6. Kapitel.

Der Deutsche Ritterorden. Die Tataren.

In jenes Jahrhundert schwerer innerer Wirren fallen zwei Ereignisse,

die wir bisher, um die Thronstreitigkeiten im Zusammenhange

darstellen zu können, nur flüchtig gestreift haben: die Berufung des

Deutschen Ritterordens und die Einfälle der Tataren (Mongolen).

Der Erfolg des livländischen Ordens der Schwertritter veranlaßte

den Herzog Konrad von Masowien (den Bruder Leszeks des Weißen), für

sein von den heidnischen Preußen und Litauern schwer bedrängtes Land

eine ähnliche Gründung zu versuchen, nachdem zwei Kreuzzüge nach

Preußen (1219, 1222) erfolglos geblieben waren. Doch wurde dieser

„Christi-Orden”, nach dem ihm zu Eigentum verliehenen Schlosse Dobrzyn

auch „Dobriner Brüder” genannt, schon im ersten Kampfe mit den Preußen

fast bis zur Vernichtung geschlagen (1224).

Nunmehr lud Konrad die Deutschritter ein, die gerade damals durch

Andreas II. von Ungarn aus dem Burzenlande vertrieben wurden. Er schloß

mit dem Hochmeister Hermann von Salza einen Vertrag ab, wonach der

Orden ihm seine Hilfe gegen die Heiden versprach, dafür aber das Kulmer

Land und die noch zu erobernden Gebiete als Eigentum erhielt. Noch im

Jahre 1226 nahm der Orden beides von Friedrich II. als Reichslehen,

wodurch er sich die Unabhängigkeit von dem polnischen Fürsten

sicherte. Einen weiteren Schritt nach dieser Richtung hin taten die

Ritter 1234, nachdem sie bereits festen Fuß gefaßt hatten, indem sie

ihre Besitzungen Gregor IX. übergaben und von diesem als „Lehen des

heiligen Petrus” zurücknahmen, wodurch jede fremde Oberherrlichkeit

ausgeschlossen wurde.

1228 bezogen die ersten Ritter unter dem Landmeister Hermann Balk das

Schloß _Vogelsang_ bei Kulm. 1231 überschritten sie die Weichsel und

gründeten _Thorn_. 1234 erfochten sie mit einem großen Kreuzheere einen

glänzenden Sieg an der Sirgune, der ihnen Pomesanien sicherte. Im

gleichen Jahre nahmen sie den Rest der Dobriner Brüder und drei Jahre

später die Schwertritter auf, womit der Orden nicht nur in Livland

festen Fuß faßte, sondern auch die Möglichkeit gewann, die Preußen von

zwei Seiten zu bekriegen. Eine Reihe weiterer Kreuzzüge folgten dem

ersten, und die Eroberung des Landes, das von Anfang systematisch mit

Burgen besetzt und durch gute Straßen verkehrsfähig gemacht wurde,

nahm ihren steten Fortgang. Gleichzeitig wurde planmäßig mit deutschen

und teilweise auch mit polnischen Bauern und Bürgern kolonisiert. Das

Land nahm trotz der entsetzlich blutigen und grausamen Kriege einen

überraschenden Aufschwung. Und als 1283 der letzte im Felde stehende

Preußenhäuptling, Skurdo von Sudauen, seine Sache verloren gab und

nach Litauen floh, da war die Entwicklung gesichert. Die _Marienburg_,

seit 1309 der _Sitz des Hochmeisters_, wurde einer der glänzendsten

und kultiviertesten Fürstensitze ihrer Zeit, wo sich die Blüte des

europäischen Adels sammelte.

So war in einem halben Jahrhundert vom rechten Weichselufer bis

zum Peipussee ein deutsches Reich entstanden, das kulturell,

wirtschaftlich und technisch den beiden benachbarten Slawenreichen

überlegen war, sie vom Meere abschnitt und eine schwere Gefahr für

sie bedeutete. Zu den russischen Fürsten trat der Orden sehr schnell

in ein gespanntes Verhältnis, da er ebenso wie jene Absichten auf

Litauen hatte. Die Beziehungen zu Polen waren anfangs dagegen

durchaus freundlich. Die polnischen Fürsten beteiligten sich

sogar eifrig an den Heerzügen des Ordens: man hatte dort in den

kleinlichen inneren Kämpfen den Blick für die großen Interessen des

Landes verloren, wäre auch zu schwach gewesen, sie durchzusetzen.

Nach dem Verluste des Oderweges durch die Aufgabe Pommerns und die

Eindeutschung Schlesiens war nunmehr auch der Weichselweg für Polen

gesperrt. Sobald Polen wieder in geordnete Zustände gelangte, mußte

diese Unterbindung der Hauptverkehrsader zur Todfeindschaft wider den

Orden führen. Dieser Zeitpunkt ließ nicht allzulange auf sich warten.

Während die unmittelbaren Beziehungen zu der neuen Macht sich

zunächst auf den Norden Polens beschränkten, wurde das andere

Ereignis, der _Tatareneinfall_, namentlich für den Süden von

Wichtigkeit.

Nachdem Batu im Jahre 1240 Kijew erobert hatte, teilte er seine

Scharen in vier Heere, von denen er das eine unter Pajdar gegen Polen

sandte. Lublin, Zawichost, Sandomir wurden im ersten Anlaufe genommen

(1241). Von Sandomir aus drang ein Teil nordwärts, um Kujawien zu

verwüsten, der andere nahm den Weg auf Krakau. Der Krakauer Wojewode

Włodzimierz trat ihnen entgegen, wurde aber bei Tursko und bei

Chmielnik geschlagen. Krakau fiel, und erst auf der Walstatt bei

Liegnitz brach sich der Ansturm der Horde.

Ein zweiter Einfall erfolgte im Jahre 1259 unter Burondaj, dem

Feldherrn des Khans von Kiptschak, im Verlauf der Kämpfe König

Daniels von Klein-Rußland. Wiederum wurden Sandomir und Krakau

verbrannt und Tausende von Einwohnern in die Sklaverei geschleppt.

Weniger schwere Einfälle wiederholten sich in der Folgezeit oftmals.

Sie erhielten namentlich im südlichen Polen den kriegerischen

Geist lebendig und ließen das Schwert nicht in die Scheide kommen.

Sie lenkten die Bestrebungen der polnischen Politik, die sich an

der Ostsee zur Untätigkeit verurteilt sah, nach den Gestaden des

Schwarzen Meeres. In der Abwehr der Tataren hat Polen späterhin eine

weltgeschichtliche Aufgabe erfüllt: es hat als Grenzwall Europa vor

ihnen geschützt und viel zu ihrer Schwächung beigetragen.

Polnische Geschichte · 第 12 / 31 题