5. Kapitel.

Die Teilfürstentümer. Die Eindeutschung Schlesiens.

Die nächsten anderthalb Jahrhunderte der polnischen Geschichte sind

im _äußeren_ Gang der Ereignisse verwickelt, auch für die Gegenwart

von geringerer Bedeutung.

Bolesław Schiefmund hatte seinem ältesten Sohne _Władysław_ II.

(1138-1146) außer dem Krongut noch Schlesien, dem Bolesław Masowien

und Kujawien, dem Mieszko Großpolen mit dem Netzeland und dem

Heinrich Sandomir hinterlassen. Der unmündige Kasimir ging leer aus.

Natürlich strebte Władysław, dem Beispiel seiner Vorgänger folgend,

nach der Alleinherrschaft. Aber die Zeiten hatten sich geändert.

Adel und Geistlichkeit, die schon einmal gesiegt hatten, dann aber

durch den kräftigen Bolesław Schiefmund wieder niedergezwungen worden

waren, schlugen sich auf die Seite der jüngeren Brüder, als Władysław

diese vertreiben wollte. Ihnen mußte, zumal in Anbetracht der großen

Jugend der Fürsten, viel an der Aufrechterhaltung der Teilung liegen,

die ihnen einen großen Einfluß verhieß, während sie von dem starken

Regiment eines starken Einherrschers nichts zu erwarten hatten. Unter

Führung des Wojewoden Wszebor und des Gnesener Erzbischofs Jakob von

Znin wurde Władysław in mehrjährigem Kampfe zur Ruhe gezwungen. Nachdem

er sich aber 1144 an seinem Verwandten, dem Staufer Konrad III., einen

Rückhalt gesichert, ging er aufs neue gegen die Brüder vor. Diesmal

gelang ihm die Vertreibung Bolesławs und Heinrichs, während Mieszko

sich rechtzeitig unterwarf. Anfang 1146 begab sich Władysław an den

Kaiserlichen Hof, um Konrad III. zu huldigen und die Oberherrschaft

des Reiches anzuerkennen. Noch im selben Jahre wurde er, nachdem er

den Führer des Adels, den Magnaten Peter Włast, seines Vaters treueste

Stütze, geblendet hatte, vertrieben.

An seine Stelle trat als Großfürst der zweite Bruder, _Bolesław_ IV.

_Kędzierzawy_ (der Kraushaarige), der sich bis zu seinem Tode (1173)

behauptete, obwohl Władysław beim Reich Hilfe suchte und fand. Noch

im August desselben Jahres rückte Konrad in Polen ein. Aber sein

Heer zeigte sich dem unwegsamen Gelände wiederum nicht gewachsen,

und so war er zufrieden, als Bolesław eine Ablösungssumme zahlte und

sein Erscheinen zur Huldigung auf dem nächsten Hoftage zusagte. Die

Vorbereitungen zum Kreuzzuge hinderten den Kaiser, die Erfüllung dieses

Versprechens zu erzwingen. Erst Friedrich Barbarossa konnte 1157

erfolgreich durchgreifen. Zwischen Glogau und Beuthen a. O., die nicht

widerstanden, ging er über die Oder und nahm, alles verwüstend, seinen

Weg durch die Bistümer Breslau und Posen. Unweit der Stadt Posen, im

Feldlager von Krzyszkowo, erschien Bolesław vor ihm, barfuß, das bloße

Schwert über dem Haupte, den Strick um den Hals, als fußfällig Gnade

Suchender. Gegen Zahlung einer schweren Geldbuße, nach Erlegung des

rückständigen Tributs und Stellung von Geiseln wurde er im Besitz des

Landes und der Großfürstenwürde belassen (die Ereignisse riefen den

Kaiser wieder nach Italien), doch sollte er Schlesien dem Vertriebenen

zurückgeben.

Tatsächlich gelangten erst die Söhne des Bruders, Bolesław der

Lange von Breslau, Mieszko von Ratibor und Konrad von Glogau, in

den _Besitz Schlesiens_ (1159). Von dieser Zeit ab datiert die

_Eindeutschung_ dieses ursprünglich slawischen Landes, denn die

schlesischen Herzoge suchten naturgemäß bei den verwandten Staufern

und beim Reiche Anlehnung und Schutz. Schlesien ging in den

Thronwirren dem Polentum endgültig verloren, wurde sogar bald zu

einem Ausgangspunkt deutscher Kolonisation in Polen.

