufen. Das bedeutete die

Zerreißung der Personalunion, der Grundlage von Jagiellos Königswürde.

Offenbar strebte Witold nicht nur dahin, Litauen wieder unabhängig zu

machen, sondern er wollte sich auch die Vorherrschaft in Osteuropa

sichern. Diesem Zwecke dienten seine Züge gegen die Tataren von der

Goldenen Horde, die anfangs glücklich waren, aber 1399 mit der schweren

Niederlage an der _Worskla_ (an der später auch die Schlacht von

Poltawa geschlagen wurde) endigten. Bis nach Łuck drangen damals die

Scharen Timur Kutluks vor.

Damit waren Witolds Hoffnungen zunichte geworden. Er vertrug sich mit

dem König, der ihm die Großfürstenwürde mit der Einschränkung verlieh,

daß nach seinem Tod Litauen an die Krone zurückfallen sollte. Witold

seinerseits verpflichtete sich zur Unterstützung Polens und leistete

den Huldigungseid. Die Bojaren schlossen sich dem an (Wilna 1401). Die

polnischen Magnaten hingegen verpflichteten sich im gleichen Jahre

zu Radom, Litauen Beistand zu leisten und nach Jagiellos Tode ohne

Litauens Vorwissen keinen König zu wählen. So war der Personalunion von

1386 die förmliche _staatsrechtliche Union_ gefolgt.

Die gegenseitige Unterstützung, die man sich versprochen hatte,

sollte zuerst gegen den _Deutschen Orden_ erprobt werden. Die

Grenzstreitigkeiten mit den Rittern hatten nämlich ununterbrochen ihren

Fortgang genommen, wenn auch bei Lebzeiten Hedwigs, die, wie ihr Vater,

eine Freundin des Ordens war, und des friedfertigen Hochmeisters Konrad

von Jungingen auf beiden Seiten offene Feindseligkeiten vermieden

wurden. Aber Hedwig starb 1399, Konrad 1407. Nachfolger wurde sein

kriegerischer Bruder Ulrich, der sich wohl bewußt war, daß er mit dem

nunmehr vereinten Polen und Litauen einen entscheidenden Waffengang

auszufechten habe.

1409 kam es zum offenen Bruch, doch vertrug man sich auf Betreiben

König Wenzels von Böhmen noch einmal nach einem kurzen Feldzuge.

Den Waffenstillstand benutzte man auf polnischer Seite zu eifrigen

Rüstungen. Der Orden war noch immer die erste Militärmacht Europas,

die einzige, die innerhalb vierzehn Tagen mobil machen konnte, mit

Artillerie vortrefflich ausgerüstet, in andauernden Feldzügen erprobt.

Die Polen und Litauer mußten also suchen, durch numerische Übermacht

ihre qualitative Minderwertigkeit auszugleichen. Sie warben husitische

Söldner unter dem später berühmten Johann Ziska, zogen die Russen

heran und verbündeten sich gegen den christlichen Ordensstaat mit

den erbitterten Feinden des Christentums, den Tataren. Die Hilferufe

der Ritter verhallten vergebens. Nur geringer Zuzug ward ihnen aus

Deutschland, das von Wahlstreitigkeiten und Konzilvorbereitungen zu

sehr in Anspruch genommen war, als daß es für den Grenzposten im

Nordosten Interesse haben konnte.

Ein folgenschwerer Fehler, nicht nur in politischer Beziehung!

Wenngleich nämlich der Orden nach der offiziellen Abkehr Litauens

vom Heidentum seine ursprüngliche Aufgabe gelöst hatte, so hatte er

doch nicht, wie von slawischer Seite gern ausgeführt wird, überhaupt

seine Existenzberechtigung verloren. Denn er war schon längst der

vornehmste und erfolgreichste Kulturbringer für den Osten geworden

und hatte als solcher noch lange nicht ausgewirkt. Es handelte sich

nicht nur darum, ob das Deutschtum oder das Slawentum herrschen,

sondern auch darum, ob die Kultur oder die Unkultur die Oberhand

behalten sollte.

Nach Ablauf des Waffenstillstandes brach 1410 von neuem der Krieg

aus. Am 15. Juli kam es bei _Tannenberg_ und _Grunwald_ zur

Entscheidungsschlacht, die Ulrich von Jungingen das Leben, dem Orden

den Ruf der Unüberwindlichkeit, dem Deutschtum den Osten kostete.

