1. Kapitel.

Die Anfänge der Polen. Mieszko I.

Die Anfänge der Polen sind noch immer in Dunkel gehüllt. Als sie

zum ersten Male mit den Deutschen in Berührung kamen, zur Zeit der

Wiedereindeutschung des Landes zwischen Elbe und Oder durch die

Sachsenkaiser, hatten sie offenbar bereits eine gewisse Periode

volklicher Entwicklung hinter sich.

Mit Tschechen, Slowaken, Sorben, Elbslawen und Pommern zusammen

hatten sie sich schon länger als _westslawische Gruppe_ aus dem

slawischen Gesamtvolke ausgesondert. Auch die Abschließung von den

ebengenannten Stämmen vermittels sprachlicher Differenzierung war

bereits eingetreten, wenn auch sicherlich noch nicht so scharf

ausgeprägt, wie gegenüber den Ost- und den Südslawen. Über die

_Kultur_zustände und die _Gemeinschafts_organisation der polnischen

Anfangszeit ist die Forschung noch immer nicht zu gesicherten

Ergebnissen gelangt. Es scheint, als ob die Polen kulturell um 900

jenen Zustand erreicht hatten, den die germanischen Stämme um die

Zeit der Völkerwanderung aufwiesen. Die Organisation des Gemeinwesens

dürfte sich nach den Zeugnissen, die uns in den Gerichtsakten bis ins

15. Jahrhundert hinein aufbewahrt blieben, auf der gesamtslawischen

Einrichtung der _Zadruga_ (polnisch: $bracia niedzielni$ = ungeteilte

Brüder, und $pospólstwo$, $pospolitość$ = Gemeinschaft) aufgebaut

haben, auf der Besitz-, Erwerbs- und Wirtschaftsgemeinschaft, auf

der gemeinsamen Steuer- und Haftpflicht der Familie im engeren und

weiteren Sinne.

Wir wissen von sechs nahe verwandten _Stämmen_, die das polnische

Reich bildeten. An der oberen und mittleren Oder saßen die

_Schlesier_, an der oberen Weichsel (im späteren Kleinpolen) die

_Wiślanen_ oder Lechen (Lygier?), an der mittleren Weichsel die

_Masuren_, um den Goplosee die _Kujawier_, das Volk der Ebene

(Polanen), denen südlicher die _Łęczycer_ (die Licicavici des

Widukind) und _Sieradzer_ verwandt waren. Das spätere Großpolen

bis zur Warthe war ganz kurz vor dem Eintritt der Polen in die

Geschichte noch im Besitz der liutizischen Wuliner. Die _Polanen_

(Kujawier) waren offenbar der kräftigste Stamm, oder sie

hatten die energischsten Fürsten: kurzum, sie unterwarfen die

benachbarten Stämme ihrer Herrschaft und begründeten den nach

ihnen benannten Staat.

Wie diese Entwicklung im einzelnen vor sich gegangen ist, läßt

sich nicht mehr feststellen. Die _Stammsagen_ sind uns nur in

antikisierenden Bearbeitungen überliefert, die polanische und

lechitische Erinnerungen vermengen. Richtig auf uns gekommen dürften

aber wenigstens die Namen der beiden Vorgänger Mieszkos sein, des

ersten geschichtlich beglaubigten polnischen Fürsten. Sein Vater

wird Ziemomysł, sein Großvater Ziemowit genannt. Dieser war der Sohn

_Piasts_, angeblich eines armen Bauern, nach dem das Fürstenhaus die

Piasten hieß. Jahrhundertelang, in Gesamtpolen bis 1370, in Masowien

bis 1526, in Schlesien bis 1675, hat dieses Haus in polnischen Landen

geherrscht. -- Von vielen Seiten wird die Ansicht verfochten, daß in

Polen, ähnlich wie in Rußland und Böhmen, germanische Eroberer zur

Herrschaft gelangt seien. Die Geschlechternamen und -wappen weisen

tatsächlich auf solchen Ursprung hin.