Um dieselbe Zeit -- die Elbslawen fühlten die vereinigte Macht

Albrechts des Bären, Heinrichs des Löwen und Waldemars des Großen

-- ging Polen auch seiner pommerschen Erwerbungen verlustig, mit

Ausnahme des Landes Pomerellen. 1181 wurde Bogislaw II. von Stettin

durch Friedrich Barbarossa in den Reichsfürstenverband aufgenommen.

Die Saat Ottos von Bamberg reifte schnell: Pommern wurde wie

Schlesien deutsch.

An der Südostgrenze vermochte Bolesław die Erstarkung des russischen

Fürstentums Halicz zu einem mächtigen Reiche und somit die

Ausschaltung des polnischen Einflusses nicht zu verhindern.

Zu diesen äußeren Mißerfolgen kamen Wirrnisse im Inneren. Die Macht

der $milites$, der Ritterschaft, stieg nach dem Tode des Schiefmund

so schnell, daß 1171 unter Führung des Jaksa aus Miechow ein großer

Adelsaufstand entbrennen konnte, mit dem Zweck, den jüngsten der fünf

Brüder, Kasimir, auf den Großfürstenstuhl zu erheben. Das gelang zwar

vorläufig nicht, denn als Bolesław IV. 1173 starb, ging das Seniorat

zunächst an _Mieszko_ III. Stary (den Alten) von Großpolen über, der

mit Energie die sinkende absolute Monarchie zu retten suchte. Aber es

war zu spät. Wieder von Kleinpolen ausgehend, mit dem Bischof Gedeon

von Krakau an der Spitze, trieb eine Magnatenbewegung den Großfürsten

aus dem Lande (1177).

Jetzt erst wurde _Kasimir_ II. Sprawiedliwy (der Gerechte), der

inzwischen Sandomir geerbt hatte, Großfürst (1177-1194). Seine

Herrschaft der Adelsrevolution verdankend, mußte er, wenn er nicht ein

Werkzeug ebendieses Adels werden wollte, bei dem anderen führenden

Stande, bei der Geistlichkeit, Rückhalt suchen. Der Klerus hatte zwar

eben noch mit dem Adel gemeinschaftliche Sache gemacht, war aber

nicht abgeneigt, gegen Gewährung von Vorrechten zu dem Großfürsten

zu stehen. Demgemäß verlieh Kasimir auf der Tagung von Łęczyca,

der _ersten polnischen Reichsversammlung_, 1180, der Geistlichkeit

wichtige Privilegien, die zum ersten Male die Gleichheit der Freien

auch rechtlich durchbrachen, nachdem sie faktisch ja schon länger

zugrunde gegangen war. Die geistlichen Güter wurden von den Abgaben

und Leistungen an den Fürsten bzw. an die fürstlichen Kastellaneien

befreit usw. Dieses Lentschützer Privileg ist der _Ausgangspunkt der

Sonderrechte_, deren Überzahl schließlich das Königtum jedes Rechtes

beraubte.

In Anerkennung seiner Verdienste um die Kirche bestätigte ihn der

Papst in der ihm nicht zukommenden Großfürstenwürde und wählte man

nach seinem Tode auf Betreiben der Geistlichkeit seinen unmündigen

Sohn _Leszek_ I. Biały (den Weißen) (1194-1227) zum Großfürsten. Zwar

machte der zurückkehrende Mieszko Stary dem Leszek diese Würde mehrfach

mit Erfolg streitig, bis 1202 der Tod den Plänen des unruhigen Alten

ein Ziel setzte; zwar wurde dann der einzige Sohn Mieszkos, _Władysław

Laskonogi_ (Dünnbein) von dem ewig unzufriedenen kleinpolnischen Adel

gewählt, aber vermöge seines engen Anschlusses an die Kirche bekam der

Kasimiride immer wieder Oberwasser, denn der Sohn Mieszkos war den

Ansprüchen der Kirche ebenso feindlich gesinnt wie der Vater.