Das allzu feste Bauen auf den „Reichsvikar” Sigismund von Ungarn und

auf seine (auf Gelderpressung hinauslaufenden) Vermittlungsversuche,

das Verpassen des rechten Zeitpunktes zu einer Entscheidungsschlacht

(_vor_ der Vereinigung der Litauer, Russen, Tataren mit den Polen),

das ungünstig gewählte Schlachtfeld, das waren die Vorbedingungen

der Niederlage. Die Unmöglichkeit der Entfaltung der Artillerie, das

allzu ungestüme Nachdrängen hinter dem heillos geschlagenen Witold,

die Unbekanntschaft mit der Fechtweise zwischen die Reitermassen sich

drängender Fußgänger, der schändliche Verrat bei den preußischen

Landrittern und Städten, vor allem aber die geradezu erdrückende

Übermacht des östlichen Völkerchaos waren ihre unmittelbaren Ursachen.

Die Reste des Ordensheeres zogen sich nach der Marienburg zurück,

die Graf _Heinrich von Plauen_, der energische Komtur von Schwetz,

verteidigte, während Landritter, Städte und Bischöfe treulos die

Besatzungen der übrigen Burgen überwältigten und dem Könige

zufielen, Elbing und Danzig an der Spitze. Die Leiden, die das

unglückliche Land trotz dieser schnellen Übergabe auszustehen

hatte, waren unbeschreiblich. Im Dreißigjährigen Kriege ist in

Deutschland nicht ärger gehaust worden, als hier von Polen,

Litauern, Russen, Walachen und Tataren. Die blühende Kultur, die

hochstehende Volkswirtschaft, die unter der straffen Zucht des

Ordens erreicht worden waren, wurden mit einem Schlage vernichtet.

Das war freilich alles, was die slawische Flut vermochte, denn zur

taktischen Ausnutzung ihres Sieges war sie nicht imstande. In

unzählige plündernde, sengende, schändende Haufen zersplittert,

zerstreuten sich die Sieger über das Land. Unter den Belagerern

der Marienburg richtete die tapfere Besatzung, richteten Krankheit

und Hunger solche Verheerungen an, daß Jagiello klagte, er komme

sich vor, als sei er selber der Belagerte.

Und jetzt endlich kam dem Orden auch Hilfe, vom livländischen

Marschall sowohl, als aus den deutschen Balleien, denn die

Bestürzung über die Niederlage des Ordens war ebenso allgemein wie

die Empörung über die Verwendung der 30000 Tataren durch die

katholischen Polen. Der livländische Marschall eroberte das

preußische Niederland zurück, schnitt Witold von Litauen ab und

bedrohte die Belagerer der Marienburg. Der Tatarenkhan, die

günstige Gelegenheit nutzend, hetzte die Moskowiter zum Einbruch

in Litauen auf, so daß Witold mit den Trümmern seines Heeres

schleunigst auf dem Umwege durch Kujawien nach Hause zurückeilte.

Die masowischen Herzöge zogen ebenfalls ab. Die polnischen Herren

waren des Kriegführens müde, und der König war nicht reich genug,

um die in den Privilegien für Kriegsdienste außer Landes

festgesetzten Entschädigungen auf die Dauer zu zahlen. Am

8. September zwang ihm der livländische Marschall einen

Waffenstillstand für das Land östlich der Marienburg ab, und in

der dritten Septemberwoche mußte er die Belagerung aufgeben. Hätte

Ulrich von Jungingen die Polen nicht in dem Maße unterschätzt, wie

er es nach den früheren Kriegen glaubte tun zu dürfen, hätte er

die Livländer rechtzeitig in Litauen einfallen lassen und Söldner

herangezogen, dem Orden wäre der Unglückstag von Tannenberg und

Grunwald, der so auffallende Ähnlichkeit mit Jena und Auerstädt

und ihren Folgen zeigt, erspart geblieben.

Landritter und Städte wandten sich nunmehr ebensoschnell dem Orden

wieder zu, wie sie vorher abgefallen waren. Als vollends auch aus

Südpolen Nachrichten von ungarischen Erfolgen kamen, bequemte sich

der König zum _ersten Thorner Frieden_ vom 1. Februar 1411, der

für den Orden in Anbetracht der Schwere seiner Niederlage

überaus günstig zu nennen war. Der Orden gab seine Ansprüche auf

das Dobriner Land auf und überließ Samogitien Jagiello und Witold

auf Lebenszeit zu freiem Besitz. Nach ihrem Tode aber sollte es

wieder an den Orden zurückfallen. Die Polen räumten die wenigen

Burgen, die sie noch besetzt hielten, und gaben die Herzöge

Kasimir von Stettin und Konrad von Öls, die sie bei Tannenberg

gefangen hatten, gegen ein Lösegeld von 100000 Schock Prager

Groschen wieder frei. Trotz der späteren Erfolge des Ordens und

der ungarischen Drohungen kann man diesen Frieden ganz nur

verstehen, wenn man annimmt, daß auf slawischer Seite die eine

Partei ein Interesse daran hatte, den Orden nicht zu sehr zu

schwächen, um den Verbündeten im Schach zu halten. Wahrscheinlich

waren die Litauer diese Partei.

