4. Kapitel.

Die Nachblüte unter Bolesław Schiefmund.

Schon an des Vaters Leiche entzweiten sich die Brüder, da Bolesław sich

weigerte, _Zbigniew_ (1102-1107) als Großfürsten anzuerkennen. Nach

dreijährigen Kämpfen, in denen Zbigniew von den Pommern und Böhmen

unterstützt wurde, sah sich Bolesław zur Anerkennung gezwungen (1106).

Infolge seiner Rachezüge gegen die Pommern mußte Zbigniew jedoch von

neuem zum Schwerte greifen. Diesmal entschied das Kriegsglück für

Bolesław, dem der ältere Bruder im Herbst 1107 die Großfürstenwürde

abtrat.

_Bolesław_ (1107-1138), mit dem Beinamen Schiefmund (Krzywousty), wie

die Vorgänger gleichen Namens ein großer Kriegsfürst, nahm nun zunächst

Rache an den Pommern. Er besetzte Belgard und Kolberg, dessen Häuptling

seine Lehnshoheit anerkannte, und vertrieb alsdann im Frühjahr 1108 den

Bruder gänzlich. Das verwickelte ihn in eine endlose Reihe von Kriegen,

da Zbigniew, ebenso tatkräftig wie Bolesław, nach der Wiedererlangung

der Herrschaft strebte. Namentlich die Pommern und die Böhmen liehen

dem Flüchtling ihre Unterstützung. Als die an der Netze sitzenden

Pommernhäuptlinge tief ins großpolnische Gebiet einfielen, eroberte

Bolesław Filehne und Czarnikau, 1109 auch das wichtige Nakel. Er legte

in die Burgen polnische Besatzungen, ließ aber das Land unter der

Verwaltung der einheimischen Fürsten, die ihm huldigten.

Zu dieser Mäßigung zwang ihn ein _Einbruch Heinrichs V. in Polen_,

gegen den er im Vorjahre Koloman von Ungarn unterstützt hatte. Bolesław

vermied nach alter polnischer Taktik eine Feldschlacht, schwächte die

Deutschen aber aus dem Hinterhalt so, daß sie weder Beuthen a. O. und

Glogau, noch Breslau und Krakau erobern konnten. Als vollends der

böhmische Großfürst Svatopluk im königlichen Heerlager vor Breslau

durch Meuchelmord endigte und die Böhmen infolgedessen abzogen, mußte

Heinrich den Feldzug aufgeben. Bolesław aber war noch stark genug, in

die böhmischen Thronstreitigkeiten als Widersacher des deutschen Königs

einzugreifen. Erst das Jahr 1111 brachte den Frieden: der Pole erkannte

Heinrichs Kandidaten als Großfürsten von Böhmen an, Zbigniew durfte

als Teilfürst nach Polen zurückkehren. Doch ließ Bolesław den auf die

Verträge bauenden Bruder ergreifen und blenden. Damit war die Ruhe

dem Lande noch immer nicht gesichert. _Grenzkriege_ mit den russischen

Fürsten, namentlich den Rostislawitschen von Kijew und Wladimir

Monomach, sowie mit den Pommern hielten in gleicher Weise den Süden wie

den Norden unter den Waffen. Die entscheidenden _Pommernzüge_ fallen

in die Jahre 1119-1123, in denen Bolesław erst die feste Burg Wanda

am Wedellsee, dann Stettin und schließlich sogar mit dänischer Hilfe

Usedom und Wollin eroberte. Das östliche Pommern verleibte er seinem

Reiche ein: Czarnikau, Nakel, Usch wurden fortan zu den polnischen

Städten gezählt. Wratislaw von Stettin huldigte, zahlte Tribut und

versprach, sich taufen zu lassen.

Um das trotz des (später auf Lebus übertragenen) Bistums Kolberg

noch heidnische Pommernvolk dem Christentum zuzuführen und so

seinem Reiche fester anzugliedern, gewann er den Bischof _Otto von

Bamberg_, einstmals seines Vaters Hofkaplan, zu Missionsreisen.

(Unter dem polnischen Klerus fand sich niemand, der sich für

diese wichtige Aufgabe geeignet hätte.) Otto, der als Kenner des

slawischen Charakters mit all dem Gepränge eines Kirchenfürsten

auftrat, „bekehrte” auf zwei Fahrten das ganze Land. Sein Ziel hat

Bolesław damit freilich nicht erreicht. Im Gegenteil hat er durch

die Aussendung des deutschen Bischofs selbst dazu beigetragen, das

Land in enge Berührung mit Deutschland zu bringen. Gegen Ende seines

Lebens mußte er diesen Fehlgriff einsehen. Als er nämlich nach dem

Tode Stephans II. sich durch seinen Schwiegersohn Boris verleiten

ließ, in die _ungarischen Thronstreitigkeiten_ einzugreifen, wurde er

in drei Feldzügen (1132-1135) von den Ungarn, Böhmen, Österreichern

und Haliczern geschlagen, so daß er sich gern dem Schiedspruch

Kaiser Konrads zu Merseburg 1135 fügte. Er leistete dem Reiche den

_Vasalleneid_, zahlte den seit 12 Jahren rückständigen Tribut und

nahm _Pommern zu Reichslehen_.