Wie schon mehrfach erwähnt, waren auch in Polen zur Zeit der großen

Streitigkeiten zwischen Papsttum und Kaisertum Bestrebungen des

Klerus nach einer Sonderstellung hervorgetreten, die schließlich

in den Lentschützer Privilegien ihren Niederschlag fanden. Doch

war damit weder die Befreiung des Klerus von der weltlichen

Gerichtsbarkeit noch die freie Bischofswahl erreicht. Anderseits

waren auch die Bestrebungen Roms auf allgemeine Durchführung des

Zölibats in Polen nur teilweise erfolgreich gewesen. Die Bischöfe,

soweit sie nicht Ausländer waren, hatten sich bis dahin noch immer

vorwiegend als Edelleute gefühlt und ihre Interessen mit denen des

Adels verknüpft. Mit Recht, denn erst von einem Fürstentum, das eine

Stütze gegen den Adel brauchte, konnte die Kirche die Erfüllung ihrer

Forderungen erhoffen! Nun bestieg damals den erzbischöflichen Stuhl

von Gnesen der Schlesier _Heinrich Kietlicz_, ein Studiengenosse

Innozenz' III. Indem dieser die Reformpläne des großen Papstes mit

Erfolg verfocht, geriet er in Konflikt mit dem zum Großfürsten

erwählten Władysław Laskonogi, den er bannte und der ihn dafür aus

dem Lande trieb. Doch zog Władysław schließlich den kürzeren, da ihn

nunmehr der Krakauer Adel im Stiche ließ.

1206 wurde Leszek zum so und so vielten Male wiedergewählt, und auch

der Erzbischof kehrte von Rom nach Polen zurück. Bereits 1215 hatte

die Kirche im großen und ganzen erreicht, wonach sie strebte: die

allgemeine Anerkennung des Zölibats, die Wahl der Bischöfe durch die

Kapitel, die eigene Gerichtsbarkeit des Klerus und die Befreiung von

Abgaben und Leistungen.

Wieder folgte der Lohn auf dem Fuße. Die Kirche half Leszek, die

_Thronfolgeordnung Bolesławs_ III. _umzustoßen_, nachdem er vorher sein

Land als päpstliches Lehen erklärt, die Oberherrlichkeit des Kaisers

also ausgeschlossen hatte. Er gab seinem Bruder Konrad (dem Berufer des

Deutschen Ordens) die Herzogtümer Masowien und Kujawien und bestimmte,

daß neben Sandomir auch Krakau seiner Familie erblich verbleiben

sollte. Da Krakau nach Bolesławs Bestimmungen bekanntlich Throngut war,

so sollte gewissermaßen mit dem Lande auch die Würde in seiner Familie

vererben. Vorläufig war damit allerdings nur der vollständige Zerfall

des Reiches in unabhängige Fürstentümer gegeben, da das äußere Zeichen

der Zusammengehörigkeit, das Kronland, das nach dem Seniorat bald

diesem, bald jenem Zweige der Piastenfamilie zufallen konnte, wegfiel.

Aber zu guter Letzt erwies sich die Berechnung Leszeks als richtig,

denn die Hilfsquellen des Landes Krakau waren groß, und Großpolens,

des Stammlandes, Macht litt unter den ewigen Zwistigkeiten in seinem

Fürstenhause, damals gerade zwischen Władysław Laskonogi von Posen und

seinem Neffen Władysław Odonicz von Kalisch.

Nach Leszeks Tode konnte sich sein unmündiger Sohn, _Bolesław V.

Wstydliwy_ (der Schamhafte) (1227-1279), nicht behaupten. _Heinrich_

I. der Bärtige von Breslau, der Enkel Władysławs II., also das Haupt

der ältesten Linie des Piastenhauses, der zugleich nach dem Seniorat

Anspruch auf die Großfürstenwürde hatte, wußte den größten Teil der

polnischen Länder, auch Krakau, in seinem Besitz zu vereinigen.