Von Dauer konnte der Frieden nicht sein, da die Polen sich

nicht entsprechend ihren Siegen entschädigt fühlten, namentlich

den ersehnten Zugang zur Ostsee nicht erreicht hatten, und da

andererseits der Orden nicht geneigt war, auf Samogitien, das

Bindeglied zwischen seinen preußischen und livischen Besitzungen,

zu verzichten. Heinrich von Plauen, Hochmeister geworden, rüstete

zielbewußt zu einem neuen Kriege. Ähnlich wie nach 1806 der Freiherr

vom Stein, suchte er die Kräfte des Landes durch eine innere

Reorganisation zu heben, Städte und Landritter an der Regierung

teilnehmen zu lassen, daneben den Orden von unwürdigen Mitgliedern

zu befreien. Zum Dank wurde er von den unzufriedenen Rittern unter

Führung des aufrührerischen Marschalls Michael Küchenmeister

schon 1413 seines Amtes entsetzt. Wieder war ein überaus günstiger

Zeitpunkt verpaßt, denn Polen, von der Pest heimgesucht, fürchtete

damals den Krieg. Aber auch Michael Küchenmeister konnte sich

der Notwendigkeit der Beendigung des „friedlosen Friedens” nicht

entziehen. 1414 lag man wieder zu Felde, beschränkte sich aber

beiderseits auf die üblichen Plünderungszüge. Ein Waffenstillstand

zu Strasburg gab diesem „Hungerfeldzug” seinen Abschluß. Er wurde

von Jahr zu Jahr verlängert, nur 1419 durch einen neuen Angriff der

Polen und Litauer unterbrochen, bis nach einem für Polen ungünstigen

Schiedspruch Kaiser Sigismunds 1422 von neuem gekämpft wurde. _Im

Frieden am Melnosee_ trat der Orden Samogitien endgültig ab, womit er

auf seine Zukunft verzichtete.

Den obenerwähnten Bestrebungen Witolds entsprach es, wenn er darauf

bedacht war, den Katholizismus in Litauen zu fördern, um mindestens

die Gleichstellung seines Landes mit Polen in der Union und in der

abendländischen Staatenwelt zu sichern. Aus diesen Gesichtspunkten

läßt sich die _Union von Horodlo_ (am nördlichen Bug) erklären, in

der 1413 in Gegenwart beider Fürsten die Magnaten und ein großer

Teil des Adels beider Reiche die frühere Union erneuerten und weiter

vereinbarten, 1. daß die katholischen Bojaren Litauens in die Wappen-

und Geschlechtsgemeinschaft polnischer Adelsfamilien adoptiert

wurden, womit sie auch deren sämtliche Vorrechte erhielten, 2. daß

die Verwaltung Litauens nach polnischem Muster ihre Regelung fand,

3. daß zur Beratung gemeinschaftlicher Angelegenheiten beider Reiche

gemeinsame Adelszusammenkünfte in Lublin oder Parczow (nordwestlich

von Lublin) stattfinden sollten. Diese wichtige Bestimmung legte das

Adelsparlament gesetzlich fest. Auch in anderer Beziehung war die

Union ein folgenschwerer Fehler, denn die einseitige Bevorzugung des

Katholizismus trieb die griechisch-katholischen Litauer nach Moskau.

Witold erkannte diese Gefahr und strebte nach einer Union mit Rom.

1415 berief er eine orthodoxe Synode nach Nowohorodok, die die

litauisch-russische Kirche unter dem Metropoliten von Kijew für

unabhängig erklärte. Ähnlich wie Kasimir der Große in Galizien, wollte

er auf diese Weise in Litauen und Klein-Rußland die Union vorbereiten.

1418 schickte er den Metropoliten Gregor Camblak von Kijew nach

Konstanz, um vom Konzil zu erreichen, daß die Orthodoxen seines Landes

gegen Unterwerfung unter die päpstliche Oberhoheit ihrem Kultus und

dem Gebrauch der slawischen Liturgie treu bleiben dürften. Doch kehrte

Camblak unverrichteter Sache zurück.