_Mieszko (Mieczysław) I._ (960?-992) tritt zunächst nur als

Herr von Kujawien und Łęczyca mit der uralten Residenz zu

Kruschwitz am Goplosee auf. Die Pommern, die Preußen, die Litauer,

die Großfürsten von Kijew, die Herzöge von Böhmen (die außer

Mähren auch Weißchrobatien an der oberen Weichsel und Schlesien

unterworfen hatten) und endlich die ihre letzten Freiheitskämpfe

gegen die Deutschen führenden Elbslawen waren seine Nachbarn. Die

Inanspruchnahme der Elbslawen nach Westen hin scheint ihm

Gelegenheit gegeben zu haben, sich auf ihre Kosten auszudehnen.

Denn wir wissen, daß er das Land zwischen Warthe und Oder, das

spätere Großpolen, den Liutizern abnahm. Hierauf ist wohl der

Polen _erste Berührung mit den Deutschen_ zurückzuführen. Markgraf

Gero nahm nach der Unterwerfung der Liutizer jenes Gebiet in

Anspruch, er besiegte Mieszko und zwang ihn, dem Kaiser den

Vasalleneid zu leisten und für das Land bis zur Warthe Tribut

zu zahlen (963?).

Ungleich den Elbslawen erkannte Mieszko schnell, daß er nur durch

den _Übertritt zum Christentum_ seine Herrschaft retten könne. Er

ließ sich daher 966 taufen, nachdem er schon vorher die ihrem

Manne, Markgraf Gerold von Meißen, entlaufene Christin Dubrawka,

des Böhmerherzogs Tochter, geheiratet hatte. (Der Anteil, den die

Sage der zügellosen Dubrawka an der Christianisierung Polens

zuschreibt, ist eine fromme Erfindung.)

Wahrscheinlich nahm in Kruschwitz alsbald ein Hofbischof seinen

Sitz. Außerdem übertrug Otto der Große das in Posen ursprünglich für

die Liutizer errichtete, der slawischen Missionszentrale Magdeburg

unterstellte Bistum nunmehr auf Mieszkos Reich. Der erste Bischof war

der Deutsche Jordan. -- Schon vor Mieszkos Taufe hatte es Christen

im Lande gegeben. Sie waren durch Jünger der beiden Slawenapostel

gewonnen worden, hielten sich also zum altslawischen Ritus. Durch

die offizielle Annahme des Christentums in der lateinischen Form

aber, die durch die Rücksicht auf die deutsche Waffenmacht bedingt

war, ward Polen für immer in den abendländischen Kulturkreis

einbezogen und im Gegensatz zu Rußland mit den Schicksalen des

germanisch-romanischen Europas eng verknüpft. Obwohl späterhin Polens

natürliches Streben nach Osten gehen mußte, behielt infolge des

lateinischen Ritus der westliche Einfluß doch stets die Oberhand.

Hierdurch befand sich Polen gegenüber Rußland im Kampfe um Länder mit

orthodoxer Bevölkerung von vornherein im Nachteil.

Das Verhältnis zu den benachbarten Markgrafen, in deren Gegenwart

er sich weder zu setzen noch den Pelz anzubehalten wagte

(Thietmar), blieb gespannt. Als er 972 bei Cydyne a. O.

(vielleicht Zehden oder Steinau) den Markgrafen Udo schlug,

untersagte ihm der Kaiser die Verfolgung des Sieges und entbot ihn

Ostern 973 auf den Hoftag nach Quedlinburg zur Schlichtung der

Streitigkeiten. An den Erhebungen zugunsten Heinrichs des Zänkers

von Bayern nahm er sowohl nach dem Tode Ottos I. als auch nach dem

Tode Ottos II. teil. Nachdem aber jene Pläne und damit auch

die Hoffnungen auf die Wiedererlangung der Unabhängigkeit

fehlgeschlagen waren, scheint er dem Reiche die Treue gehalten zu

haben, denn 986 und 991/92 finden wir ihn in dem großen Aufstand

der Elbslawen auf deutscher Seite. 987 nahm er auch eine Deutsche,

Markgraf Dietrichs Tochter Oda, in zweiter Ehe zum Weibe. Im

Feldlager von Brandenburg ist er 992 gestorben.

Polnische Geschichte · 第 7 / 31 题