Vielleicht durch seine eigenen Erfahrungen im Kampfe gegen

Zbigniew veranlaßt, traf Bolesław am Ende seiner Regierung

Bestimmungen über die _Erbfolge_. Geteilt hatten die polnischen

Fürsten schon immer. Bolesław bestimmte aber, daß fortan stets

das älteste Mitglied des Piastenhauses die Vorherrschaft haben und

den Titel Großfürst führen sollte; ihm sollte neben dem

persönlichen Anteil stets das Krakauer Land samt Sieradz und

Łęczyca sowie der pommersche Tribut als Krongut zufallen, um ihm

das Übergewicht über die Teilfürsten zu sichern. Diese Einrichtung

eines unvererbbaren Krongutes war gegenüber der altslawischen

Sitte und gegenüber der russischen und der böhmischen Thronfolge

eine Neuerung. Aber sie verhinderte in Polen die aus der Teilung

entstehenden endlosen Bruderkriege, die jene Länder bereits an den

Rand des Verderbens gebracht hatten, ebenfalls nicht. Außerdem

bestimmte Bolesław, dem Krongut entsprechend, _Krakau zur

Hauptstadt_. Indem er so die traditionelle Vorherrschaft von

Großpolen auf Kleinpolen übertrug, verschärfte er die seit alters

bestehenden Gegensätze zwischen diesen beiden Ländern, ein Fehler,

dessen Folgen bald eintraten.

Die _inneren Zustände_ dieser Periode sind bereits klarer. Beim

_Adel_ zeigt sich die Scheidung in Magnaten ($nobiles$) und Ritter

($milites$) immer deutlicher. Einen _Bürgerstand_ gibt es nicht. Die

Familien der bäuerlichen _Gemeinfreien_ verfallen mit dem Niedergang

der Zadruga und dem Siege des Individualeigentums. Namentlich die

Wehrpflicht auf eigene Kosten ruinierte in dieser kriegerischen Zeit

die ärmeren Grundeigentümer, so daß viele ihr Besitztum den großen

Herren auftrugen und in den zwischen den Freien und den Hörigen

stehenden Stand der _Kmeten_ ($kmieci$) übergingen, die persönlich

frei waren, aber als Nichtgrundeigentümer keine Kriegsdienste

leisteten, dagegen dem Grundherrn zinsten. Auch zu den _Hörigen_,

die ursprünglich nur aus Sklaven und Besiegten bestanden, sind mit

der Zeit viele Freie übergegangen. Umgekehrt stieg auch mancher

Hörige zum Ritter empor, ganz entsprechend der Entwicklung, die

in Deutschland die Ministerialen nahmen. Als Hörige des Königs

traten vom Ende des 11. Jahrhunderts an die aus dem übrigen Europa

vertriebenen _Juden_ hinzu. Der Fürst ist noch immer absoluter

Herrscher, aber die inneren Wirren zeigen schon die Grenzen seiner

Macht. Für die _Verwaltung_ bedient er sich der $comites$, die wohl

auf dem Umwege über Böhmen den Polen bekannt wurden. An ihrer Spitze

steht der $comes palatinus$, der oft auch Heerführer ($wojewoda$)

an Stelle des Fürsten ist. Das ganze Land ist in _Kastellaneien_

eingeteilt, mit einem festen Platze ($gród$) als Mittelpunkt.

Die ihnen vorstehenden $comites castellani$ waren Militär- und

Zivilverwalter. Zum Unterhalt der Kastellane und der Burgbesatzungen

mußten die Bewohner des Bezirks neben den allgemeinen Landeslasten

noch besondere Steuern aufbringen.

Die _kirchliche Organisation_ war infolge der slawisch-lateinischen

Rivalität schwankend, bis unter Bolesław Schiefmund der Legat Walo

die Bistümer abgrenzte, latinisierte und Gnesen unterstellte und

der Kardinal Ägidius von Tusculum durch gewisse Konzessionen an den

slawischen Ritus dem Streit ein Ende machte. Den Zölibat freilich

vermochten sie noch nicht unbeschränkt einzuführen, wie überhaupt der

polnische Klerus an Zucht und Bildung viel zu wünschen übrigließ, so

viel, daß z. B. die Zisterzienser um 1140 sich ausbedangen, keine

Eingeborenen aufnehmen zu brauchen. Und auch die übrigen Orden,

noch die 1228 bzw. 1237 eindringenden Dominikaner und Franziskaner,

hielten sich die Polen möglichst fern. Sogar die Weltgeistlichen

rekrutierten sich noch sehr lange zum großen Teil aus Fremden,

mit Vorliebe Italienern, Wallonen und Franzosen, die politisch

ungefährlicher schienen als die Deutschen. Polens erster Chronist,

Abt _Balduin Gallus_ von Lubin, gehörte zu diesen Wallonen.

Polnische Geschichte · 第 10 / 31 题