Wie verderblich das Fehlschlagen der Union war, zeigte sich nach dem

Tode Witolds (1430), der, obwohl ohne Leibeserben, bis zum letzten

Tage, vom Orden und Kaiser Sigismund unterstützt, nach der Königswürde

gestrebt hatte. Swidrigiello, selbst zwar katholisch, stellte sich

an die Spitze der orthodoxen Litauer und Kleinrussen, die entweder

politische Gleichstellung oder aber die Zerreißung der Union mit Polen

forderten. Sigismund, der gegen seinen Schwager von Polen niemals

verwandtschaftlich gehandelt hat, und der Orden verbündeten sich ihm,

der Hospodar der Moldau schloß sich ihm an. Doch wußte Jagiello die

katholische Partei unter den Litauern zu gewinnen, indem er durch die

_Union zu Grodno_ (1432) Witolds Bruder Siegmund auf Lebenszeit zum

Großfürsten einsetzte. Auch den Kleinrussen bewies Polen nunmehr ein

ähnliches Entgegenkommen, wie 1413 den Litauern. Ohne Unterschied der

Konfession wurden 1432 die kleinrussischen Edelleute mit den Freiheiten

begabt, deren sich die katholischen Litauer bereits erfreuten, und

diese letzteren nahmen die Kleinrussen in ihre Wappenverbände auf,

so daß fortan kein Unterschied zwischen polnischen, litauischen und

kleinrussischen Edelleuten bestand. Doch wurde der Krieg trotz mehrerer

polnischer Siege erst nach Jagiellos Tode beendigt, nachdem 1435

Swidrigiello und der livische Ordensmarschall bei Wilkomir geschlagen

worden waren.

Unter Władysław Jagiello erreichte Polen den Höhepunkt seiner äußeren

Macht. Daß es nicht noch mächtiger wurde, verhinderte die rohe,

sinnliche, verschwenderische, abergläubische und wenig tatkräftige

Natur des Königs. Diese Charaktereigenschaften machten ihn auch

unfähig, die inneren Angelegenheiten zu beherrschen. Unter ihm

trat die Umwandlung in eine oligarchische Monarchie ein durch die

zahlreichen Privilegien, die er verlieh und die zwar dem ganzen

Adel galten, zunächst aber nur den Großen des Reiches zugute kamen.

Besondere Bedeutung erlangte namentlich gegen Ende der Regierung

Jagiellos der Bischof von Krakau, _Zbigniew Oleśnicki_, Polens erster

Staatsmann.

Zu den uns bereits bekannten Privilegien kam durch die _Privilegien

von Czerwinsk_ a. Weichsel 1422, vor dem Feldzug jenes Jahres gegen

den Orden, und von _Jedlno_ (nördlich von Radom), 1430, bei den

Verhandlungen über die Thronfolge, das wichtige Recht „_$Neminem

captivabimus$_”, wonach Gefangensetzung und Güterkonfiskation nur auf

Urteilsspruch der Prälaten und Barone erfolgen durften. In diesen

Privilegien verpflichtete der König sich auch, keine neue Münze ohne

die Erlaubnis der Magnaten schlagen zu lassen. Es kam sogar so weit,

daß die Magnaten auf ihren Zusammenkünften die Angelegenheiten des

Reiches ohne den König ordneten.

Dem _Deutschtum_ in seinem Lande war der König natürlich nicht

freundlich gesinnt. Er förderte zwar das wirtschaftliche Gedeihen der

Städte und neue Gründungen, verlieh auch seiner Hauptstadt Wilna sofort

nach der Taufe deutsches Recht, erreichte aber, daß die Städte von

jeder politischen Betätigung ausgeschlossen blieben und in staatlicher

Beziehung in Ohnmacht versanken. Die Verpolung vieler Städte war die

notwendige Folge. Zu erwähnen ist noch die Umwandlung der Akademie zu

_Krakau_ in eine _Universität_, 1400, die den Bemühungen Hedwigs zu

danken war. Sie wurde eine wichtige Bildungsstätte für Polen, trug aber

in ihrer Gelehrsamkeit durchaus deutschen Charakter.

Jagiello starb 1434 zu Grodek. Er hinterließ von seiner vierten

Gemahlin, der russischen Fürstin Sophie Olschanskaja, die er als

dreiundsiebenzigjähriger Greis geheiratet hatte, zwei Söhne (ein

dritter war zu Lebzeiten des Vaters gestorben), den zehnjährigen

Władysław und den siebenjährigen Kasimir. Die Magnaten einigten sich

in Krakau, den älteren als König anzuerkennen und eine Regentschaft

einzusetzen. Die Verwaltung blieb in den Händen der Kleinpolen,

namentlich der Tęczyński und Oleśnicki mit dem Bischof von Krakau an

der Spitze.

Polnische Geschichte · 第 15 / 31 题