Innere Streitigkeiten unter den Nachfolgern des
Bolesław Chrobry.
Unter Übergehung des erstgeborenen Sohnes Bezprym hatte Bolesław
seinen zweiten Sohn, _Mieszko_ II. (1025 bis 1034), zum Nachfolger
eingesetzt, einen tapferen, gebildeten Mann, dem aber der Weitblick
und der ränkevolle Sinn des Vaters fehlte. Den Intrigen Bezpryms und
des jüngeren Bruders Otto, der Unzufriedenheit der nur gewaltsam
geeinten Stämme, der Begehrlichkeit der Nachbarn erwies er sich nicht
gewachsen. 1027 gewann Stephan der Heilige die Slowakei für Ungarn,
1029 Břetislav Mähren für Böhmen, 1031 Jaroslaw Rotrußland für Kijew
zurück. Im selben Jahre eroberte der dem Kaiser verbündete Knut der
Große von Dänemark Pommern, während das Reich wieder in den Besitz der
Lausitz und des Milzenerlandes gelangte. Gleichzeitig drang _Bezprym_
(1031/32) mit russischer Hilfe ins Land und bemächtigte sich, von der
heidnischen Partei unterstützt, der Herrschaft, dem Kaiser Bolesławs
Krone übersendend und Gehorsam gelobend. Doch wurde er 1032 ermordet,
worauf Kaiser Konrad II. Polen zwischen Mieszko, Otto und ihren Vetter
Dietrich teilte.
Als Mieszko bereits 1034 starb, erhob sich (die Einzelheiten sind
noch unklar) gegen den Thronfolger Bolesław (1034-38) dessen
jüngerer, aus anderer Ehe stammender Bruder Kasimir, den der Vater
ins Kloster geschickt hatte. Es brach ein Kampf aller gegen alle
aus. Die alten Stammesfürsten standen wider die Piasten auf, die
niedergeworfenen Stämme wider die Polanen, die Heiden wider die
Christen, die Slawo-Orthodoxen wider die Lateiner, die Hörigen
wider die Herren. Bolesław ging in den Wirren unter. _Masław_, der
königliche Mundschenk, vielleicht ein ehemaliger Stammesfürst,
kam in Masowien zur Herrschaft. Břetislav von Böhmen fiel 1038 in
Polen ein, verbrannte Breslau, Krakau, Gnesen, _nahm die Gebeine
seines Landsmannes Adalbert an sich_ (die jetzt in Gnesen gezeigten
Reliquien sind unecht) und kehrte als Herr Schlesiens nach Hause
zurück.
Polen wäre dem Untergange geweiht gewesen, wenn nicht König
Heinrich III., durch das schnelle Anwachsen der böhmischen
Herzogsmacht beunruhigt, seine Aufmerksamkeit dem Osten zugewendet
hätte. Er selbst ging gegen Böhmen vor. _Kasimir_ (1040-58) aber
sandte er mit Truppen nach Polen. Mit Hilfe der Christen
eroberte dieser das Land allmählich wieder, zerdrückte 1043
im Verein mit seinem Schwager Jaroslaw von Kijew den Masław
und erhielt 1054 gegen ein Jahrgeld auch Schlesien von Böhmen
zurück. Dafür hat er den Beinamen „Restaurator” erhalten.
Doch schon unter des Restaurators ältestem Sohne und Nachfolger,
_Bolesław II. dem Kühnen_ (Śmiały), der von 1058-1079 regierte, zeigte
es sich, daß der äußeren Herstellung nicht eine innere entsprach,
obwohl nächst Bolesław Chrobry kein piastischer Fürst so kriegsgewaltig
und tatkräftig war. Die Zeitumstände (Heinrichs IV. Minderjährigkeit,
dann sein Streit mit dem römischen Bischof, bei anderen Nachbarn
Thronstreitigkeiten) waren freilich für Polen günstig. Von Ungarn
gewann er 1061-63 die obere Slowakei zurück und 1069 zog er nach Kijew,
um seinen Verwandten Isjaslaw auf den Großfürstenstuhl zurückzuführen.
Das Vasallenverhältnis zum Reich respektierte er anfangs, denn als
Grenzstreitigkeiten zwischen Polen und Böhmen ausbrachen, mußte er
mit dem Böhmen 1071 vor Heinrich erscheinen und dessen Entscheidung
annehmen. In dem dann folgenden weltgeschichtlichen Kampfe aber trat
er Heinrich als treuer Parteigänger Roms überall entgegen. Die Frucht
dieser Parteinahme war, daß er zu Weihnachten 1076 die _Königskrone_
nehmen durfte -- zur selben Zeit, als Heinrich im Begriffe stand,
nach Canossa zu ziehen! Zwar war die Empörung und die Beschämung
darüber, daß der Pole solches wagte, in Deutschland allgemein, auch bei
Heinrichs Gegnern, aber bei der Schärfe der Gegensätze blieben diese
Regungen nationalen Empfindens wirkungslos.
Hatte die Verbindung mit Gregor VII. Bolesław die Krone gebracht,
so sollte sie ihm schließlich doch die Herrschaft kosten. Als er
1077 zum zweiten Male Isjaslaw zu Hilfe zog, vielleicht in
Ausführung von Gregors Unionsplänen, brach in Kleinpolen ein
Aufstand aus. Der Adel scheint der vielen Kriegszüge überdrüssig,
die Geistlichkeit, namentlich die des slawischen Ritus, den
gregorianischen Reformen feindlich gewesen zu sein. Zwar tötete
der zurückkehrende König den verräterischen slawischen Bischof
_Stanisław_ von Krakau, der die Böhmen ins Land gerufen hatte, am
Altare (1079), aber schließlich mußte er mit seinem Sohne
Mieszko aus dem Lande weichen. 1081 ist der tüchtige Fürst in der
Fremde gestorben. Damit war zum ersten Male die _Macht des Adels_
und der Geistlichkeit gegenüber der Monarchie erprobt.
Nachfolger wurde der an der Vertreibung beteiligte jüngere
Bruder, _Władysław I. Hermann_ (1079-1102). (_Mieszko_ III.
hielt sich nur in Nordchrobatien, bis er 1089 vergiftet
wurde.) Władysław entsagte dem Königstitel, begünstigte Adel und
Geistlichkeit und schlug sich auf die Seite Heinrichs IV., dessen
Schwester Jutta er in dritter Ehe heiratete. Unter seiner
Regierung fiel Rotchrobatien an die ruthenischen Rostislawitschen
(1084), die Pommern aber schlug er am Wedellsee (1091).
Im Innern herrschte der kraftvolle Palatin _Sieciech_ aus dem Hause
der altchrobatischen Fürsten von Tyniec, ein Förderer des slawischen
Ritus und angeblich Thronprätendent. Gegen ihn erhob sich die
gregorianisch gesinnte altpiastische Partei, des Herzogs Söhne,
Zbigniew aus erster, Bolesław aus zweiter Ehe, geschickt gegen den
Vater und Sieciech ausspielend. Nach anfänglichen Erfolgen unterlag
Władysław. Sieciech wurde verbannt, und nachdem der Vater, der
zuletzt nur noch die Oberherrschaft gehabt hatte, gestorben war,
fiel Großpolen und Masowien mit der Großfürstenwürde an Zbigniew,
Kleinpolen und Schlesien an Bolesław.