Leider starb dieser tüchtige Fürst schon 1238, und sein tapferer

Sohn, _Heinrich_ II. der Fromme fiel in der großen Mongolenschlacht

auf der Walstatt bei Liegnitz am 9. April 1241 als Vorkämpfer

Europas gegen Asien, mit seinem Blute die Rettung der abendländischen

Kultur erkaufend. Dessen Sohn vermochte seine Ansprüche ebensowenig

durchzusetzen wie Konrad von Masowien. Vielmehr gewann jetzt Bolesław

V. die Oberhand (1243).

In neun Teilfürstentümer zerfiel das Polen jener Zeit: fünf in

Schlesien, zwei in Großpolen, zwei in Masowien, und nur Kleinpolen

war in einer Hand vereinigt. Jene lange Regierung gehört zu den

unglücklichsten, die Polen beschieden waren. Die deutschen Nachbarn,

die Pommern, Preußen, Litauer, Russen und vor allem die Tataren

fielen über das zersplitterte Land her. Wenzel I. von Böhmen nahm

1246 Troppau, 1250 wurde das Land Lebus an Brandenburg verkauft,

das 1272 auch die Neumark erlangte. Die Einführung und schnelle

Erstarkung des Deutschen Ritterordens benahm Polen auch die zweite

Möglichkeit, an der Ostsee festen Fuß zu fassen, nachdem Pommern

verloren gegangen war. Dafür erreichte Polen nach mehrfachen

vergeblichen Bemühungen 1253 von Rom endlich die Heiligsprechung

des Bischofs Stanisław von Krakau, dessen Widerstand gegen die

Reformen man in Rom noch nicht vergessen hatte. In diesem neuen

Nationalheiligen dokumentierte sich treffend das Übergewicht, das

Kleinpolen über Großpolen erlangt hatte. In diesem Jahrhundert

machte sich auch wieder eine schärfere _Reaktion_ der polnischen

Geistlichkeit _gegen das Deutschtum bemerkbar_. Eine Synode zu

Łęczyca (1257) untersagte die Erteilung des Unterrichts, nicht nur

des _Religions_unterrichts, in deutscher Sprache. Der Erzbischof

Jakob Świnka bezeichnet auf der Synode von 1285 als Zweck dieser

Maßnahme die „Erhaltung und Förderung der polnischen Sprache” und

nannte König Wenzels deutschen Hofprediger einen „Hundskopf”. Seine

Nachfolger belegten Zuwiderhandlungen gegen das Unterrichtsverbot

mit Kirchenstrafen und dem Bann! (Schon hier die Kirche im Dienste

polnischer Nationalpolitik!)

_Leszek Czarny_ (der Schwarze) von Sieradz, der Onkel Konrads von

Masowien, wurde des Bolesław Nachfolger (1279-1288). Doch infolge der

Verschwörung des Krakauer Bischofs Paul von Przemankowo, gegen welchen

wie gegen den Adel die deutsche Bürgerschaft der Hauptstadt treu

zu ihm hielt, kam dieser energische und kriegerische, dabei wie die

meisten Piasten seines Zeitalters deutsch gesinnte Herrscher nicht zur

Entfaltung. Nach Leszeks Tode kämpften sein Bruder Władysław Łokietek

(Ellenlang) von Brześć, der vom kleinpolnischen Adel erwählte Bolesław

von Płock und der von der deutschen Bürgerschaft berufene Minnesänger

_Heinrich_ IV. _Probus_ von Breslau um den Thron. Heinrich, unter dem

Schlesien in den Verband des Deutschen Reiches aufgenommen wurde, nahm

auch Kleinpolen als Reichslehen. Aber seine kurze Regierung (1289-1290)

blieb ohne nachhaltigen Einfluß.

In seinem Testament hinterließ er Kleinpolen _Przemysław_ II. von

Großpolen (1290-1296), dem wieder Władysław Łokietek und außerdem

Wenzel II. von Böhmen die Herrschaft streitig machten. Przemysław wurde

1295 auf Betreiben des Erzbischofs Jakob Świnka in Gnesen zum König von

Polen gekrönt, aber bereits 1296 zu Rogasen ermordet. _Wenzel_ II., der

1291 Krakau erobert hatte, riß nunmehr auch Großpolen und die Krone

an sich. 1300 wurde er in Gnesen gekrönt und bald darauf von Albrecht

I. mit _Großpolen von Reichs wegen belehnt_. Sein Tod (1305) und das

vorzeitige Ende seines Sohnes, Wenzels III., des letzten Přemisliden,

im nächsten Jahre befreiten Polen von der böhmischen Herrschaft.

Władysław Łokietek trat die Regierung an. Die Einführung des

Starostentums, das böhmische Münzwesen und die Stärkung des Deutschtums

sind die dauernden Ergebnisse der Přemislidenzeit.

Polnische Geschichte · 第 11 / 31 题