Bolesław I. Die Königswürde.
_Bolesław_ (992-1025) war der Sohn der Dubrawka und vom Vater, der nach
slawischer Sitte das Land teilte, zum Großfürsten eingesetzt worden.
Das Ziel des fünfundzwanzigjährigen, tatkräftigen und begabten, aber
listigen, grausamen und treulosen Fürsten war die Zusammenfassung
der Westslawen zu einem christlichen Königreiche. Er begann mit der
Vertreibung Odas und seiner unmündigen Stiefbrüder, mit der Blendung
anderer erbberechtigter Verwandten. Dann sicherte er sich nach Westen
durch Leistung des Lehnseides an Otto III. und Heeresfolge gegen die
Elbslawen, nach Osten durch Verlobung seiner Tochter an Swjatopolk,
Wladimirs des Heiligen von Kijew Neffen und Adoptivsohn. Nordwärts
drang er mit dem Schwerte in der Hand vor, indem er die _Ostpommern_
unterjochte (992 bis 994) und die Preußen zur Anerkennung seiner
Oberhoheit zwang. Für die Pommern gründete er das Bistum Kolberg mit
dem Deutschen Reinbern als Oberhirten, doch blieben die Missionserfolge
gering. Um auch die Preußen enger an sein Reich zu fesseln, sandte er
zu ihnen Ottos III. Freund, den Böhmen _Adalbert_ (Wojtěch), der 997 im
Samlande erschlagen wurde, als er eben, der schweren und gefahrvollen
Arbeit überdrüssig, heimkehren wollte. Bolesław wog den Leichnam mit
Gold auf und setzte ihn zunächst im Benediktinerkloster Tremessen,
später in seiner neuen Hauptstadt Gnesen bei.
Da sich im Süden verlockendere Aussichten boten, nahm Bolesław den
Aufstand der Preußen hin. Er eroberte während der Thronstreitigkeiten
zwischen den Söhnen Bolesławs II. von Böhmen _Weißchrobatien_, wobei
er in Krakau alle Tschechen niedermetzeln ließ, _Schlesien_, Mähren
und das Land der transkarpathischen Slowaken. Von der Donau bis zur
Ostsee erstreckten sich nunmehr seine Besitzungen, der Ausdehnung
nach ein Königreich, aber staatsrechtlich und kirchlich noch an
das Deutsche Reich gebunden. Sich hier zu lösen, war sein nächstes
Bestreben. Die Gunst der Zeiten förderte ihn in wunderbarer Weise.
Im wirren Chiliastenjahre 1000 pilgerte der schwärmerische Otto III.
nach Gnesen zum Grabe seines Freundes Adalbert. Bei dieser Gelegenheit
errichtete der Kaiser in _Gnesen_ ein unabhängiges, lateinisches
_Erzbistum_, dem Krakau für Kleinpolen, Breslau für Schlesien und
Kolberg für Pommern unterstellt wurden. Nur Posen, dessen deutscher
Bischof Unger vergeblich der Neuerung widerstrebt hatte, blieb
vorläufig bei Magdeburg. Erster Metropolit ward Adalberts Bruder
Gaudentius (Radim). Die Besetzung der Bischofsstühle wurde Bolesław
übertragen. Nicht zufrieden damit, auf diese Weise Polen kirchlich
von Deutschland unabhängig gemacht und so der direkten Einwirkung
deutscher Kultur entzogen zu haben, begrüßte der junge Phantast in
feierlicher Versammlung den schlauen Polen als „Bruder und Mitarbeiter
am Reich”, als „des römischen Volkes Freund und Bundesgenossen”, ihn
hierdurch als gleichgestellt anerkennend. Immerhin blieb die äußere
Lehenszugehörigkeit bis zu Ottos Tode bestehen. Als aber während der
nun folgenden Thronwirren Markgraf Eckhard von Meißen, dessen Macht er
fürchtete, ermordet wurde, besetzte Bolesław im Mai 1002 die Marken
Lausitz und Meißen. 1003 erlangte er auch die böhmische Herzogswürde.
Zwar nahm ihm Heinrich II. 1004 Böhmen und 1005 auch die beiden Marken
wieder ab, sah sich aber 1010 infolge der ungenügenden Unterstützung
durch die deutschen Fürsten genötigt, ihn mit der _Lausitz und dem
Milzenerland_ zu belehnen, worauf der Pole 1013 zu Merseburg den
Treueid leistete. Ein neuer kaiserlicher Feldzug im Jahre 1015 und eine
deutsch-ungarisch-russische Koalition 1017 (die erste geschichtliche
Beziehung Deutschlands zu Rußland) blieben ergebnislos.
In gleicher Weise machte sich Bolesław die Streitigkeiten um den
Großfürstenstuhl von Kijew zunutze, die zwischen seinem
Schwiegersohn Swjatopolk und Jaroslaw dem Großen von Nowgorod
ausbrachen. Wenngleich die Wiedereinsetzung Swjatopolks
in Kijew (1018) nicht von Dauer war, so war doch die _Eroberung
der rotrussischen Städte_ ein vorläufiger Gewinn für Polen. Nach
Heinrichs II. Tode wagte Bolesław endlich auch nach dem Höchsten
zu greifen. Zu Beginn des Jahres 1025 setzte ihm in Gegenwart
der weltlichen und geistlichen Großen des Landes der Erzbischof
von Gnesen die _Königskrone_ auf, als äußeres Zeichen der
Unabhängigkeit. Wenige Monate später starb er.
Über die _inneren Zustände_ Polens in jener Zeit fließen bei dem
Fehlen zeitgenössischer einheimischer Quellen die Nachrichten äußerst
spärlich. Wir finden unter dem unumschränkten Alleinherrscher
einen höheren Adel, die _Szlachta_ (Geschlechter?), vielleicht aus
den Geschlechtern der germanischen Eroberer bestehend, und einen
niederen, die _Władyken_, vermutlich aus dem alteingesessenen Adel
entstanden. Übrigens gingen, ebenso wie unter Mieszko, auch noch
unter Bolesław zahlreiche deutsche und ausländische Ritter in
polnische Dienste über, wo sie eine bevorzugte Stellung einnahmen.
Viele Einrichtungen schreibt die Überlieferung Bolesław zu, doch
sind mit Sicherheit nur die _Grenzburgbezirke_ und die dem Unterhalt
ihrer Besatzungen dienende Steuer der „$stroża$” (Wachtkorn!) auf ihn
zurückzuführen.
Zweites Buch.
Die Erschütterung der monarchischen Macht.